Ich bleibe einstweilen leben

In Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau

Die neue Reihe des Anhaltischen Theaters »Ich bleibe einstweilen leben« wird in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau in drei Teilen erarbeitet. Im Mittelpunkt stehen dabei das Leben und Werk dreier berühmter Künstlerinnen: Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath und Ré Soupault.

In den Inszenierungen der Reihe wird nicht der Text im Vordergrund stehen, sondern vielmehr seine Übersetzung in Bewegungen. So werden autobiografische Texte der Autorinnen und choreographisches Körpermaterial zweier Schauspielerinnen zu performativen Aufführungen verwoben. Der Körper wird zum zentralen Ausdrucksmedium der Aufführung: Was machen Schmerz, Leidenschaft, Sucht, Glück und Einsamkeit mit dem Körper? Wie zeichnen sich Erfahrungen in ihm ab und wie lassen sich Gefühle körperlich ausdrücken? Gibt es ein Körpergedächtnis, das uns mehr verrät als der rationale Zugriff auf Erinnerung?


1. »Ein Tag wird kommen« [Ingeborg Bachmann] 15./16. November 2013

Mit: Isabelle Barth | Hanna Eichel

Der erste Teil »Ein Tag wird kommen«, der am 15. und 16. November um jeweils 20 Uhr im Heizungskeller des Bauhauses Dessau gezeigt wird, begibt sich auf eine Spurensuche nach Leben und Werk von Ingeborg Bachmann, die in ihren Texten immer auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft reflektierte. Ingeborg Bachmann gilt als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhundert. Sie starb 1973 im Alter von 47 Jahren an den Folgen eines Brandunfalls.

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2. »Stimmen« [Sylvia Plath] 26./27. März 2014

Mit: Kaatie Akstinat | Isabelle Barth | Jenny Langner

Nachdem sich der erste Teil Ingeborg Bachmann widmete, gehört die Fortsetzung der Amerikanerin Sylvia Plath, bekannt durch ihre Lyrik und ihren einzigen Roman »Die Glasglocke«. Beide Frauen eint ihre Kompromisslosigkeit gegenüber dem Leben ebenso wie ihr Scheitern am Leben. Im Unterschied zu Bachmann erlangte Plaths Werk jedoch erst nach ihrem Tod – und auch in Verbindung damit – eine große Öffentlichkeit. Wie im ersten Teil der Reihe steht in der Inszenierung »Stimmen« nicht der Text im Vordergrund, sondern vielmehr seine Übersetzung in Bewegungen. Die Körper zweier Schauspielerinnen und einer Akrobatin werden zum zentralen Ausdrucksmedium der Aufführung.


3. »Diagonale Sinfonie« [Ré Soupault] Premiere: 22./23. Mai 2014

Mit: Natalie Hünig

Im dritten Teil der Reihe steht nun auch eine Bauhaus-Frau im Mittelpunkt und mit Ré Soupault eine Künstlerin, die sich – im Gegensatz zu Ingeborg Bachmann und Sylvia Plath – nicht in erster Linie mit Sprache beschäftigt hat, deren Modeentwürfe und Fotografien sich aber ebenso mit der Rolle der Frau und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben auseinandersetzen. Die dreiteilige Theaterreihe »Ich bleibe einstweilen leben«, die ihren Titel einem Gedicht von Sylvia Plath entleiht, findet im Bauhaus den ästhetisch perfekten Raum – auch unter Verweis auf eine Tradition, die sich vor Ort mit so großen Namen wie Mary Wigman oder Gret Palucca verbindet, die einst Tanz- und Körpertheater auf die Bühne des Bauhauses brachten.


Alle drei Teile sind an einem Abend einmalig zu sehen am 24. Mai um 18 Uhr im Bauhaus Dessau!






Inszenierung Nicole Schneiderbauer
Dramaturgie Sabeth Braun
Kostüme Oxana Meister

Ich bleibe einstweilen leben
Und teil meinen Vormittag ein.
Meine Finger sind das, das mein Baby.
Die Wolken sind ein Hochzeitskleid, so blaß.
Sylvia Plath „Little Fugue“


PRESSESTIMMEN

Auf Zehen und Unterarmen, Mitteldeutsche Zeitung, 26.05.2014

von Thomas Altmann

"Ich bleibe einstweilen leben": Ré Soupault-Stück am Bauhaus

Das Bild hängt hoch. Sie läuft gegen die Wand, springt, fasst, zerknüllt das Bild fiebrig konzentriert, zerstampft es ungelenk dann, um es am Ende wieder sanft zu glätten. Die Trennung, das Wiederfinden: Die Beziehung zu ihrem zweiten Mann Philippe Soupault ist eine der Queren in dieser feingliedrig biografischen Körperzeichnung neben der Schattenliniatur, welche die Glasvorhangfassade des Bauhauses schräg an die Wand wirft.

"Diagonale Sinfonie" heißt das fesselnde Solo in Weiß, aufgetragen von Natalie Hünig. Nach Ingeborg Bachmann und Sylvia Plath beendete am Donnerstag Regisseurin Nicole Schneiderbauer ihre dreiteilige, körperbetont biografische Recherche "Ich bleibe einstweilen leben", eine Kooperation des Anhaltischen Theaters Dessau und des Bauhauses, mit einem suchenden Blick auf Ré Soupault.

Der Titel weicht bewusst nuanciert von Viking Eggelings (1880-1925) abstraktem Film ab. Eggeling suchte in Analogie zur Musik nach einem Regelwerk der Malerei und fand im Film ein Medium für die Orchestration der Linie, den Rhythmus der Form. Die Mitarbeit von Ré Soupault an diesem Film fand häufig nur in einer Fußnote Erwähnung. So wird der Titel Programm.

"Ich habe bei Johannes Itten Sehen gelernt": 1921 kam Ré Soupault, damals hieß sie noch Meta Erna Niemeyer, ans Bauhaus nach Weimar. Eine kurzfristige Ehe mit Hans Richter. Sie wurde Modejournalistin in Berlin, Modegestalterin in Paris, Fotografin auf den Reportagereisen ihres zweiten Mannes und nach dem Krieg Übersetzerin. Mode, Bilder, Wörter erscheinen als streng geschiedene Kapitel eines Lebens. Zudem war Soupault von Paris bis Moskau, von Fernand Léger bis Sergei Eisenstein mit der Avantgarde vernetzt. Nun trägt dieses Leben den Klang von Tagebuchblättern: Resonanzen, Körpersprache, Gespräche vom Band. Biografische Notizen scheinen auf: Reißverschlusse zitieren das "Transformationskleid" für alle Gelegenheiten, wie vom Himmel fallende Fotos den zufälligen Fund der im Krieg verlorenen Negative im Souk von Tunis.

Gesucht wird ein Blick hinter die Lebensdaten, fokussiert die emotionale Spannkraft dieser Frau in der Körpersprache von Natalie Hünig. Auf Zehenspitzen und Unterarmen: Wie sie über den Boden kriecht, nicht devot, eher stolz, befremdlich, artifiziell. Wie sie sich selbst aufrichtet, ihr Gesicht aufträgt, Fassung oder Farbe auf die Wangen tupft. Fotos hängen in der Luft. Ein Tisch reicht - weiß, lang, wandelbar. Er trägt, behütet, bedroht, bedrängt. So stampft der Rhythmus des Krieges, rattert als Vehikel ewiger Aufbrüche. Und immer wieder sprechen und widersprechen sich Wort und Körper. Dann wird das Foto geglättet. "Was ist denn das Unabänderliche?"

Das Leben, ein böser Traum, Mitteldeutsche Zeitung, 28.03.2014

Bauhaus und Anhaltisches Theater haben den zweiten Teil der Reihe "Ich bleibe einstweilen leben" gezeigt.

Das Leben, ein böser Traum
von Andreas Montag

Große Begabung, kurzes Leben, tragischer Tod - alles zusammen ergibt das Material, aus dem haltbare Legenden gestrickt werden. Sylvia Plath, amerikanische Dichterin mit deutschen und österreichischen Vorfahren, hat die Bedingungen für den andauernden Nachruhm komplett erfüllt. Dass sie nichts mehr wollte und nichts weniger konnte, als glücklich zu sein, ist ein Befund, der einen ratlos und traurig macht. 1963 hat sie sich, nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, das Leben genommen. Sie war gerade 30 Jahre alt und hinterließ zwei kleine Kinder.

Nun hat sich die Regisseurin Nicole Schneiderbauer dem Schicksal der Sylvia Plath angenommen und ihr den zweiten Teil der biografischen Recherche "Ich bleibe einstweilen leben" gewidmet, einer Koproduktion des Anhaltischen Theaters Dessau mit dem Bauhaus.

Im November letzten Jahres war es zum Auftakt um die Dichterin Ingeborg Bachmann gegangen, zum Abschluss im Mai wird die Fotografin Ré Soupault im Mittelpunkt stehen. Und dann gibt es schließlich alle drei Teile am Stück zu sehen.

Für "Stimmen (Sylvia Plath)" hat Schneiderbauer gleich drei Darstellerinnen aufgeboten, die sich der Titelfigur nähern: die Schauspielerinnen Jenny Langner und Isabelle Barth sowie die Akrobatin Kaatie Akstinat. Gemeinsam, manchmal auch in gegenläufiger Aktion, spielen, tanzen, leiden sie das Leben der Dichterin, die sich selbst als manisch-depressiv empfunden hat und der das Leben oftmals wie ein böser Traum erschienen ist. Trauer nach dem frühen Tod des geliebten Vaters, Ängste, Fantasie, Selbstzweifel und selbst auferlegter Leistungsdruck, Sehnsucht nach Einsamkeit wie nach Partnerschaft und Kindern - es gleicht einer Jagd, dieses atemlose Leben, in dem die Protagonistin Jägerin und Gejagte in einer Person ist: Hoch talentiert, früh für ihre Verse gelobt und in dunklen, bedrohten Phasen mit Elektroschocks gequält, die in der Psychiatrie der 1950er Jahre ohne nennenswerten Beweis gleichwohl als probate Therapie gegolten haben.

Das leidenschaftliche, aber stets um Distanz bemühte Spiel, zumal auch das der Artistin, die an Seil und Tuch turnend atemberaubende Bilder für Plaths Höhenflüge wie für ihre seelischen Abstürze findet, liefert eine stimmige, beklemmende Beschreibung eines Zustands. Inwieweit dieser nicht nur persönlich aufzufassen ist, sondern womöglich auch sinnbildlich für das Scheitern einer Frau an den Frauenbildern in einer Männergesellschaft - darüber wird wohl noch zu debattieren sein. Vielleicht im Mai, wenn alle drei Teile des theatralischen Zyklus' vorliegen und gezeigt werden.

Die drei Körper einer Frau, Mitteldeutsche Zeitung, 25.03.2014 (Vorgespräch)

Inszenierung zu Sylvia Plath
Die drei Körper einer Frau

von Thomas Altmann

Das Anhaltische Theater widmet in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau dem Leben und Werk der Schriftstellerin Sylvia Plath die Inszenierung "Stimmen". Das Stück ist der zweite Teil der Reihe „Ich bleibe einstweilen leben“.

„Liebe hat dich aufgezogen wie eine fette goldene Uhr.“ Aber meistens beginnen Berichte über Sylvia Plath am Ende, mit dem Gasherd, in den sie ihren Kopf legte, mit der Gedichtsammlung „Ariel“, die gerade geschrieben war, mit der abgeklebten Küchentür und den vor geöffnetem Fenster schlafenden Kindern nebenan. Brot und Milch standen neben den Betten.

Sie bleiben leben - einstweilen

Nun beginnt die Geschichte nicht mit dem Suizid der Dichterin 1963 in London, sondern 1953 mit der Ankunft in New York, mit dem autobiografischen Thema ihres einzigen Romans „Die Glasglocke“. „Stimmen“ heißt Teil zwei der Reihe „Ich bleibe einstweilen leben“, eine Kooperation des Anhaltischen Theaters mit der Stiftung Bauhaus Dessau. Premiere ist am Mittwoch auf der Bühne im Bauhaus. Nach Ingeborg Bachmann und vor Ré Soupault werden nun Leben und Werk der amerikanischen Schriftstellerin Plath thematisiert, Texte, Gedichte, Prosa, Tagebücher verwoben mit und übersetzt in Bewegungen der Körper zweier Schauspielerinnen und einer Artistin.

„Es geht um die eine Frau mit ihren unterschiedlichen Stimmen in ihrem Kopf“, sagt Regisseurin Nicole Schneiderbauer, die am Nationaltheater Mannheim 2011 ihr Regie-Debüt feierte und in Inszenierungen wie „missing body - mein besseres ich“ bereits den Fokus auf den Körper und dessen Ausdruck legte. Keine Textgrundlage, nichts sei vorgegeben gewesen, man habe sich eingelesen, sagt Isabelle Barth, bis 2011 Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim, nun freischaffend und „Tatort“-Assistentin von Kommissar Roland Koch. „Was“, so Barth weiter, „ist das für ein Mensch, wem ist sie begegnet, was hat sie angetrieben, was sind die Themen und Motive, die uns bewegen?“ Über Improvisationen des Körpers - „Der Schauspieler als Gefäß“ - habe man sich der Lyrikerin angenähert, Themen und Motive verdichtet. Und wem begegnet man? Einer ehrgeizigen, getriebenen Frau, sagt Jenny Langer vom Dessauer Theater. Einer leidenschaftlichen Perfektionisten, sagt Barth. Einer, die ihr Leben herausgefordert, sich permanent beobachtet habe, sagt Schneiderbauer und spricht von Gratwanderungen. Hier bekämen Seil und Tuch der Artistin Kaatie Akstinat eine Ebene. Mit wenigen Accessoires gehe man in eine andere Figur, und bleibe doch Frau. Plath sei in allen Rollen mit enthalten, so Langner. Und immer ist die Rede von Doppelbödigkeit, vom Wechsel zwischen innen und außen, auch die Sprache wechsle zwischen Original und Übersetzung.

Permanenter Rollenwechsel

Wie in einer Glasglocke, im Kreis werden die Zuschauer sitzen, bei Ankunft in New York, beim Verlieren der Lebensbahn. Auf einen Suizidversuch folgen Nervenheilanstalt und Elektroschocks. Plath schrieb schon als Kind Gedichte, ein Stipendium führte sie nach Cambridge. Prosa und Lyrik, Distanz und Nähe. Schriftstellerin, Frau des Dichters Ted Hughes, Mutter. Plath wechselt permanent die Rollen, fürchtet deren Ausschließlichkeit. Ihre Briefe an die Mutter erfüllen verstellt alle mütterlichen Erwartungen. Ganz anders klingen die Gedichte. Schneiderbauer: „Sie schrieb aus ihrem Herzen, nah an ihrem Schmerz.“ Die Premiere von „Stimmen“ am 26. März im Bauhaus beginnt 20 Uhr.

Bachmanns Kosmos im Bauhauskeller, Mitteldeutsche Zeitung, 18.11.2013

Nicole Schneiderbauer überzeugt in Dessau mit "Ein Tag wird kommen".

Bachmanns Kosmos im Bauhauskeller

von Andreas Montag

Zwei Schauspielerinnen, eine Figur: Der Dichterin Ingeborg Bachmann ist die Spurensuche unter dem Titel "Ein Tag wird kommen" gewidmet, die jetzt als Koproduktion des Anhaltischen Theaters mit dem Bauhaus Dessau aufgeführt worden ist. Isabelle Barth und Hanna Eichel verkörpern die Bachmann, widerstreitend mit sich und unfähig innezuhalten im Denken. "Zwei Menschen sind in mir, einer versteht den andren nicht", wird sie im Programm zitiert, das ein Faltblatt ist.

Ruhe für die Unruhe

Einfach, auf das Wesentliche konzentriert - so, wie die Inszenierung von Nicole Schneiderbauer auf das Wesentliche zielt mit starken Bildern und einer Ruhe, die es braucht, um die Unruhe, die Zerrissenheit dieser Figur begreifen zu können und begreiflich zu machen. Dieses Stück ist der erste Teil einer Reihe, die sich im Frühjahr noch mit der Schriftstellerin Sylvia Plath und der Fotografin Ré Soupault beschäftigen und dann auch komplett aufgeführt werden wird.

In "Ein Tag wird kommen" werden die Zuschauer in eine spannungsvolle biografisch-ästhetische Auseinandersetzung verwickelt, man sitzt im grell erleuchteten Heizungskeller des Bauhauses den Akteurinnen direkt gegenüber. Hinsehen und Hinhören ist Pflicht, Pflicht ist Vergnügen, Vergnügen bereitet Schmerz. Die Inszenierung ist ohne viele Worte ganz bei ihrem Gegenstand, dem poetischen Radikalismus der Bachmann, die 1973 in Rom an den Folgen eines tragischen, von Legenden überwucherten Unfalls gestorben ist.
Gerade in einer solch intimen Nähe, wie sie hier, in Dessau, erzeugt worden ist, muss freilich die Distanz zwischen der Figur, den Spielerinnen und den Zuschauern gewahrt bleiben - dies ist vielleicht das hauptsächliche Kunststück, damit Kunst überhaupt entstehen und wirken kann. Isabelle Barth und Hanna Eichel ist das mit ihrem großartigen, feinfühligen Spiel in jedem Augenblick gelungen - von Anfang an, als sie stumm und in kunstseidene Kokons gehüllt wie siamesische Zwillinge verschlungen am Boden lagen.

Langer, herzlicher Applaus
"Ein Tag wird kommen", das Stück zum Traum der Bachmann von freien Menschen, die ihr Glück (und ihre Schuld) aus sich selbst begreifen, überzeugt. Am Ende gibt es langen, herzlichen Applaus für das ganze Team. Und für die Zuschauer ein Bachmann-Zitat. "Für Dich" steht auf jedem der Kuverts, die die beiden Schauspielerinnen unters Volk bringen. Schöne Idee.

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