Wer hat Angst vor Virginia Woolf

Schauspiel von Edward Albee

George und Martha sind ein wohlsituiertes Paar und all ihre Träume sind längst ausgeträumt. In ihrer Beziehung atmet jedes Wort nur mehr Bitternis und tiefen Hass, das Whiskyglas stets im Anschlag gibt es nur noch eine Frage: Wie kann man den anderen am besten und effektvollsten verletzen?! Doch dieser gnadenlose »Rosenkrieg« folgt bei aller Brutalität klaren Spielregeln. Den anderen erniedrigen, ist wohl die goldenste Regel dieses Ehelebens, das jahrzehntelang geprobt und radikal ausgelebt einem Krieg gleicht. Ihre Regeln, Lebenslügen, ihre Illusionslosigkeit und ihr Zynismus halten sie dennoch und auf magische Weise beieinander. Nach einem Empfang kommen die Ehekrieger mitten in der Nacht nach Hause und haben ein junges Paar im Schlepptau. Die werden schnell zu geduldigen Zaungästen des familiär üblichen Schlachtfestes, tun zuerst alles andere, als sich George und Marthas Spielregeln zu widersetzen, und werden dennoch gnadenlos in den fremden Konflikt hineingezogen. Aber damit nicht genug, auch ihre eigene Beziehung kommt in diesem Strudel bedenklich ins Wanken, und vielleicht gilt schon bald auch für dieses Paar: Ein neuer Anfang ist wohl erst möglich, wenn auch die letzte Illusion ausgelöscht ist!

Inszenierung Niklas Ritter
Ausstattung Bernd Schneider
Musik Til Ritter
Dramaturgie Holger Kuhla

Georg Julian Mehne
Martha Anne Lebinsky
Honey Katja Sieder
Nick Peter Wagner

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 17.12.2012

Turbulente Szenen einer Rosenkrieg-Ehe

Gut eineinhalb extrem turbulente Stunden erleben die Theaterbesucher auf der Studiobühne des Anhaltischen Theaters Dessau. Niklas Ritter hat Edward Albees Schauspiel "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" inszeniert.

Ist das etwa eine Bar? Die große Anzahl verschiedener Spirituosenflaschen, noch mehr - zunächst jedenfalls - leerer Gläser auf einem überlangen Tresen, ließe es erahnen. Die beiden sichtlich schon alkoholgeschwängerten Rokoko-Gekleideten, sich mühsam gegenseitig stützend, wohl doch mehr behindernd, könnten versackte Gäste sein. Alles falsch!

Es ist das Wohnzimmer des Geschichtsprofessors George und seiner Frau Martha, der Tochter des Unidekans (Ausstattung Bernd Schneider). Sie kommen von einer Party. Es ist nachts gegen zwei Uhr. Hier werden sie selbst und vor allem die Theatergäste gut eineinhalb extrem turbulente Stunden erleben. Im Alten Theater auf der Studiobühne des Anhaltischen Theaters Dessau läuft in der Regie von Niklas Ritter das Schauspiel "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" von Edward Albee.

Und geht zur Sache. Seit 20 Jahren verheiratet, zelebrieren die beiden, über die Zeit offensichtlich immer mehr ausgefeilt und inszeniert, ein wahres Scharmützel der Gefühle, gespickt von zutiefst verletzenden Aggressionen - Hassliebe pur. Anne Lebinsky und Julian Mehne treffen die Befindlichkeiten punktgenau.

Dem Zuschauer stockt der Atem über die ganz unzweideutig wie scheinbar beiläufig hingesagten "Nettigkeiten". Ebenso über die hinaus gebrüllten, nicht minder boshaften und zutiefst beleidigenden Ausbrüche. Und - beide nehmen sich nichts. Marthas Austeilen trifft auf Georges nur scheinbar lässiges Kontern. Doch neben dem Erschrecken der Zuschauer lässt Niklas Ritter durchaus ebenso schmunzelnde Erheiterung und prallen Humor zu. Voyeurismus ist eben doch unterhaltsam: Mal schauen, was und wie es andere machen.

Sehen die Zuschauer ein Spiel nach Regeln?! Wie jeden Tag?!

Mimisch, gestisch und sprachlich brillant bis in feinste Details leben Lebinsky und Mehne die Charaktere aus, die von in Übermaß getrunkenem Alkohol hemmungsloser werden, ihre Eitelkeiten und Lebenslügen offenbaren.

Da gibt es eine Abwechslung. Martha lädt den jungen Biologieprofessor Nick (Peter Wagner) und dessen junge unbedarfte Ehefrau Honey (Katja Sieder) ein. Auf Wunsch ihres Vaters: "Papa hat es gesagt!"

Wer denkt, dass es nun der Gäste wegen gesitteter zugeht, hat sich geirrt. Nick und Honey werden allmählich von Beobachtenden mehr und mehr zu Mitakteuren, werden hineingezogen, angesteckt vom sich Offenbaren. Der Zuschauer erfährt durch Nick von einer Scheinschwangerschaft, die möglicherweise zur überstürzten Heirat führte.

Katja Sieders Honey irrt scheinbar nur umher, bekommt nicht allzuviel mit, mehr jedoch vom Alkohol - mit Brechfolgen. Peter Wagners Nick greift sich zwar tatkräftig Martha, hätte sonst etwas mehr Profil haben können. Eine zentrale Enthüllung ist die von Martha und George lange als Geheimnis gehütete Geschichte ihres gemeinsamens Sohnes - die sich allerdings als gemeinsame Erfindung offenbart.

Im Verlauf des Stückes kommt der Zuschauer ohnehin hin und wieder ins Grübeln, ob die eine oder andere Geschichte wahr oder falsch ist. Das Abstruse der Gesamthandlung wird mit Slapstick-Einlagen, wüsten Tanzsequenzen gewürzt.

Niklas Ritters Inszenierung atmet die Brisanz des Stückes, die seit seiner Uraufführung 1962 in New York nicht verloren gegangen ist.

Martha und George gehen ins Bett. Nick und Honey sitzen auf der Couch. Ein Neuanfang? Oder beginnt eine neue alte Geschichte? Der Zuschauer hat die Wahl. Das Schauspieler-Quartett bekam auch in der zweiten Vorstellung viel ehrlich verdienten Beifall.

Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung, 10.12.2012

Kein Ende, kein Weg

Niklas Ritter inszeniert im Studio Edward Albees Klassiker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" als zeitlosen Trip in die Beziehungshölle.

Es macht die Arbeit am Theater gewiss nicht leichter, wenn ein Klassiker auf die Bühne gebracht werden soll. Die Fallhöhe ist groß, man wird als Regisseur stets nicht nur die Frage mitdenken - und beantworten müssen, warum man das jeweilige Werk jetzt inszeniert hat, sondern auch jene nach dem neuen, dem besonderen Zugang, der sich Darstellern wie Zuschauern zu dem Stoff eröffnen könnte.

Überzeugende Argumente

Am Anhaltischen Theater Dessau hat Niklas Ritter mit seiner Lesart von Edward Albees Ehe- und Gesellschaftsdrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" jetzt überzeugende Argumente gefunden.

Das Stück, vor 50 Jahren in New York uraufgeführt, ist durch die Verfilmung von Mike Nichols mit Elizabeth Taylor und Richard Burton im Jahre 1966 weltberühmt geworden und wird immer wieder aufgeführt. In Halle hatte es in der Regie von Tanja Richter 2009 Premiere - eine ebenso gelungene Inszenierung wie jene, die am Freitag erstmals im Studio des Alten Theaters in Dessau zu sehen war. Die Geschichte ist von zeitloser Brisanz, sie schildert einen Abend im Leben vom Martha und Georg, einem Ehepaar, das sich seit zwei Jahrzehnten aneinander aufreibt und selbst im Hass Routinen entwickelt hat, die vielleicht das Grausamste überhaupt in all der Hoffnungslosigkeit sind.

Schlägt einer von beiden ein neues Spiel vor, weiß der andere Partner schon, auf welche Pointe es hinauslaufen, wo er getroffen, wie er verletzt werden soll. Und immer findet das Spiel in einem Zustand des verschärften, anhaltenden Rausches statt, Martha wie Georg konsumieren geradezu unglaubliche Mengen an Alkohol.

So geht es alle Tage, kann man sich vorstellen. Auch in jener Nacht, die das Spiel beschreibt: Von einer Party schon schwer angetrunken zurück, steht frühmorgens noch Besuch ins Haus, den Martha eingeladen hat. Und Georg soll gefälligst nett zu den Leuten sein, Marthas Vater, der auch der Chef von Georg ist, wünscht es so. Georg, ein desillusionierter Geschichtsprofessor an einer zweit- oder drittklassigen Universität in der Provinz, sein Schwiegervater steht ihr als Dekan vor. Für Martha ist ihr Mann ein Versager, ein Nichtskönner, ihre Wut wird noch gesteigert durch die Gleichgültigkeit, auf die ihre Verachtung bei ihrem Mann trifft.

Schwer zu glauben, dass dieses Paar ein Liebespaar gewesen sein soll. Allein der Umstand, dass sich zumal Martha mit aller Kraft an die Legende eines Kindes klammert, das sie und Georg angeblich haben, lässt ahnen, dass es einst, vor dem übermächtigen Hass, noch ein anderes starkes Gefühl in dieser Beziehung gegeben haben muss.

Der Regisseur Niklas Ritter und seine Darsteller Julian Mehne (Georg), Anne Lebinsky (Martha), Katja Sieder (Honey) und Peter Wagner (Nick) zeigen Albees Hölle auf eine überraschend entspannte, spielerische Weise.

Distanz schärft den Blick

Anfangs treten beide Paare, sowohl die altgedienten Ehekrieger als auch der junge Karrierist Nick und seine scheinbar unbedarfte Frau Honey, in Rokoko-Kostümen und Perücken auf. Das schafft Distanz und nimmt dem, was hier verhandelt wird, doch nichts an Schärfe. Offensichtlich schwer betrunken, versuchen Martha wie Georg, über die Lehne des Sofas den Schauplatz des Dramas zu entern, zeitlupenhaft zieht der jeweils andere seinen Partner wieder zurück.

Schließlich kommt die Handlung doch in Fahrt, Georg wird Drink um Drink für seine Frau mixen, der Wohnraum der Beiden besteht aus nichts als dem Sofa und einer gigantischen Bar (Ausstattung: Bernd Schneider). Bald wird sich zeigen, dass die Anwesenheit Dritter weder Martha noch Georg irgendwelche Zwänge auferlegt. Nick und Honey müssen mitspielen: Honey, die sich ein Kind wünschte und Nick mit einer vorgeblichen Schwangerschaft als Mann gewann, betrinkt und erbricht sich, Nick wird zu vorgerückter Stunde mit Martha in einem Nebenraum verschwinden und Sex mit ihr haben.

Da sind die putzigen Perücken und Kostüme längst abgelegt, überhaupt sind alle vier jetzt wie nackt. Nick und Honey sind nicht anders als Georg und Martha, sie werden den gleichen Weg gehen. Und es wird kein Ende nehmen. Im Guten nicht. Und nicht im Schrecken.

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