Quartett

Schauspiel von Heiner Müller

Das wohl am meisten gespielte Stück Heiner Müllers, ist ein Gefecht: hier sind die Waffen Wörter und die sollen treffen. Die Gegner sind Mann und Frau, genauer gesagt die Marquise Merteuil und der Vicomte Valmont. Und der Anlass ihres Geschlechterkampfes ist die Liebe als explosive Mischung aus Macht, Gier und Sex.

Basis und Vorlage für Heiner Müllers Theaterstück war der 1782 erschienene Briefroman »Gefährliche Liebschaften« von Choderlos de Laclos, der von intriganten Liebeleien am Vorabend der Französischen Revolution erzählt. Diese vorbürgerliche Geschichte verlegte Müller 1980 in seinem Zweipersonenstück in ein nachbürgerliches Szenario: einen Bunker nach dem dritten Weltkrieg. Dort treffen zwei ehemals Liebende aufeinander, die nichts mehr zu verlieren haben außer diesen lustvollen Kampf gegeneinander: »Mich langweilt die Bestialität unsrer Konversation. Jedes Wort reißt eine Wunde, jedes Lächeln entblößt einen Fangzahn. Wir sollten unsern Part von Tigern spielen lassen. Noch ein Biss gefällig, noch ein Prankenhieb. Die Schauspielkunst der Bestien.«

Axel Sichrovsky verlegt seine Inszenierung ins Heute und lässt den Kampf dort austragen, wo Oberflächlichkeit und sexuelle Machtspiele gegenwärtig vielleicht am populärsten sind: in den nächtlichen Räumen der Clubs und Diskotheken. Dort beginnt das Spiel immer wieder aufs Neue, inmitten einer Unmenge von Kosmetikmüll – einem Sinnbild für das Überdecken und Vertuschen des körperlichen wie des gesellschaftlichen Verfalls.


Aufführungsdauer: 1h 10 Min.


„Wollen wir einander aufessen, Valmont, damit die Sache ein Ende hat, bevor Sie ganz geschmacklos werden.“ (Merteuil)


PRESSESTIMMEN

"Schlacht der Geschlechter", Volksstimme, 02.01.2014

Schlacht der Geschlechter in der Plaste-Wüste

Heiner Müllers „Quartett“ auf der Studiobühne des Anhaltischen Theaters

von Helmut Rohm

Das Anhaltische Theater Dessau hat das Schauspiel „Quartett“ von Heiner Müller auf die Studiobühne im Alten Theater gebracht. Von Helmut Rohm Literarische Vorlage für dieses 1980 entstandene Stück war der 1782 erschienenen Briefroman „Les Liaisons Dangereuses“ („Gefährliche Liebschaften“) von Choderlos de Laclos. Müller stellt seinem Stück die Anweisung voran: „Zeitraum: Salon vor der Französischen Revolution/Bunker nach dem Dritten Weltkrieg.“

Axel Sichrovsky, Regisseur der Dessauer Aufführung, lässt seine Zuschauer auf der eigentlichen Bühne auf zwei rechtwinklig angeordneten zweistufigen Sitztribünen Platz nehmen. Unmittelbar angrenzend an einer sich vom Bühnenrestplatz in die „normalen“ Zuschauerränge erstreckenden, von leerem Plasteabfall übersäten „Chaoslandschaft“ – ganz im Heute.

Müller bleibt bei den Namen aus der Vorlage, reduziert allerdings auf zwei real agierende Personen. Die Marquise de Merteuil erwartet ihren einstigen Liebhaber, den Vicomte de Valmont.

Die Begierde zwischen den beiden ist längst erloschen, Liebe gab es überhaupt nicht. Ein neuer Lustgewinn ist wohl nur durch ein Spiel der Worte, dem gedanklichen Spinnen von Intrigen, dem Hineinsteigern in zerstörerische Phantasien möglich. Annähernd realer Hintergrund sind die Präsidentengattin Madame Tourvel und die jungfräuliche Klosterschülerin Cecilie de Volange, Nichte der Marquis und Braut des Comte de Gercourt. Die Tourvel möchte Valmont „knacken“. Die Cecilie bietet die Marquise Valmont zur Entjungferung an.

Das „Spiel“ beginnt. Die beiden Darsteller Natalie Hünig und Sebastian Müller-Stahl „pflegen“ diese umfängliche Konversation mit bewundernswerter Kondition. Wobei die stärkere Ausstrahlung, nicht nur allein der Anlage der Rolle wegen, Natalie Hünig gebührt.

Der Zuschauer ist - bis an die Grenze des kaum noch Ertragbaren - stark gefordert, dem Gehörten konzentriert zu folgen, die rhetorischen und inhaltlichen Feinheiten, die ausgefeilten Seitenhiebe, die brutalen, letztendlich menschenverachtenden perversen Aussagen einordnen zu können. Die beiden Protagonisten verknüpfen die sprachliche Auseinandersetzung mit ständigem Rollenwechsel, kostümieren sich mehr oder weniger umfangreich um. Der optische Bogen wird vom angeklebten Schnurrbart über einen samtenen Umhang, ein unschuldig wirkendes weißes Rüschchen-Kleid bis zur von Sebastian Müller-Stahl getragenen körperfarbenen Zweithaut als nackte Tourvel gespannt.

Merteuil spielt Valmont, Valmont spielt Merteuil‚ Valmont spielt Tourvel, Merteuil spielt Cecilie....

Das ‚reine‘, sich immer mehr zuspitzende Wortgefecht entwickelt sich zum gewalttätigen Umgang der beiden Personen miteinander. Sie jagen sich in einer wilden Verfolgungstour stolpernd und fallend durch die Plastewüste.

Und artet aus in einem brutalen, dem jeweils anderen Schmerzen zufügenden Zweikampf. Ein Kampf, der auch wie im gesamten Stück ein Kampf der Geschlechter ist - bei dem es keinen Sieger gibt.

Die nächsten Aufführungen sind am Sonntag, dem 5. Januar, und am Donnerstag, 9. Januar.

"Das Werkhallen-Einmaleins", Mitteldeutsche Zeitung, 19.12.2013

von Kai Agthe

Das Werkhallen-Einmaleins

ANHALTISCHES THEATER In Dessau sind zwei Kammerspiele zu erleben. Thomas Brasch beschreibt die Arbeitswelt der DDR und Heiner Müller das lüsterne Rokoko.

[...] Szenenwechsel: Heiner Müllers "Quartett" in der Studiobühne des Alten Theaters. Das Stück ist zwar in gut 30 Minuten gelesen, doch werden der subtile Witz und die abgründige Bosheit, die moralische Verkommenheit und die adlige Langeweile der beiden Protagonisten erst offenbar, wenn man das Stück im Theater sieht.

Müller (1929-1995) war im Bearbeiten literarischer Themen von dritten Autoren ein ebensolcher Meister wie Bertolt Brecht. "Quartett" beruht auf dem Briefroman "Gefährliche Liebschaften" (1792) des französischen Autors Choderlos de Laclos. 1980 geschrieben und zwei Jahre später in Bochum uraufgeführt, ist es ein dankbares Drama für kleine Bühnen, denn der äußere Aufwand ist überschaubar. Der Text umfasst 20 Druckseiten. Das ist viel für zwei Akteure, aber dennoch kaum abendfüllend. In Dessau ist es eine ebenso schlanke wie dynamische Inszenierung von 70 Minuten - mit schrillen Tanz- und Gesangseinlagen, die jedoch weder unterhaltend noch provozierend sind und zum Verständnis von Müllers subtilem Werk nichts beitragen.

Merteuil (Natalie Hünig) und Valmont (Sebastian Müller-Stahl) tauschen zwischendurch die Rollen, was erklärt, wie das Zweipersonenstück zum Titel fand. Sie müssen in der Inszenierung von Axel Sichrovsky die modischen Verirrungen der 1980er Jahre auftragen (Kostüme: Oksana Meister). Ein paar Podeste und ein Meer aus weißen Plasteflaschen sind an Ausstattung (Jan Steigert) schon alles.

"Quartett" verlangt Darsteller von Format. Die hat man in Dessau. Müller-Stahl gibt Valmont mal mit unterkühlter Abgeklärtheit, mal mit eiskaltem Willen zur Dominanz über das andere Geschlecht, sofern dieses noch unberührt ist. Hünigs Merteuil ist eine an Madonna erinnernde schrille Diva, deren Angst vor der Vergänglichkeit des Fleisches sie ebenso ängstigt wie ihren abgelegten Gespielen. Man schlägt sich und verträgt sich - ohne voneinander lassen zu können. Und das zu sehen, ist spannend.

"Schlacht der Geschlechter", Volksstimme, 02.01.2014

Schlacht der Geschlechter in der Plaste-Wüste

Heiner Müllers „Quartett“ auf der Studiobühne des Anhaltischen Theaters

von Helmut Rohm

Das Anhaltische Theater Dessau hat das Schauspiel „Quartett“ von Heiner Müller auf die Studiobühne im Alten Theater gebracht. Von Helmut Rohm Literarische Vorlage für dieses 1980 entstandene Stück war der 1782 erschienenen Briefroman „Les Liaisons Dangereuses“ („Gefährliche Liebschaften“) von Choderlos de Laclos. Müller stellt seinem Stück die Anweisung voran: „Zeitraum: Salon vor der Französischen Revolution/Bunker nach dem Dritten Weltkrieg.“

Axel Sichrovsky, Regisseur der Dessauer Aufführung, lässt seine Zuschauer auf der eigentlichen Bühne auf zwei rechtwinklig angeordneten zweistufigen Sitztribünen Platz nehmen. Unmittelbar angrenzend an einer sich vom Bühnenrestplatz in die „normalen“ Zuschauerränge erstreckenden, von leerem Plasteabfall übersäten „Chaoslandschaft“ – ganz im Heute.

Müller bleibt bei den Namen aus der Vorlage, reduziert allerdings auf zwei real agierende Personen. Die Marquise de Merteuil erwartet ihren einstigen Liebhaber, den Vicomte de Valmont.

Die Begierde zwischen den beiden ist längst erloschen, Liebe gab es überhaupt nicht. Ein neuer Lustgewinn ist wohl nur durch ein Spiel der Worte, dem gedanklichen Spinnen von Intrigen, dem Hineinsteigern in zerstörerische Phantasien möglich. Annähernd realer Hintergrund sind die Präsidentengattin Madame Tourvel und die jungfräuliche Klosterschülerin Cecilie de Volange, Nichte der Marquis und Braut des Comte de Gercourt. Die Tourvel möchte Valmont „knacken“. Die Cecilie bietet die Marquise Valmont zur Entjungferung an.

Das „Spiel“ beginnt. Die beiden Darsteller Natalie Hünig und Sebastian Müller-Stahl „pflegen“ diese umfängliche Konversation mit bewundernswerter Kondition. Wobei die stärkere Ausstrahlung, nicht nur allein der Anlage der Rolle wegen, Natalie Hünig gebührt.

Der Zuschauer ist - bis an die Grenze des kaum noch Ertragbaren - stark gefordert, dem Gehörten konzentriert zu folgen, die rhetorischen und inhaltlichen Feinheiten, die ausgefeilten Seitenhiebe, die brutalen, letztendlich menschenverachtenden perversen Aussagen einordnen zu können. Die beiden Protagonisten verknüpfen die sprachliche Auseinandersetzung mit ständigem Rollenwechsel, kostümieren sich mehr oder weniger umfangreich um. Der optische Bogen wird vom angeklebten Schnurrbart über einen samtenen Umhang, ein unschuldig wirkendes weißes Rüschchen-Kleid bis zur von Sebastian Müller-Stahl getragenen körperfarbenen Zweithaut als nackte Tourvel gespannt.

Merteuil spielt Valmont, Valmont spielt Merteuil‚ Valmont spielt Tourvel, Merteuil spielt Cecilie....

Das ‚reine‘, sich immer mehr zuspitzende Wortgefecht entwickelt sich zum gewalttätigen Umgang der beiden Personen miteinander. Sie jagen sich in einer wilden Verfolgungstour stolpernd und fallend durch die Plastewüste.

Und artet aus in einem brutalen, dem jeweils anderen Schmerzen zufügenden Zweikampf. Ein Kampf, der auch wie im gesamten Stück ein Kampf der Geschlechter ist - bei dem es keinen Sieger gibt.

Die nächsten Aufführungen sind am Sonntag, dem 5. Januar, und am Donnerstag, 9. Januar.

"Das Werkhallen-Einmaleins", Mitteldeutsche Zeitung, 19.12.2013

von Kai Agthe

Das Werkhallen-Einmaleins

ANHALTISCHES THEATER In Dessau sind zwei Kammerspiele zu erleben. Thomas Brasch beschreibt die Arbeitswelt der DDR und Heiner Müller das lüsterne Rokoko.

[...] Szenenwechsel: Heiner Müllers "Quartett" in der Studiobühne des Alten Theaters. Das Stück ist zwar in gut 30 Minuten gelesen, doch werden der subtile Witz und die abgründige Bosheit, die moralische Verkommenheit und die adlige Langeweile der beiden Protagonisten erst offenbar, wenn man das Stück im Theater sieht.

Müller (1929-1995) war im Bearbeiten literarischer Themen von dritten Autoren ein ebensolcher Meister wie Bertolt Brecht. "Quartett" beruht auf dem Briefroman "Gefährliche Liebschaften" (1792) des französischen Autors Choderlos de Laclos. 1980 geschrieben und zwei Jahre später in Bochum uraufgeführt, ist es ein dankbares Drama für kleine Bühnen, denn der äußere Aufwand ist überschaubar. Der Text umfasst 20 Druckseiten. Das ist viel für zwei Akteure, aber dennoch kaum abendfüllend. In Dessau ist es eine ebenso schlanke wie dynamische Inszenierung von 70 Minuten - mit schrillen Tanz- und Gesangseinlagen, die jedoch weder unterhaltend noch provozierend sind und zum Verständnis von Müllers subtilem Werk nichts beitragen.

Merteuil (Natalie Hünig) und Valmont (Sebastian Müller-Stahl) tauschen zwischendurch die Rollen, was erklärt, wie das Zweipersonenstück zum Titel fand. Sie müssen in der Inszenierung von Axel Sichrovsky die modischen Verirrungen der 1980er Jahre auftragen (Kostüme: Oksana Meister). Ein paar Podeste und ein Meer aus weißen Plasteflaschen sind an Ausstattung (Jan Steigert) schon alles.

"Quartett" verlangt Darsteller von Format. Die hat man in Dessau. Müller-Stahl gibt Valmont mal mit unterkühlter Abgeklärtheit, mal mit eiskaltem Willen zur Dominanz über das andere Geschlecht, sofern dieses noch unberührt ist. Hünigs Merteuil ist eine an Madonna erinnernde schrille Diva, deren Angst vor der Vergänglichkeit des Fleisches sie ebenso ängstigt wie ihren abgelegten Gespielen. Man schlägt sich und verträgt sich - ohne voneinander lassen zu können. Und das zu sehen, ist spannend.

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