Woyzeck

Schauspiel von Georg Büchner

Das Stück handelt von Wahnsinn und von Obsessionen, von Kindern und von Mord – alles Dinge, die uns berühren. Das Stück ist grell und spannend und fantasieanregend. Es bringt einen dazu, Angst um die Figuren zu bekommen und über das eigene Leben nachzudenken. Ich schätze mal, mehr kann man von einem Stück nicht verlangen. [Tom Waits]

Der einfache Soldat Woyzeck liebt, hat aber seiner Frau Marie und seinem Kind ansonsten nicht viel zu bieten. Er arbeitet Tag und Nacht, stets gehetzt schlägt er sich durch und liefert sich aus. Woyzeck tut bis zur Selbstauflösung alles und für jeden, wenn auch nur ein paar Groschen dabei herausspringen. Er rasiert seinen Hauptmann, schneidet die Stöcke die ihn schlagen werden, ist das Versuchskaninchen für die obskuren Experimente eines Doktors und wandelt am Rande des Wahnsinns. Als jedoch ein schöner Tambourmajor seine Frau Marie begehrt und sie sich ihm hingibt, wird es Woyzeck zu viel … »Letztlich – und das ist das Entscheidende – geht es im »Woyzeck«, im Drama vom Mörder Franz Woyzeck, der seine Geliebte erstach: um die Abhängigkeit menschlicher Existenz von Umständen, die ›außer uns liegen‹. Wieder ist gefragt, im nackten Handeln des einzelnen, jenseits aller kollektiven Aktion: Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?« [Hans Mayer]

Inszenierung und Bühne Christian Weise
Kostüme Silvia Maradea
Musikalische Leitung Stefan Neubert
Video Flaut Michael Rauch
Dramaturgie Maria Linke
Musik Jens Dohle / Christoph Reuter
Woyzeck Matthieu Svetchine
Marie Katja Sieder
Hauptmann Uwe Fischer
Doktor Verena Unbehaun
Andres Jan Kersjes
Tambourmajor Sebastian Müller-Stahl
Budenbesitzer/Marktschreier Thorsten Köhler
Unteroffizier/Handwerksbursch Patrick Rupar
Margret/Käthe Susanne Hessel
Narr Stephan Korves
Großmutter Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Jude Karl Thiele
Bub Anton Möckel

PRESSESTIMMEN

Ute Grundmann, Leipziger Volkszeitung, 19.04.2011

Woyzeck im Zirkus

Christian Weise zeigt Büchners Theaterfigur im Anhaltischen Theater Dessau als Vorgeführten

Woyzeck macht den Affen. Stülpt sich das haarige Kostüm über, spreizt sich und springt, wie der Dompteur im blauen Frack es will. Vor dessen Peitsche bewahrt ihn Marie, die bis dahin mit ihrem Sohn zugeschaut hat, wie Woyzeck als tierischer Mensch vorgeführt wird. Zuschauer wird er bei fast allem haben, was er tut, denn Christian Weise (Regie und Bühne) hat am Anhaltischen Theater Dessau Büchners Drama in den Zirkus verlegt. In ein Monstrositäten-Kabinett, in dem Abweichungen von der Norm zur Schau gestellt werden. Und so werden auf der Großen Bühne, die zu einem schmalen Steg verkleinert ist, zu Beginn geräuschvoll Bretter verlegt. Vor dem Schminktisch sitzt der "Idiot" Karl (Stephan Korves), mit rotgoldener Narrenkappe und schwarzem Frack, und isst noch schnell was. Die sechs Musiker spielen schon mal einen schrägen Marsch - die Vorstellung kann gleich beginnen, mit Woyzeck in der Hauptrolle.
Dieser Ansatz, Büchners Drama als Zirkus-im- Theater zu spielen, ergibt durchaus Sinn. Denn diese Elendsfigur Woyzeck (Matthieu Svetchine), der für ein paar Groschen fast alles tut, wird ja beständig vorgeführt: vom Hauptmann (Uwe Fischer), dem er in der Badewanne Rücken und Füße schrubbt, während der über den Mensch und die Tugend räsoniert. Vom Doktor, der ihn als erbsenessendes Versuchskaninchen missbraucht - leider wird die Figur des Arztes, von Verena Unbehaun gespielt, jedoch völlig überdreht und überzeichnet. Bei manchen dieser Szenen sitzt Marie (Katja Sieder) mit ihrem kleinen Sohn als Zuschauerin am Rand, im rosa Röckchen und mit Spitzenschuhen, auf denen sie immer wieder tanzt. So wirkt sie wie eine Figur, die Woyzeck auf ein Podest gestellt hat. Und von dem muss sie stürzen, als sie sich von Woyzeck ab- und dem Tambourmajor (Sebastian Müller-Stahl) zuwendet. Der ist in diesem Zirkus der Kraftmensch mit ledernen Hosen, blankem Oberkörper und Vokuhila-Frisur. Und nachdem sie mit ihm hinter dem roten Vorhang verschwunden ist, tauscht Marie das rosa Röckchen gegen ein weißes Tutu - sie gehört nun zu dem Zirkus, in dessen Manege Woyzeck herumgeschubst wird. Doch am Ende wird sie mit blutigen Füßen auf dem Boden sitzen.
Vor diesem Ende gerät in Christian Weises 100 Minuten-Inszenierung manches allzu betont. Wenn Woyzeck wieder mal die Gedanken plagen, strahlt helles Gegenlicht vom Rang auf ihn. Und mit den Zirkusakteuren, die sich als Tausendfüßler schlängeln oder zur Menschenpyramide stapeln, wird zu deutlich auf die Rummel-Attraktivität gesetzt. Das hat die Inszenierung gar nicht nötig, so wie der von Matthieu Svetchine gespielte Woyzeck in ihrem Zentrum steht: Still und stoisch, verzweifelt und höhnisch, der trotz des Clownsgesichts nicht in diesen Zirkus gehört, den scheinbar nichts aus der Ruhe bringt außer seiner Liebe zu Marie. Ihre Ermordung passt zu diesem Woyzeck, der, wenn er sich mal wehrt, dies drastisch tut: Erst ein beiläufiger Stich, dann ein mechanisches Gemetzel in des Hauptmanns Badewanne. Viel Beifall und einige zaghafte Buhs für Regieteam.

Helmut Rohm, Volksstimme, 18.04.2011

Was ein Mensch ist und sein kann

Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, was zählt da der Mensch? Nichts, wenn er ein "Woyzeck" ist. Georg Büchners 1913 uraufgeführtes gleichnamiges Drama hatte am Freitag im Anhaltischen Theater Dessau Premiere in der Regie von Christian Weise, von dem auch das Bühnenbild stammt.

Alles und alle sind im Grunde ständig präsent in diesen pausenlosen, schonungslosen etwa 100 Theaterminuten. Woyzeck ist Soldat, seinem Hauptmann zu Diensten. Christian Weises Dessauer "Feldlager" ist mehr ein Rummelplatz der Menschenverachtung.

Den Boden für die Handlung baut der Protagonist selbst. Woyzeck (ein das ganze Stück hindurch in der Rolle aufgehender, vor allem aber auch extrem körperlich geforderter Matthieu Svetchine) schleppt anfangs die schweren Bohlen zusammen. Die Wanne darauf bleibt nicht nur zur Hauptmann-Reinigung Handlungselement. Wie die Rüstung, auf deren oberen Etagen das von Stefan Neubert geleitete kleine Orchester die für die Dessauer Aufführung von Jens Dohle und Christoph Reuter geschriebene Musik spielt.

Woyzeck, der einfache, arme Soldat, müht sich, seine Freundin Marie und ihr gemeinsames Kind finanziell zu unterstützen. Das macht ihn zum Getriebenen. Er dient nicht nur dem Hauptmann (Uwe Fischer), der sich über ihn lustig macht. Er lässt sich auf den medizinischen Versuch einer zweifelhaften Erbsen-Diät ein, verhöhnt auch hier vom Doktor (Verena Unbehaun).

Ein Marktschreier führt Kuriositäten vor. Und wieder "dient" Woyzeck, lässt sich vorführen. Oben Affenkostüm, unten nackter Hintern. Größtmögliche Demütigung, den Zuschauern genauso demons- triert. Getrieben ist Woyzeck immer wieder auch von dem ihm eigenen Wahn. In diesen Minuten, in denen ihm die Bilder in den Kopf kommen und der Blick ein starrer wird.

Und Marie (intensiv Katja Sieder) – sie widersteht dem Tambourmajor (Sebastian Müller-Stahl) nicht – und am Ende auch nicht Woyzecks Wahn.

Geschehen am Rand des Erträglichen

Was ist der Mensch?, fragt der Handwerksbursche (Patrick Rupar). Büchners als Fragment hinterlassenes Drama berichtet von Ausbeutung, von Unterdrückung, vom Ausnutzen, auch von Sehnsüchten. Es ist immer noch sehr nah an der heutigen Welt.

Die schnellen Szenen und wie Christian Weise sie mit dem engagierten Ensemble umsetzt, machen den Betrachter atemlos und atemstockend. Der Regisseur nutzt die Talente seiner Darsteller, die singen, tanzen, Akrobaten sind. Bunten Bildern (Kostüme Silvia Maradea) steht schrilles Geschehen entgegen, das – besonders in dem von Woyzeck zu Erleidendem und seinem letztlichen Handeln im Blutrausch – an den Rand des Erträglichen geht.

Und es gibt auf der anderen Seite die stillen Momente, wie die Großmutter (Hans-Jürgen Müller-Hohensee), die den Kindern ein Märchen erzählt. Ein gutes Ende hat das hier aber auch nicht …

Was ist der Mensch? Schockierend zeigt Büchners "Woyzeck", was er sein kann. Überdeutlich zeigt es Christian Weises Inszenierung. Wieder ein nicht einfacher Theaterabend, der sein Publikum finden muss. Das zur Premiere würdigte ihn mit reichlich Beifall.

Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung, 18.04.2011

Tugend ist ein Luxus

Was treibt diesen Woyzeck um, dass er schließlich zum Mörder wird? Sind die sozialen Verhältnisse, die den Armen kein menschenwürdiges Leben ermöglichen, verantwortlich? Überwiegend wohl, Georg Büchners großer Text lässt keine andere Deutung zu, auch Christian Weises Dessauer Lesart eigentlich nicht - freilich unter ausführlicher Würdigung der psychischen Verfassung des Woyzeck. Büchner (1813-1837) kannte sich mit beiden Phänomenen aus, das Elend der Unterschicht schrie zum Himmel, der anatomische wie seelische Plan des Menschen war dem Arztsohn und Medizinstudenten zwangsläufig nahe.

Der Schlüssel zu allem ist aus Büchners scharfer Sicht (und in seiner wunderbaren Sprache) die Tugend, zu der die Kirche wie die weltliche Obrigkeit das einfache Volk anhalten wollen - ein gewaltiger Zynismus angesichts dessen unverschuldet bedrängter Lebensverhältnisse. "Wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr wär und hätt' ein' Hut und eine Uhr und eine Anglaise und könnt' vornehm rede, ich wollt' schon tugendhaft sein", sagt Woyzeck zu seinem Hauptmann in der ersten Szene des Stückes.

Der gibt Christian Weises weitgehend texttreue Inszenierung gebührend Gewicht, der Hauptmann (Uwe Fischer) wird nicht nur rasiert, sondern sogar leibhaftig gebadet. Woyzeck, sehr gut gespielt von Matthieu Svetchine, öffnet mit seiner unterdrückten Wut und grenzenlosen Traurigkeit gleich das ganze Tableau des Dramas, bis hin zum unausweichlich blutigen Schluss. Dann wird der Gedemütigte seine Liebste Marie (Katja Sieder), die jedermanns Liebste geworden ist, töten und selber zu Tode unglücklich sein.

Was so sinnfällig wie überzeugend beginnt und tatsächlich in schlanken 90 Minuten erzählt werden kann, hat in der Folge allerdings ein Konzentrationsproblem. Weise lässt die Lebenswirklichkeit, an der Woyzeck wie Marie zerbrechen, als schillernde Zirkuswelt erscheinen. Das eröffnet wohl die charmante Möglichkeit, das Thema spielerisch in unsere von Shows dominierte Gegenwart zu verlängern, ohne Georg Büchners Text dabei Gewalt anzutun.

Und die Musik spielt ganz hervorragend dazu, platziert auf einem Baugerüst, das der Bühne (ebenfalls von Christian Weise verantwortet) einen standfesten Mittelpunkt gibt. Nur ziehen die bunten, animalischen Gestalten der Zirkus-Staffage zwangsläufig soviel Aufmerksamkeit auf sich, dass Woyzecks und Maries Tragödie phasenweise in den Hintergrund gedrängt wird.

Das ist vermutlich nicht gewollt, gleichwohl sehr bedauerlich. Natürlich darf man bei einem Klassiker wie diesem Stück voraussetzen, dass jeder im Saal weiß, was gehauen und gestochen ist. Aber auf einer solchen Verabredung kann das Bühnenspiel nicht gründen, es muss ja seine eigene Schlüssigkeit finden. Hier aber fragt man sich gegen Ende, warum um alles in der Welt dieser Woyzeck so fertig mit den Nerven ist?

Am Ende wird getötet. Woyzeck, wieder ganz bei sich in seinem Außer-sich-Sein, schlachtet Marie regelrecht ab. Wie tief verletzte Menschen es zu tun imstande sind, denen der Polizeibericht dann eine Beziehungstat zuschreibt. Man muss ein Übermaß an spritzendem Theaterblut nicht mögen, hier hat es seine Funktion. Weiter, immer weiter, sticht der Mann auf die längst Leblose ein. Es wirkt, als verrichte er eine Arbeit. Das wäre ein guter Schluss gewesen. Nochmals Kinder, Clowns und sonstiges Personal hingegen machen den Schrecken nicht größer. Oder sollen sie ihn etwa abschwächen? Das wäre allerdings ein anderes Stück.

Ralph Gambihler, nachtkritik.de, 16.04.2011

Woyzeck – Christian Weise zeigt in Dessau einen rohen Büchner

Zum Körperdrama umgedachter Seelenkampf

Dessau, 15. April 2011. Dieser Woyzeck muss schwitzen. Er schwitzt und schwitzt, ohne Unterbrechung. Vom hastigen Bretteraufschlagen der ersten Minuten, das ihm bereits die Stirn mit Schweißperlen netzt, über die Jahrmarktszenen, in denen Woyzeck als billige Attraktion im Affenkostüm verspottet wird, bis zu dem Moment, in dem er Marie das Messer in den Bauch rammt, dumpf und mechanisch und viel zu oft, rinnt ihm das Wasser aus allen Poren. Der Schweiß ist sein Stigma und das Symbol seiner inneren Not. Bildhaft mischt er sich in der Tötungsszene mit dem Blut seiner Geliebten. Die Wahrheit ist konkret, besagt ein alter Satz. Hier ist sie körperlich. Konkreter geht es nicht.
Marie dagegen möchte Tanzen. Sie trägt Spitzenschuhe und ein Tutu, und es kommt vor, dass ihr beides zugleich in den Körper fährt, der Traum und die Wirklichkeit. Die Beine und die Füße tanzen dann auf Spitze, das Klischee-Bild der Primaballerina steht vor uns, während ab der Hüfte aufwärts der gemeine Lebenskampf stattfindet, mit Alltagsmimik im Gesicht und Armen, die sich gegen die Zumutungen der Welt zur Wehr setzen.
Pandämonium mit Schminkspiegeln, Leinwand und Baugerüst Die Körperlichkeit der Dessauer Büchner-Inszenierung von Christian Weise hat etwas Bedrängendes, Drastisches. Sie ist die stärkste Waffe der Regie. Mit ihr wird man regelrecht malträtiert, was nicht angenehm ist und dem Abend von der ersten Minute an alle Repertoiregemütlichkeit austreibt.
Die Bühne (ebenfalls Christian Weise) ist halb leergefegt für dieses zum Körperdrama umgedachte Seelenstück. Links hält eine Andeutung von Garderobe mit Stühlen und Schminkspiegeln die Theatersituation im Bewusstsein der Zuschauer, mittig fällt der Blick auf ein teilweise verhängtes Baugerüst, das sich an die Bühnenrückwand zu lehnen scheint und auf dessen "Etagen" die rot befrackten Musiker eines Bläser-Quintetts Platz genommen haben. Das Gerüst dient als Klettergarten und, auf der verhängten Seite, als Leinwand für Diaprojektionen. Davor ist nichts außer Raum für das nackte Pandämonium dieses Abends.
Männliches Hetzen, weibliches Taumeln
Christian Weise hat die Hauptrolle des geschundenen Füsiliers Matthieu Svetchine anvertraut, einem gebürtigen Franzosen, der seinen massigen, molligen Körper mit solcher Wucht und Heftigkeit ins Spiel bringt, dass die Damen im Parkett bisweilen leise aufzischen. Svetchine zeigt ein kräftiges Bild von männlicher Ohnmacht, verhetzt bis zur Automatenhaftigkeit, alle Pein und Demütigung schrecklich duldsam ertragend, freilich mit Ingrimm im Gesicht und mit Zähnen, die immer wieder so arg zusammengebissen werden, dass es jeder Zahnarzt merken müsste. Diese drastische Darstellung eines kraftstrotzenden und doch zitternden Bündels Menschen geht nahe, hat aber auch etwas Plakatives, weil sie flux nach außen kehrt, was im Inneren der Figur vor sich geht.
Marie muss man sich daneben als schönes junges Ding vorstellen, verführerisch, kühl und fragil, Mädchenmarmor, der rissig geworden ist über der erlebten sozialen Realität und den taumelnden Gefühlen. Katja Sieder macht das sehr schön andeutungsvoll und halbtransparent. Sie überzeugt auf ganzer Linie, im Gegensatz zu Verena Unbehaun, die in der Hosenrolle des dünkelhaft dozierenden Doktors eine Charge bleibt. Der hübsch prollige Tambourmajor von Sebastian Müller-Stahl glänzt nicht mit seiner zackigen Uniform, sondern mit seinem gestählten, halbnackten Astralkörper, den er, zum Jahrmarkt-Artisten umgedeutet, wie eine Trophäe zur Schau trägt.
Auf Hackordnung gebaut
Christian Weise legt wenig hinein in das Stück; lieber holt er heraus. Er gibt den rohen Büchner, das radikale junge Genie, dem dieser Text "mit Dreiundzwanzig passiert ist", wie der ins Programmheft eingerückte Heiner Müller formulierte. Minimalistisch und leicht in das historisierende Licht eines vorgestrigen Jahrmarkttreibens mit Schaustellern und Körpersensationen gerückt, zeigt er die Tragödie einer Welt, die gespenstisch, banal und blutig scheitert, die nicht sein kann ohne einen Untertesten, der in seiner Not außer sich gerät und tötet.
Auf konkrete politische Aufladungen wie in Volker Löschs Dresdner Bürgerchor-"Woyzeck" von 2007 hat es die Regie nicht abgesehen. Und doch deutet sie etwas an. In großflächigen Diaprojektionen, die eine völlig entvölkerte Welt der Städte und der Waren zeigen, eine Geisterkultur ohne Leben, rätselhaft zum Artefakt geronnen, wird ein Bezug zur Gegenwart eröffnet. Irgendwo dazwischen, in den schwer auszumachenden Untiefen zwischen unserer Natur und Kultur, spielt dieser garstige, schroffe Büchner-Abend.

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