Schön ist die Welt

Große Gala der heiteren Muse

»Schön ist die Welt« nicht nur in der gleichnamigen Operette von Franz Lehár, sondern in den meisten Operetten ist die Welt schön und in Ordnung. Falls es doch einmal nicht so sein sollte, gibt es am Schluss wenigstens ein Happy End. Die Sorgen werden meist in Champagner ertränkt oder auf andere Art irgendwie verdrängt, denn: »Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist«.

Den Alltag zu vergessen und sich in die »schöne« Welt der Operette entführen zu lassen, dazu lädt das Anhaltische Theater mit einer großen Gala ein. Im Mittelpunkt des unterhaltsamen Abends steht natürlich die Musik. Ihr Rhythmus, ihr Schwung, aber auch ihr Sentiment nehmen uns gefangen, reißen uns mit und lassen uns schwelgen. Und die meisten Operettenkomponisten waren Könner ihres Fachs und verfügten über schier unerschöpfliche melodische Einfälle. Das wird auch diese Gala beweisen, in der u.a. Musik von Offenbach, Strauß, Lehár erklingt. Ebenfalls im Programm vertreten sein werden die Meister der deutschen Spieloper Otto Nicolai und Albert Lortzing. Auch einen Blick ins Repertoire klassischer Musicals wollen wir wagen. Die Anhaltische Philharmonie stellt dabei einmal mehr ihre Vielseitigkeit und Stilsicherheit auch in der scheinbar »leichten« Muse unter Beweis. Mitglieder unseres Musiktheaterensembles leihen den Opern- und Operettenhelden ihre Stimmen, und – last not least – sorgen die Damen und Herren unseres Ballettensembles für eine attraktive Umsetzung der tänzerischen Musik.

Musikalische Leitung Wolfgang Kluge
Szenische Arrangements Jana Eimer
Choreografie Tomasz Kajdanski
Bühne Nicole Bergmann
Kostüme Katja Schröpfer
Moderation Ronald Müller
Solisten Cornelia Marschall / Angelina Ruzzafante
David Ameln / Artjom Korotkov / Wiard Witholt / Mark Vincent Wodner
Ballettensemble des Anhaltischen Theaters
Anhaltische Philharmonie Dessau

PRESSESTIMMEN

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 03.04.2012

Dunkelrote Rosenliebe

Glühwürmchen-Idyll, Klammerkörbchen-Romantik oder dunkelrote Rosenliebe, sogar der Herr Geheimrat in spe entflammt, ein wenig tragisch zwar, aber doch verzückt auf der Operettenbühne: „Du Blümlein auf dem Feld, bist mein alles auf der Welt.“ Das hätte Goethe vielleicht ein wenig anders gesagt, nun singt er es so, wie die Liebe in Franz Lehárs „Friederike“ gesetzt wurde.

„Schön ist die Welt“ beteuert die „Große Gala der heiteren Muse“ im Anhaltischen Theater. Premiere war am Sonnabend. Den Titel reicht wieder Franz Lehár mit der Titelmelodie der gleichnamigen Operette. Der moderierende Musikdramaturg Ronald Müller verweist auf die Zeit der Uraufführung der Neufassung, auf die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Gibt es doch bestimmte Bedingungen? „Schön ist die Welt, wenn das Glück dir ein Märchen erzählt“, singt Artjom Korotkov beschwörend, fordernd fast, mit Anmut und mit Wonne-, beinah britischem "W".

Ein Ohrenbackensessel hier, eine Wäscheleine dort, die Große Gala wirtschaftet genügsam und wuchert in allen Beziehungskisten, ein Reigen des sonnigen Sentiments. Der Held des Abends bleibt die Anhaltische Philharmonie. Unter Leitung von Kapellmeister Wolfgang Kluge spannt sie den Bogen von der Spieloper über die Operette zum Musical, äußerst gewandt im Wandel, beginnend mit der Ouvertüre zur komisch-phantastischen Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“. In unermüdlicher Leichtigkeit bewegt sich dieser Anfang traumwandlerisch sicher zwischen romantischem Erheben und der Maskerade desselben. Müller berichtet, dass in der Zeit von 1858 bis 1938 allein in Wien 1 101 Operetten uraufgeführt worden seien. Nur gut zwei Prozent zählten noch heute zum Repertoire. Einzelne Nummern überlebten. Und schon folgt Johann Strauss auf Johann Strauss, einmal aus „Cagliostro in Wien“, einmal aus „Simplicius“. Der „Reitermarsch“ ist keine Parade, sondern hohe Dressur, die Zeit fest und so schön spielerisch im Zaumzeug haltend. Mit „Selections from Les Misérables" liefert das Orchester dann großes Kino in schön gesetzten Lichtern, akkurate Akzente über weit gestreuten Emotionen.

Immer wieder treten Solisten neben das Pult. Wiard Witholt verspürt Albert Lortzings „Heiterkeit und Fröhlichkeit“ oder überreicht „Dunkelrote Rosen“ aus Carl Millöckers „Gasparone“, scharf geschnitten und doch in einem bordeauxroten Ton. Neben der Titelmelodie gibt Artjom Korotkov den eingangs erwähnten jungen Herrn Goethe oder die Romanze des Fenton, „Horch, die Lerche singt im Hain“, und „Deutlich ist des Liedes Ton“ fürwahr.

David Ameln singt zurückhaltend Lehárs Zungenbrecher „Schön sind lachende Frau‘n, doch sei auf der Hut“. Denn die Damen des Balletts haben mit den Bindern die Herren fest und kokett im Griff. Später rauchen sie, zum "Glühwürmchen-Idyll" von Paul Lincke, und tanzen ein wenig nach Art der Burlesque, auch wenn kein Handschuh fällt. Ameln spielt den Zaren und den Zimmermann im Duett von Lortzing mit Cornelia Marschall: „Darf eine niedre Magd es wagen“. Sie darf, auch Ronald Müller von der Bühne schubsen: „I could have danced all night" klingt nach einer wirklich schönen, klaren Nacht. Vom Blumenmädchen zur Waschfrau wird Marschall dann ganz dirndlig, singt anheimelnd „Heinerle, hab‘ kein Geld“ aus „Der fidele Bauer“. Marc Wodner (Knabensopran) vermag entzückend zu bitten. So wird sie ihm was kaufen: „Für mein Buberl, Heinerl du, wenn i s‘ Geld erst haben tu". Das klingt auf der Bühne gar nicht so böse, beinah idyllisch und bayrisch doch. Der Rollentausch bleibt unermüdlich. Das ist eine Gala ohne Gähnen und ohne großen Pomp, aber prächtig musiziert. Kurz vor dem Finale, wird zuversichtlich geraten: „Schlag nach bei Shakespeare“, aus Cole Porters „Kiss me, Kate“. Denn: „Rezitierst du Herrn Shakespeare‘s Sonette, zieht Sie zärtlich dich zur Lagerstätte". Es mag Verrichtungen geben, die schlechter entlohnt werden.

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