Schiller unplugged

Ein Aufklärungsabend

Premiere am 16. März 2014, Wiederaufnahme am 10. Januar 2015

Wer wäre Friedrich Schiller, der im Alter von nur 22 Jahren „Die Räuber“ schrieb, heute? Der junge Idealist, der er zu seinen Lebzeiten war? Der überzeugt ist, etwas zu sagen zu haben, und ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Erfolge und Sicherheiten seinen Traum vom Schreiben verfolgt? Wenigstens diesen Wunsch teilt er mit seinem Freund Johann Wolfgang von Goethe. Doch was eint diese grundverschiedenen Dichtergrößen sonst noch, die gern so einträchtig nebeneinander dargestellt werden, den Dichterkranz friedlich teilend? Dieser »Aufklärungsabend« stößt die beiden Klassiker vom Sockel in unsere Gegenwart, lässt sie um Liebe und Leben schreiben und streiten. Und wenn beide Autoren in ihre eigenen Texte, Dramen und Balladen hineinspringen und in ihre Figuren schlüpfen, gewinnen die Werke ein erstaunliches Eigenleben…


Vorstellungsdauer: 1 Stunde

PRESSESTIMMEN

Credo an die Fantasie, Mitteldeutsche Zeitung, 18.03.2014

von Thomas Altmann „Schiller unplugged“ heißt ein „Aufklärungsabend“ mit Marie Ulbricht, Oliver Seidel, Stephan Korves und Patrick Wudtke. Am Sonntag feierte die Inszenierung von Aurelina Bücher im Alten Theater Dessau Premiere.

Credo an die Fantasie
„Schiller unplugged - Ein Aufklärungsabend“

Am Sonntag feierte "Schiller unplugged - Ein Aufklärungsabend" Premiere im Alten Theater Dessau. Die Inszenierung liefert bewegte Sequenzen aus dem Dichterleben.

Er kratzte „mit dem Federkiel auf den gewalkten Lumpen“ und schrieb offenbar kniend, das Liebchen auf des Dichters Rücken. „Schiller unplugged - Ein Aufklärungsabend“, ein hausierendes, wucherndes, rigoros verschnittenes und fließend gebundenes Stück aus vielen Stücken Schiller und einigen Stücken Goethe hatte am Sonntag Premiere im Alten Theater Dessau.

Jenseits didaktisch angestaubter und chronologisch sortierter Blütenlese liefert Aurelina Bücher in bewegten Sequenzen aus dem Dichterleben vor allem ein fortissimo verleimtes Credo an die Fantasie, an das Wollen. „Die Geschichte ist überhaupt nur ein Magazin für meine Fantasie, und die Gegenstände müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Händen werden“, schrieb Schiller.

Produktive Unbändigkeit

Nun nimmt Bücher Schillertext zum Magazin, benutzt Gedichte, Dramen, Rezension und Dissertation, kommt dem Dichter scheinbar unbedarft nah und erzählt zugleich die Geschichte des Wollens, einer produktiven Unbändigkeit gegen die Konventionen. „Schlappes Kastraten-Jahrhundert“ hin oder her, das ist ein Einstieg an allen Orten und eine Geschichte des Begehrens für Jugendliche und durchaus für Erwachsene.

Erst hört man ihn, die Treppe hinunterlaufen, -springen, -stürzen, dann probt und verwirft Schiller (Patrick Wudtke) den Kratzfuß vor der dümmlich gepuderten, Ignoranz fächelnden Gesellschaft, vor dem Herzog (Stephan Korves) und seiner, sagen wir, Konkubine (Marie Ulbricht). Beide führt Goethe (Oliver Seidel) kurz gefasst durch eine Ausstellung über Goethe. Überhaupt behält die Bühne den lichten Charme einer Wanderausstellung, die Handhabbares exemplarisch liefert. Was ist im Licht, was zu wissen, von anderen Zeiten und Menschen?

Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller begegnen sich postalisch, sichten köstlich verwerfend Post und stutzen im Juni 1794, da Schiller Goethe bat, an der Monatsschrift „Die Horen“ mitzuarbeiten. Und sie korrespondieren wahrlich. Der Brief wird zugleich hier und da gelesen und geschrieben. Sie dichten auch zusammen im Ton des Entstehens, etwa „Die Bürgschaft“. Da scheinen die angespielten Probleme der Beziehung vergessen: „Ich betrachte ihn wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen“, schrieb Schiller oder: „Ich könnte seinen Geist umbringen und ihn wieder von Herzen lieben.“

Nun tun sie es, irgendwie, sich gewinnbringend reibend. Mit Jabot und Perücke oder ohne, Schiller und Goethe spielen die Partitur immer im Blick so verzahnt, wie die Texte laufen. Wudtke kippt die Gefühle permanent. Das ist virtuos, kraftvoll, feinadrig. Und Seidel begleitet im Einklang und als Widerpart, fixiert kein vorgefasstes Bild, bleibt Teil dieser offenen Geschichte, in der immer wieder Texte geteilt und Figuren verzahnt werden. Bald Tropf, bald behauptete Autorität gibt Korves den Herzog und den Vater und Ulbricht die Frau für alle, Muse, Liebchen und Luise, stolzierende, knarzende, resignierende Sinnlichkeit inmitten großer Männergedanken.

Nahtlos beinah vollzieht sich der Wechsel von der Biografie ins Werk. „Du bist blass, Luise“: Auf das Duett der Liebenden aus „Kabale und Liebe“ folgt die Auseinandersetzung zwischen Ferdinand und seinem Vater, die Kollision mit dem vorgefertigten Lebensplan. Und schon springt der Text in „Die Räuber“, in den 1. Akt, da Franz Moor hadert: Hat er mich gekannt, ehe er mich machte? Oder hat er mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte?“ Eher nicht.

Zerreißprobe der Gedanken

Augenzwinkernde Kommentare, Gedanken, die beinah im Raum kreisen; und im Finale wird die Geschichte atemlos: „Die Leiden des jungen Werther“, die Dissertation“ des jungen Schiller, das Resümee des Franz Moor oder der „Phantasie an Laura“ klingen an. Das prallt gegeneinander und läuft doch in einem fort, hin zu einer Zerreißprobe der Gedanken und des Lebens. Schiller geht. Und Goethe ruft ihm seinen Brief an Carl Friedrich Zelter nach, als wolle, als könne er ihn halten: „Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins.“ Aus der Klage wächst postmortal die Ode der Oden in Auszügen, inklusive: „Göttern kann man nicht vergelten, schön ist’s, ihnen gleich zu sein.“

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