Tolles Geld oder Armut ist keine Schande

Komödie von Aleksandr Nikolajewitsch Ostrowski

Mit Alexandr N. Ostrowskis Komödie kommt in Zeiten finanzieller Krisen folgerichtig ein Stück zum »Glück« des Sparens auf die Bühne des Anhaltischen Theaters. Zwar 140 Jahre alt, ist der Stoff des bedeutenden russischen Autors Ostrowski noch immer hoch aktuell. Denn alles dreht sich mit Lust und Leid um die Topthemen unserer Tage: Das liebe Geld, die Abgründe des Menschen und die »Moral« der Finanzwelt.

Vasilkow stammt aus einer kleinen Provinzstadt, beherrscht wie kein Zweiter die Kunst des Geldvermehrens, wie die Kunst des Sparens und hat nur einen Makel, er ist noch nicht verheiratet. Angekommen in einer großen Metropole sucht er eine Frau und verliebt sich unsterblich in die junge Lydia. Doch diese Schönheit liebt allein den grenzenlosen Luxus und hält wenig von bodenständig, arbeitsamen Existenzen. Also braucht der verzweifelt Liebende Hilfe und findet sie bei einem dubiosen Menschenschlag, der sich in vielen Metropolen dieser Welt finden lässt und perfekt die Kunst des schönen Scheins und der Verschwendung beherrscht. So kommt es, dass sich die schöne Lydia, da gänzlich mittellos, doch noch auf Vasilkow einlässt. Aber bereits die Flitterwochen fallen den hohen Ansprüchen und noch höheren Schulden Lydias zum Opfer. Die Rechnungen stapeln sich, der Gatte wütet und die junge Ehefrau will verzweifelt in die Arme eines neuen Sponsors fliehen, doch da entpuppen sich alle vermeintlich reichen Lebemänner der Stadt als vollkommen bankrott. Lydia bleibt und ahnt schmerzvoll, dass Armut vielleicht doch keine Schande ist, zumindest wenn sie nicht lange währt. Und der Provinzler Vasilkow erfährt, dass anspruchsvolle Frauen und ein ausgeglichenes Budget niemals zu vereinbaren sind.

Regie führt Wolfgang Maria Bauer. Der 1963 in München geborene Schauspieler, Regisseur und Autor ist vor allem bekannt durch seine Rolle als Kriminalhauptkommissar Viktor Siska in der gleichnamigen Serie für das ZDF.

Inszenierung Wolfgang Maria Bauer
Bühne und Kostüme Herbert Kapplmüller
Dramaturgie Holger Kuhla
Sebastian Vasilkow Gerald Fiedler
Jean Teljatew Uwe Fischer
Gerd Glumow Patrick Rupar
Nadia Christel Ortmann
Lydia Katja Sieder
Ron Vasil Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Heinz Kutschmow Karl Thiele
Constantin Clohschar Konstantin Bühler
Lydia als kleines Mädchen Fanny Bauer / Emma Fischer
Ein Vater David Ortmann / Wolfgang Maria Bauer

PRESSESTIMMEN

Dieter Beer, http://www.thueringen-kulturspiegel.de, 03.02.2011

„TOLLES GELD oder ARMUT IST KEINE SCHANDE“

Erfolgreich aufgeführt am Anhaltischen Theater Dessau: Eine Komödie von Aleksandr N. Ostrowski

Die Bühnenstücke des großen russischen Realisten Aleksandr N. Ostrowski (1823-1886) sind leider Seltenheiten auf unserem Theater geblieben. Wurden sie aber gespielt, sind sie meist als bloße Sittenbilder aus dem 19. Jahrhundert interpretiert worden. Ausnahmen gab es natürlich auch. Zum Beispiel die in jahrzehntelanger guter Erinnerung gebliebene Inszenierung der Komödie „Der Wald“ durch die Regisseure Manfred Karge und Matthias Langhoff an der Berliner Volksbühne, der eine überaus interessante Konzeption zugrunde lag, nämlich die Untersuchung des Verhältnisses von „Wirklichkeit und Künstler“.

Insofern brachte das Anhaltische Theater Dessau kürzlich mit „Tolles Geld“, 1870 in Petersburg uraufgeführt, eine ausgesprochene Rarität des russischen Dramatikers auf die Bühne. Vor fast vierzig Jahren sah ich diese Komödie zum letzten Mal. Und freute mich nun auf die Wiederbegegnung. Doch auf der Fahrt nach Dessau stellte ich mir immer wieder die bange Frage: Würde ich das Stück, zumal in der Zeit des modernen Regietheaters, dort wiedererkennen?

Meine Zweifel erwiesen sich zum Glück als gänzlich unbegründet, denn ich erlebte eine wunderbar kurzweilige Aufführung. Sowohl der unter anderem durch seine Fernsehrolle als Kriminalhauptkommissar Siska bekannt gewordene Regisseur Wolfgang Maria Bauer als auch sein Ausstatter Herbert Kapplmüller, der einen prägnanten, einfallsreichen Bühnenraum schuf, haben das vorzüglich dafür geeignete Stück im Hier und Heute angesiedelt. Dies geschah keinesfalls gewaltsam, eher unaufdringlich, jedenfalls so, dass sie eng an der Ostrowskischen Vorlage geblieben sind und man als Zuschauer obendrein Spaß an der Sache hat. In die Dramaturgie ist nur behutsam und werkdienlich eingegriffen worden. Ostrowski-Stücke sind immer auch tolle Schauspielerstücke. Lohnende Rollen halten sie bereit, und diese sind von den Dessauer Mimen famos ausgefüllt worden. Das war zuvörderst das Beglückende der Aufführung.

Der verarmte russische Adel mit seinem nicht durch Arbeit erworbenen „tollen Geld“ wird in einer Zeit gesellschaftlichen Umbruchs konfrontiert mit dem ehrlichen Vertreter eines neuen, aufstrebenden Standes, der den Reichtum selbst erwirtschaftet und auch die neuen Spielregeln diktiert. - Sebastian Vasilkow heißt dieser zurückhaltende, sehr einfach gekleidete Unternehmer aus der Provinz, der Bekanntschaft schließt mit Lydia, sich in sie verliebt und sie später heiratet. Die schöne junge Dame aber ist hochmütig und verschwenderisch, immerzu kauft sie die schönsten Sachen, ohne zu fragen, wo das Geld dazu herkommt. Ihre Mutter beklagt sich rechtens darüber. Aber Glanz und Luxus sind auch dieser von Christel Ortmann exzellent gespielten überspannten Nadia offenbar nicht gleichgültig, wenn man sie stolz vor dem imaginären Spiegel defilieren sieht. Doch die Schulden häufen sich. Also muss dringend einer gefunden werden, der die hohen Rechnungen bezahlt. Vasilkow wird schließlich das Opfer dieses nimmersatten Kaufrauschs der beiden anspruchsvollen Damen. Zweifellos ist der in der Metropole immer reicher werdende Provinzler eine gute Partie für Lydia, die ihn jedoch langweilig findet und Liebe nur vortäuscht. Gutherzig nimmt er’s für bare Münze, lässt sich einwickeln von ihr - bis er endlich sein Budget nicht überschreitende Maßnahmen einleitet....

Gerald Fiedler spielt den erfolgreichen Provinzler sehr überzeugend; dieser anfangs Schüchterne und Verachtete wandelt sich bald zu einem prinzipienfesten, selbstbewussten Geschäftsmann, der genau verstanden hat, dass man seinen Reichtum durch Fleiß und Tatkraft vermehren kann. Der Ausgang dieser unterhaltsamen Geschichte soll hier freilich nicht verraten werden. Immerhin ist es schon viel, wenn Lydia am Ende einsieht, dass ihr Ehemann „härter ist“ als sie. Wie Katja Sieder die verwöhnte, auftrumpfende Göre spielt, ist mit Vergnügen zu beobachten. Von den adligen Karrieristen und Lustgreisen, die Lydia umschwärmen, ist vor allem Kutschmow aufgewertet worden. Karl Thiele spielt ihn vorzugsweise als einen eleganten, gönnerhaften Gentleman, der es vor allem mit Lydias Mutter treibt und fortwährend von Geld prahlt, das er gar nicht besitzt. Treffliche Auftritte als rechtschaffener Assistent des aufsteigenden Unternehmers absolviert Hans-Jürgen Müller-Hohensee. In weiteren Rollen behaupten sich Uwe Fischer, Patrick Rupar und Konstantin Bühler. Für „Tolles Geld“ gab es zu Recht viel Beifall in Dessau.

Helmut Rohm, Volksstimme, 24.01.2011

Viel Beifall für Ostrowski-Schaupiel am Anhaltischen Theater Dessau

Von „tollem Geld“ oder warum „Armut keine Schande“ ist Es ist ein langer, mit schmerzvollen Erfahrungen gepflasterter Weg, ehe der anfangs naive, grundehrliche Provinzler Sebastian Vasilkow und das einst extravagante Mädchen Lydia zusammenfinden. Das Schauspiel „Tolles Geld oder Armut ist keine Schande“ von Aleksandr Ostrowski hatte am Freitag im Anhaltischen Theater Dessau eine mit viel Beifall aufgenommene Premiere.
Regisseur Wolfgang Maria Bauer, der übrigens Uli Hoeneß ob dessen solider Sparpolitik beim FC Bayern bewundert, hat das 140 Jahre alte Stück Ostrowskis „in die Hand genommen und in das Heute gedreht“. Nicht um es zu modernisieren um des Modernisierens willen, weil so etwas an manchen Theatern bei manchen Regisseuren modern sei. Das Thema Geld, wie die Menschen damit umgehen, wie Geld die Lebenshaltung beeinflusst - so oder so, vom Gesamtgesellschaftlichen hin bis im ganz Individuellen - ist höchst aktuell.
Nicht von ungefähr wohl lässt also Regisseur Bauer den Sebastian Vasilkow aus dem Provinzstädtchen Dessau in die große schimmernde Metropole gehen. Als staunender, zunächst meist nicht das Denken und Tun der anderen, der Schönen und (scheinbar) Reichen Verstehender. Durch Gerald Fiedler bekommt Vasilkow eine faszinierende Ausstrahlung. Das Publikum „leidet“ mit der Naivität dieses Mannes, ist bedrückt von der Großkotzigkeit und Missachtung der anderen, selbst der Erniedrigungen durch die von ihm geliebte Lydia (Katja Sieder). Genauso freut es sich, wie sich Vasilkow von seinen Hemmungen befreit, seinen Weg der Solidität, Konsequenz und Ehrlichkeit, auch der unerschütterlichen Liebe zu Lydia geht. Vom scheinbaren Loser zum Winner: Das Gute siegt wohl doch. Hoffentlich. Denn in zu viel menschlich erschreckende Abgründe schaut der Zuschauer gemeinsam mit Vasilkow.
Ohne erhobenen Zeigefinger, doch mit trefflicher Zielsicherheit lässt Wolfgang Maria Bauer das Publikum in den be rühmten Spiegel blicken. Wer etwas schräg hineinschaut, erkennt sicher einige solcher Zeitgenossen wieder. Wer gerade blickt, vielleicht auch etwas von sich selbst. Lydia, die Vasilkow beim ersten Bühnenblick wie auf einem hohen Olymp erscheint, entpuppt sich als eine verzogene Göre, die nur haben möchte, meist bekommt und sich nie ernsthaft die Frage stellt, woher das Geld dafür kommt. Nicht minder Lebedame ist ihre Mutter Nadia (Christel Ortmann). Doch auch so „geschäftstüchtig“, ihre Tochter zur Heirat anzubieten - auch an Vasilkow. Den smarten äußeren Schein entlarvt das Stück als parasitäres Denken und Handeln. Bauer zeichnet glaubhafte Charaktere, wie Jean Teljatew (Uwe Fischer), lebensfroh und gleichsam bankrott - ein Verlierer. Heinz Kutschmov (Karl Thiele) ein vornehmer älterer Herr, der auf Kosten seiner reichen Gemahlin lebt - eigentlich auch ein Verlierer. Gerd Glumov (Patrick Rupar), ein gescheiterer Erbschleicher – erschießt sich. Ron Vasil (Hans-Jürgen Müller-Hohensee), treuer, fast treu-doofer Diener, bis zur makabren Selbsterniedrigung - wird immer nur zweiter Sieger sein. Wolfgang Maria Bauer hat das Stück, zwar eine Komödie, aber mit durchaus sehr ernstem Hintergrund, flott und überaus humorvoll inszeniert. Er hat Über-Kreuz-Dialoge führen lassen, Gedanken durch Konstantin Bühler, unter anderem als „die Stimme“, hörbar gemacht. Das Bühnenbild (Herbert Kapplmüller) verweist auf innere Zwänge.
Am Schluss erkennt Lydia, dass Armut (unter bestimmten Umständen) eigentlich keine Schande ist. Sie wird als Haushälterin bei ihrem Mann redlich arbeiten.
Und der Regisseur selbst hat – mal als reicher, mal als armer Vater mit seiner mal aus reichem, mal aus armem Haushalt stammenden kleinen Tochter Lydia (dargestellt von seiner sechsjährigen Tochter Fanny) die Bühne gequert.

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 24.01.2011

Liebe und Leben auf Pump

Die Kehrseite der öffentlichen Verlautbarung offenbart die Wirklichkeit: "Rasen verboten" teilt das Schild der Stadtverwaltung mit, das wenig später zu Füßen eines Bettlers um eine "Notspende" werben wird. Zwischendurch haben zwei windige Gesellen die Zielscheibe zum Schangeln benutzt - also für jenes Spiel, bei dem man mit kleinen Münzen nach großen Scheinen werfen kann. Von der Verteidigung bis zum Verfall der öffentlichen Ordnung kommt man also im Handumdrehen - und "Tolles Geld" ist immer im Spiel.

Mit einem Kurzauftritt zur Premiere von Aleksandr Ostrowskis Komödie am Anhaltischen Theater Dessau zeigte Regisseur Wolfgang Maria Bauer, wie seine Art von Humor funktioniert. Sehr lässig, sehr beiläufig kommandierte er da seine - echte - Tochter Fanny als genervter Vater herbei, dem Erpressung das passende Mittel zur Erziehung liefert. Die Auftakt-Etüde etabliert zugleich die anderen Figuren, die fortan ihre Rolle im Leben von Sebastian Vasilkov spielen sollen - und zieht das tragikomische Geschehen aus dem Russland des späten 19. Jahrhunderts unmittelbar in das Hier und Heute. Denn die Provinz, aus der sich dieser grundsolide junge Mann in die Metropole verirrt, heißt jetzt Dessau.

Eine solche Behauptung muss sich jenseits von Kalauern natürlich am Stoff überprüfen lassen - und besteht dies überraschend gut. Selbst wenn die originalen Namen das Personal auf Distanz halten, erkennt man in ihnen die Prototypen und die Konflikte einer überreifen Gesellschaft - den lüsternen Sugardaddy, der sich Liebe mit Geld erkaufen will. Den leichtsinnigen Lebenskünstler, der sich am Ende die Kugel gibt. Die ehrgeizige Mutter, die ihre Tochter als Investition begreift - und das Luxus-Girlie selbst, das seine Zuwendung als Gegenwert für Lebensstandard verkauft.

Von oben nach unten

Ausstatter Herbert Kapplmüller hat für die Geschichte einen Raum geschaffen, in dem enge Fahrstühle nach oben und steile Treppen nach unten führen. Die Teppiche, die anfangs auf dem Boden lagen, hängen später als schäbige Vorhänge vor zerbrochenen Fenstern, auf den vielflammigen Kronleuchter folgt die nackte Glühlampe. So tief muss Lydia fallen, bis sie ihre ganz persönliche Variante des Märchens vom König Drosselbart begriffen hat, das in seiner Entstehung bekanntlich auf eine Anekdote aus dem Leben des "Alten Dessauers" verweisen soll. Wie ihr Hochmut dabei gebrochen wird, zeigt Katja Sieder im Wechselbad zwischen gelangweilter Eitelkeit und hysterischem Ausbruch. Christel Ortmann hingegen lässt in ihrer panischen Angst vor Armut und Alter erkennen, von wem das Mädchen diese Eigenschaften geerbt haben muss. Und Karl Thiele gelingt es, hinter der Fassade des peinlichen Playboys echte, blanke Verzweiflung aufblitzen zu lassen.

Als Mit- und Gegenspieler zu Uwe Fischers quecksilbrig fidelem, eigentlich aber tieftraurigen Hasardeur Teljatew hat es Patrick Rupars Glumow schwer, mit Akzent und Talent behauptet er jedoch seinen Platz. Vom Rand der Bühne aber schiebt sich schnell eine Figur in den Mittelpunkt des Interesses, die im Stück eigentlich gar nichts zu suchen hat: Konstantin Bühler spielt jenen lautmalerisch "Clohschar" genannten Tausendsassa, auf den sich die vermeintlich bessere Gesellschaft nicht nur als Souffleur verlässt. Er kennt zudem die geheimsten Gedanken der Anderen, spricht ihre inneren Monologe aus Staubsaugern oder Kopfhörern - und ist der perfekte Zuhörer für den stillen Ron, den Hans-Jürgen Müller-Hohensee in einen Ordnungsfanatiker mit Hang zur Anarchie verwandelt. Auf Pump leben und lieben sie alle - und lassen das Regelwerk des Vasilkov so zur Ausnahme werden. Für eine kurze Zeit scheint Gerald Fiedler sich auf die doppelsinnige Moral "Armut ist keine Schande" einlassen zu wollen, dann aber läuft er Amok - offenbar mit Platzpatronen.

Eine Fülle von Verweisen

Bauer verschränkt die lineare Erzählweise der Vorlage zu synchronen Szenen, er spickt sie mit einer Fülle von literarischen und musikalischen Verweisen von Goethe bis Rilke, von Sinead O'Connor bis Celine Dion - und schafft es sogar, mit einem Zitat aus dem tragischen Abschieds-Interview des gescheiterten Hamburger Intendanten Friedrich Schirmer auf die aktuelle Theaterkrise anzuspielen: "Ich bin mit meinem Latein am Ende", sagt die bankrotte Nadia, "Das heißt aber nicht, dass es dieses Latein nicht gibt." Da scheint für einen Moment eine Wahrheit durch, die sich seit Ostrowskis Zeiten nicht geändert hat: Theater handelt im besten Falle vom Eigenen - auch wenn es von Fremdem erzählt.

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