Kristallpalast (Uraufführung)

Eine Jahrhundert-Revue mit Ballett und Schauspiel

Der Dessauer Kristallpalast war im 20. Jahrhundert die ›gute Stube‹ der Stadt, in der man sich zu Bällen und rauschenden Festen, aber auch zu Modenschauen, Box- veranstaltungen oder politischen Kundgebungen traf. Seit 25 Jahren steht das Gebäude, das nach Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg nur notdürftig repariert und kurz nach der Wende wegen baulicher Mängel geschlossen wurde, jedoch wie eine unvernarbte Wunde an der Zerbster Straße. Gemeinsam mit dem Ballett und dem Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters erinnert Ballettdirektor Tomasz Kajdański an die goldenen wie die dunklen Tage des Tanzpalastes ... eine stumme, aber beredte Revue über schöne und schwere Zeiten des vergangenen Jahrhunderts, die von historischer Unterhaltungsmusik getragen wird.
03.04.16, 17.00Großes Haus
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Inszenierung und Choreographie Tomasz Kajdanski
Bühne Nicole Bergmann / Nancy Ungurean
Kostüme Steffen Gerber
Kinderchor Dorislava Kuntscheva
Dramaturgie Andreas Hillger

Mit Nicola Brockmann / Charline Debons / Illi Oehlmann / Christel Ortmann / Katja Sieder / Anna-Maria Tasarz / Thomas Ambrosini / Felix Defèr / Gerald Fiedler / Dirk Greis / Mario Klischies / Stephan Korves / Boris Malré / Joe Monaghan / Sebastian Müller-Stahl / Patrick Rupar / Patrick Wudtke / Elisabeth Antal / Karin Klose

Kinderchor des Anhaltischen Theaters

PRESSESTIMMEN

Sentimentale Reise durch ein Jahrhundert, Opernnetz.de, 13.05.2015

von Herbert Henning

Nach so viel Begeisterung, lauthalsem Mitsingen und Schwenken von bunten Leuchtstäben im Rhythmus des deutsch-deutschen Pop-Klassikers von Karat Über sieben Brücken musst Du gehen wird es ganz still. Der Kinderchor des Anhaltischen Theaters singt das Kinderlied Uns`re Heimat, dessen Text der Dessauer Herbert Keller gedichtet hat. Und auch wenn heute die politischen Verhältnisse ganz anders sind – die Botschaft des Liedes ist unverändert wahr und voller Hoffnung. Erinnerung bleibt.

Hoffnung und Bangen, Freude und Leid, Sehnsucht und Verlangen in Zeiten des Friedens und zweier Kriege in Deutschland Ost und West thematisiert die Jahrhundertrevue Kristallpalast, die Regisseur und Choreograf Tomasz Kajdanski mit Ballett und Schauspiel inszeniert hat. 20 Tänzer und Schauspieler lassen gemeinsam mit dem Kinderchor des Anhaltischen Theaters ein Jahrhundert in Liedern, Chansons, Schlagern, Operettenmelodien, Kampf- und Arbeiterliedern sowie Musik aus Weils Dreigroschenoper, in Tänzen von Tango, Walzer, Foxtrott bis Twist und Lipsi Revue passieren. Das gesprochene Wort wird durch die Kraft der Klänge, durch den Ausdruck der Körper in den das jeweilige Zeitalter kongenial widerspiegelnden Bewegungschoreografien ersetzt. Diese stumme Revue führt in immer neuen Verwandlungen durch die Zeiten. Menschen und Menschenschicksale werden emotional bewegend vorgeführt. Es ist erstaunlich, in welchem atemberaubenden Tempo sich die Tanzszene verändert, in immer neuen Kostümen und Masken man sich in die Tanzformationen zu der Original-Musik hineinfindet, die aus dem Off die Zeit so treffend charakterisiert. Die Musik wird vom Grammophon mit Schellackplatten, Plattenspieler und Radio original eingespielt. Und so wird diese Jahrhundertrevue für den Zuschauer eine Erinnerungsrevue, wenn Heinz Rühmann und Hans Albers meinen Jawoll meine Herrn, die Capri-Fischer besungen werden oder man scheinbaren Trost mit Im Leben geht alles vorüber spendet.

Den Rahmen dieser ganz besonderen Geschichtslektion bildet der Kristallpalast, eine Dessauer Restauration mit einer wechselvollen Geschichte. In seiner Geschichte war es Tanzpalast, Theater, Ort für Parteipropaganda der Nazis und der Kommunisten, Lazarett und immer wieder ein Ort der Geselligkeit, von Tanzvergnügen, Theater, Modenschauen und Boxkämpfen. Als Ruine ist der Kristallpalst heute ein Ort der Erinnerungen. Und die lassen die Dessauer Künstler in dieser Revue aufleben. Höhepunkt ist, wenn zu Schlagern der DDR wie Ein Himmelblauer Trabant, Ich hab`den Farbfilm vergessen, Ute Freudenbergs Jugendliebe, den Pinguin Mambo oder den Lipsi Heute tanzen alle jungen Leute mit zahllosen Zuschauern, die auf die Bühne geholt werden, getanzt wird. Die Zeitrevue hat auch viele Szenen, die unter die Haut gehen. Wenn sich der Faschismus wie schleichendes Gift der Menschen bemächtigt, die Inflation säckeweise das wertlose Geld „regnen“ lässt und erst die US-Army mit Get up, Mademoiselle, den Care-Paketen und später zu den Klängen von Katjuscha die Rote Armee auftreten. Die Kostüme von Steffen Gerber charakterisieren treffend die jeweilige Zeit, und Nicole Bergmann und Nancy Ungurean haben auf die Bühne einen Tanzpalast gebaut, der den Dessauer Kristallpalast in seiner Vergänglichkeit erahnen lässt.

Aus dem Ensemble seien stellvertretend herausgehoben: Gerald Fiedler, Illi Oehlmann, Sebastian Müller-Stahl, Joe Monaghan, Anna-Maria Tasasz.

Langanhaltender Beifall und Ovationen für eine mitreißende Revue.

Der getanzte Jahrhundert-Schritt, Mitteldeutsche Zeitung, 12.05.2015

In Dessau choreografiert Ballettchef Tomasz Kajdanski eine Zeitreise im Kristallpalast.

VON JOACHIM LANGE

DESSAU-ROSSLAU/MZ- Zu Karats "Über sieben Brücken musst du gehen" gibt es dann kein Halten mehr. Da triumphiert das Wohlgefühl der Erinnerung im Saal, da singen alle mit, schwenken brav ihre Leuchtstäbe und versichern sich stillschweigend, dass die Karat-Version jene von Peter Maffay allemal hinter sich lässt.

Die Jahrhundert-Revue mit Schauspiel und Ballett des Anhaltischen Theaters Dessau, die sich Tomasz Kajdanski und sein Dramaturg Andreas Hillger ausgedacht und umgesetzt haben, schließt mit dem so eingängigen "Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer...." aus dem Jahre 1951, dem Angelika Weiz 1989 noch einmal mit ihrer kritischen Version zu neuen Ehren verholfen hatte. Diese Ikone waschechten DDR-Liedgutes ganz unverkrampft an den Schluss seiner Revue zu setzen, ist das Privileg des geborenen Polen Kajdanski, den der kleine propagandistische Schlenker mit dem zu schützenden Volkseigentum nicht gleich zur Polemik herausfordert. Sonst hat er sich ebenso instinktsicher in die deutsch-deutsche Liedgut- und Schlagerbefindlichkeit zwischen Mauerbau und -fall eingefühlt wie in die Zeit vom Beginn des vorigen Jahrhunderts an. Und hat mal wieder bewiesen, dass der gute alte Schlager meistens eh viel näher am wirklichen Leben ist, als sein Ruf vermuten lässt. Wie etwa sollte man 1943 nicht an die in den Krieg entschwundenen Männer denken, wenn da aus dem Volksempfänger "Für mich könnte die Welt aus lauter Männer bestehen" kommt. Oder wenn sich zum "Sandmann, lieber Sandmann..." im Hintergrund-Video Stein um Stein zu einer (das heißt zu der!) Mauer fügen und auf dem Platz, wo nacheinander Kaiser, Führer und Stalin hingen, jetzt Walter Ulbricht über die Gäste im Kristallpalast wacht.

Der Dessauer Ballettchef hat sich noch jedes Mal als ein Choreograf mit ausgeprägtem Sinn fürs Musikalische erwiesen. Weil man mit sieben Tänzern nur schlecht einen Jahrhundertschritt hinbekommt, hat er die Schauspieler mit ins Boot respektive in seinen Kristallpalast geholt. Und das funktioniert hervorragend! Der titelgebende Dessauer Kristallpalast wurde im ehemaligen Palais Branconi 1904 als das "vornehmste Etablissement der Residenz" eröffnet. Nach der Zerstörung des Theaters im Zweiten Weltkrieg wurde er bis 1949 als "Großes Haus" genutzt. Dass sich hier die Naziprominenz feiern ließ und das Haus in beiden Weltkriegen als Behelfslazarett diente, gehört zur dunklen Seite der Geschichte. Die Bühne von Nicole Bergmann und Nancy Ungurean beginnt mit der ruinösen Gegenwart des Bauwerks und träumt sich zurück bis in die "Du sollst der Kaiser meiner Seele sein"-Zeit.

In die Vollen der Opulenz greift Steffen Gerber mit seinen Kostümen für diese musikalische Zeitreise. Die vor allem deshalb funktioniert, weil es Kajdanski gelungen ist, die Schauspieler und Tänzer im jeweils anderen Metier so zu motivieren, dass man deren getanzten Charakterstudien in jedem Fall gerne und mit wachsendem Vergnügen zusieht. Wer nicht aufpasst, kann sich einmal sogar auf der Bühne beim Mittanzen wiederfinden. Fürs Mitsingen beim Gang über die sieben Brücken muss man sich nicht mal vom Platz erheben.

Kleiner Friedrichstadtpalast, Mitteldeutsche Zeitung, 11.05.2015

NACH DER PREMIERE Theaterpublikum erinnert sich bei Party an Kristallpalastzeiten und findet diese im neuen Stück von Ballett und Schauspiel bestens wieder aufgelebt.

VON UTE KÖNIG

DESSAU/MZ- Mehr als zehn Minuten Applaus sind der Beweis: Tomasz Kajdanski und Andreas Hillger haben es geschafft, den "Kristallpalast" wieder auferstehen zu lassen. Zumindest für einen Abend. Gemeinsam mit dem Ballett- und Schauspiel-Ensemble des Anhaltischen Theaters durfte das Publikum noch einmal die Modenschauen und Boxkämpfe von damals erleben - und im Anschluss an die Premiere im Theaterrestaurant auch eine Tanzveranstaltung, stilecht mit "Grüne Wiese", "Schuppen-Sandwich" und allem was dazugehört.

Für Cornelia und Bernd Lorenz war der Besuch der Premiere von "Kristallpalast" beinahe ein Muss. Für sie hat der "Kristallpalast" nämlich eine ganz besondere Bedeutung: Die beiden Dessauer haben sich dort verlobt. "Es war gleichzeitig unser Abi-Ball", sagt Cornelia Lorenz. Das Stück nun sei einfach "super" gewesen. Insbesondere die gute Balance zwischen dem historischen, ernsteren ersten Teil, der sich mit der Zeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg befasst, und dem sehr unterhaltsamen zweiten Teil in der DDR-Zeit lobte das Ehepaar. "Da haben die beiden Sparten, die ja wegrationalisiert werde sollten, etwas Bravouröses geleistet", so Cornelia Lorenz.

Auch Annegret Fritzsche und Andrea Rosenhammer schwärmen vom Stück. Die Tanzveranstaltungen, der Boxkampf, die Bar, die Musik. Alles passte. Hillger und Kajanski hätten die Zeiten "sehr ansprechend Revue passieren lassen". "Es war ein Erlebnis", so Fritzsche. "Man hat sich selbst sehr hineinversetzt gefühlt." Auch die beiden Frauen waren früher regelmäßig im Kristallpalast. Man habe sich fein gemacht und habe immer etwas erlebt. Deshalb bedauern sie es sehr, dass das Gebäude jetzt immer mehr verfällt. "Für uns war es der kleine Friedrichstadtpalast", so Fritzsche.

Umso mehr genossen die Arbeitskolleginnen den Abend am Freitag. Nach der Premiere ging es ins Theaterrestaurant - auf eine "Rote Mühle". Das gehörte damals dazu. "Genauso wie die ,Grüne Wiese' oder eine Bockwurst mit Salat", so Rosenhammer. "Ganz einfache Sachen." Nur auf das "Schuppen-Sandwich" mussten die beiden verzichten. Die Nachfrage nach dem Kult-Brötchen war so groß, dass es schon kurz nach der Vorstellung ausverkauft war. Mittlerweile gibt es schon einige, die den echten "Kristallpalast" nicht mehr kennen. Durch die Tanzrevue können aber auch sie eine Vorstellung davon bekommen, weshalb die Dessauer so an ihrem "Schuppen" hängen. Das bestätigt auch Ralph-Peter Borchert. "Ich kannte nur den ,Kristallpalast' in Magdeburg", sagt der Schauspieler vom Teutschen Theater Teutschenthal. "Aber von der Inszenierung bin ich sehr begeistert."

Angela und Harald Seeliger hingegen kennen noch das Dessauer Original. "Klar", sagt sie. Regelmäßig sei man dort gewesen. Und Hillger und Kajdanski hätten gute Arbeit geleistet. Erst hätten sie Zweifel gehabt, da im Stück kein einziges Wort gesprochen wird und allein Musik zu hören ist. Doch am Ende waren sie sich einig: "Die Inszenierung war absolute Spitze." Das was den Veranstaltungsort von früher ausgemacht hat, sei auch auf der Bühne spürbar gewesen. Das Ehepaar erinnert sich vor allem an die Tanzveranstaltungen - "Da hat der Mann noch die Frau aufgefordert" (Angela Seeliger), - an Karneval und an die Modenschauen. "Das waren schöne Zeiten", so Angela Seeliger. Die Wiederbelebung des Kristallpalastes dürfe deshalb keine Vision bleiben, so Harald Seeliger. Er selbst möchte sich dafür einsetzen, dass die derzeitige Ruine doch irgendwann wieder "in alter Schönheit glänzt".

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