Turandot

Dramma lirico in drei Akten von Giacomo Puccini

Prinzessin Turandot wird nur einen Prinzen heiraten, der drei von ihr gestellte Rätsel lösen kann. Wer das nicht vermag, wird geköpft. Mit diesem grausamen Gesetz nimmt Turandot späte Rache für das Schicksal einer Vorfahrin, die einst von einem fremden Mann vergewaltigt worden war.

TONAUSSCHNITTE
Szene der Liù: »Tu che di gel sei cinta«
Arie des Kalaf: »Nessun Dorma«
Arie der Turandot: »In questa reggia«
Schluss: »Diecimila anni«
Ausführende: siehe nebenstehende Besetzung

13 junge Königssöhne mussten bereits sterben. Auch Prinz Calaf ist von Turandots Schönheit bezaubert. Er bewirbt sich und löst die drei Rätsel, doch Turandot weist ihn trotzdem von sich. Calaf will Turandot nicht zwingen, sondern gibt ihr seinerseits auf, bis zum nächsten Morgen seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Vermag sie es, so will er sterben. Mit Gewalt versucht Turandot, von Liù – einer Sklavin, die Calaf liebt – den Namen zu erfahren. Liùs Freitod aus Liebe erschüttert Turandot, doch erst Calafs Küsse machen auch sie zur liebenden Frau. Puccinis letzte Oper verbindet Bombastisches mit Intimen, Tragisches mit Komödiantischem. Es geht um Macht und Machtdemonstration, den ewigen Kampf der Geschlechter und die große Liebe. Mit viel Ironie und Spielfreude verbindet Andrea Moses die verschiedenen Charakteristika dieses Werkes zu einem Medienspektakel im Turandots Riddle Club.

Aufführungsdauer: ca. 2h 30', 1 Pause

NEUEINSTUDIERUNG DER PRODUKTION DES NATIONALTHEATERS WEIMAR

Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung Andrea Moses
Ausstattung Christian Wiehle
Choreinstudierung Helmut Sonne
Dramaturgie Michael Dißmeier / Heribert Germeshausen
Turandot KS Iordanka Derilova
Timur Pavel Shmulevich
Kalaf Sergey Drobyshevskiy
Liù Angelina Ruzzafante
Ping Wiard Witholt
Pang Angus Wood
Pong David Ameln
Altoum Klaus Gerber
Ein Mandarin Christian Most / Adam Fenger
Der junge Prinz von Persien Daniel Derilov
Chor-Solo I Jagna Jedrzynska-Rotkiewicz / Jeannette Spexárd
Chor-Solo II Kristina Baran / Gerit Ada Hammer
Opernchor des Anhaltischen Theaters
Extrachor des Anhaltischen Theaters
Mitglieder des Coruso Chores e. V.
Mitglieder des Kinderchores
Anhaltische Philharmonie

PRESSESTIMMEN

Herbert Henning, Orpheus 11/12 2010

Dessau
Mörderische Rätsel-Show

Als Neueinstudierung der Inszenierung am Nationaltheater Weimar stellte ANDREA MOSES am Anhaltischen Theater ihre Sicht auf Puccinis Oper TURANDOT vor und wurde vom Publikum wie auch das herausragende Sängerensemble, Chor und Anhaltische Philharmonie unter ANTONY HERMUS gefeiert. Nichts von exotischer fernöstlicher Nostalgie auf der Bühne. Akribisch genau in der Personenführung inszenierte Moses die Story von der „eisumgürteten“ Prinzessin als eine mörderische Quiz-Show, in der eine sich über und mit dem Tod amüsierende Spaßgesellschaft einen Macht- und Geschlechterkampf erlebt. Die Szenerie mit den unisono in Schwarz/Weiß gekleideten Massen (Bühne und Kostüme; CHRISTIAN WIEHLE) erinnert an eine (Kampf-)Arena oder ein TV-Studio. Turandot hat als femme fatale alle Fäden und den todbringenden Dolch in der Hand. Unter dem frenetischen Jubel des auf den Traversen sich amüsierenden „Volk von Peking“ meuchelt sie eigenhändig den smarten Prinz von Persien, eh sie sich mit laszivem, provokantem Charme auf der Showbühne dem unbekannten Prinzen Calaf zuwendet.

Das Quiz wird zum mörderischen Showdown. Man erlebt einen Kampf auf Leben und Tod. Vom furiosen Beginn bis zum Finale trägt mit leidenschaftlichem Musizieren das Orchester musikalisch den Abend. Der Dirigent arbeitet die Melodiengewalt der Oper überzeugend heraus, profiliert das Spiel einzelner Instrumentengruppen, macht das Chinesische der Partitur in vielen Feinheiten hörbar. Dieses hohe musikalische Niveau bestimmt auch die Leistungen des Sängerensembles mit einer im Dramatischen wie Lyrischen überragenden IORDANKA DERILOVA als Turandot, die im schwarzen Cocktail-Kleid wie eine „schwarze Witwe“ ihre großen Auftritte hat.

SERGEY DROBYSHEVSKIY ist in diesem Geschlechterkampf ein Partner auf „Augenhöhe“, strahlend sein „Nessun dorma“, ausdrucksstark sein Spiel. Berührend in ihrer bedingungslosen Liebe ist ANGELINA RUZZAFANTE die Liu an der Seite von PAVEL SHMULEVICH als blinder Timur, Als Spielmacher fungieren WIARD WITHOLT, ANGUS WOOD und DAVID AMELN als Ping, Pang und Pong. Die von HELMUT SONNE geführten Chormassen präsentieren sich einmal mehr mit Klangwucht und in der Bewegungschoreografie sehr differenziert geführt.

Dieter Bub, www.kultur-info.eu / www.berlin-kulturtip.de, 10.11.2010

TURANDOT IN DESSAU   Das ist eine der besten Opernempfehlungen der Saison – anderthalb Zug- oder Autostunden von Berlin entfernt. In Dessau: der Weg lohnt. Ein großer Abend in der „Provinz“, die nicht selten mehr Erlebnis bereit hält als die Kopfgeburt-Experimente, die der „Holländer“ in der Börse als Schauplatz an der Deutschen Oper oder die „Turandot“ vor ein paar Jahren an der Staatsoper unter den Linden. Was damals Doris Dörrie inszenierte mit einem überdimensionalen Handy und mit einem Ende der Prinzessin und ihrem Eroberer in einer Plattenbausiedlung war effektvoll, irritierend und langweilig.   In Dessau wird „Turandot“ aufregend spannend, ergreifend und mit hoher musikalischer Qualität gezeigt. Das Anhaltische Theater in seinem mächtigen Wagner – Opernbau mit schmalem Etat bringt ein großes Kunststück fertig. Das Bühnenbild – modern in einer Arena, in der sich eine weißgekleidete Event-Gesellschaft mit Golfschlägern in Turandots Riddle Club vergnügt und sich an den Mordritualen der Kaltherzigen delektiert. Der Chor – von hoher Qualität - und Ensemble in der Inszenierung von Andrea Moses bewegt geführt. Die Solisten mit Iordanka Derilova in der Titelpartie stimmlich außerordentlich dramatisch, Sergey Drobyshevskiy als Calaf bemerkenswert und von großer Ausstrahlung Angelina Ruzzafante als Sklavin Liu. Das Anhaltische Theater nutzt die stimmlichen Potentiale vor allem aus dem Osten Europas.   Und das Orchester unter Antony Hermus bestens dramatisch aufgelegt.   „Turandot“ in Dessau großer Jubel.   Große Oper für kleines Geld – auch beim Vergleich der Kartenpreise.   Einst gab es von der deutschen Hauptstadt aus einen lebhaften Opernbesuch in Dresden, Leipzig, Meiningen – und Dessau.   Es lohnt sich auch heute!  

Dr. med. Henning Friebel, Ärzteblatt Sachen-Anhalt, November 2010

Auch wenn man diesem Land noch keinen Besuch abgestattet hat, China, das Land der aufgehenden Sonne hat sich verändert. Kenner sagen, es ist amerikanisch geworden. Hektik und Business bestimmen den Alltag. Der Grundgedanke von Andrea Moses Inszenierung der Oper ,,Turandot“ von Giacomo Puccini am Anhaltischen Theater in Dessau spiegelt die Veränderung wider, versucht die Wandlung sich zu Eigen zu machen. Keine Trippelschritte, keine kleinteilige Interpretation der Musik durch den GMD Anthony Hermus. Das vermeintliche asiatische Klischee wird nicht bedient! Der alte König ist z. B. von der Amerikanisierung so begeistert, dass er die wenigen Dinge, die er zu singen hat, es im Kostüm des legendären Ölmulti G.R. Ewing tut, natürlich geschmückt mit einem feschen Texanerhut.

Christian Wiehle (Bühne und Kostüme) stellt eine Stahlkonstruktion auf die Bühne, die Assoziationen zum Fernsehstudio von Günter Jauchs „Wer wird Millionär“ herstellt. Der Eindruck verstärkt sich, als der fremde Prinz die Fragen der Prinzessin Turandot beantwortet. Die Geschichte, sicher bekannt, wird logisch und verständlich erzählt. Die Verhaltensmuster des Volkes entsprechen Erfahrungswerten, auch dann, wenn in Turandot's Riddle Club junge Männer mit den abgeschlagenen Köpfen der Vorbewerber Golf spielen. Dient so etwas als Vorbild oder als Abschreckung in einer beispielgebenden Kultureinrichtung? lordanka Derilova ist eine machtbesessene Turandot, im äußeren Erscheinungsbild an Marylin Monroe erinnernd, mit einer fantastischen Stimme und einer absolut überzeugenden Darstellung. Ein Genuss, ihr zuzuhören. Sergei Drobyschewski ist der fremde Prinz Kalaf, der ein hohes Maß an Gelassenheit ausstrahlt. Er ist von seinem Sieg überzeugt, nicht zuletzt durch sein sensibles Eingehen auf die Macken der Prinzessin.

Stimmlich erste Sahne! Ebenso Angelina Ruzzafante, die als Sklavin Liu viel Leid auf sich nimmt und glücklos enden muss. Ping (Wiard Witholt), Pang (Angus Wood), Pong (David Ameln) sind keine verschlagene Intriganten, wohl aber Menschen, die in jedem System nur ihre Pflicht tun. Die Rechtfertigung für jedwede Grausamkeit. Sie gestalten ihre Rollen mit viel hektischer Bewegung und angemessenen Gesang. Großes Lob dem hervorragend einstudierten Chor (Helmut Sonne), der mit bravourösen Leistung aufwartet. Auch alle anderen Rollen fügen sich in die beeindruckende Inszenierung ein und runden das positive Bild ab. Antony Hermus führt seine Anhaltische Philharmonie mit viel Elan und Impetus zum Erfolg. Das fernöstliche Kolorit geht dabei verloren. Das Premierenpublikum belohnte Sänger, Chor, Orchester und alle an der Aufführung beteiligten mit wohlverdientem, stürmischem Applaus.

Ingo Dorfmüller, Opernwelt, November 2010

Blick in die (Medien-)Zukunft

Eine geläufige moderne Deutung von Puccinis „Turandot“ geht so: Turandot, die „eisumgürtete Prinzessin“ ist eine tief traumatisierte Frau, ihre Erzählung von der einst geschändeten Ahnin verweist auf eigene Missbrauchserfahrungen, aus ihnen speist sich ihr mörderischer Männerhass. Calaf heilt sie, indem er sich ihr bedingungslos ausliefert. Das ist ein therapeutischer Prozess, an dessen Ende Turandot Liebesfähigkeit und Lebensfreude wiedergewinnt. Doch an dieser Geschichte stimmt etwas nicht: Denn was für eine Liebe ist das, wenn Calaf ihrer Verwirklichung bedenkenlos Menschenleben opfert, darunter das der ihm liebend ergebenen Sklavin Liù und des eigenen Vaters?

Schon wenn Calaf der Prinzessin erstmals gegenübertritt, entfaltet sich kein duettierendes Mit-, sondern ein kompetitives Gegeneinander. In Wahrheit – das arbeitet Michael Dißmeier in seinem Dessauer Programmheftessay schlüssig heraus – geht es nicht um Liebe, sondern bis zuletzt um Macht. Die Widersprüche des Stücks lösen sich bei dieser Betrachtung: Calafs Hingabebereitschaft ist nichts als ein psychologischer Trick, das ultimative Mittel zum Zweck – der Eroberung Turandots. Er sagt es selbst: „Und wenn die Welt zugrunde geht – ich will Turandot!“ Die Nähe zu Gabriele d' Annunzios faschistoidem Übermenschen-Konzept – frei nach Nietzsche – ist unübersehbar.

Regisseurin Andrea Moses zieht aus diesen Überlegungen die Konsequenz: Sie inszeniert einen Schaukampf, ausgetragen vor Publikum in einer Art Fernsehstudio. Dass er tödliche Konsequenzen hat (zu Beginn spielt man mit dem Kopf des Prinzen von Persien, Turandots letztem unglücklichem Freier, Fußball), wird von unserer Medienrealität noch nicht gedeckt – und diese Inszenierung ist nicht die erste, die eine solche Perspektivenverlängerung wagt. Man braucht nur an Wolfgang Menges Fernsehfilm „Millionenspiel“ aus den siebziger Jahren zu denken, wo die Kandidaten einer Fernseh-Show ihr Leben einsetzen mussten, um den ausgesetzten Preis zu gewinnen.

Nicht anders auf der Dessauer Bühne, in „Turandots Riddle Club“, einer Art tödlichem Amüsierbetrieb der Konkurrenzgesellschaft. Es sind Medienfiguren, die hier aufeinanderstoßen: Calaf, scheinbar schüchtern und linkisch, und doch zutiefst überzeugt von sich (er lässt ein wenig an den britischen Handy-Verkäufer Paul Potts denken, der mit dem Auftritt in einer Fernseh-Show berühmt wurde, eben mit Calafs „Nessun dorma“). Sein Gegenüber ist eine Mediendiva, die vom großen Auftritt aus der Tiefe des Raums an sämtliche Register von kühl-distanzierter Damenhaftigkeit bis zum hysterischen Exzess zieht: Mit blonder Mahne, kurzem Rock und auf gefährlich hohen Stöckeln gleicht sie auffallend Marisa Paredes, der großen Diva in Pedro Almodóvars Film „High Heels“ (der in Deutschland, wie passend, den Untertitel „Die Waffen einer Frau“ trug). Einmal nur kommt der Betrieb zum Stillstand: beim Selbstopfer Liùs, mit dem sie Calafs Leben rettet. Die Liebe ist Sand im Getriebe dieser Welt, das wahrhaft Fremde, Unverfügbare. Es wird rasch beiseite geschoben, the show must go on.

Die Inszenierung stammt aus Weimar, wurde aber für Dessau völlig neu einstudiert. Sie ist darstellerisch bis ins Detail genau gearbeitet: bei den Hauptfiguren ebenso wie bei Nebenrollen, etwa den Ministern Ping, Pang und Pong, die Andrea Moses sehr effektvoll als Standup-Comedians in Szene setzt, bis hin zu Chor und Statisterie. Durchweg gute und zutreffende Leistungen bietet das Ensemble, doch muss hervorgehoben werden, dass Iordanka Derilova auch vokal eine fesselnde Turandot ist, mit schier unerschöpflichen Reserven für machtvoll attackierte Spitzentöne, aber eben auch Farben, lockenden oder harsch gebietenden Tönen, die den Wechsel der Strategien im Machtkampf vokal beglaubigen. Sergey Dobryshevsky als Calaf bietet eine baritonal fundamentierte Stimme, kraftvolle Spitzentöne, verbunden durch eine etwas aufgeraute und weniger leicht ansprechende Mittellage. Anfänglich etwas hart in der Tongebung, dann aber aufblühend und ungemein anrührend Angelina Ruzzafante als Liù. Auch gesanglich exquisit und treffsicher das Ministerterzett, Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln. Die von Helmut Sonne ausgezeichnet einstudierten Chöre waren präzise und von geradezu niederschmetternder Wucht. Die Anhaltische Philharmonie zeigte sich in Hochform, und der junge GMD Antony Hermus steuerte den großen Apparat nicht nur sicher und mit untrüglichem Theaterinstinkt, sondern wusste auch die Besonderheiten der Partitur, die scharfen Kontraste, die disparate Instrumentation (speziell bei den Bläsern) ins rechte Licht zu setzen. Es war also auch musikalisch kein gemütlicher Abend, der vom Publikum dennoch mit Ovationen entgegengenommen wurde.

Alexander Hauer, www.musenblaetter.de, 15.10.2010

Turandot, Puccinis letztes, unvollendetes Werk erlebte in Dessau eine glanzvolle Premiere. Unter der musikalischen Leitung von Antony Hermus erstrahlte aus dem Graben die Anhaltische Philharmonie mit orientalischem Goldglanz. Auf der Bühne gesellte sich zu den überragenden Stimmen ein neues Juwel hinzu: Sergey Drobyshevskiy als Calaf. Seine Interpretation des unbekannten Prinzen stellt so manche beliebte Studioaufnahme in den Schatten. Kongenial seine Gegenspielerin und Objekt der Begierde Iordanka Derilova. Das „Stimmwunder“ von Dessau wurde von Angelina Ruzzafante als Liu und Pavel Shmulevich als Timur vervollständigt. Expressive Dramatik auf der einen Seite, auf der anderen, zarte Lyrismen prägten die beiden Sopranpartien. Pavel Shmulevich gab mit scheinbar unergründlich tiefem Bass den alten König Timur. Wiard Withold, Angus Wood und David Ameln waren ein erfrischendes Hofschranzengespann Ping, Pang und Pong. Adam Fenger überzeugte mit sonorem Bariton als Mandarin. Klaus Gerber interpretierte den Kaiser Altoum als altersschwachen, gebrochenen Mann. Der Chor unter der Leitung von Helmut Sonne , verstärkt durch Mitglieder des Coruso Chores aus Berlin, agierte als textverständlicher und beweglicher Klangkörper, an dessen sängerischer Raffinesse sich mancher Opernchor aus größeren Häusern messen lassen muss.
Allein diese Konstellation, dieses musikalische Juwel, jener Hochgenuss der italienischen Oper, würde reichen um einen Besuch in Dessau für eine konzertante Oper zu rechtfertigen. Aber ein Opernabend ist mehr als ein Konzert. In Dessau kam zu der Musik auch eine überragende Inszenierung dazu.
Andrea Moses, die für ihren „Lohengrin“ eine Faustnominierung erhielt, brachte in Dessau ihre Weimarer Turandot in einer Überarbeitung heraus. Turandot ganz ohne Chinoiserien, ganz ohne Drachen, Phönixe und Einhörner. Die Ausstattung von Christian Wiehle verbannte in der Konzeption Andrea Moses‘ alles Asiatische von der Bühne. Das Volk von Peking mutierte zu einer entmenschlichten Gesellschaft, die nur noch für den Kick lebt. In einer, einem Fernsehstudio nicht unähnlicher Arena hält Turandot, die Showmasterin ihr großes Quiz ab. Der Einsatz ist hoch, wenn die drei Fragen nicht korrekt beantwortet werden, droht der Tod. Der Preis ist dem ebenbürtig, ein Leben an der Seite von Turandot. Und ähnlich dem Publikum von beliebten Castingshows wie DSDS, X-Faktor, etc. giert es auch in „Turandot’s Riddle Club“ nach dem Scheitern der Kandidaten. Eine elitäre Gesellschaft, ganz in schwarz-weiß, den beiden Trauerfarben der östlichen und der westlichen Welt gekleidet, erhält mit VIP-Pass Zutritt zur Arena. Das einfache Volk, die Underdogs, die Gescheiterten, von Wiehle in schmuddeliges Grau gekleidet, bleiben unter dem Spott der Elite außen vor. 
Calaf ist bei Andrea Moses nicht der strahlende Held, sondern ein liebesunfähiger Egoist. Genau wie Turandot ist auch er bereit, über Leichen zu gehen, wenn er seine Wünsche und Befindlichkeiten durchsetzen will. Alle, die ihm zu Beginn der Oper lieben, sein Vater Timur und die Sklavin Liu, sind am Ende der Oper tot. Deren Sterben hat nur einer zu verantworten: Calaf. Und an diesem Punkt setzt die geniale Inszenierung Andrea Moses an. Es geht nicht um fehlgeleitete Liebe zwischen zwei Menschen, ihr geht es um zwei Übermenschen Nietzscher Prägung. Aus diesem Blickwinkel heraus liest sich die Partitur der Turandot wie eine Anleitung zur Schaffung eines Superhelden: Das Fehlen von Gefühlen, die Verleugnung von Liebe, die Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber, der Wunsch im Mittelpunkt zu stehen und vor allem die Stilisierung des Ichs werden aus dir einen Superstar, hier den neuen Kaiser von China, machen. 
Andrea Moses mischt die Zeiten in ihrer Turandot. Die Grundlage ist die Entstehungszeit der literarischen Vorlage. Im 18.Jahrhunderts tauchte die persische Erzählung(Haft paikar-Sieben Schönheiten, Nizami um 1140-1209) von der grausamen Prinzessin in Paris auf. Zu einer Zeit in der Exekutionen, Folter, etc. durchaus auch noch einen Unterhaltungswert hatten. Die Welt William Shakespeares war noch nicht so weit entfernt, der Pariser Hof bot genügend Platz für Intrigen und Skandale. Die zweite Zeitebene ist die der Entstehung der Oper. Zeitgleich zu Puccinis Alterswerk entstanden Freuds Traumdeutung, Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ aber auch Schlagerschmonzetten wie „Leila“ (Leila, küsse mich und quäle mich, denn ich liebe nur dich). Die dritte Ebene ist unsere Zeit, die durch wachsende Brutalität, ansteigenden Egoismus und einer erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber Dritten geprägt ist.
Dies Alles wird von Andrea Moses ohne moralisierende Haltung dargestellt, sie weist keine Schuld zu, sie spiegelt nur das Tagesgeschehen in überzeichneter Form.
Am Ende, wenn Turandot und Calaf zusammengekommen sind, wenn das Volk von Peking im Siegestaumel die Penner ermordet hat, knien die beiden Protagonisten am Bühnenrand und bedrohen sich in sexueller Verzückung gegenseitig mit Messern.
Der Abend endete unter frenetischen Beifall für Sänger, Chor, Orchester und das Regieteam. Ein tobendes Haus, das den Premierenabend auch schon mit Szenenapplaus bedachte, steigerte sich in einen schier unendlichen Beifall.
Sachsen Anhalt und die Stadt Dessau besitzen in ihrem Theater einen Kulturort auf den so manches „erste“ Haus dieser Republik neidvoll schauen sollte. Für diese Turandot vergebe ich uneingeschränkt 5 Sterne, aber nur weil ich keine 6 vergeben kann.
Die weiteste Anreise lohnt sich, und wer dann das „Chinesische“ immer noch vermisst, kann danach gerne in den „Goldenen Drachen“ essen gehen.

Joachim Lange, www.kultiversum.de, 10.09.2010

Andrea Moses macht aus Puccinis «Turandot» ein atemberaubendes, in sich stimmiges und obendrein höchst aktuelles Stück Musiktheater. Die Weimarer Erfolgs-Inszenierung wird jetzt vom Anhaltischen Theater Dessau übernommen.
Beschreibung: Fernöstlich entrückt und blutrünstig ohne Gleichen, lässt Prinzessin Turandot reihenweise die Freier köpfen, die ihre Rätsel nicht lösen können. Calaf gelingt es, die Rätsel zu lösen. Er will aber obendrein ihre Kälte überwinden und ihr Herz gewinnen. So stellt er ihr die Gegenfrage nach seinem Namen. Dass Turandot bei dem Versuch, den herauszubekommen, im wahrsten Wortsinn über Leichen geht, macht das Happyend am Ende problematisch. Bei Andrea Moses ist der Umgang Turandots mit ihren Freiern eine große Show, die jeden Respekt vor dem Leben eines Menschen hinter sich gelassen hat. Mitten in unserer durchmedialisierten demokratischen Gesellschaft ist Turandot ein Superstar, der sich sogar «echte» Tote leistet, damit die Quote stimmt. Bewerber, die ihren eigenen Tod geil finden und mit denen die Showqueen ein erotisch aufgeladenes Katz- und Mausspielchen veranstaltet, bevor sie ihnen das Messer an die Kehle setzt, gibt es genug. Dieser Faszination einer manipulierenden Macht erliegt auch der ehrgeizige Calaf. Für ihn macht Macht erotisch, er ist (hier) keinen Deut «besser» oder menschlicher als Turandot. Er will selbst diesen Job und ist dafür zu allem bereit. Das Happyend wirkt in dieser Inszenierung als Kompromiss bei der Teilung der medialen Top-Position überraschend schlüssig.
Bewertung: Andrea Moses erzählt die Geschichte so, dass sie von jedem Verdacht eines folkloristischen Kostümschinkens freigesprochen wird. Turandot ist ein Thriller über Manipulation und bei dieser Regisseurin so gearbeitet, dass alle Protagonisten ihre darstellerischen Fähigkeiten voll entfalten können.

Christian Wildhagen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.10.2010

Messer an der Kehle

Am Ende war der Tod der liebenden Frau ganz umsonst. Denn dieser Tenor-Prinz, ein Biedermann als Macho, geht buchstäblich über Leichen. Um im Geschlechterkampf Sieger zu bleiben, spielt er mit dem Feuer und offenbart dem seiner Lust jenes Geheimnis, um dessentwillen eine andere soeben ihr Leben geopfert hat: seinen Namen. Die Begehrte indes zeigt sich wenig beeindruckt – und setzt dem Prinzen das Messer an die Kehle! Bei ihrer Dessauer Inszenierung, die in Koproduktion mit dem Nationaltheater Weimar entstand, formt Andrea Moses den heiklen Schluss von Puccinis letzter Oper zu einem beispiellosen Showdown zwischen dem eiskalten Siegertypen Kalaf und der nicht minder eisigen Turandot. Für Liebe ist da kein Platz. Es geht um Macht, denn wer die Macht über den anderen gewinnt, hat auch dieses Rätselspiel auf Leben und Tod für sich entschieden. Andrea Moses, die ab 2011 als rechte Hand von Jossi Wieler den Neuanfang der Stuttgarter Oper mitgestalten soll, geht mit dieser fesselnden Lesart weiter auf dem Weg, den sie mit ihrer ersten Dessauer Operninszenierung, dem mittlerweile für den „Faust“-Preis nominierten „Lohengrin“, einschlug: Sie dreht die Werke nicht durch den Wolf eines aufgepfropften Regiekonzepts, sondern denkt deren Schlüsselszenen radikal zu Ende. „Turandot“ als Quizshow, Kalaf als Paul-Potts-Verschnitt – das liegt fast schon zu nahe. Doch wie hier die fernsehglatten Oberflächen unversehens aufbrechen und sich die Killer-Instinkte aller Beteiligten offenbaren, lässt den Atem stocken. Antony Hermus, der neue Generalmusikdirektor, verstärkt die Spannung noch durch sein explosives Dirigat, und auf Ensemblemitglieder wie Iordanka Derilova und Sergey Drobyshevskiy in den mörderischen Hauptpartien dürfte manch größeres Haus neidisch schauen.

Irene Constantin, Neues Deutschland, 28.09.2010

Blut, unsichtbar

Turandot's Riddle Club« ist eine einzige große Show. Die ganz Schönen und fast ganz Reichen sind dort unter sich. Underdogs, die vor den Toren lungern, werden nicht mit dem Baseballschläger abgewehrt, sondern mit edlem Golfgerät. Die Rätsel sind auch nicht der eigentliche Kick. Man gefällt sich im Ekel-Dandytum, spielt mit abgeschlagenen Köpfen Fußball und lässt sich auch mal gern in Schönheit erdolchen. Blondmähnig wie Marilyn, sportiv wie Madonna, im schwarzen Glitzerkleid unter samtenem Henkersmantel, hantiert die Königin des Clubs mit ihrem Dolch. Flecken macht das alles nicht auf den von Christian Wiehle erdachten arenaförmigen Showtheater-Rängen oder den schicken weißen Kostümen. Man tut ja nur so. Oder hat Regisseurin Andrea Moses das Theaterblut aus ästhetischen Gründen der Fantasie der Zuschauer anheimgegeben und es ist doch alles letaler Ernst? Man weiß es nicht. Wer weiß auch schon, wo er aufwacht nach 72 Stunden Party?
Calaf will rein in diesen Club und nicht nur das, er will der Größte werden. Die Sentimentalitäten der plötzlich auftauchenden Reste seiner Familie, Liu und der Vater, stören ihn nur, mit Mühe bliebt er höflich. Was selbst die beinahe netten Zyniker Ping, Pang und Pong und den Rest des Clubs für einen Moment in seiner nie erlebten Gefühlsechtheit rühren kann, Lius opferbereiter Liebestod, lässt ihn kalt. In dem Punkt versteht er sich mit Turandot. Und er kriegt sie ganz, weil er clever erahnt, dass Turandot in ihm – wie er in ihr – den ebenbürtigen Partner erkennt. Er hat keine Angst vor ihrem an seinem Hals entlangstrichelnden Dolch. Papa Altoum, gehobener Texaslook in Cremeweiß, ist zufrieden. Der makellos singende und noch im kollektiven Rausch individualisiert spielende Chor hat einen neuen Vorturner.
Nichts kann stimmiger sein als diese Inszenierung. Puccinis letzte Oper muss einfach so aussehen, wie sie bei Andrea Moses und Christian Wiehle aussieht, jede pseudo-chinesische Verkleidung wird in Zukunft nur noch albern wirken. Das ganze Stück ist ein Spiel mit abgefeimten Gewaltfantasien, ob in Fernost oder Mittelwest bleibt sich in hermetischen Nächten gleich.
Für die aufpeitschenden schwarzen Klangfantasien sorgt die geradezu unheimlich aufspielende Anhaltische Philharmonie unter Anthony Hermus. Ob er den pseudochinesischen Singsang des wunderbaren Kinderchors zart untermalt, das perfekt singende und spielende Ping-Pang-Pong-Trio an der Grenze zur musikalischen Parodie spazieren führt, den grandiosen Sergej Drobyschewsky beim »Nessun dorma« auf seinem Klangteppich geradezu davonfliegen lässt, Angelina Ruzzafantes sentimental-gefühlvolle Liu-Töne noch inniger klingen lässt oder der lodernd auftrumpfenden Iordanka Derilova in der Titelpartie rasant Feuer gibt, Hermus tut immer das genau Richtige und gleichzeitig das Äußerste.
Diese mit Weimar koproduzierte Inszenierung ist unverkrampft großes und zeitgemäßes Musiktheater und hat in Dessau durchweg erstklassige Protagonisten gefunden. Diesem Haus den Finanzmangel-Strick um den Hals zu legen, würde einen gigantischen Kulturverlust bedeuten. Auf der Heimfahrt dann, im Autoradio eine kleine Meldung, dass ein dem Doping freundlich zugeneigter Sportbund in Deutschland mit genau den Steuermillionen finanziert wird, die das Theater auf sichere Wege geleiten könnten. Aber man muss die deutsche Geld-Welt nicht verstehen.

Deutschlandfunk, Musikjournal 27.9.2010 (Audio)

Ausschnitt aus der „Studiozeit”, Kritik von Ingo Dorfmüller

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.09.2010

Anhaltisches Quiz
Eine mörderische Quiz-Show

Es war vor drei Jahren, als ein Underdog die Welt zu Tränen rührte - dank einer Melodie von Giacomo Puccini, die sich eigentlich nicht für eine Castingshow eignete. Doch als Paul Potts sein "Nessun dorma" in "Britain's Got Talent" schmachtete, wurde nicht nur die hart gesottene Jury schwach. Spätestens im Telekom-Werbespot sprengte das Bravourstück jedes Tenors dann alle Genregrenzen. Was also läge näher, als die "Turandot" in jenes Genre zu verlegen, in der sie damit gelandet war? Genau dies tut Andrea Moses mit ihrer Inszenierung, die nach einer ersten Version am Deutschen Nationaltheater Weimar nun ihre umjubelte Premiere am Anhaltischen Theater Dessau feierte.

Schreckliche Spaßgesellschaft

Man durfte am Samstag über die musikalische Qualität wie über die dramaturgische Konsequenz des Abends staunen, das eigentliche Wunder aber war die Publikumsreaktion. Ein Jahr nach ihrem "Lohengrin"-Debüt, das von hartnäckigen Buh-Rufern skandalisiert worden war und inzwischen für den Deutschen Theaterpreis "Faust" nominiert ist, konnte sich die Regisseurin diesmal fast einhellige Zustimmung abholen. Und dabei ist ihre "Turandot" keineswegs moderater als ihre Lesart des Wagner-Werks. Aber die Radikalität, mit der sie die Geschichte einer grausamen Spaßgesellschaft erzählt, wird vor Ort inzwischen mit Spannung und Interesse quittiert.

Gespielt wird am Hofe der "Principessa di morte" mit höchstem Einsatz: Wer ihre Rätsel nicht lösen kann, bezahlt mit seinem Leben. Dass aber das Volk in "Turandot's Riddle Club" jubelnd die Emporen füllt, wenn sie einem weiteren Freier die Kehle durchschneidet - das ist die eigentliche Perversion dieses schrecklichen Märchens. Die logische Konsequenz liegt daher im Wechsel der Fronten, als die schwarze Witwe zur weißen Braut werden soll: Die Masse ist nun auf Seiten des Siegers Calaf, der seinen Triumph seinerseits mit einer Rätselfrage krönt - und sich von der faschistoid uniformierten Menge als ihr neuer Führer feiern lässt.

Mit ihrem Ausstatter Christian Wiehle findet Andrea Moses eine Fülle von Details, die ihre Lesart bekräftigen. Das kollektive Warmup und die Cheerleader, die zum Siegeszeichen gestreckten Arme und die zur Waffe umgewidmeten Golfschläger - all dies sind Zeichen einer dekadenten Zeit, die das Quiz auf Leben und Tod als ultimativen Kick versteht. Dass die Betonung des Spiels nicht nur den Ernst der Lage steigert, sondern auch für Momente der Komik sorgt, ist die große Kunst dieses Abends. Es darf gelacht werden - und das macht alles noch viel schlimmer.

Das zeigt sich vor allem in den Figuren der Hofschranzen Ping, Pang und Pong, die Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln als fideles Trio von Spielmachern und Strippenziehern zeigen. Schnaps und Kokain helfen ihnen dabei, den letzten Rest von Gewissen zu betäuben - und selbst der Kaiser (Klaus Gerber) tanzt nach ihrer Pfeife. Diesen aalglatten Männern mit ihren perfekt sitzenden Anzügen und Stimmen muss der Einbruch des Elends in Gestalt von Timur (Pavel Shmulevich) und Li (Angelina Ruzzafante) wie eine pure Provokation erscheinen - zumal beide ihre verletzliche Unschuld auf höchstem sängerischen Niveau verteidigen. Diese Fremden sind in das Modell der betäubten Society nicht integrierbar, an ihren echten Gefühlen zerbricht das Talmi-Pathos - und folgerichtig werden ihre Wiedergänger am Ende von grausamen Kindern hingerichtet. Da bewirbt sich die nächste Generation um die Rolle der Turandot ...

Müde Boxer im Clinch

Die ist zu diesem Zeitpunkt bereits vakant: Überwältigt vom Beispiel der Sklavin, die lieber sterben als ihre Liebe verraten will, hat sich die grausame Prinzessin zumindest scheinbar in Calaf verliebt. Iordanka Derilova aber trägt das klingenscharfe Metall bis zum Schluss in der Hand und in der Kehle, ihr Lachen bleibt schrecklich - und am Ende wirkt ihre Umarmung mit dem Bräutigam wie der Clinch zweier erschöpfter Boxer. Das selbstsichere "Vincero", das Sergey Drobyshevskiy so lässig in den aufbrandenden Beifall gestemmt hatte, erweist sich also als Trugschluss. In dieser Geschichte gibt es keinen eindeutigen Sieger.

Gewinner aber gibt es dennoch viele - auch und vor allem die Anhaltische Philharmonie, die unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus erneut auf dem mittlerweile gewohnt hohen Niveau musiziert. Hier werden neben den fahlen und grellen Farben des Werks auch jene eigentümlichen Chinoiserien höchst kompetent präsentiert, die man auf der Szene konsequent verweigert und die dem Werk aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts seine zeitlose Schönheit geben - auch wenn es als Puccinis Schwanengesang immer den Nimbus des nicht ganz Bewältigten, nicht Vollendeten wahrt. Doch auf dieser Basis entfaltet sich - im Zusammenspiel mit den aus mehreren Chören rekrutierten und von Helmut Sonne sowie Dorislava Kuntscheva einstudierten Massen - auch die ganze existenzielle Wucht des Geschehens. Ein großer, spannender Abend!

Helmut Rohm, Volksstimme, 27.09.2010

Puccinis Oper "Turandot" am Anhaltischen Theater Dessau
Kampf der Geschlechter und ein Kampf um die Macht

Dessau-Roßlau. Die neue Dessauer Spielzeit leitete Regisseurin Andrea Moses mit Giacomo Puccinis Oper "Turandot" ein, einer Neueinstudierung ihrer Inszenierung am Nationaltheater Weimar. Am Sonnabend gab es eine stürmisch gefeierte Premiere.

Kraftvoll und intensiv, aus dem Vollen schöpfend, beginnt die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus die Aufführung.

Eine riesig große, mehretagige, aus Stahlgerüsten errichtete Arena (Bühne und Kostüme Christian Wiehle), an ein modernes Fernsehstudio oder eine Freilichtbühne erinnernd, füllt die gewaltige Dessauer Bühne. Nichts von exotisch fernöstlicher Nostalgie. Andrea Moses nimmt den Zuschauer mit Ironie und Spielfreude mit ins Heute. Und es passt. Weil die Probleme, so wie sie in Puccinis kaiserlichem China herrschten, noch immer, teils noch drastischer aktuell sind.

Dominantes Schwarz-Weiß in der Kostümgestaltung und schlichtes Grau für die wenigen "Außenseiter" symbolisieren Machtkonstellationen.

Dass die Prinzessin Turandot nur demjenigen ihr Ja-Wort gibt, der drei schwierige Rätsel zu lösen vermag, ist eine vordergründige Mache, ein Vorwand. Diese nutzt die eiskalte und grausame Turandot, um ihre Macht zu demonstrieren, ihre todbringende Macht sogar abstoßend genüsslich auszuleben. Denn, wer sich bewirbt, die drei Rätsel nicht löst - wird getötet. Späte Rache für das Schicksal einer Vorfahrin soll genommen werden.

Drei Fragen bis zum Tod, ohne Joker. Kürzlich war es ein persischer Prinz, der durch das Messer Turandots selbst in einer öffentlich inszenierten Show in "Turandot‘s Riddle Club" sein Leben lassen musste. Das Volk tobt, huldigt der Prinzessin, lässt sich, für den Zuschauer erschreckend und nachdenkenswert zugleich, regelrecht manipulieren. Gänsehaut stellt sich ein. Und versnobte junge Männer spielen mit dem Kopf des gemeuchelten Prinzen Golf ...

Den Tod vor Augen, vielfach gewarnt, verfällt der nächste Bewerber, ein zunächst unbekannter Prinz (Kalaf), der Schönheit Turandots. Er glaubt an seine eigene Stärke, an die Macht der Liebe. Der personifizierte Geschlechterkampf nimmt, einem Thriller gleich, packend dramatisch inszeniert, seinen Lauf.

Iordanka Derilova als Turandot begeistert mit fantastischer Stimme und facettenreichem Spiel in fast übermenschlichen Ausbrüchen, nicht minder eindrucksvoll in den emotional nahegehenden Momenten. Kalaf wird durch den ausdrucksstarken und stimmgewaltigen Tenor Sergey Drobyshevskiy zu einem sympathischen "Siegertyp". Wunderschön und einfühlsam "lebt", mit bezaubernder Stimme und glaubhaftem Spiel, Angelina Ruzzafante die Sklavin Liù, die aus Liebe zu Kalaf den Freitod wählt, statt ihn zu verraten. Als letztendlich gefährliche aktive Mitläufer, von Andrea Moses als ein wenig skurril und erheiternd gezeichnet, agieren Wiard Witholt, Angus Wood und David Ameln als Ping, Pang und Pong. Pavel Shmulevich als Timur und Klaus Gerber als Turandots Vater Altoum sind ebenfalls überzeugend.

Seine große Partie hat der Chor (Leitung Helmut Sonne) mit viel Engagement bravourös bewältigt.

Antony Hermus bleibt mit der Anhaltischen Philharmonie dem furiosen Auftakt treu. Sie bringen die ungemein vielseitige kraftvolle und fantasiereiche Musik mit fernöstlichem Anklang stets auf den Punkt in bester Harmonie mit der Handlung.

Das Premierenpublikum feiert alle Akteure wie auch das Inszenierungsteam mit frenetischem Beifall.

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