West Side Story

Musical von Leonard Bernstein

[Songs in englischer Original-Sprache mit deutschen Übertiteln]
Bernsteins berühmtes Broadway-Musical aus dem Jahr 1957 versetzt die Handlung von William Shakespeares »Romeo und Julia« in das New York der 50er Jahre. Nicht in den Palästen Veronas, sondern in den Häuserschluchten von New York verlieben sich die puertoricanische Maria und der nordamerikanisch-europäischstämmige Tony. Sie wollen den Hass der verfeindeten Gangs überwinden und miteinander leben. Aber ihre Umwelt zerbricht die Hoffnung auf ein Ende der Fehde. Denn Tony ersticht in einem Straßenkampf Marias Bruder aus Rache für den Mord seines besten Freundes. Und als er auch noch Maria tot glaubt, bittet er Marias Verlobten Chino ihn zu erschießen. In diesem Moment sieht er Maria, die Liebenden stürzen aufeinander zu, doch Chino schießt auf Tony, der in Marias Armen niedersinkt. Über Tonys Leiche schließen die Banden Frieden. Bernsteins mal wilde, mal zarte, mal extrovertierte, mal innige Musik vereint Musikstile, die viele bis dahin für unvereinbar gehalten haben: Jazz und große romantische Geste, amerikanische Musical-Tradition und rhythmische Ausbrüche à la Strawinsky. Gesang, Schauspiel und Tanz haben an einer guten »West Side Story« gleichen Anteil – eine ideale Herausforderung für die Sparten Ballett, Schauspiel und Musiktheater des Anhaltischen Theaters. [Songs in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln]

Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung Christian von Götz
Bühne Britta Bremer
Kostüme Katja Schröpfer
Choreographie Carlos Matos
Kampfchoreographie Klaus Figge
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Felix Losert
DIE JETS
Riff Matthew Bindley
Tony David Ameln
Action Patrick Rupar
A Rab Joshua Swain
Baby John Joe Monaghan
Snowboy Tizian Steffen
Diesel Stephan Biener
Big Deal Jonathan Augereau
ihre Mädchen
Graziella Anna-Maria Tasarz
Velma Annelies Waller
Minnie Anna Jo
Pauline Charline Debons
Anybodys Susanne Hessel
DIE SHARKS
Bernardo Juan Pablo Lastras-Sanchez
Chino Alexander Dubnov
Pepe Enea Bakiu
Indio Sokol Bida
Luis Thomas Ambrosini
ihre Mädchen
Maria Cornelia Marschall
Anita Karen Helbing
Rosalia Jagna Rotkiewicz
Consuelo Anne Weinkauf
Francisca Katja Sieder
Teresita Laura Costa Chaud
Estella Mélanie Legrand
Margerita Bobby Bernstein
A girl Anne Weinkauf
DIE ERWACHSENEN
Doc Gerald Fiedler
Schrank police lieutenant Karl Thiele
Krupke Boris Malré
Glad Hand Christel Ortmann

PRESSESTIMMEN

Vanessa Weiss, Da Capo Nr. 66 Dez/Jan

Romeo & Julia hinter tristen Kulissen

Manchmal kann es anders kommen als gedacht. Dieser Satz könnte der Entstehung des weltbekannten Musicals „West Side Story“ zugeschrieben werden. Denn die zunächst für eine moderne Romeo und Julia Nacherzählung des amerikanischen Choreographen Jerome Robbins angedachte Differenz zwischen den feindlichen Parteien, die zum tragischen Ende des Musicals führen würde, wurde verworfen und den aktuellen Ereignissen im New York der 50er Jahre angepasst. Eigentlich sollte die Liebe der modernen Romeo-und-Julia-Geschichte an einem religiösen Konflikt scheitern. Doch noch während der Arbeit an diesem Musical gewann 1955 ein anderes Thema an Aktualität: Die Schwierigkeiten und Probleme zwischen eingewanderten Puerto-Ricanern und den Einheimischen der New Yorker West Side. So rückte an die Stelle der Religion, das Einwanderungsproblem, welches gleichsam der unglücklichen Liebe durch die Zuspitzung der Gewalt zwischen den Jugendbanden nur einen Ausweg offenhielt. Die Musik zu diesem tragischen Musical komponierte Leonard Bernstein, Arthur Laurents lieferte das Buch. 1957 kam es dann endlich zur Uraufführung des Musicals am New Yorker Winter Garden Theatre. Die Idee einer sich in der „West Side Story“ entwickelnden Spirale aus der Gewalt der Jugendlichen wurde nun in der Inszenierung von Christian von Götz am großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau umgesetzt. Dazu wurde ein Bühnenbild von Britta Bremer mit fabrikähnlicher Atmosphäre geschaffen, welches die Drehscheibenvorrichtung der Bühne vollkommen auszunutzen weiß. Kaputte Scheiben, triste Farben und ein großer Innenhof sind seit dem 30. September Schauplatz der tragischen Auseinandersetzung der zwei rivalisierenden Jugendbanden, in deren Mitte ein Liebespaar um seine Erfüllung kämpfen muss. Damit wendet sich nun auch Dessau, nach der Inszenierung von Kurt Weills „One Touch of Venus“ im vergangenen Jahr, einem der beliebtesten klassischen Musical der Neuzeit zu. Einzig Karen Helbing, die bereits bei dem Weill-Stück ihre gesanglichen und darstellerischen Fähigkeiten den Dessauern zeigen konnte, wurde als Gast-Darstellerin für die Rolle der Anita engagiert. Ansonsten konnten, anders als bei „One Touch of Venus“, die Hauptrollen bei der „West Side Story“ mit dem hauseigenen Ensemble besetzt werden.
Dieser Umstand schmälert die Inszenierung von Götz keineswegs, denn das Dessauer Ensemble weiß zu überzeugen, wenn es die Geschichte der zwei Liebenden, Maria und Tony, erzählt. Die Umstände, denen sich die beiden ausgesetzt sehen müssen, verheißen kein gutes Ende. Beide gehören zwei rivalisierenden Jugendbanden an, den einheimischen Jets und den puerto-ricanischen Sharks, die sich aufgrund ihrer Rasse, Herkunft feindlich gesellt sind. Ähnlich wie bei William Shakespeares Tragödie "Romeo und Julia" werden Maria und Tony Tote zu verschmerzen haben. Ein Happy-End à la Disney ist nicht zu erwarten. Gleichsam einer düsteren Vorausschau wird dem Zuschauer auch gleich zu Beginn der Dessauer Inszenierung ein Blick auf das unabwendbare tragische Ende gewährt: In einem Zimmer wird - kurz, aber intensiv - eine stark blutende Frau sichtbar. Es lässt sich erahnen, wer dieses Opfer der gnadenlosen Feindschaft zwischen den Jets und den Sharks ist. Der blutige Beginn kann als Ausblick des Umgangs der Regie mit den drastischen Momenten der „West Side Story“ gesehen werden. Schon allein der Bandenkonflikt zwischen den Jets und Sharks lässt viel Raum zur Darstellung. Dabei wählte man in Dessau wohl den provokanteren Weg. Denn schon allein der Kampf zwischen Bernardo und Riff endet für die Zuschauer sichtbar blutig. Dazu wurde keineswegs ein gewöhnlicher Messerkampf zum Kräftemessen auf Leben und Tod gewählt, sondern ein von Klaus Figge spektakulär choreografierter Stockkampf. Vor einem schwarzen Hintergrund stehen sich die zwei Kontrahenten gegenüber, links von ihnen die Sharks in ihrer schwarz-gelben und rechts die Jets in blau-roter Kampfkleidung.
Hierbei gestaltet sich die Unterscheidung zwischen Jets und Sharks aufgrund der von Katja Schröpfer unterschiedlich gewählten Farben der Kleidung, die an American Football erinnert, für den Zuschauer sehr einfach. Dies bleibt aber die Ausnahme, denn die Darsteller tragen überwiegend kaum zu differenzierende Kostüme wie Hemden, bunte Hosen, kurzer Röcke, die es den Zuschauern bei großen Ensemble-Szenen erschweren, Mitglieder der Jets von denen der Sharks zu unterscheiden. So beispielweise bei dem Instrumentalstück „The Dance At The Gym“ in der Turnhalle. Es wäre besser gewesen, wenn es keinen starken Kontrast zwischen den Kostümen der Kämpfe und denen des tristen Alltags der Jugendlichen gegeben hätte, stattdessen kleinere Details an den Kostümen der Darsteller dem Publikums als durchgängiges Orientierungsmuster zur Differenzierung der Banden gedient hätten. Mittendrin in dem blutigen Kampf der Jets und der Sharks befinden sich Maria und Tony, die hin und her gerissen sind zwischen ihrer Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Banden und ihrer Liebe. Verkörpert werden die moderne Julia und der moderne Romeo von Cornelia Marschall und David Ameln, der bereits in „One Touch of Venus“ als Taxi Black sein Können unter Beweis stellen konnte. Wie modern Christian von Götz seine Inszenierung bebildert, zeigt sich auch an der Balkonszene. Eine interessante Idee, das Handy als Spielball der sich entwickelnden Kommunikation zwischen Tony und Maria einzusetzen. Damit erhält die zweite Begegnung der Beiden einen vollkommen anderen Nachklang. Denn anstelle dass Tony nach seiner Geliebten ruft, schickt er ihr eine SMS, die für den Zuschauer sichtbar an eine graue Wand in Marias Zimmer projiziert wird. Der eine oder andere Zuschauer wird sicher über den Gebrauch der Handys und wegen der überaus klugen Übertragung der sonst gesprochenen Kontaktaufnahme Tonys zu Maria in SMS-Sprache schmunzeln. Die zärtliche Annäherung der beiden aber wird dadurch für das Publikum erlebbarer gemacht. Das liegt nicht nur an den interessanten Ideen der Regie, sondern auch an den beiden Hauptdarstellern, deren harmonisches Zusammenspiel einen beträchtlichen Teil dazu beiträgt.
So auch bei dem Schmachtsong „Tonight“, bei dem sich beide sowohl schauspielerisch als auch gesanglich sehr gut ergänzen und damit dem Lied gerecht werden. Wem die harmonische Liebe zwischen Tony und Maria auch bis nach der Pause noch nicht bewusst geworden ist, dem sollte es spätestens beim Beginn des zweiten Aktes wie Schuppen von den Augen fallen. Denn anstelle eines schwarzen Vorhangs ließ sich die Regie erneut davon leiten, aktuelle Elemente einzufügen. So blickt das Publikum während der „Entr'acte“, die das des Orchester unter der musikalischen Leitung von Daniel Carlberg spielt, in die hoffnungsvollen und fröhlichen Gesichter von Maria und Tony, die miteinander rumalbern. Diese werden über ein Video auf den Vorhang projiziert. Dabei hält dieses Video in mehrfacher Hinsicht einen bitteren Beigeschmack für das Publikum bereit. Denn zum einen weiß der Zuschauer, dass diese Liebe aufgrund tragischer Zwischenfälle nicht erfüllt werden kann und zum anderen schienen sich Barbara Janotte und Steffen Fleischer bei der Gestaltung des Videos nicht über die Länge der „Entr'acte“ im Klaren zu sein. Denn der aufmerksame Zuschauer wird feststellen, dass sich das Video von Maria und Tony mehrfach wiederholt und dadurch seinen Reiz verliert.
Hinter den Hauptrollen braucht sich das Ensemble nicht zu verstecken, denn sowohl seine tänzerischen, gesanglichen, als auch schauspielerischen Qualitäten vervollkommnen Christian von Götz' Inszenierung. So bleibt sicherlich das satirische, den Polizisten Krupke ironisierende Lied „Gee, Officer Krupke“ dem Publikum ganz besonders im Gedächtnis. Hierbei können Patrick Rupar, Joe Monaghan, Jonathan Augereau und Stephan Biener als Action, Baby John, Big Deal und Diesel überzeugen. Mit spielerischer Leichtigkeit stellen sie im Rahmen des Liedes einzelne Konfrontationen mit dem Polizisten nach, in denen sie sich auf nicht ernst gemeinte Art und Weise für ihr Verhalten rechtfertigen. Da wird beispielsweise eine Schubkarre zu einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche umfunktioniert, dabei sehr nachvollziehbar gespielt. Mit dem Schluss wird ein Bogen zu der an den Anfang gestellten Szene einer möglichen toten Person gezogen und der Zuschauer aufgeklärt, um wen es sich nun wirklich handelt. Dennoch bleiben Fragen offen, welche die Regie möglicherweise bewusst platziert hat. Denn obwohl Kenner der „West Side Story“ den Mörder schon am Beginn im Schlaf entlarven könnten, so ist dies am Ende doch nicht mehr ganz so sicher. Denn aufgrund der von Karen Helbing sehr gut gespielten Anita, die Tony offensichtlich nie den Mord an ihrem Freund Bernardo verzeihen konnte, rückt sie durch den Besitz einer Schusswaffe in den Verdacht, aus Rache auf Tony geschossen zu haben.
Mit dieser Ungewissheit und einem bereits zu Beginn bekannten tragischen Ende, wird das Publikum abschließend in die Nacht entlassen. Es bleibt festzuhalten, dass sich die Dessauer Inszenierung teils mit interessanten und innovativen Ideen von anderen Produktionen abzugrenzen weiß, wie beispielsweise durch die Drehbühne. Aber auch die Spielfreude und das Können der Darsteller tragen zu einem sehr guten Gesamtbild bei. Dies lässt kleine Unzulänglichkeiten vergessen. Ein Besuch der „West Side Story“ in Dessau lohnt sich.

Alexander Hauer, Der Opernfreund, 30.09.2011

Die Spirale der Gewalt
Christian von Götz lässt keinen Zweifel daran. Gewalt ist keinesfalls die Lösung, sie führt immer zu Leid und Elend. Wie Bernstein Shakespeares „Romeo und Julia“ in die Realität der 50er der USA holte, so begeht er den Kunstgriff, die West Side Story in die Aktualität der Jetztzeit zu verlegen. Ob sie dann noch in New York, zwischen „alteingesessenen“ Amerikanern und Einwanderern aus Puerto Rico angesiedelt ist, spielt bei ihm keine Rolle. Das Bühnenbild Britta Bremers und die Kostüme Katja Schröpfers geben auch keinen Anhalt dafür. Also, ein hochaktuelles Stück, das in irgendeiner Großstadt spielt. 

Zwei Gangs liegen im Clinch. Die einen tragen gelb rot, die anderen rot blau. Sie nennen sich Sharks und Jets, und sie sind gewaltbereit. Die Erwachsenen, die Eltern, die Lehrer und auch die Obrigkeit haben ihren Einfluss verloren. Einzig der Betreiber eines Jugendtreffs, Doc, hat noch einen kleinen Einfluss auf die Jets. Das Leben der Sharks wird bestimmt durch althergebrachte Rituale und religiösen Vorschriften. Auch hier verlässt von Götz die alte Ebene des mittelamerikanischen Katholizismus, er lässt es offen welche Religion die Sharks und die Jets haben. Es reicht, dass sie „anders“ sind, Vorurteile sind die Grundlage des Hasses, und der wird immer wieder frisch angestachelt. Bei einem, von der Sozialarbeiterin Glad Hand, organisiertem Tanzabend verlieben sich die Schwester des Sharksanführers Bernardo, Maria, in den beinahe Ex-Jet Tony. Es kommt zum Eklat, aber die Liebe findet immer Wege und Möglichkeiten, auch wenn sie dabei in den Untergang führt.
 Von Götz erzählt die Geschichte in der Rückblende, das Ende nimmt er vorweg. Ein Mädchen liegt auf einer Matratze in einer schäbigen Wohnung, der Fernseher läuft und verkündet die Neuerungen von Präsident Obama in der Vereinigten Staaten. Sie ist tot und ihr Blut und Gehirn haben sich an den Wänden verteilt. Krasse, starke Bilder gleich zu Beginn, und die Brutalitäten nehmen kein Ende. Schon in der Ouvertüre findet ein Kampf statt. Ein harter fight mit Stahlstangen, grandiose Kampfchoreographie von Klaus Figge, findet sein Ende in der „vernünftigen“ Lösung, die territorialen Ansprüche mit einem Zweikampf zu regeln. Die Besten sollen gegeneinander antreten. Der Kampf findet statt und der Anführer der Jets, Riff, wird von Bernardo getötet. Im Affekt rächt Tony den Tod seines besten Freundes. 
Nach dem Kampf treffen sich Tony und Maria wieder. Ihre Liebe siegt über die Trauer um ihren Bruder Bernardo. Anita, die Verlobte Bernardos ist entsetzt darüber, dass Maria Tony immer noch liebt, dennoch lässt sie erweichen, Tony vor Marias Verlobten Chino zu warnen. Bevor die ihre Warnung übermitteln kann wird sie von Action unter dem Jubel und Anfeuerungen der Jets vergewaltigt. In ihrer Demütigung sagt sie, Chino hätte Maria erschossen. Das lockt Tony aus seinem Versteck, die Gangs treffen sich, doch bevor Chino seine Rache nehmen kann, wird er von Anita erschossen. Die verzweifelte Maria flüchtet nach Hause, Anita folgt ihr und reicht ihr den Revolver… Bis auf den absolut pessimistischen Schluss, im Original finden die Gangs über der Leiche Tonys einen Weg zur Annäherung, einen Weg raus aus der Gewalt, erzählt Christian von Götz die Geschichte 1:1. Aber was macht dann die Dessauer Inszenierung so besonders? Da wäre als erstes das Bühnenbild. Die größte Drehbühne Deutschlands wird von Britta Bremer geschickt bebildert. Ständig in Bewegung ermöglicht sie den raschen Wandel der Spielorte. In der Traumsequenz wird durch aufwendige Veränderungen, hier mal ein Lob an die Technik, die absolut lautlos, schnell und unsichtbar umbauten, ein Horrorszenario ermöglicht. Da wären dann auch noch die Kostüme von Katja Schröpfer. Die vier Erwachsenen tragen stimmige Klamotten und Uniformen, auch ihnen ist anzusehen, welche Geschichte sie hinter sich haben, und welche noch vor sich. Auch die Erwachsenen schaffen es nicht aus ihrem Milieu zu lösen, sie haben nur ihre Jugend überlebt, egal ob sie Kneipenwirt, Sozialarbeiterin oder Polizisten sind, ihr Ende ist leicht zu erahnen. Die Jugendlichen definieren sich über ihre Tattoos und ihre Farben, dabei vermeidet Schröpfer geschickt die gängige Streetwear, sondern gibt den Kids Möglichkeiten sich schick zu machen, in der Uniformität so etwas wie Individualismus zu entwickeln.

Da ist auch die Regie von Christian von Götz. Er verteilt keine Sympathien, er lässt den Zuschauer als neutralen Beobachter außen vor. Er zeigt die Geschichte auf, ohne sie zu bewerten. Auch die choreographierten Tänze von Carlos Matos tragen zur Bedeutung der Inszenierung bei. 
Aber die geschlossene Ensembleleistung, Darsteller und die brillant stimmig geführte Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg, tragen die Hauptverantwortung für die Unvergesslichkeit dieses Abends.
Daniel Carlberg nimmt sich der Partitur Bernstein dermaßen respektlos an, dass alle mir bekannten Aufnahmen der West Side Story wie ein müder Tanztee klingen. Kraftvoll, mit einem mitreißendem Drive, jagt er kompromisslos durch das Werk. Exakt gespielte Bläsersätze liegen auf einem Klangteppich, geknüpft von einem Weltklasse-Orchester. Flirrende Streicher behaupten sich, wilde Schlagwerke geben den Takt vor und reißen alles in einen Strudel.
Die 36(!) Solisten setzen sich aus dem Schauspielensemble, dem Chor, dem Ballett und aus Opernsängern zusammen. Allen voran Tony und Maria, David Ameln singt diesen jungen Menschen mit zu Herzen gehender Intensität, Cornelia Marschall ist ihm in Ausdruck und Exaktheit ebenbürtig. Zusammen glaubt man, sie könnten die Welt aus den Angeln heben, ihre Liebesszenen haben so nichts gekünsteltes, eine schlichte Natürlichkeit, die beide verbindet. Da ist Riff, Mattew Bindley, sonst Trainingsleiter des Balletts, der hier überzeugend den jungen Heißsporn gibt und wie ein Großer singt. Sein gegenüber Juan Pablo Lastras-Sanchez, Bernardo, kommt ebenfalls vom Ballett, Chino, Alexander Dubnov, singt sonst im Chor. Das Schauspielensemble tanzt und singt, Mitglieder des Chores tanzen genau wie die Damen und Herren aus dem Opernensemble. Und alle sprechen ihren Text klar und deutlich. Wenn man nun einige nennt, tut an vielen anderen unrecht, dennoch will und muss ich mich beschränken. Da ist Joe Managhan, ein hyperaktiver Baby John, stets an der Grenze vom Umfallen, da Patrick Rupar, ein Action, der den Namen verdient, da ist Karen Helbig, einziger Gast im Ensemble, aber schon seit Kindestagen mit dem Dessauer Theater verbunden, ihre Anita, die von verliebtem Überschwang bis hin zu eiskalter Rache changiert, ist eine unübertroffene Darstellung menschlichen Leids, da ist Consuelo, Anne Weinkauf vom Chor, ihr „Somewhere“ braucht sich vor keiner der großen Interpretinnen zu verstecken, Karl Thiele, ein zum Fürchten korrupter, rassistischer Polizeioffizier. Christel Ortmanns Glad Hand, eine überfröhliche Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs und Gerald Fiedler, ein Doc, der am Leben zerbricht. Wie gesagt, nur einige, aber es war eine Ensembleleistung, die lässig jeden Vergleich mit den großen Theatern im Westend oder am Broadway standhält.
Diese Inszenierung ist für das Theater Dessau nach seinen Erfolgen in der Oper ein weiterer Markpunkt an dem sich andere Theater messen lassen müssen. Aufgrund dieser Leistung müssten wohl alle Diskussionen über Etatkürzungen bei den Trägern vom Tisch gefallen sein, und wenn doch, meine Damen und Herren Politiker, gehen sie hin und schauen sie sich diese West Side Story an. Danach werden Sie meiner Meinung sein.
Die schönen Bilder verdanken wir Claudia Heysel
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Helmut Rohm, Volksstimme, 4.11.2011

"West Side Story" zum Spielzeitauftakt am Anhaltischen Theater Bewegende Geschichte in faszinierender Symbiose essau-Roßlau. "Irgendwo. Irgendwann. Irgendwie." - nur die Hoffnung bleibt. Hier endet Leonard Bernsteins Musical "West Side Story", das am Freitagabend im ausverkauften Anhaltischen Theater Dessau eine frenetisch gefeierte Premiere erlebte. Im Grunde "sitzen" die bis aufs Blut verfeindeten New Yorker Straßengangs, die Jets und die Sharks "im gleichen Boot". Beide sind Abkömmlinge verschiedener Einwanderergruppen. Beide haben keine soziale Perspektive. Beide klammern sich an ihr vermeintliches Domizil, eine heruntergekommene Industriebrache. Gewalt ist das fast einzige Kommunikationsmittel - ein schier unlösbarer Konflikt.
Mit seinem bisher wohl weltweit erstmaligen Drehbühnen-Raum-Konzept (Bühne: Britta Bremer; Kostüme: Katja Schröpfer) symbolisiert Regisseur Christian von Götz die sich zuspitzende Gewaltspirale, die schließlich aus dem Rahmen läuft. Beide Gruppen stehen gleichsam für die hoffnungslose Lage der Jugend schlechthin. Etwas von diesem New York der 1950er Jahre ist auch hier und heute. "Während wir in Dessau probten, brannten in London die Straßen, in Berlin die Autos, wurden auf Bahnsteigen unschuldige Menschen zu Tode geprügelt", zieht Christian von Götz erschütternde Parallelen.
Die bewegende Geschichte (Buch Arthur Laurents, Gesangstexte von Stephen Sondheim) inszeniert er als faszinierende Symbiose von Musik, Schauspiel und Tanz (Choreografien Carlos Matos). Das Orchester unter dem furios agierenden Daniel Carlberg spielt groß auf, trifft den Nerv der jeweiligen Situation eindrucksvoll. Besonders hervorzuheben ist, dass bis auf Karen Helbing (Anita) dieses personalaufwändige Stück durchweg mit theatereigenen Künstlern realisiert wird. Christian von Götz hat dabei ein großartiges Musicalensemble geformt, in dem kaum noch unterscheidbar ist, ob Tänzer, Sänger oder Schauspieler in Aktion sind. Die Dessauer "West Side Story" ist so zu viel mehr als einem eindrucksvoll gelungenen Spielzeitauftakt geworden und setzt sicher hier und da auch über Dessau hinaus neue Maßstäbe. Der Zuschauer wird förmlich mitgerissen von der unglaublichen temporeichen und ungemein realistisch-dramatisch-tragischen Auseinandersetzung, hin bis zu faszinierend dargestellten realistischen Kampfszenen (Choreografie Klaus Figge).
Er erlebt jedoch auch sehr kontrastreich die von lebensechter Emotionalität geprägten sentimental-lyrischen Szenen der jungen, zunächst scheinbar ungetrübten Liebe von Maria und Tony. Eine aufkeimende Beziehung, die von Cornelia Marschall und David Ameln gesanglich vorzüglich und spielerisch anrührend gelebt wird. Wie bei "Julia und Romeo" kann ihre Liebe nicht glücklich werden. Die Hoffnung bleibt - auf das "Irgendwo. Irgendwann. Irgendwie".

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 3./4.10.2011

Im Schmelztiegel der Kunst
Am Anfang geht eine Puppe zu Bruch, am Ende werden Menschen in ihrem Blut liegen - doch das kleine Mädchen wird dann noch immer versuchen, das zerstörte Spielzeug zu reparieren. Es ist ein schlichter, stimmiger Rahmen, den Christian von Götz seiner Inszenierung der "West Side Story" am Anhaltischen Theater gegeben hat. Und er passt perfekt zum tödlichen Spiel, das die Jets und die Sharks hier in den Straßen von New York treiben: ein Guerilla-Krieg der Benachteiligten, die ihren Kick in den Klischees vom fremden Gegenüber und in den adrenalinsatten Balzkämpfen vor den Augen ihrer Mädchen suchen. Bis sich zwei junge Menschen zwischen den Fronten begegnen und die Liebe den Hass entlarvt.
Von Verona nach Amerika
Dass diese Geschichte von zeitloser Gültigkeit sein würde, dürften der Komponist Leonard Bernstein sowie seine Librettisten Arthur Laurents (Buch) und Stephen Sondheim (Songs) schon bei der Uraufführung 1957 geahnt haben. Schließlich hatten sie damit das berühmteste Liebesdrama der Literaturgeschichte aus Verona nach Amerika versetzt und Romeo und Julia in Tony und Maria umbenannt. Wie gut sich dieses Werk aber auch für eine Produktion jenseits der Broadway-Traditionen eignet, kann man nun in Dessau sehen: Hier spielt ein deutsches Stadttheater seine Trümpfe aus und inszeniert ausgerechnet die Konfrontation von rivalisierenden Gruppen als Schulterschluss zwischen allen Sparten.
Denn dies ist das überraschende und überzeugende Konzept dieses Abends: Bis auf Cornelia Marschall (Maria) und David Ameln (Tony) sind sämtliche Rollen mit Chorsängern, Tänzern und Schauspielern des Hauses besetzt, lediglich Karen Helbing wurde für die Rolle der Anita als Gast engagiert. Und wo man sonst die Spezialisierung in den Defiziten erkennt, verschwimmen hier die Grenzen zum Besseren: Drei Dutzend Darsteller singen, tanzen und sprechen ihre Rollen überzeugend, sie beflügeln einander zu Höchstleistungen auf fremdem Terrain und treten am Ende ausgepumpt, aber glücklich in den Premierenjubel.
Da sind die Tänzer Matthew Bindley und Juan Pablo Lastraz-Sanchez, die sich als Riff und Bernardo an die Spitze ihrer Heere stellen und als Erste in den Tod gehen. Da sind die Schauspieler Patrick Rupar und Susanne Hessel, die als Action und Anybody's auf Seiten der Jets für gefährliche Energie sorgen. Und da sind die Choristen Alexander Dubnov und Anne Weinkauf, die bei den Sharks vom kleinen Glück träumen. Sie stehen als Erste unter Gleichen in dem Ensemble, das in den von Carlos Matos rasant choreografierten Nummern wie "I'd like to be in America" oder "Officer Krupke", auch und vor allem aber in den von Klaus Figge virtuos inszenierten Kampfszenen über sich hinauswächst.
Kein biederes Remake
Dabei hat Christian von Götz alles andere als ein biederes Remake des klassischen Vorbilds geliefert. Dank der gigantischen Dessauer Drehbühne konnte er sich von Britta Bremer ein Labyrinth bauen lassen, in dem zwischen Feuerleitern und Klimakästen genügend Raum für große Bilder bleibt. Wenn sich Tony und Maria im Brautkleidladen begegnen oder in einem Meer von Kerzen vor der feindlichen Welt verstecken, dann sind diese poetischen Momente einer latenten Angst abgetrotzt, die in erschreckenden Visionen von Schlachthäusern und Drogenrausch vor den Augen der Zuschauer kreist. So braucht es nur wenige Accessoires wie die Liebes-SMS oder die schönen, aktuellen Kostüme von Katja Schröpfer, um die Geschichte in die Gegenwart zu holen - und nur wenige drastische Augenblicke wie die Vergewaltigung von Anita, um ihre existenzielle Dimension deutlich werden zu lassen.
Für die musikalische Qualität und den permanenten Dialog zwischen Bühne und Orchestergraben aber sorgt Daniel Carlberg, der der Anhaltischen Philharmonie ihre zuletzt an Weills "One Touch of Venus" und Bernsteins "Candide" geschulten Amerikanismen entlockt. Und so, wie sich die Musiker in diesen Sound einfühlen, bringen auch die Künstler auf der Bühne ihre biografische Verwurzelung in ein Stück ein, das dafür ideal scheint. Da kokettiert die Schweizerin mit einem puerto-ricanischen Akzent, da tanzt die Brasilianerin neben dem Briten und die Koreanerin neben dem Albaner. Das Theater als Schmelztiegel, als sozialer Raum mit kultureller Aufgabe. "Somewhere"? Genau hier!

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