Milarepa

Stück von Eric-Emmanuel Schmitt

DAS SCHAUSPIEL GEHT AN UNGEWÖHNLICHE ORTE!

Andrea Moses inszeniert einen Monolog des französischen Kult-Autors Eric-Emmanuel Schmitt im ehemaligen Heizungskeller des Bauhaus Dessau

MILAREPA

Erster Teil des „Cycle de l'invisible“.

Simon träumt jede Nacht denselben Traum. Zu diesem Traum liefert ihm eine geheimnisvolle Frau den Schlüssel: Er, Simon, sei die Reinkarnation des Onkels von Milarepa. Milarepa war ein berühmter tibetanischer Einsiedler. Der Onkel hatte seinem Neffen einen abgrundtiefen Hass entgegengebracht.
Um aus dem Zyklus der Wiedergeburten ausbrechen zu können, muss Simon die Geschichte der beiden Männer erzählen. Dabei identifiziert er sich mit den beiden derart, dass ihre Identität sich mit der seinen vermischt. Aber wo beginnt der Traum, wo endet die Realität?

Die komplexe Erzählung des Franzosen Eric-Emmanuel Schmitt in einem einstündigen Monolog nicht nur zu erzählen, sondern darzustellen, macht die besondere Qualität der Inszenierung der Regisseurin Andrea Moses aus. Der Schauspieler Uwe Fischer wird sein Publikum im ehemaligen Heizungskeller des Dessauer Bauhauses auf eine faszinierende Reise durch Zeit und Raum und in für europäische Augen ungewöhnliche Bilderwelten entführen.

In seiner Trilogie des Unsichtbaren, welcher der Text über Milarepa entstammt, sucht der Autor nach dem humanen und also gemeinsamen Kern in Buddhismus, Judentum, Islam und Christentum. „Jede Religion“, sagt Schmitt, „setzt sich mit dem Wesentlichen auseinander: der Schwierigkeit, ein Mensch zu sein.“  Diese Schwierigkeit zu meistern, bedarf es immer wieder eines Nirgendortes in unserer Phantasie, eines Vor-Bildes! Ein in diesem Sinne ermutigtes Publikum zu hinterlassen, Besseres möchte dieser Theaterabend nicht leisten.

Inszenierung Andrea Moses
Dramaturgie Holger Kuhla
Simon Uwe Fischer

PRESSESTIMMEN

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 15.02.2010
Vom Souterrain im Bauhaus auf das Dach der Welt
Schauspieler Uwe Fischer erweckt „Milarepa“ von Eric-Emmanuel Schmitt im Bauhaus- Heizungskeller.
Er war Nagetier, Maus oder Ratte, Libellenspucke, Eiterpustel, mit Verlaub ein „arschgesichtiges Stück Scheiße“. Nun sitzt Simon im Heizungskeller des Weltkulturerbes und schmaucht den Qualm der Wiedergeburt, raucht wie die Frau im Café in Montmartre, die sich an seinen Tisch setzte, das angebissene Croissant aus seiner Hand nahm, es wie selbstverständlich aufaß und ihm dartat, dass er Swastika sei. Swastika kreiselt seit Jahrhunderten im Rad der Reinkarnation, rotierend um den Hass auf seinen Neffen. Erst wenn er dessen Geschichte, die Geschichte des großen Yogi Milarepa hunderttausend Mal erzählt habe, könne er frei sein.
Zum ersten Mal erzählte am Freitag Uwe Fischer die Geschichte des Bestseller-Autors Eric-Emmanuel Schmitt zur Schauspielpremiere des Anhaltischen Theaters im Bauhaus. „Milarepa“ gehört wie „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ zum „Zyklus des Unsichtbaren“. Andrea Moses hat den Monolog inszeniert. Ein Bühnenbildner wurde nicht verpflichtet. Und siehe, der Keller gibt würdig alle Orte. Dass es so selbstverständlich vom Souterrain aufs Dach der Welt geht, ist vor allem Fischers Verdienst. Mit seinen rasend fauchenden, ironisch gebrochenen, elegisch einfühlsamen Seelenwanderungen häufelt er sich hier einen ganzen Batzen guten Schauspieler-Karmas an. Aber was ist eine Figur mehr als eine Geste, eine Stimmlage, ein Augenaufschlag, wenn das Ich nur „ein Gepäckstück mit Gewohnheiten und Reflexen“ vorstellt?
Simon, die französische Reinkarnation Swastikas, träumt jede Nacht einen unsäglichen Hass. Die Frau, die das angebissene Croissant aß, deutet den Traum. Der Traum vermengt sich mit der Realität, Simon mit Swastika, der, habgierig und gekränkt durch wohlhabendes Mitleid, den Neffen Milarepa als Vormund um sein Erbe prellte. Milarepa verschrieb sich der schwarzen Magie, rächte sich mit rossigen Stuten, nahm dem Onkel die Söhne und den Besitz, stürzte das Dorf ins Verderben. Der Onkel kam wieder zu einigem Wohlstand, behielt den Hass. Der Neffe wechselte den Kurs, bestieg das Diamantfahrzeug des tibetischen Buddhismus. Marpa, der Übersetzer, ließ Milarepa hart, zynisch und väterlich büßen, bevor er ihn einweihte, einmauerte zur elfmonatigen Meditation. Auf den Weg gebracht, erreichte Milarepa das Ziel, als ihm, dem Einsiedler, das irdene Gefäß, in dem er seine Nesseln kochte, zersprang. Nun blieb ihm nichts mehr, also alles. Swastika, der in Angst vor dem Tod als Räuber allen Besitzes und im ewigen Hass auf den Neffen starb, musste sterbend erkennen, dass Milarepa „mit seinen unter wächserner Haut hervorstehenden Knochen, die Glückseligkeit gefunden hatte“. Schmitts Schrift ist ein beschleunigter Aufriss der im 15. Jahrhundert verfassten Lebensgeschichte des im 11. Jahrhundert in Tibet lebenden Lehrers Milarepa, versehen mit einem kleinen Rahmen, dem Croissant und der Reinkarnation. Bald märchenhafter Krimi, bald gleichnishafte Lehre bietet Schmitt Hochgeschwindigkeits-Buddhismus, der einem mit dem kurzweiligen Atem des Nichts die eilende Frage nach dem Menschsein und einige wahrlich weise Bonmots um die Ohren pustet.
Die elfmonatige Meditation dauert auch nur eine groß geschriebene kleine Seite des dünnen Buches, das man flott im Stehen lesen kann. Aber noch unterhaltsamer ist es, im Heizungskeller zu sitzen und Uwe Fischers gesammelten Seelenwanderungen beizuwohnen. Der kippelt sich standfest durch die Reinkarnationen, hasst, wie „schwarze brodelnde Milch“ überkocht, rächt, wie rossige Stuten verkehren, und verkauft ewige Meditationen nebst versöhnlichen Weltweisheiten buddhistischer Provenienz ganz ehrlich im Minutentakt. Das ist Buddhismus mit Biss, cross wie ein Croissant, das einem eine fremde Frau in einem Café in Montmartre wegisst.
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