Lady Macbeth von Mzensk

Oper von Dmitri Schostakowitsch

Im abgelegenen Mzensk wird Katerina Ismailowa zur Lady Macbeth. Die junge, gelangweilte Frau nimmt sich, was sie haben möchte – den Liebhaber, die Freiheit, die Traumhochzeit – und räumt rücksichtslos aus dem Weg, was sie einengt – den schwachen, ewig handlungsreisenden Gatten und den gewalttätigen Schwiegervater. Einen Moment lang scheint sie zu besitzen, wonach sie sich sehnt: Freiheit, Liebe, Sex. Doch in das Mahlwerk der Gewalt, das sie in Gang setzt, gerät sie schließlich selbst. Der Traum vom Glück zerrinnt im Schlamm eines sibirischen Arbeitslagers.

Nach der Uraufführung 1934 in Leningrad [St. Petersburg] ging die Oper innerhalb kurzer Zeit um die ganze Welt – sprichwörtlich, denn sie wurde auch in den USA bejubelt. Als sie jedoch 1936 ins Moskauer Bolschoi-Theater kam, saß Stalin in seiner Loge und ihr Siegeslauf endete jäh. Zwei Tage nach der Premiere erschien der berüchtigte »Prawda«-Artikel »Chaos statt Musik«, in dem die Oper als Ausdruck von »linksradikaler Zügellosigkeit« und »kleinbürgerlichem Neuerertum« gegeißelt wurde. Vom zeitweiligen Aufführungsverbot, mit dem der Komponist belegt wurde, erholte sich seine Karriere nur quälend. Eine Oper komponierte Schostakowitsch nie wieder.

Schostakowitschs »Lady Macbeth von Mzensk« ist eine jener Opern, die jeden Zuschauer bereits mit ihrer Krimi-Geschichte in ihren Bann zieht. Die kraftvolle Musik dieser »Tragödien-Satire«, wie sie Schostakowitsch nannte, hat für die Arbeiter, Popen, Polizisten und Zwangsarbeiter der Welt um Katerina herum nur ein Hohnlachen übrig. Sie erscheinen als grotesk verzerrte Karikaturen. Mit der Antiheldin hat Schostakowitsch dagegen um so mehr Mitgefühl, desto beklagenswerter ihr Schicksal gerät.


Aufführungsdauer: 3 Stunden (inkl. 1 Pause)

Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung Hinrich Horstkotte
Bühne und Kostüme Hinrich Horstkotte
Dramaturgie Felix Losert

Boris Timofejewitsch Ismailov, Kaufmann Ulf Paulsen
Sinowi Borissowitsch Ismailov, sein Sohn Alexander Dubnov
Ekaterina Ismailova, dessen Frau KS Iordanka Derilova
Sergej, Arbeiter bei den Ismailovs Robert Künzli
Aksinja, Haushälterin bei den Ismailovs Cornelia Marschall
Verwalter Stephan Biener
Hausknecht Cezary Rotkiewicz
1. Arbeiter Filippo Deledda
2. Arbeiter Leszek Wypchlo
3. Arbeiter Pawel Tomczak
Der Schäbige David Ameln
Kutscher Norbert Leppin
Bote Christian Most
Lehrer Filippo Deledda
Pope André Eckert
Polizeihauptmann Cezary Rotkiewicz
Polizist Adam Fenger
Betrunkener Gast Filippo Deledda
Sergeant Tomasz Czirnia
Wache Jerzy Dudicz
Sonjetka, Zwangsarbeiterin Rita Kapfhammer
Alter Zwangsarbeiter Ulf Paulsen
Zwangsarbeiterin Cornelia Marschall
Anhaltische Philharmonie
Opernchor des Anhaltischen Theaters
Extrachor des Anhaltischen Theaters
»coruso« Erster Deutscher Freier Opernchor e.V.
Statisterie des Anhaltischen Theaters

PRESSESTIMMEN

Helmut Pitsch, www.opernnetz.de, 02.06.2014

Gewagte Balance zwischen Klamauk und Dramatik

Das gegen den Sparwahn und Bürokratie kämpfende Anhaltische Theater eröffnet sein Elbmusikfest mit einer Wiederaufnahme von Dmitri Shostakovitch sozialkritischem Frühwerk “Lady Macbeth von Mzensk“ in einer historisierenden, stilisierten Inszenierung von Hinrich Horstkotte.

Die Geschichte der Oper basiert auf einer wahren Begebenheit, einem Kriminalfall, der das zaristische Russland beschäftigte. Shostakovitch nimmt Partei für die Beschuldigte Katerina Ismailova, die ihr Glück in einer verkrusteten, absolutistischen, von Männern dominierten Gesellschaft sucht. Er bezeichnete seine Oper treffend als eine Tragödien-Satire.

Das scheint der Regisseur der Dessauer Inszenierung, Hinrich Horstkotte, sehr ernst zu nehmen. Er ist auch für Bühne und Kostüme verantwortlich. Die Bühne lässt er weitgehend leer und arbeitet mit Lichteffekten, um seine Aussage eindringlicher zu machen. Die Kostüme entsprechen originalgetreu der Zeit um 1860. Er greift die verschiedenen vom Komponisten bewusst über- oder kritisch gezeichneten Charaktere heraus und bettet sie ebenso kabarett- oder karikaturhaft unterhaltsam komisch in die Handlung ein. So wird die russische Polizei zur chaotischen, inkompetenten Tölpelriege verunglimpft oder der Pope als dümmlicher Lustmolch gezeichnet. Das entspannt die ergreifende dramatische Handlung, und das Publikum nimmt freudig diese Passagen auf. Trotzdem bleibt das Lachen im Halse stecken. Dank des frisch und konzentriert aufspielenden Orchesters unter seinem GMD Antony Hermus und der Solisten gerät der Abend packend spannend und zerfällt nicht. Antony Hermus' Dirigat ist durchdacht, gestaltet harmonische Steigerungen in den Crescendi, ohne den Raum mit spätromantischen Klangergüssen zu überfluten.

So bleibt den Sängern ausreichend Platz, ihre Rollen stimmlich und darstellerisch auszugestalten. Das gelingt am besten dem Dessauer Ensemblemitglied Iordanka Derilova als Ekaterina Ismailova. Ist sie zu Beginn die schüchterne gequälte, leidende Ehefrau, mausert sie sich zum männermordenden Vamp im weißen, bodenlangen Pelz. Ihre Sprachkenntnis hilft ihr auch im Gesang sehr überzeugend und ausdruckstark, diese Wandlung in der Klangfärbung und im Volumen umzusetzen. Nur Ihr verbitterter herrschsüchtiger Schwiegervater Boris Timofejewitsch Ismailov in der Interpretation von Ulf Paulsen vermag hier auf der Bühne stimmlich und schauspielerisch mitzuhalten. Alexander Dubnov vermittelt die Rolle des folgsamen Sohnes und glücklosen Ehemannes farblos und ausdruckslos. Den frivolen lässigen Herzensbrecher und Eroberer Sergej gibt Robert Künzli in den stimmlichen Anforderungen ohne Raffinement und bleibt im Spiel hölzern.

Insbesondere sind die Leistungen des Chores hervorzuheben, der gut vorbereitet und einstudiert maßgeblich am Erfolg des Abends beteiligt ist. Mit viel Spielfreude bringen die Choristen russisches Landleben und gruppendynamische Verhaltensstudien auf die Bühne. Am Ende gibt es langanhaltenden Applaus vom hingerissenen Publikum.

"Lady Macbeth von Mzensk", Der Neue Merker, Mai 2014

von Dietrich Bretz
„LADY MACBETH VON MZENSK“ - 5.4.

„Vom ersten Augenblick an wird der Zuhörer dieser Oper von einer betont unharmonischen, wirren Flut der Klänge überschüttet. Bruchstücke von Melodien ...versinken, tauchen auf und verschwinden wieder im Getöse, Geknirsche und Gejaule ... ". Wie irritiert musste Dmitri Schostakowitsch wohl gewesen sein, als er am 28. Januar 1936 in der "Prawda" jenen anonymen Artikel las, der unter dem Titel „Chaos statt Musik“ seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, den Geniestreich eines 26-Jährigen, in Grund und Boden verdammte. Betroffen um so mehr, als ja das Bühnenwerk seit seiner Uraufführung 1934 in Leningrad allein dort 83 Mal über die Bühne gegangen und bereits ins Ausland gedrungen war. Doch das ästhetisch engstirnige Verdikt verurteilte die Oper in der Sowjetunion für viele Jahre zum Schweigen. Bis sie erst 1962 in einer revidierten Fassung unter dem Titel „Katerina Ismailowa“ zu neuem Leben erweckt wurde und in dieser Version 1965 in Leipzig in einer Inszenierung von Joachim Herz ihre gefeierte ostdeutsche Premiere erlebte.

Endlich hat nun jener Meilenstein der Opernliteratur des 20. Jhs. seinen Weg ins Anhaltische Theater Dessau gefunden, das schon in der Vergangenheit wiederholt gewichtigen Werken der russischen Musikdramatik ein Podium bot. Wobei GMD Antony Hermus und Hinrich Horstkotte - in dessen Hand sowohl Inszenierung als auch Bühnen- und Kostümgestaltung lagen - gut beraten waren, als sie sich für die von Mstislaw Rostropowitsch 1979 wiederentdeckte ungeglättete, schier überbordende Urfassung der Oper mit all ihrer unverstellten Drastik und Vehemenz entschieden, die in unnachahmlicher Weise Elemente der Tragödie und der Satire verknüpft. Fußend auf Nikolai Leskows gleichnamiger Erzählung (1865) hatten Alexander Preiss und der Komponist das Libretto erstellt - Basis für ein in seiner ungeheuren Spannung und suggestiven Kraft aufwühlendes Musikdrama, das den Auftakt zu einer Trilogie über die russische Frau in der vor- und nachrevolutionären Epoche bilden sollte.

Wahrlich auf den ersten Blick keine sympathische Titelgestalt - diese Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa aus dem Mzensker Bezirk, die ihren tyrannischen, sie diffamierenden Schwiegervater Boris mittels eines vergifteten Pilzgerichts tötet, die gemeinsam mit ihrem Liebhaber, dem Gehilfen Sergej, ihren schwächlichen, liebesunfähigen Ehemann Sinowi, als dieser die beiden überrascht, ebenfalls umbringt sowie dessen Leiche im Keller verbirgt. Und die schließlich - nach Entdeckung des Verbrechens - auf dem Weg in die sibirische Verbannung auch ihre Rivalin Sonetka, Sergejs neue Geliebte, beim Sprung ins Wasser mit in den Tod zieht. Doch der Tonschöpfer transformierte sie zur tragischen, in Schuld verstrickten Heldin, zum Opfer der sie umgebenden korrupten, frauenverachtenden kleinbürgerlichen Gesellschaft im niederdrückenden Milieu einer russischen Kleinstadt um 1865. Erhellend für die Rezeption des Werkes Schostakowitschs Worte: .Katerina ist eine kluge, interessante, talentvolle Frau. Ihre Verbrechen sind ein Protest gegen die düstere und dumpfe Atmosphäre des Kaufmannsstandes im vergangenen Jahrhundert. "

Nicht eine naturalistische Bebilderung dieses kleinbürgerlichen Ambientes war Horstkottes Bestreben, vielmehr entschied er sich für eine fast abstrahierende Visualisierung. Wobei ein quadratisches schwarzes Podest, Handlungsraum für die unterschiedlichsten Szenen, das Zentrum bildet einer radikal entleerten Bühne, auf der nur wenige Versatzstücke den jeweiligen Spielort andeuten. Lediglich die Kostümierung der Choristen verweist auf eine lokale Verortung des Geschehens. Wie auch der große, weite Pelzmantel des alten Boris seinen Träger als russischen Hausdespoten kennzeichnet. Dem dramaturgischen Gewicht der Massenszenen in der Struktur der Oper entsprechend, sind die beteiligten hervorragenden Vokalensembles, der Opern- und der Extrachor des Anhaltischen Theaters sowie "coruso", Erster Deutscher Freier Opernchor e.v. (Chorleitung: Helmut Sonne) auch inszenatorisch detailliert gestaltet. Ungemein fesselnd wirkten da die umwerfende, ja entlarvende Groteske der Beamten auf der Polizeistation und das wild-ausgelassene, in ein fast gespenstisches Licht getauchte Hochzeitsfest ebenso wie das niederschmetternde Sibirienbild mit der trostlosen Wucht der an Mussorgski gemahnenden Chöre der deportierten Strafgefangenen.

Das Dessauer Theater kann sich glücklich schätzen, mit Iordanka Derilova eine geradezu ideale Protagonistin für die Titelpartie aufbieten zu können. Ihre komplexe Rolle psychologisch genau durchdringend, vermochte sie die verletzende Demütigung durch den Schwiegervater, die seelischen Leiden der Einsamkeit und ihre lodernde Liebessehnsucht, die sich steigert zu einer großen, unbeherrschten Liebe, ebenso glaubhaft zu machen wie die Gewissensqualen eingedenk ihrer Vergehen und die bittere Enttäuschung über den untreuen Geliebten. Facettenreich auch ihr enormes stimmliches Gestaltungsvermögen - sich spannend von lyrischer Opulenz bis zu dramatischen Ausbrüchen. Auch die anderen Protagonisten verdeutlichten beeindruckend die Intentionen der Regie. Da ist zuvörderst Robert Künzli - mit verführerischem Tenor und draufgängerischem Spiel den verschlagenen, gewissenlosen Liebhaber pointiert charakterisierend - , ist ferner Alexander Dubnov als unsensibel gezeichneter Ehemann Sinow, und da ist zudem der mit kraftvollem Bassbariton begabte Ulf Paulsen, der dem lüstern-boshaften Boris fest umrissenes Profil verlieh. Vorzügliche Singschauspieler wie André Eckert als betrunkener Pope, Cezary Rotkiewicz als Polizeihauptmann oder David Ameln als Der Schäbige, gleichfalls Cornelia Marschall und Rita Kapfhammer, verkörpernd die Haushälterin Axinja bzw. die Zwangsarbeiterin Sonetka, gaben auch den kleineren Rollen in Stimme und Spiel markante Konturen.

Als tragende Säule des Abends vermochte die von Antony Hermus souverän geführte Anhaltische Philharmonie uneingeschränkt zu überzeugen. Frappierend, wie sie den vielschichtigen Kosmos de Partitur - changierend zwischen elegischer Lyrik, russischem Volkston und dramatischen Eruptionen, groteskem Zwielicht und bohrender Motorik - differenziert auslotete, wobei die wie gemeißelt ausgeformten Orchesterzwischenspiele geradezu überwältigten. Ein außergewöhnlicher Opernabend!

Liebesgrüße aus der Hölle, Opernwelt, Mai 2014

von Wiebke Roloff

Calixto Bieito und Dmitri Jurowski zeigen in Antwerpen die dämonische Seite von Schostakowitschs «Lady Macbeth», in Dessau hat es Hinrich Horstkotte mit Antony Hermus auf die Satire abgesehen

«Ich habe mir schon oft die Frage gestellt, welche der beiden Inszenierungen mir näher steht», meinte Schostakowitsch zu den ersten, 1934 im Abstand von nur zwei Tagen herausgebrachten Produktionen seiner «Lady Macbeth von Mzensk». «Dies ist aber ein sehr verzwicktes Problem, denn es stellt sich heraus, dass mir beide Aufführungen - aus verschiedenen Gründen - sehr nahe stehen,» In eben diese Zwickmühle hat uns auch der Besuch in Antwerpen und Dessau gebracht. Nikolai Smolitsch hatte damals in Sankt Petersburg die satirischen Momente der Oper betont, Wladimir lwanowitsch Nemirowitsch-Dantschenko in Moskau Katerinas tragisches Schicksal in den Vordergrund gerückt. Am Anhaltischen Theater entschied sich Hinrich Horstkotte jetzt für den Sankt Petersburger Weg. Calixto Bieito nahm an der Vlaamse Opera die Moskauer Route. Jeder nach seiner Façon - hat doch der eine ein ausgeprägtes Talent fürs Komische, der andere fürs Unerbittliche. Calixto Bieito sei zahm geworden, war in letzter Zeit zu lesen. In der Tat: Die Tage, in denen Zuschauer aus dem Saal flohen, weil sie sich von brutalen Kopulationsszenen abgestoßen, ja vom Regisseur zum Voyeurismus gezwungen sahen, sind vorüber. Ein Schock beruht zu einem nicht geringen Teil auf Überraschung - und Sex und Gewalt sind bei Bieito erwartbare Ingredienzen geworden. «Die Entführung aus dem Serail» an der Komischen Oper Berlin als sado-masochistisches Geiseldrama konnte vor den Kopf stoßen, weil die Lesart zwar offenkundig ihre Berechtigung hatte, aber mit der viel beschworenen Lieblichkeit von Mozarts Musik mit einer Heftigkeit kollidierte, die nicht für jeden verkraftbar war. Bei Schostakowitschs «Lady Macbeth» ist das anders. Wer hier das dunkle Spiel der Triebe und der Macht freilegen will, muss nicht tief schneiden, muss nicht einmal die Haut anritzen angesichts der Brutalität, des sexuellen Naturalismus nicht nur des Librettos, sondern auch der Musik. Die kunstvoll vulgäre Verklanglichung von Sergeis und Katerinas Gerammel im dritten Bild - die hitzig stampfenden Rhythmen, der chromatische Anstieg zum Höhepunkt, die erschlaffenden Posaunenglissandi - dürfte jedem, der sie einmal gehört hat, im Gedächtnis geblieben sein.

Zeigt sich Bieito in Antwerpen zahm? Mitnichten. Für Besucher unter 16 Jahren sind die Vorstellungen geschlossen. Aber Sex und Gewalt gehen in einer fein gearbeiteten, detailreichen Personenführung auf, eben weil sie in vollkommener Harmonie mit dem Material stehen, stets begründet sind, und - auch wenn der energetische Ladislav Elgr als Sergei seine Hose ein paar Zoll weiter herunterzieht, als man es von Opernsängern gemeinhin gewohnt ist - zwar sehr anschaulich, aber nie ausgestellt. Besonders sadistisch hat Bieito den alten Ismailow gestaltet (John Tomlinson gibt mit seinem mittlerweile abgenutzten, aber an Ausdruckskraft noch immer reichen Organ überzeugend den Widerling): Als Katerina sich widerspenstig zeigt, drückt Boris ihren Kopf ins gefüllte Waschbecken. Nachdem die Angestellte Axinja von den Arbeitern vergewaltigt worden ist, schlingt er ihr seinen Gürtel um den Hals und schleift sie auf sein Zimmer, wo er sie wie einen Köter neben dem Bett hält. Sie selbst zu bespringen, versucht er erst gar nicht: Entweder befriedigt ihn das Zuschauen, oder er bringt es im Schlafzimmer nicht besser als sein Sohn. So oder so: Bieito gibt Katerina viele gute Gründe, den Schwiegervater umzubringen. Dass sie auch Schwächling Zinowi aus dem Weg räumen will, der regelrecht Angst davor zu haben scheint, sein Eheweib anzufassen, ist auch nicht verwunderlich. Allerdings ist auch sie selbst nicht übertrieben sympathisch: Langeweile, Geilheit und eine Mordswut scheint es in ihr zu geben, aber wenig Herz. Nikolaj Leskow charakterisiert Katerina in Schostakowitschs literarischer Vorlage wie folgt: «Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel, kein Gut und kein Böse ... Sie begriff nichts, liebte niemand, nicht einmal sich selbst.» Ausrine Stundytes Interpretation der Partie ist daher durchaus schlüssig: souverän, dramatisch, dabei herb. Eine Lady, deren weiche, sinnliche, bedürftige Seite nicht sehr ausgeprägt ist. Anders als etwa bei Eva-Maria Westbroek, wie 2006 in Amsterdam, in Martin Kusejs Inszenierung. Dabei kommen Bieito und seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst den Kollegen erstaunlich nah. Sie lassen, wie Kusej und Martin Zehetgruber, ihre Katerina in einem aseptischen Kubus wohnen, der hier zwar Teil einer mehrstöckigen Industrieanlage zu sein scheint, aber - wie in Amsterdam - das kalte Zentrum einer Schlammhölle bildet. Auch Bieito erzeugt Bedrohung und Bedrängnis, indem er Gestalten in den rückwärtigen Fenstern auftauchen lässt. Auch er legt lässt das Arbeitslager aus baugerüstartigem Gestänge entstehen, in dem die Gefangenen in Unterwäsche herumlaufen und sich betragen wie traumatisierte Insassen einer psychiatrischen Anstalt. Punktuelle, aber auffällige Ähnlichkeiten. Das ändert nichts daran, dass die Inszenierung von Katerinas erstem Auftritt im blauen Etuikleid bis zur Erdrosselung ihrer Rivalin Sonjetka und dem Schnitt durch die eigene Kehle krimihafte Spannung entwickelt. Bieito liest die Oper vom düsteren Schlussbild her, die groteske Seite der «tragisch -satirischen» Oper, wie Schostakowitsch sie nannte, überlässt er - bis auf die unumgänglichen Auftritte des Popen und des Schäbigen - dem Orchester unter Dmitri Jurowski. Die Militärkapelle taucht mehrfach auf der Szene auf, in der ansonsten gnadenlos realistischen Inszenierung ein Fremdkörper, in dem die Satire gebündelt, aber auch ausgegliedert wird.

Hinrich Horstkotte geht die Sache in Dessau von der entgegengesetzten Seite an: Die karikierende Überzeichnung ist bei ihm ein zentrales Gestaltungselement. Die Charaktere hält er, bis auf die drei Hauptfiguren, typenhaft; die Produktion ist völlig jugendfrei. Katerina, die auf einem quadratischen, schwarzen Podest haust, trägt unter dem langen schwarzen Kleid knielange Rüschenunterhosen. Axinjas Vergewaltigung findet züchtig in einer Bodensenke statt, und zwar in Form einer ausgelassenen Polonaise: Da packt ein jeder den Vordermann bei der Schulter, um Sergeis Stoßkraft zu vervielfachen - und alle Hosen bleiben oben. Katerina und Sergei zucken beim Beischlaf wie bei einem Krampfanfall. Boris' Leiche wird von den Arbeitern gefleddert, als der Priester nicht hinsieht; und der Geist des Alten schmiegt sich im Bett zwischen Schwiegertochter und Sergei wie der Kater in Leskows Vorlage. Während Bieito in der Polizeiszene einen Seitenhieb auf Russland austeilt, indem er die Beamten einen Homosexuellen verprügeln lässt, sorgt Horstkotte für Gelächter, weil der Polizeichef sein Liedchen vom Klo aus singt. Eine politische Note gibt's aber auch: Ein Subversiver hält ein Schild hoch, auf dem steht «Schluss mit dem Sparwahnsinn - das Theater muss bleiben.» Horstkotte hat in der Partitur aber auch sanfte Seiten entdeckt. Als Beispiel sei die Beziehung zwischen Katerina und ihrem Schwiegervater genannt. Der ist auch hier kein liebenswerter Hausgenosse, aber es gibt überraschende Momente der Fürsorglichkeit, die den wiegenden Streichern abgelauscht scheinen: Sie erklingen, wenn Boris Katerina im dritten Bild auffordert, schlafen zu gehen. Oder dem verwirrend lieblichen Violinsolo im vierten Bild, in dem Boris (während er die vergifteten Pilze löffelt) Katerina auffordert, nicht halbnackt herumzulaufen und sich etwas überzuziehen. Der Alte Zwangsarbeiter, der im Schlussbild versucht, Katerina zum Weitergehen zu überreden und ihr ihren Mantel umzulegen, ist folgerichtig auch ein Wiedergänger Boris, Katerina ihrerseits legt dem Schwiegervater tröstend die Hand auf die Schulter, als er über die ausbleibenden Enkelkinder jammert. Iordanka Derilova ist übrigens eine glühende Kaufmannsfrau. Im Vergleich zur kühlen Antwerpener Lady klingt die ihre innig und üppig; die Stimme ist mit einer reichen Farbpalette gesegnet. Dafür hatte Antwerpen entschieden mehr Glück mit dem energetischen Ladislav Elgr als Sergei, in Dessau singt Robert Künzli die Partie mit stentoralem, scharfem Klang. In beiden Städten überzeugen die Sänger der kleineren Partien: Ludovit Ludha (Antwerpen) und Alexander Dubnov (Dessau) als Zinowi, Maxim Mikhailov und Cezary Rotkiewitz als Polizeichef , Andrew Greenan und André Eckert als Pope, Kai Rüütel und Rita Kampfhammer als Sonjetka, Liene Kinca und Cornelia Marschall als Axinja oder Michael J. Scott und David Ameln als Sdbäbige. Dmitri Jurowski hat in Antwerpen das bessere Orchester zur Verfügung, geht Schostakowitsch aber mit einer gewissen Trockenheit, einem Hang zum Martialischen an; Antony Hermus zeigt sich da mit seiner Anhaltischen Philharmonie feinfühliger. Die von Jan Schweiger einstudierten Antwerpener Choristen trumpfen vor allem in den Forte-Chören, dafür singen die Dessauer, von Helmut Sonne vorbereitet, die Gefangenenchöre des Schlussbilds, dass uns der Atem stockt.

Schostakowitsch-Opern, Neue (musikalische) Blätter, Ausgabe 12, April 2014

von Wolfram Quellmalz

Schostakowitsch-Opern Bunt oder schwarz-weiß?

Im September stehen zum fünften Mal die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch an. Schon jetzt aber konnte man Aufführungen von Opernwerken dieses Komponisten beiwohnen: Am Anhaltischen Theater Dessau hatte das Schlüsselwerk »Lady Macbeth von Mzensk« am 29. März Premiere, die heitere Oper »Moskau, Tscherjomuschki« war auf der Dresdner Spielstätte »Semper2« zu erleben.

Die Oper »Lady Macbeth« war für Dmitri Schostakowitsch ein enormer Erfolg, gleichzeitig sorgte aber ein nach hunderten bejubelten Aufführungen an den Theatern der Sowjetunion, Londons und der USA in der Prawda erschienener Artikel nicht nur für eine existentielle Krise des Komponisten, sondern auch für das nahezu völlige Verschwinden des Werkes von den Bühnen. Erst in letzter Zeit gibt es den Vierakter wie-der zu erleben. Nach Magdeburg 2008 und vor der Deutschen Oper Berlin im Januar kommenden Jahres (dann übrigens mit Evelyn Herlitzius in der Rolle der Lady Macbeth) setzt nun das Anhaltische Theater Dessau »Lady Macbeth von Mzensk« wieder auf den Spielplan.

Erzählt wird die Geschichte der jungen Katerina, die nach Glück und Wohlstand strebt, von einem despotischen Schwiegervater und einem schwachen Mann jedoch eingesperrt und unterdrückt wird. Ihr Verlangen und ihre Einsamkeit nutzt der tumbe Arbeiter Sergej aus, der zwar von Liebe spricht, aber nur nach Befriedigung seiner Begierden strebt. Das Vor-führen der menschlichen Kleinheit und Gemeinheiten, das Fallenlassen von Idealen, Opportunismus und Machtmißbrauch sind es, die Schostakowitsch in den Mittelpunkt stellt. Gemeinsam mit Alexander Preis schrieb er auf Basis einer Novelle Nikolai Gogols das Libretto und stellte dabei die Person der Katerina Ismailowa in den Mittelpunkt. Ihr, die erst ihren Schwiegervater und dann – mit dem Geliebten – den Ehemann umbringt, gehören Schostakowitschs Sympathien, sein Mit-gefühl. Er zeigt sie als von den Umständen getriebenes Individuum und damit das Versagen des Menschen im allgemeinen, sein Scheitern an den Gelüsten. So stirbt am Ende auch Katerina selbst, die sich und ihre Nebenbuhlerin auf dem Weg ins Arbeitslager ertränkt.

Hinrich Horstkotte (Inszenierung, Bühne und Kostüme) setzt den düsteren Stoff als eine Geschichte aus Licht und Schatten hauptsächlich in hell-dunkel um. Düsternis allenthalben, nur Katerinas weißer Pelz kann da strahlen und bleibt bis zum Schluß unbefleckt. Die Bühne wird während aller vier Akte von in unterschiedlichen Höhen schwebenden Rechtecken beherrscht, die mal als Dächer des Herrenhauses und der Ställe, Bauernhäuser etc., mal als Bett, Festtafel, Bürotische einer Polizeistation oder Floß fungieren. Mit Stableuchten wird der kalte, technische Eindruck unterstrichen, gleichzeitig werden durch unterschiedliche Beleuchtungseffekte Stimmungen variiert. Doch hat dieses grau viele Schattierungen und Stufungen und bietet mehrere Interpretationsebenen. Je länger der Abend, desto besser funktioniert dies. Auch die Kostüme passen gut zur Umgebung. Trotz des auch hier herrschenden Grau gibt es klare Unterscheidungen und Farbtupfer. Im Zusammenwirken mit Schostakowitschs genialer Musik ergibt sich ein komplexes Bild mit einer Handlungs- und einer Gefühlsebene. Wenn Bach als Meister der Fuge im 18. Jahr-hundert galt, so kann man gleiches von Schostakowitsch im 20. Jahrhundert sagen. Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es zwischen beiden: So wie Bach setzt auch Schostakowitsch musikalische Motive »gegen« die Handlung oder Aussage, um ein Gefühl zu betonen, um einen ambivalenten Charakter darzustellen oder Gegenargumente vorzubringen. Und so schwingen sich immer wieder Flöte, Harfe oder Klarinette auf, um über all der Tristesse »Katerinas Lied« zu sin-gen – wo doch keine Hoffnung zu existieren scheint.

Auch ein Zeitbezug gelang, ohne aufgesetzt zu wirken. Einmal durch den Text der deutschen Übertitel. Daß Passagen wie »…unsere Besoldung ist kümmerlich, und an Schmiergeld ist schwer zu kommen…« auch heute noch gültig sind, muß da nicht kommentiert werden. Die Inszenierung verzichtet glücklicherweise auch darauf und läßt das Werk allein wirken. Dafür gibt es in der Szene auf der Polizeistation aber einen Demonstranten, welcher ein Plakat »Schluß mit dem Sparwahn, das Theater bleibt!« hochhält. Daß das Thema hier in Dessau, wo weitere Kürzungen drohen, weiterhin »heiß« ist, unterstrich Regisseur Hinrich Horstkotte, der zum Schlußapplaus mit einem T-Shirt und der Aufschrift »Macht Theater!« auf die Bühne kam. Doch ein Ausrufungszeichen setzt diese »Lady Macbeth« nicht nur durch Zeitbezug, sondern vor allem durch eine kluge Regie. Selbst Effekte wie die elektronische Ausstattung des nach seiner Ermordung als Phantom auftretenden Schwiegervaters mit Stimmverstärkung und Hall geschieht dosiert und gezielt und wird damit der Idee gerecht. Einziges Manko ist die Figur des Popen. Auch wenn dieser amoralisch ist, Wasser predigt und Wein trinkt – die Lächerlichkeit, daß er sei-ne goldfarbenen Unterhosen herzeigen muß, war unnötig. Sie verleiht der Rolle kein Profil (auch kein negatives). Aus einem durchweg sehr gut besetzten Ensemble sind vor allem KS Iordanka Derilova (Katerina) und Ulf Paulsen (ihr Schwieger-vater) hervorzuheben, die einen glänzenden Eindruck hinterließen. Ebenso übrigens wie GMD Antony Hermus, der schon nach der der Pause mit Jubel und vielen Bravi begrüßt wurde. In dieser Spielzeit ist »Lady Macbeth von Mzensk« noch bis Mitte Juni am Anhaltischen Theater Dessau zu erleben.

Faszinierender Opernabend mit viel Sex und Crime, Volksstimme, 03.04.2014

Bejubelte Premiere für Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ am Anhaltischen Theater Dessau

von Helmut Rohm

Relativ ungewöhnlich und deshalb sehr bemerkenswert: Bei der Premiere der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch am Sonnabend im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau gab es zu Beginn des zweiten Teils nach der Pause reichlich spontanen Beifall für die Anhaltische Philharmonie unter Leitung ihres GMD Antony Hermus. Andererseits hätten sich die Theatermacher um Hinrich Horstkotte (Inszenierung, Bühne und Kostüme) sicher mehr Premierengäste gewünscht. Fürs Theater und noch mehr, weil es auch für sie ein (nun zunächst nicht erlebter) faszinierender Opernabend geworden wäre. Hinrich Horstkotte beließ die Geschichte in der Originalzeit des Stückes, im Russland etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. Stimmig dazu die Kostüme überwiegend im dominanten Grau mit dramaturgisch sparsam ausgewählten "Farbtupfern". Schwarz bot sich die große tiefe Bühne dar, ohne jedwede Versatzstücke, mit einem quadratischen Kubus für verschieden genutzte zeitlos stilisierte Darstellungsebenen. Vereinfacht formuliert, erlebten die Besucher ein unterhaltsames Sex- und Crime-Drama, in dem knapp 20 mehr oder minder große Solo-Rollen besetzt sind.

Im Zentrum steht die reiche Kaufmannstochter Ekaterina Ismailowa. Sie ist "gefangen" in den gesellschaftlichen Zwängen, die durch den schwächlichen Ehemann Sinowij, mehr noch durch den gewalttätigen und lüsternen Schwiegervater Boris personifiziert werden. Sie langweilt sich, sehnt sich nach Liebe, nach erfüllter Sexualität, nach einem selbstbestimmten Leben mit menschlicher Wärme. Iordanka Derilova als Ekaterina lässt den Zuschauer mit ausdruckstarkem Spiel und einfühlsamem Gesang intensiv an ihren Gefühlen und den manchmal hilflos erscheinenden Sehnsüchten teilhaben.

Da tritt der Arbeiter Sergej (Robert Künzli stimmstark und in der Rolle Ekaterinas Lage schamlos ausnutzend) in ihr Leben. Blind vor Liebe stürzt sie sich mit ihm in eine scheinbar befreiende Affäre, die hemmungslos von der Sucht nach Liebe und Sexualität bestimmt ist. Wegen, aus Ekaterinas Sicht, sich ergebender Ausweglosigkeit wird jedoch der weitere Fortgang von Verbrechen begleitet. Und mehr und mehr zeigen sich bei ihr Anzeichen von Wahnvorstellungen.

Dieses Chaos entwickelt sich scheinbar unauffällig wie ein Vulkan, der dann plötzlich und unaufhaltsam, große Schäden hinterlassend, ausbricht. Mit vergifteten Pilzen schafft sich die junge Frau den Schwiegervater von (Ulf Paulsen mit dröhnendem Bass und beeindruckend variablen Spiel) vom Hals. Der überraschend zurückgekommene Ehemann erwischt die beiden Liebenden im Bett. Ihre Lösung: Erdrosseln und Verstecken im Keller. Das sollte sich, wie auch manch anderes, als unüberlegt erweisen. Der Schäbige (David Ameln - ein glaubhaft betrunkener Wodka-Sucher und Totenfinder) lässt diesen Mord auffliegen. Auffliegen wird auch die geplante Hochzeit von Ekaterina und Sergej.

Der Zuschauer findet sie schließlich in einem menschenreichen Tross in einem sibirischen Gefangenlager wieder. Hier muss Ekaterina den wahren hinterhältigen und egoistischen Charakter von Sergej erkennen. Schließlich nimmt sie Sergejs Neu-Geliebte Sonjetka (Rita Kampfhammer als schadenfrohe Gegenspielern) mit in den Tod.

Hinrich Horstkotte gelingt es durchgängig, in den insgesamt drei Stunden spannungsgeladen zu erzählen. Ob in den "handlungsärmeren" Arien und Duetten dank des großen solistischen Könnens oder in den aktionsgeladenen Massenszenen, die nachhaltige Einblicke in die gesellschaftlichen Befindlichkeiten erlauben. Sehr derb drastisch, teils auch ins Groteske reichend, konfrontiert der Regisseur die Zuschauer mit einer Massenvergewaltigung, einer satirisch geprägten Szene über die korrupte Polizei oder damit, wie schnell sich "das Volk" zu Stimmungswechseln manipulieren lässt. Dem Chor unter der Leitung von Helmut Sonne ist wieder ein begeisternder Gesangs-Spiel-„Wurf“ gelungen.

Der mit 15-minütigem Beifall gefeierte Dessauer Opernabend ist Ensembleerfolg, der wesentlich auch vom Orchester abhängt, das die volle Bandbreite seines Könnens mit Temporeichtum und Spontanwechseln effektvoll präsentiert - von dramatisch bis liebreizend lyrisch, von expressiver Wucht bis sehnsuchtsvoller Tiefe.

Musikalischer Triumph, magazin.klassik.com, 01.04.2014

von Frank Fechter

Schostakowitsch in Dessau
Musikalischer Triumph

Wenn es nach den Zuschauerreaktionen nach der Premiere von Dmitri Schostakowitschs 'Lady Macbeth von Mzensk' am Anhaltischen Theater Dessau geht, ist diese Neuproduktion ein Volltreffer. Und die traditionsreiche Dessauer Oper nicht wegzudenken aus der Stadt. Tatsächlich erlebt man Schostakowitschs Opernthriller hier in einer vor allem musikalisch exzellenten Wiedergabe. Das beginnt im Graben, wo das Orchester unter seinem niederländischen Chef Antony Hermus farbig und mit gewichtigem Schönklang die Partitur von 1934 ausbreitet. Hermus bedient dabei weniger die schroffen, kantigen Aspekte dieses Klassikers der Moderne, sondern die genauen Strukturen, melodiösen Linien und die raffinierte, rhythmische Vielschichtigkeit der Partitur. Klar gelingt es ihm, den Aufbau des Werkes dramaturgisch offen zu legen, die einzelnen Abschnitte so klar aneinanderzureihen, dass man fast meinen möchte, einer Nummernoper zu lauschen. Er entdeckt versteckte Walzer und operettenhafte Ensembles, bleibt auch da noch weich im Klang, wo manch anderer die schrille Groteske herauskitzelt. Selbst die Polizistenszenen scheinen mehr der Operette abgelauscht als den knallharten Blechbläserkaskaden einer skurrilen Staatsgroteske. Als Gesamtkonzept gelingt das Hermus und seinen bestens disponierten Musikern jedenfalls vortrefflich und rückt diese 'Lady Macbeth' des damals erst 27-jährigen Komponisten vielleicht mehr in ihre Entstehungszeit als es so manche heutige Interpretation in Kenntnis der Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts vermag.

Unterstützt wird Anthony Hermus dabei von einem hervorragenden Dessauer Sängerensemble, allen voran Iordanka Derilova in der Titelpartie, die eine intensive Sängerdarstellerin ist. Die Bulgarin ist seit 2003 eine feste Größe des Dessauer Hauses, hat hier schon Partien wie Rusalka, Isolde, Kundry und Brünnhilde gesungen. Ihr in allen Lagen sicher geführter Sopran hat die nötige Kraft und Wandelbarkeit, um eine so vielschichtige Partie gestalten zu können. Sie tut dies ohne schrilles Keifen oder gesprochenes Tiefenregister, wie man das sonst so oft hört. Vielmehr ist sie technisch souverän im Umgang mit ihren musikalischen Ausdrucksmitteln, von den dezenteren Tönen des Beginns bis in die dramatische Höhe und die Attacke hinein. Dass sie zudem eine großartige Darstellerin ist, macht diese Katarina Ismailowa zum Fixpunkt des Abends. Doch auch Robert Künzlis kräftiger und farbenreicher Sergej ist auf höchstem Niveau dabei. Auch er gibt ein fesselndes Portrait, voller vokaler und dramatischer Stärken. Er kann jedoch auch einen leichteren Ton und eine weichere Stimmfärbung einbringen. Schließlich ist noch Ulf Paulsen mit seinem Charakterbass als Boris aus dem guten Ensemble hervorzuheben, der Katarinas despotischen Schwiegervater zwischen sexuellem Begehren und Machtgebahren mit mal lüsterner, mal bedrohlicher Stimmfülle angemessen widerlich zeichnete und auch als Charakter glaubhaft wird.

Schade nur, dass sich Hinrich Horstkotte in seiner biederen Inszenierung und Ausstattung nicht hat entscheiden können, was er eigentlich erzählen will. Mal gibt es deutliche realistische Szenen, dann wieder wird so getan, als ob da eine Tür, ein Bett, Wände oder ein Vorhangschloss wären, wo nichts ist. Dann wieder gibt es eine Schüssel mit vergifteten Pilzen, Becher oder Tische. Die Kostüme sind geradezu naturalistisch oder halt so wie man sich russische Arbeiter und Bauern des 19. Jahrhunderts gemeinhin vorstellt. Die sexuellen Übergriffe und die Gewalt, die für das Funktionieren des Stücks so wichtig sind, sind entweder verschämt angedeutet (z. B. Vergewaltigung Axinjas) oder jugendfrei bebildert (z.B. Auspeitschung Sergejs, die Morde), der Geschlechtsverkehr passiert sowieso durch die Kleidung hindurch. Eine Entscheidung für eine klare Stilisierung - Realismus des Geschehens oder eben Drastik der Darstellung - wäre notwendig gewesen. Die jetzige Mischung macht wenig Sinn. Es soll so etwas wie eine Versuchsanordnung sein, die in der Blackbox der bis zur Brandmauer hin offenen Bühne mit wenigen Requisiten gezeigt wird, konnte man lesen. Sehr vage fühlt man sich an Lars von Triers "Dogville" erinnert, doch fehlen sowohl dessen dramaturgische Konsequenz als auch die Poetik seiner Bildsprache. Ein paar Chiffren in dieser schwarz-weißen Welt sind dann doch arg simpel gewählt, wie das rote Hemd für den Liebhaber oder der Pelzmantel Katarinas im sibirischen Sträflingslager. Es wirkt alles etwas unausgegoren - vor allem aber verfehlt die Inszenierung die Fallhöhe, Dramatik und Drastik der Vorlage. Möglich, dass das auf dem Konzeptpapier alles aufgeht; in der Praxis der Aufführung bleibt es jedoch einiges schuldig.

Umso mehr ist die musikalische, musikdramatische Seite zu loben, die all das nicht nur wettmacht, sondern selbstständig für sich stehen kann, mit vielen Lichtblicken im Ensemble des Hauses, von Alexander Dubnovs geschmeidigem Tenor als Sinowij über Rita Kampfhammers luxuriöse, sopranmelancholische Sonjetka bis hin zum kraftvollen Chor, der die zahlreichen Herausforderungen dieses Werks auch in solistischen Episoden imponierend meistert.

Der Landesregierung, die das Anhaltische Theater Dessau durch Mittelkürzungen kulturfremd und inkompetent in seinen Grundfesten bedroht, jedenfalls kann man nur raten, sich kundig zu machen, auf welchem Standard hier musiziert und gesungen wird. Manch besser ausgestattetes Haus wäre ob dieser Qualitäten froh.

"Lady Macbeth von Mzensk": Eine Mörderin mit stimmlicher Strahlkraft, Thüringische Landeszeitung, 31.03.2014

Theater Dessau zeigt Schostakowitschs Oper auf hohem musikalischem Niveau.

von Joachim Lange

Dessau. Nein, sympathisch ist sie nicht, diese Ekaterina Ismailowa aus dem Mzensker Bezirk. Sie mischt ihrem Schwiegervater Rattengift unter die Pilze, und als der Ehemann sie mit ih­rem Geliebten überrascht, muss auch der Angetraute dran glauben. Diese sprichwörtliche Leiche stinkt bei der Hochzeit mit ihrem Sergej so zum Himmel, dass selbst der versoffenste Knecht es bemerkt und die dämlichste Polizei aktiv werden muss. Als auf dem langen Fußmarsch in die sibirische Verbannung Sergej ihr die roten Wollstrümpfe für seine neue Flamme abluchst, muss auch die dran glauben und beim finalen Selbstmord mit ins Wasser, das so tief und dunkel wie ihre Seele ist.

Große Oper also auch zwischen eher kleinen Leuten. Von Shakespeares Lady Macbeth ist im Stück gar nicht die Rede - dieser Bezug kommt nur im Titel vor, den Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) seinem im zaristischen Russland spielenden Opern-Thriller gegeben hat. In Dessau gibt es jetzt diese raue, vitale und packende Musik. Wobei GMD Antony Hermus mit Erfolg darauf aus ist, das Orchester nicht nur zu entfesseln, sondern auch die zarten Passagen auszukosten. Er knackt die Musik sozusagen von innen und liefert ihre äußeren Knalleffekte dazu. Und nicht umgekehrt.

Das passt gut zu der in sich stimmigen Inszenierung von Regisseur und Ausstatter Hinrich Horstkotte. Der räumt fast alles beiseite, was auf die Enge des russischen Landlebens verweisen würde. Nur die Kostüme für den Chor sehen arg nach Russlandklischee aus. Horstkotte setzt auf die imaginierende Kraft der Musik und nimmt das Ambiente so weit zurück wie Lars von Trier in seinem exemplarischen "Dogville"-Experiment.

Die Bühne ist ein leerer Raum mit einem Spielpodest, das an ein Bett erinnert, wenn sich der Baldachin von oben herabsenkt. Der Rest ist zeichenhafte Andeutung. Ein paar Versatzstücke gibt's aber dennoch. Wie den gewaltigen Mantel für den alten Boris Timofejewitsch, eine Karl-Marx-Gestalt mit Pelz, unter der man Ulf Paulsen kaum vermutet, wenn man ihn nicht hören würde. Auf der Polizeistation, die ein Musterbeispiel der Groteske ist, geistert natürlich ein Demonstrant mit dem obligaten Plakat "Schluss mit dem Sparwahnsinn" durchs Bild.

Mit dieser reduzierten Ästhetik vertraut Horstkotte darauf, dass sich die opernunentbehrliche Empathie mit der Titelheldin über die psychologische Dynamik einer bewusst zelebrierten Versuchsanordnung einstellt. Die korrespondiert so konsequent mit der Musik, dass der Zuschauer die evozierten Bilder im Kopf vollenden kann.

Zur ambitionierten Inszenierung kommt eine grandiose Sängerdarstellerin im Zentrum: bei Iordanka Derilova treffen sich Wagner-Power und Gestaltungswille - ihre Katerina lässt keine Wünsche offen! Robert Künzli ist ein Sergej auf Augenhöhe (auf seinen Dessauer Siegmund darf man sich freuen). Im übrigen Ensemble lässt sich André Eckert natürlich nicht das Kabinettstückchen als versoffener Pope entgehen. Rita Kapfhammer sorgt dafür, dass man bedauert, dass ihr Auftritt als neue Flamme von Sergej so kurz ist. Der Chor und das übrige Ensemble lassen sich mitziehen - von einer Inszenierung, die mehr Zuschauer verdient, als sich zur Premiere eingefunden hatten. Dafür war der Beifall euphorisch!

Weitere Vorstellungen: 5. u. 20. April, 4. Mai

Rattengift bleibt Rattengift –„Lady Macbeth von Mzensk“ auf hohem musikalischem Niveau am Anhaltischen Theater in Dessau, nmz.de, 31.03.2014 – auch erschienen als: Rattengift bleibt Rattengift, Mitteldeutsche Zeitung, 01.04.2014

ANHALTISCHES THEATER Russischer Opern-Thriller: In Dessau ist eine ambitionierte "Lady Macbeth von Mzensk" auf hohem musikalischen Niveau zu erleben.

von Joachim Lange

Nein, sympathisch ist sie nicht diese Ekaterina Ismailowa aus dem Mzensker Bezirk. Sie mischt ihrem Schwiegervater Rattengift unter die Pilze. Was selbst dann nicht geht, wenn der ein ausgemachtes Miststück ist. Als sie von ihrem Ehemann mit ihrem Geliebten überrascht wird, muss auch der Angetraute dran glauben und wird im Keller entsorgt. Diese sprichwörtliche Leiche stinkt bei der Hochzeit mit ihrem Sergej so zum Himmel, dass selbst der versoffenste Knecht es bemerkt und die dämlichste Polizei aktiv werden muss. Als auf dem langen Fuß-Marsch in die sibirische Verbannung Sergej ihr die roten Wollstrümpfe für seine neue Flamme abluchst, muss auch die dran glauben und beim finalen Selbstmord mit ins Wasser, das so tief und dunkel wie ihre Seele ist.

Große Oper also auch zwischen eher kleinen Leuten. Von Shakespeares Lady Macbeth ist im Stück gar nicht die Rede – dieser Bezug kommt nur im Titel vor, den Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) seinem im zaristischen Russland spielenden Opern-Thriller gegeben hat. Natürlich schleicht sich dann doch Empathie ein mit der jungen Frau, die von ihrem Weichei-Ehemann sexuell (in Dessau sogar komplett) vernachlässigt und vom übergriffigen Schwiegervater bedrängt und gedemütigt wird. Die einfach ein Stück Helligkeit und Leben will, nur Dunkelheit und Ödnis bekommt und sich wehrt. Wenn auch mit den falschen Mitteln.

Die Oper wurde 1934 in St. Petersburg uraufgeführt und hatte einen durchschlagenden Erfolg im ganzen Land. Doch weil da offenbar mehr Wahrheit auch über das Leben im Reich des roten Zaren auf die Bühne kam, als der erlauben wollte, verschwand sie mit einem Paukenschlag in der Versenkung: Nachdem Stalin 1936 eine Vorstellung in Moskau besucht hatte, erschien kurz darauf eine Prawda-Kritik unter dem Titel „Chaos statt Musik“. Ein Schlüsseldokument stalinistischer Kulturdogmatik, das für den Komponisten Lebensgefahr bedeutete.

Zum Glück überlebten der Komponist und sein Werk. In Dessau gibt es jetzt diese raue, vitale und packende Musik. Wobei GMD Antony Hermus mit Erfolg darauf aus ist, das Orchester nicht nur zu entfesseln, sondern auch die zarten Passagen auszukosten oder etwa das geradezu an die Wucht der Gralsenthüllung im Parsifal erinnernde Orchesterzwischenspiel nach dem Tod des Alten mit einem sehr durchdachten, langen Crescendo-Anlauf zu entwickeln. Er knackt die Musik sozusagen von Innen und liefert ihre äußeren Knalleffekte dazu. Und nicht umgekehrt.

Das passt gut zu der in sich stimmigen Inszenierung von Regisseur und Ausstatter Hinrich Horstkotte. Der räumt nämlich fast alles beiseite, was auf die Enge des russischen Landlebens verweisen würde. Nur die Kostüme für den Chor sehen etwas arg nach Fundus oder Russlandklischee aus. Da er den aber bei seinen wichtigen Auftritten, wie der Vergewaltigung der Köchin oder beim Auspeitschen des in flagranti erwischten Sergej durch den Schwiegervater Katerinas stilisiert durchchoreographiert und nicht naturalistisch nachspielen lässt, ist das zu verkraften. Horstkotte setzt auf die imaginierende Kraft der Musik und nimmt das Ambiente so weit zurück wie Lars von Trier in seinem exemplarischen „Dogville“-Experiment.

Ein leerer schwarzer Raum mit einem Spielpodest, das an ein Bett erinnert wenn sich der Baldachin von oben herabsenkt. Der Rest ist zeichenhafte Andeutung. Bis hin zum Türöffnen. Ein paar Versatzstücke gibt’s aber dennoch. Wie den gewaltigen Pelzmantel für den alten Boris Timofejewitsch, eine Karl Marx Gestalt mit Pelzmantel unter der man Ulf Paulsen kaum vermutet, wenn man ihn nicht hören würde (an der Rampe bei seinen walzernden Jugenderinnerungen deutlich besser, als in der Tiefe des Raumes, der doch manches verschluckt). Ohne die Schüssel mit den vergifteten Pilzen und die roten Wollstrümpfe geht’s auch nicht. Auf der Polizeistation, die ein Musterbeispiel der Groteske ist, geistert natürlich ein Demonstrant mit dem obligaten Schluss-mit-dem-Sparwahnsinn-Theater-bleibt Plakat durchs Bild.

Mit dieser bewusst reduzierten Ästhetik vertraut Horstkotte darauf, dass sich die opernunentbehrliche Empathie mit der Titelheldin über die psychologische Dynamik einer bewusst zelebrierten Versuchsanordnung einstellt. Die korrespondiert so konsequent mit der Musik, dass der Zuschauer die evozierten Bilder im Kopf vollenden kann.

Zur ambitionierten Inszenierung kommt eine grandiose Sängerdarstellerin im Zentrum: bei Iordanka Derilova treffen sich Wagnerpower und Gestaltungswille – ihre Katerina lässt keine Wünsche offen! Robert Künzli ist ein Sergej auf Augenhöhe (auf seinen Dessauer Siegmund darf man sich freuen). Vom übrigen Ensemble lässt sich André Eckert natürlich nicht das Kabinettstückchen als versoffener Pope entgehen. Rita Kapfhammer sorgt dafür, dass man bedauert, dass ihr Auftritt als neue Flamme von Sergej so kurz ist. Der Chor und das übrige Ensemble lassen sich mitziehen. Von einer Inszenierung, die mehr Zuschauer verdient, als sich zur Premiere eingefunden hatten. Dafür war der Beifall euphorisch!

Uwe Friedrich, Deutschlandradio/ Fazit, 29.03.2014

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