Kasimir und Karoline

Ein Volksstück von Ödön von Horváth

LIVE im BEATCLUB Dessau

Roßlauer Allee 3, 06844 Dessau-Roßlau

Ein großes Fest. Kasimir liebt Karoline, hat gerade seinen Job verloren und wird wohl auch seine Liebe verlieren. Denn Karoline will mehr, sie giert nach einer besseren Existenz ohne Depressionen und ohne Kompromisse. Kasimir hingegen taucht ab, verliert sich in Partyrausch und Selbstmitleid, will Karoline halten und weiß doch nicht wie. Karoline lässt sich schnell mit einem kleinen Angestellten ein, der sie jedoch, um seiner Karriere willen, an seinen Chef „verkaufen“ wird. Doch Karoline ist kein Opfer, sie hat „alles fest im Griff“ und ist bereit jeden Preis für ihren Traum zu zahlen. Das tragische Schicksal einer Beziehung unter dem Eindruck einer Weltwirtschaftskrise, Horváths Thema, ist noch immer hoch aktuell und erzählt sich heute dennoch neu. Denn keine naiven Opfer, überrollt von einer „kapitalistischen Moderne“ stehen mehr im Zentrum, sondern die neuen „Opfer“, werden selbst zu Tätern und sind bereit einen horrenden Preis für ihr Lebensglück zu zahlen. Bei Horváth spielt sich alles auf dem Münchner Oktoberfest ab, in Niklas Ritters Inszenierung finden sich die Figuren und Situationen in den Räumlichkeiten des echten BEATCLUB. Hier trifft eine so poetische, wie brutale Liebesgeschichte auf eine ungeschönte Wirklichkeit voller Menschen auf der Suche, voller Freaks und Sehnsüchtiger inmitten einer „Party“, die auch nach dem Ende der Inszenierung nicht zu Ende sein wird!

Inszenierung Niklas Ritter
Ausstattung Karoline Bierner
Dramaturgie Holger Kuhla / Sabeth Braun
Musik Til Ritter

Kasimir Jan Kersjes
Karoline Jenny Langner
Schürzinger Julian Mehne
Der Merkl Franz Thorsten Köhler
Dem Merkl Franz seine Erna Katja Sieder
Speer-Rauch Stephan Korves
Barkeeper Boris Malré

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 24.04.2012

Hohe Authentizität an besonderem Ort
Hohe Authentizität prägt das Theaterstück "Kasimir und Karoline" von Ödön von Horváth, das mit dem Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters Dessau am Sonnabendabend im Beatclub Dessau Premiere hatte.
Ein Zeppelin erfährt heute mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie ein hochmodernes Flugzeug, vielleicht noch mehr. So auch bei den Protagonisten zu Beginn der Dessauer Premiere. Er könnte ein symbolischer Bogen sein, mit dem Regisseur Niklas Ritter das Horváth-Stück aus dessen Entstehungszeit Ende der Weltwirtschaftskrise 1929 ins Heute holt. Der Aktualität und der Brisanz wegen. Was kann die Liebe gegen die Krise ausrichten? Kasimir und Karoline sind verlobt. Doch als Kasimir seine Arbeit verliert, kommt die Liebe mächtig ins Wanken. Karoline sucht schließlich das Amüsement, während ihm gar nicht danach ist. Es entwickelt sich eine private Krise, die ihren Ursprung in der allgemeinen Krise hat. Was kann die Liebe dagegen ausrichten? Die Versöhnung scheint nahe, kommt jedoch nicht zustande. Sie möchte Party, sich austoben. Eben noch umschmeichelt sie "ihren" Kasimir scheinbar liebevoll, doch unmittelbar danach erzählt sie ihm mit Stolz von ihrer neuen Bekanntschaft. Erst ein Eis, dann Achterbahn fahren - zusammen mit dem Zuschneider Eugen Schürzinger (Julian Mehne).
Sie belügt Kasimir. Er ist wütend, enttäuscht und verbittert, gibt auf, um sie zu kämpfen. Schließt sich dem Merkl Franz (Thomas Köhler) und dessen Frau Erna (Eva Marianne Berger) an. Bei diesem Paar, dessen Verhalten und Beziehung, durch die Umwelt beeinflusst, von Gewalt und Missachtung geprägt ist, findet Kasimir jedoch auch keinen richtigen Trost. Er bleibt einsam und verzweifelt.
Jan Kersjes lebt diesen von großen emotionalen Sprüngen geplagten jungen Kasimir facettenreich wirkungsvoll bis zur kleinsten Geste, zum zaghaften Blick aus. Seine gefühlsschwangeren wie auch mit feinem Humor geprägten Szenen, sein flüssig eingebrachtes musisches Agieren begeistern.
Karoline, die glaubt, um etwas erreichen zu können, "einen einflussreichen Mann bei seinem Gefühlsleben packen zu müssen", gibt sich dieser Illusion hin. Erst wendet sie sich Schürzinger zu. Als dieser aus Unterwürfigkeit und Aufstiegsstreben sie skrupellos an seinen Chef Rauch (Stephan Korves) "abtritt", folgt sie dem Ruf des noch größeren Reichtums.
Konglomerat von Naivität und Liebenswürdigkeit
Die von Jenny Langner trefflich dargestellte Karoline ist ein Konglomerat von zunächst durchaus glaubwürdiger, später nur noch scheinbarer Liebenswürdigkeit und Naivität, die viel mehr will, als ihr letztendlich gelingt. Aber sie bleibt sich treu. Als das Rauch-Abenteuer durch Kasimirs und Merkls Brutalität "abgesagt" ist, wendet sie sich wieder dem inzwischen aufgestiegenen Schürzinger zu.
Niklas Ritter inszeniert dieses Stück mit Tempo, gibt den einzelnen Protagonisten teils gewollt überzeichnete Charaktere, lässt die Protagonisten faszinierende bis an die Erschöpfung reichende Partytanzeinlagen auf das Parkett "legen". Im Kontrast dazu fordern effektvoll eingelegte, teils beklemmende Pausen, Stille und Ruhe den Betrachter geradezu heraus, nachzudenken und weiter zu denken. Für das Bühnenbild hat Karoline Bierner "das, was im Beatclub von Haus aus da ist" stimmig in die Handlung einbezogen.
Niklas Ritter und sein Ensemble haben nicht einfach das Theater an einen anderen Ort verlegt, sondern in und mit diesem Ort - für den Beatclub auch eine Premiere - Theater gemacht. Theater, bei dem das Publikum hautnah dabei ist und das den Premierengästen im ausverkauften Club sehr gut gefallen hat. Die Party ging und geht auch künftig nach der Vorstellung mit Livemusik weiter.

Andreas Montag, Mitteldeutsche Zeitung, 23.04.2012

Wirtschaftskrise frisst auch die Liebe auf

Was für ein großartiges, trauriges Stück! Und wie erschreckend zeitnah es Platz nimmt im Dessauer Beatclub, den sich das Anhaltische Theater mit dieser zu Recht gefeierten Premiere am Samstagabend als neue Spielstätte erschlossen hat. "Kasimir und Karoline", eines der Volksstücke des österreichisch-ungarischen Autors Ödön von Horváth (1901-1938), holt den Zuschauer mitten in der Gegenwart ab, auch wenn das Stück um 1930 spielt, auf dem Münchner Oktoberfest. Krise ist das Schlüsselwort, die Erschütterungen der kapitalistischen Wirtschaft werden an die Helden des Alltags weitergereicht und drohen sie zu zerstören. So hat der Regisseur Niklas Ritter mit seinem hervorragenden Ensemble den poetischen Text über die Verzweifelten auf der Suche nach Glück scheinbar mühelos ins Hier und Heute holen können. Die Geschichte ist schnell erzählt: Kasimir ((Jan Kersjes) ist mit seiner Karoline (Jenny Langner) unterwegs, sie will sich amüsieren. Aber wie soll das gehen, da er gerade seinen Job verloren und die Angst im Nacken hat, das Mädchen könnte sich abwenden von ihm? Zumal Kasimir als Proletarier ohnehin unterhalb des Standes lebt, den die bürgerliche Tochter Karoline eigentlich verteidigen muss. Sie aber wird mit ihrem Glücksanspruch, einer Sehnsucht, die in flüchtigen Beziehungen nicht gestillt werden kann, schließlich zur Täterin, die das Letzte zerstört, das noch Halt geben könnte: die Liebe. Niklas Ritter hat die Geschichte mit zeitgemäßer Musik, für die sich Kasimirs Freund, der Merkl Franz (Thorsten Köhler) jeweils in eine Music-Box verwandelt, und der derben Sprache aus dem Straßenmilieu dicht an unsere Verhältnisse gezoomt und ist dabei doch ganz und gar werktreu geblieben.
Frauen sind für den Kriminellen Franz nurmehr Objekte, "Fotzen" nennt er sie verächtlich und brennt doch selber in einer schrecklichen, selbstverzehrenden Wut auf die Umstände, die er weder ändern noch zu seinem Vorteil nutzen kann. Seiner gedemütigten, geschlagenen Freundin Erna (Eva Marianne Berger) bleibt allenfalls, sich einen Rest von Würde zu bewahren, indem sie sich von dem Mann distanziert. Einmal, in einer brutal aufschreckenden Fiktion im Spiel, schlägt sie sich mit einem Fleischerbeil eine Hand ab: Was wäre, wenn ich das täte? Nichts. Oder doch fast nichts. Lässig überspielt Franz sein Erschrecken, Erna wird seine grausame Kälte nicht überwinden können. In der Hauptsache ist die knapp 90-minütige Inszenierung ein großer Abend der Schauspieler. Jan Kersjes gibt den Kasimir als grundguten Kerl, der selbst, wenn er richtig böse werden will, nur ein tieftrauriges Lied herausbringen kann. Jenny Langners Karoline hat ein Leuchten im Gesicht, das sich mehr und mehr verliert. Und Schürzinger (Julian Mehne), der kleine Angestellte, ist ebenso verloren in seiner Sehnsucht. Sein Chef (Stephan Korves) wird ihm die Macht des Geldes zeigen. Der Barkeeper (Boris Malré) indes verdient an allen, getrunken wird viel in Zeiten wie diesen.

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