Purpurstaub

Eine hinterhältige Komödie von Sean O´ Casey

Deutsch von Michael Eberth

Was wäre, wenn … wenn unser Theater nur noch eine leere Hülle wäre, in der die letzten dienstbaren Geister erbitterten Widerstand gegen die endgültige Schließung leisteten? Wenn sich lediglich die Mauern und die Unkündbaren an die glorreiche Vergangenheit dieser Bühne erinnern könnten? Und wenn dann ein selbstgerechter Investor käme, der mit einem berühmten Musical in eine glänzende Zukunft aufbrechen will, ohne die Bedingungen oder die Biografien vor Ort zu kennen? Lukas Langhoff erzählt mit seiner Bearbeitung von Sean O‘Caseys „abwegiger Komödie“ aus den 1940er Jahren eine Parabel auf die Gegenwart in schwierigen Zeiten – ein trauriges Lustspiel über Kunst und Wirklichkeit, über den Kampf um das Überleben und die Hoffnung, die sich wie purpurner Staub in Luft auflöst. Dass dabei am Ende beide Seiten zum Scheitern verurteilt sind, weist zugleich eine mögliche Perspektive. Was wäre, wenn ...

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 30.04.2013

Lukas Langhoff inszeniert in Dessau

Westler und Ostler treffen aufeinander

Wenig mehr als der Titel ist geblieben. Auch der Autor Sean O'Casey ist eigentlich eine Täuschung des Publikums. Eine textliche oder inhaltliche Anlehnung? Ganz, ganz weit entfernt. Das Schauspiel "Purpurstaub" in der Regie von Lukas Langhoff am Anhaltischen Theater Dessau ist ein völlig neues Stück.

Nicht Irland und den in der Originalkomödie mit dem besonderen irischen Humor beschriebenen irisch-englischen Konflikt erlebten die Zuschauer in diesem im Programm angekündigten "Versuch einer Übernahme". Ihnen wird das Dessauer Theater auf der großen Bühne präsentiert. Besser noch, was davon übriggeblieben ist - eine angstmachende Vision. In dem weit in die Bühnentiefe reichenden Saal blättert die Farbe flatschenweise ab (Bühne Sven Mahatma Nahrstedt; Kostüme Ines Burisch). Durch beiderseits viele Türen stürmen immer wieder verschiedene Figuren. Als später auf der Bühne ein Flügel gebraucht wird, kommt eine Kettensäge zum Einsatz. Ossis sind eben einfallsreich und praktisch veranlagt.

Ideelles Anderssein

Hier ist auch schon der dem Stück innewohnende Konflikt genannt. Wessi-Unternehmer Dominikus Schweighuber (Simon Brusis) mit Kumpel Wilhelm (Stephan Korves) aus München kommen nach Dessau, um das baulich marode Ossi-Theater und die übriggebliebenen Theatermitarbeiter "aufzumöbeln" und ein zuschauerbringendes Musical zu inszenieren.

Beim "körperlichen" Aufeinandertreffen von Westlern und Ostlern trifft auch viel ideelles Anderssein aufeinander. Da geht bei Lukas Langhoff und dem zum Teil auch am Text-Neufassen und dessen Umsetzung aktiv mitwirkenden Ensemble oft die Fantasie durch. Klischees lassen grüßen. Überzeichnen gehört sicher zu guter Satire, darüber Hinausgehendes wird dann eher zum Klamauk. Die im Original eine größere Rolle spielende Liebesdramatik fällt ganz weg. Eigentlich schade. Ost-West-Liebe wäre doch vielleicht auch ein dramaturgisch dankbarer Handlungsstrang.

Die Dessauer Theaterleute mit "Mehrfachverpflichtung" unterscheiden sich weniger durch Charaktere, mehr, und das mit schon nerviger Pene- tranz, durch äußere, manchmal auch bei bestem Wohlwollen nur schwer nachvollziehbare Aktionen.

Apropos Aktivität und Handlungstempo: Schreien kann und muss schon mal sein, wo es dramaturgisch passt. Aber wenn zu schnelles Sprechen zum Textverlust führt, ist es des Guten zu viel. Das immanente Greinen und Arme in der Hose versenken von Jan Kersjes ist hinnehmbar, gehört zu dessen sonderbarer Rolle. Dabei kann gerade er aber auch so schön Klavier spielen und emotional singen.

In Langhoffs "Purpurstaub" gibt es Musik, oft mit überraschenden Einsätzen, aber sicher publikumswirksam - unter anderem von den Puhdys, Karat, Karussell und Silly. Vorarbeiter Pantzer (Gerald Fiedler) hat neben dem souveränen Sagen im Theaterrestkollektiv ebenso beim Singen einen Hauptpart zu bewältigen.

Nach einem turbulenten Besetzungsgespräch erleben Dominikus Schweighuber und auch die Zuschauer eine auf Rollschuhen präsentierte Szene aus "Starlight-Express". Licht, Farbe, Musik - und aus.

Die Premiere am Sonnabend, in der ebenfalls Christel Ortmann, Jenny Langner, Katja Sieder, Peter Wagner und Sebastian Müller-Stahl mitwirkten, wurde mit viel Beifall bejubelt. Nachsatz: "Das Theater bedarf ständiger Erneuerung, damit es nicht stirbt", heißt ein Statement der deutsch-schweizerischen Dramatikerin Sibylle Berg auf dem Programmplakat. Ob dieser "Purpurstaub" dafür der geeignete Beitrag ist, bleibt allerdings zu bezweifeln.

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 29.04.2013

Der Weltgeist auf Rollschuhen

Lukas Langhoff zeigt die Komödie "Purpurstaub" in Dessau.

Je dunkler desto wertvoller: Purpur ist zuerst ein farbloser, verpulverter Schleim, ein Schneckensekret. Es ist die Farbe von Königen und Kardinälen und Sinnbild besonderer Zeiten. "Purpurne Nächte und güldene Tage": Die waren schon vergangen, als Sean O'Casey seine "hinterhältige Komödie" verfasste, Poges und Stoke nach Irland schickte, um ein verfallenes tudor-elisabethanisches Herrenhaus zu erwerben.

In der Regie von Lukas Langhoff hatte "Purpurstaub" am Sonnabend Premiere im Anhaltischen Theater Dessau. Die Rede ist vom "Versuch einer Übernahme", einer feindlichen wahrscheinlich, einer des Hauses und der Komödie. Die Investoren kommen, wie nostalgisch, aus München. Sie kaufen kein morbides Landhaus, sondern das gerade bespielte Theater, welches noch ganz gut beieinander ist, auch wenn die Zukunft an maroden Balken hängen mag.

Um purpurnen Farbstoff zu gewinnen, muss der Drüsenkörper der Schnecke zerquetscht werden. So etwa geht Langhoff mit der Vorlage um, zermalmt Drüsenkörper, Tudor-Villa, O'Casey-Wörter und Beziehungen. Doch das Sekret kommt kaum ans Licht, bleibt somit farblos. Dabei geht völlig in Ordnung, dass weder Kulissenklamauk noch Bühnenkuh blöken, wie in der Exempel-Inszenierung Ende der 60er Jahre.

Geboten wird: keine Landidylle. Der Wessi (Simon Brusis) will das Musical, dafür rammt der Nachfahre von Poges den bayrischen Kopf durch die ostdeutsche Holzwand. Er hat eine Idee und keiner geht hin. Musical ist auch Oper ohne Subvention - und insofern keine Zukunft. Nun rauscht aus dem Nichts der "Starlight Express" auf Rollschuhen in die funktional-strukturelle Systemtheorie von Niklas Luhmann. Alles schick, so hoch gebildet wie abstrus, eine Collage, verleimt mit schneller Spucke. Aber ja, die Gegenwart ist auch zerzaust, fragmentarisch und die Arbeitsweise von Langhoff kollegial. Jeder darf, was er mag?

Gitarre spielen (Gerald Fiedler als Nachfahre O'Killigains), Klavier spielen (Jan Kersjes), einer kann sich ausziehen und zieht sich aus, einer mit dem Kopf durch die Wand gehen und zwei (Katja Sieder, Peter Wagner) können Luhmanns schwere Kost wie Zungenbrecher zelebrieren. Die Bühne (Sven Nahrstedt) ist groß, darf groß bleiben und beschwört in gnadenloser Perspektive abgerissenen Litfaßsäulen-Charme, während die Kostüme (Ines Burisch) das Musical auf die glitzernde Schippe nehmen. "Das Lachen ist eine fröhliche Erklärung des Menschen, dass das Leben lebenswert ist", schrieb O'Casey. Nur: Wie macht man das? Was hier staubt, war purpur nie, erst fahnenrot, nun pflaumenblau.

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