Anhaltisches Theater Dessau
Vorschau221. Spielzeit 2015/16

Schauspiel

Winterreise

von Elfriede Jelinek

»Was zieht da mit, was zieht mit mir mit, was zieht da an mir?« Mit ihrem Text Winterreise hat die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek 2011 eine Hommage auf ihren Lieblingskomponisten Franz Schubert vorgelegt – und damit zugleich auch auf den Dessauer Dichter Wilhelm Müller, von dem die Verse für den gleichnamigen Liederzyklus stammen. Dabei ist der Text, wie immer bei der wohl erfolgreichsten deutschsprachigen Dramatikerin der Gegenwart, alles andere als eindeutig und linear. Elfriede Jelinek verhandelt das Private – etwa das spannungsgeladene Verhältnis zu ihrer Mutter oder die Demenz ihres Vaters ebenso wie das Politische, beispielsweise den Skandal um den Verkauf der österreichischen Bank Hypo Alpe Adria. In diesem labyrinthischen Gebilde, das im Jahr seiner Uraufführung mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und seither mehr als 20 Mal inszeniert wurde, muss jeder Regisseur seinen eigenen roten Faden finden. Das Leitmotiv des Fremdseins, das Wilhelm Müller mit seinen berühmten Anfangszeilen »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus« etabliert hat, ist dabei gewiss ein hilfreicher Fingerzeig – ebenso wie die Figur des Leiermannes, den der Dichter im Finale als seinen einzigen Weggefährten auf einsamer Wanderung ausmacht. »Fremd eingezogen, fremd ausgezogen, die Leier drehend, immer dieselbe Leier, immer dasselbe?«, heißt das bei Jelinek – eine traurige Befragung der eigenen literarischen Arbeit und ein schonungsloser Blick auf die Ziellosigkeit der menschlichen Lebenswanderung.

Inszenierung und Ausstattung Frank de Buhr