Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenfestspiels
»Der Ring des Nibelungen« von Richard Wagner

Premiere am 29. März 2013 – Wiederaufnahme am 29. März 2015

MIT ZUSÄTZLICHEN ÜBERTITELN

Siegfried,ein vor jugendlicher Kraft strotzender Held, ist im Wald von dem Schmied Mime großgezogen worden. Der Ziehvater hofft, dass der Knabe ihm den aus dem Rheingold geschmiedeten Ring beschaffen wird, der von dem Lindwurm Fafner bewacht wird. Allerdings hält kein Schwert Siegfrieds Kraft stand. Von Wotan erfährt der Schmied, dass das Schwert »Notung« nur neu schmieden könne, »wer das Fürchten nie erfuhr«. Doch der Gott prophezeit Mime auch, dass er von eben diesem »Furchtlosen« erschlagen würde. So ersinnt Mime einen Plan: Siegfried schafft aus den Bruchstücken des Schwertes ein neue Waffe, mit der er Fafner besiegt. Nach dem Kampf möchte Mime mit Hilfe eines Betäubungstrankes Siegfried einschläfern, um ihn dann töten zu können. Doch das Blut des Drachens verschafft Siegfried die Gabe, die Sprache der Tiere zu verstehen. Ein Waldvogel warnt ihn vor Mime, rät ihm den Ring und den Tarnhelm aus dem Schatz zu nehmen und sich auf den Weg zu machen zu der schlafenden Walküre Brünnhilde. Siegfried lässt sich nun von nichts und niemandem mehr aufhalten. Er erschlägt seinen Ziehvater, zerbricht kurz darauf Wotans Speer, als dieser ihm begegnet, und durchschreitet unverletzt den Feuerring des Walkürenfelsens, auf dem Brünnhilde ruht. Dort weckt er die junge Frau mit einem Kuss. Brünnhilde bekennt ihre Liebe zu dem lang erwarteten Helden. Kein Werk im Oeuvre Richard Wagners besitzt einen stilistisch größeren Reichtum als »Siegfried«. Die Abenteuer des jungen Siegfried gestaltet Richard Wagner zu einer spannenden Reise durch völlig unterschiedliche musikalische Welten. Dem burlesk-satirischen Ton der sich überschlagenden Ereignisse um Mime und das Schwert »Notung« im ersten Akt setzt Wagner das Nachtstück der bedrohlichen Vorgänge vor der »Neidhöhle« im zweiten Akt und die schicksalsschweren Klänge von Siegfrieds Begegnung mit Wotan und Brünnhilde im dritten Akt gegenüber. »Siegfried« ist die Fortsetzung des Zyklus »Der Ring des Nibelungen« in der Bauhausstadt Dessau, der die Dessauer Wagner-Tradition des »Bayreuth des Nordens« mit der Ästhetik der Klassischen Moderne verbindet. Richard Wagners Gesamtkunstwerk ist nach über 50 Jahren wieder auf der Bühne des Anhaltischen Theaters zu erleben.


Aufführungsdauer: ca. 5 h (inkl. 2 Pausen) Bahnverbindungen nach Berlin nach den Vorstellungen


Die „Ring“-Vorstellungen 13.-17.5.2015 sind ausverkauft, Restkarten evtl. unter 0340 2511-333 erhältlich, für die Vorstellungen 23.-28.6.2015 gibt es noch einige wenige Ring-Tickets
Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung André Bücker
Bühne Jan Steigert
Kostüme Suse Tobisch
Projektionen Frank Vetter / Michael Ott
Dramaturgie Felix Losert / Sophie Walz

Siegfried Jürgen Müller
Mime Albrecht Kludszuweit
Der Wanderer Ulf Paulsen
Alberich Stefan Adam / Bjørn Waag (26.6.2015)
Fafner Dirk Aleschus
Erda Rita Kapfhammer
Brünnhilde KS Iordanka Derilova
Die Stimme des Waldvogels Angelina Ruzzafante

PRESSESTIMMEN

Andreas Hauff, www.nmz.de, 26.06.2013

Spieler beim Spielen: Halbzeit beim Dessauer „Ring“ – trotz Hochwasser und Gegenwind

Wagners „Ring“ gibt es in letzter Zeit an ungewöhnlich vielen Theatern zu erleben. Der Dessauer „Siegfried“ allerdings verdient besondere Beachtung – nicht nur, weil das Anhaltische Theater die Tetralogie von hinten begonnen hat und mit der letzten Aufführung der Saison nun in die Halbzeit gegangen ist, und nicht nur, weil das Theater am 28. Juni in einer symbolischen Aktion in der Stadt „verankert“ werden soll.
„Der Held“, schreibt der Dessauer Autor Andreas Hillger im lesenswerten „Siegfried“-Programmheft, „muss eine als ‚Quest’ bezeichnete Hauptaufgabe lösen, deren Inhalt und Konsequenzen sich oft erst mit dem Fortschritt des Spieles erschließen. Unterwegs begegnen ihm dabei nicht nur diverse Gegner, deren Fähigkeiten parallel zu seinen eigenen Erfahrungswerten zunehmen und im Fall des Sieges auf ihn übergehen können. Durch Tausch, Kauf oder Kampf erwirbt er zudem immer wirkungsmächtigere Gegenstände, ohne deren Hilfe sich der Weg zum Ziel kaum bewältigen lässt.“ Hillger beschreibt die typische Struktur eines Computer-Rollenspiels, und siehe da: Wagners Siegfried-Figur passt genau hinein.

Und so finden wir denn, wenn der weiße Vorhang vor André Bückers Inszenierung sich gelichtet hat, auf der Bühne in einem ziemlich vollgemüllten Zimmer zwei Männer, die völlig fixiert auf ihren Laptop-Bildschirm sind und leidenschaftlich den Rhythmus des Schmiedethemas in die Tastatur hacken: Siegfried (Peter Svensson) und Mime (Albrecht Kludszuweit). Hinter ihnen erstreckt sich eine Art überdimensionaler Dreiflügelaltar: In der Mitte eine kitschige Waldszene, wie sie einer alten „Siegfried“-Inszenierung entstammen könnte, auf der linken Seite eine bewegte Computer-Animation, auf der rechten Seite die technischen Daten des Spiels, in die sogar die Übertitelung von Wagners Libretto integriert ist.

Es bleibt nicht bei diesem Bild. Nach einer Weile erleben wir eine 3D-Animation der Wohnung, zu der das Zimmer gehört, es flimmern Computerdaten über die Leinwand, es werden Spielstände und Ausrüstungen eingeblendet (Siegfried gegen Mime oder Mime gegen Wotan). Auf der realen Bühne erscheinen reale Kuben und Tetraeder, die einer 3D-Animation entnommen sein könnten. Bühnenrolle und Bildschirmrolle vermischen sich. Als Wanderer tritt Wotan (Ulf Paulsen) ganz real in Mimes Behausung: Angewidert stochert er mit seinem Speer im herumliegenden Geschirr und Essensresten. Als Siegfried ihm im 3. Akt den Speer zerschlägt, stürzt Wotans Programm ab; „Error“ vermeldet der Bildschirm, und dann gibt es nur noch Siegfried und Brünnhilde (Iordanka Derilova), die am Ende in die staksend-roboterhafte Bewegung verfallen, die die Ästhetik der letztjährigen „Götterdämmerung“ geprägt hat.

Dem geglückten, geschickten Ineinander von Regie, Bühne (Jan Steigert), Projektionen (Frank Vetter, Michael Ott) und Kostümen (Suse Tobisch) ist ein ebenso spannender wie unterhaltsamer Wagner-Abend zu danken. Nicht nur gibt es immer wieder etwas Neues zu sehen. Die Computerspiel-Ästhetik erlaubt der Regie auch, ungeniert das Spielerische im „Siegfried“ zuzulassen und die Geschichte naiv, bildhaft und spontan wie ein Märchen zu erzählen. Das Weihevolle, das Raunende, das Germanentümelnde ist ganz draußen aus dieser Inszenierung, aber auch die Verkrampfungen und das Gesuchte des Regietheaters. Stattdessen beobachtet das Publikum Spieler beim Spielen – und kommt dabei durchaus ins Nachdenken darüber, wer hier welches Spiel treibt und warum.

Es darf auch gelacht werden – etwa wenn das Waldvögelein (Angelina Ruzzafante) sich bei Siegfrieds kläglichen Versuchen auf der Flöre spontan die Ohren zuhält oder wenn Siegfried bei Brünhildes Anblick höchst erstaunt ausruft „Dies ist kein Mann!“ Die szenische Entkrampfung trägt hörbar dazu bei, das Miteinander von Szene und Musik zu steigern. Subtil bringt die Anhaltische Philharmonie Dessau unter GMD Antony Hermus die Nuancen der Partitur zur Geltung: Die Stimmen der Sänger tragen ausgezeichnet, beeindruckend ist die gute Textartikulation. (Stefan Adam als Alberich, Dirk Aleschus als Fafner und Rita Kapfhammer als Erda sollen hier nicht verschwiegen werden.) Am Ende ist sogar Siegfried und Brünnhildes langer, oft überlang wirkender Dialog ansprechend und spannend.

Neben dem theatralischen Gewinn und der beachtlichen künstlerischen Leistung ist auch der kulturelle Impuls nicht zu unterschätzen, den das Anhaltische Theater mit dieser Inszenierung setzt. Virtuelle Welt und Theater sind nämlich so weit nicht voneinander entfernt, wie die jeweiligen Macher glauben mögen. Ähnlich wie Richard Wagner bedienen sich auch die Entwickler von Computer-Spielen aus dem reichen Vorrat von Figuren und Symbolen von Menschheitsgeschichte und Mythologie und arbeiten mit an deren Fortschreibung. Selten gelingt es bislang dem Theater, an die Erfahrungen und Bedürfnisse der Spiele-Nutzer anzuknüpfen. Umgekehrt ist einige Ignoranz am Werk, wenn Autoren des jüngst abgeschlossenen Funkkollegs „Wirklichkeit 2.0 – Medienkultur im digitalen Zeitalter“ des Hessischen Rundfunks gegen das traditionelle Feuilleton polemisieren, ohne auch nur einen Gedanken an Berührungspunkte zu verwenden.

Dass die letzte „Siegfried“-Vorstellung der Saison überhaupt stattfinden konnte – wenn auch mit einer halben Stunde Verspätung –, war keine Selbstverständlichkeit. Inmitten der katastrophalen Hochwasserwelle an Elbe, Mulde und Saale kam die Stadt Dessau-Roßlau glimpflich davon. Aber die Umstände zeugten davon, dass bei aller Virtualität wir Menschen primär materielle Wesen in einer materiellen Welt sind. Gerade das Theater mit seinen real existierenden Akteuren ist geeignet, das zu zeigen. Durch Kino oder Computer lässt es sich nicht ersetzen. Für den 28. Juni hat das Anhaltische Theater Stadt und Region nun zu einer theatralischen Aktion aufgerufen: „Das anhaltische Theater Dessau ist eigentlich ein sehr stabiles Gebäude, das im Laufe seiner Existenz schon vielen Stürmen getrotzt hat. Nun aber droht ein rauer Wind, der aus Richtung Magdeburg weht, dieses Haus aus seine Fundamenten zu reißen und wegzutragen. Dagegen hilft nur eins: Wir müssen unser Theater sichern, indem wir es noch fester in Dessau-Roßlau verankern. Deshalb wollen wir am 28. Juni ab 11.55 Uhr (…) Pflöcke einschlagen. Daran werden wir Schnüre, Seile und Taue befestigen, die wir vom Dach und aus den Fenstern des Hauses herunterlassen. (…) Wir brauchen die Kraft aller Menschen, die dieses Haus und sein Ensemble in ihrer Stadt halten wollen.“

Man darf wohl fragen, welcher Furor die sachsen-anhaltinische Landesregierung in Magdeburg reitet, wenn sie für 2014 radikale Kürzungen im Kulturetat plant, die die Existenz der verbliebenen Theater und Orchester gefährden. Dies geschieht nur wenige Monate, nachdem der vom Landtag in Magdeburg eingesetzte Kulturkonvent das genaue Gegenteil, nämlich eine Erhöhung des Kultur-Etats, empfohlen hat. (Allein die Entmündigung des Landtags müsste jedem einzelnen Abgeordneten zu denken geben.) Der Bericht des Kulturkonvents dokumentiert, wie viele Theater und Orchester in den letzten 20 Jahren schon verschwunden sind, wie viel Arbeit die noch bestehenden Institutionen inzwischen in die Kinder- und Jugendarbeit investieren, und dass die Hochschulen im Bundesland „sich zu ausgesprochenen Magneten für den Zuzug junger Menschen entwickelt haben.“ Da scheint es also doch noch einen Gegentrend zu geben zu Bevölkerungsschwund und Abwanderung, Rückbau von Städten und Überalterung! Auf die stereotype und fantasielose Politiker-Frage „Können wir uns Kultur noch leisten?“ kann man also nur mit der Gegenfrage antworten: „Können wir uns leisten, keine Kultur zu haben?“

Sebastian Barnstorf, Das Opernglas, Mai 2013

Bereits bei der letztjährigen Premiere der „Götterdämmerung“ hatte sich angedeutet, zu welcher Leistung das Anhaltische Theater Dessau beim Vorhaben, den gesamten „Ring des Nibelungen“ in umgekehrter Reihenfolge auf die Bühne zu bringen, fähig ist. Nach der Premiere des „Siegfried“ zeigte sich nun, dass der sogenannte „Bauhaus-Ring“ stilbildend sein könnte: In inszenatorischer Hinsicht ist schon jetzt Grandioses gelungen!
Der Regisseur und Intendant des Hauses André Bücker stellt seine mannigfaltigen Ideen und Einfälle ganz in den Dienst des Werkes. Sein großes Verdienst ist, dass er nie überintellektualisiert und verkopft daherkommt, sondern immer erklärend und aus dem Kontext heraus entwickelt. Hier wird die Modernität Wagners vermittelt, ja zelebriert und in Zusammenhang mit der Geschichte Dessaus als Ursprung des Bauhauses und der klassischen Moderne gesetzt. Allerdings gestaltete sich diese Umsetzung beim nun gezeigten „Siegfried“ ungleich schwerer als bei der „Götterdämmerung“ zuvor, ist doch der zweite Tag des „Ring“ eher ein Scherzo. Doch Bücker gelingt das Famose: Er setzt die Symbol- und Formensprache des Bauhaus-Stils in den Kontext von Digitalisierung, IT und vor allem von Computerspielen. „Tetris“, eines der ältesten und bekanntesten Computerspiele, wird im ersten Akt von Mime gespielt und erweist sich mit seinen herabfallenden Formen aus zusammengesetzten Quadraten als Fortsetzung der würfelartigen Symbol- und Formensprache des Bauhauses (Bühne Jan Steigert). „Siegfried“ ist ein großartiges 3D-Game, dass zwischen Mime und Siegfried als pubertierendem Rapper in klarer „Checkermanier“, die für ihn hier zunächst äquivalente Ausdrucksform im Sinnt der Meyerholdschen „Biomechanik“ ist, ausgetragen wird.

Auf den linken und rechten weißen Rand des wie in der „Götterdämmerung“ schon zentral für alle Akte als Reminiszenz an Kasimir Malewitsch fungierenden schwarzen Quadrats (in dem sich das Drama entfaltet) auf weißem Grund werden die jeweiligen Spielstände angezeigt. Auf der Habenseite verbucht Siegfried schnell das Schwert, das er nicht schmiedet, sondern in seinem Heim als junger, unbedarfter „Computer-Nerd“ inmitten von Junkfood, Konserven und Dosen durch Einloggen in die Datenstruktur mittels Headset und digitalem Handschuh virtuell „zusammenfrickelt“. Wenn er Fafner erschlägt, blinkt rot „Highscore“ auf. Zudem kann der Held noch Tarnkappe und Ring auf seinem Spielerprofil verbuchen, während Mime nur einen zweifelhaften Trank gewann, den er ebenso schnell verlor wie das gesamte (Computer-)Spiel. Zuvor hatte er schon bei der „Wissenswette“ des ersten Aktes gehörig an Lebenspunkten eingebüßt, die als „Wer-wird-Millionär“-Spiel zwischen dem Wanderer und Mime ausgetragen worden war.

Und doch kann das „Scherzo“ als Computerspiel nur über die ersten beiden Akte zum Tragen kommen. In dem Moment, als der Waldvogel Siegfried den Weg zu Brünnhilde weist, gerät dieser zum ersten Mal deutlich ins Stolpern und Stocken. In der „Götterdämmerung“ wird er dann nur noch roboterhaft im Stechschritt seinem Ende entgegen marschieren: Das Spiel ist aus. Peter Svensson gab die Titelpartie des Siegfried mit hoher Authentizität und großer Spielfreude. Obwohl sehr deutlich wurde, wie sehr diese schwere Partie den altgedienten Tenor - er war bereits von 1996 bis 1998 Ensemblemitglied in Dessau, reüssierte in der Folge als Siegfried, Tristan und Siegmund, und kehrte schließlich nach einer längeren Pause wieder auf die Bühne zurück - beanspruchte, vermochte er sich durch eine kluge Rolleneinteilung und kontrollierte Intonation insbesondere in den tieferen und lyrischen Lagen wohltuend gegenüber jenen Interpreten abzusetzen, die die Partie mit heldisch angestrengtem Überdruck bestehen. Svenssons Stimme zeichnet sich immer noch durch eine natürlich gewachsene, beseelte Grundanlage aus, die vor allem im Waldweben bestach. Für die strahlkräftigen Schmiedelieder oder die Duette mit der spät erwachenden Partnerin reichte dies aber leider nicht ganz.

lordanka Derilova gestaltete die Partie der Brünnhilde mit gewohnt klarem und dabei doch warmem Ton ihres ausdrucksstarken Soprans, der aber am Premierenabend bisweilen mit etwas überhasteter Phrasierung und starkem Tremolo daherkam. Im finalen Duett („leuchtende Liebe, lachender Tod“) wird übrigens auch Brünnhilde zum Roboter: Mit krampfenden Gliedern im Sinne des nun heraufdämmernden Automatismus des Scheiterns zuckt das Paar geradezu der kurzen, ekstatischen Nacht zwischen „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ entgegen.

Ulf Paulsen als Wanderer gab sich in der Rätsel-Szene des ersten Aktes noch konzentriert und ob seines eher höher gelagerten Baritons betont um die Schwere und Tiefe der Partie bemüht, während er im weiteren Verlauf immer befreiter akzentuierte. Albrecht Kludszuweit gestaltete den Mime mit klarer, differenzierter Intonation seines vielschichtigen Tenors, Stefan Adam sang den Alberich ausdrucksstark und mit agiler Stimmführung, Dirk Aleschus punktete als Fafner mit seinem ausdrucksstarken und sicher geführten Bass. Rita Kapfhammer war eine Erda mit sicher strömendem Mezzo, Angelina Ruzzafante als Waldvogel sorgte mit ihrem jugendlichen, wunderbar aufblühenden Sopran und immer verständlicher Intonation für einen gesanglichen Höhepunkt des Premierenabends.

GMD Antony Hermus führte die Anhaltische Philharmonie Dessau insbesondere im dritten Akt sicher durch die abgeklärten und flirrenden Passagen, während sich gerade im schwierigen ersten Akt und in den weiteren „Parlando-Szenen“ des zweiten Aktes zwischen Alberich und Mime zu viel Hast und schnelle Tempi verheerend auf die Möglichkeit der sängerischen Entfaltung auswirkten. Hier hätte deutlicher zu Gunsten der Sänger und einiger Instrumentengruppen das Tempo reduziert und insgesamt spannungsreicher musiziert werden müssen. Nichtsdestotrotz darf man uneingeschränkt gespannt sein auf die Fortsetzung des „Bauhaus-Rings“ im nächsten Jahr mit der dann anstehenden Neuproduktion von „Die Walküre“.

Oliver Hohlbach, Operapoint, 21.04.2013

Besuchte Aufführung: 30. März 2013 (Premiere)

Kurzinhalt
Siegfried wird vom Zwerg Mime großgezogen ohne Respekt oder Furcht zu kennen. Wie es der Wanderer prophezeit, gelingt es dem Furchtlosen das Schwert Nothung aus Trümmern neu zu schmieden. Mimes Ziel ist es, Siegfried gegen Fafner aufzustacheln, damit er ihn töte und ihm den Ring verschaffe. Nachdem Siegfried den Riesenwurm getötet hat, bringt er den Ring an sich und erkennt durch das magische Drachenblut die wahren Ziele Mimes. Aus Zorn bringt er ihn um und macht sich auf zum Brünnhildenfelsen, um dort Brünnhilde zu erwecken und ihre Liebe zu erringen. Zuvor trifft er auf den Wanderer – den umherstreifenden Gott Wotan – und zerschlägt seinen Speer, der Wotan die Macht über die Welt sicherte. Wotan tritt ab und macht Siegfried so den Weg frei.

Aufführung
Der erste Akt führt uns in Mimes Wohnzimmer, wo sich Mime und Siegfried in Computerspielen duellieren. Projektionen zeigen uns einen Drachen im Flug, einen Bären im Angriff, das Schwert zieht Siegfried aus einer Icon-Liste-Projektion. Wotan besucht Mime in einer Borg-Verkleidung aus Star Trek, während Siegfried und Mime als Computer-Nerds unserer Tage gekleidet sind. Fafners Höhle (dargestellt durch einen Würfel) liegt vor einem umklappbaren Wald aus Holzlatten. Als Drachen sieht man nur seine überdimensionalen Augen, sein Kostüm ist von zahllosen Speeren durchbohrt. Brünnhilde sieht genauso aus wie in der Götterdämmerung, der Brünnhildenfelsen ist wieder der aus verschiebbaren Quadern bestehende schwarze Schachtelturm. Davor die beiden gekrümmt aufgehängten Vorhänge, die kreisförmig verfahren werden können. Diese werden genauso als Projektionsfläche genutzt, wie die aufwendig verkleideten Bühnenportale.

Sänger und Orchester
Den Auftritt von Ulf Paulsen als Wanderer kann man durchaus als sensationelle Entdeckung feiern. Das helle baritonale Timbre klingt in dieser Rolle ungewohnt, jedoch verfügt er über genügend Reserven, um auch in den tiefen Lagen vollmundig zu klingen – auch wenn er manchmal an Grenzen stößt. Ebenfalls eine Entdeckung ist Albrecht Kludszuweit. Er setzt die Tendenz fort, die Rolle des Mime nicht mit einem abgesungenen Tenor, sondern einem lyrischen Tenor mit Saft und Kraft zu besetzen, der noch in der zweiten Reihe steht. Das Potential für größere Rollen, wie Siegfried, hat er bereits unter Beweis gestellt. Dieses Potential läßt Peter Svensson vermissen. Obwohl unter den Folgen einer Erkältung leidend, aber nicht als indisponiert angesagt, offenbarte er Probleme mit der Intonation, zieht die Töne von unten hinauf. Das große Finale gewinnt ohne Probleme Iordanka Derilova als Brünnhilde. Ihr schwerer dramatischer Sopran gibt der Rolle Gewicht, hohe Töne trifft sie auch im forte, auch wenn dies nicht frei von Schärfen gerät. Die kleinen Rollen sind durch die Bank herausragend besetzt, Angelina Ruzzafante als schwerer Koloratursopran hat keine Probleme mit dem Waldvogel-Gezwitscher in den höchsten Tönen. Rita Kapfhammer verfügt über ein schier unerschöpfliches Stimmvolumen und Ton-Umfang und verleiht der sterbenden Erda Format. Stefan Adam gestaltet den Alberich mit dämonischer Schwärze. Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen des Siegfried. Die symphonischen Abschnitte wie Waldweben oder Vorspiel zum dritten Akt werden monumental breit mit viel Leidenschaft gespielt. So werden die Motive deutlich herausgearbeitet und es gelingt die Wagnerschen Klangbögen zu einem großen Ganzen zu verschweißen.

Fazit
Minutenlange Ovationen, ein tobendes Publikum – auch die zweite Premiere des von hinten aufgezäumten Ringes wird vom Publikum geschätzt: Wegen des von der Liebe zum Gegensätzlichen geprägten Bühnenbildes und der insgesamt guten musikalischen Leistung. Der sogenannte Bauhausstil aus der Götterdämmerung (d.h. körperstarre bzw. gestendominierte Personenführung und grelle Projektionen) wird durch computeranimierte Bühnenbilder und hippe Bewegungsabläufe aufgebrochen. Und gewinnt durch diese beiden gegensätzlichen Stile zusätzlichen Unterhaltungswert, wirft aber auch viele Fragen auf, die mit der Walküre 2014 beantwortet werden sollten. Musikalisch ist der Abend schon wegen des Debüts von Ulf Paulsen als Wanderer ein Erlebnis, auch die Interpretation von Antony Hermus setzt Akzente. Und es wird deutlich, daß dieser dritte Ring im Großraum Berlin auf hohem Niveau mitspielen kann.

Roberto Becker, www.omm.de Online Musik Magazin, 11.04.2013

Auf Drachenjagd im virtuellen Wald

Richard Wagners Bühnenwerke haben in diesem Jahr Hochkonjunktur. Man könnte fast denken, dass die Macher, die sich gleich für den kompletten Nibelungen-Ring entschieden haben, den in der Tetralogie beschworenen Untergang einer auf Machtgier und der Jagd nach dem Geld beruhenden Welt als Menetekel für die Malaise der ja hierzulande immer noch gut bestückten Theaterlandschaft so ernst nehmen, dass sie es im Jubiläumsjahr nochmal wissen wollen. Wann, wenn nicht im Jahr von Wagners 200. Geburtstages, kann man den Geldgebern noch vier große Inszenierungen unter einer Hauptüberschrift verkaufen, scheinen die Intendanten zu denken und die Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Womöglich hat der Dessauer Intendant André Bücker auch deshalb seine Ring-Inszenierung von hinten, mit der Götterdämmerung begonnen und jetzt den Siegfried folgen lassen. Da hat er schon mal die „größere“ Hälfte (wie es bei der Klopperei der Riesen Fasolt und Fafner um das Nibelungengold im Rheingold immer so schön falsch heißt) im Kasten. Sollte es brenzlig werden mit dem realen Geld – eine Walküre und Rheingold kriegen sie allemal noch gestemmt.

Über die frühe Jugend des mit der Rettung der Welt heillos überforderten Superhelden Siegfried ist freilich nur etwas zu erfahren, wenn man dazu einen Ausflug in den imaginären Wald unternimmt. In der Inszenierung kommen sie zumindest virtuell auch alle dort an: Siegfried und Mime, der Waldvogel und Fafner, und bei einem Abstecher zur Rate-Show auch der Wanderer. Die beiden Comupterspiel-Freaks Mime und Siegfried haben in ihrer mit Fastfood-Resten vermüllten Höhle die Natur immerhin auf dem Schirm ihrer Computer. Da lehrt dann Mime seinen Siefvater mit einem virtuellen Bären das Fürchten - und konstruiert sich auch das Schwert computergestützt neu. Diese Wunderwaffe schafft es dann auch in die dreidimensionale Welt. Wo der Rap liebende Knabe Siegfried dann Fafner und Mime zur Strecke bringt. Wenn er bei seiner einzigen Begegnung mit Wotan dessen Speer zerhaut, flackert ein „Game Over“ über die Portale.

Die zelebrierte Affinität zum Virtuellen produziert diesmal nicht nur sehr schöne Bilder, sondern hilft obendrein sogar beim Verständnis. Wenn Siegfried, wie vom Waldvogel versprochen, seine Brünnhilde auf bzw. im Felsen gefunden hat, dann verfallen diese beiden immer wieder in jene verzögerten Bewegungen, die auf die Bewegungsform der Figuren in der Götterdämmerung verweisen. Wie sich das am Ende runden wird, muss man sehen. Warum ausgerechnet Ulf Paulsen seinen Wanderer etwas läppisch vertänzeln muss, wird nicht ganz klar. Zudem muss der charismatische Darsteller vokal alle Kraftreserven für den Wanderer aufbieten. Als Siegfried-Darsteller hat Peter Svenssons die verordnete Körpersprache der Computerkids von heute geradezu verinnerlicht. Leider überzeugt er vokal nicht in gleichem Maße. Gegen Ende hat er erhebliche Konditionsprobleme, doch schon am Anfang macht sich eine (nicht angesagte) gesundheitliche Indisposition bemerkbar.

Ansonsten freilich herrschte in Dessau vokal eitel Freude. Als Brünnhilde ist Iordanka Delirova in jeder Hinsicht vorzüglich. Eloquenz und der große Ton verbinden sich bei ihr aufs Beste. Albrecht Kludszuweit ist ein darstellerisch und stimmlich exzellenter Mime. Eine regelrechte Entdeckung ist Stefan Adam als fulminanter Alberich, und Angelina Ruzzafante steuert einen zart zwitschernder Waldvogel zu einem überzeugenden Ensemble bei. Als sicheres Fundament für diesen Siegfried musiziert die Anhaltische Philharmonie unter Leitung ihres GMD Antony Hermus nicht nur mit feinem Gespür für die Sänger und ihren verständlichen Gesang. Hermus hält dabei auch mit Überblick die großen Bögen und arbeitet präzise an den Leitmotiven.

FAZIT
Die Fortsetzung des Dessauer Ring-Projektes ist vielversprechend. Die Ästhetik des Siegfried verweist auf die Götterdämmerung. Am Ende des Siegfried bewegen sich Brünnhilde und Siegfried schon erkennbar so wie im letzten Teil der Tetralogie. Neben seiner originellen Szene überzeugt - alles in allem - auch die musikalische Qualität.

Joachim Lange, Giessener Allgemeine Zeitung, 04.04.2013

Game over für Wotan
In Dessau setzen André Bücker und Antony Hermus ihren »Ring« mit »Siegfried« fort

In Dessau gehen die Uhren in Sachen Wagners »Ring des Nibelungen« etwas anders.
Hier wird nicht vorwärts, sondern rückwärts erzählt, der »Siegfried« folgte jetzt also der »Götterdämmerung«. Deren Ästhetik schien, passend zu Dessau, direkt von den Bauhäuslern inspiriert. Im »Siegfried« sieht es in der Behausung des Superhelden und seines Ziehvaters Mime ziemlich vermüllt und fastfoodlastig aus. Immerhin verblöden sie nicht beim Unterschichtenfernsehen, sondern sind kreativ. So kreativ jedenfalls wie man beim Computerspielen eben sein kann. Der Jüngere kreiert einen furchterregenden Bären, mit dem er den Älteren erschreckt. Und der versucht vor allem, mit dem Knaben mitzuhalten. Wie im wirklichen Leben: mit wenig Erfolg.

Nachdem Mime die Chance vertan hat, in der Rateshow mit dem »Wanderer« (Wotan) nach der Wunderwaffe für Siegfried zu fragen, die er einfach nicht hinbekommt, ist es Siegfried, der in die Tasten haut und sich sein Superschwert virtuell zusammenfügt und hinter der Kulisse vermutlich mit dem 3-D-Drucker ausdruckt. Regisseur André Bücker trifft hier einen spielerischen Ton, der Spaß macht, zumal Peter Svensson der Habitus eines rappenden Computerkids ziemlich überzeugend gelingt. Dass die beiden selbst nur Figuren in einem größeren Spiel sind, sieht man auf den Einblendungen links und rechts am Bühnenportal. Dort zeigen Piktogramme, was gerade läuft. Wenn Siegfried bei seiner einzigen Begegnung mit Wotan, sich nicht aufhalten lassen will und dessen Speer (sprich: spielbestimmende Macht) zerhaut, erlöschen diese Seiteneinblendungen. Es ist das Game over für den Spielmacher Wotan. Fortan handelt der Knabe auf eigene Rechnung. In Dessau sieht man übrigens tatsächlich mal, dass sich Wotan darüber freut, denn genau das wollte er ja.
Außer bei dem etwas albern wirkenden Schlamperlook für Wotan (Ulf Paulsen) sind die Kostüme von Suse Tobisch eine Show für sich. Für den stimmgewaltigen Dirk Aleschus reichen ein Paar Plateausohlen, um als mit Speeren gespickter Riese Fafner auf alle (außer Siegfried) furchterregend zu wirken. Von den beiden Computerfreaks über den von zwei Leuchtreifen umgebenen Waldvogel (Angelina Ruzzafante) bis hin zur futuristisch stilisierten Brünnhilde verbinden sich die Kostüme mit den Projektionen von Frank Vetter und Michael Ott zu einem überzeugenden Ganzen. Sie changieren erst zwischen Spielshow und Naturbildern und weiten sich dann zu grafisch abstrakten, golden schimmernden und feuerrot lodernden Visionen. Dass Brünnhilde in dem Riesenwürfel schlummert und von Siegfried ausgepackt und erweckt wird, war klar. Dass beide dann mit abgebremst künstlichen Bewegungen das große Liebesfinale erleben, weist voraus auf die »Götterdämmerung« – die wir ja in diesem Konstrukt schon kennen.
Antony Hermus gelingt mit der Anhaltischen Philharmonie ein großer Wurf. Er hält den großen Bogen, vermag aber auch den lyrischen Passagen Raum zugeben. Auch das Protagonistenensemble kann sich hören lassen. Allerdings werden die Konditionsprobleme ausgerechnet beim Siegfried Peter Svenssons gegen Ende hin bedenklich. Was natürlich in der Schlussszene besonders auffällt, wenn eine so kraftvoll hochkarätige und obendrein ausgeruhte Brünnhilde wie Iordanka Derilova loslegt. An der Spitze des zu Recht bejubelten Ensembles können sich Albrecht Kludszuweit als Mime und Stefan Adam als Alberich der Extraklasse den Lorbeer teilen.

Helmut Rohm, Volksstimme, 03.04.2013

Stürmischer Beifall für zweiten Teil des Wagner-"Ring"-Projektes am Theater in Dessau
Ein "Siegfried" nah am Original

Nach "Götterdämmerung" 2012 hatte am Sonnabend mit "Siegfried" der zweite Teil von Richard Wagners Bühnenfestspiel "Der Ring des Nibelungen" am Anhaltischen Theater Dessau Premiere. Recht unterhaltsam, meist kurzweilig und spannend sowie durchaus originell. Die übergroße Mehrheit des Publikums befand die Aufführung nach gut viereinhalb Stunden, inklusive zweier Pausen, als sehr gelungen, gab stürmischen Beifall. Anders als üblich ist die dem Dessauer "Ring" zugrundeliegende Aufführungsabfolge. Regisseur André Bücker wählte die Reihung der vier Teile, so wie Wagner sie entstehen ließ - vom Endpunkt aus.
Das Originelle dieser Bücker-Inszenierung lässt sich schnell auf den Punkt bringen: Handlung und Musik sind Wagner pur, nichts weggelassen, nichts erfunden. Modern ist es, doch nicht modernistisch. Erzählt wird mit heutigen Mitteln. Und Bücker ist damit ganz auf Wagner-Trend. Der einmal gesagt haben soll: "Kinder schafft Neues!" Da stockt der Atem eines manchen Zuschauers zunächst schon, als er statt vielleicht erwarteter idyllisch-romantischer Waldhöhle Mimes mit einer von "Segnungen" heutigen Lebens vermüllten Wohnung konfrontiert wird. Mime selbst hämmert wie wild auf einer umgehängten Computertastatur herum. Der brünette Siegfried (Peter Svensson), weniger ein strahlender Held als total unbedarft, schafft sich mit einem Doppel-Joystick. Später wird er sogar mittels Computer-Simulation den berühmten Wagner-Bär "ins Spiel" bringen. Die Erzählerebene ist damit klar im Heute, "gewürzt" mit ferneren Visionen.
Überhaupt lebt diese Inszenierung von realen handlungsbegleitenden, auch irrealen Projektionen, die dem Zuschauer anfangs schon Mühe machten, sich zurechtzufinden. Deutungsvielfalt ließen jedenfalls die von illuminierten Kulissenschiebern bewegten Lattenkonstruktionen zu. Minimiertes Bauhaus-Design? Konzentrierte Handlungsräume? Keine Unklarheiten oder Deutungsvarianten dagegen gab es zum Handlungsverlauf. Trotz guten Textverständnisses gibt es zusätzlich die originalen Übertexte.
Mehr und mehr war es jedoch verblüffend und gut gefallend, wie das Science-Fiction-angehauchte Bühne-Kostüme-Projektionen-Konzept mit der Präsentation der Siegfried-Geschichte zu einer ganzheitlichen Aussage verschmolz - einschließlich Siegfrieds charakterlicher Entwicklung, den Auseinandersetzungen mit und zwischen Mime (durchtrieben Albrecht Kludszuweit), Wotan (souverän Ulf Paulsen), Alberich (agil Stefan Adam), Fafner (mystisch Dirk Aleschus), Erda (erhaben abgeklärt Rita Kapfhammer), Brünnhilde (entzückend KS Iordanka Derilova) und dem Waldvögelein (lyrisch Angelina Ruzzafante).
Und es gibt Szenen, die ungemein wirkungsvoll daherkommen. Etwa, wenn Siegfried sein neues Schwert Notung entstehen lässt. Oder Fafner als großflächiges, lebendes, Angst einflößendes Gesicht erscheint, ebenso wie später die langsam erwachende Brünnhilde - wahre Gefühlskulminationen. Ebenso faszinierend ist das im Hintergrund vorbeiziehende "Weltwissen" der Erda.
Ausnahmslos ist der Dessauer Inszenierung zu bescheinigen, dass die Figuren eindrucksvoll gespielt wurden, dass sie nicht nur prima Stimmen, sondern auch charakterliche Ausstrahlung lebten. Peter Svensson als Siegfried hat diese längste und handlungsintensivste Rolle variabel und meist spannend interpretiert. Wenn auch am Schluss zu spüren war, dass es ihn alle Mühe kostete, es gesanglich "zum guten Ende" zu bringen.
Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus interpretierte die Wagnersche Musik mit viel Gespür für Größe und Weite, widmete sich gleichermaßen akribisch den feinen Details. Ganz am Schluss feiern Siegfried und Brünnhilde ihre Liebe. Auch wenn sie, die Götter und die Welt später untergehen werden, wie der Zuschauer ja schon aus "Götterdämmerung" weiß.

Friedeon Rosén, der-neue-merker.de, 03.04.2013

Der “Siegried” in diesem sog. Dessauer ‘Bauhaus-Ring’ ist im Gegensatz zum “Ersten Tag”, der Götterdämmerung (in Dessau wird im ‘Krebsgang’ gespielt), nicht so kubistisch durchstrukturiert, sondern vereint heterogene Momente von Science-fiction, virtueller Welt und Magie. Im ersten Akt sehen wir Mime (mit tollem durchschlagendem Tenor Albrecht Kludszuweit) und Siegfried in einer Wohngemeinschaft wie zwei Nerds, die nur mit Computerspielen beschäftigt sind und den Boden mit Fast-Konsum einmüllen. Siegfried “schmiedet” das Schwert dann virtuell mittels einer in Brusthöhe umgeschnallten Tastatur, deren Klopfen auch die Hammerschläge ersetzt, und auf Großbildleinwand werden die Ergebnisse der Schwerterzeugung übertragen. Wie einen “Ausdruck” erhält Siegfried dann ein wirkliches Schwert. Die gesungenen Dialoge mit Mime sind so rasant wie noch selten gesungen und gespielt, da wurde auch im Anhaltischen Orchester unter der Leitung Anthony Hermus große Wagner-Arbeit geleistet. Einen schön getragenen spannenden Ruhepunkt stellt die Wettszene mit dem Wanderer dar. Ulf Paulsen in einer meergrünen Science Fiction-Kutte mit vorderer Applikation und einem ‘Fernrohr’-Auge (Kostüme Suse Tobisch) singt diese Szene mit Applomb und höhensicherem Bariton-Strom. Rechts und links über den Proszeniumslogen werden wie in einem Computerspiel die Gewinnstände der Kontrahenten angezeigt. Der Drache im 2.Akt (mit fein deklamiertem durchschlagskräftigem Baß Dirk Aleschus) erscheint aus der Tiefenbühne mit großprojizierten Augen wie ein Stangenmensch, während der Waldvogel (der sich fast überschlagende süße Zwitschersopran von Angelina Ruzzafante) wie ein futuristisch blauer Vogel Greif choreographische Bahnen zieht. Ganz magisch und von Kleinstplaneten umwölkt fährt Erda (Rita Kapfhammer mit schönstimmig dramatischem Mezzo) in rotem Faltenrock, der unten zu einer Rotunde ausufert, herauf. Der Alberich ist ein Exote oder Indianer und wird von Stefan Adam mit warmem Baß ausgesungen, den er auch markant in dem fulminanten Schlagabtausch mit Bruder Mime einbringt. Vor dem letzten Akt zumindest hätte sich “Siegfried” Peter Svensson “ansagen” lassen sollen. Erst kurz zuvor von einer starken Erkältung genesen, machte er bis dato seine Sache gut, wobei auch sein gewitztes Spiel ganz prima herüber kam. Leider bricht er dann bei der Erweckung Brünnhildes stimmlich ein. Er ist aber sonst ein diskret charmanter Tenor mit weichem wohlklingendem Kern, mit dem er alle Rollen seines Faches bewältigen kann. Bei dieser Szene kommt wieder der große Ebenholzblock hereingekreist. Brünnhilde liegt drin mit weißem phantasievollen Dress. Iordanka Derilova singt sie wieder ohne stimmliche Probleme mit ihrem kräftig durchgestilten Sopran. Das Orchester spielt hier, abgesehen von wenigen Problemen bei den Blechbläsern, wunderschön aus.

Die Inzenierung André Bückers tut sich mit der Verklammerung der heterogenen Elemente etwas schwer, aber die Ideen sind wirklich nicht schlecht und man ist gespannt auf die Fortsetzung in ‘Walküre’.

Roberto Becker, neues deutschland, 03.04.2013

Im virtuellen Wald

Wagner hat in diesem Jahr Hochkonjunktur. Man könnte fast denken, dass die Macher den im vierteiligen »Ring des Nibelungen« beschworenen Untergang einer auf Machtgier und Jagd nach dem Geld beruhenden Welt als Menetekel für die Malaise der hierzulande meist (noch) gut bestückten Theaterlandschaft so ernst nehmen, dass sie es im Jubiläumsjahr noch mal wissen wollen. Womöglich hat Regisseur André Bücker seinen »Ring« auch deshalb von hinten, mit der »Götterdämmerung«, begonnen und jetzt den »Siegfried« folgen lassen. Da hat er schon mal die »größere« Hälfte (wie es bei der Klopperei der Riesen um das Nibelungengold so schön falsch heißt) im Kasten. Sollte es brenzlich werden mit dem realen Geld - eine »Walküre« und »Rheingold« kriegen sie in Dessau allemal noch gestemmt.

Bücker und sein Team (Jan Steigert: Bühne, Suse Tobisch: Kostüme sowie Frank Vetter und Michael Ott mit diesmal ohne optischen Overkill integrierten Projektionen) bleiben bei der geschlossenen, stilisierten Ästhetik mit dem geschichteten Walküren-Felsen-Würfel im Zentrum. Bei den Recherchen über die Jugend des mit der Rettung der Welt heillos überforderten Superhelden Siegfried müssen sie aber einen zwei Akte währenden Ausflug in den Wald unternehmen. Zumindest virtuell kommen sie da auch an.

Die beiden Comupterspiel- Freaks Mime und Siegfried haben in ihrer mit Fastfood-Resten vermüllten Höhle die Natur immerhin auf dem Schirm. Auch das Schwert wird computergestützt konstruiert und schafft es in die dreidimensionale Welt - wo der Rap liebende Knabe Siegfried Fafner und Mime zur Strecke bringt. Wenn er dann Wotans Speer zerhaut, flackert ein »Game Over« über die Portale, wo bis dahin computerspielgetreulich alles protokolliert wurde.

Warum Ulf Paulsen seinen Wanderer (Wotan) etwas läppisch vertänzeln muss, wird nicht ganz klar. Dass Siegfried und die Brünnhilde aus dem Würfel sich am Ende wie die Roboter bewegen, schon eher. Für sie geht es ja in ihre bauhausinspirierte, stilisierte Götterdämmerungswelt. Die zelebrierte Affinität zum Virtuellen produziert diesmal nicht nur sehr schöne Bilder, sondern hilft obendrein beim Verständnis.

Musiziert wird unter der Leitung von Antony Hermus mit dramatischer Verve und Sinn für verständlichen Gesang. Peter Svensson als Siegfried überzeugt dabei leider vokal nicht so, wie er es darstellerisch vermag. Iordanka Delirova hingegen ist eine vorzügliche Brünnhilde, Albrecht Kludszuweit ein exzellenter Mime, Stefan Adam ein fulminanter Alberich und Angelina Ruzzafante ein zartzwitschernder Waldvogel.

Jubel in Dessau.

Uwe Friedrich, Deutschlandradio/Fazit, 30.03.2013

Zu hören auf der Seite des Deutschlandradios

Uwe Friedrich, MDR Figaro/Frühkritik (audio), 02.04.2013

Joachim Lange, Mitteldeutsche Zeitung, 02.04.2013

In der Wotan-Show

ANHALTISCHES THEATER Die Welt als Spiel: In Dessau setzen André Bücker und Antony Hermus ihren "Ring des Nibelungen" mit "Siegfried" fort.

In Dessau gehen die Uhren in Sachen Nibelungen-Ring etwas anders. Hier wird nicht der Reihe nach erzählt, vom "Rheingold" zur "Walküre" über den "Siegfried" zur "Götterdämmerung", also vorwärts mit dem Gang der Dinge. Hier ist es eine Reise zu den Ursprüngen.
Wir wissen nämlich schon wohin der Hase läuft. Und zwar geradewegs in eine wie von den Bauhäuslern direkt inspirierte Götterdämmerung mit hermetisch geschlossener Ästhetik. Nicht mit einem Pappfelsen für Brünnhilde, sondern einem faszinierenden schwarzgeschichteten Walküren-Riesenwürfel als Zentrum einer Bühnenwelt aus Klangstürmen und Videogewittern. Mit Figuren, die sich wie ferngesteuert in einer Raum-Zeit Maschine auf das Ende zu bewegen.

Mit spielerischem Ton

Mit dem "Siegfried" nun erfahren wir etwas über die - wen wundert es - ziemlich verkorkste Kindheit des Superhelden. Der ist nämlich bei einem Ziehvater aufgewachsen, der den Knaben nur deshalb groß gezogen hat, weil er durch ihn an den allseits begehrten Ring kommt. Dass man einfach hinnehmen muss, dass sich das Macht verheißende Schmuckstück in den Klauen des zum Wurm mutierten Riesen Fafner befindet, gehört zu den Nachteilen des Dessauer Rückwärtserzählens. Aber sei's drum.

Siegfried und sein Ziehvater Mime jedenfalls haben offenbar nicht viel übrig für einen geordneten Haushalt. Es sieht ziemlich vermüllt und Fastfood-lastig aus bei den beiden. Immerhin verblöden sie nicht völlig beim Unterschichtenfernsehen, sondern sind kreativ. So kreativ jedenfalls wie man beim Computerspielen eben sein kann. Der Jüngere kreiert einen furchterregenden Bären, mit dem er den Älteren erschreckt. Und der versucht vor allem mit dem Knaben mitzuhalten. Wie im wirklichen Leben: mit wenig Erfolg. Denn nachdem Mime die Chance vertan hat, in der Rate-Show mit dem "Wanderer" (Wotan) nach der Wunderwaffe für Siegfried zu fragen, die er einfach nicht hinbekommt, ist es Siegfried, der in die Tasten haut und sich sein Superschwert virtuell zusammenfügt und hinter der Kulisse vermutlich mit dem 3D-Drucker ausdruckt.

Im ersten Akt trifft André Bücker einen spielerischen Ton, der Spaß macht, zumal Peter Svensson der Habitus eines rappenden Computer-Kids ziemlich überzeugend gelingt. Dass die beiden selbst nur Figuren in einem größeren Spiel sind, sieht man auf den Einblendungen links und rechts am Bühnenportal. Dort zeigen Piktogramme, was gerade läuft. Wenn Siegfried bei seiner einzigen Begegnung mit Wotan, sich nicht aufhalten lassen will und dessen Speer (sprich: spielbestimmende Macht) zerhaut, erlöschen diese Seiteneinblendungen. Es ist ein "Game over" für den Spielmacher Wotan. Fortan handelt der Knabe auf eigene Rechnung. In Dessau sieht man übrigens tatsächlich mal, dass sich Wotan darüber auch freut, denn genau das wollte er ja eigentlich.

Außer bei dem etwas albern wirkenden, allzu bemüht gegen den Klischeestrich des Wanderers gebürsteten Schlamperlook für Wotan, der ohnehin wie eine außerirdische Mischung aus Mensch und Maschine aussieht, sind die Kostüme von Suse Tobisch wieder eine Show für sich. So ist Fafner kein alberner Wurm. Für den stimmgewaltigen Dirk Aleschus reichen ein Paar Plateausohlen, um als mit Speeren gespickter Riese auf alle (außer Siegfried) furchterregend zu wirken. Von den beiden Computerfreaks aus der Höhle über den von zwei Leuchtreifen umgebenen Waldvogel, die wie aus einem Flacon erwachsende Erda oder die eher futuristisch stilisierte Brünnhilde verbinden sich die Kostüme mit den Projektionen von Frank Vetter und Michael Ott zu einem überzeugenden Ganzen.

Ein großer Wurf

Die changieren erst zwischen Spielshow und Naturbildern und weiten sich dann zu grafisch abstrakten, golden schimmernden und feuerrot lodernden Visionen. Dass Brünnhilde in dem Riesenwürfel schlummert und von Siegfried ausgepackt und erweckt wird, war klar. Dass beide dann mit abgebremst künstlichen Bewegungen das große Liebesfinale erleben weist, wie wir hier schon wissen, voraus auf die "Götterdämmerung". Von kleinen Patzern mal abgesehen, gelingt Antony Hermus mit der Anhaltischen Philharmonie ein großer Wurf. Mit seiner Energie hält er den großen Bogen, vermag aber auch den lyrischen Passagen Raum zugeben. Auch das Protagonisten Ensemble kann sich wirklich hören lassen. Allerdings sind beim darstellerisch sehr beweglichen Siegfried Peter Svensson weniger die zunehmenden Konditionsprobleme gegen Ende der Riesenpartie hin das Problem, sondern mehr eine von Beginn an kurzatmig wirkende Art zu singen. Was natürlich in der Schlussszene besonders auffällt, wenn eine so kraftvoll hochkarätige und obendrein ausgeruhte Brünnhilde wie Iordanka Derilova loslegt. Ulf Paulsen hatte zwar keine Konditionsprobleme und ist obendrein ein spielfreudiger Darsteller, doch der Wanderer ist für ihn eine Grenzpartie, bei der er hörbar alle Reserven aufbieten muss.

Rita Kapfhammer ist eine wunderbare Erda und Angelina Ruzzafante ein fein zirpender Waldvogel. An der Spitze des zu Recht bejubelten Ensembles können sich Albrecht Kludszuweit als Mime und Stefan Adam als Alberich der Extraklasse den Lorbeer teilen. Fazit: Auch Dessau "kann" den Ring! Nach diesem "Siegfried" darf man auf die "Walküre" und den Vorabend gespannt sein. Die musikalische Qualität und der szenische Kontrast zum Heyme - und Steffens-Ring machen Dessau übrigens auch für die Hallenser Wagnerfreunde zu einem Termin, den sie nicht versäumen sollten.

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