Iphigenie auf Tauris

Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe

Nach dem Erfolg in den beiden vergangenen Jahren wird auch im Sommer 2015 erneut André Bückers Inszenierung von Goethes Antikendrama "Iphigenie auf Tauris" im Amphitheater auf der Felseninsel "Stein" zu erleben sein.

Für einen „günstigen Wind“ opfert Agamemnon seine Tochter Iphigenie. Doch Iphigenie wird von Göttin Diana nach Tauris entführt, wo sie als Priesterin einem blutigen Ritus dienen muss, nach dessen Regeln jeder Fremde auf der Insel geopfert wird – auch die Reisenden Orest und Pylades, Iphigenies Bruder und dessen Freund. Eine Entscheidung steht an: Wird der Teufelskreis aus Verrat, Mord und Täuschung Bestand haben – oder kann er durchbrochen werden?

Das Schauspielensemble erspielte sich mit der Aufführung des Stückes überregionale Aufmerksamkeit. Inmitten des zum UNESCO-Welterbe zählenden Gartenreichs Dessau-Wörlitz wird der klassische Stoff an den einzigartigen Schauplatz der Felseninsel „Stein“ versetzt. Darauf befindet sich ein Amphitheater nach antikem Vorbild, das bereits 1794 mit Goethes Iphigenie eingeweiht worden war. Die Insel zählt zu den Hauptattraktionen des Gartenreichs. Ende des 18. Jahrhunderts durch Fürst Franz von Anhalt-Dessau erbaut, verbinden sich auf der Felseninsel die Ideen des antiken Theaters mit den Idealen der Aufklärung; hier findet Goethes Tragödie ihren idealen Schauplatz.

Eine Kooperation mit der Kulturstiftung DessauWörlitz

Das Besondere – Menü in den Grotten der Insel »Stein«

Genießen sie in der magischen Atmosphäre der Inselgrotten ein Vier-Gänge-Menü inkl. Wein & Mineralwasser.
Erfahren sie zuvor bei einer kleinen Führung Wissenswertes und spannendes über die Insel »Stein« (Felsengänge, Grotten, Tempel der Nacht, Tempel des Tages, Kolumbarium, Amphitheater, Villa Hamilton). Außerdem erhalten sie eine Einführung in Goethes »Iphigenie auf Tauris«.
Buchbar zu allen Terminen außer am 25.06.2015.
(Treffpunkt an der Insel »Stein« am 06.06. und 19.06. jeweils 17 Uhr und am 07.06.2015 14:30 Uhr)
Preis inkl. Menü: 83 € pro Person
Bitte nutzen Sie die öffentlichen Parkplätze, es stehen keine Parkplätze an der Insel »Stein« zur Verfügung!

Inszenierungsbedingt erfolgt der Einlass auf die Insel »Stein« bzw. in das Amphitheater erst 15 min. vor Vorstellungsbeginn. Wir bitten dafür um Verständnis. Die Aufführungsdauer beträgt 2 Stunden und 20 Minuten, inkl. einer Pause.

Inszenierung André Bücker
Ausstattung Suse Tobisch
Musik Thomas Rüdiger
Dramaturgie Sabeth Braun

Iphigenie Katja Sieder
Thoas, König der Taurier Stephan Korves
Orest Sebastian Müller-Stahl
Pylades Patrick Rupar
Arkas Felix Defèr

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 18.07.2013

André Bücker inszeniert Goethe-Stück als Sommertheater des Anhaltischen Theaters in Wörlitz
Iphigenies Rückkehr auf die Felseninsel
Hier ist ietzt unendlich schön...", schwärmt Goethe 1778 in einem Brief aus Wörlitz an Charlotte von Stein. Wie groß wäre seine Freude, hätte er die am Freitag begeistert aufgenommene Premiere seines Schauspiels "Iphigenie auf Tauris" auf der Wörlitzer Insel Stein miterleben können.
Sehr zufrieden wäre ebenfalls Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, dass dieses Stück über Humanität und Idealismus auf der von ihm ab 1788 in den Wörlitzer Anlagen angelegten Felseninsel aufgeführt wird. Er selbst hatte es auch 1794 zur Eröffnung des dortigen Amphitheaters ausgewählt.
André Bücker, Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau, hat das reizvoll natürlich gegebene Ambiente dieser Anlage mit dem Inhalt des Stückes um Iphigenie zu einem Gesamterlebnis verwoben. Die Spielfläche wurde zum Hain vor dem Tempel der Göttin Diana auf der Insel Tauris. Im Zentrum ist ein Opferaltar platziert. Ein Dolch weist auf die dort vorgenommenen Rituale der Menschenopfer hin. Zwei Tempeldienerinnen entzünden Feuer- und Duftschalen.
Im hinteren Teil agiert Percussionist Alex Wäber. Der international erfolgreiche Musiker verleiht mit längeren Passagen und kurzen, einzelnen Szenen unterstützenden Sequenzen der Dramatik zusätzliche Spannung und emotionale Wirksamkeit. Einfallsreich gestaltete Kostüme im kontrastierenden Schwarz -Weiß verleihen der Handlung starke Symbolkraft.
Iphigenie schreitet von der Tempelanhöhe durch die Zuschauerreihen herab. In dem mit besten Textverständnis sowie sparsam und effektvoll eingesetzter Mimik und Gestik gestalteten Monolog erfahren von ihr die Zuschauer im vollbesetzten Theaterrund ihre Geschichte. Sie wurde von ihrem Vater Agamemnon geopfert, von der Göttin Diana gerettet und nach Tauris entführt. Hier dient sie unter dem Schutz des Königs Thoas als Tempelpriesterin. Dank ihres Wirkens wurde der Brauch des Menschenopfers abgeschafft. Doch zufrieden ist sie nicht. Groß ist ihre Sehnsucht nach ihrer griechischen Heimat. Der Gewissenskonflikt zwischen Pflichterfüllung und persönlichen Wünschen gewinnt plötzlich an Brisanz, als Iphigenie den Heiratsantrag des Königs ablehnt. Da hilft auch die Argumentation von des Königs Diener und Berater Arkas nicht viel.
Die Konsequenz der Ablehnung: Der frustrierte König will den alten Ritus wieder einführen.
Und just zur gleichen Zeit werden zwei griechische Eindringlinge aufgegriffen, die dieses Schicksal treffen soll. In den Gefangenen erkennt Iphigenie ihren Bruder Orest, der vom Fluch der Erinnyen besessen ist, und dessen Freund Pylades. Gemeinsam beschließen die drei zu fliehen.
In einer der wohl stärksten emotionalen Szenen lässt Katja Sieder den Zuschauer tief in die Seele der Iphigenie blicken. Ihre Zweifel, Ängste, Wünsche, Sehnsüchte, doch auch Toleranz und Fairness zu dem, der ihr Schutz bot, führen innere Kämpfe.
Wahrheit und Pflichterfüllung siegen. Sie offenbart sich dem König. Es droht der offene Kampf zwischen Orest und Thoas. Da ist es Iphigenie, die mit dem Appell an Humanität und Menschlichkeit das Unheil abwendet. Thoas lässt Iphigenie, Orest und die Gefährten ziehen. Humanität und Menschlichkeit siegen.
André Bücker hat dieses klassische Stück in klassischer Theatermanier auf die Bühne gebracht, bar jedweder Modernisierung. Doch wohl gerade deswegen hinterlässt diese Wörlitzer "Iphigenie" eine starke Wirkung, liegen doch die aktuellen Parallelen bezüglich Toleranz, Humanität, Identität, Gewaltverzicht auf der Hand.

Kai Agthe, Mitteldeutsche Zeitung, 16.07.2013

Anhalts Seelenlandschaft

WÖRLITZ Das Anhaltische Theater Dessau zeigt "Iphigenie auf Tauris" im Gartenreich. Vor gut 220 Jahren war Goethes Drama hier erstmals zu sehen.
Wäre dieser Abend zu malen, es bräuchte einen Landschaftsmaler vom Format eines Antoine Watteau oder Claude Lorrain, denn er müsste als arkadische Idylle in Szene gesetzt werden. Als am vergangenen Freitag das Sommerstück des Anhaltischen Theaters Dessau seine Premiere im Wörlitzer Gartenreich feierte, stimmte atmosphärisch einfach alles: Es war ein lauer Abend mit blauem Himmel, Schönwetterwolken und vielstimmigem Vogelgezwitscher. Kaiser- oder, wie in Wörlitz zu sagen wäre, Fürstenwetter herrschte zur ersten Aufführung von Goethes Schauspiel "Iphigenie auf Tauris" im Amphitheater unterhalb der Replik der Villa Hamilton und des künstlichen Vulkans auf der Insel Stein. Eine mediterran anmutende Kulisse, die man sofort als "Hain vor Dianens Tempel" (wie es in Goethes Regieanweisung heißt) akzeptiert - und die wir Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1807) verdanken. Der eröffnete sein antikisierendes Freilufttheater 1794 mit eben jenem Goethe-Drama.
"Iphigenie auf Tauris" fast genau 220 Jahre später wieder an diesem Ort aufzuführen, ist also nur folgerichtig. Auch inhaltlich. Sommertheater heißt ja vor allem, was legitim ist, dass die Bühnen landauf, landab eher leichte Unterhaltung anbieten. Im Refugium Wörlitz jedoch wird der Zuschauer am Beispiel von Iphigenies und ihres Bruders Orest Schicksal in reimlosen Versen mit existenziellen Fragen des Menschseins konfrontiert.
Goethes "Iphigenie" ist einerseits als schwer verständlicher Schülerschrecken verschrien, andererseits bis heute ein dankbarer Zitaten-Lieferant: "Das Land der Griechen mit der Seele suchend" etwa ist Iphigenies Auftrag, den sie im Eingangsmonolog an sich selbst richtet. Ein Ausspruch, der auch zum Leitthema der deutschen Klassik wurde.
Das Faszinierende an dieser Dichtung ist, dass es primär kein Lesedrama ist, sondern ein Stück, das aufgeführt werden will und muss, um als Sprachkunstwerk in den Bann zu ziehen. Der Rezipient müht sich mit dem Bühnenstück, wenn es als Text vor ihm liegt, aber es entfaltet große Suggestivkraft, sobald es gespielt wird - zumal so vorzüglich wie jetzt in Wörlitz.
Dort braucht man auch nicht viele Utensilien, weil das baum- und buschbestandene Amphitheater Kulisse genug ist. Das mag auch Suse Tobisch, die für die Ausstattung verantwortlich zeichnete, beim ersten Ortstermin gedacht haben. Ein Altar, zwei metallene Schalen, ein paar Opferfeuer und Weihrauchgefäße überall im Rund genügen, um eine stimmige Theateratmosphäre zu schaffen. Die Kostüme der Beteiligten sind schwarz oder weiß gehalten und zitieren in ihrem Zuschnitt verschiedene archaische Kulturen.
Das Personal ist überschaubar. Fünf Akteure tragen "Iphigenie". Allen voran die Titelfigur: Katja Sieder erfüllt die Erwartung, die man von dieser Figur hat, vollkommen und erinnert an Corona Schröter, die erste Darstellerin der Iphigenie in Weimar, wie sie Johann Daniel Falk beschrieb: "Majestät in Anstand, Wuchs und Gebärden, nebst vielen anderen seltenen Vorzügen der ernsteren Grazie." Diese Iphigenie mag eine fragile Person sein, doch sie ist, bei aller gebotenen Demut gegenüber Thoas, eine sehr selbstbewusste Frau, die Skrupel kennt, aber aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht - und den Taurierkönig auch daran erinnert, dass sie so frei geboren sei wie ein Mann. Eine edle Rebellin in "ernsten heilgen Sklavenbanden", ist die Tochter des Agamemnon hin- und hergerissen zwischen der Pflicht, das Priesteramt auf Tauris auszufüllen, und der Neigung, in ihre Heimat fliehen zu wollen. An ihrem eigenen Geschick entscheidet sich die Frage: "Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?" Das kommt nach Tauris in Gestalt von Orest. Dass es ihr Bruder ist, stellt sich erst im Lauf des Geschehens heraus.
König Thoas, der am Beginn des Stücks gerade von einem Kriegszug zurückgekehrt ist, mit dem er den Tod seines Sohnes blutig rächte, hält zwiefach und auf Knien um die Hand der Diana-Priesterin an, die aber das Ersuchen von sich weist. Nicht nur hier beweist Thoas Größe, da er sie leicht zwingen könnte, sondern auch am Ende: Denn mit einem schlichten "Lebt wohl!" entlässt er Iphigenie und Orest aus seiner Gefangenschaft in ihre griechische Heimat. Stephan Korves spielt Thoas als gebrochenen Mann, der Macht hat, aber diese nicht missbraucht, der, obwohl im Kampfe unbesiegt, lädiert ist an Herz und Seele.
Orest ist, ebenso wie Thoas, ein an Leib und Seele Versehrter. Sebastian Müller-Stahl spielt diesen entsprechend als erschöpften, ja lebensmüden Krieger. Während Thoas sein Leid nach innen kehrt, schreit Müller-Stahls Orest sein Unglück dem Himmel entgegen, auf das ihn die Götter hören und schaudern mögen. - "Iphigenie" ist auch ein Stück, das den beiden Nebenfiguren, Pylades und Arkas, Gelegenheit gibt zu glänzen. Pylades ist der lebenskluge Weggefährte des Orest und ein wahrer Freund, der seinem Herren nicht von der Seite weicht - nicht auf Tauris und auch nicht im Schlund der Hölle. Patrick Rupar ist als Pylades auch ein guter Kamerad, der Orest lautstark zu ermahnen weiß, wenn dieser wieder einmal verzagen will, ihn aber buchstäblich trägt, wenn er nicht mehr weiter kann. Arkas wiederum ist das Sprachrohr von König Thoas. Er erscheint stets in einer Art Stechschritt, den er von Monty Pythons "Ministerium für albernes Gehen" verordnet bekommen oder sich von Oskar Schlemmers Triadischem Ballett - mit dem der Bauhaus-Meister Figur und Raum neu in Beziehung setzte - abgeschaut haben muss. Elemente, die in André Bückers Inszenierung auf jeden Fall für Heiterkeit sorgen. Jan Kersjes als Arkas spielt mit großer Inbrunst und solch stimmlichem Volumen, dass man ihn noch im Wörlitzer Schloss hätte vernehmen können.
Begleitet wird das Spiel von dem Percussionisten Alex Wäber, der seine zahllosen Trommeln und Becken dezent, aber wirkungsvoll an besonders dramatischen Punkten des Geschehens einsetzt. Eine sehr gelungene Inszenierung mit überzeugender Ensemble-Leistung. Der Beifall des rundum begeisterten Wörlitzer Premierenpublikums war entsprechend.

Helmut Rohm, Volksstimme, 18.07.2013

André Bücker inszeniert Goethe-Stück als Sommertheater des Anhaltischen Theaters in Wörlitz
Iphigenies Rückkehr auf die Felseninsel
Hier ist ietzt unendlich schön...", schwärmt Goethe 1778 in einem Brief aus Wörlitz an Charlotte von Stein. Wie groß wäre seine Freude, hätte er die am Freitag begeistert aufgenommene Premiere seines Schauspiels "Iphigenie auf Tauris" auf der Wörlitzer Insel Stein miterleben können.
Sehr zufrieden wäre ebenfalls Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, dass dieses Stück über Humanität und Idealismus auf der von ihm ab 1788 in den Wörlitzer Anlagen angelegten Felseninsel aufgeführt wird. Er selbst hatte es auch 1794 zur Eröffnung des dortigen Amphitheaters ausgewählt.
André Bücker, Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau, hat das reizvoll natürlich gegebene Ambiente dieser Anlage mit dem Inhalt des Stückes um Iphigenie zu einem Gesamterlebnis verwoben. Die Spielfläche wurde zum Hain vor dem Tempel der Göttin Diana auf der Insel Tauris. Im Zentrum ist ein Opferaltar platziert. Ein Dolch weist auf die dort vorgenommenen Rituale der Menschenopfer hin. Zwei Tempeldienerinnen entzünden Feuer- und Duftschalen.
Im hinteren Teil agiert Percussionist Alex Wäber. Der international erfolgreiche Musiker verleiht mit längeren Passagen und kurzen, einzelnen Szenen unterstützenden Sequenzen der Dramatik zusätzliche Spannung und emotionale Wirksamkeit. Einfallsreich gestaltete Kostüme im kontrastierenden Schwarz -Weiß verleihen der Handlung starke Symbolkraft.
Iphigenie schreitet von der Tempelanhöhe durch die Zuschauerreihen herab. In dem mit besten Textverständnis sowie sparsam und effektvoll eingesetzter Mimik und Gestik gestalteten Monolog erfahren von ihr die Zuschauer im vollbesetzten Theaterrund ihre Geschichte. Sie wurde von ihrem Vater Agamemnon geopfert, von der Göttin Diana gerettet und nach Tauris entführt. Hier dient sie unter dem Schutz des Königs Thoas als Tempelpriesterin. Dank ihres Wirkens wurde der Brauch des Menschenopfers abgeschafft. Doch zufrieden ist sie nicht. Groß ist ihre Sehnsucht nach ihrer griechischen Heimat. Der Gewissenskonflikt zwischen Pflichterfüllung und persönlichen Wünschen gewinnt plötzlich an Brisanz, als Iphigenie den Heiratsantrag des Königs ablehnt. Da hilft auch die Argumentation von des Königs Diener und Berater Arkas nicht viel.
Die Konsequenz der Ablehnung: Der frustrierte König will den alten Ritus wieder einführen.
Und just zur gleichen Zeit werden zwei griechische Eindringlinge aufgegriffen, die dieses Schicksal treffen soll. In den Gefangenen erkennt Iphigenie ihren Bruder Orest, der vom Fluch der Erinnyen besessen ist, und dessen Freund Pylades. Gemeinsam beschließen die drei zu fliehen.
In einer der wohl stärksten emotionalen Szenen lässt Katja Sieder den Zuschauer tief in die Seele der Iphigenie blicken. Ihre Zweifel, Ängste, Wünsche, Sehnsüchte, doch auch Toleranz und Fairness zu dem, der ihr Schutz bot, führen innere Kämpfe.
Wahrheit und Pflichterfüllung siegen. Sie offenbart sich dem König. Es droht der offene Kampf zwischen Orest und Thoas. Da ist es Iphigenie, die mit dem Appell an Humanität und Menschlichkeit das Unheil abwendet. Thoas lässt Iphigenie, Orest und die Gefährten ziehen. Humanität und Menschlichkeit siegen.
André Bücker hat dieses klassische Stück in klassischer Theatermanier auf die Bühne gebracht, bar jedweder Modernisierung. Doch wohl gerade deswegen hinterlässt diese Wörlitzer "Iphigenie" eine starke Wirkung, liegen doch die aktuellen Parallelen bezüglich Toleranz, Humanität, Identität, Gewaltverzicht auf der Hand.

Kai Agthe, Mitteldeutsche Zeitung, 16.07.2013

Anhalts Seelenlandschaft

WÖRLITZ Das Anhaltische Theater Dessau zeigt "Iphigenie auf Tauris" im Gartenreich. Vor gut 220 Jahren war Goethes Drama hier erstmals zu sehen.
Wäre dieser Abend zu malen, es bräuchte einen Landschaftsmaler vom Format eines Antoine Watteau oder Claude Lorrain, denn er müsste als arkadische Idylle in Szene gesetzt werden. Als am vergangenen Freitag das Sommerstück des Anhaltischen Theaters Dessau seine Premiere im Wörlitzer Gartenreich feierte, stimmte atmosphärisch einfach alles: Es war ein lauer Abend mit blauem Himmel, Schönwetterwolken und vielstimmigem Vogelgezwitscher. Kaiser- oder, wie in Wörlitz zu sagen wäre, Fürstenwetter herrschte zur ersten Aufführung von Goethes Schauspiel "Iphigenie auf Tauris" im Amphitheater unterhalb der Replik der Villa Hamilton und des künstlichen Vulkans auf der Insel Stein. Eine mediterran anmutende Kulisse, die man sofort als "Hain vor Dianens Tempel" (wie es in Goethes Regieanweisung heißt) akzeptiert - und die wir Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1807) verdanken. Der eröffnete sein antikisierendes Freilufttheater 1794 mit eben jenem Goethe-Drama.
"Iphigenie auf Tauris" fast genau 220 Jahre später wieder an diesem Ort aufzuführen, ist also nur folgerichtig. Auch inhaltlich. Sommertheater heißt ja vor allem, was legitim ist, dass die Bühnen landauf, landab eher leichte Unterhaltung anbieten. Im Refugium Wörlitz jedoch wird der Zuschauer am Beispiel von Iphigenies und ihres Bruders Orest Schicksal in reimlosen Versen mit existenziellen Fragen des Menschseins konfrontiert.
Goethes "Iphigenie" ist einerseits als schwer verständlicher Schülerschrecken verschrien, andererseits bis heute ein dankbarer Zitaten-Lieferant: "Das Land der Griechen mit der Seele suchend" etwa ist Iphigenies Auftrag, den sie im Eingangsmonolog an sich selbst richtet. Ein Ausspruch, der auch zum Leitthema der deutschen Klassik wurde.
Das Faszinierende an dieser Dichtung ist, dass es primär kein Lesedrama ist, sondern ein Stück, das aufgeführt werden will und muss, um als Sprachkunstwerk in den Bann zu ziehen. Der Rezipient müht sich mit dem Bühnenstück, wenn es als Text vor ihm liegt, aber es entfaltet große Suggestivkraft, sobald es gespielt wird - zumal so vorzüglich wie jetzt in Wörlitz.
Dort braucht man auch nicht viele Utensilien, weil das baum- und buschbestandene Amphitheater Kulisse genug ist. Das mag auch Suse Tobisch, die für die Ausstattung verantwortlich zeichnete, beim ersten Ortstermin gedacht haben. Ein Altar, zwei metallene Schalen, ein paar Opferfeuer und Weihrauchgefäße überall im Rund genügen, um eine stimmige Theateratmosphäre zu schaffen. Die Kostüme der Beteiligten sind schwarz oder weiß gehalten und zitieren in ihrem Zuschnitt verschiedene archaische Kulturen.
Das Personal ist überschaubar. Fünf Akteure tragen "Iphigenie". Allen voran die Titelfigur: Katja Sieder erfüllt die Erwartung, die man von dieser Figur hat, vollkommen und erinnert an Corona Schröter, die erste Darstellerin der Iphigenie in Weimar, wie sie Johann Daniel Falk beschrieb: "Majestät in Anstand, Wuchs und Gebärden, nebst vielen anderen seltenen Vorzügen der ernsteren Grazie." Diese Iphigenie mag eine fragile Person sein, doch sie ist, bei aller gebotenen Demut gegenüber Thoas, eine sehr selbstbewusste Frau, die Skrupel kennt, aber aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht - und den Taurierkönig auch daran erinnert, dass sie so frei geboren sei wie ein Mann. Eine edle Rebellin in "ernsten heilgen Sklavenbanden", ist die Tochter des Agamemnon hin- und hergerissen zwischen der Pflicht, das Priesteramt auf Tauris auszufüllen, und der Neigung, in ihre Heimat fliehen zu wollen. An ihrem eigenen Geschick entscheidet sich die Frage: "Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?" Das kommt nach Tauris in Gestalt von Orest. Dass es ihr Bruder ist, stellt sich erst im Lauf des Geschehens heraus.
König Thoas, der am Beginn des Stücks gerade von einem Kriegszug zurückgekehrt ist, mit dem er den Tod seines Sohnes blutig rächte, hält zwiefach und auf Knien um die Hand der Diana-Priesterin an, die aber das Ersuchen von sich weist. Nicht nur hier beweist Thoas Größe, da er sie leicht zwingen könnte, sondern auch am Ende: Denn mit einem schlichten "Lebt wohl!" entlässt er Iphigenie und Orest aus seiner Gefangenschaft in ihre griechische Heimat. Stephan Korves spielt Thoas als gebrochenen Mann, der Macht hat, aber diese nicht missbraucht, der, obwohl im Kampfe unbesiegt, lädiert ist an Herz und Seele.
Orest ist, ebenso wie Thoas, ein an Leib und Seele Versehrter. Sebastian Müller-Stahl spielt diesen entsprechend als erschöpften, ja lebensmüden Krieger. Während Thoas sein Leid nach innen kehrt, schreit Müller-Stahls Orest sein Unglück dem Himmel entgegen, auf das ihn die Götter hören und schaudern mögen. - "Iphigenie" ist auch ein Stück, das den beiden Nebenfiguren, Pylades und Arkas, Gelegenheit gibt zu glänzen. Pylades ist der lebenskluge Weggefährte des Orest und ein wahrer Freund, der seinem Herren nicht von der Seite weicht - nicht auf Tauris und auch nicht im Schlund der Hölle. Patrick Rupar ist als Pylades auch ein guter Kamerad, der Orest lautstark zu ermahnen weiß, wenn dieser wieder einmal verzagen will, ihn aber buchstäblich trägt, wenn er nicht mehr weiter kann. Arkas wiederum ist das Sprachrohr von König Thoas. Er erscheint stets in einer Art Stechschritt, den er von Monty Pythons "Ministerium für albernes Gehen" verordnet bekommen oder sich von Oskar Schlemmers Triadischem Ballett - mit dem der Bauhaus-Meister Figur und Raum neu in Beziehung setzte - abgeschaut haben muss. Elemente, die in André Bückers Inszenierung auf jeden Fall für Heiterkeit sorgen. Jan Kersjes als Arkas spielt mit großer Inbrunst und solch stimmlichem Volumen, dass man ihn noch im Wörlitzer Schloss hätte vernehmen können.
Begleitet wird das Spiel von dem Percussionisten Alex Wäber, der seine zahllosen Trommeln und Becken dezent, aber wirkungsvoll an besonders dramatischen Punkten des Geschehens einsetzt. Eine sehr gelungene Inszenierung mit überzeugender Ensemble-Leistung. Der Beifall des rundum begeisterten Wörlitzer Premierenpublikums war entsprechend.

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