Hamlet

Tragödie von William Shakespeare

Ein junger Mann kehrt heim, nach Hause, in sein Vater- und Mutterhaus.
Einst ist er gegangen, wie jeder junge Mensch es muss, heraus zu neuen Ufern, zu lernen, zu leben, zu leiden, in einer Fremde fern aller heimatlichen Enge. Hamlet lernt und lernt sie kennen, diese neue Welt, den Osten wie den Westen, er saugt sie ein, gierig. Ein neues Denken macht sich breit und Hamlet zu einem anderen, zu einem dem die Muskeln schwinden und der Kopf wächst. Zuhause angekommen, trifft er sie wieder, die Freunde, seinesgleichen, aus einem kindlichen Damals – Ophelia, Horatio, Laertes – Freunde allesamt, doch meilenweit entfernt von diesem Hamlet. In Helsingör stellte sich die Welt selbst auf den Kopf, der Übervater, König aller Dänen, starb so plötzlich, wie seine Mutter dessen Bruder ins eheliche Bett zog. Zeit zu kommen, für einen Sohn, der nicht zurückkehren will, doch muss. Zeit zu kommen, für Hamlet, zum Begräbnis eines gemordeten Vaters und zur Hochzeit einer glücklichen Mutter. In der fremden Heimat gehen die Geister noch immer um, die alte unbezwingbare Angst liegt über allem, man überwacht, ob Feind, ob Freund und Gerüchte, wie leise Ahnungen, sind schärfer als jedes Schwert. Hier nun bürdet ein toter Vater, Hamlet dem Sohn eine Rache auf, die der nicht braucht und tragen kann. Was tun, fragt der Hamlet, in einer Welt aus allen Fugen? Das Gestern lang vorbei und ein blindes Heute noch immer ahnungslos. Hamlet kann und will nichts tun in dieser Welt in der die Zeit so bleiern stehenblieb und einen modernen Geist verdammt, sich ohne Willen in Macht- und Racheritualen zu üben. Aber Hamlet muss und Hamlet sucht dennoch ein Schlupfloch, das Spiel und Wahnsinn heißt. In einer idiotischen Welt scheint es klug, den perfekten Idioten zu geben. Also tanzt Hamlet, verrät, lässt sterben und kommt dennoch nicht umhin, ganz altmodisch einen Vater zu rächen. Und überdies: Alles was ein Narr verbricht, wird ein Hamlet bitter bezahlen!

Shakespeares Hamlet ist stets Gegenwart und stellt die immer gleiche Frage: Wie stets in Eurer Welt? Ist sie aus den Fugen? Und sagt: Wie ergeht es einem Hamlet, diesem Himmelsstürmer, in Eurer Welt? Das ist die Frage und aller Rest ist schweigen!

Inszenierung Niklas Ritter
Bühne Bernd Schneider
Kostüme Ines Burisch
Kampfszenen Klaus Figge
Dramaturgie Holger Kuhla

Hamlet Julian Mehne
Claudius Uwe Fischer
Ein Geist Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Gertrud Anne Lebinsky
Polonius Stephan Korves
Laertes Sebastian Müller-Stahl
Ophelia Katja Sieder
Horatio Thorsten Köhler
Rosencrantz Guildenstern Jan Kersjes
Fortinbras Hans-Jürgen Müller-Hohensee
1. Totengräber Karin Klose
Ein Priester Hans-Jürgen Müller-Hohensee

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 21.10.2011

Neuer Schauspieldirektor inszeniert Shakespeares "Hamlet" am Anhaltischen Theater Dessau

Geschichte um Macht und Verrat, Lüge und Hoffnung

Nur Horatio ist übriggeblieben. Alle anderen sind tot. "Erzähle diese Geschichte", so die letzte Bitte des sterbenden Prinzen Hamlet (Julian Mehne). Im Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau hatte Shakespeares Tragödie "Hamlet" Premiere.

Horatio könnte erzählen, dass diesem Ensemble in der Inszenierung des neuen Dessauer Schauspieldirektors Niklas Ritter eine in die Bühnentiefe und in den Zuschauerraum reichende gewaltige Spielfläche (Bühnenbild Bernd Schneider) für ein meist kurzweiliges Stück angeboten wurde. Mit Gräben, Gruben und Trampolin für schnelle Auf- und Abgänge, eingeschlossen semitransparente Papierflächen.

Aktion, meist mit folgendem Tod verbunden, und mit Überraschungen erlebte der Gast in Fülle: Einen Kugelschreibermord an Polonius. Einen effektvollen Kampf zwischen Prinz Hamlet und Laertes (Sebastian Müller-Stahl) mit vergifteten Klingen (Einstudierung Kampftrainer Klaus Figge). Ophelia ging ins Wasser. Durch ein Versehen trank die Königswitwe Gertrud vom Giftgetränk: Tot!

Horatio könnte auch erzählen, dass Niklas Ritter eigens komponierte Musik in die Inszenierung einflocht. Und, dass das von Jan Kersjes (Rosencrantz Guildenstern) gesungene Brechtlied "Vom ertrunkenen Mädchen", Ophelias Tod tangierend, ein bewegender emotionaler Höhepunkt wurde. Aber auch Humor ist im Stück. Vor allem jedoch kann und soll Horatio der Nachwelt diese vielfach tragisch endende Geschichte um Macht und Verrat, Lüge und Intrige, auch um Liebe, Hoffnung und Visionen erzählen. Vielleicht gedankenanregend, so wie "aus der Geschichte lernen?!"

Der Dessauer "Hamlet" ist ein richtiger Shakespeare, aufführungspraktisch jedoch handlungsverfolgbar eingekürzt. Mit heutigen Kostümen (Ines Burisch) macht Niklas Ritter auf die aktuelle Brisanz aufmerksam. "Es ist was faul im Staate Dänemark" - ist beliebig übertragbar.

Anschauen oder Nichtanschauen dieses Stückes, das sollte hier keine Frage sein. Anschauen!

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 18.10.2011

Hüpfend in Dänemark
Stünde in jedem Grab ein Trampolin, sie hüpften doch nur ein kleines Stück aus der Erde und der Himmel bliebe fern. Der Fehlstart eines Engels; Gliederpüppchens verhinderte Himmelfahrt zählt zu den einprägsamsten Bildern im großen Bilderreigen: Ophelia schwebt ganz in Weiß in der Tiefe der sich gnädig verjüngenden Bühne aus der Grube, auf und nieder, auf und wieder.
Ironie im Trauerspiel
Niklas Ritter, neuer Schauspieldirektor des Anhaltischen Theaters, gab am Freitag sein Debüt: William Shakespeare, "Hamlet", ein Trauerspiel. Kein Trauerspiel? Kein Pathosnebel, Gräberdunst, kein Schleifen der Seele? Dafür röchelt die Ironie, taumelt irr die Heiterkeit, als sei das stammelnde Schicksal zerbröselt und hastend entschwunden. Nur dem Geist wächst noch ein Bart. Auch die Monologe sind zerrissen. Nicht einmal der Monolog schlechthin wird durchgängig zelebriert. Unverschämt beinah, wie viele Elemente des Lustspiels in dieser Tragödie agieren. Eine verrückte Korrosion des Schicksals als, wie Shakespeare sagte, "Abdruck der Zeit"? Es sind vorerst die starken Bilder, die grotesken Gleichnisse, die murmelnden Metaphern, die diese Inszenierung tragen, bis sie sich in der Totengräberszene zur einer Karikatur und im flott gefochtenen Finale zu einem aufgefrischten Schlachtenschinken wölben. So ist der Rest nicht Schweigen, sondern Plappern und Klappern. Wie jetzt sterben und warum? Hauptsache tot? Ach, hätte alles vor der späten Pause einfach aufgehört, mit Bertold Brechts Versen "Vom ertrunkenen Mädchen" als Leichenlied auf Ophelia, zumal die Gräber, welch geniale Idee, von Anfang an ausgehoben waren. Wie auf Knopfdruck fahren sie zum Szenenwechsel in die Grube oder federn Marionetten gleich aus der Tiefe. Hingeworfen und weggewischt, stehen alle immer schon mit mehr als einem Bein im Grab.
So spielt die Bühne (Bernd Schneider) leutselig frisch Friedhof und der Königspalast ist aus Papier. Zwischen Zeitlosigkeit und aufgesetzter Märchenhaftigkeit kitzeln die Kostüme (Ines Burisch) das Klischee und besser noch, hantieren mit dem Gegenteil. "Leichenjubel und Hochzeitklage": die Sprache so bewegt wie die Figuren, spielt die ganze Crew in einer unbändigen Lust auf fesselloses Scheitern hin. Sie spielen vor allem mit dem Trauerspiel und mit dem Text in der Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch.
Klischee der Unschuld
Mag Ophelia (Katja Sieder) auch schwebend aus der Grube hüpfen, schwerelos ist diese Tochter nie und dennoch ausstaffiert wie das Klischee der Unschuld, welches sie immerfort bricht. Polonius (Stephan Korves) kann so flüssig ungelenk mit seinem Körper reden. Rosencrantz-Guildenstern (Jan Kersjes) spielt Klavier, Didgeridoo, singt: Er sollte zum Hofmusiker des Königs Claudius (Uwe Fischer) ernannt werden. Und wie stirbt Polonius? Hamlet (Julian Mehne) rammt dessen Kopf in einen Kugelschreiber: ein leicht lärmender Verweis auf Wittenberger Humanisten-Bildung. Als ein Intellektueller, der jede Tat im Kopf aufweicht, erscheint dieser Hamlet ohnehin nicht. Eher ist er ein Getriebener und einer, der ungemein treibt, als sei er aus der Zeit geraten, die so großartig schuldfähig war, oder doch nie gewesen ist.
Hamlet führt auch selbst Regie zum demaskierenden Spiel im Spiel. Keine Schauspieltruppe reist an. Hier gibt der Mörder den Mörder, köstlich grillenhaft und schlüssig, mehr als ein witziger Winkelzug. Und Ophelia tanzt, reinweiß und verrucht, wie wir die Unschuld lieben, auf dem Schoß des Prinzen. Auch der Lapdance geht in Ordnung. Hinzu kommen knappe konzentrierte Kammerspielchen, etwa das schöne Duett Mutter und Sohn, Gertrud (Anne Lebinsky) und Hamlet.
Mag mancher Gag ein Lacher werden, konsequent irr und getrieben gelingt Niklas Ritter eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz, eine scheinbar heitere, doch verrückte Infragestellung des Tragischen, bis zur späten Pause. Oder haben der platte Scheinzynismus der Totengräber und der sportive Degenaktionismus doch Methode? Der Tod des Schicksals selbst? Das Sterben ohne Fügung? Aber nein, plötzlich und unerwartet, wie nebenbei draufgegangen, rauscht auch die Inszenierung in die Grube. Beileid, für den drögen Freitod am Ende: Schön gefochten, mies verreckt. Die nächsten Vorstellungen von "Hamlet" am 28. Oktober und 11. November, jeweils 19.30 Uhr, und am 19. November um 17 Uhr.

Matthias Schmidt, nachtkritik, 15.10.2011

Hamlet – Niklas Ritter probt in Dessau den Abstand zu Shakespeare Singen und springen durch das zerbröselnde Dänemark

Die gute Nachricht: In diesem "Hamlet" wird so ziemlich alles geboten, wofür man das Theater lieben kann: Leidenschaft und Leichtigkeit, Ernst und Ironie, wunderbare Livemusik und packende Kampfszenen, texttreuer Shakespeare (in der lebhaften Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch) und humorvolle Ausbrüche daraus.

Zunächst ist es also eine Freude, diesem Ensemble zuzuschauen. Das nämlich hat wirklich Lust drauf, "Hamlet" zu spielen, und weil wir dieses Stück so gut wie keines sonst kennen, auch mit dem "Hamlet" zu spielen. Regisseur Niklas Ritter lässt seiner Liebe zu assoziativen Ausbrüchen freien Lauf, und so sehen wir Stummfilmszenen zu Klaviermusik von Jan Kersjes (als komische Doppelfigur Rosencrantz-Guildenstern ein echtes Highlight des Abends), erleben einen Gesangswettstreit am Königshof, den Horatio mit einem "O sole mio" gewinnt und vieles mehr.

Abgezocktes Girlie trifft scheiternden Hoffnungsträger

Ritter und sein Bühnenbildner Bernd Schneider schaffen es zudem, man mag das banal finden, die große Dessauer Bühne mit ihrer geradezu riesigen Bühnenöffnung auszufüllen. Bis weit auf die Hinterbühne wird gespielt, wobei die Schauspieler in raffiniert angelegten Gräben wahlweise verschwinden oder auftauchen oder aus diesen per Trampolin zurück nach oben katapultiert werden.

Sie springen und singen durch das zerbröselnde Dänemark, dass es nur so eine Art hat. Julian Mehne ist ein Hamlet, der genau weiß, dass er eine tragische Figur ist. Exakt spielt er auf diesem Grat, zwischen die Zeiten geworfen, und großartig inszeniert er sich als scheiternder Hoffnungsträger. Ebenso Katja Sieder als Ophelia: Sie ist mehr abgezocktes Girlie als Unschuld vom Lande. Ihr Kreischen ist vor allem Mittel zum Zweck, was ihren Selbstmord überraschender wirken lässt, als es das Stück vorgibt. Es ist der ganz normale Wahnsinn, den sie spielen, weil sie wissen, dass sie seltsame Gestalten in seltsam klischeehaften Konflikten spielen.

Pathos, Patina, Pause

Im Totenlied auf Ophelia, Brechts "Vom ertrunkenen Mädchen", erreicht der Abend seinen poetischsten Moment. Mit Didgeridoo und Klavier und seinem Gesang gibt Jans Kersjes dieser Inszenierung hier etwas, was ihr Charakter und ihre Qualität hätte sein können. Allein, Momente wie dieser sind zu kurz, ihr Umfeld ist zu unstet. Vor allem, weil immer wieder auch lang und breit "Shakespeare pur" gespielt wird, mit all dem schweren Pathos und der Patina, die kurz zuvor noch so spielerisch vergessen gemacht wurde.

Und so ist die gute Nachricht schließlich eine schlechte: Denn die Stilmittel der Inszenierung finden in den knapp zwei Stunden bis zur Pause nicht recht zueinander. Die Ansprechhaltungen wechseln atemberaubend oft. Man fühlt sich gelegentlich, als wäre man beim Zappen erwischt worden: Ophelia beim Lapdance für Hamlet. Comedy mit Hamlet Junior und Senior ("Du rauchst?"– "Jetzt kann ich's dir ja sagen!"). Comic-Sprechblasentexte à la "Platsch" neben "Sein oder Nichtsein"– RTL2 trifft arte.

Und dann sind plötzlich alle tot

Nach einer der stärksten Szenen des Abend, dem Totenlied auf Ophelia, ist Pause. In der knappen halben Stunde, die ihr dann noch folgt, trägt Niklas Ritter seine Inszenierung förmlich zu Grabe. Plötzlich wird gespielt, als wolle man diesen "Hamlet" auch als Weihnachtsmärchen für die Kindergärten der Region einsetzen. Die Leichenwäsche in anhaltischer Mundart sorgt für Privatradio-Heiterkeit mit einem Schuß Ödipuskomplex, denn Totengräber 2 (Sohn, leicht debil) bittet Nummer 1 (Mutter) darum, dass er auch mal "die Mitte" machen darf. "Wenn ich tot bin, darfst du meine Mitte machen", antwortet die Mutter. Das will er nicht, was haben wir gelacht!

Darauf fährt ein sächselnder Priester mit der toten Ophelia hinab ins Erdreich, und fortan wird gefochten, was das Zeug hält. Lange Kampfszenen, garniert mit weiterem Klamauk, und dann sind plötzlich alle tot. Das Ende – ein weiterer Lacher: Fortinbras entsteigt einer von Anfang an am Bühnenrand stehenden Rüstung. Ha, von wegen Schweigen!

Mal ganz im Ernst, was sollte diese wirre halbe Stunde? Die Pause legitimieren, die nicht ganz billigen, lauwarmen Schnitzel im SB-Restaurant?


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