Schluss mit Lustig!

Schräger Boulevard-Doppeldecker

Dreizehn Stühle / Orpheus in der Unterwelt

»Türen und Sardinen. Auftritte, Abgänge. Sardinen rein, Sardinen raus. Das ist Schwank. Das ist Theater. Das ist Leben.« … so wird in der Komödie »Der nackte Wahnsinn« endgültig beschrieben, wie Boulevardtheater zu sein hat. Und so öffnet sich der Vorhang des Alten Theaters für zwei betagte, aber immer noch sehr lebendige Unterhaltungsfilets. Auf die Jagd nach den »Dreizehn Stühlen«, einem ursprünglich russischen und seitdem oft adaptierten Stoff, begab sich in den 1930er Jahren schon Heinz Rühmann: Der Friseurladenbesitzer Fritz Rabe macht eine bedeutende Erbschaft, glaubt sich saniert – und muss erkennen, dass ihm seine Tante nur dreizehn alte Stühle vermacht hat. Erst nach dem Verkauf der Möbel an einen neurotischen Trödler erfährt er, dass das Vermögen in einem der Stuhlkissen eingenäht war. Doch längst ist alles verscherbelt. Eine atemlose und urkomische Suche des ungleichen Paares von Friseur und Trödelhändler beginnt …

... und endet fließend in der Unterwelt, in die uns mit Jan Kersjes der Orpheus des Ensembles entführt. Diese Miniaturfassung von Jacques Offenbachs abgedrehter Operette »Orpheus in der Unterwelt« wird zu einem funkensprühenden Liederabend-Boulevard: voll hinreißender Hits, die die verlorene und wiedergefundene Liebe besingen, voller göttlicher Verwandlungen, Verwechslungen und Verschwörungen in einem unermesslichen Figurenpanoptikum – eingedampft auf fünf Quadratmeter!

Dieser Komödien-Doppeldecker eröffnet den Neuproduktionen-Reigen im Alten Theater mit Wortwitz und Spielakrobatik. Und im Anschluss wird natürlich gefeiert! Nach dem großen Erfolg von »Bonjour Tristesse« in der vergangenen Spielzeit verwandelt auch diesmal Patrick Rupars Party-Generalstab das Foyer im Alten Theater in ein Kreativfest mit guter Musik, verrückten Installationen und Überraschungen, natürlich passend zum Boulevard-Thema.

13 Stühle
Inszenierung David Ortmann
Felix Rabe, Friseurmeister Patrick Wudtke
Alois Hofbauer, Trödler Felix Defèr
12 frischgebackene Stuhlbesitzer Mario Klischies
Karoline Hofbauer, Trödlerfrau Christel Ortmann
Lilly Walter Jenny Langner

Orpheus in der Unterwelt
Inszenierung und musikal. Leitung Jan Kersjes
Mit Tina Rottensteiner / Patrick Rupar / Sebastian Müller-Stahl / Stephan Korves

Dramaturgie Sabeth Braun
Bühne Nicole Bergmann
Kostüme Katja Schröpfer

PRESSESTIMMEN

"Zwei-Gänge-Leichenschmaus", Mitteldeutsche Zeitung, 05.10.2013

von Thomas Altmann

PREMIERE "Dreizehn Stühle" und "Orpheus in der Unterwelt" werden schräg geliefert.
Götter, Fliegen und Friseure: Erst wachsen dem Gerichtsvollzieher wundersam Haare, dann besingt Jupiter verdrießlich stolzierend seinen "Fleischwedel".
Zwei Komödien-Extrakte feierten am Donnerstag im Alten Theater Dessau Premiere: "Dreizehn Stühle" und "Orpheus in der Unterwelt". Ein "schräger Boulevard-Doppeldecker" wurde versprochen und schräg geliefert. Es geht um Gier und Lust, und um diesen unterschwelligen Zynismus, der das Scheitern der anderen voyeuristisch, herzlich und doch im Hohlspiegel genießen lässt. Dabei sind die Kamellen reichlich betagt.
David Ortmann inszeniert "Dreizehn Stühle" nach dem Film von 1938, der die literarische Vorlage, eine beißende Satire auf den Sowjet-Alltag der Co-Autoren Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, verschwieg. Nun bleibt ein sportiv bewegtes Spielchen um den Egoismus in scheinbarer Vorläufigkeit: Eigentlich sei das Ganze noch nicht fertig, eine Probe nur. Das schafft Gelegenheiten, unmittelbar distanzierend zu kommentieren und wie aus dem Bilderbuch für Einsteiger genüsslich einfältig zu improvisieren: Tür auf, Tür zu, Klingeling, und dann die ewigen Wege durch das Publikum.
Gleich drei neue Schauspieler des Ensembles, spielen, man darf es so sagen, die Hauptrollen. Denn Mario Klischies übernimmt neun Rollen, den Lehrling, die Käufer usw. Er trifft alle Neune, wandlungsfähig im Rollentausch. Felix Defèr gibt Alois Hofbauer, wienert, grantelt, kraftmeiert und bleibt doch ein mitmenschlicher Pfundskerl. Patrick Wudtke erscheint daneben wie ein Feinmechaniker, der seinem kraftstrotzenden Partner doch unversehens auf den Hut haut. Als des Trödlers Weib gelingen Christel Ortmann alle Königinnenspiele der Ehe, ewige Rochaden zwischen Macht und Ohnmacht. Jenny Langner erscheint als das Luxusweibchen fürs Séparée, die Kaufkraft des Mannes forcierend. Alles fließt, die "Reise nach Jerusalem", der getanzte Kampf um den letzten, millionenschweren Stuhl und die Tortenschacht vor dem Happy End, vor dem nun doch einträglichen Wunder des Haarwuchses auf dem Haupt des Gerichtsvollziehers (Stephan Korves).
In dieses Wunder gesellt sich in Sahneblässe Jan Kersjes als E., androgyn assistiert von T. (Martha Oelschläger). Mag Kersjes wie ein eingelegter Frosch aussehen, als Forscher aus einem fernen Universum geleitet er nun geladene Wissenschaftler nach oben. Eine Panne führt jedoch in die Operette, zu "Orpheus in der Unterwelt" von Jacques Offenbach, in einer gründlichen Überarbeitung. Bei allem Kokolores, den Kersjes da auf die Bühne stellt, gesellt sich im Sinne der Offenbachiade zum Lächeln über die menschelnden Unzulänglichkeiten der Götter die Stimme der Hoffnungslosigkeit der Figuren und somit die Frage, worüber gelacht wird. Zudem klangen Operetten vor der Anlehnung an geschulte Opernstimmen recht raubeinig. Nun klingt die Drohung des Virtuosen Orpheus (Sebastian Müller-Stahl), bestrafend zu musizieren, überaus ernst.
Der Chefgott macht sonst gern den Stier, schon bei Offenbach wird Jupiter (Stephan Korves) liebestoll zur Fliege. "Sum, sum" und süß ist das Duett. Pluto (Patrick Rupar) singt als sein Faktotum "Als ich einst Prinz war von Arkadien". Es scheint, der Rhein flösse coupletselig durch die Unterwelt. Man darf durchaus von einem spielerisch gestischem Ersatz der Stimme sprechen. Alle begehren "eure Dicke" (Eurydike, Tina Rottensteiner), die eine ganze Menge Töne rechtzeitig trifft. Herrlich: "Der Tod will mir als Freund erscheinen" und diese gesprochenen Koloraturen! Auch Kersjes bleibt kein Frosch am Klavier, eher ein sehr einfühlsamer Begleiter. Der Höllen-Cancan ist Pflicht. Die Choreografie erinnert an ein Wahlpflicht-Fach Popgymnastik. Also wird, "Bonjour Tristesse", weiter getanzt, in der Dschungel-Party im Foyer: Keine Affen, kein Fitzcarraldo, rote Palmen, grünes Licht.

1098