Landscape - Kritik der Liebe (UA)

Eine barocke Shakespeare Ergehung

eigene Microsite: www.kritik-der-liebe.de

Das »Luisium«, der klassizistische Landsitz der Fürstin Louise von Anhalt-Dessau, ist der Schauplatz für das Theaterprojekt »Landscape – Kritik der Liebe«. Zwischen 1774 und 1778 legte Friedrich Wilhelm von Erd­mannsdorff, gemäß dem Auftrag von Fürst Franz von Anhalt-Dessau, die Häuser und den englischen Landschaftsgarten an. Fürstin Louise liebte diesen Ort und soll sich hier aufgrund ihrer unglücklichen Ehe mit dem Fürsten immer häufiger aufhalten. Die Sonette von William Shakespeare und Gedichte von Friedrich von Matthisson bilden demgegenüber die textliche Grundlage und sind der Spiegel einer ver­letzten Seele.

HÖRBEISPIELE
John Playford: „Chirping of the Nightingale“ (aus: Chirping of the Nightingale mit der Lautten Compagney und Wolfgang Katschner)
Henry Purcell: „Attempt From Love's Sickness“ (aus: Songs of an English Cavalier mit der Lautten Compagney, Wolfgang Katschner und Kobie van Rensburg)
„Blackheath“ (aus: Chirping of the Nightingale mit der Lautten Compagney und Wolfgang Katschner)

Musik, Tanz, Gesang und Sprache sind über den Park verteilt, der wiederum den Widerstreit von Gefühl – Natur – Leidenschaft – Ordnung versinnbildlicht. Die Aufführung erschließt die Kunstlandschaft mit Schauspielern, Musikern, Tänzern und Instrumentalisten und stellt Sicht-und Klangachsen innerhalb des Parks her. Bewegung, Sprache, Musik und Licht kreieren Kraftfelder, die sich in Zeit und Raum verschieben. Der Zuschauer dringt in sie ein und verändert sie somit. Der Beginn in den frühen Morgenstunden verstärkt die Sinneswahrnehmungen der Zuschau­er, in deren Blick sich die Teile erst zu einem Gesamtbild fügen. Ein Spiel mit dem natürlichen Licht wird möglich, der Park enthüllt sich als arkadische Landschaft – der Park erklingt als Ganzes.

Gefördert durch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Stadtsparkasse Dessau

In Kooperation mit der Kulturstiftung DessauWörlitz und der Gartenreich Gastronomie GmbH

Inszenierung André Bücker
Musikalische Leitung Wolfgang Katschner
Ausstattung Suse Tobisch
Choreographie Tomasz Kajdanski
Dramaturgie Sophie Walz
Gesangssolisten Kristina Baran / Anne Weinkauf / Christoph Burmester / Christian Most
Luise Christel Ortmann
Johanna Susanne Hessel
Luise Katja Sieder
Goodfellows Jens Tramsen / Thorsten Köhler / Patrick Rupar
Johann-Friedrich Eyserbeck Boris Malré
Friedrich von Matthisson Gerald Fiedler
Aloys Hirt Sebastian Müller-Stahl
Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf Karl Thiele
Lautten Compagney Berlin
Ballettensemble des Anhaltischen Theaters

PRESSESTIMMEN

Katja Eichhorn, 3Sat Kulturzeit 6.6.2011

Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung, 4.6.2011

Amors Pfeile fliegen durch das frühe Morgenlicht Eine Theatervorstellung, die um fünf Uhr in der Früh beginnt. Oder abends um neun. Im Freien. Man kann das verrückt finden, aber kein Mensch ist gezwungen, sich darauf einzulassen. Wer sich indes frei dafür entscheidet, wird nach zwei morgen- oder abendkühlen, magischen Stunden mit erfrischter Seele aus dem Park des Schlosses Luisium in die alltägliche Welt zurückkehren und sie verändert sehen. Dabei werden im grünenden Garten ausdrücklich elegische, wenn auch heiter grundierte Dinge verhandelt. Gleichwohl, sie drücken nicht nieder, auch wenn sie schon ernst genommen werden wollen.
Diese Balance ist es, die lebensnahe Verschwisterung von Bitternis und Scherz, die das Experiment der Theaterleute gelingen lässt. André Bücker, Generalintendant des Anhaltischen Theaters, hat das intelligente, kurzweilige Spiel inszeniert, Wolfgang Katschner, Chef der Berliner Lautten Compagney, sorgt mit seinem Ensemble für den barocken Klang. Und das Wetter hätte schöner nicht sein können zur Premiere am Himmelfahrtstag. Auch das war noch ein Antrieb für sich: Früher als die notorisch angesäuselten Vatertagstrupps im Freien unterwegs zu sein und dem Aufsteigen der Sonne beizuwohnen, während einen ein rührender, schießfreudiger Amor und beschwörend, doch diskret raunende Faune begleiten. Und einem von ihnen gelingt ein ums andere Mal ein großartiges, irritierendes Mäh.
Wozu aber wird man bei "Landscape - Kritik der Liebe" überhaupt gebeten, weshalb an diesem Ort und am liebsten in aller Herrgottsfrühe, auch wenn es die meisten der noch ausstehenden Aufführungen um neun Uhr abends geben wird? Eingebettet in Shakespeare-Sonette und Gedichte Friedrich von Matthissons geht es um die titelstiftende "Kritik der Liebe", das heißt, um Melancholie und Einsamkeit, wie Louise sie empfunden haben muss, die unglücklich ungeliebte Frau des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau.
Mit dem hatte sie eine arrangierte Ehe geschlossen, er kümmerte sich neben Regierungsgeschäften und dem mit seinem Freund, dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, betriebenen Ausbau des Wörlitzer Gartenreichs lieber um seine Geliebte als um seine Frau. Immerhin ließ er ihr eben das Schloss Luisium samt englischem Garten quasi als Entschädigung erbauen und einrichten - einen Ort, den Louise sehr geliebt hat. Und nun, als seien nicht mehr als 200 Jahre seitdem vergangen, tummeln sich die historischen Gestalten am überlieferten Ort. Des Fürsten Freund Erdmannsdorff (Karl Thiele) am Schlangenhaus, der Dichter Matthisson (Gerald Fiedler), der Louise (Christel Ortmann) nahestand, an der Grotte des Schlossparks. Auf dem See fährt indessen Louisens Freund Aloys Hirt (Sebastian Müller-Stahl) deklamierend mit einem Bötchen hin und her. Und immer wieder grätscht Amor dazwischen, während der schwarze Engel des Todes bedrohlich und augenzwinkernd zugleich an die Endlichkeit unseres Tuns erinnert.
Überhaupt ist dies ein heutiges, nicht nur ein Historienspiel. Lieben und auf Liebe hoffen sind so beständige Themen wie zuverlässig die Sonne aufgeht. Und dass Konventionen einerseits, der fröhliche Gebrauch (oder Missbrauch) der Macht andererseits noch eine Rolle spielen, ist ebenso gewiss. Dies alles gewinnt im erst diffusen, dann allmählich heller werdenden Licht des beginnenden Tages allmählich Klarheit. Immer wieder zieht dabei der Garten selbst als Mitspieler die Aufmerksamkeit auf sich und fordert Respekt für seine Schönheit. So geht man durchaus erhoben in den Tag. Oder eben in die Nacht, wenn abends gespielt wird. Dafür haben Bücker, Katschner und Co. den begeisterten Schlussapplaus mehr als verdient.

Helmut Rohm, Volksstimme, 4.6.2011

"Barocke Ergehung" im Park des Luisiums

Es ist Himmelfahrtstag, kurz vor fünf Uhr. Über 200 Frühaufsteher haben sich an den Eingängen zum Dessauer Luisium, dem klassizistischen Landsitz der Fürstin Louise von Anhalt, eingefunden. Ein Goodfellow, ein "lustiger Geselle" im Schelmenkostüm, lädt ein: "Von nun an bist Du frei./Folge Deinem Willen/.../Der Park kann Sehnsucht wecken oder stillen/.../ Tritt nur herein!/Und lausche uns’ren Klängen ... So erleben die Gäste bei aufgehender Sonne und erwachender Natur den Auftakt zur Premiere von "Landscape – Kritik der Liebe". André Bücker, Generalintendant des Anhaltischen Theaters, inszenierte eine "barocke Shakespeare-Ergehung im Park Luisium". Den musikalischen Part übernehmen die Musiker der Lautten Compagney Berlin, eines der renommiertesten Ensembles für Barockmusik auf historischen Instrumenten, unter Leitung von Wolfgang Katschner. Die textliche Grundlage bilden Sonette von Shakespeare und Gedichte von Friedrich Matthisson.
Natur stellt Bühnenbild
Der Park beginnt zu leben, arkadische Landschaften tun sich auf. Wunderliche Figuren huschen vorbei. Täuschend echte "Mähs" sind zu hören. Das sind Faune, sonderbare gehörnte Mischwesen, die gerade der Mythologie entsprungen scheinen. Hin und wieder entdeckt der Besucher den flinken Amor mit Liebespfeil und Bogen. Der schwarze und der weiße Engel präsentieren sich. In diesem Bereich agiert die Ballettcompagnie des Anhaltischen Theaters (Choreografie Tomasz Kajdanski).
Es ist die Intimität des Parks mit seinen verschlungenen Wegen und reizvollen Sichtachsen, es sind die besonderen Architekturen und scheinbar natürlichen Gegebenheiten der Anlage, die den Gast unaufdringlich zu immer neuen reizenden Eindrücken geleiten. Kleine Instrumentalgruppen, sprichwörtlich vom Scheitel bis zur Sohle im barocken Weiß, intonieren anmutig und einfühlsam Musik, unter anderem von Purcell, Dowland. Mit dabei sind vier Gesangssolisten.
Der Gast verweilt, hört zu, spendet Beifall, bleibt oder geht weiter. Welchen Weg er einschlägt, ist egal, immer wird er bald auf neue Erlebnisse treffen. Alles ist ganz ohne Hektik, viel mehr Genuss und Erbauung. Das Bühnenbild "stellen" die Natur und der Park. Für die Beleuchtung sorgt die aufgehende Sonne. Einen akustischen Background steuern Vögel und Frösche, das leise Rauschen der Blätter im schwachen Wind bei.
Louise und Gefährten
Aus der Ferne vernimmt man Musik, Gesang oder das gesprochene Wort. Anlass, auch dort mal zu schauen. Die Sichtachsen des Parks sind zu Klangachsen geworden. Die handelnden Menschen und Figuren präsentieren sich in wunderschönen traumhaften Kostümen (Ausstattung Suse Tobisch). In der Nähe des Schlosses trifft der Gast auf Fürstin Louise. Sie suchte wegen ihrer unglücklichen Liebe mit Fürst Franz oft Zuflucht in "i"hrem Luisium". An anderen Stellen sind es historische Personen aus dem Umfeld der Fürstin. Der Gärtner Johann Friedrich Eyserbeck, der Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf, der Fürstinnenfreund Aloys Hirt, der Dichter und Vorleser Friedrich zu Matthisson agieren gewissermaßen als Zeitzeugen. Drei Goodfellows treiben miteinander oder mit Gästen manchen Schabernack. Diesen Part gestalten die Mitglieder des Schauspielensembles. Nach etwa zwei Stunden rufen Fanfarensignale Ausführende und Gäste zu einem kurzen Finale vor die Orangerie. Es gibt sehr viel Beifall. Es folgt ein (beim Kartenkauf zu bestellender) kulinarischer Abschluss.

MDRum12, 2.6.2011 (Ausschnitt)

Tagesschau vom 1.6.2011, 9:55 Uhr (Ausschnitt)

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