Sechse kommen durch die Welt

Märchen nach den Gebrüdern Grimm

Es war einmal vor langer Zeit. Wo? Gleich um die Ecke. Wann? Da kann sich keiner mehr erinnern, ist schon allzu lange her. Was man aber mit Sicherheit weiß ist, da war einmal ein Mann … so fangen viele Märchen an … doch dieses Märchen erzählt von einem Mann, der so allerlei kann und tapfer ist er auch. Lange diente er in der Armee des Königs und zog freudig für sein Land in so manchen Krieg. Und doch hat ihn der König heraus geworfen aus seinem Dienst, einfach so. Nach dem Sieg hatte der Soldat also ausgedient und nicht einmal einen Dank gab es zum Lohn, nur ein paar Pfennige in die Hand. Das war’s! Und da steht er nun, der brave Mann und wird plötzlich mächtig sauer und denkt: „Das lass ich mir nicht gefallen, finde ich die rechten Leute, so soll mir der König noch die Schätze des ganzen Landes herausgeben!“ Da hat er wohl Recht, denn eine Ungerechtigkeit ist das Schlimmste was einem Menschen passieren kann und da sollte man schon etwas unternehmen. Nur woher nimmt man Leute, mit denen man einen ungerechten König um die Schätze des ganzen Landes bringen kann? Nun gut, so viele braucht man für ein solches Unternehmen nicht, denkt der Soldat, fünf Gesellen sollten für das Erste wohl genügen. Und dann kämpfen Sechse um ihr Recht und werden obendrein durch die ganze Welt kommen! Schon lief ihm der erste über den Weg, der konnte rennen wie ein Hase und der zweite, der war stark wie ein Ochse, und der dritte, der konnte mit seinem Atem Windmühlenflügel antreiben und der vierte, der konnte das Gras wachsen hören und der fünfte der konnte … ja was der konnte, muss noch ein Geheimnis bleiben. So zogen diese Sechse also an den Hof. Dort hatte der König gerade bekannt gegeben, dass der, welcher einen Wettlauf gegen seine Tochter gewinnt, ihr Gemahl werden darf. Wer jedoch verliert, verliert auch seinen Kopf! Die Sechse nehmen die Herausforderung an, denn zusammen scheinen sie unschlagbar. Doch bis endlich alle Schätze des Landes errungen und die Ungerechtigkeit des Königs besiegt ist, müssen sie schneller sein als der Wind, stärker als ein Bär, stürmischer als der Sturm, kälter als das Eis und vieles andere mehr.

Inszenierung Robert Klatt
Bühne und Kostüme Heiko Mönnich
Soldat Thorsten Köhler
Horcher Karl Thiele
Keule Matthieu Svetchine
Läufer Jan Kersjes
Bläser Boris Malré
Frostiger Mario Janisch
König Eduard Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Prinzessin Victoria Lisa Kudoke
Minister Sebastian Müller-Stahl
Erste Nachbarin Ellen-Jutta Poller
Zweite Nachbarin Hildegard Wiczonke

PRESSESTIMMEN

Warum sechs sieben werden und Freundschaft sich auszahlt Zerbster Volksstimme, 20.11.2009

von Helmut Rohm

Sechse kommen durch die Welt“ heißt das diesjährige Märchen zur Weihnachtszeit am Anhaltischen Theater. Basis für diese Inszenierung von Robert Klatt ist das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm. Genau genommen helfen fünf einem, zu seinem Recht zu kommen. Am Ende wird es sogar heißen: „Sieben kommen durch die Welt“. Sehr reich sind sie zudem auch noch geworden. Mehr als ihnen eigentlich zusteht?

Der aus dem Krieg zurückgekommene, verletzte Soldat (Thorsten Köhler) wird vom Alkohol liebenden König (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) und dessen hinterlistigem Minister (Sebastian Müller-Stahl) um den versprochenen Lohn betrogen. Sogar in den Knast geworfen. Zudem wird der Soldat von der arrogant kratzbürstigen Prinzessin Victoria (Lisa Kudoke) verachtet und gedemütigt. Was tun? Um sein Recht kämpfen. Mehr noch: Rache! Der Weg: Verbündete suchen. „Rein zufällig“, auf einem zunächst langatmigen Weg durch die spärliche Dekoration (Bühne und Kostüme: Heiko Mönnich) der großen, sich oft drehenden Bühne, trifft der Soldat auf andere Männer. Die jedoch haben aber mit dem König (fast) nichts „abzurechnen“ als vielleicht allgemeine Unzufriedenheit. Aber sie verfügen über besondere Eigenschaften und Fähigkeiten. Hier wird das Stück dann auch märchenhaft. Gefunden und zum Team vereint: der das Gras wachsen hörende Horcher (Karl Tiehle), der supermannstarke Keule (Matthieu Svetchine), der blitzschnelle Läufer (Jan Kersjes), der lungenstarke Bläser (Boris Malré) und der temperaturempfindungsgeschädigte Frostige (Mario Janisch). Die Beweise ihres einzigartigen Könnens sind faszinierend für sich und auch ebenso von den Darstellern auf der Bühne präsentiert. Der mitdenkende Zuschauer wird so neugierig gemacht, wann und wie wohl der Einzelne gebraucht wird. Warum einer „9Live“ guckt und ein anderer den Plastinator von Hagens „bemühen“ muss, bleibt aus junger Zuschauersicht allerdings kaum zu verstehen. Gags der Gags willen? Nach dem Motto „Alle für einen!“ oder „Gemeinsam sind wir stark!“ kommen sie in vielfach ideenreich und durchaus spannend arrangierten Szenen wechselnd „zum Einsatz“. Eingerahmt im fast wörtlichen Sinne ist das große Bühnengeschehen von zwei alten geschwätzigen, auch alkoholverliebten (warum eigentlich?) Nachbarinnen (Ellen- Jutta Poller und Hildegard Wiconke). Wieder ein bisschen Gag oder ein wenig „Märchenerzählerin-Ersatz“? Der junge, schon längst nicht mehr verletzte Soldat wird trotz „unsportlichen Verhaltens“ der anderen Seite einen Wettlauf gegen die Königstochter gewinnen. Natürlich mit Hilfe seiner Freunde. Die Zuschauer fiebern mit. Gegen die Hinterlist der herrschenden Kaste beim Aufgabenlösen um die Hand der Tochter besteht das Team auch überzeugend.

Ist aber ein solch garstiges „höheres Mädchen“ überhaupt begehrenswert? Das könnten sich auch die Zuschauer fragen. Doch der Soldat ist auch ganz schön pfiffig und clever. Erst mal die Tochter haben, dann kann man weitersehen.

„End-Ziel“ ist ja inzwischen, den König um all seinen Reichtum zu bringen. Das gelingt ganz gründlich, auch sehr zur Freude der vielen kleinen Premierengäste. Der Sack ist voller Gold. Der König ist bestraft, der Minister letztendlich auch.

Und die Königstochter? Darauf kann der künftige Märchenbesucher gespannt sein. Treue, Freundschaft, Mut, Zueinanderhalten zahlen sich auf jeden Fall aus – im Märchen wie wohl auch im realen Leben.

Männer und ihre Eigenheiten Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 17.11.2009

von Ilka Hillger

Robert Klatt inszeniert mit Witz und Komik ein Stück über Freundschaft

Die Welt, durch die es bei der Premiere am vergangenen Freitag geht, ist dabei gar nicht so groß, die Drehbühne reicht aus, um Weite zu simulieren, und weil sie ständig - wie auch das Personal auf ihr - in Bewegung ist, wird sie doch ganz groß. Am Anfang aber ist da nur einer: der Soldat, aus dem Krieg heimgekehrt, um den Sold betrogen, ein Enttäuschter. Dieser trotz allem unermüdliche Stehaufmann Thorsten Köhlers bleibt nicht lange allein und stolpert über ein Quintett ebensolcher Einzelgänger. Da ist zunächst der hinreißende Keule, dem ewig die Lederhose rutscht, der Magen in den Kniekehlen hängt und der mit seinen Kräften so gar nicht Haus halten kann. Matthieu Svetchine gibt ihm eine beiläufige Kraft, die das Zwerchfell erschüttert. Jan Kersjes ist als Läufer sein quicklebendiges Gegenstück, das ständig mit dem Fuße scharrt und eitel selbigen präsentiert. Karl Thieles besonnenen Horcher gibt es noch, Mario Janischs zitternden Frostigen und den sächselnden Bläser von Boris Malré.

Robert Klatt lässt seinem Sextett Zeit, zueinander zu finden, Raum für jeden, seine Eigenheit heraus zu stellen und oft genug herrlich komisch zu präsentieren. Das geschieht ungemein witzig und mit viel Ironie, ganz beiläufigen Anspielungen ins heute, die jedoch nie deplatziert wirken, selbst dann nicht, wenn Plastinator Gunter von Hagen als Läufer-Bein-Schöpfer ins Spiel kommt. Da werden auch die großen Zuschauer ihren Spaß haben. Aberwitzige Vorgeschichten eines jeden werden erzählt, zuweilen etwas zu ausufernd in der Kennlernphase. Im schlichten Bühnenbild Heiko Mönnichs, das mit Sandsäcken und ganz offensichtlichen Kulissen aus Leinwand und Latten vollkommen auskommt, lenkt nichts vom frischen Spiel dieser Sechsergruppe ab, die ihren Gegenpart am Hofe findet.

Dort gibt längst der intrigante Minister (Sebastian Müller-Stahl) die Richtung vor. Denn Hans-Jürgen Müller-Hohensees trottliger und ewig abgelenkter König macht es dem Emporkömmling nur allzu leicht. Und Lisa Kudokes Prinzessin Viktoria - ein rosarotes Klischee mit keck schief sitzendem Krönchen und Lolli - opponiert auch nur, wenn ihr etwas nicht passt. Dass in diesem Staate nicht alles stimmt, unken schon die Nachbarinnen, kommentieren scharf, süffeln Likörchen und kündigen gleich auch Bettszene und Sackszene an. Das ist dann auch schon das letzte Bild und das Finale, nachdem es für die Sechse noch einmal so richtig heiß wurde. Warum am Ende, nachdem schon so manches Lied von Freundschaft gesungen wurde, immer jemand von Sieben redet, das kann man sich selbst ansehen.

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