SCHWARZWEISS (UA)

Eine theatrale Stadtbegehung

gefördert im Fonds Heimspiel der

Projekt des Anhaltischen Theaters um den Fall Oury Jalloh

Am Freitag, 10. Juni um 19.30 Uhr lädt das Anhaltische Theater zur Schauspielpremiere und Uraufführung „SCHWARZWEISS” in den Stadtpark Dessau ein.
2005 verbrannte der Asylbewerber Oury Jalloh in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers. Das Geschehene polarisiert, und wird zum Gesprächsanlass über die großen Themen gesellschaftlichen Zusammenlebens wie Heimat, Identität, Rassismus, Humanität, Integration und Gewalt. Das Theaterprojekt SCHWARZWEISS sucht nach den unterschiedlichen Stimmen innerhalb der Dessauer Stadtgesellschaft, um ein Panorama der Meinungen und Deutungen zu entwerfen. Das Team um die Regisseurin Nina Gühlstorff interviewte in den vergangenen Monaten Flüchtlinge und Polizisten, Freunde des Toten und alteingesessene Dessauer, Zugezogene und Würdenträger. Auch wenn die Theatermacher ziemlich oft hörten: „solange der Prozess läuft, können wir uns dazu nicht äußern", haben sie eine Vielzahl interessanter Gespräche führen können. Die divergierenden Positionen setzen Gühlstorff & ihr Team zueinander in Bezug. Das Projekt SCHWARZWEISS thematisiert nicht nur den Fall Oury Jalloh, sondern erzählt über Fremdheit und Alltag, Hoffnungen und Ressentiments, MTV gucken und das Bedürfnis zu Schweigen.
Gemeinsam mit Schauspielern, Puppen und Bewohnern Dessaus inszeniert Gühlstorff eine theatrale Stadtbegehung. Diese führt das Publikum vom Stadtpark über die Moschee, das Philantropinum, das Telecafé, den „Afrika Döner“ und andere überraschende Räume zum Alten Theater.

Nina Gühlstorff, geb. 1977, arbeitet seit 2001 als freie Regisseurin u.a. in Dresden, Heidelberg, Osnabrück, Jena, Magdeburg, Mannheim und Basel. Seit 2004 engagiert sie sich intensiv für die Fortentwicklung des Dokumentar Theaters, zuletzt „They Call Me Jeckisch" im Rahmen einer israelisch-deutschen Theaterpartnerschaft. Gemeinsam mit Dorothea Schroeder, mit der sie u.a. „Zu Gast in Mettmann - eine Rundfahrt durch eine ziemlich normale Kleinstadt im Westen Deutschlands“ (2007) und „Der Dritte Weg. Eine theatrale Demonstration“ durch Jena (2009) inszenierte, leitete Nina Gühlstorff regelmäßig das Festival für zeitgenössische Dramatik „Spieltriebe“ am Theater Osnabrück.

Das Projekt wird gefördert im Fonds Heimspiel der Kulturstiftung des Bundes. Weitere Förderer sind die Lotto Toto GmbH Sachsen-Anhalt, die Stadt Dessau-Roßlau und die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt.

Aktuelle Informationen von SCHWARZWEISS www.facebook.com/schwarzweiss.dessau

PRESSESTIMMEN

Anja Röhl, junge Welt, 21.06.2011

Dessau im Zeugenstand

Erheben Sie sich! Ein theatraler Rundgang zum Mord an Oury Jalloh

Ein kleines umzäuntes Areal im Stadtpark Dessau. Es ist der Abend des 10. Juni. Am Tag hat eine Trauerfeier für Alberto Adriano stattgefunden, der genau hier elf Jahre zuvor wegen seiner Hautfarbe von Neonazis ermordet wurde. Manche Theaterbesucher haben Blumen dabei. Am Eingang kann man sich im afrikanischen Stil einkleiden. Umhänge, Kleider, Röcke und Tücher, mit Worten bedruckt, die zur Uraufführung passen: »Respekt«, »Sierra Leone«, oder »Oury Jalloh – es war Mord«; dazu ein Foto des Mannes, um den es in dem Stück des Anhaltischen Theaters gehen wird: Oury Jalloh, der am 7. Januar 2005 in einer gefliesten Dessauer Polizeizelle verbrannte. Er war an Händen und Füßen gefesselt.

Das Publikum sitzt ungeordnet auf dem Rasen. Auf der Bühne, die kaum drei mal drei Meter mißt, liegen zwei größere Handpuppen, ein weißer Polizist in Uniform und ein schwarzer Mann in weißem Hemd. Es geht los. Eine schwarze Schauspielerin (Abak Safaei-Rad) führt die Polizistenpuppe, ein weißer Kollege (Jan Kersjes) den Mann. Das ist Mouctar Bah, eine stadtbekannte Persönlichkeit, Besitzer eines Internetcafés, für das er die Lizenz verlor, als er Jallohs Verbrennung im Gewahrsam als Mord anzeigte. Er schob eine Solidaritätsbewegung an, die nach Meinung der Boulevardpresse Dessau spaltete.

Der Polizist sagt: »Ich war mal im Urlaub in Südafrika. Dort muß ich mich ja auch benehmen wie die!« Er rechtfertigt sich überschäumend. Besorgt um den Ruf der Stadt, überprüft er die Korrektheit von Frisur und Uniform, zittert mit dem Kopf: »Da muß man auch mal genau sein!« Ein personifiziertes Heine-Wort: Als hätten sie den Stock geschluckt, mit dem man sie einst geprügelt.

»Wir sind schon geboren mit dieser Hautfarbe, wir schlafen mit ihr, essen mit ihr«, entgegnet Bah. »Ihr müßt nicht anders werden durch uns.« Nach einem eher zufälligen Handschlag wischt der Polizist seine scheinbar eben erst schwarz gewordene Hand an der Uniformhose ab. Bah blickt irritiert auf seinen weißen Arm. Die Szene ist der Auftakt einer »Stadtbegehung«. Das Publikum wird durchs abendlich ausgestorbene Dessau geführt. Vor einem ärmlichen Haus schimpft eine Frau im grünen Bademantel: »Alles immer voller Flaschen, Drogen, alles voll davon!« Die Theaterbesucher wollen erklären, zurückmeckern – leider verraten Mitbesucher, daß die Frau zum Stück gehört.

Im Keller eines halbleeren Hauses erzählt die schwarze Puppe vom Gerichtsprozeß: wer wo saß etc. Man sieht leere Tische, Akten. »Ist keiner da?« Der Prozeß ist nicht gewollt. Die Puppe zieht kurzerhand die Robe über: »Erheben Sie sich!« Und dann: »Bitte Dessau in den Zeugenstand!« Nun treten zögerlich Bürger-Darsteller auf. Ihr Text basiert auf realen Interviews. Vermittelt wird ein erschreckendes Bild der Stadt. Oury Jalloh ist nicht ihr einziges schwarzes Mordopfer. In Polizeigewahrsam sind auch Angehörige anderer Minderheiten unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen (ein Behinderter, ein Obdachloser). Für die braven Bürger »dumme Zufälle, die den Dessauern angehängt werden«. Schuld sind die Afrikaner, die die Polizei vor Gericht gezerrt haben. »Die haben da Drogen vertickt! Oury war kein Waisenknabe!« Häufigster Satz: »Solange der Prozeß läuft, können wir uns dazu nicht äußern.«

Nächste Station: Mosaiksäulen in einer Wohnung. Eine Moschee. Ein Mann in weißem Gewand stellt sich vor. Er ist seit acht Jahren hier. Ohne Aufenthaltserlaubnis. »In Syrien habe ich Gesellschaftswissenschaften studiert, hier bin ich der Imam.« Traurigschön singt er eine Sure. Man darf Fragen stellen. Warum der Islam so ungerecht zu Frauen ist, kann nicht ausdiskutiert werden. Weiter geht’s zum ehemaligen Internetcafé des Hauptanklägers Mouctar Bah. Der afrikanische Inhaber wird mit Witz von Jan Kersjes gespielt. »Thats my mother«, beginnt er, zeigt auf das Bild einer jungen Frau an der Wand, und erzählt in englisch, wobei er deutsche Worte einstreut, von der Arbeit der Frauen in Afrika, 14 Stunden putzen bei reichen Leuten für 40 Euro pro Monat: »All the same Wunsch: we want to get a small house, water, light power, work.«

Man sieht und hört einen Deutschen, der seinen Rassismus in einer Döner-Kneipe für Mitleid hält, und eine Weiße aus der gehobenen Mittelschicht im Senegal (Eva Marianne Berger), die sich ununterbrochen die Hände wischt wie eine Karikatur von Thomas Bernhard. Souverän interpretiert Abak Safaei-Rad, die Puppenspielerin vom Anfang, sieben Rollen, von der angepaßten Biochemikerin mit Ballett-Tochter (1987 in der DDR promoviert über Schadstoffbelastung in Kleingärten, Fragen der Kleingärtner: Wo hast du so gut deutsch gelernt? Wo kommst du her, wann gehst du zurück?) über die wütende Antifakämpferin zur steif-arroganten Beamtin.

Letzte Station ist eine Turnhalle mit grau überdeckten Eisenbetten. Flüchtlingsmöbel. Ein Weißer malt sich schwarz an, brabbelt fatalistisch: »Du zerlegst die ganze Zeit Rinder und immer: ›Der Neger hat gestunken!‹« Eine Schwarze ruft aus dem Publikum: »Was soll das hier, immer diese Weißen! Ich bin geboren in Benin, ich wäre da auch geblieben. Wir sind hier so eine Minderheit, warum könnt ihr uns nicht einfach in Ruhe lassen!«

Auf zu einer großen Freiluftbühne wird der Paß des Dessauer Polizeichefs symbolisch an einen Schwarzen ohne Aufenthaltserlaubnis verschenkt. Am Ende schallt es über die Straßen in zahllose Wohnhäuser: »Na, liebe Dessauer, wie gefällt euch das?«

Nina May, Leipziger Volkszeitung, 10.06.2011

„Wenn man so unter ist“

„Schwarzweiss“: Dessauer Theaterprojekt über den Gefängnistod des Asylbewerbers Oury Jalloh

Am 7. Januar 2005 kam der Asylbewerber Oury Jalloh unter ungeklärten Umständen bei einem Brand in einer Zelle des Polizeireviers Dessau ums Leben. „Schwarzweiß“, eine theatrale Stadtbegehung des Anhaltischen Theaters, zeigt, wie stark dieses Thema bis heute polarisiert. Auf wenigen hundert Metern lässt sich anhand der Stationen auch der Kosmos der afrikanischen Gemeinschaft in Dessau umreißen.

Regisseurin Nina Gühlstorff: „Theater muss raus in den öffentlichen Raum, um wieder Fleisch an den Körper zu kriegen.“

Dessau, Stadtpark. Im Schatten der Bäume verbirgt sich ein dunkles Kapitel der jüngsten Dessauer Geschichte: Im Jahr 2000 wurde hier Alberto Adriano, ein afrodeutscher Fleischer, von Neonazis erschlagen. Früher diente die Grünanlage zudem als Drogenumschlagplatz. Inzwischen hat die Stadt den Park umgestaltet, Gras über die Sache wachsen lassen. Nicht wenige würden ähnlich gerne mit dem Fall Oury Jalloh verfahren. Bei den Recherchen für „Schwarzweiß“ stieß Regisseurin Nina Gühlstorff (34) auf eine Mauer des Schweigens: „Viele Dessauer wollen sich nicht zum Thema positionieren und für ihre Meinung haftbar gemacht werden.“ Dazu komme das „beredsame Schweigen“ der Offiziellen, die mit vielen Worten wenig sagten. Mit einer Aussage wurden Gühlstorff und ihre Projektkollegin Dorothea Schröder immer wieder konfrontiert: „Während der Prozess läuft, sage ich nichts“.

Auf einer improvisierten Bühne im Stadtpark spricht diesen Satz jetzt eine schnauzbärtige Polizeipuppe. Sie wird von einer dunkelhäutigen Schauspielerin (Abak Safaei-Rad) geführt, eine zweite, schwarze, Puppe hingegen von einem Weißen (Jan Kersjes). Das Spiel mit den Hautfarben zieht sich durch die Inszenierung, vermeidet allzu offensichtliche Schwarz-Weiß-Malerei.

„Über die Puppen können wir Dinge sagen, die hart sind, aber die man uns so eher verzeiht“, sagt Gühlstorff. Zum Beispiel die Worte, die der schwarzen Puppe in den Mund gelegt werden: „Da ist ein Misstrauen zwischen Ich und diese Staat. Wir gehn bei der Rathaus, aber wenn du so unter bist, kriegst du nicht alles mit.“ Die Sätze stammen aus einem von mehr als 50 Interviews, die die Künstler mit Dessauern geführt haben. Auch über schwarz-weißes Zusammenleben generell. Eine Afrikanerin, die zu DDR-Zeiten über den Schadstoffbefall deutscher Schrebergärten promovierte, bekam etwa zu hören: „Im Sozialismus gibt es keinen Rassismus. Lassen Sie sich ein anderes Wort einfallen und wir können darüber reden.“ Im Theaterstück fließen diese Sätze in eine Straßenszene, in der Safaei- Rad von den Blicken der Weißen erzählt, dabei aber vor Selbstbewusstsein sprüht.

Jeder Schauspieler repräsentiert bei „Schwarzweiß“ einen Interviewpartner, gibt die Aussagen Eins zu Eins wieder, mit jedem Ähm, jeder Pause. So entsteht Gühlstorff zufolge „eine Poesie, die man gar nicht künstlich nachahmen kann“. Anders als etwa die Dokumentarkünstler von „Rimini Protokoll“ sprechen hier aber nicht Laien, sondern Schauspieler. Die ahmen Akzente nicht nach, sondern greifen lediglich die veränderte Satzstruktur auf. So entsteht eine merkwürdig beunruhigende Diskrepanz zwischen Sprecher und Gesagtem.

Gerichtssaal. In ihrem Büro an der Kavalierstraße 78 simulieren die Künstler eine Gerichtssituation. An den Wänden hängen noch Skizzen mit Sätzen aus Interviews, einer sticht hervor: „Die Zelle ist das Herz des Staates.“ Er stammt von einem Polizeipsychologen, der erklärt, weshalb es so unbegreiflich ist, dass ein Häftling in seiner Zelle ums Leben kommt, an einem gesicherten Ort.

Im Prozess werden die Dessauer in den Zeugenstand gerufen, ganz unterschiedliche Positionen dargelegt, von der linken Demo-Besucherin bis zu einem, der sich um das „Gewese über diesen Afrikaner“ beschwert, „der schließlich mit Drogen dealte und auch kein Waisenknabe war.“
Gühlstorff: „Mit einer theatralen Diskursanalyse wollen wir versuchen, die Brisanz des Themas zu ergründen und zu erklären, weshalb der Fall Oury Jalloh so stark emotionalisiert und polarisiert.“ Die Regisseurin trägt ein gelbes Gewand, auf das Stichwörter wie „Menschenwürde“ und „Fairness“ gedruckt sind. Propaganda- Botschaften auf der Kleidung am eigenen Körper zu tragen sei eine westafrikanische Tradition, so wolle man auch in Dessau das öffentliche Gespräch anfachen.

Safaei-Rad spricht die Worte einer Frau von der Ausländerbehörde, die sich hinter ihrem Beamtenvokabular versteckt. Man könne einen Asylbewerber eben nicht einfach mal einbürgern, weil er einem sympathisch sei, der müsse wenigstens acht Jahre „rechtmäßigen Inlandsaufenthalt“ nachweisen. Man könne aber auch ebenso lange in Deutschland leben und keinen einzigen Tag davon rechtmäßig. Das sei nun einmal so. So geht es dem Imam Amadi Indjai, der einzige Laie, der in diesem Stück sich selbst spielt.

Eine Hinterhof-Moschee. Am Eingang des schäbigen Plattenbaus müssen die Besucher ihre Schuhe ausziehen. In dem etwa 15 Quadratmeter großen, mit türkisen Mini-Minaretten verzierten Raum umreißt Indijai in wenigen Worten das Leben der Dessauer Asylbewerber. Die nicht arbeiten dürfen, keinen Deutschkurs besuchen. Jahrelang.

Telecafe. Im Schaufenster Beauty-Produkte für Dunkelhäutige und Getränkedosen, im Innern stickige Luft. Es ist das Reich von Monctar Bah, der die Diskussion über den Tod seines Freundes Oury Jalloh erst in Gang gebracht hat. Seine Position dazu ist eindeutig: „Es war Mord!“ steht auf seinem T-Shirt und auf einigen Plakaten von Demonstrationen, die neben einem Artikel über Barack Obama und zahlreichen Sporturkunden die Wand des Ladens tapezieren. In einem Nebenzimmer surfen jugendliche Afrikaner im Web. Das Telecafe ist eine Art Kommunikationszentrale für die afrikanische Gemeinschaft Dessaus. Und „ein Symbol für die Debatte um Jalloh“, sagt Gühlstorff.

An diesem Ort gibt Kersjes wieder, was ein Interviewpartner aus dem Senegal sagte. Die Theaterleute reisten mit einem Stipendium des Goethe-Instituts dorthin, um auch die afrikanische Perspektive ins Stück einfließen zu lassen. Der Geifer spritzt dem Darsteller aus dem Mund, als er vom Monatslohn einer Putzfrau erzählt: 40 Euro, 60, wenn die Familie großzügig ist. Eine Theaterszene, in die sich Bah wie selbstverständlich einfügt. Kersjes steht hinter dem Tresen, der Herr des Ladens ein Stück hinter ihm: die Kontrolle über sein kleines Reich bewahrend.

Im benachbarten, nach seiner Kundschaft „Afrika Döner“ genannten Imbiss, denkt ein Teetrinker (Matthieu Svetchine) über seine „Angst vorm schwarzen Mann“ nach, draußen auf der Straße tratschen ein paar Afrikaner über das Treiben der Künstler. An der gegenüberliegenden Schule prangen mehrere Schilder: Video-Überwachung, unbefugtes Betreten und Verschmutzung verboten. Schwarzweißes Zusammenleben in Dessau.

HINTERGRUND
Oury Jalloh, gestorben am 7. Januar 2005 im Alter von 36 Jahren, stammte aus Sierra Leone. Er kam durch einen Brand in einer gekachelten Zelle mit einer feuerfesten Matratze des Polizeireviers Dessau ums Leben. Die Umstände sind bis heute umstritten. Der BGH hob 2010 den vom Landgericht Dessau verhängten Freispruch (Tatvorwurf: Körperverletzung mit Todesfolge) für den Dienstgruppenleiter der Polizeiinspektion auf. Das Verfahren wird seit dem 12. Januar 2011 vor dem Landgericht Magdeburg neu verhandelt.

Nantke Garrelts, Der Tagesspiegel, 17.06.2011

Die Gefängniszelle ist das Herz des Staates

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit!“, ruft der Afrikaner in Zweispitz und Frack aus gelbem Stoff über Beethovens Neunte hinweg. Jamal Kalif aus Mogadischu spielt den Franz, Abak Safaei-Rad die Luise aus Schillers „Kabale und Liebe“. Die beiden sind anscheinend einwandfrei europäisiert, haben die Aufklärung in sich aufgesogen. Was zum perfekten Europäer jetzt noch fehlt, ist ein Pass. Mag da nicht mal jemand aushelfen? Kein Problem, Passfee Franzi bringt den Kasten mit den zuvor eingesammelten Ausweisen der Besucher. Nun ist Franz Rechtsanwalt und glücklicher Deutscher.
Die Parodie auf die Multikulti-Gesellschaft spielt im Zentrum von Dessau, gegenüber von dem Park, in dem vor elf Jahren der Mosambikaner Alberto Adriano zu Tode geprügelt wurde. Einen Kilometer Luftlinie entfernt, im Polizeirevier der Stadt, verbrannte am 7. Mai 2005 Oury Jalloh: 36 Jahre, aus Sierra Leone, ein Geduldeter, dessen Asylantrag abgelehnt worden war. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte man ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis wegen Drogenhandels verurteilt. „Dieser Oury Jalloh war ja auch kein Waisenknabe!“, ist ein Satz, den die Mitarbeiter von Regisseurin Nina Gühlstorff im Vorfeld zu ihrem Stück oft von Dessauern gehört haben. Die häufigste Aussage aber war: „Solange der Prozess läuft, kann ich keine Auskunft geben.“ Da das Ende des Gerichtsverfahrens am Magdeburger Landgericht nicht abzusehen ist, beruft eine Handpuppe kurzerhand ihre eigene Gerichtsverhandlung ein und ruft die Stadt Dessau in den Zeugenstand. Doch die erscheint nicht.
Wer also will in so einer Stadt eine Stadtführung machen? Genau das ist die Idee von „Schwarzweiß“, einer theatralen Stadtbegehung des Anhaltischen Theaters. Es nimmt den Fall Oury Jalloh zum Anlass, das Publikum an Orte zu bringen, die es sonst höchstwahrscheinlich nur selten oder gar nicht betritt. Das Bauhaus wird ignoriert, stattdessen wird Station in einer Moschee, einem afrikanischen Telecafé und einer Moschee gemacht. Dort sprechen Schauspieler die Interviews mit den Dessauern nach.
Ganz am Anfang warnt eine Polizistenpuppe: „Auch Sie könnten Zeuge vom Hörensagen werden!“ Doch sind es gerade die hier vorgeführten subjektiven Versionen der Dessauer, die mehr Aufschluss über die Geschichte des Oury Jalloh geben als offizielle Verlautbarungen. Hans-Jürgen Müller-Hohensee spielt einen altgedienten Polizisten, der leise schildert, wie institutionelle Mauern zustande kommen. Sein junger Kollege (Jan Kersjes) ruft dagegen: „Die Zelle ist das Herz des Staates!“ Gibt es also doch den „guten und den schlechten Bullen“? Solche eindeutigen Kategorien werden dem Zuschauer hier abgewöhnt. Der junge Polizist hat schon längst keine Gewissensbisse mehr, wenn er bei Demonstrationen den Schlagstock einsetzt. Er fordert Gerechtigkeit, hat aber den Glauben daran verloren. Einmal taucht eine Schweizerin auf, die von ihrem Luxusleben im Senegal berichtet. Sie fordert Integration, ist aber selbst nicht bereit dazu. Erkenntnisreich, wie hier der Diskurs über den Fall Jalloh hinaus geweitet wird. „Verantwortung, Dialog, Menschenwürde“ steht auf den Kaftanen und Mützen, die sich die Zuschauer anziehen müssen. Geschickt thematisiert die Inszenierung auch die Performativität von Hautfarben. „Warum spielt das hier kein Schwarzer?“ schreit Abak Safaei-Rad den Schauspieler Mathieu Svetchine an, während er die Geschichte eines in Deutschland lebenden Afrikaners erzählt. Svetchine schmiert sich braune Schuhcreme ins weiße Gesicht und versucht vergeblich, die Farbe wieder abzuwaschen. Im „Afrika Döner“ schildert er die „Angst vorm schwarzen Mann“ beim Besuch in Johannesburg als einziger Weißer. „Das Gefühl wünsche ich jedem Deutschen.“ Erfahrenswert auch die Erzählung des Imams der Dessauer Moschee vom Freitagsgottesdienst und vom Totengebet für den Muslim Oury Jalloh. Der Leichnam sei zu verkohlt gewesen, sagt er, um an ihm die letzte Waschung vorzunehmen.

Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 14.06.2011

Anhaltisches Theater Dessau thematisiert mit "Schwarzweiß" den Fall Oury Jalloh

Eine „theatralische Stadtbegehung" will die Sprachlosigkeit aufbrechen

„Fairness", „Menschenwürde", „Solidarität", „Verantwortung" „Respekt", „Chancengleichheit" ist auf den gelbfarbenen Gewändern zu lesen. Eine Anregung aus dem Afrikanischen, sich politisch zu äußern. Getragen werden sie von den Gästen der Premiere des Theaterprojektes „Schwarzweiß" des Anhaltischen Theaters Dessau am Freitagabend.

Auch „Jallohs Tod ist Mord", „Er war auch kein Waisenknabe" und ein Bild von Oury Jalloh ist den „politischen Stoffen" aufgedruckt. Denn Anlass für diese „theatrale Stadtbegehung" ist der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh aus Sierra Leone, der am 7. Januar 2005 in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers verbrannte. Der Hergang seines Todes ist bis heute noch nicht restlos geklärt. Gegenwärtig läuft ein weiterer Prozess im Magdeburger Landgericht.
Den Theatermachern um Regisseurin Nina Gühlstorff geht es nicht um die juristische Aufarbeitung dieses Falles. Vielmehr sollen mit "Schwarzweiß" unterschiedliche Stimmen innerhalb der Dessauer Stadt-Gesellschaft, ein Panorama der verschiedensten Meinungen und Deutungen dargestellt werden. Das Stück will aufrütteln aus dem sich breitgemachten Schweigen, auch aus der Hilflosigkeit im Umgang miteinander. Dazu wurden in Dessau mit Einheimischen und Zugezogenen, auch Institutionen, sowie im Senegal zahlreiche Interviews geführt.

Meinungen, Haltungen in Spielszenen verpackt

Diese breitgefächerten Meinungen und Haltungen haben Nina Gühlstorff und Team in Spielszenen „verpackt". Sie führen die Besucher dazu an zehn Orte im Dessau-Roßlauer Zentrum, teils authentisch, weil sich dort Schwarzafrikaner häufig aufhalten, teils nachgestellt, weil Originalschauplätze, wie zum Beispiel das Gericht, nicht zur Verfügung standen. Fünf Schauspieler stellen jeweils mehrere Rollen dar. Außerdem wirken mehrere Dessauer Bürger mit.

Start ist im Stadtpark. Nicht von ungefähr. Wurde doch hier (zur Premiere taggenau) vor elf Jahren Alberto Adriano von Neonazis zu Tode geprügelt. Durch zwei Puppen, einen Schwarzafrikaner (geführt und gesprochen von Jan Kersjes) und einen Polizisten (Abak Safaei-Rad), werden gesellschaftliche Befindlichkeiten postuliert: gegenseitiges Misstrauen, Gerüchte, Vorverurteilungen, Konfrontation ... Auf dem Weg zum „Gerichtssaal" hören die Zuschauer wie scheinbar ganz spontan „Volkes Stimme". Aus dem Parterrefenster eines Neubaublocks schimpft eine Frau: „Das haben wir doch lange genug gehört. Nun ist es mal gut!"

Beim symbolischen „Ich rufe Dessau in den Zeugenstand" prallen Meinungen aufeinander: Der Polizist (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) ist prinzipienfest, die Ausländerbehörde (Abak Safaei-Rad) erschreckend korrekt. Eine Frau (Eva-Marianne Berger) schreit heraus: Es ist absurd, Schuld hat wohl nur der tote Schwarze, dass Polizisten vor Gericht stehen. Es wird ganz still im „Gerichtssaal". Der logistisch gut organisierte Gang führt die Zuschauer, teils in zwei Gruppen geteilt, in eine in einer Wohnung eingerichteten Moschee, von deren Existenz die meisten Dessauer nichts wussten. Der Iman erzählt von Totenriten. Im Media-Imbiss thematisiert ein Weißer (Matthieu Svetchine) Vorurteile um die Angst vorm schwarzen Mann bei einem Südafrika-Besuch. Ein Asylbewerber (Jan Kersjes) berichtet im Telecafé sehr bildhaft und engagiert im gebrochenen Englisch über das Los von Asylbewerbern und wünscht sich "The Sonnenschein for Jedermann". Einer im Senegal mit einem reichen weißen Senegalesen verheirateten Schweizerin gehe es dort sehr gut, aber sie empfinde Rassismus gegenüber den Weißen!? Zwischenzeitliches Lachen bleibt den Zuschauern im Philanthropinum Halse stecken.

Nach drei Stunden Schluss mit Satireshow

Schluss nach fast drei Stunden vor dem Alten Theater. Mit einer mehr satirischen Show: „Hallo Dessau!!??" Zu Beethovens „Freude schöner Götterfunken" deklariert im gelben Gewand Fürst Franz über Aufklärung und Toleranz. Bei allem Spaß wohl auch ein ernsthafter Wunsch. An diesem Abend ist bestimmt die Mauer des Schweigens und der Sprachlosigkeit etwas gebröckelt.

Es gibt viel Beifall für die Akteure und – die Überleitung zu einem gemeinsamen Fest der Begegnung.

Peter Kubiak, MDR Sachsen-Anhalt heute am 10.6.2011

http://www.mdr.de/sachsen-anhalt-heute/8705607.html

Claudia Berlin, MDR aktuell am 10.6.2011

http://www.mdr.de/mdr-aktuell/8706009.html

Deutschlandradio, 10.6.2011

(AUDIO)

Petra Buch, Leipziger Volkszeitung, 11.06.2011

„Schwarzweiss“: Theaterstück zu Asylbewerber-Tod in Dessau uraufgeführt

Dessau-Roßlau. Der Asylbewerber Oury Jalloh wird von der Polizei in Dessau-Roßlau in Gewahrsam genommen. Wenige Stunden später ist er tot. Der 23-Jährige stirbt am 7. Januar 2005 bei einem Brand in einer Zelle des Polizeireviers. Die Umstände sind bis heute nicht geklärt. Sechs Jahre nach dem Tod des Afrikaners ist am Freitag in Dessau das Stück „Schwarzweiss“ uraufgeführt worden. Es zeigt das Leben aus Sicht von Migranten in Deutschland, greift gängige beiderseitige Vorurteile auf und macht Unsicherheiten im Umgang miteinander deutlich.

Die Besucher des Anhaltischen Theaters werden während der Inszenierung von Darstellern an zehn Orte in Dessau-Roßlau geführt, an denen sich Afrikaner häufig aufhalten - etwa eine Moschee, ein Imbiss oder ein Café. Erste Station der fast dreistündigen theatralen Stadtbegehung ist der Stadtpark. In der Grünanlage wird auch daran erinnert, dass dort vor elf Jahren der Familienvater Alberto Adriano aus Mosambik von jungen Neonazis zu Tode geprügelt wurde - weil er schwarz war. In Verruf geriet der Park in der Bevölkerung als Drogenumschlagsplatz.

Die Worte „Dialog, Fairness, Menschlichkeit und Menschenwürde“ sind auf die Gewänder gedruckt, die jeder Besucher zu Beginn des Theaterstücks leihweise bekommt. Auch ein großes Foto von Jalloh ist zu sehen und der Satz „Er war aber auch kein Waisenknabe“. Regisseurin Nina Gühlstorff sagte der dpa: „Unsere Grundidee ist, wir horchen hinein, wie die Stimmung in der Bevölkerung ist.“

Im Fokus des dokumentarischen Stücks stehe nicht das Geschehen in der Zelle. „Es geht uns um den Fall Oury Jalloh und um alles, was mit den großen Themen gesellschaftlichen Zusammenlebens wie Migration, Zusammenleben, Sich-Fremd-Fühlen zusammenhängt“, sagte der Generalintendant des Anhaltischen Theaters, André Bücker. Zudem solle über ein Thema gesprochen werden, das im öffentlichen Raum kaum mehr kommuniziert werde.

Grundlage der Aufführung sind rund 50 Interviews, die die Theaterleute um die Gastregisseurin mit Freunden des Afrikaners, Asylbewerbern und Polizisten geführt haben. Zudem wurden laut Gühlstorff zwölf Interviews mit Menschen im westafrikanischen Senegal aufgenommen.

Die Gespräche werden während der Aufführung in gekürzter Form von Darstellern vorgetragen. Puppen und spontan wirkende Auftritte von Akteuren auf der Straße prägen zudem das Stück. So schimpft eine Frau aus dem Fenster einer Plattenbauwohnung, während die Zuschauer zu einem fiktiven Gerichtssaal gehen: „Jalloh, das kann man nicht mehr hören“. Mit dem „Riesengewese“ in den Medien müsse „nun auch mal endlich Schluss sein“.

Die Schauspieler, darunter Jan Kersjes, Matthieu Svetchine und Abak Safaei-Rad, halten den Besuchern einen Spiegel der Meinungen von Menschen vor. Sie stellen ein Schwarzweiss-Denken bei Behörden dar, zeigen aber auch Schuldgefühle, Misstrauen und Grenzen der Arbeit von Polizei und Justiz auf.

Für die Uraufführung gab es von den rund 100 Besuchern viel Beifall. „Ich wünsche mir, dass sich noch mehr junge Leute, Schulklassen, das Stück ansehen“, sagte Razak Minhel, Chef des multikulturellen Zentrums in Dessau-Roßlau. Der Leitende Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann hofft, dass mit der Inszenierung ein Dialog in Dessau-Roßlau in Gang kommt, die Menschen aufeinander zugehen.

Seit Januar muss sich am Magdeburger Landgericht ein Polizist wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Dem damaligen Diensthabenden auf dem Dessauer Revier wird vorgeworfen, Jalloh bei dem Feuer in der Zelle nicht rechtzeitig geholfen zu haben. Obwohl an Händen und Füßen gefesselt, soll der Asylbewerber den Brand mit einem Feuerzeug selbst entfacht haben. Er starb laut Obduktion an einem Hitzeschock. Jalloh war in Gewahrsam genommen worden, weil er Frauen belästigt haben soll. Er war zuvor wegen Drogenhandels verurteilt worden.

Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung, 11.06.2011

Mauer des Schweigens

Es ist ein warmer, lichter Frühsommerabend, im Dessauer Stadtpark sammelt sich ein buntes Völkchen. Es könnte ein Fest werden, zu dem man sich hier trifft, eine heitere Geselligkeit. Tatsächlich aber bittet das Anhaltische Theater zu einer theatralen Stadtbegehung, wie die Regisseurin Nina Gühlstorff und Dorothea Schroeder, die das Konzept mitgestaltete, das Ergebnis ihre Recherche „Schwarzweiß“ im Untertitel etwas sperrig genannt haben.

Das Thema des Abends ist in Dessau, aber nicht nur dort, ein Politikum. Es geht um den Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh aus Sierra Leone in Afrika, der am 7. Januar 2005 in einer Zelle des Dessauer Polizeireviers verbrannte und starb. Der Mann war festgenommen worden, weil er Frauen belästigt haben sollte, er war betrunken und stand unter Drogeneinfluss. Obgleich gefesselt, soll es ihm gelungen sein, mit einem Feuerzeug, das er bei sich trug, seine Kleidung oder die Matratze, auf der er lag, in Brand zu setzen. Wieso er das Feuerzeug noch bei sich trug, weshalb das Alarmsignalausgeschaltet war und die Beamten auf die Rauchmeldung erst so spät reagierten - all dies ist Gegenstand eines Gerichtsverfahrens gewesen, das mit Freisprüchen endete. Seit Januar wird am Magdeburger Landgericht erneut über den Fall verhandelt.

In die Kompetenz der Justiz will sich „Schwarzweiß“ ausdrücklich nicht einmischen. Vielmehr geht es um den Kontext des Falles, um die Lebensumstände von Asylbewerbern. Und auch um das Schweigen und die Hilflosigkeit in der Stadt, deren Bürger auch sechs Jahre nach Oury Jallohs Tod noch um eine Haltung ringen. Und nicht von ungefähr beginnt der Stadtgang in jenem Park, wo in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni des Jahres 2000 der in Dessau lebende, aus Mosambik stammende Alberto Adriano von drei deutschen Angreifern derart brutal zusammengeschlagen wurde, dass er wenige Tage später im Krankenhaus starb.

Der ungewöhnliche Theaterabend, von der Polizei aufmerksam begleitet und geschützt, beginnt mit einer Verkleidung: Das Publikum ist eingeladen, einen Ausweis als Pfand zu hinterlegen, dafür afrikanisch anmutende Gewänder zu tragen und somit quasi zu einem Teil der Kulisse zu werden, die im Übrigen aus den realen Orten der Stadt besteht. Auf den Gewändern sind Thesen zum Stück festgehalten, in dem es um Unwissenheit, Ignoranz, Verschwiegen und Toleranz geht, aber auch um die polemisch zugespitzte Frage, ob es sich bei Jallohs Tod um Mord gehandelt haben könnte.

Was die Theaterleute bezwecken und auch erreichen, wenigstens bei den Offenen der „Mehrheitsbevölkerung“, ist, etwas gegen das Schweigen und die Verunsicherung zu tun. Lösen, wenn er denn juristisch zu lösen ist, wird den Fall Jalloh das Gericht. Was aber den Dessauern und uns allen überhaupt bleibt, ist die Frage, wie wir es mit dem Fremden halten und wieso die eigene Angst oft keinen Raum lässt für die Ängste der anderen.

Nina Gühlstorff bittet deshalb das Publikum, Ausländer wie Einheimische, in den Zeugenstand. Eingangs, im Stadtpark, wird im Spiel mit zwei Puppen, einen Afrikaner und einen Polizisten verkörpernd, die Szene geöffnet: Misstrauen und Angst auf der deutschen Seite, Trauer und Wut bei den Asylbewerbern markieren die Positionen des Spiels, das über insgesamt zehn Stationen führt. Im (nachgestellten) Gerichtssaal prallen diese Positionen aufeinander, ein Polizist sagt aus, er sei ordnungsliebend und prinzipienfest. Für ihn sei der Fall Jalloh ein tragischer Unglücksfall, im Übrigen sei zu lange geschwiegen worden. Eine Dame vom Ausländeramt erklärt das deutsche Ausländerrecht, sie ist so korrekt, dass es einen fröstelt trotz der Schwüle im Saal. Auch „Volkes Stimme“ kommt zu Gehör: Oury Jalloh war kein Waisenknabe, er hat Drogen vertickt, er war zu einer Haftstrafe verurteilt - und, so der Sprecher, „es sterben schließlich auch Deutsche im Gefängnis“. Eine junge Frau hält dagegen, wie absurd die Wahrnehmung der Situation bei vielen sei: Der tote Afrikaner ist nun schuld daran, dass deutsche Polizisten vor Gericht stehen.

Weiter führt der Parcours in eine winzige, von außen nicht erkennbare Moschee, von der auch viele Dessauer bislang nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt. Der Imam, selbst Asylbewerber, spricht über die Totenrituale der Muslime - und über den verbrannten Oury Jalloh, für den sie nur beten konnten. „Alle in Dessau sagen, er war ein Dealer und Trinker, aber er ist verbrannt. Und das interessiert keinen“.

Später berichtet ein Deutscher über seine Angst vor dem schwarzen Mann, ein Afrikaner (den ein Deutscher spielt) über die Not in Afrika und das Recht auf Sonnenschein für jedermann. Eine Schweizerin, verheiratet mit einem reichen Senegalesen, fühlt sich in dessen Heimat ausgegrenzt und führt dabei eine entlarvende Komödie zum Thema postkolonialer Rassismus auf: „Ich habe auch immer Mitleid mit den armen Flüchtlingen gehabt, aber hier im Senegal leben die gut.“

Immer wieder kommen Polizisten zu Wort, auch über ihre schwierige Situation, notfalls mit Gewalt die Ordnung im Lande zu garantieren. Und das Schweigen über die Grenzbereiche, erst Recht im Fall Jalloh. Schließlich prallt vor dem Finale am Alten Theater in einer Turnhalle noch einmal die Angst eines Afrikaners (es könnte Alberto Adriano sein) auf die geballten Vorurteile der Deutschen. Die schwitzen auch bei der Arbeit im Schlachthof, sagt der Schwarze, „aber es ist immer der Neger, der stinkt“. Der Chor der Deutschen hält entgegen: „Es ist eben ein ganz einfacher Menschenschlag“.

Zum Schluss gibt es eine große, glitzernde, ironische Revue, „Freude schöner Götterfunken“, die „Ode an die Freude“ erklingt. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeter Unmündigkeit“ ist der Leitspruch, an den Fürsten Franz, die Toleranz und die schönen Gärten wird Dessau erinnert. Dann gibt es die verpfändeten Pässe zurück, drei der bunten Gewänder werden unter den Teilnehmern des Abends verlost. Gut, dass er so friedlich und fair abgegangen ist. Schön, wie klug und nicht vordergründig belehrend die Künstler das Publikum verwickelt haben. Vielleicht ist die Mauer des Schweigens ein Stückchen kleiner geworden. Verschwinden wird sie nicht über Nacht. Aber das hat auch niemand erwartet.

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