Hallo Nazi!

Schauspiel von Monoblock

Premiere am 14. März 2014, Wiederaufnahme 9. September 2014

Nach einer Schlägerei finden sich Rudi und Jan auf der Polizeiwache wieder – pikanterweise in einer gemeinsamen Zelle, nachdem sie doch draußen auf verschiedenen Seiten standen, denn Rudi ist Neonazi und Jan ist Pole. Eine kurze Zeit lang sind sie gezwungen, einander in die Augen zu schauen, und dabei stellen sie fest, dass der vermeintliche Feind ähnlicher ist als gedacht … Eine Begegnung zwischen zwei jungen Männern, die Freunde sein könnten, wenn die Weichen ihrer Geschichte nur ein wenig anders gestellt worden wären.


Aufführungsdauer: 1h 10 Min.
Im Anschluss an jede Vorstellung gibt es ein Publikumsgespräch!


Vom 10. bis 23. März 2014 finden die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt, die mit deutschlandweiten

Veranstaltungen ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollen. Internationale Wochen gegen Rassismus

PRESSESTIMMEN

Im Abseits vereint, Neues Deutschland, 17.03.2014

Johann Kuithan inszeniert »Hallo Nazi!« im Alten Theater Dessau

Gunnar Decker

Am Anfang sind immer die Klischees. Eines der hartnäckigsten: »Alle machen die Hand auf und wir zahlen für alle.« Das meint: Wenn wir Deutschen unter uns wären und sich nicht überall parasitäre Fremde darunter mischen, die bloß unser Geld wollen, dann ginge es uns endlich so gut, wie wir es verdienen, wir anständigen, ordentlichen und fleißigen Deutschen! Dass ich keine Arbeit habe und bloß mit anderen, die auch keine Arbeit haben, rumhänge, das liegt nur daran, dass uns diese Fremden die Arbeit wegnehmen. Immer geht es gegen die überzeugten, die nationalen Deutschen! Linke Politiker, aber auch das Finanzkapital vertreten in Wahrheit ausländische - amerikanisch-jüdische! - Interessen. Wir Deutschen sollen nicht stolz seinen dürfen, uns immer nur an den Naziverbrechen schuldig fühlen. Aber die sind lange her und andere waren auch schuldig - wir Deutschen haben uns doch schon immer gegen die ganze Welt wehren müssen!

Das ist die Rhetorik der rechten Szene - und wer in eine Stadt wie Dessau kommt, zwischen Bauhaus Universität, dem überdimensionierten Theaterbau und den verschlissenen Plattenbauten im Zentrum umhergeht, der bekommt eine Ahnung von der aufgestauten Wut eines nicht geringen Teils der Bevölkerung, der sich als Verlierer fühlt. Das ist auch das Thema von »Hallo Nazi«, einem Stück des Autorenkollektivs Monoblock im Studio des Alten Theaters.

Sachsen Anhalt ist nicht in vielem führend in diesem Lande, aber in einem doch: Hier gab es 2011 die meisten rechtextremen Straftaten - 2,70 auf 100 000 Einwohner. Damit liegt das Bundesland noch deutlich vor Mecklenburg-Vorpommern mit 2,20. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg waren es nur 0,33 und in Hessen 0,20. Was sagt uns diese Statistik? Dass hier soziale und kulturelle Desintegrationsprozesse gerade unter Jugendlichen im Gange sind, vor denen die Augen zu verschließen gefährlich wäre.

Was aber macht die Landespolitik sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Mecklenburg-Vorpommern? Sie debattiert über wenig anderes so ausführlich und hartnäckig wie um die weitere Kürzung von Kultur- und Jugendprojekten. Auch das Theater in Dessau steht in einer Dauerdiskussion darüber, ob man sich das Theater denn überhaupt noch leisten will. Doch wo soll die ohnmächtige Wut derer, die für sich keine Chance in dieser Gesellschaft sehen, zur Sprache kommen, wenn nicht hier? Am Anfang und am Ende gleitet das Geschehen wie unauffällig hinüber zu Zeitungsmeldungen vom Tage - die Schauspieler treten aus ihren Rollen, sind dann nur noch Sprecher, die hören lassen, wohin der Diskurs der Mitte diese Gesellschaft gebracht hat: In eine Rhetorik der Stärke, die soziale Härten für naturgegeben erklärt.

Schuld sind immer die anderen. Wir haben nur deshalb keine Chance, weil es eine große Verschwörung in diesem Land gibt! Das sind die einfachen Antworten, die aus Gesinnung schließlich Täter macht. Dagegen helfen keine Sonntagsreden, sondern nur konkrete Versuchsanordnungen, wie sie hier im Alten Theater Dessau durchgespielt werden. Was ist der Neonazi ohne seine Gang, in der er seine Kraftposen übt? Rudi nur für sich als Einzelner, mit blauem Auge und blutender Nase allein mit seinen markigen Sprüchen in einer Zelle. Den jungen Polen Jan, der sich mit dem Reparieren und Verkaufen von alten Autos über Wasser hält und der nach einer Schlägerei mit Rudis Gang ebenfalls hier landete, begrüßt er mit »Na Polacke!« - »Hallo Nazi!« gibt der es ihm zurück. Man prügelt und beschimpft sich - und doch sitzen sie gemeinsam in einer Zelle. Die Klischees halten nicht lange, so eins zu eins, Auge in Auge, ohne den Beifall der Gangs.

Regisseur Johann Kuithan hat dramaturgisch klug ein Dreieck aufgebaut. Zwischen Rudi (Felix Defèr) und Jan (Mario Klischies) steht Erich (Sebastian Müller-Stahl), der Polizist, der immer mal wieder in die Zelle kommt. Dieser hat sichtlich keine Lust, sich auf die beiden einzulassen, für ihn sind sie einfach nur zwei, die Ärger machen. »Man schlägt nicht jemanden, der schon am Boden liegt!«, sagt Jan zu Rudi. Diese Verachtung trifft diesen härter, als er sich eingesteht. Wir sehen ein Kammerspiel von Macht und Ohnmacht auf engstem Raum. Ein schauspielerischer Höhenflug, hautnah den Figuren, ihre Alltäglichkeit noch verstärkend. Noch banaler wird die Banalität, noch explosiver die angestaute Aggressivität.

Und dann kommt Polizist Erich mit der Nachricht, einer der Polen sei nach der Schlägerei im Krankenhaus gestorben. Ein Schock. Rudi ist gar nicht so hart, wie er nach außen gern sein will. Muss er jetzt ins Gefängnis? Klar, was denkst du denn, was denn sonst!, bekommt er von Erich zur Antwort. Aber eigentlich interessiert es ihn wenig. Für Rudi ist das ebenso wenig neu wie für Jan: Sie sind überzählig in dieser Gesellschaft, sie stören bloß.

Ein Blick auf die vor allem jugendlichen Zuschauer, die so unterschiedlich sind, wie jene Passanten, die man draußen auf der Straße sieht, zeigt, dass dies hier kein pädagogisch-didaktisches Alibitheater ist, hier wird so ungeschönt geredet wie auf der Straße auch. Und das kommt an beim Publikum. Denn Rudi, Jan und auch Erich, dem Polizisten geht es ähnlich: Sie haben immer den ganzen Dreck am Hals. Privilegien? Nicht bei ihnen, sie wissen sich längst schon an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Aber Rudi und Jan stellen irgendwann in dieser Nacht auf der Polizeiwache fest, dass sie womöglich mehr verbindet als sie dachten. Man schaut weg, wenn sie kommen. Auch der Streifenwagen fuhr beim ersten Mal vorbei. Sollen die sich doch prügeln! Das ist das eigentliche Dilemma. Rudi und Jan fühlen sich gleichermaßen überflüssig und chancenlos, das macht sie aggressiv.

Was wäre, wenn Rudi in Polen geboren wäre und Jan in Dessau? Vielleicht fragen sie sich das in dieser Nacht zum ersten Mal. Und als alle Klischees verbraucht sind, und die Nasen mehrfach blutig gehauen, da geraten sie wie von selbst in ein neues Thema: Filme, die sie gesehen haben und über die sie nun weiter streiten - aber da reden sie plötzlich schon über etwas Gemeinsames. Gibt es in »Matrix« einen Erlöser? Warum aber muss es erst eine Zelle sein, dass es dazu kommt? Wie wichtig für Dessau das Theater sein kann, beweist »Hallo Nazi!« eindringlich.

Alltägliche Spielarten des Hasses. Mitteldeutsche Zeitung, 18.03.2014

von Andreas Montag

Das Stück "Hallo Nazi!" wird in Dessau gezeigt.

Die Szenerie kommt jedem bekannt vor, der Anteil am Zeitgeschehen nimmt. Das ist das Aufregende und zugleich Traurige an "Hallo Nazi!", einem Kammerspiel aus der Arrestzelle, das seit mehr als zehn Jahren erfolgreich über deutsche Jugendbühnen tourt und nun, inszeniert von Johann Kuithan, im Alten Theater Dessau gezeigt wird. Das Personal ist übersichtlich, der Konflikt klar: Rudi (Felix Defèr), ist ein noch jugendlicher Schläger aus dem rechtsradikalen Milieu, Jan (Mario Klischies) ein polnischer Automechaniker, der gemeinsam mit seinen Kollegen von Rudis Sturmtrupp überfallen worden ist. Und Erich (Sebastian Müller-Stahl) steht als Amtsperson formal über den Dingen, weswegen ihn Rudi, den er kennt und duzt, seinerseits nicht duzen darf.

Dieser Polizist ist die Schlüsselfigur: Ein armer Hund, der jede und keine Meinung hat. Ganz, wie es gebraucht wird, um klarzukommen im Job. Der ist nicht schön, er strengt an und stumpft auch ab. In einer Zelle seines Polizeipostens muss Erich einen kotzenden Insassen aufbewahren, einen Arbeitslosen, der sich in regelmäßigen Abständen bis zur Besinnungslosigkeit besäuft und dann ausrastet. In der zweiten, einzig noch freien Zelle belauern sich Jan, der Rudi einen Nazi nennt, und Rudi, der Jan einen "Scheiß-Polacken" nennt.

Natürlich hat die Figur des indifferenten Polizisten, der genervt ist von den Plagen, die ihm auf den Hals geschickt werden, in Dessau noch einen besonderen Geschmack. Man erinnert sich an den Fall von Oury Jalloh, der vor neun Jahren in einer Dessauer Arrestzelle bei lebendigem Leibe verbrannt ist. Die Umstände sind bis heute nicht wirklich geklärt.

Jan, der Pole, der für einen Dumpinglohn die Autos der Deutschen wieder flott macht, und Rudi, der mit seinen Freunden einen Freund Jans totgeschlagen hat, spielen den alltäglichen Hass vor, der wie das Unkraut zwischen den Gehwegplatten wuchert. Schließlich finden sie sich im strittigen Fachsimpeln über Filmhelden. Es sind die gleichen, immerhin. "Matrix" kennen sie beide, nur entkommen sie ihrer Matrix nicht. Die Opfer nicht und nicht die Täter. Und niemand sonst, der das Fremde in sich selbst so sehr hasst, dass er die Fremden dafür hassen muss.

Im Abseits vereint, Neues Deutschland, 17.03.2014

Johann Kuithan inszeniert »Hallo Nazi!« im Alten Theater Dessau

Gunnar Decker

Am Anfang sind immer die Klischees. Eines der hartnäckigsten: »Alle machen die Hand auf und wir zahlen für alle.« Das meint: Wenn wir Deutschen unter uns wären und sich nicht überall parasitäre Fremde darunter mischen, die bloß unser Geld wollen, dann ginge es uns endlich so gut, wie wir es verdienen, wir anständigen, ordentlichen und fleißigen Deutschen! Dass ich keine Arbeit habe und bloß mit anderen, die auch keine Arbeit haben, rumhänge, das liegt nur daran, dass uns diese Fremden die Arbeit wegnehmen. Immer geht es gegen die überzeugten, die nationalen Deutschen! Linke Politiker, aber auch das Finanzkapital vertreten in Wahrheit ausländische - amerikanisch-jüdische! - Interessen. Wir Deutschen sollen nicht stolz seinen dürfen, uns immer nur an den Naziverbrechen schuldig fühlen. Aber die sind lange her und andere waren auch schuldig - wir Deutschen haben uns doch schon immer gegen die ganze Welt wehren müssen!

Das ist die Rhetorik der rechten Szene - und wer in eine Stadt wie Dessau kommt, zwischen Bauhaus Universität, dem überdimensionierten Theaterbau und den verschlissenen Plattenbauten im Zentrum umhergeht, der bekommt eine Ahnung von der aufgestauten Wut eines nicht geringen Teils der Bevölkerung, der sich als Verlierer fühlt. Das ist auch das Thema von »Hallo Nazi«, einem Stück des Autorenkollektivs Monoblock im Studio des Alten Theaters.

Sachsen Anhalt ist nicht in vielem führend in diesem Lande, aber in einem doch: Hier gab es 2011 die meisten rechtextremen Straftaten - 2,70 auf 100 000 Einwohner. Damit liegt das Bundesland noch deutlich vor Mecklenburg-Vorpommern mit 2,20. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg waren es nur 0,33 und in Hessen 0,20. Was sagt uns diese Statistik? Dass hier soziale und kulturelle Desintegrationsprozesse gerade unter Jugendlichen im Gange sind, vor denen die Augen zu verschließen gefährlich wäre.

Was aber macht die Landespolitik sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Mecklenburg-Vorpommern? Sie debattiert über wenig anderes so ausführlich und hartnäckig wie um die weitere Kürzung von Kultur- und Jugendprojekten. Auch das Theater in Dessau steht in einer Dauerdiskussion darüber, ob man sich das Theater denn überhaupt noch leisten will. Doch wo soll die ohnmächtige Wut derer, die für sich keine Chance in dieser Gesellschaft sehen, zur Sprache kommen, wenn nicht hier? Am Anfang und am Ende gleitet das Geschehen wie unauffällig hinüber zu Zeitungsmeldungen vom Tage - die Schauspieler treten aus ihren Rollen, sind dann nur noch Sprecher, die hören lassen, wohin der Diskurs der Mitte diese Gesellschaft gebracht hat: In eine Rhetorik der Stärke, die soziale Härten für naturgegeben erklärt.

Schuld sind immer die anderen. Wir haben nur deshalb keine Chance, weil es eine große Verschwörung in diesem Land gibt! Das sind die einfachen Antworten, die aus Gesinnung schließlich Täter macht. Dagegen helfen keine Sonntagsreden, sondern nur konkrete Versuchsanordnungen, wie sie hier im Alten Theater Dessau durchgespielt werden. Was ist der Neonazi ohne seine Gang, in der er seine Kraftposen übt? Rudi nur für sich als Einzelner, mit blauem Auge und blutender Nase allein mit seinen markigen Sprüchen in einer Zelle. Den jungen Polen Jan, der sich mit dem Reparieren und Verkaufen von alten Autos über Wasser hält und der nach einer Schlägerei mit Rudis Gang ebenfalls hier landete, begrüßt er mit »Na Polacke!« - »Hallo Nazi!« gibt der es ihm zurück. Man prügelt und beschimpft sich - und doch sitzen sie gemeinsam in einer Zelle. Die Klischees halten nicht lange, so eins zu eins, Auge in Auge, ohne den Beifall der Gangs.

Regisseur Johann Kuithan hat dramaturgisch klug ein Dreieck aufgebaut. Zwischen Rudi (Felix Defèr) und Jan (Mario Klischies) steht Erich (Sebastian Müller-Stahl), der Polizist, der immer mal wieder in die Zelle kommt. Dieser hat sichtlich keine Lust, sich auf die beiden einzulassen, für ihn sind sie einfach nur zwei, die Ärger machen. »Man schlägt nicht jemanden, der schon am Boden liegt!«, sagt Jan zu Rudi. Diese Verachtung trifft diesen härter, als er sich eingesteht. Wir sehen ein Kammerspiel von Macht und Ohnmacht auf engstem Raum. Ein schauspielerischer Höhenflug, hautnah den Figuren, ihre Alltäglichkeit noch verstärkend. Noch banaler wird die Banalität, noch explosiver die angestaute Aggressivität.

Und dann kommt Polizist Erich mit der Nachricht, einer der Polen sei nach der Schlägerei im Krankenhaus gestorben. Ein Schock. Rudi ist gar nicht so hart, wie er nach außen gern sein will. Muss er jetzt ins Gefängnis? Klar, was denkst du denn, was denn sonst!, bekommt er von Erich zur Antwort. Aber eigentlich interessiert es ihn wenig. Für Rudi ist das ebenso wenig neu wie für Jan: Sie sind überzählig in dieser Gesellschaft, sie stören bloß.

Ein Blick auf die vor allem jugendlichen Zuschauer, die so unterschiedlich sind, wie jene Passanten, die man draußen auf der Straße sieht, zeigt, dass dies hier kein pädagogisch-didaktisches Alibitheater ist, hier wird so ungeschönt geredet wie auf der Straße auch. Und das kommt an beim Publikum. Denn Rudi, Jan und auch Erich, dem Polizisten geht es ähnlich: Sie haben immer den ganzen Dreck am Hals. Privilegien? Nicht bei ihnen, sie wissen sich längst schon an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Aber Rudi und Jan stellen irgendwann in dieser Nacht auf der Polizeiwache fest, dass sie womöglich mehr verbindet als sie dachten. Man schaut weg, wenn sie kommen. Auch der Streifenwagen fuhr beim ersten Mal vorbei. Sollen die sich doch prügeln! Das ist das eigentliche Dilemma. Rudi und Jan fühlen sich gleichermaßen überflüssig und chancenlos, das macht sie aggressiv.

Was wäre, wenn Rudi in Polen geboren wäre und Jan in Dessau? Vielleicht fragen sie sich das in dieser Nacht zum ersten Mal. Und als alle Klischees verbraucht sind, und die Nasen mehrfach blutig gehauen, da geraten sie wie von selbst in ein neues Thema: Filme, die sie gesehen haben und über die sie nun weiter streiten - aber da reden sie plötzlich schon über etwas Gemeinsames. Gibt es in »Matrix« einen Erlöser? Warum aber muss es erst eine Zelle sein, dass es dazu kommt? Wie wichtig für Dessau das Theater sein kann, beweist »Hallo Nazi!« eindringlich.

Alltägliche Spielarten des Hasses. Mitteldeutsche Zeitung, 18.03.2014

von Andreas Montag

Das Stück "Hallo Nazi!" wird in Dessau gezeigt.

Die Szenerie kommt jedem bekannt vor, der Anteil am Zeitgeschehen nimmt. Das ist das Aufregende und zugleich Traurige an "Hallo Nazi!", einem Kammerspiel aus der Arrestzelle, das seit mehr als zehn Jahren erfolgreich über deutsche Jugendbühnen tourt und nun, inszeniert von Johann Kuithan, im Alten Theater Dessau gezeigt wird. Das Personal ist übersichtlich, der Konflikt klar: Rudi (Felix Defèr), ist ein noch jugendlicher Schläger aus dem rechtsradikalen Milieu, Jan (Mario Klischies) ein polnischer Automechaniker, der gemeinsam mit seinen Kollegen von Rudis Sturmtrupp überfallen worden ist. Und Erich (Sebastian Müller-Stahl) steht als Amtsperson formal über den Dingen, weswegen ihn Rudi, den er kennt und duzt, seinerseits nicht duzen darf.

Dieser Polizist ist die Schlüsselfigur: Ein armer Hund, der jede und keine Meinung hat. Ganz, wie es gebraucht wird, um klarzukommen im Job. Der ist nicht schön, er strengt an und stumpft auch ab. In einer Zelle seines Polizeipostens muss Erich einen kotzenden Insassen aufbewahren, einen Arbeitslosen, der sich in regelmäßigen Abständen bis zur Besinnungslosigkeit besäuft und dann ausrastet. In der zweiten, einzig noch freien Zelle belauern sich Jan, der Rudi einen Nazi nennt, und Rudi, der Jan einen "Scheiß-Polacken" nennt.

Natürlich hat die Figur des indifferenten Polizisten, der genervt ist von den Plagen, die ihm auf den Hals geschickt werden, in Dessau noch einen besonderen Geschmack. Man erinnert sich an den Fall von Oury Jalloh, der vor neun Jahren in einer Dessauer Arrestzelle bei lebendigem Leibe verbrannt ist. Die Umstände sind bis heute nicht wirklich geklärt.

Jan, der Pole, der für einen Dumpinglohn die Autos der Deutschen wieder flott macht, und Rudi, der mit seinen Freunden einen Freund Jans totgeschlagen hat, spielen den alltäglichen Hass vor, der wie das Unkraut zwischen den Gehwegplatten wuchert. Schließlich finden sie sich im strittigen Fachsimpeln über Filmhelden. Es sind die gleichen, immerhin. "Matrix" kennen sie beide, nur entkommen sie ihrer Matrix nicht. Die Opfer nicht und nicht die Täter. Und niemand sonst, der das Fremde in sich selbst so sehr hasst, dass er die Fremden dafür hassen muss.

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