Nachtasyl - Szenen aus der Tiefe

Tanzuraufführung des gleichnamigen Schauspiels von Maxim Gorki

Das Nachtasyl – das ist die Welt der Underdogs, der Gescheiterten, Arbeits- und Obdachlosen. Gorkis gleichnamiges Schauspiel, das nicht nur in Russland sondern auch in Deutschland seit der ersten Inszenierung durch Max Reinhardt das bis heute meistgespielte Stück des Autors ist, bildet die literarische Basis für Tomasz Kajdanskis zweite Tanzpremiere in Dessau. Jeder der Asylbewohner bewahrt in der Tristesse eines ausweglosen Alltags seine unverwechselbare Persönlichkeit und klammert sich mit dem Rest des verbliebenen Lebenswillens an die Hoffnung auf ein Entrinnen aus dem erniedrigenden Dasein. „Was ist im Nachtasyl der Kern? Die Hoffnung. Wenn es hilft, leben wir gerne in der Lüge. Wir gehen an dem Reisebüro mit dem Sonderangebot für die Seychellen vorbei, dabei können wir unseren Kindern nicht einmal Schuhe für 40 Euro kaufen. Oder wir kreisen um den Arbeitsplatz, von dem wir gekündigt wurden, und wissen, wir können das Gebäude nicht betreten, keiner gibt uns die Hand, obwohl wir bis vor kurzem noch dort gearbeitet haben. Diese Ängste sind heute ja nicht einmal nur die Ängste derjenigen am Rande der Gesellschaft, die es irgendwie einfach nicht geschafft haben, es sind die Ängste des ‚normalen’ Mittelstandes, die er nur nicht auszusprechen wagt. Wenn man dann tatsächlich in einer solchen Situation ist, stellt sich die Frage, wie schaffe ich aus dem Nachtasyl den Absprung. Insofern ist das Thema ‚Nachtasyl’ heute ein sehr aktuelles. Dostojewski hat seinem ‚Aus einem Totenhaus’ das Motto ‚In jedem Menschen ein Funke Gottes’ vorangestellt. Aufgrund Gorkis ambivalenter Haltung zum Christentum lässt sich das auf ‚Nachtasyl’ nicht so ganz einfach übertragen, aber die Hoffnung als Kern, den Absprung tatsächlich zu schaffen, so wie es etwa Natascha im Stück versucht, wird für meine Arbeit bestimmend sein.“

Zum hineinhören:
Detlev Glanert: "Mahler/Skizze", op. 20
Detlev Glanert: "Theatrum Bestiarum - Lieder und Tänze für großes Orchester"
Arnold Schönberg: "Verklärte Nacht", op. 4, Fassung von 1943
Flüstern
[Anhaltische Philharmonie unter der Leitung von Wolfgang Kluge, Schauspieler des Anhaltischen Theaters]

Choreografie und Inszenierung Tomasz Kajdanski
Musikalische Leitung Wolfgang Kluge
Bühne und Kostüme Dorin Gal
Kostylew, Michail Iwanowitsch Gorden Wannhoff
Wassilissa Yun-Ju Chen
Natascha Laura Costa Chaud
Waska Pepel Juan Pablo Lastras-Sanchez
Kleschtsch, Andrej Mitritsch Rai Kirchner
Anna Nadja Réthey-Prikkel / Gabriella Gilardi
Nastja Yuliya Gerbyna / Denise Evrard
Ein Schauspieler Ion Beitia
Ein Baron Jonathan Augereau
Luka Joe Monaghan
Mädchen Denise Evrard / Anna-Maria Tasarz

PRESSESTIMMEN

Joachim Lange Die Deutsche Bühne, Juli 2010

Auf dem Trocknen

Tomasz Kajdanskis Dessauer Tanztheater "Nachtasyl - Szenen aus der Tiefe"

Der furiose Neuanfang des Anhaltischen Theaters nach dem Wechsel vom Langzeitintendanten Johannes Felsenstein zu André Bücker ist ohne das Tanztheater von Tomasz Kajdanski und seiner Truppe nicht vorstellbar. Ihre "Lulu"-Version war bereits ein furioser Einstieg. Und mit "Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe" nach Maxim Gorki ist es nicht anders. Hier ist eine hochprofessionelle, so athletisch wie ausdrucksstark tanzende Truppe am Werke, der es zu klug kombinierter Musik um ambitioniertes Tanztheater im besten Sinne des Wortes geht. Auch, dass die Anhaltische Philharmonie unter Leitung von Wolfgang Kluge den musikalischen Mix aus Werken von Detlev Glanert und Arnold Schönberg wieder mit großem Orchester vom Graben aus beisteuert, unterstreicht die Bedeutung, die die Tanzsparte in Dessau hat.

Im Nachtasyl folgt Kajdanski mit seinen elf Tänzern, locker, aber erkennbar, Maxim Gorkis dunklem Stück über die Verlorenen und Ausgestoßenen, gleichwohl immer noch träumenden Menschen, das ihm 1902 den Durchbruch eintrug. In Dessau sind es jetzt im wahrsten Wortsinn Gestrandete, junge Menschen von heute. Man könnte jedem von ihnen in einer der urbanen Problemzonen unserer Städte begegnen. Beim Abhängen oder Rumlungern. Der Untertitel "Szenen aus der Tiefe" meint sowohl die seelischen Abgründe der Verzweiflung und Ratlosigkeit als auch den hochatmosphärischen Raum von Dorin Gal.

Alles spielt sich nämlich in einem trocken gelegten Schwimmbecken ab. Die Rückwand ist dabei ebenso Projektionsfläche für die exzellenten, unaufdringlichen Videos von Angela Zumpe, wie eine über dem Becken schwebende Leinwand. Die urbane Tristesse vom Leben verlassener Bauten und die Träume von Wolken, Meer und blühenden Landschaften mischen sich dabei suggestiv in die tanzend erzählten kleinen Geschichten von Aggressivität und Aufbegehren, von Liebe und Hass, von Sehnsucht nach dem Leben oder dem Tod. Dabei profilieren die Tänzer ihre Figuren als Individuen und erzeugen in der Balance mit der kontrastierend kombinierten Musik von Glanerts "Theatrum Bestiarium" und "Mahler/Skizze" und Schönbergs "Verklärter Nacht" einen Sog, zwischen aufkeimender Traumhoffnung und niederschmetternder Dunkelheit der Realität. Am Ende, wenn die Szene unter einem schwarzen Tuch verschwindet, bleibt dennoch auch die geträumte Hoffnung im Gedächtnis. Ein starkes Stück Tanztheater!

Hartmut Regitz tanz, Juli 2010

Das Notquartier als «Nachtasyl»: Dorin Gals Bühne nimmt in Dessau Maxim Gorki beim Wort und platziert die «Szenen aus der Tiefe» in einem Schwimmbad, das schon mal bessere Tage erlebt haben muss. Die Gestrandeten sitzen auf dem Trockenen, wenn sie nicht gerade Amok laufen. Ohne Ausweg scheint ihr Dasein, obwohl es Fluchtmöglichkeiten bietet. Ein paar Sprossen die Leiter hinauf, und man wäre der Trostlosigkeit entronnen. Wirklich benutzt wird sie nur von einem, der für eine Nacht in dem Asyl Unterschlupf findet und am nächsten Morgen wieder verschwindet.

Bei Gorki ist Luka so etwas wie ein Landstreicher, der seinen Mitbewohnern ein paar Stunden lang Geschichten, Märchen, auch ein paar Lügen auftischt. Ganz in der Tradition einer eher missverstandenen Aufführungsgeschichte macht Tomasz Kajdanski aus ihm einen Hoffnungsträger, einen Katalysator, der die Welt seiner Mitmenschen verändert. Auf einmal gewinnen die Träume, die Angela Zumpe auf die Beckenmauern projiziert, Farbe und Frische. Selbst der Himmel, zuvor noch auf einem Plafond grau in grau, erstrahlt für kurze Zeit in schönstem Blau. Statt Detlev Glanerts «Theatrum Bestiarum» erklingt Arnold Schönbergs «Verklärte Nacht».

Mit dem Wechsel der musikalischen Stimmung verändert sich auch das Material der Bewegung. Kajdanski choreografiert nicht mehr einen Kampf um die nackte Existenz. Ein verzweifeltes virtuoses Aufbegehren macht im weiteren Verlauf einer Paarung Platz, die in ihrer Parallelführung so etwas wie ein harmonisches Miteinander signalisiert. Der Selbstmordkandidat befreit sich von seiner Krawatte, die ihm wie ein Strick um den Hals hängt. Ein anderer sucht Geborgenheit in Lukas Schoß. Joe Monaghan, elegant in seiner Erscheinung und durchweg expressiv im Tanz, erinnert stark an die Engelsgestalt in Pier Paolo Pasolinis Film «Teorema - Geometrie der Liebe». Wie dort verändert er durch seine Empathie die Menschen. Und wie dort hinterlässt sein Verschwinden eine lähmende Leere.

«Rasend vor Ohnmacht» hat Kajdanski noch den ersten Teil seiner «Handlung» genannt, «Hoffnung» den zweiten. Mit «Endzeit» schließt Kajdanski insofern an den Anfang an, als er der abschließenden Szene die «MahIer/Skizze» von Glanert unterlegt: ein elementares Klangereignis, das durchaus etwas Apokalyptisches hat. So, wie Kajdanski sein Tanztheater präsentiert, brutal bis zum Exzess, persönlichkeitsstark und hoch motiviert bis in die Fingerspitzen, hat man den Eindruck, als kämpfe es selbst ums Überleben.

Tatsächlich soll das Anhaltische Theater Dessau von 2013 an nur noch mit der Hälfte der jährlichen kommunalen Unterstützung von sieben Millionen auskommen. Falls das geschieht, so Generalintendant André Bücker, «ist die Schließung programmiert» - und Kajdanski gezwungen, mitsamt seinem Ensemble andernorts um Asyl zu ersuchen. Es muss ja nicht unbedingt ein Schwimmbad sein. Ein ausgedientes Theater tut es zur Not ja auch.

Aufschreckend zeitgemäße Adaption Neues Deutschland/ Feuilleton, 02.06.2010

von Volkmar Draeger

In Dessau zeigt Tomasz Kajdanski Gorkis »Nachtasyl« als Tanztheater

Verfilmt wurde Maxim Gorkis »Nachtasyl« bereits mehrfach: 1936 von Jean Renoir, 1957 von Akira Kurosawa. In der Sprache jenes Mediums ist das Drama um ein Dutzend Gestrandeter vorstellbar, der Tanz greift es erst 108 Jahre nach der Uraufführung am Künstlertheater Moskau auf, aus gutem Grund. Zum einen kann er die philosophischen Fragestellungen nach dem Sinn des Lebens nur schwer transportieren; zum anderen scheint die Situation der Barfüßler genannten Tagelöhner und Landstreicher leidvoll aktuell. Wieder lungern Obdachlose auf den Straßen, saufen sich den leeren Alltag schön, finden nicht die Kraft zum Neubeginn. Das zwingt fast zur Auseinandersetzung mit Gorkis zu Weltruhm gelangtem Stoff auch im Tanz.

Tomasz Kajdanski hat das in Dessau gewagt und seiner Sammlung sperriger Stücke nun ein weiteres hinzugefügt. Nach »Lulu« als Auftakt am neuen Wirkungsort folgt jetzt »Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe«. Der Choreograf und sein Ausstatter Dorin Gal haben die Unterzeile wie auch den russischen Originaltitel »Na dnje«, »Auf dem Grunde«, wörtlich genommen und das Geschehen aus dem Keller in ein marodes Schwimmbassin verlegt. Wie ein schmuddlig graues Verließ unter niedrigem Plafond wirkt, wo Gestalten als Silhouetten sitzen, liegen, stehen; an die beiden Einstiege ins Becken, die Ausstieg aus jener Tristesse sein könnten, werden sie selbst im Sprung nie heranreichen. Schrill ist der Ton, als die Kurtine hochfährt, den nebligen Blick aufklart, zugleich das desparate Inferno in Gang setzt.

Zwar hat Kajdanski seinen Figuren Namen aus Gorkis Vorlage zugeordnet, greift auch deren persönliche Konflikte wie ihre spannungsgeladenen Beziehungen auf. Die Bewegungssprache und Gals punkhaft abgerissene Kostüme weisen sie eindeutig als Menschen unserer Tage aus. In dieser zeitgemäßen Adaption liegt einer der Vorzüge jener Inszenierung: Auch ohne Gorkis Stück zu kennen, erschließt sich die Thematik.

Unterstützt wird das Team von den gewählten Musiken: Detlev Glanerts »Theatrum Bestiarum – Lieder und Tänze für großes Orchester« im »Rasend vor Ohnmacht« genannten ersten Teil, Arnold Schönbergs »Verklärte Nacht« für »Hoffnung« als Mittelteil, Glanerts »Mahler/Skizze« für »Endzeit« als Finale. Dass Glanerts enorm vielschichtige, bisweilen aufschreckende Klangbilder zu Schönbergs trauervoll sinfonischem Gestus verblüffend genau passen und von der Anhaltischen Philharmonie unter Wolfgang Kluge konzertreif musiziert werden, gibt den 75 pausenlosen Minuten Tanz Reiz und akustischen Widerpart gleichermaßen.

Gegen Wände rasen die Insassen jener Tiefenwelt an, richten die Verzweiflung mehr noch gegeneinander, während eine Welt kalter Betonklötze als Langsam-Film hinter ihnen vorüberzieht. In aufbäumenden Soli und Ensembles brechen sich Hilflosigkeit und Aggression Bahn, Matratzen werden zu Schlaggegenständen, Stühle zu Plätzen der Lethargie. Mit viel Aktion lässt Kajdanski die Charaktere zusammenprallen, setzt klassischen Tanz ebenso ein wie Kampfsport, umschreibt so Gorkis Personalkonstellationen: Bassinbesitzer Kostylew und Wassilissa, Pepel und Natascha, den trunksüchtigen Schauspieler in seinem Selbsthass. Erst als Luka wie eine Vision der Hoffnung ins Bassin steigt, beginnen sich die aufgeregten Attacken unter gewitterdräuendem Plafond zu entwirren. Was wir wollten, war nicht das, flüstern Stimmen vom Band: Wovon sollen wir leben, lasst mich sterben.

Die Nacht verklärt sich jedoch allmählich in erfüllt intakte Beziehungen vor idyllischen Landschaften, denn Gutes zu tun gilt es, sich selbst zu achten, wie Luka lehrt. Kaum hat sich der rätselvolle Fremde entfernt, wird aus dem tänzerischen Dauerschwelgen ein gewalttätiger Flächenbrand, den Ernüchterung und Unfähigkeit zur Tat entzünden. Der Traum weicht endgültig der Realität: Mit Wassilissas Sticknadel ersticht Pepel Kostylew, an Lukas Leiter erhängt sich der Schauspieler, kübelweise Erde begräbt die tote Anna. Über das ganze Totenhaus breiten zwei ein schwarzes Tuch, das noch lange wie eine düstere Wolke schwebt, wenn die Musik mit einzelnen Schluchzern verebbt.

Einen Ausweg aus dem Dilemma weiß auch Kajdanski nicht, bietet zumindest aber mit seinen fulminant auftrumpfenden elf Tänzern ein unter die Haut gehendes Stück Abrechnung mit beschämenden sozialen Zuständen. Das macht sein »Nachtasyl« zu einer eminent wichtigen, weil zeitnahen Produktion, der man die Sympathien des Publikums wünscht. Dass sie keinen Trost mitgibt, ist nicht seine Schuld; dass sie pralles Tanztheater liefert, aber sein Verdienst.

Ist da noch Hoffnung im „Nachtasyl“? Zerbster Volksstimme, 31.05.2010

von Helmut Rohm

Begeisterung für Ballett-Uraufführung in Dessau

Ein großes schwarzes Tuch überdeckt am Schluss die gesamte Bühne. Die letzten leisen Töne von Detlef Glanerts Komposition „Mahler/Skizze“ verlieren sich im Raum. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es oft. Für die noch im Nachtasyl Verbliebenen hat offensichtlich die Hoffnungslosigkeit gesiegt. Im Anhaltischen Theater Dessau hatte am Sonnabendabend die Ballett-Uraufführung „Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe“ in der Choreografie von Ballettdirektor Tomasz Kajdanski Premiere. Literarische Vorlage bildet Maxim Gorkis gleichnamiges Schauspiel aus dem Jahr 1901. Kajdanski konfrontiert die Zuschauer mit den Zuständen in einem heutigen „Nachtasyl“. Symbolhaft lokalisiert er das mehr Zusammenhausen dieser Gruppe im und mit dem Leben nicht Zurechtkommender in einem großen Schwimmbecken (Ausstattung Dorin Gal).
Im ersten Teil „Rasend vor Ohnmacht“ offenbaren die Tänzer schonungslos die Lage der von ihnen dargestellten Personen. Die ausdrucksstarke Bewegung, die Mimik bis ins kleinste durchdachte Detail, potenziert durch die Anhaltische Philharmonie unter Wolfgang Kluge, lässt den Zuschauer eindringen in das oft   erschütternde, von Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, aber auch Wünschen geprägte Fühlen und Handeln der Figuren. Nichts zum Genießen, wenn auch die durchweg professionelle Tanzinterpretation den Zuschauer fasziniert.
Als in Teil zwei („Hoffnung“) Luka (Joe Monaghan in Paraderolle), eine zwiespältige Gestalt, im Nachtasyl auftaucht, scheint es Hoffnung zu geben, eröffnet sich die Möglichkeit, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Schönbergs Komposition „Verklärte Nacht“ bietet den stimmigen Background.
Luka geht. Im dritten Teil „Endzeit“ brechen Hoffnung und Zuversicht wie ein Kartenhaus zusammen. Es wird noch dramatischer. Pepel (Juan Pablo Lastras-Sanchez) ermordet Kostylew (Gorden Wannhoff). Kleschtsch (Rai-Hilmar Kirchner) beerdigt seine Frau Anna (Anna Maria Tasarz). Der Schauspieler (Ion Beitia) begeht Suizid. Schließlich deckt   das schwarze Tuch alles zu. Totales Chaos. Endzeit? Alles vorbei? Der Zuschauer wird, so er sich öffnet, zum Nachdenken angeregt sein. In weiteren Rollen: Yun-Ju Chen, Laura Costa Chaud, Yuliya Gerbyna, Jonathan Augereau und Denise Evrard.
Das Publikum im gut besuchten Theater honorierte den Ballettabend mit Begeisterung und zahlreichen Bravos.

Hart und genau, Gewalt und Zärtlichkeit

Tanznetz.de, 1.6.2010

von Boris Michael Gruhl



Tomasz Kajdanskis "Nachtasyl" nach Gorki

„Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe“ heißt das Stück nach dem Schauspiel von Maxim Gorki, das am Wochenende zum ersten Mal über die große Dessauer Bühne ging und vom Premierenpublikum einhellig begeistert aufgenommen wurde. Das Drama von 1901 spielt in einem Elendsquartier, in einer Absteige, wo eine Gruppe gescheiterter Menschen sich das ohnehin schwere Leben regelrecht zur Hölle machen. Dennoch schildert Gorki, wie sich die Menschen in ihrem Unglück zu artikulieren versuchen, ihr Überleben zu organisieren, ihren Anspruch ein Mensch zu sein soweit als möglich nicht aufgeben wollen. Das alles schließt Verletzungen, Misshandlungen, Gewalt gegeneinander, Tod und Selbstmord nicht aus. Eine der widersprüchlichsten Figuren ist der freundliche Pilger Luka. Er kommt in das Asyl mit seinen Geschichten voller visionärer Hoffnungen, die von christlicher Nächstenliebe motiviert sind. Sie erweisen sich aber als eine Art „Lügentherapie“ und werden ohne Wirkung bleiben, wenn er das Asyl wieder verlässt.

Gorkis Stück ist ein vorrevolutionärer Aufschrei. Was Kajdanski jetzt auf die Dessauer Bühne bringt ist ein Aufschrei nach den Revolutionen, stumme Schreie der Körper zu aufwühlender Musik von Arnold Schönberg und Detlev Glanert. Durch geschickte Dramaturgie und überzeugende Körpersprache, die ohne ein Wort, allein durch Bewegung und Musik, die grundsätzlichen Motive des Stückes sinnlich erfahrbar vermittelt, gewinnt der Abend rasch an suggestiver Wirkung. Dorin Gal verwandelt die riesige Bühne in ein aufgegebenes Schwimmbecken. Der Gegenwartsbezug ist deutlich, dennoch weist das Bild allgemeiner Nutzlosigkeit über sich hinaus. Auf dem Boden des Beckens befindet sich das Nachtasyl, das längst zum beschränkten Lebensraum und Kampfraum für die Menschen geworden ist. Sie kommen da nicht mehr heraus. Wenn sich die Tänzer am Boden befinden, ihre Bewegungen schmerzverzerrt und zuckend sind, dann muss man an krepierende Fische denken. Das Leben draußen schwimmt in einer grauen Videoinstallation vorbei. Geschändete Landschaften, verlassene Wohngebiete, Industrieruinen, wie man sie bei Dessau sicher finden kann.

Die Choreografie hat drei Teile. Die Exposition, in der uns das Leben in den Szenen aus der Tiefe vorgestellt wird in Choreografien der Gruppe, Einzelner, in Duetten und verschiedenen Konstellationen. „Rasend vor Ohnmacht“ ist dieser Teil überschrieben, das drückt er aus mit der Komposition „Theatrum bestiarium“ von Detlev Glanert, 2004/2005 komponiert, deren schroffer Gestus des großen Orchesters mit verstörenden Orgelklängen regelrecht aufwühlt. 

„Hoffnung“ heißt der zweite Teil, da steigt eben jener Pilger herab und die Situation verändert sich, die Bewegungen werden fließender, in den Dialogen mit Luka verändern sich die Menschen scheinbar, es entsteht so etwas wie ein Anflug von Harmonie. Die Musik dazu, Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ von 1899 in der Orchesterfassung entfaltet suggestive Wirkung, durchbricht aber den eher traurigen Grundgestus nicht.

„Endzeit“ der letzte, ganz knappe Teil, wurde zu Glanerts „Mahler/Skizze“ von 1989 choreografiert, die damit beginnt, dass Steine aufeinander geschlagen werden, dann in Klang und Rhythmik beim Einsatz eher ungewöhnlicher Instrumente wie Windmaschine, Blechen und Kuhglocken, apokalyptische Bilder beschwört. Der Pilger Luka hat das Asyl verlassen, übrigens über die Treppe, die für jeden der Nachtasylanten hinausführen würde, aber nur einer benutzt sie noch, der Schauspieler, indem er sich daran erhängt. Die Übrigen richten sich ein, nur brutaler, endgültiger, mörderischer.

Fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer, dazu der Tänzer des Pilgers, gestalten die wesentlichen Rollen des Stückes. Manche Abhängigkeiten, Gemeinheiten, Betrügereien, Affären usw. sind auch bei Kenntnis der Vorlage abzulesen, was aber nicht unbedingt nötig ist. Die Grundstimmung vermittelt sich durch die Kraft und die Intensität der Tänzerinnen und Tänzer. Hohe Sprünge, irre Drehungen und krachende Stürze, Gewalt und Zärtlichkeit, verbitterte Vereinzelung, exzessive Sehnsucht nach Nähe, bilden spannende Gegensätze. Jeder und jede im Einzelnen, in Begegnungen oder in der Gruppe, halten jene Spannung aufrecht, die sich von der großen Bühne her in den Saal vermittelt. Gänzlich anders als in der Verzweiflung des ersten Teils die Körpersprache im zweiten, wenn Luka hinabsteigt, Joe Monaghan hat da ein weites, so faszinierendes wie einladendes Bewegungspotenzial und es ist verblüffend, zu welchem Wandel die Tänzerinnen und Tänzer bereit und fähig sind. Umso erschreckender ist dann der bestialische Schluss, aber in dieser Konsequenz wohl die eigentliche Wahrheit des Stückes.

Es wird großartig getanzt, eine Kompanie aus höchst individuellen Tänzerinnen und Tänzern, deren Authentizität der Choreograf nicht verstellt sondern nutzt. Und es wird spannend musiziert, zum Schlussapplaus kommt das ganze Orchester auf die Bühne und wird mit dem Dirigenten Wolfgang Kluge ebenso gefeiert wie Dessauer Kompanie mit Tomasz Kajdanski. Der Abend ist mit seinen 75 Minuten von der zeitlichen Dimension her kurz, von der ästhetischen Dimension her aber alles andere als schmerzlos. 


MDR-Figaro, 31.5.2010

Kritik von Boris Michael Gruhl [Audio]

Am Grund der Gesellschaft

VON ANDREAS HILLGER, 30.05.10

DESSAU/MZ. Die Lage mag schrecklich sein, ausweglos ist sie nicht: Unübersehbar führt eine Leiter an der Stirnseite zum Rand jenes leeren Wasserbeckens, das den Ausgestoßenen als Unterschlupf dient. Man müsste nur die Sprossen ergreifen und nach oben steigen, um diesen "Szenen aus der Tiefe" zu entkommen. Aber offenbar ist das geteilte, durch wechselseitige Demütigungen sogar gesteigerte Elend immer noch leichter zu ertragen als die unsichere Freiheit jenseits dieses Käfigs. Wie sonst wollte man erklären, dass niemand diesem "Nachtasyl" entflieht?

Auf der Nachtseite

Maxim Gorkis Schauspiel vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist bis heute eine der trostlosesten Studien der Armut im zaristischen Russland - und war nach Tomasz Kajdanskis "Lulu"-Adaption nun eine durchaus gewagte Wahl für seine zweite abendfüllende Choreografie als Dessauer Ballettchef. Vor der Premiere durfte man sich fragen, ob das Publikum eine weitere Produktion goutieren würde, die auf der Nachtseite des Lebens spielt. Der Schlussapplaus nach diesem pausenlosen Kraftakt aber ließ alle Zweifler verstummen: Ausgerechnet mit einer weitgehend fatalistischen Geschichte hat sich das neue Ensemble endgültig seine große Bühne erobert.
Das liegt vor allem daran, dass Kajdanski sich nicht auf die Koalitionen und Kollisionen von Gorkis breit ausgemalten Prekariats-Charakteren verlässt, sondern im Herzen der Finsternis einen utopischen Moment behauptet: Der greise Pilger Luka wird in Joe Monaghans Anverwandlung der Rolle zur eleganten Lichtgestalt, die wie ein Wesen aus einer höheren Welt in die Grube hinabsteigt und deren Insassen ihr besseres Ich zeigt - ein Seelsorger der Körper, der die fremde Last auf sich nimmt und dessen Abschied für die endgültige Katastrophe sorgen wird. Bis dahin aber stiftet er das Glück der Gleichzeitigkeit, den Einklang der Bewegungen, der sich davor und danach nur scheinbar zufällig einstellen will. Und dieses Zentraum, das Kajdanski auf Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" choreografiert, birgt in seiner Schönheit und Leichtigkeit, seiner Energie und Poesie einige der schönsten Momente, die man im Dessauer Tanztheater in den letzten Jahrzehnten sehen konnte. Umrahmt wird dieses Bild von Szenen, denen Detlev Glanerts Kompositionen "Theatrum Bestiarium" und "Mahler / Skizze" zu Grunde liegen und die Gorkis Vorlage wenn nicht im Buchstaben, so doch im Geiste zitieren. Man muss die Vorlage nicht gelesen haben, um die Rivalität zwischen den ungleichen Schwestern Natascha (Laura Costa Chaud) und Wassilissa (Yun-Yu Chen) zu erkennen - oder das Ausmaß der Zerstörung zwischen Kleschtsch (Rai-Hilmar Kirchner) und seiner im Schmerz verpuppten Frau Anna (Anna Maria Tasarz) zu ermessen.

Emotionale Hintergründe

Da ist der von seinem Kostüm gewürgte Schauspieler (Ion Beitia) und die von ihrer Laszivität geschüttelte Hure (Yuliya Gerbyna), da ist der unbarmherzige Herbergsvater (Gorden Wannhoff) und der kraftstrotzende Dieb Pepel (Juan Pablo Lastras) . Kajdanski findet für jede Figuren ihren individuellen Ausdruck, den er durch Angela Zumpes Video-Projektionen in Dorin Gals Bühnenraum nicht illustriert, sondern emotional grundiert. Und die Anhaltische Philharmonie ist ihm unter Leitung von Wolfgang Kluge dabei ein großartiger Partner - sensibel in der Interaktion mit den Tänzern und außerordentlich aufmerksam im Umgang mit den diffizilen Werken. Zu welch unverhofft euphorischen Glücksmomenten das führen kann, sieht man vor den farbsatten Bildern von Wiesen und Wellen im Mittelteil. Da werden aus hinfälligen Opfern plötzlich selbstbewusste, schöne Menschen, die nicht länger um ihren Platz in der Hackordnung kämpfen - und deren Kraft nicht mehr nur für ein kurzes Aufbäumen, sondern für Erlösung im Tanz reicht. Im Kontrast zum harten Schluss wird dann auch deutlich, warum sich der Geschichtenerzähler Kajdanski ausgerechnet diese Vorlage gewählt hat: Sein stummes "Nachtasyl" ist in der Konzentration auf die Leiber beredter als viele Schauspiel-Inszenierungen, die dem Zuschauer die voyeuristische Perspektive einer Doku-Soap aufzwingen. Der Tanz wahrt die Distanz - und geht gerade darum sehr nah.

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