Tatort Dessau

Ein bewegter Stadtkrimi

Folge 6: Brückentag

Premiere am 30. Mai 2015

Wo ist das Verbrechen zu Hause? Im Zentrum der Stadt Dessau – oder doch eher vor ihren Toren? In ihrem neuen Fall »Brückentag« werden die Kommissare Sczymanski und Fichtner mit dieser brennenden Frage konfrontiert und suchen fieberhaft nach einer Antwort – unterstützt von alten Bekannten wie dem Gerichtsmediziner Fasolt und der früheren Kommissarsanwärterin Nante. Aber was hat die Zerbster Straße mit dem Alten Theater und das Georgium mit dem Kornhaus zu tun? Und wer oder was ist Degero? Die Lösung der Rätsel wird – hoffentlich – rechtzeitig gefunden. Mit quietschenden Reifen und einem wie immer investigativen und kooperativen Publikum …


PRESSESTIMMEN

Tod im Umweltbundesamt, Mitteldeutsche Zeitung, 08.04.2014

TATORT DESSAU Folge fünf thematisiert Klima- und andere Katastrophen.

von Thomas Altmann

Ein unschön geräuschvoll gestoppter Schnupfen und eine wässrige Blutlache erscheinen im Nachhinein als untrügliche Indizien. Der Nasenkatarrh muss plötzlich eingetreten sein, sonst hätte Frau Licht, ein biederer Blaustrumpf, gewiss ein Schnupftuch parat. Nur die Tatwaffe schmilzt lautlos im Körper des Opfers.

Olaf Mann starb am Freitag im Umweltbundesamt (Uba) Dessau eines gewaltsamen Todes. Er fiel erstochen von der Brüstung, starb vor dem Fall, dessen Ursache Kommissar Götz Sczymanski in 100 Metern Entfernung Luftlinie und ähnlich vielen Minuten recht problemlos aufgeklärt haben wird. "Tatort-Dessau", die Krimiserie des Anhaltischen Theaters Dessau, ging am Wochenende unter dem Titel "Fressen Pinguine Eisbären?" in die fünfte Folge.

Erstochen und gefallen

Frau Licht führt verschnupft Besucher durch das Umweltbundesamt. Schon in die Einführung platzt die Nachricht des Verbrechens. Sczymanski und Fichtner versuchen Fahrkarten nach Magdeburg zu lösen. Das Telefon klingelt. Sczymanski rennt vom Bahnhof zum Uba, rennt auf der Leinwand durch den nächtlich verlassenen Bustunnel und kommt vom Film direkt ins Amt. Vor Ort wird die Identität des Opfers geklärt. Olaf Mann, Chef der Firma Mann-Coolness-Industry, liegt erstochen und gefallen. Den Winter habe er geliebt, die Kälte; und diese Passion international erfolgreich und keineswegs FCKW-frei zum Geschäft erhoben. In Dessau wurde er geboren, hier ging er zur Schule und in den Tierpark, hier wollte er sich mit der Erfüllung eines Kindertraumes ein Denkmal setzen, ein Freigehege für Eisbären inklusive eines Eisberges vor dem Mausoleum und in Größe des Mausoleums errichten. Dieses Denkmal wird von der tourismusversessenen eventfreudigen Lokalpolitik begrüßt, während das Umweltamt eine Akte anlegt. Offenbar gewann Mann Akteneinsicht. Sein Statthalter und Freund aus Kindertagen wartet vergebens am Tierpark. Beide wollten den nun naheliegenden Erfolg, den nächsten wasserdichten Antrag mit eisgekühltem Wodka feiern.

Die Baukosten des ökologischen Mustergebäudes entsprechen denen des ökologisch bedenklichen Freigeheges. Der Werbe-Clip der Firma Mann-Coolness beginnt wie die Mahnung vor der Klimakatastrophe. Kurz: Der globale Klimawandel in grotesker Verkehrung und der internationale neoliberale Markt in lokalpatriotischer Anbiederung lassen auf politische Motive schließen. Am Ende aber ist auch diese Tat eine Beziehungstat.

Das Personal vor Ort, mithin der Kreis der Verdächtigen bleibt überschaubar, á la: Freitagabend sind alle Umweltbeamten in Berlin. So klingelt das Bildtelefon und trifft die Angerufenen in häuslicher Atmosphäre, den gelassenen Koordinator (Mario Klischies) bei der Nassrasur und die mit allen Bürokaffees gewaschene Sekretärin (Christel Ortmann), die beiläufig den entscheidenden Hinweis liefert, inmitten ihrer Schlafstörung. Der Wachmann (Dirk Greis) bleibt eine Uniform von Mensch. Der Freund (Oliver Seidel) erscheint hochgradig begeistert und enttäuscht. Der Gerichtsmediziner (Stephan Korves) forscht gediegen hochbeinig. Und Frau Licht (Natalie Hünig), hätte beinahe den Kommissar verzückt hinter ihre Brille schauen lassen. Auch wenn er das Blut des Opfers auf der Zunge verkostet, läuft Sczymanski (Felix Defèr) seinem Vor- und Nachnamen hinterher, bleibt eher laut als kraftvoll.

Geradlinig grotesk gestrickt

Und dann ist da noch Fichtner (Patrick Wudtke), der besonnene Partner. Eigentlich ist er nicht da. Denn er untersucht auf Anordnung des Ministeriums, eingeblendet auf der Leinwand, wie eine Ausstellung im Theater unterbunden werden könne. Auch der Fall wird gelöst. Denn die Ausstellung wurde bereits unterbunden. Davon berichtet im gediegen einsilbigen Eckensteher-Jargon der Hausmeister (Sebastian Müller-Stahl), der nun hoffnungslos Hofmann heißt: "Dann bau' ich se ab und wieder off." Nun, da war jemand schneller...

Es soll nicht zynisch klingen, aber: Die Verbeugungen sind schön, die des Filmteams, im einsamen Wartehäuschen, in der Dusche, auf dem Sofa. Der Krimi ist geradlinig grotesk gestrickt, findet angenehme Ohrfeigen, erheiternde Wörter, krude Verkehrungen und köstlich bis leicht manierierte Anspielungen in knapp gesetzten Dialogen. Und ja, Pinguine wohnen oben, Eisbären unten, oder anders herum. Die Tatwaffe bleibt jedenfalls unauffindbar. Der Eiszapfen schmolz und verwässerte das Blut.

Sieben auf einen Streich, Mitteldeutsche Zeitung, 28.12.2013

von Alexander Baumbach

KRIMI Die Dessauer Tatort-Kommissare lösen am zweiten Weihnachtsfeiertag ihren vierten Fall und stoppen einen mysteriösen Serienmörder.

Es ist feucht, aber nicht sonderlich kalt am zweiten Weihnachtsfeiertagabend. Es ist ein ideales Mord-Wetter. Gegen 20 Uhr haben sich einige Dutzend Zuschauer auf dem Lily-Herking-Platz vor dem Alten Theater versammelt. Der Glühweinverkauf läuft eher schleppend. Bis plötzlich in den Fenstern der Studiobühne das Licht flackert. Lange Schatten. Ein Schrei. Eine Titel-Melodie im Beatbox-Style. A Cappella. Der Vorspann läuft zu "Sieben auf einen Streich" - der vierten Folge des Dessauer "Tatort" aus der Feder von Andreas Hillger.
Und schon ist man mittendrin in einer Mordserie - und steht als Zuschauer ganz selbstverständlich auch erst einmal unter Mordverdacht. Da können nur Profis helfen. Fichtner und Sczymanski, die "Selbstständig Ermittelnden Kommissare" (SEK), treten aus der Pizzeria gegenüber unters Volk. Und sogar Holger Stahlknechts Truppe schaut vorbei - ein echter Streifenwagen fährt im Schritttempo an der Außenbühne vorbei. Situationskomik. Davon bietet das rund sechzigminütige Stück eine ganze Menge. Ein Serienkiller geht um in Dessau. Dieser verarbeitet in dem Stück sein Kindheitstrauma aus Grimms Kinder- und Hausmärchen. Sechs Leichen hat man in der Stadt bereits gefunden: Eine ist an einem Apfel erstickt wie Schneewittchen, eine andere hat sich dornröschenmäßig an einer präparierten Nadel vergiftet. Da passt der tote Jogger ins Bild vom Hasen und Igel, und auch der mit Nägeln gespickte Leichnam bietet Parallelen zum geblendeten Prinzen im Märchen von Rapunzel. Dazu kommt eine tote Frau mit dem Kopf in Hänsel und Gretels Backofen. Da passt auch die Leiche in den Reigen, die Fichtner und Sczymanski vor versammeltem Publikum finden. Der Tontechniker Konrad Müller-Roßlau wurde fachmännisch aufgebrochen, sein Leib mit Wackersteinen angefüllt.
Der Psychopath aber will "Sieben auf einen Streich" beenden - kommt aber nicht dazu. Denn nicht der Lichttechniker wird sein letztes Opfer im Märchen von den "Kindern, die Schlachtens miteinander gespielt haben" - einem Stück, das nur in der ersten Auflage der Grimm'schen Märchen abgedruckt wurde -, sondern Kommissar Fichtner soll es werden. Rechtzeitig stört aber sein Kollege mit dem gesamten Publikum im Schlepptau das Treiben. Den Mörder zerreißt es - wie ein Rumpelstilzchen - in der Luft. Klamauk eben, viel Lärm, Pistolen. Viel Rätselraten oder gar Krimiatmosphäre kommt nicht auf in diesem "Tatort Dessau". Der nächste Fall lockt schon: Fichtner und Sczymanski erreicht ein Notruf. Im Keller des Magdeburger Kultusministeriums wurden Leichen entdeckt, eilig macht sich das Duo auf den Weg. Dennoch schafft es das Stück - wenn auch unfreiwillig - eine Parallele zum großen Fernsehvorbild zu schlagen. Sind doch mit Fichtner (Patrick Wudtke) und Sczymanski (Felix Defèr) zwei junge Kommissare an die Stelle der "Alten" Marie Nante (Katja Sieder) und Horst Hobusch (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) getreten. Komplettiert wird das Duo auf der Bühne von der Ein-Mann-Streife Hansen (Sebastian Müller-Stahl) und dem unfreiwilligen Hilfssheriff und Lichttechniker Müller-Dessau (Boris Malré). David Ortmann, der Regisseur, holte Katja Sieder dennoch ins Stück - per Videobotschaft vom Undercovereinsatz am Set von "Verbotene Liebe".
"Wir mussten das Stück dreimal umschreiben. Besetzungsänderungen, Fernsehengagement, Krankheit - da bin ich froh, dass es so rundgelaufen ist", sagt Autor Andreas Hillger nach der Premiere am zweiten Weihnachtsfeiertag. Drei Aufführungen sind noch geplant, die nächste heute Abend um 20 Uhr am Alten Theater.

TATORT
Anfang 2012
Mit "Onkel Ju" fing im Oktober 2012 alles an im Dessauer "Tatort", in dem Marie Nante und Horst Hobusch als eingespieltes Team ermittelten. Doch im zweiten Dienstjahr und beim vierten Fall gibt es Veränderungen: Die Polizeireform in Sachsen-Anhalt wirft lange Schatten voraus. Über die Weihnachtstage sind neben einer Einmann-Streife nur noch die neuen SEK (Selbständig Ermittelnde Kommissare) Sczymanski und Fichtner verfügbar. Kommissarsanwärterin Marie Nante ist hingegen zur Soko "Soap" nach Köln abkommandiert... Und ausgerechnet in der stillsten Zeit des Jahres treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Doch nach welchem Muster wählt er seine Opfer aus? "Sieben auf einen Streich" sucht nach Antworten.

Rätselhafter Tod an der Mauer, Mitteldeutsche Zeitung, 19.03.2013

von Johannes Killyen

ALTES THEATER Die Ermittler Horst Hobusch und Marie Nante klären im dritten Dessauer "Tatort" den geheimnisvollen Diebstahl von Cranach-Bildern auf.
Ein Toter an der Mauer? Das hat es im "Tatort" noch nicht gegeben. Das behaupten wir einfach mal. Eine Premiere. Aber in Dessau? Gerade in Dessau! Denn was lag aus theaterkriminalistischer Sicht näher, als der modischen Forderung "Die Mauer muss weg" - wir sprechen vom weißen Wall an den Meisterhäusern in der Ebertallee - ein passend tragisches Ereignis hinzuzufügen. Wobei: Für den Dessauer Polizeioberkommissar Horst Hobusch ist der Tote nicht einfach ein Toter, dieser birgt vielmehr in sich die Hoffnung auf einen Mord und einen angemessenen Fall im wintergrauen Berufsalltag. In der Amtsstube, wo an der Wand Gauck auf Köhler ohne Wulff klebt, herrscht Aufbruchsstimmung. Doch Rechtsmediziner Fafner alias Fasolt (Stephan Korves) begräbt per Videobotschaft schnell die Illusion: Es war nur ein Unfall. Radfahrer, Straßenschild, Genickbruch. Schrecklich, aber ein Unfall.

Beschäftigungslose Polizei

Damit sind der grantelnde Altbeamte Hobusch (Hans-Jürgen Müller Hohensee) und die adrett-eifrige Polizeikommissaranwärterin Marie Nante (Katja Sieder) zwar immer noch beschäftigungslos. Die Spur indes ist gelegt für den dritten Dessauer Theater-"Tatort". Sie führt tief in die Kunstdepots, weit in die reformatorische Vergangenheit, hin zu den Kutten religiöser Eiferer. Und ist doch ganz frisch.

Restlos ausverkauft waren Donnerstag und Freitag die Vorstellungen im Alten Theater, wo die Zuschauer nach bewährtem Vorgehen zu Beteiligten wurden und mit dem Ermittler-Duo im Einsatz sein durften. Spannung, Humor und Lokalkolorit gehören zur Rezeptur erfolgreicher TV-Tatorte. Am Anhaltischen Theater kommt dazu, was Fernsehen nicht kann: die Interaktion mit dem amüsierten Publikum. Man muss kein Prophet sein für die Vermutung, dass Autor Andreas Hillger, Regisseur David Ortmann und Dramaturgin Sabeth Braun auf dem Weg sind, eine Kultserie zu etablieren.

Kult trifft dann bald auf Hochkultur, besser gesagt deren Abwesenheit: Im Georgengarten begegnen die Hüter des Gesetzes dem verstörten Restaurator Schwarz (Peter Wagner), der soeben den Diebstahl sämtlicher Cranach-Gemälde aus der Anhaltischen Gemäldegalerie - derzeit eine Baustelle - bemerkt hat. Damit nicht genug, vermeldet die Wissenschaftliche Bibliothek das Verschwinden unersetzlicher Cranach-Bibeln aus dem Bestand Georgs III. Kein Dürer ist weg, kein Rembrandt, nur Cranachs.

Welch eine Katastrophe: Das Erbe der Reformationsmaler ist verloren, das große Cranach-Jubiläum 2015 in Gefahr. Da wird selbst der Scheinprolet Hobusch zum Kunstkenner. Und der in Ballonseide auftretende Rechtsmediziner Fasolt (Frau Alberich aus dem Münster-Tatort lässt grüßen) entpuppt sich als Experte der Zeichendeutung, der seiner Begabung freien Lauf lassen kann: Die Täter hinterlassen als Spur nämlich eine geflügelte Schlange.

Doch halt, wo in der Stadt befinden sich weitere Cranachs? Genau. Ein Anruf beim geschmeidigen Küster Lorenz (Gerald Fiedler) - und schon zieht das Publikum in Richtung Johanniskirche, nicht ohne sich unterwegs von der Pilates-Gruppe von Hobuschs Exfrau (Christel Ortmann) von dunklen Mönchsgestalten berichten zu lassen. Die in St. Johannis gerade im Begriff sind, das reformatorische Abendmahl Cranachs des Jüngeren abzuräumen. Doch sie haben die Rechnung ohne Hobusch und Nante gemacht, die den Anführer (Sebastian Müller-Stahl) vor der Eule-Orgel überwältigen. Während die Mittäter (Patrick Rupar, David Ortmann) kurz vor der A 9, über die 1980 schon die Räuber der Kliekener Cranach-Tafeln verschwanden, gestellt werden können.

Dramatisches Finale
Im Verhör, zurück im Alten Theater, gibt sich der Dieb kampfeslustig und als (eigentlich vorreformatorischer) Bußprediger Savonarola aus - als Fanatiker, der die Reformation nachträglich ihrer Bilder berauben möchte. Doch bevor das Wieso, Weshalb, Warum geklärt ist, geschieht Dramatisches, das hier nicht verraten wird. Nur so viel: Es hat auch mit dem Toten an der Mauer zu tun.

Junkers' Ju und Tantes Gatte, Mitteldeutsche Zeitung, 16.10.2012

von Thomas Altmann

PREMIERE Theater präsentiert "Tatort Dessau" als nonchalanten Heimatkrimi.

Nicht Kain erschlägt Abel, sondern Siegfried erschießt den Hauptkommissar. Denn der Mörder ist immer der Redakteur. Oder Manekineko, die winkende Glückskatze. Oder der biedere Polizei-Meister des Ju-Jutsu. Oder doch der gehemmte Museumswart Messerschmidt, der mit dem Staubwedel die blechern erogenen Zonen seiner Lieblingstante kost?
Dennoch laufen die falschen Fährten so verästelt nicht. Während der Bruder des "Tatorts", der "Polizeiruf 110", nach der Pensionierung von Schmücke und Schneider an Dessau vorbei nach Magdeburg zieht, platziert das Anhaltische Theater einen "Tatort" vor Ort. Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler werden gehen, Hans-Jürgen Müller-Hohensee und Katja Sieder sind gekommen. Am Freitag gab es den ersten "Tatort-Dessau". Auch die Wiederholung von Folge 1 ist bereits ausverkauft. Kultstaus im Vorhinein? Ja, aber auf Bewährung.

Hobusch und Nante

Das ermittelnde Paar zeigt sich beziehungsfähig. Die dynamische und doch mädchenhaft charmante Kommissar-Anwärterin aus der Hauptstadt verziert den abgehalfterten Polizeioberkommissar a.D.. Sie muss wohl nach dem Berliner Eckensteher Marie Nante heißen, weil er den Namen Horst Hobusch trägt. Programmatisch klingelt dessen Handy: "Mit 66 Jahren" da fängt der Krimi an, mit einem Intro auf der Leinwand. Horst Hobusch wird in schönen abweichenden Nahaufnahmen in seiner Laublandparzelle geweckt, Marie Nante vorzüglich säuerlich vom unwirschen Polizeioberkommissar Abel auf dem Bahnhof empfangen; und das Auge wimmert im Fadenkreuz.

Abel soll die Nacht nicht überleben, liegt bald reglos vor dem Alten Theater. Die Ermittler begutachten das Opfer und gehen in das Theater, treten nahtlos von der Leinwand auf die Bühne. Im Notizbuch Abels befindet sich der titelgebende Hinweis "Onkel Ju". Nun werden asiatische Fährten aufgenommen zur winkenden Katze und zur sanften Kunst der Verteidigung. Schließlich hatte Hagen von Gunthers, Ju-Jutsu-Meister und Übungsleiter des Polizeisportvereins PSV 90, einige Rechnungen offen. Nur Hobusch ahnt als Dessauer Urgestein, dass der Wind von oben weht.

Kein Studiokrimi
Es gibt Scherze über die Alterskriminalität, redend dämmernde Namen und einen augenzwinkernd forensischen Widerpart zum Münsteraner Nibelungenzwerg Alberich. Ist die Assistentin des Rechtsmediziners Boerne nur verhalten gewachsen, so heißt ihr Dessauer Kollege ebenso körperbetont Konrad Fasolt, ein Riese aus dem Ring. Eine generelle Stärke des "Tatort" ist der Bezug zur Region. Auch "Tatort-Dessau" ist kein Studio-Krimi, sondern folgt den Ermittlern durch die Stadt und springt immer wieder nahtlos auf die Leinwand, denn die anvisierten Originalschauplätze werden der leichteren Erreichbarkeit halber doch an Behelfsorte verlegt. So verhört Nante den PSV-Trainer von Gunthers im alten Studio des Theaters, während Hobusch im Hotel "Fürst Leopold" wieder auf die Leinwand und auf ein Moped steigt. Ob Müller-Hohensee diesen hoch motorisierten Part selber fährt oder gedoubelt wird, ist des Helmes wegen nicht ersichtlich. Im Technikmuseum "Hugo Junkers" gibt es die Szene des Deliktes: Jan Kersjes liefert als Junkers-Fetischist die geniale Urform eines blass bornierten Triebtäters und den Hinweis auf ein geplantes Großraumflugzeug "Onkel Ju". Abel muss im Besitz der millionenschweren Pläne gewesen sein.
Die Wege bleiben, insofern Heimatkrimi, ein wenig entvölkert. Da fehlt es an Ideen, Improvisationen oder Text. Die Filmpartien bilden die Stärke des unterhaltsamen Vergehens, samt des unbekümmert genialen Lichtes und der fugenlosen Sprünge ins Spiel.

Lösung aus der Luft
Am Ende zur "Pressekonferenz" im VorOrt-Haus fällt die Lösung aus der Luft. Ausgerechnet der Journalist, der als Junkers-Frömmler zum Kreis der Verdächtigen zählt, stellt die bohrenden Fragen und karikiert somit die Logik der Ermittlungen, bis er aus dem Haus und auf der Leinwand flüchtet. Und Nante radelt hinterher...

Mit Tatort-Kommissaren auf Spurensuche, Volksstimme, 18.10.2012

Anhaltisches Theater: Schauspieler und Publikum ziehen durch Dessau
von Franziska Richter

Theater mal anders. Beim "Tatort Dessau" am Anhaltischen Theater ziehen Schauspieler und Publikum zu den Schauplätzen der Ermittlungen durch die Stadt. Das neue Format kommt an.

Die Tatort-Premiere im Dessauer Theater beginnt natürlich mit einem Filmausschnitt in alter "Tatort"-Manier: zwei Bratwurst essende Kommissare, die Augen im Fadenkreuz, dazu die "Tatort"-Melodie, herrlich blöd interpretiert durch einen A-capella-Chor. Noch sitzt das Publikum im gemütlichen Saal im Alten Theater, weiß aber: Es geht gleich los zum kriminalistischen Streifzug durch die Stadt. Und schon jetzt lachen die Besucher. In Kleinigkeiten, aber auch in typischen Handlungssträngen erkennen "Tatort"-Fans die Parodie auf die Krimi-Reihe der ARD.

Da ist die junge Kommissaranwärterin Marie Nante, die von einem rotznäsigen Kommissar in Dessau begrüßt wird, mit den Worten: "Hier lebt das Verbrechen". Doch bald liegt er selbst tot vor dem Alten Theater. Der Gerichtsmediziner "Fasolt", wie der Riese in Wagners "Rheingold" genannt, kann nur noch den Tod feststellen. Das Video stoppt, durch die Tür des Alten Theaters leuchtet die junge Kommissarin mit der Taschenlampe. Mit dabei ist Horst Hobusch, ein ausgedienter Polizeioberkommissar, ausgestattet mit Trenchcoat, Hut und Kippe. Doch die junge Frau wird im Laufe der Ermittlung das Herz des alten, verbitterten Kriminalisten erweichen - auch typisch "Tatort". Die beiden haben nun den Tod ihres Kollegen zu klären. "Und Sie alle kommen mit", schreit Hobusch Richtung Publikum. Dann geht es tatsächlich los. Die träge Publikumsmasse bewegt sich aus dem Theater. Um die Ecke wird die erste Zeugin vernommen. Es geht weiter in den Stadtpark.
Mit dem Publikum, begleitet von Lotsen des Theaters, ziehen die Kommissare weiter. Die verregneten Straßen Dessaus passen an diesem Abend wunderbar zum Krimi. Dann teilt sich die Gruppe. Eine Hälfte schleicht mit Kommissar Hobusch ins Radisson-Hotel - "Psst, nicht die schlafenden Gäste wecken!" Der andere Teil sieht im Großen Haus wie Kommissarin Nante den nächsten Zeugen vernimmt. Wiedertreffen am Theatervorplatz. Ein Anruf und die Traube hastet weiter zum Vor-Ort-Haus. Hier wird wieder live gespielt: Bei einer Pressekonferenz outet sich der Täter selbst.
Bei der anwesenden Menschenmenge werden die wichtigsten Punkte der Handlung vor allem in den eingespielten Videos und den Innenszenen gebracht, denn sonst wäre es schwer, alles mitzubekommen. Zwar ist die Handlung voller Spitzen auf den echten "Tatort", dennoch entsteht keine Persiflage. Regisseur David Ortmann geht es in seiner "Liebeserklärung an die Stadt" auch um den "Kitzel, die eigene Stadt mit anderen Augen zu sehen" und darum "über ihre Eigenheiten auch einmal zu schmunzeln".
Wie die Idee entstand? "Seit bekannt wurde, dass in Halle der ,Polizeiruf' beendet und in Magdeburg ein neues ,Tatort'-Team an den Start gehen wird, haben wir uns als Dessauer Theater gefragt: Warum denkt eigentlich niemand an das dritte Oberzentrum, das wie Halle und Magdeburg ja auch ein Oberzentrum des Verbrechens sein kann?" Aus der Idee des Kommissarteams für Dessau entstand ein neues Format. David Ortmann erklärt: "Mit den Projekten im Alten Theater wollen wir Schauspiel abseits der Schubladen machen, zusammenbringen, was nicht selbstverständlich zusammengehört." Das Experimentieren mit neuen Formaten hat am Anhaltischen Theater Dessau Tradition. Junge Theaterschaffende können sich über Projekte ausprobieren, die ein junges, anderes Publikum ansprechen sollen.
So können sich Besucher beim "Wunschfilm" den Film aussuchen, den die Schauspieler parodieren. Zwei Kritiker bewerten vor Publikum bei "Trash am Montag" Kinofilme aus aller Welt. Im aktuellen "Der Staatsanwalt hat das Wort" diskutiert Staatsanwalt Gunnar von Wolffersdorff, ob die Wette zwischen Faust und Mephisto nicht unerlaubtes Glücksspiel sei oder mehr. Eine Wiederholung dieser "Tatort Dessau"-Folge gibt es am 11. November. Folge 2 "Rohes Neues Jahr - 800 Jahre Dessau" ist für den 31. Dezember geplant.

Pressestimme: MDR Figaro
Pressestimme: MDR Info
Pressestimme: Radio SAW

CHRONIK

Folge 1: Onkel Ju

12.10.2012 / 29.10.2012 / 11.11.2012
Altes Theater/Foyer

Für die freundliche Unterstützung danken wir besonders:

• Saskia Kretzschmann für die Animation des Intros
• der Hochschule Anhalt und dem VorOrt-Haus
• dem Radisson Blu Fürst Leopold Hotel
• der Polizeidirektion Dessau
• dem Technikmuseum „Hugo Junkers“
• dem Polizeisportverein Dessau-Anhalt e.V.


Folge 2: Rohes Neues Jahr - 800 Jahre Dessau

31.12.2012, 13.1.2013, NEU: 23.1.2013
Altes Theater/Foyer

Im Alten Theater soll Silvester gefeiert werden – doch das bunte Treiben beginnt schon lange vor Mitternacht mit einem Knalleffekt: Der DJ, der den Abend musikalisch ausgestalten sollte, sackt über dem Mischpult zusammen. Hat er was Falsches gegessen - und wer hat es ihm serviert? Kommissaranwärterin Nante, die eigentlich fröhlich ins Neue Jahr hineinfeiern wollte, ist sich nicht sicher – und ruft ihren Kollegen Hobusch zu Hilfe. Im Laufe des Abends stellt sich heraus, dass der DJ eine ganz besondere Überraschung auf seinen CDs bereithielt. Was hat es mit diesem Lied auf sich? Und warum ist jemand bereit, dafür zu morden? Nante und Hobusch müssen mitten unter den Festgästen ermitteln, während ihnen Pathologe und Staatsanwältin aus der Ferne die Daumen drücken – auch dafür, dass es dem Team gelingt, die Party mit passender Musik am Laufen zu halten.

Mit: Katja Sieder, Christel Ortmann, Silke Wallstein; Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Patrik Rupar, Jean-Baptist Jütten, Boris Malré (sowie per Video: Anne Lebinsky, Jenny Langner; Stephan Korves, Thorsten Köhler, Gerald Fiedler, Sebastian Müller-Stahl)

Regie und Video: David Ortmann | Buch: Andreas Hillger Dramaturgie: Sabeth Braun


Folge 3: »Die geflügelte Schlange«

In seinem dritten Fall spürt das ungleiche Ermittlerpaar einem spektakulären Gemäldediebstahl hinterher und kommt bald der Verschwörung um die »Geflügelte Schlange« auf die Spur, deren Zeichen mysteriöserweise überall in Dessau auftaucht – und die Ermittler bald an ihren eigenen Überzeugungen zweifeln lässt. Des Rätsels Lösung liegt jedenfalls auf den Straßen Dessaus, und dorthin folgt das Publikum bald in klassischer Polizei- und Beinarbeit dem »Tatort«-Team.

Regie und Video: David Ortmann | Dramaturgie: Sabeth Braun | Buch: Andreas Hillger
Mit: Marie Ulbricht | Hans-Jürgen Müller-Hohensee | Felix Defèr | Dirk Greis | Boris Malré | Sebastian Müller-Stahl | Katja Sieder | Stephan Korves | Karl Thiele | Patrick Wudtke

Herzlichen Dank an die Johanniskirche, die Anhaltische Landesbücherei Dessau und die Huskies e. V.!!!!!


Folge 4 : Sieben auf einen Streich

Marie Nante und Horst Hobusch sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Fälle wie »Onkel Ju« und »Die geflügelte Schlange« haben die Dessauer »Tatort«-Ermittler zusammengeschweißt, doch im zweiten Dienstjahr droht Veränderung: Die Polizeireform in Sachsen-Anhalt wirft dabei lange Schatten voraus: Über die Weihnachtstage sind neben einer Einmann-Fahrradstreife nur noch die neuen SEK (Selbständig Ermittelnde Kommissare) Sczymanski und Fichtner verfügbar. Kommissarsanwärterin Marie Nante, die gemeinsam mit Horst Hobusch bislang im »Tatort Dessau« ermittelte, ist hingegen zwischenzeitlich zur Soko „Soap“ nach Köln abkommandiert … alles bleibt anders im bewegten Stadtkrimi aus der Metropole des Verbrechens. Und ausgerechnet jetzt – in der stillsten Zeit des Jahres – treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Doch nach welchem Muster wählt er seine Opfer aus? Und was verbirgt sich hinter den gelben Post-its? „Sieben auf einen Streich“ sucht nach Antworten. Buch: Andreas Hillger; Regie & Video: David Ortmann

Liveteam:
Jakob Fichter: Patrick Wudtke
Wilhelm Sczymanski: Felix Defèr
Hansen: Sebastian Müller-Stahl
Schulze-D.: Boris Malré

Filmteam:
Hoffmann: Dirk S. Greis
Opfer 1: Jenny Langner
Opfer 2: Illi Oehlmann
Opfer 3: Marie Ulbricht
Opfer 4: Gerald Fiedler
Opfer 5: Karl Thiele
Opfer 6: Stephan Korves


Folge 5: Fressen Pinguine Eisbären?

Unter dem Titel „Fressen Pinguine Eisbärem?“ muss der SEK (Selbstständig Ermittelnde Kommissar) Götz Sczymanski einen verwickelten Fall lösen, der mit einem Toten im Umweltbundesamt beginnt und das Publikum schon bald auf die andere Seite der Bahnschienen führt. Dass angesichts des Ausgangspunktes auch ökologische Fragen diskutiert werden, liegt auf der Hand. Und zudem drängt sich die Frage auf, warum Sczymanski diesmal nur mit dem Pathologen Fasolt, der UBA-Sicherheitsbeauftragten Frau Licht und dem Wachmann Bergner unterwegs ist. Wo ist sein Kompagnon Fichtner abgeblieben?

Liveteam:
Natalie Hünig (Annegret Licht)
Felix Defèr (Götz Sczymanski)
Dirk Greis (Heinz Bergner)
Stephan Korves (Konrad Fasolt)
Oliver Seidel (Werner Müller)

Filmteam:
Christel Ortmann (Mackensen)
Mario Klischies (Peters)
Sebastian Müller-Stahl (Hofmann)
Patrick Wudtke (Fichtner)
Silvio Wiesner (Mann)
Boris Malré (Sprecher)

2201