Sein oder Nichtsein

Komödie von Nick Whitby
Nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch, Drehbuch Edwin Justus Mayer und Melchior Lengyel

Premiere am 17. Oktober 2014, Großes Haus

Für Joseph Tura wird im Sommer des Jahres 1939 der Alptraum jedes Schauspielers Wirklichkeit: Erst verbieten die polnischen Behörden die Proben für seine antifaschistische Komödie, um nicht in Konflikt mit den deutschen Nachbarn zu geraten. Und als er stattdessen wieder seine Paraderolle – Shakespeares »Hamlet« – aus dem Fundus holt, verlässt in jeder Vorstellung ein Zuschauer just dann den Saal, wenn er zu seinem berühmten Monolog ansetzt. Nimmt man ihm die Rolle nicht mehr ab? Die Schicksalsfrage des Künstlers wird bald zur Nebensache, denn als zu allem Überfluss auch noch ein Weltkrieg ausbricht, muss das Theater buchstäblich um sein Leben spielen…

Mit »Sein oder Nichtsein« hat Ernst Lubitsch 1942 einen Filmklassiker geschaffen, der eine bitterböse Abrechnung mit dem deutschen Nationalsozialismus und eine hinreißende Liebeserklärung an die rettende Kraft der Kunst ist. Die Geschichte erzählt von Verrat und Ohnmacht, aber auch von Liebe und Solidarität in finsteren Zeiten – Themen, die ihre Aktualität bis heute nicht eingebüßt haben. Seit seiner Entstehung erfuhr der auch unter dem Titel »Heil Hamlet« bekannte Hollywood-Streifen mehrere Bearbeitungen, darunter die jüngste Bühnen-Adaption von Nick Whitby, mit der sich die Regisseurin Martina Eitner-Acheampong am Anhaltischen Theater vorstellt. Dass sie dabei in Dessau die Geschichte des Theaters mitdenkt, versteht sich von selbst.

Radio-Trailer von mdr Figaro

Inszenierung Martina Eitner-Acheampong
Bühne Jan Steigert
Kostüme Yvette Schuster
Dramaturgie Andreas Hillger

Josef Tura, Schauspieler Gerald Fiedler
Maria Tura, Schauspielerin, Frau von Josef Illi Oehlmann
Stanislaw Sobinsky, polnischer Fliegeroffizier Felix Defèr
Dowasz, Schauspieldirektor Dirk Greis
Anna, Garderobiere, gute Seele des Theaters Christel Ortmann
Rowicz, Schauspieler Karl Thiele
Eva Zagatewska, Schauspielerin Rita Sanftenberg
Grünberg, Schauspieler Stephan Korves
Junger Grünberg, Sohn von Grünberg Mario Klischies
Walowski, Staatsdiener der Zensurbehörde/ Professor Silewski, Spion für die Gestapo Patrick Wudtke
Gruppenführer Erhardt, Mitglied der Gestapo Sebastian Müller-Stahl
Sturmführer Fleischer, Mitglied der Gestapo Boris Malré

PRESSESTIMMEN

Helles Lachen über finstere Zeiten, Mitteldeutsche Zeitung, 20.10.2014

"Sein oder Nichtsein" nach Film von Lubitsch

von Andreas Montag

Darf man über die Schreckenszeit des Nationalsozialismus lachen - angesichts der Millionen von Opfern, die sie gefordert hat? Ja - sofern das Gelächter nicht das Leid übertönt, sondern vielmehr dazu beiträgt, die Täter und den unseligen Geist, aus dem heraus sie handelten, zu demaskieren.

Das ist ein schweres Stück Arbeit. Am Anhaltischen Theater Dessau haben es die Regisseurin Martina Eitner-Acheampong und der Dramaturg Andreas Hillger mit Nick Whitbys Komödie "Sein oder Nichtsein" nach dem gleichnamigen, 1942 in den USA gedrehten Film des aus Deutschland emigrierten Juden Ernst Lubitsch aufgenommen. Die Satire erzählt von den Mitgliedern einer polnischen Theatertruppe, die im besetzten Warschau ihren Mut zusammennehmen und als vermeintliche Nazis aufspielen, um einen Verräter an der Ausführung seines Plans zu hindern und selbst zu überleben.

Bekenntnis zur Geschichte

Das Stück hat viele komische Elemente. Weil sie vermeiden wollen, dass das Lachen zum Selbstzweck missrät, zeigen die Dessauer Theaterleute vorab Dokumentaraufnahmen von der Eröffnung ihres Hauses im Jahr 1938 mit Propaganda-Minister Joseph Goebbels am Rednerpult, der "Führer" Adolf Hitler sitzt im Saal. Damit wird die eigene Geschichte ins Spiel gebracht, sehr konkret. Eine schöne Idee.

Dennoch bleibt der zweieinhalbstündige Abend, der am Freitag im Großen Haus mit viel Premierenbeifall und Bravo-Rufen bedacht worden ist, eine schwierige, nicht in allen Belangen bewältigte Gratwanderung. Nicht, dass es zu Abstürzen käme - aber manchmal gerät den Akteuren auf der gut gebauten Bühne (Jan Steigert) der tragikomische Kontext anscheinend aus dem Blick und sie spielen mit Hingabe die Klamotte, die aber eben nur das Spiel im Spiel ist.

Romanze mit dem Flieger

Alles, was sich um die liebeshungrige, von ihrem älteren Gatten und Kollegen Josef (Gerald Fiedler) vernachlässigte Schaupielerin Maria Tura (Illi Oehlmann) und deren Romanze mit dem gar zu täppischen Jung-Flieger (Felix Defèr) dreht, lässt mitunter minutenlang vergessen, dass man hier kein Boulevardstück sieht, sondern dass es eben um "Sein oder Nichtsein" geht - im wahrsten Sinne des Wortes.

Da hat es, trotz engagierten Spiels von Sebastian Müller-Stahl, der Gruppenführer und Gestapo-Häuptling Ehrhardt dann schon schwer, als der Mörder, der er ist, auch wirklich ernst genommen zu werden. Und die Wandlung des Schauspielers Rowicz (Karl Thiele, der am Ende des Abends mit stehendem Applaus nach 40 Jahren aus dem Dessauer Ensemble verabschiedet wurde) von einem Sympathisanten der Nazis zum solidarischen Freund des verschleppten jüdischen Kollegen Grünberg (Stephan Korves) kommt schließlich fast überraschend daher - wenn auch mit großem Ernst inszeniert.

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