Lohengrin

Romantische Oper in drei Akten von Richard Wagner

2010 für den Theaterpreis DER FAUST nominiert.

Wie in allen seinen Libretti hat Wagner seiner Dichtung einen ganzen Sagenkomplex zugrunde gelegt, Motive übernommen und starke eigene dichterische Impulse einfließen lassen, die auch die politischen Unruhen der Entstehungszeit widerspiegeln: In einer Zeit außenpolitischer Bedrohung steht Brabant auch innenpolitisch vor dynastischen Querelen: Die Erbfolge scheint nach dem rätselhaften Verschwinden des Kronprinzen Gottfried offen. Unterstützt von Ortrud, einer Nachfahrin der einst im Land herrschenden Friesenfürsten, beschuldigt Graf von Telramund zu Unrecht Elsa, sie habe aus machtpolitischen Gründen das mutmaßliche Verbrechen an Ihrem Bruder Gottfried begangen. In dieser Situation allgemeiner Verunsicherung, in der sich das Volk angesichts der drohenden kriegerischen Auseinandersetzungen nach der starken Hand eines Führers sehnt, erscheint wie aus einer anderen Welt ein Held: Lohengrin. Doch er knüpft seine Hilfe für Elsa sowie seine Unterstützung als „Schützer von Brabant“ im Kampf gegen die Ungarn an ein Frageverbot bezüglich seiner Identität. „Lohengrin“ nimmt in Wagners Oeuvre eine Schlüsselstellung ein, da er in ihm erstmals weitgehend sein Konzept eines durchkomponierten Musikdramas verwirklicht. Die Komposition entstand zwischen Juni 1846 und März 1848, also in direkter historischer Nachbarschaft zur Märzrevolution von 1848, in der erstmals in Deutschland versucht wurde, die Utopie einer parlamentarischen Demokratie in die Realität umzusetzen. Als sächsischer Hofkapellmeister glaubte Wagner damals, persönlich nicht nur die Kunstform Oper, sondern zugleich sein Land revolutionieren zu können. Aufgrund seiner Teilnahme am Maiaufstand von 1849 musste er jedoch, steckbrieflich gesucht, aus Deutschland fliehen, die geplante Uraufführung von „Lohengrin“ in Dresden wurde abgesetzt und fand stattdessen in Weimar statt, in Abwesenheit des Komponisten anlässlich einer Goethe- Gedenkfeier 1850 unter der Leitung von Franz Liszt.

„Lohengrin“ fand schnell rasche Verbreitung und wurde zu Wagners populärster Oper.

Die Produktion „Lohengrin“ wird unterstützt durch den Freundeskreis des Dessauer Theaters

Dauer: ca. 4h 20', zwei Pausen

Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung Andrea Moses
Bühne und Kostüme Christian Wiehle
Video Chris Kondek / Jens Crull
Dramaturgie Thomas Wieck / Heribert Germeshausen
Lohengrin Andrew Sritheran
Heinrich der Vogler Pavel Shmulevich
Elsa von Brabant Bettine Kampp
Friedrich von Telramund Ulf Paulsen
Ortrud KS Iordanka Derilova
Der Heerrufer des Königs Wiard Witholt
Vier brabantische Edle Leszek Wypchlo | Mikolaj Kappala | Alexander Dubnov | Norbert Leppin | Christian Most | Pawel Tomczak | Stephan Biener | Cezary Rotkiewicz
Vier Edelknaben Florian Ott | Dirk Meinhard | Johannes Köhler | Charlotte Antal | Judith Antal | Ron Meinhardt | Eva Julia Nielebock | Florian Leipner | Merle Neumann
Opernchor des Anhaltischen Theaters
Mitglieder des Coruso Chores e. V.
Mitglieder des Extrachores des Anhaltischen Theaters Dessau
Anhaltische Philharmonie Dessau

PRESSESTIMMEN

Joachim Lange, Die Deutsche Bühne, 11/2010

Andrea Moses. Ein Zukunftsstück
„Lohengrin“ am Anhaltischen Theater Dessau

Andrea Moses hat aus Richard Wagners „Lohengrin“ eine packende Studie über die Manipulierbarkeit der Massen und die Undurchschaubarkeit von allgegenwärtigen Strukturen gemacht. In der ästhetisch offenen Ausstattung von Christian Wiehle hat sie dabei der Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um Macht und Liebe. Wie schon ihr Meininger Nahost-Strauss-Doppel („Salome“ und „Elektra“) und ihre US-Fernsehshow „Turandot“ in Weimar ist auch ihr Dessauer „Lohengrin“ ein Gegenwarts-, ja sogar ein Zukunftsstück. Überprüft sie doch den Stoff auch auf sein Potential hin, eine drohende, durchmanipulierte, von nicht legitimierten Mächten gelenkte Gesellschaft zu zeigen. Damit weitet sie das Frageverbot ins Gesellschaftliche. Ihr gelingt das in sich stimmig und mit einer sozusagen intellektuellen Opulenz meisterhaft. Auch, weil alles, was auf der Bühne geschieht, mit einer virtuosen Personenregie bis ins kleinste Detail aus der Musik heraus entwickelt wird. Hier herrscht Hochspannung durch eine psychologisch ausgeleuchtete Figurenzeichnung bei den Protagonisten und bei den differenziert geführten Chören! Vom Porträt des Heerrufers als notorischem Strippenzieher, über die psychologische Studie des Kampfes um die Macht bei Ortrud und Telramund bis hin zur erst verstörten, am Ende aber hellsichtigen Elsa. Der „Lohengrin“ von Andrea Moses ist ein Wurf!

Die Deutsche Bühne, 8/2010, „Die große Diversifizierung“ – Autorenumfrage 2009/10

Auf die Frage nach einer Person, die durch ihre künstlerische Arbeit zur zeitgemäßen Entwicklung der Oper einen herausragenden Beitrag geleistet hat, wurde Christoph Marthaler am häufigsten genannt. Andrea Moses folgt ihm auf dem Fuße. „Mit ihrem Dessauer LOHENGRIN ist es der Chefregisseurin des Anhaltischen Theaters gelungen, die Geschichte zu erzählen, ihr Potenzial für die Gegenwart zu erschließen und das Ganze mit einer atemberaubend spannenden Personenregie zu verbinden. Es ist eine Inszenierung, die einen Platz in der Rezeptionsgeschichte des Werkes beanspruchen darf.“ Joachim Lange

Eine weitere Frage lautete: Nennen Sie ein Theater, dass Sie überzeugt hat, weil es in einer kleineren Stadt abseits großer Theaterzentren ein besonders anspruchsvolles Gesamtprogramm beim Publikum durchsetzt. „Dies ist die Kategorie der knappen Ergebnisse – diesmal allerdings mit einem klaren Spitzenreiter: „Nach dem Ende der Ära von Johannes Felsenstein, ist der neuen Leitung unter André Bücker, ein furioser Neustart in allen Sparten gelungen“, schreibt Joachim Lange über das Anhaltische Theater in Dessau, das sich klar von der Konkurrenz abgesetzt hat. „An dem traditionsreichen und von aktuellen Budgetkürzungsplänen in seiner Existenz bedrohten Theater knüpft eine überzeugende ästhetische Neuausrichtung an die Stärken des Hauses an, setzt auf dessen Einbindung in die Stadt und die Region und nimmt das Publikum dabei mit. Setzte im Schauspiel Regisseur Armin Petras mit seiner SCHLEEF-Inszenierung gleich zu Beginn ein Zeichen, konnte sich das Musiktheater mit der spektakulären LOHENGRIN-Inszenierung von der Chefregisseurin Andrea Moses und der vor allem musikalisch erstklassigen Produktion von Aubers Oper DIE STUMME VON PORTICI sogar als derzeit führendes Opernhaus in Sachsen-Anhalt profilieren. Das gilt ebenso für das Tanztheater von Tomasz Kajdanski.“

Die Zukunft hat begonnen opernwelt november 2009

von Jörg Königsdorf

Den neuen Stil merkt man auf den ersten Blick: << Menschen gestalten – Zukunft bewegen >>, heißt es in großen weißen Lettern über der Bühne des Dessauer Theaters. Nachdem das Haus unter der Leitung von Johannes Felsenstein eine Trutzburg konservativer Repertoirepflege war, setzt das neue Leitungsteam auf Regietheater mit Aktualitätsanspruch. Auf den Tag der deutschen Einheit hatte man die << Lohengrin >>- Premiere angesetzt, und spätestens im dritten Akt, wenn über der Brautgemach-Szene der Slogan << Vertrauen in Deutschland >> hängt, ist klar, dass Regisseurin Andrea Moses die Moral von der Geschicht' durchaus auch auf die Berliner Republik bezogen wissen will. Vertrauen will man den Volksführern auf der Bühne zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr: Dass mit dem schmierigen Jungpolitiker Lohengrin etwas nicht stimmt, deuteten schon sein mit viel PR inszenierter Auftritt und erst recht sein unsauberes Verhaltes beim Duell an.

In Dessau wird << Lohengrin >> zum handfesten Politkrimi. Und wie in einem guten Krimi sind die scheinbar Guten am Ende die Bösen. Das ist verblüffend stringent, weil Andrea Moses ganz nah am Text bleibt. Das Negativ-Image Lohengrins etwa verträgt sich ausgezeichnet mit der vokalen Anlage der Partie: Was unter anderen Umständen wie Reinheit wirken könnte, ist hier eine Oberflächenpolitur und ganz auf die Verblendung der Massen angelegt. Für emotionalen Tiefgang sorgt Elsa, der allmählich dämmert, dass sie nur eine Marionette im abgekarteten Spiel zwischen Lohengrin und dem König ist. Ihre Entwicklung von der treuherzigen dummen Gans (die dem charismatischen Heilsbringer ebenso auf den Leim geht wie das brabantische Volk) zur hellsichtigen Frau gibt dieser Aufführung menschliche Dimension und Tragik. Am Ende steht Elsa da wie Kassandra unter den Trojanern und muss erkennen, dass das Volk die schönen Lügen gern glauben will.

Dass die Rechnung in Dessau so glatt aufgeht, liegt freilich nicht nur an Andrea Moses´ (manchmal fast zu detailverliebt umgesetzten) Konzept, sondern auch daran, dass hier alle an einem Strang ziehen. Bettine Kampp kann Elsas Wandlung nicht nur grandios spielen, sondern singt ihre Partie auch so: << Einsam in trüben Tagen >> mit mädchenhafter Naivität, dann den Schlussakt mit dramatischer Größe. Andrew Sritheran legt seinen Lohengrin mit schmetternden Trompetentönen ganz auf Außenwirkung hin an und phrasiert seine Gralserzählung wie eine spontane Erweckungspredigt – so singt einer, der sich als Visionär inszeniert. Dass ein Haus wie Dessau einen Lohengrin im Ensemble hat, ist fast unglaublich – zumal Sritheran die Partie (inklusive zweiter Strophe der Gralserzählung) bis auf zwei, drei Wackler gegen Ende und einige gestemmte Höhen erstaunlich gut durchsteht. Stimmige Porträts liefern auch Pavel Shmulevichs markiger König, Iordanka Derilovas sexy Ortrud und Ulf Paulsens Telramund, der seinen hellen Bariton im zweiten Akt zu beachtlicher dramatischer Wucht steigert.

Dazu lässt der neue Chefdirigent Antony Hermus mit der Anhaltisches Philharmonie hören, was man auf der Bühne sieht: ekstatischen Jubel und inbrünstige Chorszenen, krachende Dramatik und farbenreiches Melos. So klinkt Wagner als Theatermusik: natürlich, lebendig und ausdrucksvoll. Besser kann die Zukunft kaum beginnen.

Der Revoluzzer Richard Wagner hätte seine Freude gehabt operapoint, 07.12.2009

von Oliver Hohlbach

Die Regisseurin Andrea Moses verlegt die Handlung in das Parlament einer heutigen Hauptstadt. Die Abgeordneten versammeln sich um König Heinrich zu begrüßen. Die Fraktionsführerin Elsa reagiert auf die Angriffe des Oppositionsführers Telramund, ihren Bruder Gottfried ermordet zu haben, kindlich naiv linkisch. Das taucht der Führer der Schwanen-Bewegung auf, der mit modernem Marketing die Massen hinter sich bringt: Dynamisches Auftreten, Schwanen-Logo und seine Info-Broschüre wird von adretten Damen verteilt: Ihn ernennt König Heinrich gerne zum Anführer. Die Hochzeit zwischen Elsa und Lohengrin versuchen Telramund und Ortrud zu verhindern, indem sie aufdecken, daß Lohengrin Bestechungsgelder angenommen hat. Aber Lohengrin beantwortet alle Fragen (auch zu seiner Identität) nicht. Im Brautgemach will sich Elsa endlich Klarheit über die Mediengestalt Lohengrin verschaffen. Nachdem er Telramund das Genick gebrochen hat, erzählt Lohengrin seine wahre Geschichte, verschwindet in der politischen Versenkung. Sein Nachfolger als Führer ist ein Statist mit Gottfried-Maske. Selbst Elsa will nicht wissen wer er ist, die politische Elite aber feiert den Neubeginn – so als wäre nichts gewesen.
Sänger und Orchester
Das Haus in Dessau hat 1.200 Plätze, aber der umbaute Raum ist mit anderen Staatsopern vergleichbar, somit muß man ähnliche Maßstäbe wie an eine Staatsoper anlegen: Die KS Iordanka Derilova ist der hochdramatische Sopran, der die Hexe Ortrud wortverständlich singt und ohne zu Fokussieren erreicht sie eine phänomenale Durchschlagskraft - besonders in den hohen Registern. Andrew Sritheran wird in den Olymp der Wagner-Tenöre aufsteigen: baritonal-samtig fundiert kann er in den Höhen mit scheinbarer Leichtigkeit glänzen. Außerdem ist jeder Lohengrin, der beide Teile der Gralserzählung voll aussingen kann, über jede Kritik erhaben. Pavel Shmulevich ist ein russischer Baß mit unendlicher Tiefe. Nach diesem Rollendebüt als König Heinrich wird er seinen Weg zu den großen Bässen sicherlich finden. Ulf Paulsen ist der Hausbariton, der die schwierige Rolle des Telramund ohne jede Anstrengung meistert und den schleimigen Demagogen nicht nur stimmlich überwältigend verkörpert. Bettine Kampp ist ein lyrischer Sopran mit kindlich leuchtender Stimme, sie benötigt nur etwas Zeit um sich frei zu singen. Antony Hermus ist der neue, fast blutjunge GMD des Hauses, der die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen der Partitur steuert. Besonders, da das Tempo durchwegs flott ist und dies die technischen Ansprüche in die Höhe treibt. Trotzdem können die Streicher mit viel Schmelz viel Herzschmerz ausdrücken: Ein Meisterstück der frühen Romantik!
Fazit
Auf der ersten Produktion einer neuen Theaterführung liegt immer besonderes Augenmerk. Besonders da ein junges Team Johannes Felsenstein abgelöst hat, der mit seinen konservativen Produktionen durchaus eine Fangemeinde hatte. Und dennoch wurde diese moderne Produktion mit einhelligem stürmischen Applaus bejubelt. Zum einen weil das Stück mit vielen Details und viel Pfiff handwerklich ausgefeilt auf die Bühne gestellt wurde – und doch die Handlung, wie sie der Komponist wollte, erkennbar war. Zum anderen weil die politischen Fragen, die um die Auswahl der Politiker für ein Amt und die Verantwortung der Medien in der Politik kreisen, sehr im Interesse der Zuschauer liegen: Der Revoluzzer Richard Wagner hätte seine Freude gehabt.

Keine Zeiten für Romantik Orpheus Nov./ Dez. 2009

von Herbert Henning

Das Anhaltische Theater Dessau startet nach der Ära von Johannes Felsenstein in die 215. Spielzeit mit Wagners LOHENGRIN in der Inszenierung von ANDREA MOSES, die in emanzipatorischer Absicht eine hochinteressante Sicht auf die irrationale Welt des „Schwanenritters“ eröffnet und dabei aus der Sicht von Elsa eine Geschichte von Macht und Machterhaltung, Täuschung, Versprechen und Manipulation von Menschen, denen die Ideale abhanden gekommen sind, spannend und überraschend aktuell erzählt.

Von Anfang an hat die angesichts der Anklage von Ortrud und Telramund traumatisierte Elsa keine Chance und erst im Brautgemach, dass wie in einem „Wolkenkuckucksheim“ überirdisch schwebt (Ausstattung: CHRISTIAN WIEHLE) emanzipiert sich diese Frau und stellt die verbotenen Frage nach „Herkunft und Stand“ dieses Mannes. Moses beleuchtet die Figuren mit großer Genauigkeit, inszeniert die Auseinandersetzungen zwischen Ortrud, Telramund und Elsa fast intim als Kammerspiel mit großer Genauigkeit. Die Sänger agieren als Schauspieler mit außerordentlicher darstellerischer Präzision.

Dies gilt vor allem für IORDANKA DEVRILOVA als Ortrud mit lodernder, expressiver Stimme und dämonischer Intensität im Spiel wider dem Wahn des Schwanenkults und der Einlullung der Massen durch das König Heinrich/Lohengrin-Bündnis. Für ihre Rache opfert diese raffiniert handelnde „femme fatale“ ihren Mann, den ULF PAULSEN mit markanter Stimme singt. Große musikalische Momente für PAVEL SHMULEVICH als König Heinrich und als einziger Verbündeter an der Seite von Elsa WIARD WITHOLT als kraftvoller Heerufer.

BETTINE KAMPP macht mit jugendlich - dramatischer Stimme überzeugend die Wandlung vom ahnungslosen Mädchen, das in den Sog politischer Ränke gerät, zur emanzipierten Frau deutlich. Dass der neuseeländische Sänger ANDREW SRITHERAN nach stimmlichen Aussetzern in der Brautgemach-Szene in der selten gehörten vollständigen Gralserzählung zu wunderbarem piano findet, zeigt das stimmliche Potential dieses jungen und attraktiven Sängers.

Für die Anhaltische Philharmonie unter ANTONY HERMUS und die von HELMUT SONNE einstudierten, Chöre gilt nach dieser Lohengrin-Premiere uneingeschränkt das musikalische Prädikat „Bayreuth des Nordens“. Selten hat man das Vorspiel zum 3. Akt und den Hochzeitsmarsch mit soviel musikalischer „Ironie“ und orchestraler Präzision erlebt. Ein fulminanter Auftakt des Dirigenten mit dem Orchester, enthusiastisch gefeiert. Das außerordentlich heftige Buh-Konzert für das Inszenierungsteam sollte nicht vom Besuch dieses Dessauer LOHENGRIN abhalten.

Wenig Geld, viel Oper Rheinzeitung, 6.10.2009

von Claus Ambrosius

von Rundreise zu Produktionen mit Wagners Schwanenritter: Sängerschmiede dank neuer Theaterleitung
DESSAU. Wagnerianer sind bekanntlich eine besonders reisefreudige Untergruppe der Opernfreunde - in den vergangenen Monaten waren sie vor allem in Sachen "Lohengrin" unterwegs. Die Geschichte um den mysteriösen Schwanenritter, der - wider sein Gebot und ein Versprechen - nach seiner Herkunft befragt wird und deswegen das Volk der Brabanter und die frisch angetraute Elsa verlässt, war an großen deutschen Häusern in vielfältigen Interpretationen zu sehen. Stefan Herheim machte an der Berliner Staatsoper großes, schillerndes Figurenthter daraus. Richard Jones vergrübelte die Oper als Baumeistergeschichte in der Bayerischen Staatsoper in München. In einen Kinosaal verpflanzte Jens Daniel Herzog sinnfällig die Handlung an der Franklurter Oper. Und in Stuttgart erlillf nicht nur das Konzept von Reg isseur Stanislas Nordey Schillbnlch. Ausgerechnet Wagner Nun zieht ein Theater an vorbelasteter Stelle nach: Das Anhaltische Theater in Dessau startet mit .. Lohengrin ins erste Jahr einer neuen Intendanz. 18 Jahre lang hatte Johannes Felsenstein die Bühne geleitet - nun übernimmt Andre Bücker die Geschicke des in Bezug zur Stadt eigentlich zu groß dimensionierten Theaters. Und das ausgerechnet mit einem Werk, das auch gut ins Repertoire seines Vorgängers gepasst hätte. Um noch mehr Drohkulisse für potenzielle Schwierigkeiten aufzubauen: Das Dessauer Theater muss die Riesenbühne (das Haus fasst mehr als 1000 Zuschauer) mit einem Etat von rund 17 Millionen in drei Sparten bespielen - zum Vergleich: Mainz hat mehr als 25 Millionen Euro pro Jahre für das Staatstheater zur Verfügung. In den gigantischen Dessauer Bühnenmaßen wird jede Dekoration, jedes Bühnenbild automatisch kostenintensiv - und trotz aller dieser Punkte ist dem Theater unter neuer Führung mit Wagners "Lohengrin" ein Coup gelungen - die Produktion kann mit den genannten an großen Häusern in vielen Punkten mithalten, sich sogar weit oben positionieren. Andrea Moses inszeniert die Oper als politisches Lehrstück: ein Ansatz, seit Katharina Wagners "Lohengrin" in Budapest nicht ganz taufrisch, aber sinnfällig umgesetzt. Der Erlöser Lohengrin taucht im Parlament des ersten Aktes (Bühne und Kostüme: Christian Wiehle) als perfekt inszenierter Machtpolitiker auf, ist Chef einer eigenen Partei mit Schwanenlogo. Das ist so schön nah am Wahlkampfgetöse der vergangene Wochen inszeniert, dass man die arg plakativen und erst im Programmheft näher erklärten Motto·Banner über der Bühne ("Menschen bewegen, Zukunft gestalten", "Du bist Brabant") gerne in Kauf nimmt.

Atemberaubender Umbau

Der zweite Akt bringt mit wenig Aufwand und maximalem Effekt einen atemberaubenden Umbau vom Parlament in eine Kirche, zum Finale verwandelt sich Lohengrin in den vermissten Bruder EIsas mit Maske. die Massen marschieren im Stechschrill - ein martialisches Ende, dass den Premierenbesucher weniger gefiel als die erstaunliehen Ensembleleistungen. Offensichtlich hat die neue Hausleitung (die Operndirektion liegt beim ehemaligen Koblenzer Dramaturg Heribert Germeshausen) sich entschlossen, Dessau als Sängerschmiede zu profilieren: Als Deutschlanddebüt singt der russische Bass Pavel Shmulevich mit herrlichem Timbre einen König Heinrich, der aufhorchen lässt. In der Titelpartie zeigt - mit kleinen Konditionsproblemen, aber vielversprechend, der junge Tenor Andrew Sritheran enormes Potenzial. Vom "alten" Dessauer Ensemble wurden Ulf Paulsen als geschickt agierenden Telramund und Iordanka Derilova mit aufregend gleißendem Sopran als Ortrud übernommen. ... Noch ein Pluspunkt: die gut von Helmut Sonne studierten Chöre und schließlich der neue Generalmusikdirektor Antony Hermus, der sein Orchester mit einem straffen, sehr organischen Dirigat in Topform bringt - lauter Namen, die man sich wohl über Dessau hinaus wird vormerken dürfen.

Macht haben immer die anderen Freies Wort, 15.10.2009

von Roberto Becker

Andrea Moses gelingt mit ihrem „Lohengrin“ ein fulminanter Einstieg als Chefregisseurin in Dessau

Es ist fast schon unheimlich: Genau am Tag der Premiere von Andrea Moses‘ „Lohengrin“ in Dessau stirbt Reinhard Mohn, Gründer und spiritus rector der Bertelsmann-Stiftung. Aus solchen Denkfabriken beziehen politische Eliten heute einen Gutteil ihres geistigen Strategie-Dopings. Und das ist in Andrea Moses‘ ersten großen Wagner-Inszenierung ein Thema. Wenn man genau hinsieht, dann liefert der Wunderritter, der aus dem Nichts auftaucht, sich jede Nachfrage nach seiner Herkunft und Legitimierung verbittet, aber Liebe und Gefolgschaft einfordert, tatsächlich die Steilvorlage für eine Analyse der Manipulationsmechanismen, die die Politik heute selbst dann braucht, wenn sie, wie Barack Obama, glaubwürdig an einer Wende zum Besseren interessiert ist.

Wenn der Dessauer Lohengrin schließlich mit einem Gefolge adretter Helferinnen, die ein geistiges Geschenkpaket für jeden dabei haben, genau zum richtigen Zeitpunkt aus der Versenkung auftaucht, und erst dem König und dann Elsa die Hand reicht, dann sieht das in einem Glitzer- und Luftballonregen nicht von ungefähr so aus wie auf einem amerikanischen Wahlkongress. Auch in diesem modernen Bühnenbrabant sind die tatsächlichen Strippenzieher (König Heinrich und sein Vize, der Heerrufer) bestens via Handy mit ihrer Zentrale vernetzt. Und auch hier werden sie durch die diskreten Herren mit Sonnenbrille, Mitschreib-Laptop und Pistolen im Gurt geschützt. Vor Wackelkandidatinnen wie die psychisch offenbar etwas labile Thronerbin Elsa oder vor immer noch vergleichsweise klar denkenden Quertreibern, wie Ortrud und Telramund. Weil die beiden sich als einzige nicht von der verteilten, neuen Bibel mit dem Schwanenlogo drauf oder dem Spruch über der Bühne „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ einwickeln lassen, werden sie bei Andrea Moses zu fast schon positiven Helden. Wobei natürlich auch die beiden der Manipulation Widerstand entgegensetzen, um selbst beim Kampf um die Köpfe im Spiel zu bleiben.

Spannende Geschichte

Am Ende behalten die Mächte, die aus dem Hintergrund und ohne Legitimation herrschen, und ihre militärischen Expansionspläne mit Zustimmung der Massen umsetzen wollen, die Oberhand. Wenn Lohengrin im Brautgemach als eine Art Superberater und Politschauspieler im Solde der Herrschenden auffliegt (Telramund hat eine Filmkopie von der Geldübergabe!), zieht der zwar ab, sorgt aber für einen Ersatzmann, der aus dem Schnürboden einschwebt. Vor diesem noch etwas unfertigen, willfährigen Gottfried freilich ist Elsa dann so entsetzt, dass sie zu guter letzt doch noch zu sich kommt und aus dem Stück und von der Bühne flieht.

Was Andrea Moses abgeliefert hat, ist einen spannend erzählte Geschichte, die mit der klassischen eine zweite, in ihr verborgene miterzählt, ohne die erste zu ignorieren. Das hat in Christian Wiehles Bühne, zwischen dem Auditorium, dem sakralen Hochzeitsgerüst und dem Hochzeitsbungalow über den Wolken einen Raum für spannende, durchweg exzellent erspielte Figurenporträts. Mit Sängerdarstellern von Format. Wie der schon in Meiningen gut bekannten Bettina Kampp, die die Elsa tatsächlich als eine etwas seltsam traumatisierte Frau durch die Welt taumeln lässt. Am Ende aber ist sie die einzige, die sich der um sich greifenden Kriegshysterie entziehen kann.

Andrew Sritheran hat als Lohengrin am Ende genügend Kraft für die sonst fast nie zu hörende komplette Gralserzählung. Der erweiterte Chor wächst stimmlich und darstellerisch über sich hinaus, und auch der neue GMD der Anhaltischen Philharmonie, Antony Hermus, kann den Abend als Erfolg für sich verbuchen. Sicher ging da auch manches schief, und ein so aufgemischter Hochzeitsmarsch ist Geschmacksache – doch insgesamt gab es in Dessau nicht nur auf der Bühne, sondern auch aus dem Graben spannenden, faszinierenden Wagner. Dass Andrea Moses am Ende neben Begeisterung auch Widerspruch erntete, gehört bei Wagner irgendwie dazu. Ihr „Lohengrin“ jedenfalls knüpft an ihr Strauss-Doppel in Meiningen und ihre Weimarer „Turandot“ an. In Dessau jedenfalls sind spannende Theaterzeiten angebrochen.

Massen im Gleichschritt Die Welt, 27.10.2009

von Reinhard Wengierek

Heute Dessau, übermorgen Stuttgart: Andrea Moses inszeniert einen fulminanten "Lohengrin"

Die sagenhaft 215. Spielzeit am Anhaltischen Theater zu Dessau wurde trompetenschrill und violinensüß eröffnet. Die komplett neue Führung unter Generalintendant André Bücker will den zuletzt ziemlich angestauten Muff hinwegfegen, den Ex-Intendant Johannes Felsenstein - Sohn des Opernavantgardisten Walter Felsenstein - in seiner Amtszeit von geradezu stalinistischem Ausmaß hinterließ.

Das Opern-Opening, flankiert von zwei Mal Schauspiel - eine Schleef-Uraufführung unter Armin Petras und Lessings "Nathan" unter Bücker -, dieser Start mit Wagners "Lohengrin" in Regie von Andrea Moses (Opern- und Schauspielchefin) und Antony Hermus (Generalmusikdirektor) war, um es gleich zu sagen, ein Paukenschlag von metropolitaner Kraft, der obendrein anspielt auf die Geschichte des einst von fürstlichen Gnaden gegründeten Instituts, das als ein "Bayreuth des Nordens" galt. Und das auch aus diesem Grunde (und um den "wehrwirtschaftlich" bedeutenden Standort zu umglänzen) von den Wagnerianern an der Nazi-Spitze 1938 einen deutlich überdimensionierten Neubau spendiert bekam.

"Lohengrin" handelt von der verbreiteten Sehnsucht nach einem machtvollen Führer ins Glück, einem verlässlichen Daseinsbeschützer - und obendrein selig machenden Liebhaber. Der Ritter Lohengrin - Andrew Sritheran als starker Mann im Business-Dress mit knallroter Krawatte - als Retter aus verfahrenen Situationen im Sozial-Politischen wie Privat-Erotischen, der jedoch, Wagners dramatischer Kniff, nur zu funktionieren imstande ist bei bedingungsloser Hingabe der sich ihm Anvertrauten: das Volk von Brabant in Kostüm und Anzug sowie die unglücklich einsame Elsa (Bettine Kampp).

Doch es klappt nicht, obgleich schicke Lohengrin-Hostessen unentwegt indoktrinäre Anleitungen zum rechten Glauben an den großen Meister verteilen. Weil: Die Glückseligkeit, die sich die formierte Mehrheitsgesellschaft durch blinde Gefolgschaft erkaufen will, wird von einer kritischen, dabei allerdings auch nicht froh werdenden Minderheit (Elsa; Ortrud: Iordanka Derilova; Telramund: Ulf Paulsen) unmöglich gemacht. Der gebückte Gang unterm Zwang gottgleich sich erhebender Führerfiguren führt nicht ins Heil - das erzählt Andrea Moses so schlüssig wie überraschend heutig. In psychedelisch-sakralen, düster schicken Versammlungsräumen von Christian Wiehle, nicht unähnlich den Hallen der Scientology-Church. Überm Bühnenportal prangt in knalligen Lettern die perfide Losung: "Menschen gestalten, Zukunft bewegen".

Es ist die Beschwörung einer böse dräuenden, quasi-religiös faschistoiden Dunkelwelt. Unheimlich gerade auch dadurch, dass sie in märchenhaftem Schönklang der Anhaltischen Philharmonie sowie nicht ohne menschelnde Komik erscheint. Ein präzis geführtes Spiel, das stringent aufs Tragödische zielt. Auf das wuchtige Warnbild vorm heillosen Gleichschritt-Marsch der Masse ins Manipulierte, Fremdbestimmte, der renitente Individuen überrennt und ausstößt.

Großes Gegenwartstheater mit Wagner als frappierend selbstverständlichem Zeitgenossen. Eine der plausibelsten "Lohengrin"-Produktionen hierzulande; Bayreuth aufgemerkt. Und obendrein die allerbeste Empfehlung für Regisseurin Moses, die in zwei Jahren gemeinsam mit Intendant Jossi Wieler Stuttgarts Staatsoper als Hausregisseurin beglücken wird.

Wagner wählen! Tagesspiegel, 06.10.2009

Jörg Königsdorf

Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Dem Theater Dessau ist mit "Lohengrin" ein großer Wurf gelungen.

Dieser Lohengrin arbeitet mit allen Tricks: Inszeniert sich mit Schwanenlogo und großem Auftritt als Retter des Brabantischen Volks, macht der treudoofen Elsa den Traumprinzen vor und schreckt auch nicht davor zurück, seinen Duellgegner Telramund mit einem fiesen Foul zu Fall zu bringen. Die Geschichte schreiben die Sieger, weiß dieser skrupellose Politprofi – und falls seine Hinterzimmer-Kungeleien mit dem König irgendwann doch rauskommen sollten, kann er immer noch sein Erweckungsprediger-Charisma spielen lassen und die Massen auf sich einschwören.

Es ist schon ein starkes Stück, das das neue Team des Dessauer Theaters dem Publikum zur Saisoneröffnung zumutet. Nachdem hier unter Altintendant Johannes Felsenstein anderthalb Jahrzehnte lang – durchaus erfolgreich – Oper gemacht wurde, die meist genauso aussah, wie man es nach der Lektüre des Opernführers erwarten durfte, kehren sein Nachfolger André Bücker und die neue Chefregisseurin Andrea Moses ostentativ das Unterste zuoberst. Von jetzt an soll in der Bauhausstadt brandaktuelles Musiktheater stattfinden und die Kunst wieder das Gewissen der Gesellschaft sein. „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ lautet das ehrgeizig optimistische Motto, das sich die Dessauer Theatermacher auf die Fahnen und in großen Lettern auch übers Bühnenportal geschrieben haben.

In Dessau wird die Geschichte zum Politkrimi mit menschlichem Tiefgang

Sympathisch ist solche Aufbruchstimmung allemal, und wer weder durch diesen Leitspruch noch durch die Platzierung der „Lohengrin“-Premiere auf den „Tag der deutschen Einheit“ stutzig geworden ist, der merkt sehr schnell, dass das neue Team seinen Anspruch mit Volldampf einlöst: In Dessau wird die Geschichte vom scheiternden Heilsbringer zum Politkrimi mit menschlichem Tiefgang. Systematisch werden die gewählten Schicksalslenker demontiert, werden Glanz und Gloria der wagnerschen Musik als höchst wirksame PR-Mittel interpretiert. Mit dem Resultat, dass die Rollen von Gut und Böse sich völlig neu verteilen, ohne dass dies je gegen Text und Musik verstoßen würde. So ist der Graf Telramund, der die Herrschaft über Brabant erstrebt, kein bloßer Ehrgeizling, sondern der letzte Politiker, der noch einen Begriff von Anstand und Ehre hat. Und Elsa ist kein verzagtes Mäuschen, sondern wird zur eigentlichen Heldin des Dramas: Wenn sie schließlich die verbotene Frage stellt, um die Wahrheit über ihren Helden zu erfahren, ist das der Moment, in dem sie den Betrug Lohengrins durchschaut. Am Ende wird sie unter den heilsgläubigen Brabantern umherwanken wie Kassandra unter den Trojanern – ebenso wenig wie die Wahrheit hat sie selbst hier noch einen Platz.

Schon fast überscharf behält Moses den ganzen Abend über jede ihrer Figuren im Fokus: den steif-korrekten Recken Telramund (Ulf Paulsen), die sexy bitch Ortrud (Iordanka Derilova), den windigen Business-König Heinrich (Pavel Shmulevich), den Politkandidaten Lohengrin und vor allem Elsa, die zu Beginn fast als dumme Gans im Jackie-Kennedy- Outfit erscheint. Dass diese lebensunerfahrene Tussi für die Heilsbotschaften der Gralssekte empfänglich ist, glaubt man jedenfalls sofort – auch weil Bettine Kampp diese naive Verschrobenheit auch wirklich singt und darstellt: Ihr „Einsam in trüben Tagen“ ist die trotzige Traumerzählung eines gealterten Kindes, das erst durch die Enttäuschung erwachsen werden wird.

Echtes Hörtheater

Dieser Dessauer „Lohengrin“ ist ein großer Wurf und vermutlich die spannendste Deutung seit Peter Konwitschnys legendärer Hamburger Inszenierung. Dass ein solcher Kraftakt an einem vergleichsweise kleinen Haus wie Dessau gelingt, liegt allerdings nicht nur an einem gescheiten, minutiös umgesetzten Konzept, sondern daran, dass Moses mit ihren Sängern und nicht gegen sie inszeniert. Andrew Sritherans Lohengrin beispielsweise hat nicht nur das schmierig-süßliche Sektenführer-Grinsen perfekt drauf, sondern singt seinen Schwanenmann auch so: Selbst sein „Elsa, ich liebe dich“ trompetet er mit gleißend metallischem Forte heraus – kein Liebesgeständnis, sondern ein Showact fürs sensationsgierige Volk und die Presse. Oder auch die Gralserzählung: Statt einer weihevollen Legato-Suada singt Sritheran das Stück als spontane Erweckungspredigt. 

Und dann ist da Dessaus neuer Chefdirigent Antony Hermus, der mit seiner Anhaltischen Philharmonie keinen Schönklang ohne szenische Anbindung produziert, sondern mit offenen Augen und Ohren dirigiert. Das ist echtes Hörtheater: Jubelndes Volk und Konfettiregen in den ekstatischen Fanfaren der Trompeten, treuherziger Kirchenlied-Tonfall in den andächtigen großen Chorpassagen, dann wieder, im Brautchor, angenehm leichtfüßig. Wann hat man eine so kluge, lebendige Wagner-Aufführung zuletzt in Berlin erlebt? Auf nach Dessau!

Schwan, Wahn Neues Deutschland, 5.10.2009

Von Irene Constantin

»Start« steht auf dem Programmheft. Sonst nichts. Dessau hat mit André Bücker aus Halberstadt einen neuen Intendanten, ein neues Tanztheater, und es hat nach dem dominierenden Johannes Felsenstein eine neue Chefregisseurin. Mit »Lohengrin«, ihrer dritten Opernregie, gab die vom Schauspiel kommende Andrea Moses ihren Einstand.

Die erste Probe in Wagners romantischstem Musikdrama müssen allerdings Dirigent und Violinen im Orchestergraben bestehen. Achtfach geteilt beginnen sie mit sphärischen Klängen – Montsalvat, heiliger Gral – die Ouvertüre. Und siehe, Anthony Hermus, der natürlich auch neue Orchesterchef, hatte die richtige Hand, den Geigern die nötige Sicherheit zu geben.

Auf der Bühne dösen derweil die Brabanter Volksvertreter vor sich hin. Als es jedoch losgeht mit dem Auftritt des Königs, kommt Spannung in die Menge. Noch spannender wird es mit dem angekündigten Gerichtstag. Freund Telramund mit blondem Extraklasse-Weib Ortrud klagt die leicht Pillen-beschackerte Tussi Elsa des Brudermordes an. Das wäre nichts weiter, aber Elsa ist Erbin von Land und Leuten. Elsa ist Brabant. Der König, stimmmächtig Pavel Shmulevich, hat vorgesorgt. Ein paar Worte ins Handy, Hostessen entern das Parlament, verteilen Broschüren mit Schwanensignet.

Auf der Videowand leuchtet ein weiterer Schwan auf, und dann kommt ER. Schön, strahlend wie ein Bollywood-Star und geheimnisumwoben, wie es sich für jeden evangelikalen Sektenführer gehört. Nie sollst du mich befragen. Alles liegt ihm zu Füßen, Elsa hängt an seinem Hals, alles singt die Verse aus der Schwanenbibel, Telramund wird erledigt, Konfetti, Luftballons, Vorhang, das Publikum ist platt. So hat man sich seinen blausilbernen Ritter nicht erwartet.

Die Demontage des sich willig und unverfroren dem Machtkalkül des Königs zur Verfügung stellenden Helden, die Desillusionierung Elsas, die sich endlich als instrumentalisiert begreift, der schmerzliche Triumph Ortruds, die sich als Einzige nicht einwickeln lässt vom Volksbesäufnis am Schwanenwahn und dafür mit dem Leben ihres Mannes bezahlt – das alles arbeitet Moses mit Kammerspielpräzision heraus. Zum Erstaunen, wie Sänger spielen können, wenn man es ihnen abverlangt – bewunderungswürdig wird es, kennt man die Mühen, die Wagner-Partien dazu der Stimme abverlangen.

Iordanka Derilova beherrscht die Riesenbühne. Die grazile Person gibt alles, um ihren Telramund von der Kapitulation vor dem Macht-Ideologie-Trust König/Lohengrin abzubringen, sich bei der Feindin Elsa einzuschmeicheln. Sie löst ihr Haar, zeigt Bein, beschwört, redet mit ihrer lodernden, strahlenden, schillernden und sanften Altstimme. Telramund, Ulf Paulsen eher markig als differenziert singend, tritt als Schwan auf, versucht Lohengrin mit Ballettschrittchen lächerlich zu machen.

Vorm Brautgemach, dritter Akt, gelingt Anthony Hermus ein Coup. So rasant, wie er die abgeleierte Hochzeitsschnulze vorbeirauschen lässt, hat man diese Vorspiel wohl noch nie gehört. Heiterkeit im Saal. Das von Christian Wiehle errichtete Hochzeitsbett im Wolkenstrom verdiente sie ebenfalls.

Der Lohengrin von Andrew Sritheran: als Typ blendend, mit vielen schönen Tönen, er bringt sich mit Anstand über die Riesenpartie. Bettine Kampp als Elsa: Mit anfangs glasheller Stimme und Mädchengebärde ringt sie sich zur Persönlichkeit durch.

Keine Romantik. Dafür diverse Buhs fürs Regieteam. Dabei blieb er unbeschädigt, Wagners Lohengrin, die Lichterscheinung bei den Menschen, wie eh und je an seiner eigenen Esoterik scheiternd.

Theaterbrief aus Dessau: Wagners „Lohengrin“ und zwei Stunden warten auf den Kuss von Elsa und Ortrud Leipziger Internetzeitung/ Kultur/Theater, 04.11.2009

von Carsten Pietsch

Kaum dass die ersten Ouvertüren-Takte verklingen, dämmert es hinter dem Vorhang. Menschen in heutiger Kleidung lümmeln auf den Tischen und Stühlen einer Konferenz-Arena. Die Strukturen der Macht, der Akteure und der Reagierenden sind klar erkennbar, ein trefflicher und machtsicherer Ort auch für Befragungen und Urteile. 
Elsa hat Gleichgewichts- und Bewusstseinsstörungen, greift zur Pulverdose, die man ihr wegnimmt. Mit Rausch kämpft sie den Abend lang.

„Offenes Land“ ist die Spielzeit übertitelt, die Leitung des Anhaltischen Theaters hat gewechselt. Im Spielzeitheft gibt es vornehmlich Foto-Schnappschüsse aus der Region.

Kein Regisseur muss an dem anknüpfen, was von gleichen Autoren vorher am selben Haus inszeniert wurde, mag es das Publikum tun, wenn ihm danach ist. Johannes Felsensteins Wagner-Sicht auf „Parsifal“ hatte so viel Kunst, wie nötig war, dass man nichts mehr weglassen konnte. Aus einem Holz geschnitzt. Der tote Baum lag auf der Bühne, war Höhle und, wenn er aufgerichtet war, auch Kruzifix in der Gralsburg. 

Andrea Moses geht einen anderen Weg, zeigt pures Heute, setzt als Regisseurin, und in der neuen Dessauer Theaterleitung Schauspielchefin, beim Publikum keine Kenntnisse um Wagner und irgendwelche Zeitereignisse voraus, sie erzählt alles. 
Lohengrin 2009: Menschen gestalten - Zukunft bewegen

Über der Bühne von Christian Wiehle hängt in großen Lettern, die sich grafisch nicht akkurat zu einem Gesamtbild fügen „Menschen gestalten - Zukunft bewegen“. Mit einer solchen Parole, um zwei Worte verdreht, zogen ja tatsächlich Politiker in den Wahlkampf. In dieser Form nun ist sie nicht eine harmoniesüchtige esoterische Anwandlung, sondern Gehirnwäsche, totalitärer Anspruch, ein Apparat. Stilisiert mit einem Schwanenhals, Gefieder und grellem Lichtstrahl. Leider kommt die Regie nicht auf die Idee, die vier Worte der Losung ein paar Mal sinnstiftend zu verändern. 

Da kommt einer daher, meint man müsse ihm folgen, dürfe aber nie fragen, woher er käme. In der Regie von Andrea Moses sieht man auf der Bühne nicht viel andere Kleidung, ebenfalls von Christian Wiehle gestaltet, als die des Publikums, Frisuren und Brillen im Chor scheinen auf Menschenmengen zu verweisen, die auch bei früheren Inthronisierungen schon dabei waren. Ein neuer Heilsbringer kommt auch auf die Zuschauer zu, denn der Chor agitiert mit seinen wappendekorierten Liederbüchern im Saal. Überdeutlich ist der Zeigefinger: Vorsicht vor Uniformitäten, Wappen, Liederbüchern, Vereinnahmungen. Goldglitzer und Luftballons sichern der Putzfrau Arbeit
 Andrew Sritheran singt und spielt den Lohengrin, schwarzhaarig, dunkelhäutig, weltmännisch daherkommend, auf extra eingefahrenem Podest wie in einem eigens errichteten Tempel. Bettine Kampp als Elsa von Brabant und Iordanka Derilova als Ortrud sind Stimmen, die sich schon längst im Wagner-Fach zu Hause fühlen dürfen. Von der Regie kriegen sie interessante Momente. Nach zwei Stunden Spielzeit dürfen sie sich sogar küssen. Am Ende des ersten Aktes gibt es Goldglitzer von oben und Luftballons, eine unvermeidliche Zutat aus dem Werkzeugkasten cooler Ausstatter und Spielleiter. Bleibt für die Phantasie sonst nur noch der Zwischenraum zwischen Schwarz und Weiss, Schatten und Dämmerung?

Immerhin gibt das einer Putzfrau Arbeit, der wir danach zusehen dürfen.
Man sieht sicher auch ohne Kenntnis der Handlungsbeschreibungen, dass es sich hier um einen Intrigantenstadel handelt. Programmhefttexte erzählen mit Namen von Personen und Firmen etwas von heutigen Lobbyismus genannten Einflüssen und Abhängigkeiten zwischen Wirtschaft und Politik. „Du bist Brabant“ steht über der Szene des zweiten Aktes, „Vertrauen in Deutschland“ wird im dritten Akt per Losung eingefordert.

Im Brautgemach sehen wir unter anderem auf am Fenster vorbeiziehende Wolken; landläufig ist das der Alptraum der Darsteller vieler Naturbühnen, dass sich das Publikum vom Bühnengeschehen abwenden könnte, um den vorbeiziehenden Wolken nachzuschauen. 

Man ist schon über Leichen gegangen, hat Fahnen geschwungen wenn Gottfried, wir sind wieder bei Wagners Mythos-Stoff, aus dem Schnürboden herunterschwebt. Dabei werden die Scheinwerfer zum Blenden ins Publikum gerichtet. 

Martin Gregor-Dellin schloss seinen Wälzer der Wagner-Biografie mit den Worten: „Was folgte, ist Nachwelt, eine andere Geschichte, ohne Wagner, und fern ist Heute, von ihm getrennt durch Katastrophen.“ In den Anmerkungen findet sich Gregor-Dellins Kommentar zu Deutungen der Figuren aus dem „Ring des Nibelungen“: „Hagen als Wiedergeburt wäre Hitler usw., aber wozu gibt es Inszenierungen?“ Man kann hinzufügen: „Und dann ist in jedem Fall der alte Wagner an allem Schuld!“

Dessauer Unikat

Zeitreisen auf mehreren Ebenen sind im Theater üblich. Bei Richard Wagners „Lohengrin“ im Anhaltischen Theater Dessau schmilzt der von Wagner geschriebene Mythos zur großen Gefahr in Form von wieder einmal neuen Leitfiguren und Aufmärschen, die mit Wappen und Liederbüchern Seelen fangen. Musiktheater, bei dem zum alten Soundtrack sehr viel zu sehen ist. Sänger sind zu hören, deren Namen man sich merken kann, weil die wagnersingende Reisegemeinde überschaubar ist. Immerhin eine Version anno jetzt, 2009, ein Dessauer Unikat. 



Lohengrin, übernehmen Sie! www.festspiele.de, 5.10.2009

Joachim Lange, www.festspiele.de

Andrea Moses macht in Dessau aus Wagners „Lohengrin“ eine spannende Studie über eine manipulierte Gesellschaft

DESSAU: „Menschen gestalten – Zukunft bewegen“ prangt in großen Lettern über dem gewaltigen Bühnenportal des Dessauer Opernhauses.

Im Laufe des Abends wird einem diese griffige „human coaching“ Losung immer klarer und immer unheimlicher. Die neue Chefregisseurin des Hauses, Andrea Moses, macht in ihrer Einstandsinszenierung nämlich aus Wagners „Lohengrin“ vor allem eine packende Studie über die Manipulierbarkeit der Massen und über die Undurchschaubarkeit von Machtstrukturen. Sie zeigt, wie Menschen, die dagegen kämpfen, nicht mehr funktionieren oder auf der Strecke bleiben, aussortiert oder ersetzt werden. Das war nach den fast zwei Jahrzehnten, in denen Walter Felsensteins Sohn Johannes hier das (Theater erhaltende) Intendanten-Zepter führte, als Regisseur aber demonstrativ eine eher konservative Opernästhetik pflegte, für einen Teil des Publikums ziemlich neu und zu viel.

Dabei haben Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle Wagners Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um die Macht und die Frage, ob die Freiheit Brabants an der ungarischen Grenze verteidigt werden muss. Dass bei dieser Regisseurin (nach ihrem atemberaubend gegenwärtigen Nahost-Strauss Doppel mit „Salome“ und „Elektra“ in Meiningen und ihrer nicht minder packenden US-Fernsehshow „Turandot“ in Weimar) „Lohengrin“ vom Märchen zum Gegenwartsstück werden würde, war nicht anders zu erwarten. Am Ende marschieren sie denn auch alle im Gleichschritt unter wehenden Fahnen im wahrsten Wortsinn rückwärts in den Krieg und nur Elsa entkommt dem triumphierenden Wahnsinn über den Zuschauerraum.

Wo Katharina Wagner in Budapest in ihrem „Wende“ – Lohengrin den 89er Bruch verarbeitet und der junge Regisseur Florian Lutz in Gera-Altenburg die Nachwende-Zeit im Osten Deutschlands thematisiert hat, da verlängert Moses dieses Lohengrin-Potential sozusagen in die drohende Zukunft einer durchmanipulierten, von nicht legitimierten Mächten gelenkten Gesellschaft. Ohne auf eine allzu direkte politische Metaphorik auszuweichen. Das bleibt mit „Du bist Brabant“ überm Traualtar und einem eher ironischen „Vertrauen in Deutschland“ über dem Brautgemach-Bungalow mit seinem ebenso ironischen Wolke Sieben Video und etwas Bühnennebel eher in der Andeutung. 
 Zu Beginn sieht man in einer Art Auditorium, das Hörsaal oder auch Parlament sein könnte, die Brabanter noch als ziemlich individuelle und offensichtlich in verschiedene Lager differenzierte Zeitgenossen. Manche lesen Zeitung, einige stricken, andere reden miteinander und ein paar smarte Herren verstecken sich hinter ihren Sonnenbrillen und füttern ihre Laptops.
Und auch als der König und sein Heerrufer eintreffen und mit Friedrichs Anklage gegen Elsa der Kampf um die Macht beginnt, ist das Pro und Kontra noch deutlich wahrnehmbar. Doch der zum Krieg rüstende Heinrich und sein Heerrufer verlassen sich nicht auf die bedingungslose Gefolgschaft der Brabanter oder strategische Argumente. Sie haben einen Plan und der heißt Lohengrin. Der Superheld, der Strahlemann mit Charisma, der hochgepuschte Messias. Er wird mit einem medialen Brimborium von Obamascher Perfektion denn auch installiert. Da greift der König selbst zum Handy und setzt seinen backstage wartenden Kandidaten punktgenau in Marsch, da gibt es mit Schwanen-Auftritts-Video, Schaukampf und einer ganzen Truppe von ideologischen Hostessen, samt neuer Bibel mit aggressivem Schwanenlogo in der Geschenktüte, eine Art von fingierter Kandidatenkür.
Der Heerrufer ist in diesem Spiel dafür verantwortlich, dass Elsa, die sich hier tatsächlich so seltsam bewegt, wie sie redet, nicht aus der ihr zugedachten Rolle fällt. Als Telramund sie in aller Öffentlichkeit auffordert, das Frageverbot zu brechen, reicht ihr der Heerrufer schon mal auf seinem Minidisplay den Text. Er dirigiert das Verhalten der Massen und überwacht und lenkt Elsa. Bis eben auch sie im Brautgemacht nicht mehr „funktioniert“. Hier lässt Telramund schließlich auch Lohengrin auffliegen. Er hat einen Mitschnitt, auf dem man sieht, wie der Held für seinen „Auftrag Brabant“ abkassiert…
 Diese enthüllende Sichtweise ist nahezu konsequent und läuft im szenischen Detail mit einer bis zum letzten Choristen durchgestalteten Personenregie als spannender Thriller ab. Dass es dann Lohengrin ist, der dem König und dem Heerrufer eine Telefonnummer zusteckt, über die sie den Ersatz-Jungen (noch ziemlich „unfertig“ und mit Maske) aus dem Schnürboden einschweben lassen können, ist mit Blick auf das Wissen Lohengrins über Gottfrieds Verbleib zwar einleuchtend, wäre aber in der Logik der erzählten Geschichte auch als Plan B der beiden Strippenzieher denkbar gewesen. Sei‘s drum.
 Für die hier mitgelieferte, äußerst selten zu hörende zweite Strophe der Gralserzählung, die über Gottfrieds Schicksal aufklärt, hat der junge neuseeländische Tenor Andrew Sritheran jedenfalls genügend Kraft. Die kleinen Angestrengtheiten lagen zum Glück vor dem „In fernem Land…“ Auch sonst kann Dessau (das ja ein Theater mit großer Wagnervergangenheit und nie ganz abgerissener –Gegenwart ist) ein Ensemble von Sängerdarstellern aufbieten, das sich hören und sehen lassen kann. Es ist imponierend mit welcher darstellerischen Intensität und stimmlichen Wucht Iordanka Derilova eine mit allen Mittel kämpfende Power-Ortrud liefert und Ulf Paulsen als Telramund auch in seiner Niederlage souverän der Mann an der Seite seiner strategisch denkenden Frau ist. Bettine Kampp ergänzt ihre wunderbar klare Elsa um eine Studie einer stets manipulierten Frau, die sich erst am Ende aus dem Alptraum dieses Lebens befreien kann. Pavel Shmulevich macht aus dem König mit nobler Wucht einen modernen Manager der Macht und der junge Wiard Witholt ist seiner Rolle als Sprecher und Coach Elsas in jeder Hinsicht gewachsen! Die Spielfreude auch des aufgestockten Chores war allenthalben spürbar.

Alles in allem überzeugte auch die Anhaltische Philharmonie unter ihrem neuen Chef Antony Hermus. Obwohl das beim Vorspiel noch nicht so klar war, etliche Patzer dazwischenfunkten und Hermus aus dem Hochzeitsmarsch zum Beginn des dritten Aufzug einen Geschwindmarsch machte, der (vielleicht ja bewusst) mehr einer Parodie dieses Ohrwurms glich. Doch im Ganzen fand das Orchester überzeugend zu seinen Qualitäten, lieferte im dramatischen Auftrumpfen der Massenszenen das martialisch Enthüllende ebenso mit, wie dann doch noch die betörenden Gralsklänge. Alles in allem ist Dessau ein spannender und lohnender Neustart gelungen. Und das Anhaltische Theater liegt ja nun keineswegs in fernem Land.


Gralsritter als Obama-Double klassik.com, 4.10.2009

klassik.com von 04.10.2009

Regisseurin Andrea Moses zeigt Polit-Lohengrin
Beginn einer neuen Opernära in Sachsen-Anhalt

Wer hätte gedacht, dass es ausgerechnet im Anhaltischen Theater Dessau – diesem grandiosen Nazi-Klotz von 1938 mit der außergewöhnlichen Bühnentechnik und Akustik – eine der besten und unterhaltsamsten 'Lohengrin’-Aufführungen geben würde, die ich je live gesehen habe? (Ich nicht.) Entsprechend war ich überaus überrascht von dieser in jeder Sekunde intelligenten, durchdachten und bis ins kleinste Detail brillant exekutierten Wagner-Aufführung. Dass sie solchen Eindruck machte, lag an vier Dingen. Zuerst: Der neue GMD des Hauses, Antony Hermus, schaffte es, die Monsterpartitur mit der nötigen Wucht zu stemmen und stets im Fluss zu halten, aber gleichzeitig niemals die Sänger zu überdecken, selbst beim gleißendsten Muskelspiel. (In der Tat - ein Wunder, denkt man etwa an Barenboims ohrenbetäubenden 'Lohengrin’ kürzlich in Berlin.) Hermus trägt seine Solisten wie auf Händen, zwingt sie nie zum Forcieren und lässt wundersam lyrische Momente zu, die aber die Knalleffekte nicht ausschließen. Zudem spielt die Anhaltische Philharmonie unter seiner Leitung grandios auf. Natürlich haben Luxusklangkörper aus Wien, Berlin oder Amsterdam mehr Glanz und Glitzer im Sound, aber für die erste gemeinsame Arbeit von GMD und Orchesters war dieser 'Lohengrin’ eine außerordentliche, und zwar eine außerordentlich vielversprechende Leistung, auch was die Koordination der verschiedenen Klangkörper im Saal, hinter der Bühne, der Chormassen vor, neben, hinter den Kulissen und der vielen Solisten angeht. Bravissimo!

Dann war die Regie der neuen Oberspielleiterin des Hauses, Andrea Moses, trotz der (überflüssigen) Aktualisierung ins Zeitgenössisch-Politische - mit Lohengrin als Obama und Brabant als eine Art Deutscher Bundestag - eine überzeugende Arbeit, die besonders wegen der punktgenauen Personenführung und der vielen durchdachten Details beeindruckte. Da Christian Wiehle dazu eine Bühne gebaut hat, die die volle Tiefe und Weite der Riesenbühne nutzt, gelangen einige atemberaubende Verwandlungen, etwa wenn im 2. Aufzug die Kirche von ganz hinten langsam nach vorn fährt und sich dabei (mit Chor) einmal um die eigene Achse dreht. Auch die Hochzeitsnacht in einem schwebenden Pavillon mit Wolken-Projektion auf der Rückwand war eindrucksvoll – vom hereinschwebenden Knaben Gottfried (als Mini-Lohengrin, nachdem er von den Gralsrittern einer Gehirnwäsche unterzogen worden war und nun nur noch eine Politik-Marionette ist) ganz zu schweigen. Da ich zuletzt nur Inszenierungen gesehen habe, wo (bei Pierre Audi in Amsterdam und Kirsten Harms in Berlin) schlicht keine Personenregie vorkam, war es eine Offenbarung, in Dessau zu erleben, wie viel gut geführte, spielfreudige Solisten ausmachen, selbst wenn sie nicht über optimale Wagner-Stimmen verfügen.

Dann ist der von Helmut Sonne perfekt einstudierte Chor, Kinderchor und Extrachor als Erfolgsgarant zu nennen und – last but not least – ein Sängerteam, das sich mit spürbarer Leidenschaft in dieses Interpretationsabenteuer stürzt. Vor allem die leicht ‚entrückte’ Elsa von Bettine Kampp muss da erwähnt werden. Wie sie die Jungfrau als Gaga-Politikerfrau im Jacky Kennedy Outfit (ganz in weiß und mit Sonnenbrille) darstellt, bei der man nie weiß, ob sie einem in ihrer Tollpatschigkeit und/oder Besoffenheit Leid tun soll oder ob sie verrückt ist und lächerlich, das war toll. (Auch wie sie Lohengrin am Ende seine ‚Bibel’ mit dem neuen Politikprogramm vor die Füße wirft, vor der Gralserzählung.) Vokal allerdings war Kampp uneben, da sie ihre schöne lyrische Stimme unnötigerweise abdunkelt und an Stellen dramatischer macht, als ihr gut tut. Das wäre gar nicht nötig, weil Antony Hermus das Orchester immer zügelt. Eine mit reinen Belcanto-Mitteln und Vokalen gestaltete Elsa ist hörbar möglich für Kampp. Sie müsste es nur wollen... und sich trauen. (Statt Elektra und Brünnhilde mit einer – im Grunde – Rosalinden-Stimme zu singen.) Spielerisch und teils auch vokal eindrucksvoll waren der agile Ulf Paulsen aus sexy Telramund-mit-Aktenkoffer-und-Vollbart und Iordanka Derilova als Ortrud-Vamp in Knallrot, High Heels und mit auftrumpfenden hochdramatischen Höhen. Pavel Shmulevich als kleinwüchsiger, kernig singender König Heinrich wurde von der Regie mit seiner Körpergröße kongenial ins Regiekonzept eingebaut, ebenso wie Wiard Withold ein überraschend aktiver und hintergründiger Heerrufer war. Normalerweise tut der ja kaum mehr als sein Rollenname verlangt, Withold und Moser machen aus ihm aber einen zwielichtigen Strippenzieher in dieser Politikfarce/tragödie, bei dem man nie weiß, ob er so unschuldig Bubihaft ist, wie er aussieht, oder ob sich da Abgründe auftun, von denen man lieber nichts wissen will. Da ich Withold seit seiner Amsterdamer Zeit nicht mehr gehört hatte, war ich überrascht, wie fabelhaft er sich stimmlich aber vor allem darstellerisch entwickelt hat. (Er ist neues Ensemblemitglied in Dessau und wird noch an weiteren Premieren diese Saison beteiligt sein.)

Wirklich problematisch war für mich lediglich der dunkelhäutige Lohengrin des Neuseeländers Andrew Sritheran. Nicht optisch, denn er sieht aus wie der perfekte geleckte Politik-Playboy und spielt überzeugend, um nicht zu sagen: einnehmend. Aber er hat mit der Partie hörbare Probleme. Sie liegt ihm nicht gut in der baritonal timbrierten Stimme bzw. er forciert seine Stimme schon beim ersten Auftritt ('Mein lieber Schwan’) so, dass man bangt, ob er das bis zum Ende durchhält. In der Brautnachts-Szene bleibt ihm dann tatsächlich mehrmals die Stimme weg, die ungekürzte Gralserzählung mit zwei Strophen schafft er nur mit eiserner Willenskraft und Technik. Vielleicht war das der Nervosität des Rollendebüts geschuldet und gelingen die Folgevorstellungen entspannter – und stimmlich lockerer? Es wäre ihm und dem Publikum zu wünschen.

Das voll besetzte Haus reagierte auf die musikalische Leistung des Abends mit frenetischem Applaus, besonders für Hermus, Kampp und Withold. Das Regieteam musste einige heftige Buhs einstecken, die aber sofort – schon bei den Aktschlüssen – von ebenso vehementen Bravos gekontert wurden. In Dessau hat offensichtlich eine neue Ära begonnen. Und wenn diese erste Premiere unter neuer Intendanz und mit neuem GMD ein Gradmesser ist, dann darf man auf spannende Zeiten in Sachsen-Anhalt gefasst sein. Immerhin wird Antony Hermus diese Spielzeit noch 'Die Stumme von Portici’ leiten, eine Grand Opéra von Auber, die ihm sicherlich nochmals überregionales Interesse bescheren wird. (Eine CD- und mögliche DVD-Produktion sind geplant.) Bis dahin kann ich nur allen verzweifelten Großstadt-Opernfreunden empfehlen, sich diesen so restlos unterhaltenden und vielfach befriedigenden 'Lohengrin’ in Dessau anzugucken. Vielleicht erlebt man das Regieteam und den Dirigenten bald auch mal in Berlin, zur Hebung des hiesigen Niveaus? (Jedenfalls war fast die gesamte Berliner Kritikergilde nach Dessau zur Premiere gereist - sicher nicht ohne Grund.)

Polit-Thriller im Pop-Zeitalter opernnetz.de, 4.10.2009

www.opernetz.de vom 4.10.2009

von Axel Göritz

Kein in Silberrüstung glänzender Ritter und Retter, stattdessen in Machtkämpfe verstrickte Politiker mit Laptop und Handy - die neue Leitung in Dessau wagt mit der Eröffnungspremiere des Lohengrin den Bruch mit der Vergangenheit der sogenannten werkgetreuen Wagner-Inszenierungen.

Statt auf brabantischem Felde sind wir während eines Parteitages in einem halbrunden, leicht ansteigenden Kongress- oder Plenarsaal, die Delegierten dösen trotz der Übertragung der Redner auf eine Großbildleinwand vor sich hin, bis einer der Machtpolitiker (Telramund) massiven Streit vom Zaune bricht und die Gegenseite übelst beschuldigt. Der Präsident (König Heinrich) versucht zu beschwichtigen, auszugleichen, gibt sich aber dem ersehnten und wie durch Zauberhand des naiven Girlies Elsa plötzlich auftauchenden Retter Lohengrin geschlagen, der mit seinem inszenierten Einzug in den Saal die Massen nicht zuletzt dank seines Slap-Stick-Videos mit dem Schwan mitreißt.

Die unbedarfte Elsa, die mehr aus Zufall denn aus Absicht in das Politikgetümmel geraten ist, himmelt ihren und des Landes Retter quotentauglich an - ein neuer Politstar ist geboren und wird mit Konfetti, Luftballons und den sich im Takt der Musik wiegenden, mit den Fingern schnippenden Delegierten enthusiastisch als Heilsbringer gefeiert. Dieses Konzept ist zwar nicht der traditionelle Lohengrin, aber es passt, es stülpt der Oper nicht etwas Fremdes über und zwängt es nicht in ein aufgesetztes neues Raster (wie zuletzt der Puppen- und Marionetten-Lohengrin von Stefan Herheim in Berlin oder Lohengrin als Zimmermann und Häuslebauer in der Regie von Richard Jones in München), sondern bleibt sehr nahe am Text, übersetzt ihn lediglich in moderne, heutige Bilder. Zum Schluss des ersten Aktes großer, einhelliger Beifall. 
 Auch im zweiten Akt mit der dramatischen Auseinandersetzung und der Intrige des bösen Paares Ortrud und Telramund hat Regisseurin und Oberspielleiterin Andrea Moses der Handlung und den Darstellern alles sonst übliche opernhafte Pathos so weit wie möglich ausgetrieben. Gezeigt wird eher ein Polit-Thriller im Pop-Zeitalter, mit den dazu passenden emotionalen, auch überdrehten und für ein Massenpublikum inszenierten Höhepunkten. Beeindruckend die glänzende Personenregie, so die drastisch gezeigte Hörigkeit Telramunds gegenüber Ortrud, der nicht nur singende, sondern darstellerisch höchst präsente Chor, oder die anrührende Szene, als Elsa der vermeintlich verweinten Ortrud die Tränen aus dem Gesicht wischt und deren Make up wieder auffrischt. Als kleine sinnfällige Bühnenzauberei entpuppt sich das Hochzeitsbild (Bühne und Kostüme: Christian Wiehle), in dem sich ein übergroßes Kirchenfenster auf der Drehbühne zum Chorraum für die Trauungszeremonie wandelt. Als dann aber bei dieser für die bunten Blätter inszenierten Hochzeit im Blitzlichtgewitter Telramund seine neuen Anschuldigungen in einer Art Schwanen-Ballettröckchen über die Bühne tippelnd vorbringt, war das für manchen Zuschauer denn doch zuviel an Pop-Lustigkeit und hintergründiger Ironie. Neben erneutem Beifall auch deutliche Buhs zum Aktschluss. 
 Der dritte Teil mit dem Brautgemach und der alles zunichte machenden Frage nach dem Woher des unbekannten Retters schließt sich mit präziser Personenführung zunächst nahtlos an - so ist etwa Elsa mehr in ihr Hochzeitskleid als in den großen Namenlosen verliebt, entzieht sich ihm, macht ihre Distanz deutlich - dann aber übernimmt sich die Regie mit ihren politischen Anspielungen. In einem wackligen Video erscheinen in undurchsichtigen Gängen und Zimmern Lohengrin und König Heinrich, es tauchen Koffer auf, Briefumschläge wechseln die Besitzer. Lohengrin vom König geschmiert, auch nur einer der windigen, bestechlichen Politiker, der Heilsbringer von Telramund entlarvt? Oder umgekehrt? Da bleibt zu viel unklar, hier überdreht die Inszenierung ihr Konzept, wird unglaubwürdig. Zu platt dann auch der Schluss, als sich die Menge nicht mehr locker zur Musik wiegt, sondern vor dem neuen Herrscher Gottfried und über dem regelrecht in der Versenkung verschwundenen Lohengrin im Gleichschritt paradiert. Buhgewitter. 
 Die Darsteller haben ausnahmslos bewundernswert agil gespielt, das war über weite Strecken eher gutes Schauspiel-Theater statt tradierte Opernkonvention mit Stand- und Spielbein. Am rollengerechtesten besetzt und voll überzeugend in Stimme und Spiel war der prägnante Heldenbariton des Telramund von Ulf Paulsen. Für seine Frau Ortrud besitzt Iordanka Derilova zwar einen machtvoll strömenden hochdramatischen Sopran, für diese Rolle aber müsste sie noch mehr in das tiefere, abgründigere und teuflische ihrer Stimme investieren. Der kraftvolle König Heinrich war bei Pavel Shmulevich in guten Händen, ebenso wie der Heerrufer bei Wiard Witholt. Bettine Kampp setzte das atypische Rollenkonzept eines kleinen verwirrten, naiven Mädchens, das sich plötzlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses findet und erst mit der Zeit zur eigenständigen Frau heranreift, gekonnt um. Ihr runder, voller, nicht allzu großer Sopran überzeugte vor allem in der Mittellage. Der Titelheld, Andrew Sritheran, verfügt über einen jugendlichen, baritonal gefärbten Heldentenor, der aber bei den mit der Lohengrin-Rolle verbundenen hohen Stimmlagen wohl doch überfordert ist und zum Ende hin auch einbrach. Dies ist nicht sein Stimmfach. Der Chor unter Helmut Sonne zeigte sich in seiner großen Partie bestens aufgelegt. 
 Der neue Generalmusikdirektor Antony Hermus begann mit dem ersten Vorspiel etwas verhalten, übte mit der Anhaltischen Philharmonie auch eine dezente Zurückhaltung in der Sängerbegleitung und gewann erst im Laufe des Abends mit dem Orchester eigenständiges Profil. Das recht forsch genommene Vorspiel zum dritten Akt offenbarte allerdings auch Defizite im Orchester, das sich durchaus als ein traditionsreiches Wagner-Ensemble versteht, das auch schon als „Bayreuth des Nordens“ gefeiert wurde. 
 Das erwartungsvoll gespannte Publikum feierte die musikalische Seite einhellig. Alle Sänger (der Lohengrin etwas weniger) wurden mit großem Beifall bedacht, ebenso das Orchester und der Dirigent. Beim Regieteam hielten sich Bravo-Beifall und Buh-Rufe in etwa die Waage. 


Dessaus Neustart - Newcomerin Andrea Moses inszeniert Richard Wagners "Lohengrin" deutschlandfunk, 4.10.2009 (Audio)
Jörn Florian Fuchs im Gespräch
abspielen zum Anfang stumm
Dessaus Neustart - Newcomerin Andrea Moses inszeniert Richard Wagners "Lohengrin" deutschlandfunk, 4.10.2009 (Audio)
Jörn Florian Fuchs im Gespräch
Premiere am Nationalfeiertag: »Lohengrin in Dessau« mdr-figaro, 5.10.2009 (Audio)
mdr-figaro vom 5.10.2009
497