Pension Schöller

Eine Komödie von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby

Der deutsche Kleinbürger Klapproth lebt in der Provinz und möchte in der Hauptstadt etwas ganz Besonderes erleben. Eine echte Irrenanstalt kennenzulernen, wäre nach seinem Geschmack. Da kann er daheim in Kyritz mit Stolz seinen Skatbrüdern berichten, wie ausgenommen irre es in der großen Welt zugeht. Also beschließt sein Neffe Alfred, dem reichen Onkel Gutes zu tun und einen in Aussicht gestellten Kredit nicht zu gefährden. Er erklärt eine Pension, zwei Stockwerke über seiner Stammkneipe, zur geschlossenen Anstalt. Jene »Pension Schöller« weiß natürlich nichts von diesem »Glück«, doch scheint sie geradezu prädestiniert für ein solches Unterfangen. Hier finden sich recht illustre Pensionisten, ein Panoptikum deutscher Lebens- und Wesensart, ein Major und Frontkämpfer im Ruhestand, eine »bisschen nervöse« Schriftstellerin, ein »löwenjagender Entwicklungshelfer«, oder der Sohn des alten sangesfreudigen Schöller, der allzu gern aufs Theater will und doch nicht darf und dies nicht allein, weil er sprachlich über eine »leichte L&N Verwechslungs-schwäche« verfügt. Den betuchten Kleinbürger freut das irre Treiben, er verweigert nicht einmal freundschaftliche Bande mit den »Insassen« zu knüpfen und die so attraktive, wie hysterische Schriftstellerin geht ihm gar an die Wäsche. Klapproth ist glücklich und seinem Neffen winkt endgültig der fette Kredit. Alles würde wie am Schnürchen weiter laufen, käme die Liebe nicht hinzu. Denn Neffe Alfred verliebt sich in des alten Schöllers fesche Tochter und die in ihn. Die Komödie nähert sich unaufhaltsam der Katastrophe, denn gleich begehrt Schwiegervater Schöller seinen Schwiegersohn Klapproth in die Arme zu schließen, nicht ahnend, dass es zwei Herren mit diesem Namen gibt, einen jungen und einen alten. Schöller, der vermeintliche Anstaltsleiter, rauscht also nach Kyritz, dem falschen Schwiegersohn entgegen. Komik grenzt endgültig an Katastrophe und »Wer bestellt, muss auch zahlen!« Denn bevor es zu diesem alles offenbarenden »Familientreffen« kommen kann, stattet die Schar der hauptstädtischen »Irren« dem Hause Klapproth bereits einen freundschaftlichen Besuch ab und der komplette Wahnsinn erobert endlich die Provinz.

Inszenierung und Bühne Werner Eng
Bühnenbildassistenz u. Kostüme Justus Saretz
Dramaturgie und Fassung Holger Kuhla
Musik Werner Eng

Philipp Klapproth Uwe Fischer
Ulrike Sprosser, Witwe, seine Schwester Christel Ortmann
Alfred Klapproth Sebastian Müller-Stahl
Ernst Kissling, Maler, Alfreds Freund Julian Mehne
Fritz Bernhardy Stephan Korves
Josephine Krüger, Schriftstellerin Thorsten Köhler
Schöller, ehemaliger Musikdirektor Karl Thiele
Amalie Eva Marianne Berger
Eugen Rümpel Jan Kersjes
Gröber, Major a.D. Boris Malré

PRESSESTIMMEN

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 06.12.2011

Die Beschleunigung der Borniertheit
Kein Bild im Rahmen, kein Stuhl im Café, kein Tisch in der Pension, kein Halten, kaum Nuft! Nuft! Hier sind wahrscheinlich alle nachgetragenen Fniegen in alle, sprich anne, Hänse gefnogen: Vivacissimo immerzu! Und Muschi - hat er wahrhaftig "Muschi" gesagt? - Muschi hebt ihr Röcklein hoch, sehr hoch, so hoch, dass es keinen Spaß mehr macht, ihr unter den Rock zu äugen. Dafür ist Herr Köhler sehr begehrenswert, als Frau.
Figuren mit Defekten
Werner Eng probt in seiner Inszenierung der "Pension Schöller" von und nach Carl Laufs und Wilhelm Jacoby die unendliche Beschleunigung der Borniertheit. Am Freitag war Premiere im Alten Theater. Raserei, Irr- und Wahnsinn, Aberwitz allemal: Unaufhaltsam, rastlos fallen die Figuren auf die Bühne. Hysterie? Aber ja, heute spräche man vielleicht von nervösen Dissoziationen, von Defekten, das Integrationsvermögen betreffend. Entweder steckt der Defekt an oder man ist einfach nur genervt, was dann auch keinen Spaß macht.
Eng hat mehrere Rahmen gefunden, einen großen goldenen Bühnen-Bilderrahmen, einen kleinen, der immer wieder Bilder findet und den Rahmen der Geschichte. Hier verhakt sich vorerst die Karriereleiter, hier wird über die Wertigkeit von bildender und darstellender Kunst disputiert, bis der Kompromiss, das zu erstellende Bühnenbild, gefunden scheint und, ach Gottchen, gepinselt wird. Zwischendrin tanzt der Bühnen-Bilderrahmen und findet im dritten Aufzug Kontakt mit der Nase des Publikums, eine Eulenspiegelei. Wer sitzt wo? Und sowieso sind wir alle bekloppt und beknoppt.
"Bnüh im Gnanze dieses Nichtes"? Der Sprachfehler taugt zu einer außerordentlich politischen Wertung, und dann hitlert der verkappte Schauspieler auch noch. Aber mal ehrlich: Gold und Senf? Die Farben der Unterhose des Grobians Philipp Klapproth sind doch geklaut? Hätte Eng etwa gerne deutschen Volks-Kartoffel-Salat ins schenkelklopfende Schwankpublikum geworfen? Dann ließe Frank Castorf unter Benutzung Heiner Müllers grüßen, macht er aber nicht. Dennoch ist das auch eine "Schlacht", vielmehr Schnacht, die faustdick durchgedroschen wird, bis man um den Verschleiß der Spieler fürchten mag.
Philipp Klapproth (Uwe Fischer) muss permanent den Kotzklotz geben, den man bald und gerne nach Kyritz schicken würde. Sein Neffe Alfred (Sebastian Müller-Stahl) spielt, das ist selten, den Stillen, einen begossenen Pudel mit dem Charme einer Schildkröte, richtig knuffig das Kerlchen. Dessen Freund, der nun kellnernde Maler Kissling (Julian Mehne), liefert das agilere Gegenstück. Bernhardy (Stephan Korves) vermag mit bloßen Händen, Löwen zu jagen. Die Schriftstellerin Josephine Krüger (Thorsten Köhler) ist eine Diva, wahrlich göttlich und gar nicht überzogen. Als Schöllers Tochter schlägt Amalie (Eva Marianne Berger) alle Regungen mit lusttötender Kinder-Kampferotik nieder.
Nackig über die Bühne
Dann doch lieber wieder die Witwe: Ulrike Sprosser (Christel Ortmann) hat einiges in der Einkaufstüte. Der Anstalts- bzw. Pensionsleiter, der Herr Schöller (Karl Thiele), zeichnet einen Bilderbuch-Trottel von Musikdirektor. Und endlich legt Rümpel (Jan Kersjes) den dauererigierten Künstlerschal ab, hopst - das fehlte nun noch - richtig nackig über die Bühne. Klar, weil ihm ein Konsonant abhanden kam, darf er nun auch die Putte machen, die jedem Dichter auf den Lorbeerkranz geht.
Aber nein, sie werden nicht vergessen, Herr Major a.D. (Boris Malré). Wie auch, bei der Stimme? Die Ohren klingeln noch immer. Vielen Dank! Doch vielleicht ist gerade das Geschrei der verborgene Schlüssel zur überreizten, bestenfalls anders komischen Inszenierung: Eine Ruhestörung und weiter? Betreten wird der Mundwinkel ein wenig erhoben, als erzähle jemand einen Witz und lache selbst am lautesten: Nustig, wirknich!

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