La Bohème

Oper von Giacomo Puccini

»Und doch gibt es wahrscheinlich dort, in dieser Stadt des Leichtsinns und der ›joie de vivre‹, […] auch heute noch ›Mimis‹ und ›Musettes‹, die einen Vicomte um eines jungen Dichters oder Malers willen verlassen und einen kalten Winter lang oder zwei, nur von Liebe durchwärmt, bei ihrem Liebsten aushalten? Die Bohemiens […] haben ja eine Mitgift, um die man jede Not und Entbehrung erträgt: eine unverwüstliche, unbezahlbare Heiterkeit.« [Herbert Eulenberg im Vorwort zu Henry Murgers Fortsetzungsroman »Scènes de la vie Bohème«]

Im Quartier Latin in Paris leben die vier Freunde und Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline. Ständig fehlt selbst für das Notwendigste das Geld. Doch da Schaunard gerade einen Auftritt als Musiker hatte, wollen sie den Weihnachtsabend im Café Momus feiern. Sie ziehen los – bis auf Rodolfo, der noch seinen Zeitungsartikel fertigstellen will. Er wird von Mimì, einer Nachbarin, unterbrochen, die um Feuer für ihre Kerze bittet. Sie beginnen miteinander zu flirten und verlieben sich ineinander. Bald schon feiern sie gemeinsam mit den Freunden im Café Momus. Einige Monate später ist Mimì unglücklich, denn Rodolfo ist ständig eifersüchtig. Sie belauscht ein Gespräch zwischen Marcello und Rodolfo und erfährt, dass Rodolfo sich von ihr trennen will. Er sorgt sich um ihre Gesundheit und wünscht ihr einen Mann, der ihr eine ärztliche Versorgung bieten kann. Mimì überzeugt Rodolfo davon, mit ihr noch bis zum Frühjahr zusammenzubleiben. Ein halbes Jahr später trauern Rodolfo und Marcello um ihre ehemaligen Geliebten. Plötzlich bringt Musetta, Marcellos Verflossene, die vom Tode gezeichnete Mimì herein. Sie möchte bei ihrem geliebten Rodolfo sterben. Auch scheinbar nebensächlichen Momenten schenkte Giacomo Puccini eine Wärme des Ausdrucks, die der ganzen Oper Wahrhaftigkeit gibt und sie vor Sentimentalität bewahrt. »Wenn man sich nicht fest in der Gewalt hat, wird man allein vom Feuer dieser Musik fortgerissen.« [Claude Debussy]

[In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln]

Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung Roman Hovenbitzer
Ausstattung Tilo Steffens
Choreografie der Poesie Claudia Czyz
Chor Helmut Sonne
Kinderchor Dorislava Kuntscheva
Dramaturgie Sophie Walz

Mimi Angelina Ruzzafante
Musetta Cornelia Marschall / Anke Berndt a.G.
Rodolfo, Poet Artjom Korotkov
Marcello, Maler Ulf Paulsen
Schaunard, Musiker Wiard Witholt
Colline,Philosoph Kyung-Il Ko
Parpignol, Händler David Ameln
Der Tod [Benoît/Alcindoro/Zöllner/Sergeant] Cezary Rotkiewicz
Die Poesie, eine Tänzerin Claudia Czyz / Charline Debons
Anhaltische Philharmonie
Opernchor des Anhaltischen Theaters
Kinderchor des Anhaltischen Theaters

PRESSESTIMMEN

Alexander Hauer, Der Opernfreund, 22.01.2012

In dir finde ich den Traum, den ich schon immer träumen wollte. Verstehst du mich? (La Bohème - 1. Akt)
Zunächst einen Bemerkung in eigener Sache: Ich bin kein Freund von Puccini, seine Musik ist meines Erachtens zu sehr auf die weibliche Psyche komponiert, als dass ich sie verstehen könnte/wollte. Tosca ja, der Mantel auch, aber sonst, sorry, für einen Puccini fahr ich keine 100 Kilometer. So, Dessau liegt rund 300 km von meinem Wohnort weg, aber ich bin trotzdem gefahren. Ein Theater, das in einer permanent hohen Qualität, an der sich die größten Häuser in Deutschland messen können, produziert, wird auch einen Puccini hervorragend gestalten. Allein die Besetzung, die musikalische Leitung und das Regieteam versprach sensationelles. Also, auf die Autobahn und hin.
Roman Hovenbitzer und sein Ausstatter Thilo Steffens sind auch für mich keine Unbekannte, ihr Inszenierungsstil, modern, aber durchaus der Tradition verbunden, entspricht auch genau meinem ästhetischem Empfinden. Gleich zu Beginn ein Bruch, zwei Clowns, eher Horrorgestalten als Spaßmacher zitieren zärtliche Liebesgedichte, die die Handlung der Boheme unterstreichen. Die beiden interpretieren dann auch alle Nebenfiguren der Oper, David Ameln den Parpignol und Cezary Rotkiewicz Benoit, Alcindor und den Sergeanten an der Stadtwache.
Die eigentliche Handlung Hoverbitzer und Steffens verlegen die Oper aus ihrer Originalzeit und –Ort, dem revolutionärem Paris der 1830 Jahre in einen vagen, immer gültigen Rahmen. Vier mehr oder minder mittellose Künstler leben in einer WG zusammen. Der eine, Rudolfo, als Gast spontan eingesprungen und sensationell gut in die Regie eingefügt, Sébastien Guèze, leidet unter einer Schreibblockade. Da tritt eine Frau in sein Leben, Mimi, hier gedoppelt als reale Nachbarin, wie immer berückend schön, voller zärtlicher Lyrismen und zartesten Pianis, gepaart mit stupenden Schönheit in der Stimme, Angelina Ruzzafante, und als Projektion Rudolfos, die Muse Mimi, die bezaubernde Tänzerin Claudia Czys. Ab diesem Moment scheint die Zeit für Rudolfo langsamer zu vergehen, Puccinis Melodien werden sanfter. Seine WG-Genossen, und welches Dreamteam an dunklen Männerstimmen, Ashwin, Ko und Paulsen, kann Dessau da auf die Bühne bringen, bemerken die Veränderung ihres Freundes nicht.
Das zweite Bild, der Café Momus Akt, gerät zu einem verspiegelten, kalt rot flittrigem Weihnachtsmarktspektakel. Hier schlägt dann die Stunde Ulf Paulsens, der dem am Rande des Wahnsinns stehenden Maler Marcello seine Gestalt und seine überragende Stimme leiht. Zusammen mit Anke Berndt, auch eine Premierennothelferin aus Halle, als Musetta gibt er das liebestolle Paar. Seine Einwürfe in ihren Walzer, voll kalkulierter Erotik, eine kleines Meisterwerk Puccinis, sind präzise gesetzt und lassen Freude auf das Quartett im dritten Akt aufkeimen. Das quirlige Treiben vor dem Café gerät bei Hoverbitzer und Steffens zu einem Schaulaufen der Massen. Der Chor unter Helmut Sonne, wie immer ein besonderer Hingucker und –Hörer, unterstützt vom präzis singend und hervorragend spielenden Kinderchor unter Dorislava Kuntschewa, gibt eine gleichgeschaltete Menge, scheinbar ohne eigene Persönlichkeit, wie Projektionen einer anderen Matrix. Nach der, gefühlt viel zu langen, Pause, stellte sich für mich dann die Frage, wie Roman Hoverbitzer die Szene mit der Zollschranke lösen wird. Seine Lösung so einfach und so einleuchtend war, dass er das Geschehen einfach im „off“ spielen ließ und den Blick des Zuschauers auf seine Hauptprotagonisten richtete. So gelang ihm der Spagat die Oper ohne Striche, aber auch ohne Konkretisierung des Räumlich-Zeitlichen, zu zeigen. Nach der Trennung von ihren Frauen leben die Jungs wieder in ihrer alten WG. Doch das Feuer der Kreativität scheint erloschen, ohne ihre Musen stümpern Rudolfo und Marcello vor sich hin, nichts scheint ihnen zu gelingen. Einen Moment der Entspannung bekommt das Publikum beim wunderbar choreographierten Duell im Quartett, bevor es wirklich ernst wird. Mimi kehrt zum Sterben zu ihrem Rudolfo zurück, Kyung-Il Ko lässt Colline mit seiner Mantelarie erstrahlen, Musetta verliert ihre Kaltschnäuzigkeit beim Gebet, dennoch, die Hilfe kommt zu spät. Und genauso wie Mimi und die Muse Mimi in Rudolfos Leben getreten sind so gehen sie auch. Die reale Mimi stirbt, die Muse entschwindet auf einer Spiegelkugel in den Bühnenhimmel. Beobachtet von einem schwarz gewandeten Chor bleiben fünf einsame Menschen zurück. Das Czesary Rotkiewicz ein ausgezeichneter Sänger ist hat er in Dessau schon oft bewiesen, in dieser Boheme kristallisiert er sich auch als ausgezeichneter Tänzer heraus. In Claudia Czyz klug durchdachter Choreographie ist er mehr als die Stütze einer Tänzerin, sein Tod in vielerlei Masken unterstreicht die Endlichkeit allen Menschlichens, dabei wirkt dieser Tod nie als Gefahr, sondern scheinbar als Freund und Partner.
Die besondere Leistung Hoverbitzers und Steffens‘ liegt darin „La Bohème“ in scheinbar modernem, neudeuterischem Kleid daher kommen zu lassen, dass es aber eine, und das Regieteam möge es mir verzeihen, stockkonservative Inszenierung ist. Sie erzählen präzise die Geschichte jenes tragischen Liebespaares, verzichten dabei nicht auf Requisiten und Versatzstücke der nun hundertjährigen Erfolgsgeschichte dieser Oper. Dass sie dabei nicht in eine Kitschorgie oder in einen Hyperrealismus geraten, verdeutlicht die ewige Aktualität des Stoffes. Ihre Mimi stirbt, sie geben nicht preis an welcher Krankheit, sondern sie zeigen das einfache Ende einer, vielleicht, ganz großen Liebe. Neben der überragenden künstlerischen Leistungen auf der Bühne, und die Riesenbühne in Dessau fordert einfach Höchstleistungen von allen Beteiligten, gibt es noch einen Faktor, der zum Triumpf des Abends beitrug: die Anhaltische Philharmonie unter Anthony Hermus. Gibt es irgendein Genre, das dieser Klangkörper nicht bewältigt? Hermus holt aus dem Graben raus, was raus zu holen ist. Scheinbar leicht bewältigt er die Klippen der Partitur, lässt sein Orchester flirren, peitscht die schnellen Stellen voran, gewährt aber auch den sanften Lyrismen Puccinis ihr Recht. Er unterstreicht die Liebesgeschichte Mimis und Rudolfs mit sanften Tönen, lässt das Feuer der Leidenschaft Musettas und Marcellos auflodern, deckt die falsche Sentimentalität Collines in seiner Mantelarie auf und gibt Musetta im Gebet die Gelegenheit sich vom hartherzigen Partygirl zum mitleidendem Menschen zu wandeln.
Was lernt der Rezensent daraus? 600 km Autobahn lohnen sich, wenn das Ziel Dessau heißt, es einen Puccini mit diesen Sängern, diesem Orchester und vor allem solch eine grandiose Regieleistung gibt.

Uwe Friedrich, mdr Figaro, 14.11.2011
[AUDIO]
Helmut Rohm, Volksstimme, 14.11.2011

Liebesgeschichte trifft die Herzen des Publikums Mit Giacomo Puccinis Oper "La Bohème" hat das Anhaltische Theater Dessau einen weiteren künstlerischen Höhepunkt markiert. Roman Hovenbitzers Inszenierung wurde zur Premiere am Sonnabenabend im gut besetzten Großen Haus mit einem fast viertelstündigen Applaus begeistert gefeiert. Dabei standen die Darsteller völlig berechtigt im Mittelpunkt. Ein besonders herauszuhebendes Lob - das drückte der Beifall ebenso aus - gebührte dem Orchester unter GMD Antony Hermus. Puccinis facettenreiche und eindringliche Musik, die immer eng verwoben ist mit der szenischen Handlung, bringen sie durchweg spannungsgeladen stets auf den Punkt - da ist wahrlich hohe Kunst gelungen.
Den Akteuren gab Regisseur Roman Hovenbitzer künstlerisch weitgespannte Räume, um das an sich überwiegend handlungsarme Geschehen doch kurzweilig "im Fluss" zu halten. Tilo Steffens (Kostüme und Bühne) schuf dazu die realen Räume, karg ausstaffiert, doch effektvoll symbolisch in der Wirkung. Raffinierter Spiegeleinsatz machte im (Hand)-Umdrehen aus der Künstler-WG mit kaltem Ofen und Kerze - für Armut und Kälte - einen großen Festplatz. Opernchor (Leitung Helmut Sonne), Kinderchor (Leitung Dorislava Kuntscheva) und Statisterie erfüllten das Pariser Quartier Latin mit feiernder ausgelassener Volksaktion und mit schönem Gesang.
Roman Hovenbitzer hatte mit seiner Besetzung eine durchweg glückliche Hand. Brillanter Gesang (italienisch mit deutschen Übertiteln) und trefflich charakterisierendes Spiel wurden auch in keiner Weise geschmälert durch die zur Premiere nötigen kurzfristigen "Ersatzlösungen" für erkrankte Darsteller. Der junge französische Tenor Sébastien Guèze als Rodolfo sowie Anke Berndt als Musetta vollbrachten mit hoher Energieleistung nicht nur die Rettung der Premiere, sondern eine bravouröse Rollengestaltung.
In seiner Personenführung legt Roman Hovenbitzer das Hauptaugenmerk auf die psychische Auslotung der Charaktere, auf Atmosphäre und Emotionalität, gepaart mit unaufgesetzter Symbolik. Seine Inszenierungsidee trifft die Herze des Publikums. Einfühlsam und nachvollziehbar leben Angelina Ruzzafante und Sébastien Guèze die aufkeimende Liebe und ihre konfliktreiche Entwicklung zwischen Mimi und Rodolfo. Für den jungen Poeten ist die todkranke Näherin Mimi Geliebte und Muse/Poesie zugleich. Hovenbitzer gibt dieser fiktiven Poesie, einem zweiten Ich, durch eine auf einer Silberkugel einschwebende gleichgekleidete Tänzerin (Claudia Czyz) eine semireale Gestalt, die Mimis Erleben tänzerisch tangiert. Mit dem kaum an Emotionalität zu überbietendem Sterben der Mimi in der Dessauer Inszenierung entschwindet die Poesie in die Weite der Welt.
Der unabwendbare Tod der Mimi wird dem Publikum von Beginn an durch die von Cezary Rotkiewicz (auch Benoit, Alcindoro, Zöllner, Sergeant) gespielte Figur mehr oder weniger häufig präsentiert. In einer Art kontrastierender Parallelhandlung zu Mimi und Rodolfo erleben die Gäste die Beziehung von Anke Berndt und Ulf Paulsen als kokette Musetta und Maler Marcello. Zur "Viererbande" der Künstler, wie Hovenbitzer formulierte, gehören Andrew Ashwin als Musiker Schaunard und Kyung-Il Ko als Philosoph Colline. Die Rolle des Händlers in Clown-Outfit spielt und singt David Ameln.

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 14.11.2011

Der Tod und das Mädchen

Eins muss man ihm lassen: Der Tod ist ein guter Tänzer. Galant bittet er das Mädchen zum Pas de deux, geschickt stützt er ihre Pirouette ... doch wenn die Musik verklingt, bleibt er allein zurück. Das ist der Preis des Reigens und das Ende vom Lied: Wer sich zum Leben auffordern lässt, bezahlt dafür mit dem Sterben.

Im Schlussbild seiner Inszenierung von Giacomo Puccinis "La Bohème" löst Roman Hovenbitzer am Anhaltischen Theater Dessau jenen szenischen Dreisatz auf, den er mit Mimis Auftritt am Anfang etabliert hat. Die Sängerin ist eine Tänzerin ist ein Automat - eine Verschachtelung, in der sich die reale Figur von vornherein auflöst und zur Projektionsfläche von fremden und eigenen Sehnsüchten wird. Denn so, wie sie der Dichter Rodolfo zu seiner Muse stilisiert, träumt sie sich auch selbst als eine Andere. Und so umtanzt sie ein bunter Schatten, der sich seinerseits als kleine Puppe auf einer Spieluhr betrachtet - eine symbolistische Matrjoschka, wie sie die Bohemiens in ihrer Pariser Dachkammer nicht besser hätten erfinden können.

Die stumme Figur der "Poesie", die Claudia Czyz in ihrer eigenen Choreografie tanzt, bleibt nicht die einzige Überformung der alten Geschichte. Hovenbitzers Einfall, der Moritat ein lyrisches Präludium voranzuschicken, stärkt den komödiantischen Ton des Abends - und polstert die Unmittelbarkeit ab, mit der die Tragödie ansonsten auf ihr Publikum prallt. Der Spielwarenhändler Parpignol und sein sinistrer Gefährte sind die bösen Clowns, die sich hier über die großen Gefühle lustig machen - und die am Ende doch nicht verhindern können, dass man von der entsetzlich einfachen Wahrheit dieser Geschichte gerührt ist. Denn als Mimi stirbt, verstummt nicht nur das übermütige Männerquartett der Lebenskünstler. Es ist, als hielte die ganze Welt für einen Augenblick den Atem an - und lauschte den letzten Takten im leeren Raum.

Mit seinem offenen Schlussbild vollendet Ausstatter Tilo Steffens ein Raumkonzept, das aus der kargen Mansarde zunächst in die Talmi-Opulenz des weihnachtlich geschmückten Quartier Latin und dann zurück in die kalte Winternacht führt. Und hier drängt sich das bunte Völkchen von einst als schwarze Masse frierend und neugierig am Horizont zusammen, als würden die Voyeure aus dem Parkett von einem fernen Spiegel verdoppelt: Mimi stirbt vor aller Augen und ist doch ebenso allein wie jene, die sie lebend zurücklässt.

Unter einem dunklen Stern

Der helle und schier endlose Jubel, mit dem die Premiere quittiert wurde, galt am Samstag nicht allein dieser etwas überfrachteten, in sich aber schlüssigen und aus der Musik entwickelten Lesart. Zugleich wurde hier der glückliche Ausgang einer Endprobenphase gefeiert, die unter keinem guten Stern gestanden hatte: Zunächst war die Interpretin der Musetta erkrankt, wenig später erwischte es gleich beide alternierend besetzten Rodolfo-Darsteller - eine Not, die dank kurzfristiger Umbesetzungen in eine Tugend verwandelt werden konnte. An Anke Berndts Eignung als ebenso kaltschnäuziges wie warmherziges Gegenstück zur tragischen Heldin konnte niemand zweifeln, der sie vor zwei Jahren in Aron Stiehls hallescher Inszenierung gesehen hatte. Gemeinsam mit Ulf Paulsens dämonischem Maler-Maniac Marcello aber gelang es ihr, Musetta weitere frische Farben beizumischen. In Andrew Ashwin (Schaunard) und Kyung-Il Ko (Colline) hatte der kraftvoll dunkle Bariton Paulsen würdige Kombattanten, im immer neu maskierten Totentänzer (Cezary Rotkiewicz) einen starken Gegenspieler - und die von Helmut Sonne und Dorislava Kuntschewa geleiteten Sänger des Opern- und Kinderchores boten in kurzen Auftritten viel mehr als impressionistisches Kolorit.

Angelina Ruzzafante aber, deren Mimi von Anfang an fragile, auch stimmlich entrückte Schönheit entfaltet, widerfährt durch die Missgunst der Stunde tatsächlich ein unverhofftes Glück. Der junge französische Tenor Sebastian Guèze ist ein Rodolfo, wie man ihn sich als Partner für dieses traumverlorene Mädchen nicht besser denken kann: Lyrisch und weich, dabei von großer gesanglicher und darstellerischer Intelligenz geleitet, wirkt er wie die ideale Erstbesetzung für Partie und Inszenierung. Was dem Dessauer Premierenpublikum hier geboten wird, ist eine Sternstunde - und die ist vor allem jenem Mann zu danken, der das Geschehen musikalisch auf höchste Höhen hebt.

Das Orchester singt und atmet

Generalmusikdirektor Antony Hermus nämlich hat den Sänger kurzerhand aus Toulon importiert, wo er unlängst mit ihm den "Faust" präsentierte. Auch in Dessau singt und atmet er nun mit ihm und allen anderen Interpreten, er dressiert die forcierte Heiterkeit und arbeitet Klangbögen wie -brüche sorgsam heraus. Im Spiel der Anhaltischen Philharmonie wird deutlich, was das Geheimnis von Puccinis Musik ist: Sie trägt das tiefere Wissen um das Ende von allem Anfang an in sich - so wie Mimi ihre Krankheit zum Tode. Und darum ist sie so schrecklich schön.

Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 14.11.2011

Gefahr umjubelt abgewendet

Diese erste Opernpremiere der Spielzeit wird dem Ensemble des Anhaltischen Theaters wohl lange im Gedächtnis bleiben. "La Bohème" von Giacomo Puccini feierte am Sonnabend eine umjubelte Premiere und war von ganz besonderen Umständen begleitet. "Sie können sich nicht vorstellen, was in dieser Woche hier passiert ist", sagte bei der Premierenfeier Generalmusikdirektor Antony Hermus und erklärte die turbulenten letzten Probentage für die Neuproduktion. Am Montag habe sich die Musetta, Sopranistin Cornelia Marschall, krank gemeldet, am Tag darauf die beiden doppelt besetzten Tenöre für die Rolle des Rodolfo.

Die Premiere schien ernsthaft in Gefahr. Doch Hilfe nahte aus der Region und der Ferne. Als Musetta sprang Anke Berndt vom halleschen Opernhaus ein, der Rodolfo reiste aus Frankreich an. Sébastien Guèze, ein junger Tenor, hatte erst kürzlich mit Antony Hermus in Gounods "Faust" an der Oper Toulon zusammengearbeitet. Am letzten Abend habe er noch zu Hermus gesagt, "wenn du einen Rodolfo brauchst, dann ruf mal an", so der Dessauer GMD. "Viele sagen so etwas, wenige machen es. Am Dienstagabend hab ich ihn angerufen und er ist gekommen." Und er wurde zum Star dieses Premierenabends, trat nach der Pause erstmals mit Orchester auf, und die fehlende Probenzeit spürte man in keiner Minute. "Ich habe in dieser Woche gelernt, was Zusammenhalt und Freundschaft bedeuten", bedankte sich Antony Hermus tief bewegt beim Ensemble und seinen Musikern.

Aber nicht nur diese besonderen Umstände bei einer Premiere hinterließen am Samstagabend einen tiefen Eindruck. Begeistert feierte das Publikum die Inszenierung von Gastregisseur Roman Hovenbitzer, der, so Generalintendant André Bücker in seiner Dankesrede bei der Premierenfeier, zwar die Haare gerauft, aber die Ruhe bewahrt habe. "Es ist unglaublich, wie sich alles zum Guten gewendet hat. Als Hausherr bin ich zutiefst gerührt und glücklich", sagte Bücker. "Ich hoffe, dass wir Sébastien Guèze in irgendeiner Form noch einmal hier zu Gast haben", so der Generalintendant.

Beeindruckt von der Premierenvorstellung zeigte sich auch die bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete Undine Kurth, die zu den Zuschauern gehörte. "Ich habe es absolut nicht bereut, aus Quedlinburg hergekommen zu sein. Es war ein fantastischer Abend und ich hoffe, dass alle wissen, wie viel ärmer diese Region wäre, wenn es solch ein Theater, solche Oper nicht mehr gäbe", sagte sie. Und auch Sopranistin Anke Bernd aus Halle erlebte ihren Noteinsatz als beglückend. "Es war wunderbar, an diesem Haus zu arbeiten. Hier herrscht eine tolle Atmosphäre", fand die Sängerin. Für die zweite Vorstellung am 20. November hofft sie freilich auf die Genesung ihrer Kollegin Cornelia Marschall, und auch die Rodolfos Sergey Drobyshevskiy und Artjom Korotkov haben bis dahin noch ein paar Tage, um sich auszukurieren. Für diese drei Ensemblemitglieder steht die Premiere in "La Bohème" noch aus.

Uwe Friedrich, dradio/Fazit, 12.11.2011
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