Nichts - Was im Leben wichtig ist

Puppen-Schauspiel nach einem Roman von Janne Teller

Für Menschen ab 14 Jahren


»Nichts bedeutet irgendetwas, das weiß ich seit Langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun. Das habe ich gerade herausgefunden.«

Mit dieser Erkenntnis konfrontiert Pierre Anthon seine Mitschüler der siebten Klasse, verlässt den Unterricht und steigt auf einen Pflaumenbaum. Seine Klassenkameraden reagieren auf Anthons Provokation mit einem »bedeutenden« Gegenbeweis. Sie sammeln Dinge, die für sie Bedeutung haben, und türmen sie in einem stillgelegten Sägewerk am Stadtrand zu einem »Berg der Bedeutung«. Jeder aus der Gruppe muss etwas geben, das ihm am Herzen liegt, und darf den Nächsten und seine Opfergabe bestimmen. Was harmlos mit Krempel und Liebgewordenem beginnt, steigert sich zu einem fordernden Rachespiel. Du wolltest meinen Hamster, dann will ich deine Adoptionsurkunde, deinen Gebetsteppich, den Jesus aus der Kirche, deine Unschuld! Das Spiel gerät außer Kontrolle, und Eltern, Lehrer und Polizei stehen fassungslos vor diesem »Berg der Bedeutung«. Die öffentliche Meinung streitet über diese Anhäufung von »Etwas«, verklärt sie zur Kunst, und ein großes Museum aus New York kauft das Werk. Und alle messen dem »Berg« wie seinen Erbauern Bedeutung bei, bis auf einen, Pierre Anthon auf seinem Pflaumenbaum. »Nichts« ist eine Parabel vom Erwachsenwerden und der Relativität dessen, was einem im Leben wichtig erscheint. Als ein Puppenspiel erzählt, erlaubt diese Geschichte in besonderem Maß einen kritisch-ironischen Blick auf die »heiligen Kühe« unseres Daseins und was sie uns wirklich wert sind.

Mit freundlicher Unterstützung des Freundeskreis des Dessauer Theaters e.V.

In Kooperation mit dem Studiengang zeitgenössische Puppenspielkunst der

Inszenierung Jochen Langner
Ausstattung Helmut Parthier / Jochen Langner
Puppen Karin Tiefensee / Ingo Mewes
Musik Ralf Haarmann
Dramaturgie Holger Kuhla / Sabeth Braun
Spiel Uta Krieg / Friedericke Miller / Anna Tkatsch / Manuel de la Peza Vignau / Patrick Rupar

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 14.05.2013

Von einer Sinnsuche, die den Atem stocken lässt

Im Puppentheater des Anhaltischen Theaters Dessau hatte jetzt das Stück „Nichts - Was im Leben wichtig ist" Premiere. Die Zuschauer erlebten eine turbulente Geschichte, die den Atem stocken lässt.

Am Anfang steht der Satz, „dass nichts irgendwas bedeutet". Und zur Begründung legt Pierre Anthon gleich noch nach: „In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben." Er sagt es zu Sofie, Jan-Johan, zu Elise, Hussein, allesamt sind sie Schüler einer siebten Klasse, nachdem er die Klasse verlassen hat und auf einen Birnbaum geklettert ist. Wie die Klassenkameraden darauf reagieren, erfahren die Zuschauer im Puppenschauspiel „Nichts - Was im Leben wichtig ist“ für Menschen ab 14, das jetzt im Puppentheater des Anhaltischen Theaters Dessau Premiere hatte.

Für das Stück nach dem gleichnamigen Roman von Janne Teller hat Andreas Erdmann eine deutsche Bühnenfassung geschaffen. Die Inszenierung von Joachim Langner ist eine turbulente Geschichte, auf den Punkt gebracht als „Suche nach dem Sinn des Lebens“, die - dramaturgisch so angelegt - von Agnes, einer der Mitschülerinnen erzählt wird. Die anderen wollen beweisen, dass es einerseits doch Bedeutendes gibt und dass es sich lohnt, dafür zu leben. Ihre in Handeln umgesetzte Überlegung lautet: „Lasst uns Dinge suchen, die ,Bedeutung' haben, sie zu einem ,Berg der Bedeutung' anhäufen." Langner lässt reale Menschen sowie Puppen und Dinge (Puppengestalter mit viel Fantasie wie Karin Tiefensee und Ingo Mewes) in spannungsvoller und rasanter darstellerischer Präsentation (sehr einfallsreich die beiden Ausstatter Helmut Parthier und Jochen Langner) miteinander in manchmal verwirrende Kommunikation treten.

Dabei geht es oft wie bei Jugendlichen meist wohl als Klischee bekannt, so richtig zur Sache: Laut und schrill, auch mit Gesang und Musik (Ralf Haarmann), ebenso jedoch mit Streit und schon mal vorweg gegriffen – ohne Happy End.

Es fängt belustigend an. Da wird Dieses und Jenes weggeworfen, zu dem bewussten Berg angehäuft. Doch das als harmloses Spiel begonnene Tun verselbständigt sich und läuft aus dem Ruder, erhält eine gefährliche Eigendynamik, die den Atem der Zuschauer mehr und mehr stocken lässt. Plötzlich gilt: Der aktuell Gebende kann den nächsten Gebenden bestimmen und vor allem, was dieser zwingend zu opfern hat. Durch brutale Dramatik, gepaart mit bewegender Emotionalität, geschieht Traumatisierendes: Sophie wird ihre Unschuld zu opfern haben, Jan-Johan sein rechten Zeigefinger, Elise den Sarg ihres kürzlich verstorbenen kleinen Bruders ... Viele Schäden, äußere und innere, die kaum wieder gut zu machen sind.

Diese Aktion wird öffentlich bekannt. Der Berg wird verkauft. Für Pierre Anthon ist er ein „Misthaufen". Im abbrennenden Sägewerk kommt auch Pierre Anthon um. Agnes wird sagen, er sei doch schließlich an allem schuld. Dieses „Nichts - Was im Leben wichtig ist", ist harter Tobak fürs Publikum, erfordert das Setzenlassen des Erlebten, rüttelt auf zum Nachdenken über Dinge, die oft nur in einem schnellen Satz angerissen wurden. Denn Jane Tellers Buch, noch heute kontrovers diskutiert, und auch das in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" Berlin entstandene Puppenschauspiel geben keine Antworten, sondern werfen Fragen in den Ring. Allen Mitwirkenden, insbesondere Uta Krieg, Friedericke Miller, Anna Tkatsch, Manuel de la Peza Vignau und Patrick Rupar, ist herzlich für ihr engagiertes Spiel zu danken.

Tobias Prüwer, Leipzig Almanach - Das Online Feuilleton / www.leipzig-almanach.de, 12.05.2013

Kein Haufen von Bedeutung
Am Dessauer Theater ist „Nichts“ los. Aber so was von „Nichts“, dass der Weg dorthin unbedingt lohnt
Im Norden nichts Neues? Kann man so nicht sagen. Das Anhaltische Theater Dessau bringt mit Nichts. Was im Leben wichtig ist einen kontroversen Stoff auf die Bühne, dessen gewählte Form sich sehen lassen kann. Janne Tellers gleichnamiger Roman sorgte nach Erscheinen in Deutschland – das dänische Original kam 2000 heraus – für einige Diskussion. Bejahung eines Nihilismus‘ wurde dem Buch vorgeworfen, der für Kinder und Jugendliche nicht geeignet sei. Und gepriesene Gottlosigkeit geht schließlich gar nicht.

Der Siebtklässler Pierre Anthon ist überzeugt, dass kein Wesen, kein Ding in dieser Welt – und über diese hinaus – von Bedeutung ist. Seine Mitschüler wollen das nicht gelten lassen und häufen einen Berg von Sachen an, die sie für wichtig und sinnvoll halten. Vom coolen Fahrrad bis zum Hamster, vom Gebetsteppich und verlorener Unschuld, Kruzifix und Zeigefinger ist so einiges dabei. Pierre Anthon lässt das nicht gelten, der Streit um Sinn und Sein eskaliert. Als die Schüler den Berg Bedeutung dann als Kunstprojekt veräußern, wird ihr Ansinnen, etwas von Bedeutung aufzuzeigen, vollends konterkariert. Nichts, so scheint es, ist sinnstiftend. Dabei ist natürlich die Frage falsch gestellt. Denn mögen die Dinge auch intrinsisch nicht bedeutungsvoll sein, so können sie es ja fürs Individuum durchaus. Aber die Schüler – wie die Kritiker des Romans – sind ganz dem Geist der Moderne verpflichtet und brauchen Garanten größerer Ordnung, um ihrem Dasein Sinn und Bedeutung abzugewinnen.

Den großen Bedeutungsverlust hat Jochen Langner in eine Puppentheaterversion zwischen Witz und Wahn übertragen. In Kooperation mit der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin ist ein Stück mit absurden Zügen entstanden, das den Zuschauer auf eine rasante Sinnsuche mitnimmt. Die Spieler geben jeweils als Personen einen Charakter aus dem Buch und übernehmen durch Puppenführung zugleich andere Rollen. Musik und Geräusche werden dabei exzessiv eingesetzt, der ganze Bühnenraum wird bis zur Lüftungsanlage und den Steckdosen sehr bildhaft nach Bedeutung abgeklopft. Geloopte Sätze verzerren dramatische Momente geschickt in die Länge, in solch einer Dauerschleife etwa wird eine Grabschändung zur dröhnend-düsteren Szene.

Neben Stoffpuppen besteht das Spielmaterial überwiegend aus Alltagsgegenständen. Immer wieder kommen leere Konservendosen in verschiedenen Größen zum Einsatz als Klangkörper, Stimmverzerrer, Telefonersatz und Raketenstufen. Eine Tür bildet als vielseitig umpositionierter Podest eine Konstante im Spiel, das immer wieder – kontrolliert – ausfasert. Es ist der bis ins Chaotische reichende Rhythmus, der neben der sichtbaren Spielfreude über den Unsinn des Lebens die Inszenierung zu einem Gewinn macht. Kann man sich für etwas – bestenfalls das eigene Sein – begeistern, braucht man keine übergeordneten Instanzen, um sich am Spiel des Lebens sattsam begeistert zu beteiligen.

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 07.05.2013

Der Nihilist auf dem Baum
Nimmst du mir die Unschuld, nehme ich nicht dir, sondern dem, der an der Reihe ist, Gott. Was mit grünen Sandalen oder einem Handy beginnt, wird zu einem fanatischen Opferritual gegen die eigenen Zweifel und die gefährliche Sehnsucht, alle Übereinkünfte zu hinterfragen. "Nichts - was im Leben wichtig ist", ein Puppen-Schauspiel für Menschen ab 14 nach dem Roman von Janne Teller, hatte am Sonntag in der Bühnenfassung von Andreas Erdmann Premiere im Alten Theater Dessau.
Die Inszenierung von Jochen Langner ist eine Kooperation mit dem Studiengang Puppenspielkunst der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin. Der Roman der Dänin polarisierte. Warum pinkelt Aschenputtel auch ausgerechnet auf das Kruzifix? Weil Aschenputtel eine Hündin ist. Pierre Anthon verlässt als Nihilist die Schule, klettert auf einen Pflaumenbaum und schüttelt heilige Kühe von den wackligen Ästen der Konventionen. Aus der Vogelperspektive wird das Leben klein. Was bist du, was ist deine lächerliche Zeit im Universum? Beginnt mit jeder Geburt nicht immer der Tod? Warum also dieses eitle Haschen nach Wind? "Fürchtet ihr euch etwa vor dem Nichts", fragt Pierre Anthon. Wenn dem nicht so wäre, könnten sie alle am Baum vorbeigehen, alle Mitschüler der Klasse 7a des Gymnasiums in Taering, einem rostenden verschlafenen Kaff zwischen Stadt und Land ohne Zentrum, ohne Halt.
Unbarmherzig zwingend
Ein Halt, ein Gegenbeweis, der Sinn wird nun gesucht, aufgetürmt zu einem "Berg der Bedeutung". Unbarmherzig, brutal, zwingend eskaliert das Geschehen. Die Forderungen wachsen und übersteigen stetig Grenzen. Erst sind es Dinge, dann ein Tagebuch, gar der kleine tote Bruder, die Unschuld, Jesus am Kreuz, schließlich ein Zeigefinger. Der Berg wird blutig, die Werte werden Opfer. Und am Ende verfahren die Helden mit ihren verlustreich gesammelten Bedeutungen entsprechend des vergesellschafteten Maßes aller Dinge: Sie verkaufen den Berg.
Dynamischer Umgang
Konzentriert sich der Roman schon auf die Mechanismen der Angst und der Gewalt, um in einer frappant zwanghaften Verflechtung auf Charaktere zu verzichten, werden auf der Bühne alle Rollen mehrfach besetzt, mit Spielern und Puppen (Entwurf: Karin Tiefensee und Ingo Mewes), in deren Gesichtern die Welt der Erwachsenen schon verzeichnet scheint. Es spielen Uta Krieg und Patrick Rupar sowie Gäste - Friedericke Miller, Anna Tkatsch, Manuel de la Peza Vignau. Und der Hamster mimt den Lehrer. Alle spielen bewegt, manchmal etwas aufgeregt. Der Baum selbst, eigentlich kümmerlich, vermag zu drohen. Und auch die Tür (Ausstattung: Helmut Parthier) spielt immer mit, jene Tür, die lächelte, als Pierre Anthon den Klassenraum verließ. Tür auf und Applaus: So nimmt der Beginn das Ende vorweg, den Ruhm vor und nach dem Fall, vielleicht auch ein Stück der fatalen Konsequenz und stringenten Steigerung. Natürlich werden einzelne Stimmungen ausgekostet. Salbungsvoll, die Störung der Grabesruhe, das himmlische Kinder-Totenlied aus offenem Sarg. Diskutabel, ob der Diebstahl des Kruzifixes und das Brechen der Beine eines weiteren Sakrilegs, des Kreidephallus bedürfen. Erstaunlich, wie selbstverständlich sich Sofie hin- und ihre Unschuld ablegt. Das ist ein dynamischer Umgang mit der Vorlage, der dem Text treu bleibt, den Wechsel von szenischen zu erzählenden Partien meistert und in seiner Rhythmik ein wenig an den zwanghaften Mechanismen rüttelt. Erwachsene haben sich eingerichtet, wohnen in Konventionen und Pierre Anthon vielleicht im Kopf eines jeden. Die Frage, ob es einen Sinn im Leben gebe, wolle Teller wandeln in die Frage, welchen Sinn es habe, eine Frage, die ohne Antwort bleibt. Die Verluste sind spürbar. Vom Pflaumenbaum oder von weiter oben, aus einem leeren Himmel, mag alles austauschbar wirken. Ist es nur dem Puppenspiel geschuldet, dass die Klassenkameraden zuweilen vom Türrahmen auf Pierre Anthon herabschauen?

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