Hotel Montparnasse (UA)

Ballett von Tomasz Kajdanski

Im Paris der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begegnete sich das »Who is Who« der Künstler jener Zeit. Die Architektur, die Lebensweise, die Cafés, aber auch die Kriminalität und die Rotlichtviertel von Paris sind Anziehungspunkt und Inspirationsquellen für Künstler und Intellektuelle, doch eben auch Zufluchtsort für politische Flüchtlinge.

Vorbericht
MDR Figaro

VIER HÖRBEISPIELE
Kurt Weill: 2. Sinfonie 1. Satz (Ausschnitt)
Kurt Weill: Marie Galante: J’attends un navire (1. Strophe)
Kurt Weill: Marie Galante: Youkali – Tango Habanera (1. Strophe)
George Gershwin: Ein Amerikaner in Paris (Beginn)
Ausführende: siehe nebenstehende Besetzung, Aufnahme von der Generalprobe am 23. Februar 2012

Umfeld und Biografie beeinflussen das Leben eines Menschen maßgeblich. Wünsche, Träume, aber auch Ängste, gerade in einer fremden Stadt, in einem fremden Land, fördern ganz unterschiedliche Verhaltensweisen zu Tage. So erzählen die Kunstwerke jener Zeit ein ganz eigenes Bild dieser Stadt und ihrer Bewohner auf dem Pariser Berg der Musen. Tomasz Kajdanski schafft einen szenischen Bilderbogen über das Lieb und Leid der Fremden und der Künstler in der Stadt der Liebe.

In einem Hotel im Künstlerviertel von Paris, Montparnasse, treffen sich in den 30er Jahren Menschen unterschiedlichsten Couleurs. Es wird gemeinsam gefeiert und getrauert, aber auch geliebt und gestritten. Liebe und Drogen sind sowohl Flucht als auch Inspiration. Gemeinsam mit der von der Anhaltischen Philharmonie gespielten Musik von Kurt Weill, die in einzigartiger Weise Tradition mit Elementen des Jazz und der populären Tanzmusik kombiniert, erhält dieser Ballettabend die bedrückenden wie auch heiteren Klangfarben und Stimmungen, die die damalige Zeit charakterisieren.

Bühne und Kostüme: Dorin Gal

In Kooperation mit dem Kurt Weill Fest Dessau

Inszenierung und Choreographie Tomasz Kajdanski
Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Bühne und Kostüme Dorin Gal
Video Enrico Mazzi
Dramaturgie Sophie Walz

Ein Emigrant / Ein Künstler / Ein Musiker Juan Pablo Lastras-Sanchez
Seine Freundin / Seine Muse / Eine Frau Laura Costa Chaud
Ein Musiker Joe Monaghan
Visionen / Pariser Charline Debons / Anna Jo / Mélanie Legrand / Anna-Maria Tasarz / Annelies Waller / Bobby Bernstein
Thomas Ambrosini / Jonathan Augereau / Enea Bakiu / Sokol Bida / Joshua Swain

Sängerin Ute Gfrerer / Anne Weinkauf
Pianist Daniel Carlberg

PRESSESTIMMEN

Volkmar Draeger, Neues Deutschland, 12.04.2012

Pariser Leichtigkeit des Seins

In Berlin haben sie sich getroffen, George Gershwin und Kurt Weill, während einer Europareise des Amerikaners 1927/28. Fast 85 Jahre später begegnen sie sich wieder, diesmal »nur« über ihre Musik. Tomasz Kajdanski verklammert wichtige Werke der beinahe gleichaltrigen Komponisten und eröffnet mit diesem ehrgeizigen Projekt zugleich das Kurt-Weill-Fest Dessau, mit dem die Stadt alljährlich ihren großen Sohn feiert. Die 20. Ausgabe versteht sich als »Hommage à Paris«, und auch da kommen sie neuerlich zusammen, der jüdisch-farbige Amerikaner und der jüdisch-deutsche Tonsetzer.

Hatte der eine auf jener Europareise auch in Paris Station gemacht und sich von der Stadt zu seinem Langzeiterfolg »Ein Amerikaner in Paris« inspirieren lassen, wurde dem anderen die Stadt an der Seine zeitweilig zum Exil auf der Flucht vor den Nazis. Kaj-danski setzt in »Hotel Montparnasse« auf Paris als das so quirlige wie kreative Zentrum der Künste. In seiner vierteiligen, fast zweieinhalb Stunden langen Uraufführung erzählt er die Geschichte eines Paares, die sich an der Vita von Weill und dessen Frau Lotte Lenya orientiert.

Zu aufschreienden Streichern geht ein Mann mit zwei Koffern schleppenden Schritts eine Straße entlang. Wie schiefes Fachwerk oder wund verklebte Wand wirken die aufragenden Fassaden. Videobilder rasen hinten vorüber, mit Nazifahnen, Reichstagsbrand, Schmierereien an jüdischen Geschäften. Aufgewühlt tanzt der Mann, ein Emigrant, den selbst in Paris Visionen von bedrohlich düsteren Nazischergen in leblos eckigem Gehorsam heimsuchen.

Im Hotelzimmer finden der Emigrant und seine Freundin Geborgenheit, durchleben Liebe, Schmerz, Erschöpfung einer zerquälten Beziehung. Die Notenblätter aus dem Koffer wirft er hoch, als sei seine Karriere vorüber. Doch weitere Unbehauste teilen sein Schicksal in der Metropole des Eiffelturms, von wo aus sie die Schrecknisse der Bücherverbrennung verfolgen.

Weills konfliktgeladene 2. Sinfonie, in Paris voraufgeführt, trägt diesen ersten Teil. Auch die Musik zum zweiten Teil hat Bezug zu Paris: Die Concert Suite »Marie Galante« schrieb Weill 1934 dort nach Jacques Devals gleichnamigem Roman. Kajdanski illustriert mit ihr das Treiben in einer Bar, in der geschäftige Prostituierte um Freier buhlen, indes wenig gnädig behandelt werden. Gigolos mit gegeltem Haar üben sich très chic in Hutartistik, reiten erotisch auf Stühlen. In dieser Leichtigkeit des Seins vergnügt sich auch der Künstler, erlebt zu schwelgerisch verströmendem Klang Glück mit seiner Muse, sieht im Charleston wirbelnden Frauen zu; eine allerdings, Ute Gfrerer, vorzügliche Sängerin all der französischen Chansons, erwartet in einem ihrer Texte das Schiff, das sie heimführt aus diesem falschen Trubel.

Im Montparnasse genießt man das Leben, wie es Klavierlieder und Prelude von Gershwin mitreißend unterfüttern. »Oh lady be good« ist darunter, »The man I love« und »I got Rhythm«. Kajdanski formt daraus in Teil 3 das tanztechnisch fulminante, fröhlich swingende Defilee eines Künstlerpaares, verliebte Kätzchen durchaus auch mit Klauen, und seiner Freunde unter der Lämpchensilhouette des Eiffelturms.

Überdreht wie die damalige Mode steigert sich im Schlussteil, dem einzelne Turmverstrebungen ebenfalls Pariser Flair geben, das amouröse Geplänkel zu Gershwins »Amerikaner in Paris« im Revuestil Jerome Robbins' zu jazziger Ausgelassenheit, bis der Alltag zurückkehrt: Wieder sitzen der Musiker und seine Frau, die gerade eine Romanze erlebt hat, auf Koffern, bereit weiterzuziehen.

So locker und entspannt hat man Kajdanski nach den choreografischen Schwergewichten »Lulu«, »Nachtasyl«, »Die Nibelungen: Siegfriedsaga« lange nicht erlebt. Aus dem Füllhorn seiner vielfältigen Erfahrung schöpft er dazu reichlich, besticht in Dorin Gals milieuzeichnerischer Ausstattung durch variant eingesetzten Tanz, von Klassik bis Modern, auf Spitze oder Pumps. Die Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg, besonders die zwölf Tänzer um Juan Pablo Lastras-Sánchez und Laura Costa Chaud als Solisten bescherten dem Weill-Fest einen geradezu denkwürdigen Auftakt.

Joachim Lange, Thüringer Allgemeine, 27.2.2012

Wolken überm Eiffelturm

Mit "Hotel Montparnasse" eröffnet Eisenachs frühere Ballettchef Tomasz Kajdanski das 20. Kurt-Weill-Fest in Dessau

In Dessau angekommen sind sie beide. Der eine ist Kurt Weill, der 1900 geborene Sohn der Stadt. Vor den Nazis floh er nach Paris, dann in die USA. Da es das Kurt-Weill-Fest aber schon zum 20. Mal in Folge gibt und zur Eröffnung die finanzielle Absicherung für weitere drei Jahre verkündet wurde, darf man es als eine Institution und den einst Vertriebenen als zurückgekehrt betrachten. Auch Tomasz Kajdanski hat sich in der 3. Spielzeit als Ballettchef des Anhaltischen Theaters etabliert. Dass der aus Polen stammende Choreograf - er emigrierte 1979 in den Westen und war zuletzt Ballettdirektor von Eisenach - jetzt die Eröffnungspremiere des Weill-Festes beisteuerte, ist nur folgerichtig. Das Fest-Motto "Hommage ä Paris" ist eine Reminiszenz an die Zwischenstation von Weills Flucht. Und so beginnt der Abend mit Weills 2. Sinfonie und der Concert Suite "Marie Galante". Nach der Pause kommt ihm George Gershwin entgegen, unter anderem mit seinem Amerikaner in Paris.
In Kajdanskis "Hotel Montparnasse" tanzen Laura Costa Chaud und Juan Pablo Lastras-Sanchez eine Emigranten-Geschichte. Am Beginn stehen Erinnerungen an den aufkommenden Faschismus. Ausstatter Dorin Gal imaginiert Gefahr und Enge durch eine Gasse zwischen Fachwerkwänden. Dann marschieren in Videos die braunen Horden. Es ist eine Flucht mit dem reichlich strapazierten Bild von Koffern, auf den Haufen geschmissenen Büchern und maskierten Massen. Die hier choreographierten Bilder sind nicht nur harmlos, sie bleiben auch eine Behauptung. Kajdanskis Schlussbild suggeriert ein Happyend, das in seiner Eindeutigkeit fragwürdig ist. Nur der Himmel hinterm Eiffelturm lässt nichts Gutes ahnen.
Dazwischen: Pariser Hotelcharme für ein Paar, das sich liebt und streitet, Pariser Wohlfühl- und Künstleratmosphäre. Die wird von der mit schönen Kostümen ausgestatteten 14- köpfigen Compagnie in einer assoziativen Choreografie ertanzt. Die macht Spaß und ist unterhaltsam, zumal der Abend vor allem musikalisch ein Gewinn ist. Dabei bewährt sich die Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg.

Joachim Lange, Dresdner Neuste Nachrichten, 28.2.2012

Wolken über dem Eiffelturm

Tomasz Kajdanskis Ballett "Hotel Montparnasse" beim Kurt-Weill-Fest in Dessau

In Dessau angekommen sind sie beide: Kurt Weill, der 1900 geborene weltbekannte Sohn der Stadt. Vor den Nazis floh er erst nach Paris, dann in die USA. Da es das Weill Fest nun schon zum 20. Mal in Folge gibt und die finanzielle Absicherung für die nächsten drei Jahre verkündet wurde, darf man den Vertriebenen als zurückgekehrt betrachten. Auch Tomasz Kajdanski hat sich in der dritten Spielzeit als Ballettchef mit seiner Truppe als Teil des Anhaltischen Theaters etabliert. Dass der aus Polen stammende Choreograph die Eröffnungspremiere des Weill-Festes beisteuerte, ist da nur folgerichtig.
Mit „Hommage à Paris“ ist das Motto des zehntägigen Festes eine Reminiszenz an die Pariser Zwischenstation der Flucht von Kurt Weill und seiner Frau und Muse Lotte Lenya in die USA. Und so beginnt der Abend mit Weills zweiter Sinfonie von 1934 und der Concert Suite "Marie Galante". Nach der Pause kommt ihm aus der anderen Richtung George Gershwin entgegen: mit Klavierliedern und Prelude und mit seinem Amerikaner in Paris.
Was Kajdanski mit „Hotol Montparnasse“ überschreibt, ist nicht nur eine Collage aus Werken von zwei Musiker-Größen der 30er mit unterschiedlichem Lebenshintergrund. Es ist auch eine der Formen, die nur locker durch eine Geschichte verbunden ist. Laura Costa Chaud und Juan Pablo Lastras-Sanchez tauchen immer wieder auf. Ganz so wie Weill und Lenya im richtigen Leben.
Gleich zu Beginn suchen den Emigranten Bilder der Erinnerung an den Faschismus in Deutschland heim. Ausstatter Dorin Gal imaginiert Gefahr und Enge durch eine Gasse aus zwei Fachwerkwänden. Dann marschieren in Enrico Mazzis als Negativ verfremdeten Videos die braunen Horden. Es ist eine Flucht mit Koffern, auf den Haufen geschmissenen Büchern und maskierten Massen. Gerade die hier choreographierten Bilder bleiben Behauptung. Kajdanskis Schlussbild suggeriert ein Happy End, das dann doch fragwürdig ist. Da regnen Notenblätter vom Himmel und für die Frau gibt's eine Rose. Nur der Himmel hinterm Eiffelturm lässt nichts Gutes ahnen.
Dazwischen: Pariser Hotelcharme für ein Paar, das sich liebt und streitet, schmissiger Tingeltangel und Beinewerfen mit Pariser Oper und Eiffelturm im Hintergrund, also jede Menge Pariser Wohlfühl- und Künstleratmosphäre. Die wird in allen möglichen Kombination von der mit schönen Kostümen ausgestatteten 14-köpfigen Compagnie in einer assoziativen und vital raumgreifenden Choreographie ertanzt. Die macht Spaß und ist unterhaltsam, zumal der Abend vor allem musikalisch ein Gewinn ist. Er bietet einen selten zu hörenden Weill, der noch den vertrauten Berliner Sound mitbringt und wird durch Kombination mit Gershwin zum Blick in Weills Zukunft. Dabei bewährt sich die Anhaltische Philharmonie im Graben unter Daniel Carlberg ebenso symphonisch, wie als ein mit Pariser Flair swingendes Bühnenorchester. Und obendrein macht Ute Gfrerer als sowohl mit "Marie Galante" als auch mit den Gershwin-Liedern mehr als nur eine gute Figur. Sie ist eine Weill-Interpretin, die genau im "richtigen" Abstand zur glatten Opernstimme wie zum ausgestellten Schauspielerinnengesang einen Weill-Ton trifft, der stimmig zündet.

Helmut Rohm, Volksstimme, 28.02.2012

Mit einer bejubelten Balletturaufführung wird das 20. Kurt-Weill-Fest eröffnet

Leben und Sehnen im "Hotel Montparnasse"

Eine gefeierte Eröffnungspremiere erlebte das 20. Kurt-Weill-Fest. Tomasz Kajdanski hat mit "Hotel Montparnasse" am Anhaltischen Theater Dessau eine wunderbare und auch eindringliche Ballettinszenierung geschaffen.
Ankommen ist nicht nur Glück. Ein Ankommen im Vertriebensein kennt auch Zweifel und Verzweiflung, Zukunftsängste, dann wieder Mut und Hoffnung. Die hier angekommen im kleinen Pariser Hotel, sind der Künstler und seine Freundin, sie mussten ihre Heimat verlassen. Jenes Berlin, in dem der Nationalsozialismus die Macht übernommen hat, in dem der Reichstag brennt und später die Synagogen brennen werden. "Hommage à Paris" ist das Thema des diesjährigen Kurt Weill Festes, gewidmet der zweiten Lebens- und Arbeitsstation des Komponisten. Der Jude Kurt Weill emigriert 1933 nach Paris, lebt zwei Jahre in der Stadt. Eines der Künstlerschicksale dieser Zeit, von denen der Dessauer Chefchoreograf Tomasz Kajdanski in seinem Ballett "Hotel Montparnasse" erzählt, das am Freitagabend eine umjubelte Uraufführung erlebte.
Auf die große Bühnenrückwand projizierte Filmszenen (Video: Enrico Mazzi) von Gewalt, Verfolgung und Zerstörung im faschistischen Deutschland zu Auszügen aus der 1934 in Paris von Kurt Weill komponierten 2. Sinfonie lassen den Zuschauer zu Beginn eindringlich an den beklemmenden Erinnerungen der Emigranten teilhaben.
Tomasz Kajdanskis Ballett ist durchgängig faszinierend ganzheitlich und wirkt facettenreich und emotional nachhaltig auf den Betrachter. Die treffend ausgewählte Musik Weills und später auch von George Gershwin, engagiert von der Anhaltischen Philharmonie unter Daniel Carlberg präsentiert, verschmilzt mit einer Choregrafie, die von ausdrucksstarken Tanzszenen aller 14 Tänzerinnen und Tänzer geprägt ist. Bühnenbild und Kostüme von Dorin Gal sind stimmiger Teil dieser kongenialen Komplexität. Das depressiv wirkende Schwarz-Weiß und die räumliche Enge der ersten Bilder öffnet sich zu größerer Weite, mehr und mehr Farbe kommt zum Tragen, pulsierendes Pariser Leben der 1930er Jahre. Passend zum bunten Treiben in einer Pariser Bar - optisch und zwischenmenschlich - holt Tomasz Kajdanski das Orchester auf die Bühne und lässt es effektvoll aus der Tiefe nach vorn fahren. Musik und Handlung verschmelzen noch mehr. Es erklingen Auszüge aus Weills Concert Suite "Marie Galante". Sängerin Ute Gfrerer, in diesem Jahr Artist-in-Residence, hat hier ihren ersten Festival-Auftritt.
Nach der Pause erleben die Zuschauer ein neues, überraschendes Bild. Daniel Carlberg am Flügel greift als Pianist in das unmittelbare Geschehen ein. Er spielt Gershwins Klavierlieder und Prelude. Vor den Silhouetten von Pariser Wahrzeichen nehmen die Tänzerinnen und Tänzer die Zuschauer mit in das bewegte Leben in den Straßen an der Seine.
Juan Pablo Lastras-Sanchez als Emigrant, Künstler, Musiker und Laura Costa Chaud als seine Freundin, Muse und eine Frau sind fast durchweg auf der Bühne und tanzen ihre Rollen in allen Facetten überzeugend und mit viel Einfühlungsvermögen und faszinierender Ausstrahlung. Unter dem Eiffelturm genießt ein neu angekommener Musiker (Joe Monaghan in einer Paraderolle) die Huldigung der jungen Frauen. Das Orchester spielt Gershwins "Ein Amerikaner in Paris". Tanz und Musik sind Lebensfreude pur. Eine hat es dem Musiker besonders angetan, die aber einem anderen gehört. Beide Männer werben mit fabelhaften Tanzfiguren um sie, der das Umschwärmtsein offensichtlich gefällt.
Das Emigrantenpaar findet schließlich doch wieder zusammen. Neue künstlerische Arbeitslust, neuer Mut, gebliebene Sehnsucht nach neuer Heimat. Es packt wieder die Koffer. Eine neue Reise steht an. Amerika blitzt durch. 1935 gehen Kurt Weill und Lotte Lenya nach New York.

Boris Michael Gruhl, tanznetz.de, 27.02.2012

Wenn Weill tanzt und Gershwin swingt

Das 20. Kurt Weill Fest in Dessau wird mit der Balletturaufführung „Hotel Montparnasse“ eröffnet

Am Wochenende wurde getanzt in Mitteldeutschland. In Dresden beinahe rund um die Uhr, beim Treffen der Besten, zur Leistungsschau „Tanzplattform Deutschland“. In Magdeburg heißt der neue zweiteilige Ballettabend „Dancing in the City“, dabei eine Uraufführung des in Leipzig lebenden Choreografen Paul Julius. In Dessau wurde das 20. Kurt Weill Fest mit der Uraufführung „Hotel Montparnasse“, im Sinne des Festivalmottos, „Hommage à Paris“ eröffnet. Im Focus des Festivals Werke von Kurt Weill, die in seiner Zeit des Pariser Exils entstanden sind oder sich mit dort empfangenen Eindrücken und Einflüssen auseinander setzen. Weill, 1900 in Dessau geboren, war 1933 als Verfemter und seiner jüdischen Herkunft wegen nach Paris geflohen. Den Ausschlag gab eine Aufführung seines Stückes „Silbersee“ in Magdeburg, bei der es zu antisemitischen Ausschreitungen kam. Im Gepäck hatte der Vertriebene seine 2. Sinfonie, er hat sie in Paris vollendet, ein Jahr später wurde sie in Amsterdam unter der Leitung von Bruno Walter uraufgeführt. Allein die Begegnung mit diesem zunächst von harten Klängen und wütenden Erinnerungen durchzogenen Werk, die mehr und mehr freieren, melodischen Passagen weichen, lohnte die Fahrt nach Dessau. Bevor vom Tanz die Rede ist, gilt das Interesse einer weiteren musikalischen Entdeckung. Im Winter 1934 wurde Weills Songspiel „Marie Galante“ uraufgeführt in dem es um das Schicksal einer jungen Pariserin geht, die im fernen Panama an Heimweh leidet. Das Stück kam gut an bei den Emigranten, der große Erfolg stellte sich aber nicht ein. In Dessau nun eine Konzertsuite von 1987, für Kammerorchester und Sopran. Das Stück ist eine echte Überraschung. Musikalisch ist Weill in Paris angekommen, aus den Songs der „Dreigroschenoper“ sind melancholische Chansons geworden, der Orchestersatz ist farbig, ein wenig exotisch auch, exzellente Unterhaltung. Dann Musik von George Gershwin, zunächst für Piano solo, Evergreens, wie „Lady be good“, The man I love“ oder „I got Rhythm“. Zum Schluss das bekannte Tongedicht „Ein Amerikaner in Paris“.
War bei solcher Abfolge zunächst vielleicht Skepsis angesagt, am Ende ergibt diese musikalische Dramaturgie durchaus Sinn, vor allem Grundierung für das Ballett von Tomasz Kajdanski, in dem er Stationen eines Emigrantenschicksals in Paris, von der Ankunft bis zur Abreise, in vier Bildern inszeniert und choreografiert. Die Anhaltische Philharmonie erweist sich als versiertes Orchester der Stadt Kurt Weills, sei es in großer Besetzung im Orchestergraben oder kammermusikalisch auf der Bühne, und kann auch bei Gershwin punkten. Der Dirigent Daniel Carlberg überzeugt am Pult und am Piano. Tomasz Kajdanski entwickelt die Stationen seines Emigrantenpaares, bei dem man sicherlich an Kurt Weill und Lotte Lenya denken kann, aus den unterschiedlichen Vorgaben der gewählten Musik. Es beginnt mit der Ankunft in Paris und dunklen Erinnerungen an Deutschland. Die belastende Situation untermalt die Sinfonie. Belastet ist auch die Beziehung der beiden Emigranten im so traurigen wie schlichten „Hotel Montparnasse“.

Dann, schon etwas aufgehellter, ein typisches Bild in einer Pariser Bar, dazu die Musik der Suite mit den Chansons, Orchester und Sängerin auf der Bühne. Das Paar findet wieder zueinander, wieder die Parallele zu Weill und Lenya: Liebe, Heirat, Trennung, Scheidung, wieder Heirat… Muse für immer. Das sind Vorgaben für den Tanz, für Varianten des Pas de deux, für Soli, für die Kompanie mit solistischen Passagen. Der Choreograf nutzt dies gekonnt, seine Tänzer danken es und das Publikum dankt es ihnen, immer wieder herzlicher Zwischenapplaus und Begeisterung am Ende.

Dann geht es doch nicht ganz ohne Klischees, beim Pariser Leben à la Gershwin, bei den Künstlern und solchen, die es zu sein meinen, jetzt bekommen die Bilder Farbe, die Stadt Konturen à la Feininger im stimmungsgenauen Bühnenbild von Dorin Gal. In der Musik Gershwins deutet sich schon Weills nächste und künstlerisch erfolgreiche Station des Exils an. Es swingt, es jazzt, wir sind am Broadway unterm Eifelturm. Inhaltlich heißt das, und das lässt sich tänzerisch gut verarbeiten, Weill, der Musiker, ist angekommen und anerkannt, das Bild durchzieht auch musikalisch so etwas wie einen Traum von Freiheit, Unbeschwertheit. Es gibt noch ein Affäre seiner Partnerin und Muse mit einem Künstlerkollegen, macht nichts, Menáge à trois, und wieder lässt sich das am besten tanzen. Dann auf nach Amerika. Am Ende wie zu Beginn mit Koffern, nur in ganz anderer Stimmung.

Tomasz Kajdanski inszeniert Tanztheater und ist dem Tanz wacher Korrespondenz mit der Musik verpflichtet. Er ist mit seiner Kompanie in vielen Stilen zu Hause, daher verbindet er klassisch anmutende Formen wie Pas de Deus, Sprünge, Pirouetten, mit expressivem Material des zeitgenössischen Tanzes und hat große Freude an vielem, was sich in bester Show-Manier präsentieren lässt. Sei es ein Pariser Tango oder, wenn es in Paris amerikanisch klingt, im Stile des Musicals á la Broadway. Da läuft die Kompanie zur Hochform auf, die Protagonisten besonders, Juan Pablo Lastras-Sanchez als Emigrant, Laura Costa Chaud, die Gefährtin und Muse, Joe Jonathan, der Dritte im Bunde, und natürlich die exzellente Sängerin Ute Gfrerer im zweiten Bild in der Suite „Marie Antoine“. Sie erweist sich Spezialistin des Weillschen Stils, kommt aus Österreich, lebt in den USA, ist in diesem Jahr Artist-in-Residence beim Dessauer Festival und präsentiert in weiteren Konzerten Weills französische Musik.
So gelingt ein unterhaltsamer Ballettabend mit dunkler Grundierung. „Hotel Montparnasse“ zur Eröffnung des Jubiläumsfestivals kann man gerne als gelungene Hommage an den in Dessau geborenen Weltbürger Kurt Weill sehen und hören.

Boris M. Gruhl, MDR Figaro, 25.02.2012 (Audio)

Zur Uraufführung des Balletts Hotel Montparnasse

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 27.02.2012

Eine Lebensreise mit Rosen und Noten

Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, eine Revue am Rande des Abgrunds: Während in Deutschland erst die Bücher und bald danach die Synagogen brennen, tummelt sich am Fuße des Eiffelturms ein fröhliches Völkchen in bunten Kostümen. Rückblickend weiß man natürlich, dass auch diese Party bald ihr Ende finden wird. Aber noch lebt man in Paris nach dem Motto des "Laissez-faire" und nach dem ansteckenden Rhythmus von Kurt Weill und George Gershwin ...

"Hotel Montparnasse" hat der Choreograf Tomasz Kajdanski den Abend genannt, mit dem das Anhaltische Theater in diesem Jahr das Kurt-Weill-Fest eröffnete. Die biografischen Verweise auf den Komponisten und seine Frau Lotte Lenya sind dabei eher dezent als demonstrativ gesetzt, die Protagonisten firmieren im Programmheft als Emigrant / Künstler / Musiker und Freundin / Muse / Frau. Unmissverständlich sind hingegen jene Bilder, die der Videokünstler Enrico Mazzi zum Auftakt mit Weills zweiter Sinfonie beisteuert: Momentaufnahmen der unzerstörten Residenzstadt Dessau mit Bauhaus und Schloss, Davidssterne und Hakenkreuze - und schließlich Bomberstaffeln, die bereits die Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs vorwegnehmen. Vor diesen Bildern flieht Juan-Pablo Lastras-Sanchez mit zwei Koffern in den Händen und mit Laura Costa Chaud an seiner Seite. Es ist eine verzweifelt innige Liebe, die hier tanzend beschworen wird, eine im Glück begonnene und durch die Not bestärkte Gemeinschaft, wie sie auch Weill und Lenya verband. Im Kontrast dazu wird die Compagnie als jene Masse gesetzt, die sich über ihre gemeinsame Ablehnung der Avantgarde definiert - so weit, so düster und so wahr.

Doch schon bei der Konzertsuite aus Weills Pariser Exilwerk "Marie Galante" gibt Kajdanski mit seinem Ausstatter Dorin Gal diese lineare Erzählung auf, um zu den einzelnen Nummern fortan schlaglichtartige Revue-Szenen zu entwickeln. Das ist weniger Montparnasse als vielmehr Moulin Rouge, wobei in Stücken wie "J'attends un navire" oder "Le Grand Lustucru" immer auch die dunkle, bedrohliche Seite des Begehrens mitschwingt. Bemerkenswert ist hier - neben der geschickten Spiegelung der Hauptfiguren in ihren musikalischen Partnern Daniel Carlberg und Ute Gfrerer - der ökonomische Einsatz der Mittel: Hüte und Koffer, Rosen und Notenblätter werden von Kajdanski leitmotivisch etabliert und immer wieder geschickt variiert. Nichts verstellt so den Blick auf die Tänzerinnen und Tänzer, denen ihr Ballettchef in diesem lasziven Kaleidoskop immer auch solistische Aufgaben überträgt. Das setzt sich nach der Pause in Gershwins Klavierliedern fort, ehe der Abend in das vielfarbige Klanggemälde von "Ein Amerikaner in Paris" mündet, das die Inszenierung zum Anlass für eine Menage à trois nimmt - eine Frau zwischen zwei Männern, die sich bis zum rasanten Finale die Seele aus dem Leib tanzen.

Ein perfekter Partner der Szene ist dabei die Anhaltische Philharmonie, die von Carlberg umsichtig und elastisch geführt wird, wobei sich der Dirigent zusätzlich als Pianist profiliert. Ute Gfrerer rechtfertigt in ihrem ersten großen Auftritt beim Fest den Status als Artist in Residence und fügt sich mit nobler Bescheidenheit in das Ensemble. Der Star aber ist neben dem zentralen Paar Joe Monaghan, der Gershwins lässigen amerikanischen Sound zum Anlass für energische Explosionen nimmt. Am Ende wird dieser aus existenzieller Finsternis in lichten Leichtsinn geführte, dramaturgisch lose verklammerte Abend von den Zuschauern frenetisch gefeiert. Ein kulinarischer Auftakt und ein Bravourstück für die Tänzer, das sein Publikum auch jenseits des Festivals finden wird.

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