Peer Gynt

Dramatisches Gedicht von Henrik Ibsen
zu Musik von Edvard Grieg

Als der große norwegische Dichter Henrik Ibsen sein dramatisches Gedicht »Peer Gynt« 1874 auf die Bühne bringen wollte, wandte er sich an seinen Landsmann, den Komponisten Edvard Grieg, mit der Bitte, dafür die Bühnenmusik zu komponieren: instrumentale Vor- und Zwischenspiele, Melodramen, Chöre, Lieder, Tänze. Zwei Jahre
später wurde das Stück mit Griegs Musik in Kristiania mit großem Erfolg uraufgeführt – ein Erfolg, der allerdings weitgehend auf Skandinavien beschränkt blieb. Hingegen erlangten die beiden Suiten, die Grieg aus der Schauspielmusik zusammenstellte, auch international eine große Verbreitung. In unserer szenisch-konzertanten Aufführung werden die populäre Musik von Edvard Grieg und die Dichtung Henrik Ibsens wieder zusammengeführt und gemeinsam erlebbar, gestaltet von Schauspielern, Gesangssolisten, dem Opernchor und der Anhaltischen Philharmonie.

Der Titelheld Peer, ein Bauernbursche, verspürt den unbändigen Drang, zu den Großen dieser Welt aufzusteigen. Doch seine Vitalität schlägt nur allzuoft in egoistische Hemmungslosigkeit um, seine Fantasie in Fantasterei. Die Mutter ist dem Jungen nicht mehr gewachsen, bei den Dorfbewohnern ist er unbeliebt. Von der Hochzeitsfeier weg entführt er die reiche Braut Ingrid, lässt aber wieder von ihr ab, weil er auf dem Fest das Mädchen Solvejg kennengelernt hat. Doch auch sie kann ihn nicht halten. Peer erlebt Abenteuer in der fantastischen Welt der norwegischen Berggeister und Trolle. Er verführt die Tochter des Bergkönigs, weigert sich jedoch, einer der ihren zu werden und entflieht. Es zieht ihn in die Ferne, wo er als bedenkenloser Kapitalist und Sklavenhändler im Laufe der Jahre großen Reichtum erwirbt und schließlich doch alles wieder verliert. Als alter Mann erst kehrt Peer nach Norwegen zurück. Sein Schiff strandet, und er überlebt, indem er einen anderen Menschen aus dem Rettungsboot stößt. Auch jetzt irrt er noch umher. Endlich findet er Frieden in den Armen Solvejgs, die all die Jahre auf ihn gewartet hatte.

Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung / Videos Niklas Ritter
Ausstattung Karoline Bierner
Lichtdesign Norman Plathe
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Ronald Müller

Solvejg / 2. Troll / 2. Affe / Anitra Jenny Langner
1. Troll, Solveig (Gesang) Angelina Ruzzafante
Peer Gynt Julian Mehne
Åse / Grüngekleidetes Weib / 1. Affe / Knopfgießer Antje Weber
3. Troll / Anitra (Gesang) Jagna Rotkiewicz / Anne Weinkauf
Opernchor des Anhaltischen Theaters
Anhaltische Philharmonie Dessau

PRESSESTIMMEN

Maria Böhme, Mitteldeutsche Zeitung, 26.06.2012

Lüstern ist das Sehnen, grausam das Warten

Es dämmert. Peer Gynt sitzt eine Zigarre paffend auf der Bank, im Hintergrund biegen sich Palmen im Wind Afrikas. Neben ihm zwei stattliche Gorillas - in weißem Nadelstreifen-Jackett der eine, mit der dazu passenden Anzughose der andere. Peer schaut den beiden Affen genüsslich bei der Morgentoilette zu: So hat man Edvard Griegs "Morgenstimmung" noch nicht gesehen.

Richtig gelesen: gesehen. Denn die szenisch-konzertante Aufführung von "Peer Gynt", die am Wochenende im Anhaltischen Theater Dessau Premiere feierte, führt endlich zusammen, was zusammen gehört: Henrik Ibsens dramatisches Gedicht "Peer Gynt" und Edvard Griegs "Peer-Gynt-Suiten". Eigentlich wird die romantische Bühnenmusik des norwegischen Komponisten in zeitgenössischen Theaterinszenierungen von "Peer Gynt" mit Nichtbeachtung oder Verachtung gestraft. Nicht so bei der Inszenierung von Niklas Ritter. Auch er spielt zuweilen mit der Musik; setzt ironische Akzente wie in der "Morgenstimmung"-Szene.

Doch die Produktion lässt auch viel Raum für große Gefühle fernab von Kitsch. Denn schließlich ist die Geschichte um den jungen Bauernsohn Peer Gynt, der auszieht, um das Leben zu spüren, auch eine Lovestory à la Hollywood. Nach 30 Jahren "in-der-Welt-Umherirrens" findet Peer nach Hause - zu Solvejg. All die Jahre hat sie auf ihn gewartet, im Kopf immer sein Versprechen: "Ich komme zu dir zurück." Die Musik - eindrucksvoll vorgetragen von der Anhaltischen Philharmonie, Solisten und dem Opernchor des Anhaltischen Theaters - ist dabei zu mehr als der Illustration von Bildern bestimmt. Musikalischer Leiter und Dirigent Antony Hermus setzt Kontrapunkte zur Handlung und umschließt Ritters Bilderreigen mit einer musikalischen Klammer.

Der schmale Gang, der den Schauspielern zwischen und vor den Philharmonikern auf der Bühne zum Spielen bleibt, wird innerhalb der zweieinviertel Stunden der Aufführung prall mit Geschichten gefüllt. Vor allem der Vorstellungskraft und Energie von Julian Mehne, der die Titelrolle spielt, ist es zu verdanken, dass die Inszenierung nicht "nur" ein Konzertabend mit Schauspielern ist, sondern Anspruch darauf erhebt, ein Gesamtkunstwerk zu sein. Die Figur "Peer Gynt", die Mehne entwirft, ist kein egoistischer Taugenichts. Jedenfalls nicht nur. Vielmehr vereint dieser Charakter vieles in sich, was Menschen in Aufruhr versetzt und sie dazu veranlasst, alles zurückzulassen: "Das Gyntsche Ich, das ist das Heer von Wünschen, Lüsten und Begehr", schrieb Ibsen 1880 an den ersten deutschen Übersetzer von "Peer Gynt". Eine echte Entdeckung ist Jenny Langner, die die Solvejg gibt. Sie war bereits in "Kasimir und Karoline" zu sehen, aber ihr festes Engagement in Dessau beginnt erst in der kommenden Spielzeit. Das Lichte ihrer Erscheinung wird wunderbar von ihrer nüchternen, geradezu kühlen Stimme kontrastiert. Langner macht aus der Wartenden kein naives Heimchen, sondern eine Frau, die weiß, dass nur wer den anderen nie anhält, ihn festhält.

Helmut Rohm, Volksstimme, 25.06.2012

Begeistertes Premierenpublikum im Anhaltischen Theater / Fünf Darsteller in mehreren Rollen

Selten zu erleben: Dessauer "Peer Gynt" vereint Griegs Musik und Ibsens Gedicht

Am Ende seines Lebens findet der gealterte, zwischendurch reiche und nun wieder verarmte Peer Gynt in den Armen seiner Jugendliebe Solvejg endlich Ruhe. Nach zweieinviertel Stunden fiel am Freitag im Anhaltischen Theater Dessau der Vorhang für die szenisch-konzertante Aufführung "Peer Gynt".
Im leider relativ gering besuchten Großen Haus gab es umso mehr reichlich Beifall, zustimmende Rufe und "bewegte Füße" für diese Premiere. Die Dessauer Theatermacher haben eine sehr bemerkenswerte große Inszenierung auf die tatsächlich reale große Bühne gebracht. In der Regie und Einrichtung von Niklas Ritter, Leitender Regisseur Schauspiel, kommt das dramatische Gedicht von Henrik Ibsen zur Musik von Edvard Grieg zur Aufführung. Die Anhaltische Philharmonie hat ihren Platz auf der Bühne. Davor, dazwischen, dahinter, auch mal vom Zuschauerraum aus, agieren die Darsteller.
Die populäre romantische Musik von Grieg ist meist nur durch ausgewählte Stücke wie "Morgenstimmung", "Anitras Tanz", "In der Halle des Bergkönigs" oder durch die beiden Peer-Gynt-Suiten bekannt. Der Reiz und die besondere künstlerische Bedeutung der Dessauer Inszenierung liegt in der derzeit eher selten praktizierten Zusammenführung der dramatischen Geschichte von Hendrik Ibsen mit der Musik von Edvard Grieg. So etwa, wie 1876 zur Uraufführung in Oslo.
In Niklas Ritters Fassung wird die übliche Personage reduziert. Das Beziehungsgefüge konzentriert sich im Wesentlichen auf den Titelhelden Peer Gynt, die Beziehungen zu seiner Mutter Aase und seiner Jugendliebe Solvejg. Eine Grundfrage, die auch das Stück aktuell und gleichermaßen zeitlos macht, ist durch Peers Tun offen ausgebreitet: Was treibt den Menschen auf die Suche nach dem Ich. Oder: Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Es ist ebenso bemerkenswert, dass Niklas Ritter einerseits mit insgesamt nur fünf Protagonisten, durchweg in mehreren Rollen, auskommt und vor allem mit zwei Schauspielerin-Sängerin-Doppelbesetzungen das dramatisch-musikalisch-gesangliche Theatererlebnis ungemein bereichert. Der Handlungsverlauf der fünfaktigen Geschichte ist prinzipiell nachvollziehbar. Eingespielte, erfreulich unaufdringliche Videos befördern und begleiten den Handlungsfortgang.
Das Bühnenbild (Ausstattung Karoline Bierner) bietet angedeutete Versatzstücke und unterstreicht ebenso deftige handlungsstarke Szenen, wie etwa bei der geplanten "Trollwerdung" des Peer. Der junge Peer, in seiner steten Umtriebigkeit, seinem ruhelosen Leben zwischen Wahrheit und Fantasie, zwischen Traum und Realität, seiner ausschweifenden wilden Lebenslust und seinem letztendlich unerfüllten Streben nach Höherem erhält durch Julian Mehne erlebbare Nähe. Solvejg lebt ihre kind-frauliche unerschütterliche und reine Liebe zu Peer in der emotionalen Darstellung durch Jenny Langner (auch Anitra). Wenn Angelina Ruzzafante die Partien der Solvejg singt, mühelos in allen Lagen, erregend gefühlvoll, ist Gänsehaut beim Publikum angesagt. Jagna Rotkiewicz präsentiert den Anitra-Gesang. Antje Webers brilliert mit ihrer Ausdrucksvielfalt als Mutter Aase, grüngekleidetes Weib, als 1. Affe und als an Mephisto erinnernder Knopfgießer.
Die Damen und Herren des Opernchores (Leitung Helmut Sonne) sind - wie längst bekannt und doch immer neu anzumerken - stark im Gesang und im darstellerischen Spiel. Satirisch fast grausiger Höhepunkt mit Humorcharakter ist deren messerwetzende Szene beim Bergkönig.
Und dann ist da noch die herrliche vielfältige Musik, mit ihren Liedern, Tänzen und Chören, natürlich auch den am Anfang genannten Stücken, die man hören und auch fast sehen und spüren kann. GMD Antony Hermus hat mit konditionell bemerkenswerter Körpersprache nuancenreich die letzten Feinheiten der Grieg'schen Musik aus seinem Orchester "herauskitzelt".

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