One Touch of Venus - Ein Hauch von Venus

Musical von Kurt Weill

Koproduktion mit dem Kurt-Weill-Fest Dessau

Als Krankheitsvertretung trifft der Friseur Rodney Hatch auf den blasierten Kunstsammler Whitelaw Savory, der mit seiner Neuerwerbung prahlt, einer griechisch-antiken Venus-Statue, die schöner als jede Frau sei. Zum Spaß steckt Rodney, der nicht verhehlen kann, dass er seine Verlobte Gloria hübscher findet, während eines unbeobachteten Moments der Statue den eigentlich für Gloria gedachten Verlobungsring auf, wodurch die Venus- Statue zum Leben erwacht. Diese verliebt sich sogleich in Rodney, der vergebens vor ihr zu fliehen versucht – die Verwicklungen beginnen: Das Verschwinden der Statue wird Rodney als Diebstahl angelastet, Venus verfrachtet ihre Konkurrentin Gloria an den Nordpol, woraufhin Rodney unter Mordverdacht und ins Gefängnis gerät. Von dort wird er durch Venus befreit. Er verbringt eine Liebesnacht mit ihr und wird schließlich von der zurück gezauberten Gloria verlassen. Allmählich verliebt sich Rodney tatsächlich in Venus… Die zunächst rein komödiantische Geschichte gewinnt eine gesellschaftskritische Dimension und satirische Schärfe, wenn das Göttinnendasein mit der Wirklichkeit der kleinbürgerlichen Hausfrauenrolle kontrastiert wird. Venus muss feststellen, dass sie in der vorherrschenden Gesellschaftsordnung nur zwischen zwei Lebensentwürfen wählen kann, dem einer Haushälterin und dem eines Objekts rein ästhetischer Verehrung. „One touch of Venus“ ist eine witzige Variante des Pygmalion-Stoffes, in der Groteskmärchen und Zeitsatire eine reizvolle Verbindung eingehen. Das Stück wurde Weills größter Broadway-Erfolg. Die Songs reichen von sanften Liebesballaden zu swingenden Tanznummern. Einige Nummern, wie das großartige Liebesduett Venus/Rodney, die Rumba „Speak low“, oder „That’s him“ stürmten die Hitparaden und zählen heute zu den großen klassischen amerikanischen Songs.

Ein wenig hineinhören kann man im folgenden:
I´m a stranger here myself (Venus)
Foolish heart (Venus)
Speak low (Venus)

Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung Klaus Seiffert
Choreografie Mario Mariano
Bühne u. Kostüme Imme Kachel
Dramaturgie Ronald Müller
Venus Ulrike Mayer
Molly Olivia Vermeulen
Rodney Hatch Angus Wood
Withelaw Savory Ulf Paulsen
Taxi Black u.a. David Ameln
Stanley u.a. Jan-Pieter Fuhr
Kommissar u.a. Kostadin Arguirov
Mrs. Kramer Ulrike Hoffmann
Gloria Kristina Baran

PRESSESTIMMEN

Der Friseur und die Göttin von Andreas Hauff, Oper & Tanz, März/April 2010
Als Song-Komponist ist Kurt Weill durchaus präsent, als Musikdramatiker hingegen nur punktuell. So stand im Zentrum des 18. Kurt-Weill-Festes in Dessau naturgemäß die Erstinszenierung von Weills amerikanischem Musical „One Touch of Venus" am Anhaltischen Theater.
Der Titel von Weills größtem Broadway-Erfolg ist doppeldeutig. In einer Männergesellschaft ist, wie der Titelsong sagt, „ein Hauch von Venus" genau das, was eine Frau braucht, um sich durchzusetzen. Doch es kommt auch zu einer „Berührung von Venus": Ein junger Friseur, der vertretungsweise einen reichen New Yorker Kunstsammler rasieren soll, erblickt in dessen Sammlung eine Statue der antiken Liebesgöttin. Spielerisch steckt er der Figur seinen Verlobungsring an und macht sie damit lebendig. Unbeirrbar verfolgt Venus ihren Erwecker mit Avancen und löst damit ungeahnte dramatische und komische Verwicklungen aus. Unser Friseur lernt nach einer Weile die schöne Göttin schätzen und lieben, doch als er ihr die gemeinsame Zukunft in der neuen Reihenhaus-Siedlung Ozone Heights ausmalt, zieht sie die Rückkehr auf den Olymp dem Leben in einer amerikanischen Kleinfamilie vor.
Die Songtexte aus der Feder des amerikanischen Humoristen Ogden Nash sind voller Wortspiele, witziger Gedankensprünge und Anspielungen - und damit im Prinzip unübersetzbar. Die Dessauer Aufführung belässt sie im englischen Original und übersetzt die Dialoge ins Deutsche. Bis zu einer kongenialen Nachdichtung bleibt dies eine sinnvolle Lösung, doch leider geht damit eine Unmenge an Pointen verloren. Trotzdem trifft die Aufführung in Dessau einen Nerv. Ein Foto des Venustempels aus dem nahen Wörlitzer Gartenreich ziert das Programmheft, und gleich die erste Szene in Mr. Savorys privater Kunstakademie lässt einen die lebendige Dessauer Bauhaus- Tradition assoziieren. Doch wenn der Immigrant Weil! in seinem Musical ein liebevoll-ironisches Bild seiner neuen Heimat New York zeichnet, wird einem auch die ungewisse Zukunft der schrumpfenden Stadt Dessau bewusst: Das im Februar aus der akuten Finanznot geborene Sparpapier der Stadtverwaltung setzt die letzten Reste von Urbanität aufs Spiel. Die zehn Tage Weill-Fest waren sichtlich und unüberhörbar begleitet von Ratlosigkeit und Bürgerzorn, aber auch verhaltene Hoffnung und kreative Unruhe waren zu spüren.
Gerade vor diesem Hintergrund beeindruckte die Leistung des Anhaltischen Theaters. Imme Kachels Ausstattung beließ das Stück stilvoll in der Entstehungszeit und nutzte dabei effizient die Drehbühne. Klaus Seifferts Inszenierung vermochte nur teilweise zu überzeugen. Die Personenführung war eher schwach; oft wurden witzige Dialoge verschenkt und komische Nebenfiguren ins Lächerliche verzeichnet. Vor allem am Ende, in der stringenten Ballettnummer „Venus in Ozone Heights", flackerte aber doch satirischer Biss auf. Vielseitig und einsatzfreudig zeigte sich das von Mario Mariano choreografierte Ballettensemble des Anhaltischen Theaters. Zusammen mit den Studentinnen und Studenten der Sparte Musical an der Berliner Universität der Künste, den Damen und Herren des Opernchors und den 18 Solisten fügten sich die Tänzerinnen und Tänzer zu einem einzigen großen Ensemble, bei dem man kaum mehr erkannte, wer zu welcher Gruppierung gehörte. Unter dem englischen Gastdirigenten James Holmes realisierte die Anhaltische Philharmonie das zwischen verschiedensten amerikanischen und europäischen Facetten changierende Klangbild schwungvoll, farbig und nuanciert. Ute Gfrerer gab mit gut tragender Stimme und klarer Artikulation eine charmante und schlagfertige Venus; Angus Wood zeichnete die Wandlung des kleinen Friseurs stimmlich und darstellerisch überzeugend nach, während Ulf Paulsen weder den Zynismus des reichen Kunstsammlers noch die darunter verborgene Verletzlichkeit so recht zu fassen bekam.
Am Ende des Stückes lässt die entschwundene Venus ihrem verlassenen Liebhaber eine junge Frau aus Ozone Heights begegnen, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Diese Andeutung von Happy End war 1943 eine Konzession an das Publikum. Sie zeigt aber deutlich, worauf es im Kern hier und heute - nicht nur in Dessau - ankommt: Sich überhaupt von Kunst berühren zu lassen.
Weill-Fest Dessau: Die Liebesgöttin im Vorgarten Die Welt, 13.03.2010
von Manuel Brug
Zunächst wurde sie von der Mary Martin, Larry Hagmans Mutter am Broadway geboren.Das war 1943.Im (schlechten) Hollywood-Film spielte sie Ava Gardner. Und nun ist die Titelfigur von Kurt Weills erfolgreichsten Musical "One Touch of Venus" anlässlich des dortigen Weill-Festivals im Anhaltischen Theater Dessau gelandet.
Zunächst wurde sie von der Mary Martin, Larry Hagmans Mutter am Broadway geboren. Das war 1943. Im (schlechten) Hollywood-Film spielte sie Ava Gardner. Und nun ist die Titelfigur von Kurt Weills erfolgreichsten Musical "One Touch of Venus" anlässlich des dortigen Weill-Festivals im Anhaltischen Theater Dessau gelandet. Etwas altmodisch aufgerüscht, aber das geht schon wieder als liebevolle Broadway-Nostalgie durch. Obwohl doch gleich zu Anfang die Parole ausgegeben wird: "New Art is True Art".
Das freilich sieht die mit Argusaugen über die Werktreue wachende Weill-Foundation natürlich anders. So hat man dieser immerhin eine flotte neue Übersetzung untergeschmuggelt, die berühmten, längst ein Repertoireeigenleben führenden Songs wie "Speak low" oder "Folish Heart" blieben sprachlich unangetastet. Regisseur Klaus Seiffert belässt die nette Geschichte vom Kunstsammler, dessen Venusstatue lebendig wird und sich musiktheaterüblich ausgerechnet in einen Figaro verliebt, im Zeitgeist ihres Geburtsjahrs. Da tuffen sich blonde Löckchen auf den Damenköpfen, wird klickerig gesteppt (Choreografie: Mario Mariano) und glitzert es immer wieder verschämt in sonst strengen Bauhaus-Ambiente der Drehbühne, wo Imme Kachel, Kunstsalon, Frisörstudio und Gefängnis rotieren lässt.
Die verliebte Venus (ein wenig gipsern: Ute Gfrerer) glaubt allen Ernstes, sie könnte sich als irdisches, wenn auch noch nicht desperates Housewife in einen US-Vorgarten verpflanzen lassen, und noch dazu mit einem hübsch armlosen, ihr endlich mal keinen heldenmäßigen Ärger machenden Coiffeur (den Angus Wood ebenfalls hübsch harmlos gibt). In einer von diversen großformatigen Balletteinlagen holen sie freilich die bocksbeinigen wie flügelhelmigen himmlischen Heerscharen heim auf den Olymp.
Am schwer gefährdeten Dessau Theater wird für Weill groß aufgefahren. Das Orchester unter James Holmes macht ordentlich Dampf, die knackigen Chargen wie Ulf Paulsens bilderverrückter Millionär, seine patente Sekretärin Ulrike Mayer und Rodneys kreischige Verlobte Kristina Baran legen sich kess ins Zeug. So verbreitet diese ansehnliche "Venus" mehr als nur einen Hauch Musical. Beim nächsten Weill-Fest soll es mit der "Der Protagonist" wieder klassenkämpferischer zugehen. Und dann ist der französische Exil-Kurt dran.
Liebesgrüße aus dem Olymp Mitteldeutsche Zeitung, 07.03.10
Anhaltisches Theater in Dessau-Roßlau bietet mit «One Touch of Venus» eine glanzvolle Musical-Inszenierung
VON ANDREAS HILLGER
DESSAU-ROSSLAU/MZ. Es ist ein Museum, in dem man lauter gute Bekannte trifft - und darunter sogar ein paar alte Dessauer: Neben Picasso und Miró nämlich dienen auch die Bauhäusler Klee und Kandinsky dem Kunstsammler Whitelaw Savory zum Beweis seiner These "New Art is True Art", die er der Jugend mit agitatorischer Ungeduld eintrichtern will. Dass er in das Zentrum seiner Sammlung dann aber doch eine 3 000 Jahre alte Statue stellt, dient weniger der Wahrheitsfindung als der Nostalgie: Sie erinnert ihn an eine verlorene Liebe, der ein Hauch von Venus anhaftete.
Überfällige Punktlandung
Es war eine längst überfällige Punktlandung, die das Anhaltische Theater dem Kurt-Weill-Fest in diesem Jahr bescherte: Mit dem 1943 uraufgeführten Broadway-Musical "One Touch of Venus" kam Weills erfolgreichstes amerikanisches Stück endlich in seiner Geburtsstadt an - und wurde mit jener konservatorischen Sorgfalt behandelt, die sich die New Yorker Weill-Foundation für das Erbe des Meisters wünscht. Dass ausgerechnet dieses Stück über weite Strecken in einer Galerie der klassischen Moderne spielt und auch den respektlosen Umgang mit unersetzlichem Kunstgut zeigt - wer wollte das nicht als versteckten Kommentar auf Diskussionen verstehen, die vor Ort lange geführt wurden? Nun aber stecken Regisseur Klaus Seiffert und Dirigent James Holmes der Weill-Statue den Ring auf den Finger - und sie erwacht zum Leben! Genau so weckt der Friseur Rodney Hatch die Göttin der Liebe aus ihrem Marmor-Schlaf - und holt sich damit einen Plagegeist von olympischer Hartnäckigkeit auf den Hals. Nicht nur seine Verlobte Gloria, für die das Schmuckstück eigentlich bestimmt war, wird durch die Begegnung mit dieser Extremistin des Begehrens zeitweise außer Gefecht gesetzt. Auch dem Sammler Savory und Hatch selbst drohen von einer anatolischen Untergrundorganisation tödliche Konsequenzen .
Natürlich ist diese "Pygmalion"-Adaption in ihren Dialogen gelegentlich von rührender Harmlosigkeit, der Gipfel des Frivolen bleibt der Vergleich zwischen einer schluchzenden Geige und einer quietschenden Bettfeder. Und so tut Ausstatterin Imme Kachel gut daran, den Zeitgeist zu beschwören: Im New-Style-Dekor des Greyhound-Busbahnhofs und des Bloomingdale's-Kaufhauses begegnen sich Eisverkäufer und Ladenmädchen, Geschäftsmänner und Gattinnen - und gelegentlich mischen sich einige schräge Village People unter das Volk.
Schwungvolle Straßenszenen
Choreograf Mario Mariano führt das um Berliner Musical-Studenten verstärkte Ballett des Dessauer Theaters zu schwungvollen Straßenszenen und in das genormte Glück von "Ozone Heights" - und steuert Intermezzi bei, in der sich all die antiken Alphatierchen begegnen und begehren: Amor und Artemis, Ares und Athene. Aus ihrer Mitte stammt die schaumgeborene Aphrodite, die für ihr irdisches Intermezzo das römische Pseudonym Venus gewählt hat. Ute Gferer gibt der Figur die statuarische Würde der Göttin und die biegsame Hingabe der Liebenden, das weise "Speak Low" ist bei ihr so gut aufgehoben wie das schmachtende "Foolish Heart" oder das übermütige "That's Him".
Angus Wood präsentiert seinen Hatch mit treuherziger Naivität und einem eher glänzenden als stechenden Tenor, der auch im Kontrast zu Ulf Paulsens - bei "West Wind" schier unerschöpflicher - Stimmkraft als Savory überzeugt. Ein Star aber ist Ulrike Mayers Molly Grant - ein glamouröses Material Girl in "Very, very, very" und eine intelligente Spielmacherin mit ironischer Distanz. Dass man auch kleinere Rollen wie den Privatdetektiv Taxi Black (David Ameln) und seinen Assistenten Stanley (Jan-Pieter Fuhr), vor allem aber die quietschblonde Gloria (Kristina Baran) mit hauseigenen Kräften adäquat besetzen konnte, dürfte die Gäste aus New York von der Dessauer Eignung für das Broadway-Fach überzeugt haben - ebenso wie die individuell geführte Leistung des Chores (Leitung: Helmut Sonne) und die scharfe Geschmeidigkeit der sparsam besetzten Anhaltischen Philharmonie.
Dass die Verjüngung durch die Universität der Künste selbst einer "Venus" ein paar Falten glätten kann, steht außer Frage. Und wenn es jetzt im Programm oder über der Bühne noch eine Handreichung zu den englischen Songs gäbe - dann wäre das Glück wohl auch für den Nicht-Weillianer perfekt.
Alles hat (wieder) seine Ordnung opernnetz.de, 7.3.2010
von Axel Göritz
Am Broadway feierte der Dessauer Emigrant einen Erfolg nach dem anderen. Doch hierzulande ist und bleibt Kurt Weill mit seiner Dreigroschenoper und allenfalls Mahagonny verbunden. Seine Musicals, die er nach der Flucht vor den Nazis in London und vor allem in New York schuf, fristen in seinem Heimatland ein kümmerliches Schattendasein. So kam One Touch of Venus nach der Uraufführung 1943 auf über 500 Vorstellungen, die deutsche Erstaufführung gab es erst 1994 in Meiningen. Anlässlich des Kurt Weill Musikfestes feierte seine Heimatstadt den Komponisten nun mit einer Neu-Inszenierung von One Touch of Venus im Opernhaus. Mit großem Erfolg, wenn auch zwiespältigem Ergebnis.
Das Grundgerüst der Handlung ist schnell erzählt: Der Millionär und Kunstsammler Savory begeistert sich gerade an einer frisch erworbenen antiken Venus-Statue. Als sein Friseur Rodney in einem unbeachteten Augenblick der steinernen Schönheit den für seine Verlobte Gloria gedachten Ring an den Finger steckt, erwacht diese zum Leben und verliebt sich sofort in den Barbier. Es folgt ein buntes Intrigen-, Kriminal- und Liebesspiel, in dessen Verlauf auf der Suche nach der verschwundenen Statue Detektive angeheuert werden, der Friseur erst an seiner Verlobten festhält, sie schließlich fallen lässt, mit Venus, die ihn immer mehr anhimmelt, im Gefängnis landet, wieder freikommt, sich schließlich doch in Venus verliebt - bis dieser dann dämmert, dass eine spießbürgerliche eheliche Zweisamkeit mit dem durch und durch geradlinig treu tumben Friseur doch nicht das ist, was sie sich unter menschlichem Liebes-Leben vorstellt. Also wird sie wieder Göttin, verwandelt sich zurück in die steinerne Venus auf dem Podest beim Kunstsammler, alles hat wieder seine Ordnung und dem Friseur läuft just eine Kunststudentin über den Weg, die aufs Haar seiner verschwundenen Venus gleicht.... Happy End.
Dazu hat Weill einen typischen Broadway-Musical-Sound der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Big Band-Besetzung mit opulentem Streicherklang, über zwei Dutzend Songs und mehreren Ballett-Stücken komponiert. Das ist spritzig, fetzig, auch mal elegisch verhalten, die Musik jedenfalls überzeugt immer noch und mehr als die manch einer eher seichten und eindimensionalen vermeintlich modernen Musical-Komposition. Es ist Gebrauchsmusik, aber auf hohem Niveau, von einem großen Musikdramatiker geschaffen. Musikalisch war also alles bestens bestellt, auch dank der energischen und gleichwohl straffen und punktgenauen Leitung der Anhaltischen Philharmonie durch den Kurt Weill-Spezialisten James Holmes.
Zum Problem wurde nicht die scheinbar an die Zeit gebundene Musik, sondern die neue Inszenierung. Musical will auch Glitzer, Glamour, Show - die Regie von Klaus Seiffert lässt aber genau das vermissen, sie ist allzu bieder, brav und zahm. Es wird eigentlich nichts falsch gemacht, die Geschichte wird nachvollziehbar auf der Bühne erzählt, aber das ist zu wenig. Und wenn dann mal auf den Putz gehauen wird, kommen ein paar Knall-, Keif- und Schrei-Chargen rüber, wie die Verlobte Gloria (Kristina Baran) und ihre Mutter (Ulrike Hoffmann) oder der Privatdetektiv Taxi (David Ameln). Für die großen Songs wiederum ist der Regie nicht mehr eingefallen als Auftritt im Punkt-Scheinwerfer an der Rampe vor abgedunkeltem Hintergrund. Regie-Theater mag es ja manches mal etwas übertreiben mit der Interpretation, aber nur Eins-zu-Eins das Stück bebildern und abliefern ist denn doch zu wenig. Das wirkt hausbacken und platt. Schon der Wortwitz, obwohl in neuer Übersetzung, will nicht so richtig zünden (gesungen wird auf englisch), die Drehbühne mit ihrer Bauhaus-Fassade ist praktikabel, aber die Kostüme in ihrer Alltagskleidung (Imme Kachel) machen jegliches Hineinträumen in die große Show zunichte. Nur in wenigen Szenen kommt der Show-Charakter zur Geltung. So im großen Song von Molly, der Sekretärin des Kunstsammlers, wenn diese vor dem Glitzer-Vorhang von den Lover-Boys des Balletts umschwärmt wird und in der wunderschön treffenden und entlarvenden Ballett-Choreograhie (Mario Mariano) über die Hausfrauen-Zukunft der Venus mit Putztuch und Besen.
Die tragenden Rollen waren gut besetzt, gesungen und gesprochen wurde musical-üblich mit Microports. Ute Gfrerer, die sich bereits als Weill-Interpretin einen Namen gemacht hat, gab eine stimmlich und darstellerisch überzeugende Venus, ebenso wie Angus Wood als Friseur Rodney gefiel. Ulf Paulsen, ansonsten als Wagner-Bariton im Einsatz, verkörperte den Kunstsammler Savory und als dessen handfeste Sekretärin Molly glänzte Ulrike Mayer.
Das Publikum zeigte sich schon nach den einzelnen Songs und Ballett-Einlagen angetan und feierte zum Schluss alle Beteiligten, einschließlich des Regie-Teams, mit großem Beifall, Trampeln und anerkennenden Pfiffen.

Amerikanischer Weill wird neu präsentiert klassik.com, 05.03.2010
'Speak Low When You Speak Love'
Soviel gleich vorweg: Kurt Weills Broadwaymusical 'One Touch of Venus', 1943 uraufgeführt mit Superstar Mary Martin als sexy Titelheldin (in einer Produktion von Hollywood-Legende Elia Kazan) war ein Riesenhit. Mehr noch, es war das erfolgreichste Musical Weills überhaupt, das es auf 567 En suite-Vorstellungen in New York brachte, anschließend mit Ava Gardner verfilmt wurde und einige der wunderbarsten Weill-Nummern überhaupt enthält: das verführerische 'Speak Low (When You Speak Love)', den rauschenden Walzer 'Foolish Heart', das freche 'I'm a Stranger Here Myself', die Comedy Nummern 'The Trouble with Women' und 'Way Out West (in Jersey)' und natürlich den bewegenden 'West Wind'. Ganz zu schweigen von zwei grandiosen Ballettsequenzen, die ursprünglich von Agnes de Mille choreographiert wurden, 'Forty Minutes for Lunch' über das betriebsame Chaos in Manhattan zur Mittagspausenzeit, in das Venus unverhofft stürzt, und 'Venus in Ozone Hights', wo der Titelheldin die Freuden des Unteren-Mittelklasse-Lebens nahe gebracht werden sollen – woraufhin sie sich verständlicherweise entschließt, doch lieber eine göttliche Statue zu bleiben.
Das Werk – mit einem Textbuch von S. J. Perelman und Ogden Nash, der auch die witzigen Liedtexte schrieb – spielt geschickt mit der bekannten Story der Statue, die zu neuem Leben erweckt wird (à la 'Schöne Galathée' bzw. 'Pygmalion') und mischt sie mit modernen Elementen à la ‚Sex and the City’. Während 'Venus' im anglo-amerikanischen Raum ein etablierter Klassiker ist, der regelmäßig gespielt wird (zuletzt u.a. bei Opera North in England), ist das Stück in Deutschland fast unbekannt, weil ja – laut herkömmlicher Meinung einiger angeblicher Fachleute – Weill sich nach dem Weggang aus Deutschland 1933 an den amerikanischen Kommerz verkauft habe und Musicals sowieso nichts taugten. Nun, die anglo-amerikanische Theaterwelt und Theater- bzw. Musikwissenschaft denkt da anders drüber (Gott sei Dank). Und erfreulicherweise die Intendanz des Anhaltischen Theaters Dessau auch, die 'One Touch of Venus' nun in Koproduktion mit dem Kurt-Weill-Fest der Stadt auf den Spielplan setzte. Soweit, so wunderbar.
Denn das Haus hat ein ausreichend großes Orchester, das man für Weills geniale Instrumentation braucht, es hat ein Ballett, was man für 'Venus' ebenfalls braucht. Und Dank der Unterstützung des Weill-Fests und der Weill Foundation konnten auch Gäste eingekauft werden für die Produktion, die ‚Erfahrung’ mit Musical und dem Stück haben. Darauf hatte, nebenbei bemerkt, die Weill Foundation in New York auch bestanden bei Vergabe der Aufführungsrechte. Es wurde sogar eine Repräsentantin nach Dessau geschickt, um die ‚Werktreue’ zu überprüfen.
High School Aufführung
Extrem unglücklicherweise sind durch die vielen Einschränkungen und Kontroll-Momente der Foundation in New York scheinbar alle innovativen Kräfte, die das Theater in Dessau sonst so schätzenswert machen, erlahmt. Und statt der famosen Hausregisseurin Andrea Moses, die kürzlich mit einem funkensprühenden 'Lohengrin' so beeindruckte, übergab man die Regie an Klaus Seiffert. Der ist zwar privat ein äußerst sympathischer Zeitgenosse, hat auch viel persönliche Erfahrung mit Musicals als Darsteller, aber seine Herangehensweise an die Kunstform ist – wirklich sehr zurückhaltend formuliert – derart bieder, dass diese kesse Geschlechterkomödie mit den vielen immer noch aktuellen Themen älter wirkt, als die 3000 Jahre alte ‚Anatolische Venus’, um die es geht. Das Bühnenbild wirkt, als wäre es Originalentwürfen von 1943 nachempfunden, ebenso die Kostüme. Nur: Was 1943 bei Mary Martin & Co. gut und schick aussah, das sieht hier einfallslos kopiert bei Ute Gfrerer als Venus und Angus Wood als Friseur Rodney Hatch aus. Von Glamour keine Spur. Kein Vergleich etwa mit Jerry Zaks’ Broadway-Neufassung von 'Guys and Dolls', die ebenfalls in einem 40er Jahre Ambiente spielen, aber das Vorbild auf viel brillantere Weise ins Heute übersetzen. So eine Übersetzung findet in Dessau nicht statt (Kostüme und Bühne: Imme Kachel), so dass die Produktion größtenteils aussieht wie eine High School Aufführung in Ozone Hights (um im Bezugsrahmen des Stücks zu bleiben). Das ist tragisch, weil dadurch viele der tollen Stellen des Stücks einfach im Leeren verpuffen: die Szenen, in denen es um Moderne Kunst geht, die Verbindung der antiken Welt der Götter (lächerlich banal umherhüpfend: das Ballettensemble des Anhaltischen Theaters in der Choreographie von Mario Mariano) mit den Gegenwart usw. usf. Nur einmal findet die Inszenierung zu wirklich packenden Bildern und Gesten, nämlich für die 'Ozone Hights'-Nummer, die ganz stilisiert getanzt wird – von den Studenten des Studiengangs Musical der Universität der Künste. Wenn die nicht gerade dazu verdonnert sind, dumm in der Gegend herum zu stehen (wie in der Eröffnungsszene), dann sind sie die eigentlichen Stars dieser Produktion, denn sie tanzen und singen so, wie ich das bei einem klassischen Broadwaymusical erwarte: mit Klasse und Leidenschaft und Witz und Sexappeal.
Schach matt
Wieso das Haus diese Studenten – von denen einige kürzlich den Bundeswettbewerb Gesang gewonnen haben – nicht für die Hauptrollen genommen hat, wo sie doch sowieso schon engagiert sind, ist mir ein Rätsel (Johanna Spantzel, Jörn Felix Alt, Maximilian Mann z.B. wären ein fabelhaftes Trio für 'Venus' gewesen). Immerhin: Haus-Heldenbariton Ulf Paulsen als Kunstsammler Whitelaw Savory schlägt sich wacker und mit Spaß an der Rolle, ist aber als Charakter nicht wirklich glaubhaft. Das gilt auch für den lyrischen Tenor Angus Wood aus Australien. Zwar produziert der etliche schöne Töne (besonders in 'Speak Low'), aber das Musicalidiom liegt ihm grundsätzlich nicht in der Stimme, stilistisch gesprochen. Ute Gfrerer als Venus trifft den Weill-Tonfall zwar in den musikalischen Nummern hervorragend (teils so, als sei sie eine 1:1 Kopie von Mary Martin), aber sie sieht in ihrer Kostümierung viel zu alt(backen) aus für einen antiken Vamp, dem die Männer reihenweise und seit Jahrtausenden zu Füßen liegen. Und sie ist viel zu steif. Das Verblüffende: Als ich Gfrerer nach der Vorstellung privat erlebte, erschrak ich, weil sie in Echt so viel besser aussieht und wie eine so viel quirligere Persönlichkeit hat als auf der Bühne in dieser Inszenierung. Wie konnte die Regie diese übersprudelnde Künstlerin nur derart Schach-matt setzen? Immerhin war Gfrerer genauso wie der Dirigent der ausdrückliche Wunsch der Weill Foundation, die sonst die Aufführungsrechte nicht nach Dessau vergeben hätten. James Holmes ist der Mann, der 'Venus' bereits bei der (erfolgreichen) Opera North Produktion geleitet hat; insofern ist es verständlich, dass die Foundation ‚auf Nummer Sicher’ gehen und das Stück in erfahrene Hände legen wollte, wo Musicals in Deutschland gern unter Leitung von Dritten Kapellmeistern die schlimmsten aller Martertode erleiden. Aber: Holmes ist ganz sicher kein begnadeter Weill-Interpret. Man hört aus dem Orchestergaben fast nur Partykeller-artiges Schlagzeug, was auch schon bei den Opera North-Aufführungen der Fall war, also nichts mit dem Können des Orchesters in Dessau zu tun hat. Die brillanten Instrumentationsdetails, die wunderbar eingesetzten opulenten Streicher (hier auf ausdrücklichen Wunsch Holmes’ reduziert auf ein Minimum!), all das klingt in Dessau einfach billig. Jedenfalls weit entfernt vom polierten Weill Sound, den man beispielsweise auf der CD mit dem Original Broadway Cast hören kann, wo übrigens das Schlagwerk niemals (!) in den Vordergrund tritt.
Mehr Vertrauen
Dennoch großer Applaus vom Publikum, vermutlich auch, weil viele in Deutschland sich Musical als Kunstform genauso altbacken vorstellen, wie hier dargeboten, als Pendant zu André Rieu sozusagen. Dagegen ist nichts einzuwenden, und meine Begleitung an dem Abend in Dessau fand die Aufführung auch ‚sehr ansprechend’ (‚nur manchmal ein bisschen zäh’). Für mich war es eine vergeudete Chance, den ‚Amerikanischen Weill’ in Deutschland mit einem Splash neu zur Diskussion zu stellen und damit vielleicht auch fürs hiesige Repertoire neu zu gewinnen. Stattdessen wurden in Dessau nur alle Vorbehalte, die viele ohnehin schon gegen Broadwaymusicals haben, aufs schlimmste (und unnötigste) bestätigt. Leider. Vielleicht lohnt es, die Produktion nach Ablauf des Weill-Fests nochmals zu sehen, wenn Ulrike Mayer die Venus übernimmt, statt wie bei der Premiere eine schauspielerisch und stimmlich sehr präsente Privatsekretärin Molly Grant zu sein? Ab der dritten Vorstellung dirigiert auch Kapellmeister Daniel Carlberg, der schon 'Candide' schmissig präsentierte und somit Hoffnungen weckt, dass sein Weill besser klingen könnte, als der des Gastes aus England. Unbedingt erwähnt werden muss noch, dass es eine Darstellerin gab, die allen anderen die Show stahl und schlichtweg umwerfend war: Kristina Baran als Verlobte-des-Friseurs, Gloria Kramer. Wie sie diese blonde Zicke spielte, war es zum Schreien komisch, sie sang toll und war für mich die Entdeckung des Abends. Neben den Musicalstudenten D.h., in Dessau wäre durchaus das Potenzial vorhanden, um eine famose ‚Venus’ auf die Bühne zu stellen. Man hätte sich nur trauen müssen. Und die Kurt Weill Foundation hätte etwas mehr Vertrauen in die kreativen Eigenkräfte des Hauses haben sollen. Andrea Moses, bitte übernehmen Sie das nächste Mal!
Ein Hauch von Venus und mehr als nur ein Hauch von Broadway Volksstimme, 09.03.2010

von Helmut Rohm
Kurt-Weill-Musical begeistert am Anhaltischen Theater Dessau


Dessau-Roßlau. Weit mehr als nur einen Hauch von Broadway bringt " One Touch of Venus " ( Ein Hauch von Venus ) auf die Bühne des Anhaltischen Theaters Dessau. Die Inszenierung des lange nicht in Deutschland aufgeführten erfolgreichsten Broadway-Musicals von Kurt Weill ( Buch Sidney Joseph Perelman und Ogden Nash, Uraufführung 1943 ) war wohl der Höhepunkt des 18. Kurt-Weill-Festivals. Wie die Premiere am Freitag war auch die zweite Aufführung am Sonnabend ausverkauft.


Eine mehr unbedachte Handlung des Friseurs Rodney Hatch löst eine turbulente Geschichte aus. Er steckt den Verlobungsring, der eigentlich seiner Gloria gebührt, einer Statue auf den Finger. Donner, Lichteffekte, Zauber : Die Statue erwacht zum Leben. Es ist die über 3000 Jahre alte, aus Anatolien stammende Figur der Venus. Göttliche Verhaltensauffassungen von vor Jahrtausenden treffen auf die facettenreichen der Heutezeit ... Die Dessauer Aufführung in Kooperation des Anhaltischen Theaters und des Kurt-Weill-Festes, gefördert von der Kurt Weill Foundation for Music New York, wurde von Klaus Seiffert inszeniert.


Kurzweilig und unterhaltend Gewiss ist " One Touch of Venus " zeitkritisch, geißelt mit satirisch-humorvollen Blicken kleinbürgerliche Lebensweisen ebenso wie überhebliche Großspurigkeit. Das Musical ist aber vor allem ungemein kurzweilig und unterhaltend. Ein tragendes Moment ist Weills Musik in ihrer verblüffenden Vielfalt. Das Publikum war vom ersten Ton des Vorspiels an fasziniert in deren Bann gezogen.


Die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von James Holmes präsentiert die motivreichen und auf Tanzrhythmen der 1920 er Jahre basierenden Melodien mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit und vielen effektvollen Nuancen.
Songtexte und Kompositionen wie Swing, Tango, Rumba, Boogie, auch Walzer verschmolzen ausdrucksstark miteinander. Überhaupt ist ein stimmiges Miteinander im Ensemble insgesamt wohl das Geheimnis des Dessauer Erfolges. Die Anhaltische Philharmonie, die Gesangssolisten, der Dessauer Opernchor, teils auch mit solistischen Partien und die Dessauer Ballettcompagnie gestalten dieses Musical in begeisternder Broadway-Manier. Unterstützt werden sie von Gastsolisten sowie Studenten der Universität der Künste Berlin. Die ideenreich genutzte, vielfältige Bühnentechnik ( Bühne und Kostüme Imme Kachel ) ermöglicht wahre Showacts.


Angus Wood ( Hatch ) in seiner liebevollen Unbedarftheit und Ute Gfrerer ( Venus ) mit göttlicher Bestimmtheit, beide mit letztendlich trennenden Liebesauffassungen, sind fantastisch in Spiel und Gesang. Nicht minder souverän, als Figur zwischen geckenhaft und machtverliebt, brilliert Ulf Paulsen als Kunstsammler und Millionär Whitelaw Savory. Ihm zur Seite, mehr mit souveränem Durchblick, agiert Ulrike Mayer als Savorys Sekretärin.
Überhaupt treten viele verschiedene, trefflich gezeichnete Charaktere auf. Die knapp 20 einfühlsamen Songs lassen die Gäste am Gefühlsleben der Akteure Anteil nehmen. Darunter das dem Kurt-Weill-Fest 2010 das Motto gebende "New Art is True Art" sowie das zum Hit gewordene "Speak Low". "One Touch of Venus" wird im Spielplan des Anhaltischen Theaters bleiben. Die Rolle der Venus übernimmt Ulrike Mayer. Am Pult der Anhaltischen Philharmonie Dessau wird deren stellvertretender GMD Daniel Carlberg stehen.

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