Norma

Oper von Vincenzo Bellini

Die großen Fragen der Menschheit werden in Bellinis »Norma« verhandelt: Welches Opfer bringen wir für unsere Liebe? Was sind wir bereit zu verzeihen? Norma, die Oberpriesterin der Gallier, die den römischen Prokonsul Pollione liebt und ihm zwei Kinder gebar, muss diese Fragen für sich beantworten. Sie hat also sowohl ihr Keuschheitsgelübde als Priesterin gebrochen als auch mit dem Feind sich eingelassen. Doch erst jetzt erfährt sie, dass ihr Geliebter sie mit ihrer Novizin Adalgisa betrügt. Das gibt ihr den Anstoß, zum Kampf gegen die Römer aufzurufen und ein Menschenopfer zu veranlassen, das in Pollione gefunden wird. Es ist an Norma, das Opfer zu vollziehen, doch sie bietet dem Römer das Leben an, wenn er der Nebenbuhlerin abschwört. Pollione steht standhaft zu seiner neuen Liebe, selbst als Norma mit der Tötung ihrer gemeinsamen Kinder droht. Erst als Norma vor den versammelten Galliern ihren Verrat preisgibt und sich selbst opfert, besinnt sich Pollione auf seine frühere Liebe und folgt ihr in den Tod.

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Diese berührende Geschichte um Liebe und Macht gehört zu den bedeutendsten Werken des Belcanto, der virtuosen italienischen Gesangskunst des frühen 19. Jahrhunderts. Bereits kaum mehr als vier Jahre nach der Mailänder Uraufführung war Bellinis Meisterwerk in Dessau zu erleben, seltsamerweise sind dann seit 1846 in der anhaltischen Residenz gar keine Aufführungen von »Norma« mehr festzustellen. Umso mehr kann man sich jetzt auf diese Oper freuen, in der jede Regung, jede Empfindung in den berühmten Gesangsmelodien eingefangen ist, die zum klassisch Schönsten und Ausgewogensten der ganzen Opernliteratur gehören. Damit bereitet das Musiktheater zudem den Boden für das Schauspiel, das zwei Wochen später mit Henrik Ibsens »Nora oder Ein Puppenheim« ebenfalls ein großes Frauenschicksal auf die Bühne bringt. André Bücker untersucht mit seinen Inszenierungen Analogien und Kontraste der beiden Werke: Denn während Nora sich aus ihrem Puppenheim befreit, geht Norma schließlich um ihrer eigenen Gesetze Willen in den Tod. Leidtragende allerdings sind in beiden Fällen die Kinder.


3 Tonbeispiele / Auszüge
Kriegschor „Guerra, Guerra!“ (Opernchor des Anhaltischen Theaters)
Cavatine „Casta Diva“ (Angelina Ruzzafante)
Finale 1. Akt „Oh, non tremare, o perfido“ (Angelina Ruzzafante, Rita Kapfhammer, Sung Kyu Park)
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Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung André Bücker
Bühne Bernd Schneider
Kostüme Suse Tobisch
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Sophie Walz

Pollione, römischer Prokonsul in Gallien Sung Kyu Park
Oroveso, Haupt der Druiden Ulf Paulsen
Norma, seine Tochter, Oberpriesterin der Druiden Angelina Ruzzafante
Adalgisa, junge Priesterin Rita Kapfhammer
Clotilda, Vertraute Normas Kristina Baran
Flavio, Freund Polliones David Ameln / Leszek Wypchlo

PRESSESTIMMEN

"MIT Kultur gegen Kulturabbau", operalounge.de, 26.02.2014

von Reinhard Eschenbach

Bellinis "Norma" in Dessau

Mit einer werkgerechten Inszenierung von Bellinis Norma wehrt sich das Anhaltische Theater gegen die radikale Kürzung der Zuschüsse aus dem Kulturetat der Landesregierung. Das ist umso bemerkenswerter, als die Ausstattung spartanisch ist, den Glanz allein die Musik bewirkt. Welches Opernhaus kann schon die zu den schwierigsten des Belcanto-Repertoires zählenden Hauptpartien mal eben mit Hauskräften besetzen, die dann auch noch in diesen Partien hervortreten und magische Momente erzeugen und für die Besucher diese Aufführung unvergesslich machen!

André Bücker siedelt das Werk in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts an, belässt es dabei glücklicherweise nur bei Andeutungen – die Besatzer in den üblichen langen Ledermänteln erinnern entfernt an deutsch-italienische Faschisten, die Gallier an französische Resistance. Die damit verbundenen leichten Unstimmigkeiten stehen so aber dem Ablauf der Handlung nicht weiter im Weg. Die schlichte Bühne von Bernd Schneider zeigt eine Waldlichtung als Kultstätte mit zahlreich herumliegenden Baumstämmen (leider auch Stolperfallen für die Protagonisten) und einen altargleichen Baumstumpf im Zentrum. Ein schwarzer Vorhang aus vertikalen Streifen bildet den Hintergrund. Das sieht nicht aufregend aus, hat aber den Vorteil, dass die Bühne binnen Sekunden be- und entvölkert werden kann. Die Kostüme von Suse Tobisch nehmen den etwas langweiligen 40er-Jahre-Look auf, einzig Norma erscheint farbig weitgewandet, einer Verdi-Ulrica nicht unähnlich. Die etwas triste Optik wird im Verlauf durch das Herabsenken eines riesigen Mondes aufgelöst, der je nach Dramatik der Handlung von fahl bis glutrot leuchtet und später, wenn die Priesterin ihr Volk zum Krieg aufruft, auch als Gong dient. Das Regieteam will auf das schwierige Schicksal von Besatzerkindern hinweisen, und so wieseln die Kleinen schon im Vorspiel und zwischen den Szenen durch den „Wald“ und werden zum dramatischen Finale mit ihren Rucksäcken harsch von der Bühne gewiesen – in eine ungewisse Zukunft. Ein kleines, aber durchaus intelligentes Detail.

André Bücker siedelt das Werk in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts an, belässt es dabei glücklicherweise nur bei Andeutungen – die Besatzer in den üblichen langen Ledermänteln erinnern entfernt an deutsch-italienische Faschisten, die Gallier an französische Resistance. Die damit verbundenen leichten Unstimmigkeiten stehen so aber dem Ablauf der Handlung nicht weiter im Weg. Die schlichte Bühne von Bernd Schneider zeigt eine Waldlichtung als Kultstätte mit zahlreich herumliegenden Baumstämmen (leider auch Stolperfallen für die Protagonisten) und einen altargleichen Baumstumpf im Zentrum. Ein schwarzer Vorhang aus vertikalen Streifen bildet den Hintergrund. Das sieht nicht aufregend aus, hat aber den Vorteil, dass die Bühne binnen Sekunden be- und entvölkert werden kann. Die Kostüme von Suse Tobisch nehmen den etwas langweiligen 40er-Jahre-Look auf, einzig Norma erscheint farbig weitgewandet, einer Verdi-Ulrica nicht unähnlich. Die etwas triste Optik wird im Verlauf durch das Herabsenken eines riesigen Mondes aufgelöst, der je nach Dramatik der Handlung von fahl bis glutrot leuchtet und später, wenn die Priesterin ihr Volk zum Krieg aufruft, auch als Gong dient. Das Regieteam will auf das schwierige Schicksal von Besatzerkindern hinweisen, und so wieseln die Kleinen schon im Vorspiel und zwischen den Szenen durch den „Wald“ und werden zum dramatischen Finale mit ihren Rucksäcken harsch von der Bühne gewiesen – in eine ungewisse Zukunft. Ein kleines, aber durchaus intelligentes Detail.

Soweit der bescheidene Rahmen. Doch schon mit dem warm und frei strömenden Bass von Christian Hübner als Oroveso (Aufführung vom 14.2.), öffnet der Zuhörer erfreut die Ohren – er gibt einen zittrigen Tattergreis, was nicht wirklich zu seiner voluminösen Stimme passt. Wenn dann in der Titelpartie Angelina Ruzzafante (Foto oben/©Claudia Heysel) in der wohl berühmtesten Belcanto-Arie ihre nicht unbeträchtlichen stimmlichen Möglichkeiten zeigt, sich trotz der uns allen im Ohr präsenten Tonbeispiele nicht nur durchsetzt, sondern begeistert, ahnt man, was da noch kommen mag! Sie erfreut mit einer individuell timbrierten Stimme mit guter Tiefe, die sich zum Ende des 1.Akts mühelos über Orchester und Ensemble erhebt, mit sicherem Legato und feinen Piano-Einsätzen. Die Sopranistin ist klug genug, weitgehend ihre lyrischen Stärken zu ins Feld zu führen. Sie hält die Verzierungen in den Koloraturen in Grenzen, sie sucht in den Ausbrüchen nicht den Furor einer Callas, ist aber glaubwürdig dramatisch und legt Sorgfalt auf die Gestaltung der Zerrissenheit, der Unsicherheit einer Frau, die liebt – und die dann mit großer Geste ruft: „Ich bin es!“ Stille, die Bühne erstarrt, atemlos das Publikum! Ganz großes Theater! Rita Kapfhammer als Adalgisa ist mit ihrem wunderbar dunkel fließenden Mezzo ein Erlebnis und absolut ebenbürtig, sie muss nur in der extremen Höhe forcieren. Den attraktiven Lover dieser beiden Frauen in Sung-Kyu Parks Pollione zu erkennen fällt optisch zunächst schwer, aber er überzeugt schnell mit seinem strahlkräftigen Tenor, der nie ermüdet, nur in der Höhe angestrengt wirkt. Stimmfarbe und Volumen harmonieren einzigartig mit den Frauen, die Duette und Terzette zum Finale des 1. Akts sind einfach sensationell und versetzen uns Zuhörer in einen Rausch. Wer Schöngesang von dieser Qualität live erleben will, sollte unbedingt schnell noch eine Fahrt nach Dessau zu den restlichen Aufführungen einplanen. Die weiteren Rollen sind ebenfalls auf gutem Niveau besetzt: Kristina Baran/Clotilde mit einem höhrenswerten dunklen Sopran und David Ameln/Flavio mit seinem angenehm-kräftigen Tenor.

Aus dem Orchestergraben klingt die Ouvertüre zunächst etwas verhalten, doch schnell finden Daniel Carlberg und seine Musiker zu einem temperament- und spannungsvollen Spiel. Bis auf kleine Abstimmungsungenauigkeiten mit der Bühne musiziert die Anhaltische Philharmonie präzise, engagiert und Ausdruckstark, sie trägt ihren Teil zu den vielen magischen Momenten dieses Abends bei. So auch der schönstimmige Chor (Helmut Sonne), der an der Gestaltung des Finales ganz wesentlichen Anteil hat. Im Zusammenspiel mit der aufregenden, hochdramatischen Musik hat das etwas Elektrisierendes, Spannendes. Der erst spät einsetzende Beifall ist dann umso stürmischer.

"DESSAU Norma", Das Opernglas, Dezember 2013

von U. Ehrensberger

„Was wir lieben“ hat das Anhaltische Theater Dessau den Spielplan der Saison 2013/14 übertitelt. Ein vieldeutiges Motto, das durchaus auch als Appell an die Landesregierung verstanden werden kann, die über die Grenzen von Dessau hinaus beliebte Vier-Sparten-Bühne nicht den geplanten Kürzungen des Kulturetats zu opfern. Inmitten der heftig ausgetragenen politischen Debatten um die Zukunft des Theaters, das vom deutschen Kulturrat bereits auf die Liste der bedrohten Kultureinrichtungen gesetzt wurde, lieferte diese respektabe1 gelungene Neuproduktion von Bellinis „Norma“ nun die besten Argumente für einen Fortbestand des Dessauer Musiktheaters.

Regisseur André Bücker und Bühnenbildner Bernd Schneider hatten sich von der tragischen Geschichte der während des zweiten Weltkriegs aus Beziehungen französischer Frauen mit deutschen Soldaten geborenen Kinder inspirieren lassen, die wie ihre Mütter nach Kriegsende die Ablehnung und Verachtung ihrer Umgebung zu spüren bekommen haben. Entsprechend verlegten sie die Handlung in die Vierzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts, sodass Adalgisa und Clotilde in hübschen Baumwollsommerkleidern (Kostüme: Suse Tobisch) zu erleben waren, während sich die Choristen in einer Art bäuerlicher Partisanen-Gewandung sowie Pollione und Konsorten in Wehrmachtinspirierten Uniformen kaum vom Dunkel der Bühne abhoben, die aus einem von einer riesigen Mondkugel dominierten Einheitsraum mit einigen Baumgerippen im Hintergrund bestand. Die Handlung selbst ließ das Inszenierungsteam weitgehend unangetastet, richtete jedoch ein besonderes Augenmerk auf das Schicksal der beiden Kinder Normas und Polliones, die am Ende der Oper nur mit ihren Rucksäcken ausgerüstet in eine ungewisse Zukunft geschickt wurden. Dass Poillione nicht zusammen mit Norma verbrannt, sondern von einem der Partisanen erschossen, und Norma vor ihrem Feuertod noch mit abgeschnittenen Haaren als Hure bloßgestellt wurde gehört zu den wenigen Modifikationen, die sich der Regisseur gegenüber dem Original erlaubte. Das Rätsel, welche Stellung der "Priesterin" Norma im Frankreich des 20. Jahrhunderts zugedacht war und weshalb die französischen Partisanen bereit gewesen sein sollen, dieser im Stile einer Jahrmarktwahrsagerin gekleideten Frau auf Gedeih und Verderb zu folgen, blieb bis zuletzt ungelöst. Trotz des durchaus interessanten theoretischen Ansatzes handelte es sich letztlich mehr um eine Umkostümierung als um eine grundlegende Neuinterpretation der bekannten Handlung, zumal die Personenregie über das Arrangement von Auf- und Abtritten und Waffenschwingung nicht wirklich hinauskam. Im positiven Sinne betrachtet ließ die Inszenierung den Sängern jedoch großen Freiraum, den sie durchweg mit viel Persönlichkeit und darstellerischer Routine zu nutzen wussten.

Dass man sich in Dessau überhaupt an eines der anspruchsvollsten Werke aus dem Belcantorepertoire herangetraut hatte, war einzig auf den Umstand zurückzuführen, mit Angelina Ruzzfante eine Sängerin im Ensemble zu haben, die den enormen Schwierigkeiten der Partitur gewachsen war. Mit silberheller Sopranstimme, deren Stärken in der Koloraturfertigkeit und lyrischen Beseeltheit, weniger allerdings in der dramatischen Gestaltung liegen, gelang ihr ein durchaus eindrucksvolles Rollenporträt. Aufs Schönste harmonierte die holländisch-italienische Sopranistin mit der warm timbrierten, sauber geführten Mezzosopranstimme von Rita Kapfhammer, sodass die herrlichen Norma-Adalgisa-Duette zu vielbeklatschten Höhepunkten des Abends wurden. Vergleichsweise grob, angesichts des eindimensionalen Charakters einer der unsympathischsten Figuren der Opernliteratur aber durchaus vertretbar, ging Sung Kyu Park mit kräftig-stabiler Tenorstimme an die Partie des Pollione heran. Thomas Skambraks schließlich verströmte als in dieser Konzeption eher unerbittlicher denn altersmilder (Groß-)Vater Oroveso schönsten Basswohllaut.

Flott und temperamentvoll, spannungsgeladen und dabei bemerkenswert präzise ließ Daniel Carlberg Bellinis Musik aus dem Orchestergraben erklingen, wobei die Anhaltische Philharmonie Dessau nach einigen Anfangsungenauigkeiten zu bester Abendform fand. Besondere Erwähnung verdient der ausgesprochen schönstimmige Opernchor des Anhaltischen Theaters unter der Leitung von Helmut Sonne. Das Publikum der hier besuchten zweiten Aufführung der Premierenserie reagierte begeistert und bedachte vor allem Angelina Ruzzafante sowie Rita Kapfhammer mit ausdauerndem Beifall.

"Die Fackeln lodern schon", Opernwelt, Dezember 2013

von Udo Badelt

„Anhaltisches Theater Dessau bleibt“, steht auf einem großen Transparent am Portal des monumentalen Hauses, das der „Führer“ einst der Stadt geschenkt hat. Oje, denkt man, wenn Berliner Hausbesetzer die Parole ausgegeben, dass irgendetwas „bleibt“ - dann steht die Räumung meist unmittelbar vor der Tür. Zum Glück folgt auf dem Dessauer Transparent der Zusatz: „was wir lieben“. Aber wie lange die Dessauer ihr Theater noch lieben können, ist unsicher angesichts einer katastrophalen Kürzung der Förderung durch das sachsenanhaltische Kulturministerium von acht auf fünf Millionen Euro schon zum Januar 2014. Der beste Protest dagegen: Qualität zeigen. Zum Beispiel mit der neuen „Norma“-Inszenierung von Intendant André Bücker, der zeitgleich auch Ibsens „Nora“ auf die Bühne bringt: zwei Frauen fast gleichen Namens, die beide Normen und Erwartungen verletzen.

Norma tut dies bekanntlich, indem sie in Liebe zum Prokonsul Pollione entflammt - dem römischen Feind. Angelina Ruzzafante zeigt darstellerisch keine großen Gefühlsregungen. Aber das passt auch zu dieser Figur, die zwar zerrissen wird von Pflicht und Neigung, diese Konflikte aber bei aller Bitterkeit, aller Rachsucht nicht nach außen trägt und etwa - wie Medea - ihre Kinder tötet. Bei Ruzzafante sieht man, wie sehr Norma ihr blutendes Herz für sich behält. Die ganze Gestaltungskraft liegt in der Stimme. Und so exzessiv, wie die Rolle zwischen lyrischem, dramatischem und Koloratursopran schillert, so buntscheckig und vielfarbig Singt Ruzzafante auch: expressiv und silbern in „Casta Diva“, schrill in den Kriegsrufen, getragen und filigran in den Duetten. Klang-Valeurs, wie sie Rita Kapfhammer als Adalgisa ebenbürtig beherrscht. Sung Kyu Parks Pollione nimmt man zwar den Lover, um den sich die Frauen schlagen, nicht auf den ersten Blick ab - dazu hat er zu viele B's: Brille, Bart, Bauch -, aber er trumpft auf mit vollmundigem Tenor. Das Äußerste aus seiner kleinen Rolle holt Thomas Skambraks als Normas Vater Oroveso: ein tattriger, würgender Greis mit Rauschebart, offenbar stark infarktgefährdet, der zuschlagen will und es nicht kann. Am Pult der Anhaltischen Philharmonie präpariert Daniel Carlberg die Kontraste und schnellen Schnitte mit solchem Affekt, dass man meint, in diesem Bellini schon einen frühen Verdi herauszuhören.

André Bücker hat angekündigt, die Geschichte ernst nehmen zu wollen - und sie deshalb nicht in eine Asterix & Obelix-Ästhetik zu kleiden, mit wallenden Druidengewändern und baumelnden Haarzöpfen, sondern herauszuarbeiten, was daran zeitlos ist. Dieses Gallien ist offenbar von deutschen Faschisten besetzt, das legen die Uniformen nahe und die hochgeschlossenen Kleider im 40erJahre-Stil, in die die Frauen (auch Adalgisa) gesteckt sind. Auf dunkler Bühne spielen Normas Kinder im Gehölz, der große Mond, der sich zu „Casta Diva“ herabsenkt und zum späteren Kriegsgeschrei blutrot färbt, erzielt da natürlich einen besonderen Aha-Effekt. Trotzdem bleibt das Bühnenbild (Bernd Schneider) fast den ganzen Abend eher still. Das drastische Finale kommt umso überraschender. Norma wird, nachdem sie sich selbst des Verrats bezichtigt hat, eine der größten denkbaren Demütigungen angetan: Das Volk schert ihr das Haar. Und schichtet die Hölzer, in denen eben noch die Kinder gespielt haben, zum Scheiterhaufen, die Fackeln lodern schon. Von Loyalität zu der Frau, die eben noch geistige Führerin war, keine Spur. Ein tief pessimistischer Schluss. Und vielleicht ein Hinweis darauf, dass dieser Scheiterhaufen nicht das Einzige ist, was in Dessau (und Sachsen-Anhalt) brennt.

Bellini: Norma | Premiere am 4., besuchte Aufführung am 19. Oktober 2013

"Dessaus NORMA", Der Neue Merker, Nov.2013

von Christoph Suhre

Um es vorwegzunehmen: Von Druiden fehlt jede Spur. Bereits zu den Klängen der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang und gewährt einen Blick auf die Szenerie, die mit geschlagenen, entlaubten Bäumen übersät ist. Eine Frau mit zwei Kindern betritt diesen Raum. Die Kinder spielen mit einem Ball, die Frau raucht eine Zigarette. Bereits an dieser Stelle könnte sich der eine oder andere Leser nervös die Haare raufen und sich fragen, was das alles mit Bellinis „Norma“ zu tun hat. Keine Angst! Ich verspreche, dass ein großer Opernabend folgen wird. Regisseur André Bücker nutzt die von Bernd Schneider entworfene Bühne als „archaischen“ Spielraum. Es ist eine offene Lichtung. Der Mond ist zum Greifen nahe. Die Menschen treffen sich hier, ein Wunder erhoffend. Die Kostüme (Suse Tobisch) lassen keinen Zweifel daran, dass die Menschen einer Besatzungsmacht ausgeliefert sind. Tatsächlich geht diese Lesart weitgehend auf. Normas Handlungen bekommen einen tieferen Sinn, ohne dass dabei Bellini vergewaltigt wird. Norma ist in Dessau eine moderne Frau, die sich zwischen Pflicht und Neigung sowie auch zwischen Rache und Vergebung zu entscheiden hat. Angelina Ruzzafante gestaltet als Vertreterin der Titelpartie diese innere Zerrissenheit überaus souverän. Am Ende opfert sie sich in vollem Bewusstsein. Dass die Norma gesangstechnisch zum Schwierigsten gehört, was die Opernbühne zu bieten hat, ist hinlänglich bekannt. Die niederländische Sopranistin, die seit 2009/10 Ensemblemitglied in Dessau ist, meistert ihren Part mit bewunderungswürdiger Sicherheit. Ihre Koloraturen bestechen durch Lockerheit, die lyrischen Momente durch Zartheit und Beseeltheit und die dramatischen Ausbrüche besitzen Kraft und Feuer. Beeindruckt ist man auch von ihrem Legate, das für die kräftezährende Partie so ungemein wichtig ist. Schwierigkeiten habe ich nur mit ihrer Kostümierung, Das geschmacklose farbige Gewand will mir nicht so recht zu dieser selbstbewussten Frau passen. Großartiges hörten wir auch von Rita Kapfhammer als Adalgisa. Die Sängerin verfügt über einen fulminanten Mezzosopran, der zu schönsten Phrasierungen fähig ist. Bei extremen Höhen muss die Sängerin zwar mitunter etwas drücken, aber gerade in den Duetten zwischen Adalgisa und Norma bewies sie sicheres stilistisches Gespür und war ihrer Partnerin absolut ebenbürtig. Den Koreaner Sung-Kyu Park konnte man bereits in der vergangenen Spielzeit mehrfach in Dessau erleben. Er verfügt über einen heldisch auftrumpfenden Tenor, mit dem er strahlende Spitzentöne produzieren kann. Zudem scheint seine Stimme keine Ermüdungserscheinungen zu kennen. Als Pollione konnte er ebenfalls überzeugen. Gut war freilich, dass es ihm im Laufe der Aufführung immer besser gelang, seine Stimme auch einmal zurückzunehmen und sich seinen Partnern anzupassen. Man fragt sich allerdings, warum sowohl Norma als auch Adalgisa auf diesen schwarz uniformierten Pistolenträger abfahren. Der sieht doch in seiner Aufmachung wirklich zum Fürchten aus. Aber dafür kann er nichts - mit seinem Gesang ließ er alles andere vergessen. Oroveso ist in der Dessauer Inszenierung von Anfang bis Ende ein Tattergreis. Klar, der ist vom Leben gezeichnet. Aber das ständige Zittern nervt. Kompliment an Thomas Skambraks, dass er diese Vorgabe konsequent durchsteht. Seine Stimme hat jedenfalls dabei nicht gelitten, denn er singt seine Partie mit würdevollem Bass. Kristina Baran überzeugte als Clotilde, David Ameln als Flavio. In der Einstudierung von Helmut Sonne sangen der Opernchor und der Extrachor des Anhaltischen Theaters ausdrucksstark und klangschön. Das hatte Stil. Die Damen und Herren waren in dieser Bellini-Produktion allerdings nicht nur zum Herumstehen verdammt. Am Ende errichten sie mit den geschlagenen Bäumen einen Holzstoß. Ob dieser nun in Flammen aufgeht, ist sekundär. Berührender ist das Schicksal der beiden Kinder, die Norma zurücklässt. Es sind Kinder der Schande. Kindern von Besatzern und Besetzten galten als gebrandmarkt. Mit Rucksäcken auf dem Rücken verlassen sie die Szene, unwissend, was sie in der Zukunft erwartet. Das geht echt unter die Haut und wird von der herrlichen Musik Bellinis emotional wirkungsvoll getragen. Daniel Carlberg war bei seinem Dirigat wie immer voll bei der Sache. Die Ouvertüre geriet aus meiner Sicht eine Spur zu zackig. Zudem gab es anfangs auch einige Abstimmungsprobleme zwischen Orchester und der Bühne. Aber das alles glättete sich sehr rasch. Man hatte das Gefühl, besten Bellini zu hören. Das Orchester setzte die wundervolle Partitur mit nicht nachlassendem Engagement klangintensiv und klangschön um. Dessau bescherte uns einmal mehr einen ganz großen Opernabend.

Nachtrag

Dass das Anhaltische Theater ein Leuchtturm in der Region und darüber hinaus ist, scheint die politisch Verantwortlichen nicht zu interessieren. Die so stark im Bestehen sich wähnen, versuchen mit einem unverantwortlichen Sparkurs das Theater in die Knie zu zwingen. Die eigentliche Aufgabe besteht doch vielmehr darin, das zu erhalten, was lebenswert ist. Den Theaterleuten in Dessau rufen wir solidarisch zu: „Macht weiter so, lasst euch nicht unterkriegen!“

"In einem tiefen dunklem Wald…", www.deropernfreund.de, 24.10.2013

NORMA am 19.10.2013 (Premiere 4.10.13)

von Alexander Hauer

Das Bühnenbild von Bernd Schneider steht auch symbolisch für die Situation der sächsisch-anhaltischen Theater unter „Kulturvernichtungsminister“ Dorgerloh. Ziel dieses evangelischen Theologen ist es, eine der blühendsten Kulturlandschaften, mit Schlösser, Museen, Universitäten und vor allem mit Theatern und Festivals von Weltruf, in eine öde Nicht-Kulturlandschaft zu verwandeln. Sein „ehrenwertes“ Ziel, das für alle Vergehen als Entschuldigung dient, ist die Entlastung des Staatshaushalts. Nun ist es eine Binsenweisheit, das es unsinnig ist, am geringsten Posten, eben der Kultur, zu sparen. Von den Folgen, die Steigung der Un-Attraktivität des Landes, die Nicht-Ansiedelung von Wirtschaftsbetrieben, die Schließung von Krankenhäusern, Universitäten, Theatern, etc wir dabei billigend in Kauf genommen. Ganz encore mit seinem Parteigenossen Bullerjahn (Finanzen, ehemaliger Elektromonteur und Volksarmist), werden dabei gerne Tausende von Arbeitslosen in Kauf genommen.

Aber wenden wir uns lieber angenehmeren Dingen zu, solange es sie noch gibt. In den tiefen dunklen Wald ist eine Bombe eingeschlagen. Verwüstete, herausgerissene Baumleichen liegen verstreut, dominiert von einem Stumpf der einst heiligen Eiche. In diesem Szenario lässt André Bücker sein Drama um das Besatzungsliebchen Norma und deren multiamourösen Pollione spielen. Die Kostüme von Suse Tobisch, Norma ähnelt einer Sally Bowles aD, die Besatzer lassen sich durchaus als SS-Männer erkennen, und die unterdrückten Franzosen, sind eine eher unterbewaffnete Partisanentruppe in dem mittlerweile üblichen Einheitsgrau, wenn kein Geld für die Ausstattung zur Verfügung steht. Trotzdem, in diese Falle gelang es aus Sch…ße Butter zu machen. Die Situation ist klar und eindeutig, für jeden nachvollziehbar und stimmig. Auch 1831 dachten Bellini und sein Librettist Romani sicherlich nicht an eine Asterixfolkloreshow, sondern an die damals aktuelle politische Situation in Italien.

André Bücker inszeniert diese Norma eher unspektakulär, dafür aber sehr sängerfreundlich. Man könnte ihm vorwerfen, dass er das „Rumstehchen“ der Saison geschaffen hätte, man muss ihn aber loben, dass er den Sängern, der wohl drei schwierigsten Partien des Belcanto, genügend Stand gibt. Geschickt führt er den Chor durch die „Waldlandschaft“ mit all ihren Stolperfallen, klug gestaltet er die Duos und Trios, die Ensembles. Und wenn Angelina Ruzzafante die keusche Göttin unter einem bühnenfüllenden Vollmond besingt, dann ist die Opernwelt wieder in Ordnung. So wiegt er den Zuschauer in einer Woge des Wohlklangs in eine trügerischen Sicherheit, denn im Finale zeigt Bücker, was für ein gewiefter Opernregisseur er ist, und was er bis dato auch stets bewiesen hat. Ohne das Ende zu verraten, es ist spannender als alle Tatorts der letzten 20 Jahre zusammen, ergreifender als das Ende von Titanic. Belcantossississimo!

In der von mir besuchten berüchtigten zweiten Vorstellung hatten die Bläser während der Sinfonia ihren freundlichen Tag (…bitte nach Ihnen), übrigens der einzige Patzer an diesem Abend und eigentlich nicht der Rede wert, aber innerhalb kürzester Zeit hatte Daniel Carlberg seine Anhaltische Philharmonie wieder auf Kurs gebracht und verblüffte mit einem ungewohnt flottem Tempo. Mit Thomas Skambraks haben die Dessauer einen kraftvollen Orovese, der neben den stimmlichen Anforderungen, auch den darstellerischen Spagat zwischen liebenden, später verachtenden Vater und politischer Anführer der Partisanengruppe schafft. Ebenso versiert und kraftvoll sind Kristina Baran als Clotilde und Leszek Wypchlo als Flavio. Wie immer mehr als erwähnenswert der Chor unter Helmut Sonne, der in dem bereits erwähnten Finale auch besonders gefordert wurde.

Was bleibt sind die glorreichen Drei, mit Sung Kyu Park steht in Dessau ein Pollione auf der Bühne, der mit geschmeidigen, kraftvollen Tenor, den zwischen zwei Frauen hin und hergerissenen Latin Lover gibt. Ja und dann bleiben nur noch die beiden Damen. Beide sind Priesterinnen eines eher blutigen Mondkultes, der von ihnen Jungfräulichkeit verlangt, aber beide lieben den selben Kerl und die eine, Norma, hat sogar zwei Kinder von ihm, die sie sorgsam vor der Welt, und als „Besatzerbälger“ besonders vor ihrer Gemeinschaft verbirgt. Die aktuelle der beiden Ladies, Adalgisa, Rita Kapfhammer verströmt einen warmen, fast rauschhaften Mezzo, der sich wunderbar mit dem extrem sauber intonierten, höchst dramatisch angelegten Koloratursopran von Angelina Ruzzafante ergänzt. Es schien, als ob Vincenzo Bellini diesem Trio die Partitur in die Kehle geschrieben hätte.

Jetzt wäre ich fast versucht Ihnen, verehrter Leser, das Finale zu verraten – aber nein, ich tue es nicht. Fahren Sie nach Dessau, besuchen sie die Norma, genießen die Oper, die in solch einer brillanten Besetzung auch nicht in „größeren“ Opernhäusern zu finden ist, besuchen sie das Anhaltische Theater, beweisen sie, dass Politiker im Unrecht sind, wenn sie die deutsche Kulturlandschaft grundlos zerstören wollen.

Erklären Sie sich solidarisch, auch mit den bedrohten Theatern in ihrem Bundesland. Sachsen Anhalt ist auch in Rheinland Pfalz, in Baden Württemberg und in Nordrhein Westfalen. Die jetzt aktuellen Landesfürsten und Fürstchen sollten den alten Spontispruch noch kennen und fürchten: "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!"

"Der Mond ist aufgegangen", Mitteldeutsche Zeitung, 07.10.2013

von Joachim Lange
Es war einmal in Gallien: André Bücker eröffnet die neue Spielzeit mit Vincenzo Bellinis tragischer Oper "Norma".

Dass "Norma" nicht durch die Übermacht Verdis in der Versenkung verschwunden ist, liegt zu allererst an der verführerischen Musik Vincenzo Bellinis (1801-1835). Und an Maria Callas. Durch sie ist nicht nur "Casta Diva", das Gebet der Priesterin Norma, zum Wunschkonzert-Hit geworden. Nach ihr haben sich alle großen Primadonnen daran versucht. Bis hin zu Edita Gruberova oder Cecilia Bartoli. Wer sich als Sängerin an Norma heranwagt, ist schon ziemlich mutig. Die Belcanto-Fans haben ihre Referenz CDs gut im Ohr.
Angelina Ruzzafante traut sich das in André Bückers Eröffnungs-Inszenierung der neuen Spielzeit in Dessau. Und sie ist klug genug, um auf ihre Stärken, wie ihre sichere und betörend klare Höhe zu setzen, und nicht in einen dramatischen Wettstreit zu treten, den sie nicht gewinnen kann. In der Geschichte rät die Priesterin den von den Römern unterdrückten Anhängern eines Mondkultes in Gallien vom Aufstand gegen die Besatzer ab. Dafür hat sie allerdings einen höchst persönlichen Grund - sie hat nämlich mit dem römischen Prokonsul Pollione nicht nur eine heimliche Beziehung, sondern sogar zwei Kinder (was irgendwie niemand mitgekriegt hat).

Heimliche Liebe
Die Sache fliegt auf, als sich der Tenor, dem Sung Kyu Park zwar wuchtige (schwarz uniformierte) Gestalt aber wunderbar geschmeidige Strahlkraft verleiht, von ihr ab- und dem Mezzo im Stück, der Nachwuchspriesterin Adalgisa, zuwendet. Rita Kapfhammer ist mit ihrer warmströmenden, wunderbar schmiegsamen Stimme allerdings auch die pure vokale Verführung und sorgt für das vokale Glanzlicht des Abends. Als die Novizin der Priesterin ihre heimliche Liebe anvertraut und den Namen ihres Liebsten nennt, will Norma erst (wie Medea) ihre Kinder umbringen, um sich an deren Vater zu rächen. Dann entfesselt sie aber doch lieber das große Gemetzel und steigt selbst (wie Brünnhilde oder Dido) auf den Scheiterhaufen. Das vorzügliche Trio wird durch Thomas Skambraks als sonorer Oberpriester Oroveso und Kristina Barans wache Norma-Vertraute Clotilde, vor allem aber durch den von Helmut Sonne bestens präparierten Chor ergänzt. Zugegeben, das ist kaum inszenierbar. Zumal sich der schöne Gesang (Belcanto ist eben Belcanto) mit Macht nach vorne drängelt. Und der gehört zusammen mit dem was Daniel Carlberg der Anhaltischen Philharmonie im Graben entlockt, zur Habenseite des Abends. Was bei dieser vor-verdischen Spielart der Oper tatsächlich auch das Wichtigste ist.
Um es freundlich zu sagen: Die Inszenierung kommt dem nicht in die Quere. Die Bühne von Bernd Schneider ist dunkel und leer. Nur das Holz, aus dem zum Finale der Scheiterhaufen geschichtet wird, liegt herum. Dass die Kinder hier nur unter Aufsicht mal im Dunkeln spielen dürfen, weil die eh immer am schlimmsten dran sind, ist das eine Statement. Ein optisches Zitat aus Lars von Triers Weltuntergangsopus "Melancholia" von 2011 ein anderes. In dem Filmopus rast ja zu einer Tristan-Tonspur vom Feinsten der Mond auf die Erde zu und vernichtet sie.

Mit Äxten und Knüppeln
Im Falle des Bellini-Klangrausches senkt sich der übermächtige Mond beim Gebet Normas herab, nimmt verschiedene Färbungen an, dient dann als heiliger Gong, verschwindet aber auch wieder. Den Untergang besorgen die Menschen selbst.
Ansonsten haben es die Protagonisten mit unterstützender Operngeste vor allem an der Rampe gut. Und das Volk, das Suse Tobisch etwas tümelnd auf Mitte voriges Jahrhundert gekleidet und mit Äxten, Knüppeln, Dreschflegeln und allem, was sich noch zum Dreinschlagen eignet, ausgestattet hat, rückt immer mal an, wartet aber vor allem auf seine Aufstandsstunde. Und stürzt sich zu (un-)guter Letzt mit blanker Mordlust auf Norma. Vielleicht gewinnt die Szenerie ja Prägnanz, im bewusst gesuchten Kontext zur Schauspieleröffnung mit Ibsens Nora. Die Plakate deuten das an. Für sich genommen ist diese "Norma" szenisch eher schmale Kost. Zum Glück geht's beim Belcanto, mehr als sonst, vor allem um den schönen Gesang.

"Begeisternd, dramatisch, Belcanto", Volksstimme, 07.10.2013

von Helmut Rohm

Nach 160 Jahren kehrt die Bellini-Oper "Norma" auf die Dessauer Bühne zurück

Sorgsam behütet von einer Vertrauten spielen zwei kleine Kinder. Nachts, in einem Wald, an einer heiligen Stätte. Die beiden sind das streng gehütete Geheimnis der Oberpriesterin Norma. Vincenzo Bellinis Oper "Norma" erlebte am Freitag am Anhaltischen Theater Dessau ihre Premiere.

Bei aller Vorsicht vor zu überschäumender Euphorie und im Bemühen zur Objektivität - diese Premiere wurde zu einer künstlerischen Sternstunde für Angelina Ruzzafante. Sie brillierte in der Titelrolle der Norma mit herausragender dramatisch glaubhafter Präsenz und hinreißendem Belcanto-Gesang, mit in allen Höhen und Tempi in müheloser Perfektion präsentierten Koloraturen.

Regisseur André Bücker hatte darüber hinaus mit Sung Kyu Park (Pollione) und Rita Kapfhammer (Adalgisa) in den beiden anderen Hauptpartien Künstler in Augenhöhe mit Angelina Ruzzafante besetzt.

Thomas Skambraks (Oroveso), Kristina Baran (Clotilde) und Leszek Wypchlo (Flavio) vervollständigen ein Sänger-Darsteller-Ensemble, das den Figuren mit bestem Gesang und mindestens gleichgewichtigem ausdruckstarkem Spiel auf der räumlich großen Bühne Charakter gibt. Es war faszinierend, wie durchgängig spannungsvoll der oft "nur" von Arien, Duetten oder Terzetten getragene Handlungsfortgang gestaltet wurde. Der Chor (Leitung Helmut Sonne) gefiel in seiner wirkungsvollen Einheit von Gesang und Spiel.

Die Anhaltische Philharmonie agierte differenziert und ausgewogen, ließ die Musik klangfarbenreich erklingen. Dirigent Daniel Carlberg gelang es bestens, das Orchester intensiv auf die stimmige Sänger- und Chorbegleitung auszurichten.

Bernd Schneiders Bühnenbild aus einem abgestorbenen Waldstück mit einen einzelnen hervorragenden Baumstumpf (mit Altarbedeutung) hat Symbolcharakter, lässt Zeitlosigkeit der Handlung zu. Kostüme und Ausstattung (Suse Tobisch) könnten vielleicht an die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnern.

Eindeutig dagegen sind die Hauptkonflikte dieser zuletzt im Jahr 1846 in Dessau aufgeführten Oper: Die Gallier wollen sich von der langanhaltenden römischen Besatzung befreien. Die auserwählte Führerin, die Oberpriesterin Norma, ist zögerlich und gebietet Abwarten. Die Priesterin ist zerrissen zwischen Liebe und dem Vaterland

In ihrem Seelen-Inneren wird sie allerdings förmlich zerrissen zwischen der heimlichen Liebe zum römischen Prokonsul Pollione, dem Vater ihrer beiden Kinder, sowie ihrer vaterländischen Pflicht. Eine ungemein dramatische Zuspitzung des scheinbar unlösbaren Konflikts ergibt sich aus der Liebe Polliones zur jungen Priesterin Adalgisa. Sie erzählt Norma von ihrer Liebe zu einem jungen Römer. Norma erlebt dabei ihre eigene Geschichte gedanklich noch einmal. Nur der Zuschauer weiß bis dahin, dass es sich um Pollione handelt.

Die Spannung steigert sich wie vor einem Vulkanausbruch. Als der Name fällt, kommt es gewissermaßen zur Gefühls-Explosion. Bei Norma wandelt sich die Liebe in Hass. Auch auf sich selbst, die ihr Priestergelübde einst gebrochen, sich mit dem Feind eingelassen hat.

Auf der Bühne erlebt der Zuschauer meist wenig äußere Aktion, die Zerrissenheit, die Stimmungsschwankungen vollziehen sich im Inneren, in den bedrückenden, schon körperlich schmerzhaften Gedankensprüngen. Sich selbst töten? Ihre Kinder töten? Wie wird sie sich entscheiden? Auch im Verhältnis zu Pollione, der sich trotz Bitten und Flehen nicht umstimmen lässt? Norma schlägt den göttlichen Gong, ruft zum Krieg. Schließlich gibt sie ihren Verrat preis, gibt ihre Kinder in des Vaters Obhut und - opfert sich selbst

"Das Anhaltische Theater Dessau überrascht immer wieder mit Inszenierungen, die man einfach gesehen haben muss.", nacht-gedanken.de, 05.10.2013

von Corinna Klimek

Das Anhaltische Theater Dessau überrascht immer wieder mit Inszenierungen, die man einfach gesehen haben muss. Auch wenn diese Norma etwas spartanisch daher kommt, hat sie doch eine intensive Ausdruckskraft, die man leider selten auf der Bühne findet.

Norma ist Hohepriesterin eines gallischen Kultes und hat eigentlich Keuschheit geschworen. Dennoch ist sie dem Prokonsul Pollione verfallen, der die römische Vorherrschaft durchsetzt und ihr Volk unterdrückt, sie hat sogar zwei Kinder mit ihm. Als ihr Volk auf einen Krieg gegen die Besatzer drängt, mahnt sie zur Ruhe. Pollione hat sich derweil eine Jüngere gesucht, Adalgisa, ebenfalls Priesterin, die von der vorhergegangenen Beziehung zwischen Norma und Pollione nichts wusste. Als sie davon erfährt, wendet sie sich von Pollione ab. Norma ist fassungslos und rächt sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Sie droht, die eigenen Kinder umzubringen, dann stachelt sie ihr Volk zum Aufstand gegen die Römer an. Sie nutzt ihre herausgehobene Stellung aus, um ihre privaten Rachegelüste zu befriedigen. Als Pollione als Menschenopfer dargebracht werden soll, schafft sie es nicht, ihm den Todesstoß zu versetzen. Sie bricht zusammen und gesteht ihrem Volk den Bruch ihres Keuschheitsgelübdes und den Verrat durch die Liebesbeziehung zum Feind. Das Volk wendet sich von ihr ab, Pollione erkennt doch noch seine Liebe zu ihr und sie gehen gemeinsam auf den Scheiterhaufen.

Norma ist wohl die die beste Belcanto-Oper, wird aber selten gespielt, weil sie so schwierig zu besetzen ist. Im Anhaltischen Theater Dessau kam sie jetzt zur Eröffnung der 219. Spielzeit nach über 100 Jahren wieder auf die Bühne. Die Norma wird als klassizistisches Werk angesehen und die Edelheit und Schlichtheit sollen sich im Bühnenbild von Bernd Schneider widerspiegeln. Dieses besteht eigentlich nur aus drei Elementen: auf dem Boden herumliegende Stämme, die den Wald symbolisieren sollen. Ein ziemlich toter Wald, außerdem haben mich die Stämme im ersten Akt ziemlich genervt, weil die Akteure ständig drübersteigen mussten, das sah manchmal nicht sehr schön aus und hat auch eine große Unruhe hineingebracht. Allerdings ist ihre Verwandlung am Ende absolut fabelhaft und das hat mich wieder versöhnt. Dann der Mond, blutrot pulsierend hängt er über den Liebenden, die nicht sein dürfen, gelb-orange glühend feuert er die Kriegslust an. Die Bilder waren wirklich sehr schön, die der Mond gezaubert hat. Dann noch der Vorhang, mit vielen Durchgängen, mit dem konnte ich aber nicht wirklich was anfangen. Die Kostüme bilden wage den Ansatz ab, die Handlung in die Vierziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts zu verlegen und damit die deutsche Besetzung von Frankreich anzudeuten. Sie sind nicht immer wirklich gelungen, die Norma sieht im ersten Akt aus wie eine Jahrmarktshellseherin und agiert auch so, die Römer stecken in schwarzen Ledermänteln, bei denen man aber dankenswerterweise auf irgendwelche aussagekräftige Symbole verzichtet hat. Hätte man mich zur Pause gefragt, wie es mir gefallen hat, wäre mein Urteil anders ausgefallen als am Ende. Der zweite Akt und hier ganz besonders der Schluss, das den Regieansatz von André Bücker, der sich mit dem Status von Müttern, die sich mit den Besatzern eingelassen haben, beschäftigt, besonders deutlich macht, lässt kleine Unzulänglichkeiten im ersten Akt vergessen. Das Ende ist ein so starkes Bild, dass das Publikum, das zuvor noch – nicht immer passend – ausgiebig klatschte, kollektiv den Atem anhielt und vor dem großen Beifallssturm noch ein, zwei Sekunden in Stille nachwirken lies. Dem Anhaltischen Theater Dessau ist es gelungen, die sehr gute Sängerriege aus dem Ensemble heraus zu besetzen. Angelina Ruzzafante sang die schwere Partie der Norma fantastisch, ebenso wie Rita Kapfhammer, die die innere Zerrissenheit von Adalgisa auch noch hervorragend darstellte. Sung-Kyu Park erwies sich in der Partie des Pollione als echter Belcantotenor. Thomas Skambraks verlieh Orovese eine imposante Gestalt durch seine Stimme, mit der Darstellung der körperlichen Leiden von Normas Vater übertrieb er es am Schluss aber ein bisschen. Kristina Baran, Leszek Wypchlo, der von Helmut Sonne erneut hervorragend einstudierte Chor sowie die beiden kleinen Mädchen, die die Söhne Normas darstellten, ergänzten Hauptpartien sehr gut. Die Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg fand nach anfänglichen kleinen Schwierigkeiten zur gewohnten Höchstform und machte aus einem guten Abend einen besonderen Abend.

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