Götz von Berlichingen

Ein deutsches Lied von der Freiheit

Premiere am 20. März 2015, Großes Haus

Johann Wolfgang von Goethes »Götz von Berlichingen« steht als berühmtestes Drama des Sturm und Drang für den Kampf einer alten Macht gegen ein neues Recht. Der Ritter mit der eisernen Hand, den der erst 22-jährige Dichter bereits 1771 erstmals in den Blick nahm, verläuft sich zwischen den Fronten der Glaubenskriege und in der intriganten Welt des Adels. Vergebens verteidigt er das, was er für sein natürliches Recht hält, gegen die abstrakten Gesetze seiner Umwelt – und ist am Ende zum Untergang verurteilt. Das historische Vorbild des Dramas, der Reichsritter Götz von Berlichingen, diente als kaisertreuer Krieger unter wechselnden Fahnen und verlor im Landshuter Erbfolgekrieg am 23. Juni 1504 durch einen Kanonenschuss die rechte Hand. Die Prothese, die noch heute auf Burg Hornberg zu besichtigen ist, trug ihm seinen Beinamen ein. Ob man ihm hingegen den berühmten Ausspruch »Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!« zuschreiben kann, auf den Goethes Drama im kollektiven Bewusstsein reduziert wird, ist zu bezweifeln. In Dessau wird Generalintendant André Bücker den »Götz« auf seine Bedeutung für die Gegenwart befragen – und den Text dabei als spartenübergreifende Arbeit mit deutschen Liedern bereichern, die der Opernchor des Anhaltischen Theaters in die Inszenierung einbringt.


Dauer: ca. 3 Stunden, 45 Minuten (inkl. 1 Pause)

Faustrecht für T-Shirts!

15€, Baumwolle, beidseitig bedruckt
In allen Frauen- und Männergrößen
Erhältlich an der Theaterkasse und an der Abendkasse im Anhaltischen Theater


Inszenierung André Bücker
Musik Andres Reukauf
Kostüme Jessica Rohm
Kampfchoreografie Klaus Figge
Musikalische Einstudierung Helmut Sonne
Dramaturgie Andreas Hillger

Götz von Berlichingen Felix Defèr
Georg, sein Bube Mario Klischies
Elisabeth, seine Frau Ines Schiller
Maria, seine Schwester Katja Sieder
Bruder Martin / Bischof von Bamberg / Franz Lerse Gerald Fiedler
Adelheid von Walldorf Illi Oehlmann
Metzler / Liebetraut / Kaiser Maximilian I. / Hauptmann / Ratsherr / Ältester Stephan Korves
Sievers / Abt von Fulda / Hans von Selbitz / Wache / Max Stumpf / Unbekannter / Wolf / Kläger Dirk Greis
Weislingen Sebastian Müller-Stahl
Erster Bamberger Reiter / Franz, Weislingens Bube / Bauer Patrick Rupar
Erster Berlichinger Reiter / Ein Reiter / Olearius, Rechtsgelehrter / Franz von Sickingen / Zweiter Reichsknecht / Zweiter Ritter Patrick Wudtke
Zweiter Bamberger Reiter / Ein Reiter / Erster Kaufmann / Erster Offizier / Erster Reichsknecht / Dritter Ritter / Zweiter Ritter / Knecht / Link Jan-Pieter Fuhr
Zweiter Berlichinger Reiter / Ein Bedienter / Zweiter Kaufmann / Erster Ritter / Zweiter Ritter / Zweiter Knecht / Kohl David Ortmann
Wirt / Zweiter Offizier / Erster Ritter / Alter / Wild / Zweiter Bauer / Rächer Boris Malré
Erster Knecht / Zweiter Knecht / Bote / Erster Bauer Silvio Wiesner
Kammerfräulein / Weib Christel Ortmann


Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie
Opernchor des Anhaltischen Theaters

„Gebt mir einen Trunk Wasser. – Himmlische Luft – Freiheit! Freiheit!“


PRESSESTIMMEN

Nicht ergeben!, DIE ZEIT Nº 19/2015, 14. Mai 2015

Provinzbühne Dessau, Leipzig, Rostock: Warum es sich lohnt, um unsere Theater zu kämpfen. Eine Wutrede VON CLEMENS MEYER

Dessau, Sonntagnachmittag. Eine Handvoll Leute beobachtet auf dem Theatervorplatz die Vorbereitungen zum Götz von Berlichingen, der hier seit Monaten Furore macht. Dessaus Theater ist eins der schönsten im Land. Unweit des Bahnhofs gelegen, vor einem kleinen Park, in dem Bühnenarbeiter gerade eine Kanone in Stellung bringen; dann der großzügige, dennoch strenge Theatervorplatz, hier atmet alles Bauhaus ein und Bauhaus aus.

Flammen schlagen rußend aus eisernen Tonnen, vom Dach des Theaters ertönt eine Rede, „Freiheit, Freiheit“ höre ich immer wieder, während sich ein Orchester in Barockkostümen an der Treppe aufstellt; später kommt Juri Gagarin im DDR-Kosmonauten-Anzug und singt mit Gitarre vom Sputnik, von Sternen und vom Mond, auf dem er ja wohnt.
Ist das also die Provinz, denke ich, während ein Bus mit Delitzscher Nummer am Vorplatz hält, eine Rentnergruppe geht Richtung Theater, inzwischen donnert die berühmte Luxemburg-Rede übers Bauhaus-Idyll, die Tonnen blaken und rußen, die Kanone wird abgefeuert, „Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden!“.

Und später, während die Schauspieler die Gäste mit Handschlag begrüßen, tönt es: „Bis zum Äußersten gehen! Anarchie und Action!“ Ein großes Banner mit einer geballten Faust hängt an der Fassade, Chefdramaturg Andreas Hillger und Intendant André Bücker, der bei diesem Götz!-Spektakel („Ein deutsches Lied von der Freiheit“) Regie führt, tragen T-Shirts mit dem Logo, der Götz!-Faust.

Nun ist dieses deutsche Lied von der Freiheit wohl zu einem Abgesang geworden, in Dessau, in Rostock und anderswo. Kürzungen, Spartenstreichungen, Bürgermeister, die den Über-Intendanten spielen; Provinzen, in deren Verfall sich die Kunst, das Theater, gegen die Horden der Zombies stemmt: NPD, NSU, Hartz IV, Pegidahinterland, vorrückende Chrystalgrenze ... nicht Götz hat mehr die EISERNE HAND, die EISERNE HAND greift und kappt und verknappt, dass es eine wahre Freude ist. Dessau, Volksbühne Berlin, Volkstheater Rostock, Theater Nordhausen, Schauspiel Leipzig ... wo ist sie denn, die sogenannte Provinz?

Kürzlich sah ich an der Volksbühne das große Stück Kaputt von Castorf. Fast leer das Haus. Obwohl doch in dieser dunklen Reise durch die Kriege so viele unserer Fragen wenn nicht beantwortet, so doch gestellt werden. Zu radikal? Zu schmerzhaft? Oder muss Kunst spalten, wehtun, auch mal Zuschauer vertreiben, Seh- und Konsumgewohnheiten radikal hinterfragen?

Sie muss!, denke ich, als in Dessau im zweiten Teil dieses grandiosen Provinz!-Götz! genau das passiert. Zu Beginn des ersten Teils wurde noch rhythmisch mitgeklatscht, als der Opernchor des Landestheaters Volkslieder und Popsongs teils von der fürs Publikum gesperrten Empore, teils direkt im Saal intonierte. Die Türen waren übrigens alle durchgehend geöffnet, natürlich fürs Ensemble, das wie in einem Reigen rein- und rauseilte, aber auch, noch viel simpler, sollte das heißen: Öffnet euch, Freunde! (Mit dem Ausrufungszeichen werde ich hier noch öfter arbeiten, ich habe es direkt dem Programmhefttitel entlehnt: GÖTZ!) OPEN THE FUCKING DOORS, OPEN YOUR FUCKIN’ MIND! Machet die Türen hoch und die Tore weit, auf dass einmarschiere ein widerspenstiger Geist des Theaters!

Und während im zweiten Teil die Apokalypse der Bauernkriege auf der Bühne wütet, Heiner Müller und Büchners Danton und Gudrun Ensslin und Nostradamus und Camus und Hölderlin in den Goethe-Götz eingeflochten, nein ge-cut-up-ed werden, glaube ich zu erkennen, dass man dieses sogenannte Provinz-Publikum (mal abgesehen davon, dass Dessau natürlich immer auch WELT! war) gehörig unterschätzt. Warum inszeniert Castorf nicht mal wieder auf dieser großen, einmaligen Bühne und schließt den Kreis nach Anklam, Zeit hat er ja bald ... die Türen müssen doch offen sein, und selbst die Rentnergruppen aus Delitzsch applaudieren am Ende stehend.

Aber selbst in Dessau ist es ja nicht klar, wie es weitergeht. Intendant Bücker war eben kein Bücker und hört nun auf. Er sei schwer vermittelbar beim Land, habe er gehört – vom Dessauer OBM (OrtsBegehung mit Managern). Ich weiß nicht, ob das derselbe ist, der vor einigen Jahren sich mal furchtbar über ein Theaterprojekt echauffierte, das die Verwicklung der Alt-Dessauer Industriefürsten in die NS-Massenvernichtung thematisierte.

Orts-Begehung-mit-Managern-Wahnsinn auch in Rostock. Latchinian raus, Latchinian rein ... alle Türen auf und wieder zu, nur die im Theater und die zu den Fördermitteln bleiben erst mal DICHT. Ja seid ihr denn alle nicht ganz dicht? Schmeißt das Geld doch gleich der NPD hin in McPomm, begreift denn dieser Mann im Rathaus nicht, dass man sich am Ende selbst beschneidet, wenn man die Kunst beschneidet.

„Steh auf, wenn du am Boden bist“, sang der Chor in Dessau nach einer der dunklen Götz-Metzeleien, „Steh auf, steeeeh auf!“. Und nicht nur die Zombies des Krieges erhoben sich schwankend, auch einige der Zuschauer sprangen auf und sangen mit.

Mensch, dachte ich, das sind so kleine Momente, in denen man denkt, dass doch noch alles in Ordnung ist. Ich wünsche mir, dass in Dessau in Zukunft wieder ähnlich reingehämmert wird wie im GÖTZ! Dass in Rostock Latchinian endlich machen und loslegen kann; dass im Schauspiel Leipzig mit oder am besten ohne Intendant Lübbe wieder der Mut einkehrt und der Neu-Biedermeier endlich durch die sich öffnenden Türen geweht wird; dass die Zuschauer offen sind und schmerzbereit und nicht festgefahren; dass Heiner Müller in allen Provinzen erklingt, dass wir Frage- und Ausrufezeichen auf die Bühnen und von den Bühnen schleudern, Donnerkeile; dass wir die alten Meister mit den neuen Stimmen mischen, dass wir in die Provinzen ziehen, das wir den OBM (Mehrzahl, you know) Feuer unterm Arsch machen, dass unsere Theater Visionen haben, dass, wo Zeiten des Aufruhrs dran steht, auch ein bisschen Aufruhr drin ist, dass wir auch die leisen Töne der sogenannten Bilderstürmer hören wollen ...

Und dass in Dessau, Nordhausen, Senftenberg wieder die Talentschmieden glühen und Funken sprühen, weil man den Leuten dort mehr zumuten kann, als man denkt, und weil’s da sonst ja auch nicht allzu viel gibt. In diesem Sinne: Venceremos!, oder wie der alte Götz bei Goethe sagt: „Mich ergeben? ... sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken.“

Mein Flug ist der Aufstand, Theater der Zeit, Mai 2015

André Bücker setzt seiner Intendanz am Anhaltischen Theater Dessau mit Goethes Freiheitsdrama "Götz von Berlichingen" ein furioses Ende

von Gunnar Decker

Wer jetzt noch weiter am Theater sparen will, macht es vorsätzlich kaputt. Und wenn die Strukturen erst einmal zerstört sind, dann ist das unwiderruflich. Da ist sich Intendant André Bücker sicher. 25 Jahre Abbaudiskussionen haben das deutsche Stadttheater an den Rand seiner Existenz gebracht, auch das Anhaltische Theater Dessau.

Dass das unverantwortlich ist, sagt er jedem, der es nicht hören will, gleich ob Dessaus Oberbürgermeister oder dem Kultusminister Sachsen-Anhalts Stephan Dorgerloh, der mit viel Geld Kirchen zum großen Luther-Jubiläum restaurieren lässt, aber an der Gegenwart der Kultur spart. Immerhin: Kein anonymes Gutachten einer Unternehmensberatung, das als Alibi für den Abbau herhalten muss, sondern ein "Kulturkonvent" mit Experten, die über die Zukunft der Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt berieten, das schien 2011 ein verheißungsvoller Ansatz zu sein.

Das Ergebnis war verblüffend, jedenfalls für den Kultusminister: Es wurde ein Mehrbedarf von acht Millionen Euro festgestellt! Schnell kassierte der Minister die selbst in Auftrag gegebenen Thesen zur Kultur ein und verkündete stattdessen einen weiteren Abbau - allein dem Anhaltischen Theater Dessau fehlten nun drei Millionen Euro im Haushalt. Eine selbstherrliche Dreistigkeit, die André Bücker an den Rand der ihm eigenen Höflichkeit brachte. Dessau ist immerhin als Bauhaus-Stadt eine Urzelle der Moderne und kämpft zudem mit starken sozialen Verwerfungen. Da gibt es brennend aktuelle Themen und drängende Aufgaben für ein Stadttheater!

Mit "Hallo Nazi!" hatte das Theater im vergangenen Jahr offensiv auf die wachsende Neonazi-Szene reagiert; die Kommunalpolitik schaute skeptisch zu. Wurde da nicht ein hässliches Thema, über das man besser nicht öffentlich spricht, unangemessen aufgewertet? Es gab diese Stimmen, und Bücker ist darüber immer noch fassungslos. Einfach wegschauen, die Touristen nicht beunruhigen? Das entspricht nicht dem Kulturauftrag, wie er ihn versteht. Aber auch lokalgeschichtliche Annäherungen wie die in Tine Rahel Völckers Stück "Der fliegende Mensch" über den Flugzeugbauer Hugo Junkers stießen bei der Lokalpolitik vor allem auf Skepsis. Der Vorwurf der Nestbeschmutzung lag in der Luft.

Die Zuschauer jedoch standen hinter ihrem Generalintendanten. Seit der Wende gab es noch nie eine so große Demonstration wie die für den Erhalt des Vierspartenhauses, erinnert sich Bücker. Das Problem sei, dass in der Landes- und Kommunalpolitik viele Politiker bei komplizierten kulturpolitischen Themen einfach weghörten. Mit den eigentlichen Akteuren werde ohnehin nicht gesprochen. Als das Theater im Landtag zu Fragen der Strukturentwicklung Rederecht hatte, unterhielten sich die im Saal verbliebenen Abgeordneten oder beschäftigten sich mit ihren iPhones. Perfide und böse nennt Bücker diese Art Umgang, bei dem Argumente nicht mehr zählen, weder geistige noch wirtschaftliche. Der Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt musste gehen, nun auch Bücker, dessen Vertrag ausläuft. Er könne sich ja wieder auf seine Stelle bewerben, teilte man ihm lakonisch mit, ihm, der das Haus sechs Jahre erfolgreich geleitet hatte – und mehr als das.

Das Problem, so Bücker, seien selbstherrliche Provinzfürsten, die sich bei jeglicher Kritik sofort beleidigt zeigten und versuchten, starke unabhängige Geister loszuwerden. Da sind wir schon mittendrin in Bückers furioser - fast vierstündiger - Abschiedsinszenierung in Dessau, Goethes Frühwerk "Götz von Berlichingen". Es sind zwei von knapp vier Stunden gespielt, da hebt der um seine Freiheit fechtende Ritter mit der eisernen Hand ab wie Heiner Müllers Engel der Vernichtung: "Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen." Dieses Tableau aus Ritterburgen, Wirtshäusern und Bauernkrieg bekommt dabei etwas auf andere Art Angstmachendes: Es wird inwendig. Das scheint einem Weltenwechsel ähnlich, einem Genrewechsel auch: von einem vielstimmigen Zeffirelli-Breitwandepos zu einem ebenso inständigen wie eisigen Kammerspiel.

Was hier in Dessau gespielt wird, ist das Drama der Freiheit, nun aber ganz ungeschützt auf des Messers Schneide balancierend – und das im doppelten Sinne, auf der Bühne und in Bezug auf den Regisseur des "Götz von Berlichingen", den Intendanten des Hauses André Bücker. Auf der Bühne, die überall ist, wirkt es wie von Godard oder Bergman fotografiert. Dieser hier fortwährend betriebene optische Wechsel gleicht dem von einem Weitwinkel- zum Teleobjektiv. Was anonymes Schicksal schien, wird individuell. Und das, wo jetzt die Schlachten, nein, das Schlachten beginnt.

Die Filmästhetik sei durchaus gewollt, sagt Bücker. Der Tisch in seinem Büro ist mit Büchern beladen. Er schiebt einen Stapel mit Noten vom "Ring des Nibelungen" beiseite. Irgendwo muss schließlich auch die Kaffeetasse noch Platz finden. André Bückers "Ring des Nibelungen" ist als "Bauhausring" bereits in die Wagner-Aufführungsgeschichte eingegangen. Für diesen fand er eine verblüffende Bildsprache (Oskar Schlemmers Figurinen!), entwickelte ein eigenes Zeichensystem. Nibelheim als Rechenzentrale einer anonymen Macht!

Auch beim "Götz von Berlichingen", mit dem er sich nun aus Dessau verabschiedet, entdeckt er Ausdrucksmöglichkeiten, in denen sich Goethes Text und unsere Gegenwart auf unerwartete Weise verbinden. Dieser Ritter in eigener Mission, der sich nicht kaufen und zum Vasallen machen lässt, sei, so Bücker, eine "aufgerissene Figur".

Die filmschnittartige Struktur gibt es bereits bei Goethe, das habe ihn fasziniert, sagt er. 72 Figuren und 53 Szenen im Stück, die in dieser Inszenierung nun fast alle erhalten sind, wenn auch manchmal nur mit einem oder zwei Sätzen. Inszenieren, wie man einen Film schneidet! Die Türen zum Zuschauerraum stehen vier Stunden lang offen, das ist Teil der Spielanordnung. Frontaltheater fand Bücker in diesem Fall nicht sinnvoll: Es herrscht schließlich der Ausnahmezustand im "Götz von Berlichingen", innerlich ebenso wie äußerlich. Darum sitzen wir nun mittendrin, das Drama der Freiheit des Stürmers und Drängers Goethe wird nicht irgendwo gespielt, sondern mitten unter uns.

Was als Erstes auffällt, ist der Chor, der wie eine Mischung aus griechischem Schicksalskommentar, Landfrauen-Gesangstherapie und Agitprop-Erinnerung daherkommt – immer mit dem passenden Lied im Gepäck. Dieser Chor gehört zu Bückers Konzept des "Totaltheaters". Ein Chor ist vielstimmig, er zeigt die Masse als Subjekt, das fand er gerade für die Zeit des Bauernkriegs wesentlich. In Massen gärt etwas Revolutionäres, besonders dann, wenn sie zu singen beginnen! Aber ist die Masse nicht auch etwas sehr Unberechenbares, siehe Elias Canettis Analyse in "Masse und Macht"? Genau, sagt Bücker, aus der Fluchtmasse könne plötzlich eine schweigende Masse werden, auch eine Pogrom- oder Panikmasse.

Nach zwei Stunden hält Götz seine Rede über das Faustrecht. Felix Defèr ist ein Götz wie aus einer Motorradgang, wo man sich Bierbüchsen und grobe Sprüche zuwirft. Kein Hort hohen Idealismus, sondern ein Abgrund vorzeitig begrabener Energien, die wieder an die Oberfläche drängen. Derer trägt – ebenso wie Sebastian Müller-Stahl, der Götzens früheren Freund und Gegenspieler Weislingen spielt - diesen langen Abend, der einem doch nie lang wird. Das liegt an der Intensität, die hier – ein Wunder geradezu – von Stunde zu Stunde nicht ab-, sondern zunimmt! Was ist Freiheit ohne Stärke des Charakters, ohne Willen, den Preis für sie zu bezahlen?!

Das alles gehört zu Defèrs freier Rede über Götzens eiserne Faust und das Recht, das er sich verschafft. Götz, der Selbsthelfer in höchster Not! Diese Ansprache ans Publikum trägt "Volksfeind"-Züge. Kein Agitator spricht hier und kein Entertainer, aber wer dann? Ein Bekenner, der sich immer wieder in Abstand zur eigenen Botschaft bringt; daher die Brechungen, der Bumerang der Dialektik, der jedes Argument in den Mund, der es ausspricht, zurückkehren lässt, aber nun unter negativem Vorzeichen.

Der Einzelne als widerständiges Sandkorn im Getriebe, mit dem keiner rechnet, der aber das Getriebe zum Knirschen oder sogar zum Stillstand bringt. Anarchie als Nullpunkt einer neuen Ordnung? Manchmal ist solch gärender Stillstand zu wünschen: Denkpause für alle Beteiligten, Chance zur Korrektur.

»Auf Gnad und Ungnad!« - Goethes »Götz« in Dessau, Wutbürger von heute und die Krux der Kompromisse, neues deutschland, 28.04.2015

von Hans-Dieter Schütt

Deutsche Einheit Ost: Du sitzt in Dessau und denkst Rostock. Beide Theater-Städte sind derzeit so überall, wie es die Kali-Kampfstätte Bischofferode war. War! Der Staub, der aufgewirbelt wird, bleibt gewöhnlich Herr der Lage: Er setzt sich durch, indem er sich auf alles - legt. Und so wird sich alles Wutschaffende wohl leider friedhöflich beruhigen, wird im Regelwerk der Bürokratien ersticken. Am Anhaltischen Theater Dessau etwa muss Intendant André Bücker gehen - um diesen Kasus herum: das übliche Gezerre um Etats, Kürzungen. Kulturpolitiklosigkeit. Missachtung. Politikkulturlosigkeit.

Kurz vor Schluss inszenierte Bücker nun »Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand« von Johann Wolfgang von Goethe, »ein deutsches Lied von der Freiheit«. Purer Sturm und Drang. Wie ein Vor-Spiel zu Schillers »Räubern«. Eisenfaustkämpfer Götz, solidaritätsnah den aufständischen Bauern und noch näher dem ehrlichen, offenen, regeltreuen mittelalterlichen Faust- und Fehderecht - er trifft aufs keimende bürgerliche Recht. Standesrecht. Abstrakt. Manipulierbar. Gummizäh auslegbar. Berlichingen - B wie Bohley: Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat. Der Rechtsstaat ist ein Fortschritt, unbedingt. Aber auch er lehrt, was Fortschritt immer war, in jeder Gesellschaft: im Fortschreiten ein Wegdriften. Von Werten, Tugenden. Und also muss Götz in vielen, vielen Szenen aus Schlacht und Schlingelei - untergehen.

Die Dessauer Inszenierung hat ihre ganz eigene Dialektik - von Hölderlin gedichtet: »Wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch.« Dies Rettende, für jeweils vier Aufführungsstunden: eine mitreißende Kraft, aus des Ensembles Notwehr geboren; im Abschied ein glühender Überschuss; ja, wo das Gift der herrschenden Politik an die Wurzel geht, da blüht noch einmal die Krone grün wie nie. Fast zynisch, was Krisen bewirken. »Und alle Welt hofft«, heißt’s im »Götz«. Vergebens, aber hier doch sehenswert. Sehenswert, weil die Inszenierung, weil das Rauschfest dieser Truppe zwar alle Wut-Literatur dieser Welt zitierend zusammenholt, von Büchner bis Pussy Riot, von Luther bis Ensslin, von Sophokles bis Camus, aber: An keinem Punkt dieser Intensitäten und Improvisationen wird das eigene Theaterschicksal zum leiernden, liturgischen, launigen, gar larmoyanten Thema erhoben. Man macht kein Theater, man spielt Theater. Verdammt flammiges, pathetisch flächenfressendes, genussvoll expressives Theater.

Was zu sagen ist: Lass es krachen! Das hatte schon auf dem Vorplatz des Theaters begonnen, mit brennenden Fässern, Kanonenschlag und schleimig warnenden Law-and-Order-Reden sogar vom Dach des Hauses. Aber unten auf den Treppen: ketzerisch die Luxemburg - mählich mischt sich das gesamte Spielensemble unter die Zuschauer. Gaukelei, die den Geist der kommenden Veranstaltung ins Gewusel der Leute pustet und prustet.

Die Aufführung weitet eine Wunde: Träumende Sehnsucht treibt den Menschen in den Aufruhr - einsichtiger Verstand treibt ihn dort wieder weg. Bücker fährt sie alle auf, die wir kennen, die Bühne ist dafür weit und groß und leer genug: Da ist der unideologische Eisengeist, da sind sympathische Trotz-alledem-Typen, da ist der eingefleischte Blutbad-Pädagoge, da ist der Mann des Handschlags, und da ist natürlich auch der Animator des Tot- und Kahlschlags. Ein irrwitziges Energiezittern geht durch die Personage. Vom Rang meldet sich der Opernchor: samten, stürmisch, körnig, kunstvoll. Aufputsch, Aufwind. Und deftige Zwischenrufe nach unten. Die werden erwidert: »Schnauze da oben!« Das Schlachtfeld: immer auch Showtableau.

Stark, wenn auf der großen Bühne der Mensch allein steht und wirkt. Erst apodiktisch kühn, dann apokalyptisch gepeinigt - und darin erst eigentlich würdevoll. Der Götz des Felix Defèr: jung, sehnig. Großer Junge, draufgängerisch, mit den Elastizitäten eines Turners. Ein Beispiel, dieser Kerl. Immer heißt es ja, man möge bei der Betrachtung von Verhaltensweisen den Charakter der jeweiligen Zeit betrachten, alles aus dieser Zeit heraus bewerten (auch die DDR lässt grüßen). Das sagen am innigsten die Feigen. Denn Zeit, was ist das? Es sind Menschen, und immer haben Einzelne, im Augenschein der gleichen Konflikte, gar in gleichem Geiste, doch mutiger, erschütterbarer gehandelt als die Menge, waren weniger säuselnd sittsam und waren nicht so lauernd listig wie die Karrieristen - die nie von Karriere, sondern von Einsicht und Pflicht haspelten (aber es gibt auch einen Karrierismus der idealgefütterten Mitläuferschaft). Dessaus Götz steht und widersteht und wundert sich irgendwann, warum er so alleine steht.

Mario Klischies als Georg, der Getreue des Götz: hier ein Behinderter, sprachverzögert, aber trommelstockpräzise. Berührend. Der Bauernkrieg: Aktion Mensch. Sebastian Müller Stahl gibt den Weislingen, auch ein Vertrauter von Götz und am Ende doch der Weg- und Überläufer, der Schinder, der Wankende und Weiche - bestechend einfühlsam diese Studie der Schwäche, antikisch hart und heulenswert dann: Weislingens Sterben. Aufschwebt hinter ihm Maria (in Stille doch so wild: Katja Sieder), die Schwester von Götz, geflügelt, Heiner Müllers Engel der Verzweiflung: »Ich bin der, der sein wird. Ich bin das Messer, mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt.« Und: »Meine Hoffnung ist die erste Schlacht.« Die erste Schlacht nach der jeweils letzten. Schön dann, wieder von Siegen zu träumen.

Adelheid, eine der Frauen im Stück (Illi Oehlmann: dämonisch, abgefeimt), wird mit Rilke auf den Lippen sterben: Schönheit? Nur immer der Anfang des nächsten Schreckens. Denn Verführung (ob durch schöne Märchen oder schöne Mädchen, ob durch schöne Weltentwürfe oder schöne Weiber) ist immer auch Entführung - und mancher Verführte sieht sein Ich nie wieder. War so, ist so, bleibt so. Zum Beweis dessen kommt verwegene, verwirrte, verwahrloste, verarmte Masse auf die Bühne. Da eine FDJ-Fahne, da das Regenbogenbanner, dort ein SA-Mann, da drüben der Rotarmist, und unter Schwarz-Rot-Gold werden die Schwerter gezückt wie die Gewehre in Anschlag gebracht. Alle Epochen gleichsam in einer, das ist immer so falsch wie wahr. Vor allem wahr.

Starkes Theater der Verzweiflung: Die Welt ist grausamer geworden in ihrer Gelassenheit, Selektion zu ertragen, Arm und Reich, Wert und scheinbaren Unwert. Und diejenigen, die selektieren, sind raffinierter geworden, Selektion zu vertuschen. Angekurbelt wird so die Wutbürgerproduktion. Die Ratlosigkeit auch. Wir sehen diesen Kaisertreuen und Fürstenhasser Götz, sehen diesen Rebellen und wissen um uns selber: Wir sind Koalitions- und Konsenskünstler. Der Kompromiss ist unsere Schule der Freiheit - aber: Kompromissfähigkeit zerstört auch, und zwar die Entschiedenheit, einen Zustand nicht hinzunehmen und daraus den Mut zu entwickeln, ein radikales Zeichen zu setzen. Menschenrechte? Unbedingt! Aber was ist mit den Rechten eines Gefühlshaushalts, der die Wut herauslässt, statt ihn in einen Diskurs zu kanalisieren? Der das Feuer anzündet, statt es als Lichterkette aufglimmen zu lassen?

Du siehst diesen Götz, du begreifst sein Scheitern, wie du Kohlhaas’ Scheitern jedes Mal neu begreifst - solche Gestalten bleiben ungebetene Abgesandte unseres Unbewussten. Das just dort hassen, zürnen, toben will, wo die Vernunft immer wieder zur Mäßigung treibt. Verfluchen wir nicht manchmal das, was sich in uns Vernunft nennt, in Wahrheit aber Elend ist? Im Stück das letzte Wort über Götz: »Wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt.« Übersetzt ins Heute: Ein Land, in dem man sich nach solchen Leuten sehnt, befindet sich vielleicht schon mitten im Verfall.

»Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Mit wem redet Ihr?« So steht das selbstbewusste Wort des Götz groß an der Theaterfassade. Das gefällt, klar. Denn in Gedanken lügen wir uns gern Mut und Sprengkraft an - die Körper aber sagen die Wahrheit: Sie folgen den Regeln. Reinigung, umstürzlerische Konsequenz? Ja, schön wär’s und nötig auch, und bleibt doch nur ein Sündenspiel für den Geist. Mehr nicht. Wieder draußen aus dem Theater (dessen Saaltüren während des Spiels ständig offen standen), erkennen wir jenes Blutrot, das aus den Geköpften der Story sprang, in jedem Ampelschein. Aber halten doch brav an. Und morgen auch wieder den Mund?

Nächste Vorstellungen: 3., 29. Mai, 20. Juni

Intendant André Bücker verabschiedet sich von Dessau mit einer fulminanten Inszenierung von Goethes Sturm-und-Drang-Klassiker, livekritik.de, 15.4.2015

von Stefan Bock

Freiheit gibt es nur im Jenseits, die Welt aber ist ein Gefängnis. Das ist die resignierte Einsicht des Götz von Berlichingen am Ende des gleichnamigen Sturm-und-Drang-Dramas von Johann Wolfgang von Goethe. Titelheld Götz, den man eigentlich mit einem wesentlich kämpferischen Spruch in Verbindung bringt, liegt hier aber bereits zerstört am Boden. Der Mann des Faustrechts „mit der eisernen Hand“ muss sich der staatlichen Gewalt des Kaisers und seiner Gerichte nach langem Kampf beugen. Und gekämpft wird viel in André Bückers fast vier Stunden dauernder Inszenierung, mit der sich der Intendant nach sechs Jahren vom Anhaltinischen Theater Dessau verabschiedet. Auch Bücker hat es die Landespolitik nicht leicht gemacht. Er hat den zuständigen Machthabern getrotzt und gegen beschlossene Etatkürzungen und drohende Spartenschließungen protestiert. Schließlich hat die Stadt in vorauseilendem Gehorsam gegenüber Stephan Dorgerloh (seines Zeichens Kulturminister des Landes Sachsen-Anhalt) dem unbotmäßigen Intendanten den Vertrag nicht verlängert. Wenn man an die momentanen Vorgänge um die Entlassung von Sewan Latchinian in Rostock oder die Querelen um Claus Peymann und Frank Castorf in Berlin denkt - ein weiterer Beweis, wie verbissen mittlerweile der Kampf um die Kulturhoheit in deutschen Landen geführt wird.

Nun, so könnte man meinen, schlägt der geschasste Intendant Bücker noch mal zurück und streckt den selbstherrlichen Landesvätern die gereckte Faust entgegen. Doch geht es dem Trotz zum Trotze in seiner Inszenierung des Götz noch um so einiges mehr. Und nicht etwa einfach nur mal eben um ein Glas Sekt oder Selters. Hier geht’s tatsächlich um nichts weniger als knallharte Überzeugungen. Dazu trinkt der ehrliche, streitlustige Mann sein Bier, was hier schon zu Anfang in rauen Mengen aus Blechdosen strömt, während die saturierten Würdenträger am Bamberger Bischoffs-Hof Sekt aus der Flasche schlürfen. Bückers Sicht auf die Freiheit des kleinen Mannes und die feige Staatsmacht, die, um das aufmüpfige Rittergeschlecht zur Raison zu bringen, intrigiert und nach Gutdünken Gesetze erlässt, ist dann aber gottlob doch nicht ganz so vereinfachend. Der Regisseur setzt Goethes Skepsis gegen Recht und Staatsgewalt sowie seine Sympathie für den unbeugsamen Ritter Götz eine ganze Reihe bekannter Stimmen aus der deutschen Zeitgeschichte entgegen. Goethes Stück-Fassung von 1773 hat Bücker u.a. Texte von Friedrich Hölderlin, Georg Büchner, Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht, Gudrun Ensslin oder der russischen Punk-Band Pussy Riot untergemischt.

Diese Fremdtexte, die hier meist direkt aus den Szenen heraus den handelnden Personen in den Mund gelegt werden, sollen den Zuschauer natürlich auch verwirren und im besten Falle zum Nachdenken anregen. Bereits vor dem Beginn der Aufführung findet auf dem Theatervorplatz ein kleines Vorspiel mit historischen Figuren statt, die quer aus verschiedenstem Freiheits- und Unterdrückungsvokabular vortragen. So spricht etwa Gerald Fiedler hoch vom Dach des trutzigen Dessauer Theaterbaus als Politiker im breitesten anhaltinischen Dialekt Worte des Königs Kreon aus Sophokles‘ Antigone. Rosa Luxemburgs berühmte und gern zitierte Feststellung von der Freiheit der Andersdenkenden aus den Breslauer Gefängnismanuskripten und „Die zwölf Artikel“ des deutschen Bauernkrieges sind zu hören, wie auch der Reformator Martin Luther, der gegen die aufständischen Bauern in Thüringen unter Thomas Müntzer wettert. Eine regionale Parallele zu den Kämpfen im Fränkischen, bei denen die umherziehenden Bauernhaufen Götz für kurze Zeit als Hauptmann gewinnen konnten. Was natürlich auch Goethes Drama und Bückers Inszenierung auf der Dessauer Bühne thematisieren.

Götz (Felix Defèr) ist der scheinbar Gesetzlose mit Rockermanieren und einem ausgeprägtem Sinn für Gerechtigkeit. Außen raue Schale, im Inneren ein guter Kern. Die ehrenhaften Fehderitter waren aber damals schon eine aussterbende Spezies. Bücker inszeniert seinen Ritter dann auch als anachronistisches Urvehikel, aber nicht von der traurigen Art, sondern als Westerner im langen Ledermantel. Quentin Tarantinos Django Unchained lässt grüßen. Der Kaiser (Stephan Korves), den Götz neben Gott als einzige Instanz gelten lässt, ist hier selbst ein abgetakelter, fränkisch parlierender Ritter, der einen Sarg hinter sich her zieht. Maximilian I. hatte tatsächlich auf Reisen sein letztes Möbel immer dabei.

Nach der Pause, in der man aufgefordert war, neben dem Essen einer Wurst auch mal über seine Freiheit nachzudenken, steht Götz-Darsteller Defèr mit seinem Schwert an der Rampe und redet sich frei von der Leber weg regelrecht in Rage. Über die Ruhelosigkeit unserer Gesellschaft, Doktortiteln von Politikern und platzenden Spekulationsblasen kommt er schließlich zum Zorn als Gestaltungsmittel der Gesellschaft (Thomas von Aquin) und den Ausführungen des Historikers und Juristen Justus Möser, der 1770 das alte Faustrecht gegenüber der absolutistischen Fürstenherrschaft glorifizierte. Auch eine Inspiration Goethes für seinen Götz. Der Wutbürger in Aktion gegen eine nach Gutdünken regierende Obrigkeit. Hier funktioniert die Interaktion mit dem Publikum ganz unmittelbar. Dass man mit solchen Parolen heute schnell auch am Pegida-Stammtisch landen kann, dürfte fast jedem im Saal klar sein. Defèrs Monolog stellt eine Art Knackpunkt in Bückers Inszenierung dar, genau wie die Entscheidung Götz‘ Frau Elisabeth (Ines Schiller) als Gudrun Ensslin auftreten zu lassen. „Entweder Schwein oder Mensch ... Entweder Problem oder Lösung. Dazwischen gibt es nichts.“ Die Proklamation der RAF für den „Kampf bis zum Tod“.

Gespielt wird dann auch mit vollem Einsatz. Intendant Bücker bietet noch mal sein ganzes Ensemble auf. Neben den zuvor genannten sind das vor allem Mario Klischies (Georg), Gerald Fiedler (Lerse), Dirk Greis (von Selbitz) und Patrick Wudtke (von Sickingen) als Götz‘ Getreue sowie in vielen weiteren Rollen. Die Gegenseite ist u.a. durch Illi Oehlmann als verführerische Adelheid von Walldorf vertreten, der erst Goetz‘ Freund Weislingen (Sebastian Müller-Stahl) erliegt, bevor sie noch dessen Burschen Franz (Patrick Rupar) betört. Beim großen Sterben ist dann viel von Engeln die Rede. Adelheid stirbt zu Rilkes Ein jeder Engel ist schrecklich, und dem vergifteten Weislingen erscheint seine einstige Liebe und Götz‘ Schwester Maria (Katja Siedler) als Heiner Müllers Engel der Verzweiflung. Dazu darf es mit Rammsteins "Engel" auch noch mal ordentlich pathetisch werden.

André Bücker hat seinen Abend nicht von ungefähr im Untertitel auch „Ein deutsches Lied von der Freiheit“ genannt. Der Dessauer Opernchor intoniert meist vom Rang herunter entsprechendes deutsches Liedgut wie Schenkendorfs "Freiheit die ich meine" aus den Napoleonischen Befreiungskriegen, Freiligraths "Trotz alledem!" aus dem Vormärz oder "Steh auf, wenn du am Boden bist" von den Toten Hosen. Es erschallt der kleine Trompeter, und die Haufen formieren sich auf der Bühne unter den verschiedensten Fahnen. Der Hinweis auf die Freiheit als Ideologie liegt nahe. Die Geschichte des Reichsritters Götz von Berlichingen, der seine persönliche Freiheit durch die Fürsten und seinen Widersacher den Bischoff von Bamberg eingeschränkt sieht, ist hier eingebettet in eine übergreifende, zwingende Frage nach der allgemeinen Freiheit des Menschen. Politischer und fordernder war Theater schon lange nicht mehr.

Vom hohen Stil der Kunst unter den Deutschen, Süddeutsche Zeitung, 24.03.2015

André Bücker gibt mit Goethes „Götz von Berlichingen“ seinen Abschied von Dessau: Ein krisengebeuteltes Theater zeigt die Faust

von Gustav Seibt

…Während der vierstündigen Aufführung bleiben die Türen des Zuschauerraums offen, das Spiel bezieht die Sitzreihen und den Rang ein, es wird gekämpft und gebrüllt wie bei den alten Rittern, die als heutige Rockerbande ihr plausibles Kostüm haben. Das ist hier kein Getue, sondern eine gelungene Wiederherstellung des Sprach-Schocks, den Goethes Stück im späten Rokoko bedeutet haben muss: Entgrenzung des Schauplatzes und der Sprache. Die Handlung entsteht aus einer Wirtshausschlägerei, Goethes Text aber windet sich fast unmerklich hervor aus dem Geflapse der Schauspieler, die das auf die Sitze strömende Publikum anreden – ein wunderbarer Effekt.…

Den ganzen Text können Sie im Rahmen des neuen Angebotes „SZ plus“ lesen.

Zum Abschied ein Western, Mitteldeutsche Zeitung, 23.3.2015

von Andreas Montag
Der scheidende Generalintendant André Bücker liefert einen gelungenen „Götz von Berlichingen“ ab und kann erhobenen Hauptes gehen.

Was für eine Vorlage! Und welche Leistung, sie nicht in eigener Sache wohlfeil zu verwandeln. Gemeint ist der überaus gelungene Premierenabend, mit dem sich André Bücker, der Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau, jetzt von seinem Publikum und seinem Ensemble verabschiedet hat. Johann Wolfgang von Goethes Drama „Götz von Berlichingen“ gab es, ein nicht gerade häufig gespieltes Werk und eigentlich ein klassischer Western. Allerdings war dieses Genre um Helden und Schurken, Liebe, Treue, Verrat und Tod zu Goethes Zeiten noch gar nicht erfunden.

Allein: Die Struktur hat der spätere Geheimrat schon angelegt. Sein Stück wird vielen Besuchern allerdings gar nicht mehr präsent gewesen sein - bis auf jenes berühmte, deftige Wort, das der Titelheld einem hohen Herrn auszurichten bittet: Der könne ihn „im Arsche lecken“.

Damit wäre auch der Konflikt beschrieben, der im Dessauer Fall eben ein doppelter ist und deshalb nach genüsslichem Ausleben auf der Bühne förmlich zu verlangen schien. Goethes Götz ist, ähnlich seinem historischen Vorbild, ein Reichsritter, ein anarchischer Held, der sich nur Gott und Kaiser verpflichtet sieht, nicht aber den adligen und geistlichen Bonzen, die ihre Macht ausspielen wollen.

Bücker hingegen, dem rebellischen Theaterleiter, war keine Vertragsverlängerung angeboten worden. Und dass eine erneute Bewerbung um den Intendantenposten wenig aussichtsreich gewesen wäre, konnte man sich angesichts des zerschnittenen Tischtuchs zwischen ihm und den Landesfürsten an den Fingern einer Hand abzählen. Auch Bücker selber, der mit Pathos und Polemik gegen die Magdeburger Sparbeschlüsse gekämpft hatte, sah das so und verzichtete auf eine Kandidatur. Nun geht er weg und dies ist wirklich ein Verlust - ohne dem Nachfolger Johannes Weigand zu nahe treten zu wollen, der sich schon seit geraumer Zeit in Dessau warmläuft für seinen neuen Job.

André Bücker hat bei seiner „Götz“-Inszenierung jedenfalls die Größe besessen, seinem Ensemble die Chance zu geben, einen gut abgehangenen Klassiker derart erfrischt auf die riesige, überwiegend kahle Bühne zu bringen, dass man sich über fünf Stunden hinweg niemals langweilt. So lange dauert das Spektakel, zählt man das Vorspiel auf dem Theaterplatz mit, wo ein Wildschwein am Spieß schmurgelt und portionsweise unter die Leute kommt, während Schauspieler auf das Kommende einstimmen.

Das Textangebot reicht von Forderungen rebellischer Bauern bis zu den legendären Worten der Kommunistin Rosa Luxemburg, die Freiheit sei immer die Freiheit der Andersdenkenden. „Ein deutsches Lied von der Freiheit“ ist die Dessauer Inszenierung ja nicht von ungefähr untertitelt, darum geht es schließlich dem Ritter mit der eisernen Hand. Die soll Götz von Berlichingen tatsächlich getragen haben, weil ihm seine Rechte im Kampf abhanden gekommen war. Felix Defèr, der in Dessau den Götz mit sehr viel Konzentration, aber bei allem Ernst auch mit jungenhaftem Charme gibt, sinniert einmal darüber, wie durchaus unbequem der eiserne Ersatz im Leben wie im Spiel ist.

Überhaupt haben der Regisseur und seine Darstellerriege alles versucht, ihr Publikum mitzunehmen, nicht zuletzt das nicht nur heiter gemeinte Geplänkel eingangs wie ausgangs der Pause zeugt davon. Da gibt es schon mal die Empfehlung, sich im Theaterrestaurant bei Bockwurst und Kartoffelsalat ein paar Gedanken über die Freiheit zu machen. Hier wird auf fest verwurzelten Traditionen in Dessau verwiesen, die Pausenwurst gehört zum Stück wie das Gläschen Sekt - die Anspielung darauf passt besser als der etwas pathetisch geratene Aufgalopp vor dem Hause. Aber geschenkt, die Inszenierung packt einen an, kein Gedanke flieht mehr hin zu müßigen Überlegungen, an welcher Stelle Bücker womöglich mehr sich selbst inszeniert hätte. Zwar ist er von den Herren des Landes nicht in Acht und Bann geschlagen worden, wie es Götz durch des Kaisers Befehl zeitweilig erging, aber seine Grenzen hat man ihm schon gezeigt.

Was am Dessauer „Götz“ besticht, ist die klare Hinführung auf den Punkt: Hier der Ritter, der einer aussterbenden Spezies angehört, dort die Fürsten und Bischöfe, denen die freiheitliche (freilich zuweilen auch räuberische) Art von Götz und Genossen nicht in den Streifen passt. Sie wollen das Gesetz über alles stellen - und das Gesetz sind sie. Wer dagegen ist, wird sich doch anpassen müssen. Oder gebrochen werden. Wer will, kann prüfen, wie zeitnah uns das ist.

Die verzweifelten Bauern jedenfalls haben mit ihrem Aufstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts schlechte Karten - auch Götz, den sie zum Hauptmann wählen (oder als Geisel nehmen?) kann ihrer Sache nicht zum Siege verhelfen.

Manchmal geht es es ein bisschen bunt zu, was die Zuweisungen betrifft, die Rote Armee Fraktion gespenstert durch die Aufführung, rote Fahnen, auch sowjetische und die der FDJ flattern in den Händen der Damen und Herren vom Opernchor, der seine Sache im Übrigen ebenso famos macht wie die ganze Schauspieltruppe.

Voran und stellvertretend für alle müssen Felix Defèr und sein ebenbürtiger Kontrahent, der wankelmütige Weislingen (Sebastian Müller-Stahl) genannt werden, Götzens Freund, der schließlich zum Verräter wird und auf die Seite der Macht überläuft. Sterben müssen sie am Ende beide. Bücker findet große, ruhige Bilder zumal nach der Pause, er vertraut seinen Akteuren und sie machen ihre Sache wunderbar in diesem riesigen, leeren Bühnenraum. Dessen Wucht, lässt man sie denn „mitspielen“, verleiht der Inszenierung eine Höhe, die szenisch und textlich allein schwer zu erobern wäre.

Zum langen, herzlichen Schlussapplaus sind viele der Zuschauer aufgestanden: Das war ein Ereignis, wie man es nicht alle Tage sieht und Maßstäbe für Kommendes setzt. Und gar kein Vergleich zu Bückers Einstieg vor sechs Jahren, als der „Nathan“ noch recht steif daherkam. „Wir haben uns alle weiterentwickelt seitdem“, sagt Bücker nach der Premiere, die Freude steht ihm ins Gesicht geschrieben. Mit Stolz wird er nun gehen - und fast ohne Bitterkeit. (mz)

„Er kann mich im Arsche lecken!“ am Theater Dessau, mdr figaro, 21.3.2015
Steh auf, wenn du am Boden bist, nachtkritik.de, 21.3.2015

von Wolfgang Behrens Dessau, 20. März 2015. In großen Lettern prangt es an der Fassade des Anhaltischen Theaters: "Mich ergeben! Auf Gnad & Ungnad! Mit wem redet Ihr?" Man weiß natürlich, dass dies ein Zitat aus dem "Götz von Berlichingen" ist – es sind sogar die einleitenden Worte zu dem "Götz"-Zitat –, doch man kommt nicht umhin, es auf André Bücker, den Noch-Intendanten des Dessauer Theaters, zu beziehen. Was hat dieser Mann um sein von den Unbilden der Kulturpolitik gebeuteltes Theater gekämpft, bis man sich seiner nur noch zu erwehren vermochte, indem man seinen Vertrag nicht verlängerte. Ergeben aber hätte er sich nie, ha! Mit wem redet Ihr? Götz von Berlichingen und Intendant Bücker, zwei Unbeugsame Nun hat Bücker zu seiner Abschiedsinszenierung noch einmal groß ausgeholt. Und auch wenn Chefdramaturg Andreas Hillger nicht müde wird zu betonen, dass der "Götz" schon angesetzt war, noch ehe sich das Ende von Bückers Intendanz abzeichnete, so wirkt es doch wie eine trotzige, eine gleichsam autobiographische Wahl: Bücker führt einen Unbeugsamen vor, der es – gleich ihm – in Fehd und Handlungen mit der Diplomatie nicht allzu genau nahm und stattdessen lieber sehenden Auges, aber aufrecht in den Untergang galoppierte. Ob Bücker für sich und das Theater hätte mehr rausschlagen können, wenn er sich ab und an etwas konzilianter gegeben hätte – man wird es nie erfahren. Sein Gesicht jedenfalls hat er stets gewahrt.
Glücklicherweise aber haben Bücker und seine Mannschaft der Versuchung widerstanden, aus dem "Götz" eine Selbstbespiegelung des Theaterkampfes der vergangenen Jahre zu machen (die hat ja vor einem guten Jahr in The Beggar's Opera bereits ausgiebig stattgefunden). Das Porträt des Intendanten als Ritter mit der eisernen Hand fällt also aus. Stattdessen spannt das Haus hier noch einmal all seine Kräfte zusammen, um zu zeigen, wie man auch mit knapp bemessenen Stadttheatermitteln ins Große zielen kann. Und deshalb ist nicht nur das gesamte 12-köpfige Schauspielensemble (+ Leitungsreferent + Öffentlichkeitsarbeiter) im Einsatz, sondern auch gleich noch der Opernchor, der an diesem Abend wohl ein größeres Pensum absolviert als in den meisten Musiktheaterproduktionen.
Klotzen, nicht kleckern
Es wird jedenfalls geklotzt, nicht gekleckert. Bücker hat die riesige Bühne des großen Hauses komplett leergeräumt und auch den Rang fürs Publikum sperren lassen, zudem bleiben durchgängig die Saaltüren geöffnet – die Zuschauer sehen sich mit einer Surround-Bespielung konfrontiert. Für die Kampfszenen hat man sich der Dienste Klaus Figges versichert, des Großmeisters der Fechtchoreographie, und entsprechend klirren die Schwerter, dass es einem bange wird. Und weil Goethe allein nicht reicht, um Freiheit und Recht auf Widerstand zu beglaubigen, gibt es noch jede Menge Fremdtext-Implantate von Martin Luther bis zu RAF-Manifesten, derweil der Chor, von Trompete, Flöte und Trommeln militärisch stimmungsvoll begleitet, klangschön deutsche Freiheitslieder zum Besten gibt.
Was durchaus Effekt macht: Steh auf, wenn du am Boden bist, auch so ein Widerstandslied – freilich kein historisches, sondern eines von den Toten Hosen –, schmettern die Chorsänger*innen einmal und marschieren in Landfrauen-Kitteln und Alltagsklamotten, Fahnen der Diversität schwenkend, an die Rampe, während Götz auf dem Rang die Anführer-Pose einnimmt, eine mächtige Regenbogenflagge schwingend. Da möchte man elektrisiert aufspringen und mitsingen: "Halt dein Gesicht einfach gegen den Wind, egal, wie dunkel die Wolken über dir sind ..."
Dosenbier gegen Sekt
Bücker erzählt an diesem Abend die Geschichte der kleinen Revoluzzer gegen die Zyniker der Macht. Die verschworene Truppe um Götz (Felix Defèr spielt ihn ungemein energiegeladen als jugendlich virilen Rebellen) trinkt ihr Bier aus Dosen und geriert sich kumpelhaft und grölend wie eine Gruppe Motorrad-Rocker oder Fußball-Fans; am Bamberger Bischofshof hingegen säuft man, während man Ränke schmiedet, den Sekt aus der Flasche: Dekadent ist's bei den großen Herren!
Was man Bücker sicher vorwerfen kann, ist mangelnde Einfallsökonomie. Vor allem vor der Pause wirkt es manchmal so, als sei jedes körpersprachliche Angebot der Schauspieler und jede noch so platte Anreicherung des Goethe-Textes durch Gegenwartsjargon ("Mach 'ne Biege!", "Willst du mich verarschen?" etc.) ungeprüft in die Aufführung gewandert. Andererseits entwickelt diese ungehemmte Zeigelust der Darsteller auch ihren ganz eigenen Drive – zumal Bücker dann im zweiten Teil die Kurve zu immer konzentrierteren und strengeren Arrangements nimmt. Spätestens ab den Bauernkriegs-Szenen entfaltet die leere Bühne zunehmend ihre Kraft – und die langsam in die Vereinsamung driftenden Helden müssen sich nun in diesem Riesenraum gegen die immer kältere, immer fahlere Ausleuchtung, gegen die Sprinkleranlage und gegen leise wummernde Stromgitarren-Klänge behaupten.
Wachsendes Pathos
Bücker baut hier einfache, aber umso wuchtigere Bilder: Wenn etwa Götzens Jugendfreund und Gegenspieler Weislingen (der fabelhaft wankelmütige Sebastian Müller-Stahl) seinen Todeskampf austrägt, steigt seine frühere Liebe Marie (Katja Sieder mit Gudrun-Ensslin-Charme), mit weißen Flügeln angetan, als Heiner Müllers Engel der Verzweiflung in die Höhe: "Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen." Längst hat sich die apokalyptische Emphase der anfangs so lebens- und mätzchenprallen Aufführung bemächtigt – ja, es wird geklotzt, auch mit Pathos. Am Ende der fast vier Stunden steht der Saal auf, nicht geschlossen, doch zu zwei Dritteln bestimmt. Es gilt eine stupende Ensembleleistung zu feiern und einen Intendanten, der nun erhobenen Hauptes von Dessau scheiden kann. Auf Gnad und Ungnad.


Und die Zuschauer mittendrin, Mitteldeutsche Zeitung, 19.3.2015 (Interview)

Generalintendant André Bücker fährt Großes auf für Goethes "Götz von Berlichingen". Die Schauspielinszenierung ist seine letzte am Anhaltischen Theater.
DESSAU/MZ- Nach sechs Jahren als Generalintendant inszeniert André Bücker sein letztes Theaterstück am Anhaltischen Theater in Dessau mit großem Aufwand. MZ-Mitarbeiterin Ute König hat sich mit ihm über die Besonderheiten seiner Version von Goethes "Götz von Berlichingen" unterhalten.

MZ: Sie fahren noch einmal Großes auf, so zum Abschluss.
Bücker: Ja, das ist wirklich aufwendiger als so manche große Oper. Es ist ein Riesenstück: 72 Figuren, 53 Szenen. Dazu kommen noch montierte Sachen, also Lieder mit dem Opernchor und noch einige andere Texte. Hinzu kommt, dass das Arbeiten im Schauspiel ja ganz anders ist als bei der Oper, da einem das Zeitmaß fehlt. Bei der Oper läuft die Musik als Timeline. Beim Schauspiel muss man sich den Rhythmus, in dem man sich bewegt, selber erfinden.

MZ: "Götz von Berlichingen" ist an sich schon ein riesiges Werk. Wie bekommt man das heutzutage bühnentauglich?
Bücker: Bühnentauglich ist es. Der gute Herr Goethe wusste schon, was er tat. Es gilt als das erste Drama des Sturm und Drang und ist noch relativ roh, aber natürlich auch wahnsinnig ausführlich. Bei den Vorbereitungen habe ich entschieden, keine radikalen Schnitte zu machen, sondern nur Kürzungen vorzunehmen, so dass alle Szenen erhalten bleiben. Manchmal nur sehr kurz, aber sie bleiben. Das ist bei "Götz" auch wichtig, weil vieles sprachlich, aber auch inhaltlich nicht mehr zu unserer Lebenswelt gehört.

MZ: Sprachlich bleiben Sie aber nahe am Original, obwohl dies ungewohnt ist für das moderne Ohr.
Bücker: Ich glaube schon, dass man die Sprache versteht. Man kann Goethes Texte so sprechen, als wären sie aktuell. Es geht um die Haltung des Schauspielers, die er gegenüber dem Text einnimmt. Außerdem hat die alte Sprache eine große poetische Kraft. Aber klar, wer weiß heute noch, was es bedeutet, "Urfehde" zu schwören. Durch die Inszenierung muss man dafür sorgen, dass man trotzdem begreift, was damit gemeint ist. Mit heutiger Alltagssprache könnte das ja jeder. Es gibt aber auch kurze Brüche in der Inszenierung, wo es auch mal weg geht vom Goethe-Text.

MZ: Trotz der Größe des Stücks beziehen sie in Ihre "Götz"-Inszenierung das ganze Haus mit ein. Das dehnt das Stück doch bestimmt noch weiter aus?
Bücker: Nein, das ist eben genau der Punkt, dass es das nicht ausdehnen darf. Dass man trotzdem sehr straff bleiben muss, eine sehr stringente und auch temporeiche Erzählweise beibehalten muss, damit nichts ausufert. Mir ist auch sehr daran gelegen, dass das Stück einen Rhythmus hat: Am Anfang gibt es eine Exposition. Gerade bei einem solchen Klassiker muss das auch passieren, da man sonst gar nichts mehr kapiert. Im zweiten Teil geht es sowohl bei Goethe als auch in der Inszenierung dem Abgrund zu. Götz verzweifelt, Götz wird verletzt, Götz wird schwermütig und Götz stirbt letztlich. Das verdichtet sich bei Goethe durch einen spannenden Rhythmus in der Szenenfolge. Dieses Tempo muss man halten. Beim "Götz" ist außerdem ganz interessant, dass Goethe sehr filmmäßig gearbeitet hat. Im dritten Akt gibt es eine lange Schlachtszene mit schnellen Wechseln, Schnitten, Sprüngen, Ortswechseln. Das ist im Theater handwerklich eine große Herausforderung.

MZ: Wie versuchen Sie die Herausforderung zu meistern?
Bücker: Wir beziehen eben das ganze Haus mit ein, das heißt es gibt Parallelhandlungen. Es wird auf der Bühne, im Zuschauerraum, auf dem Rang, im Foyer und auch zu Beginn des Stückes auf dem Theatervorplatz gespielt. Es wird also nicht nur vor den Zuschauern etwas passieren, sondern auch neben und über den Zuschauern.

MZ: Der Inhalt ist überraschend aktuell. Es geht um den Freiheitskampf. Inwiefern spiegelt sich ihr persönlicher Kampf des vergangenen Jahres wider?
Bücker: Ach, da kann sich jeder seinen Teil dazu denken. Es wird nicht so sein wie bei "The Beggar's Opera". Es ist auch keine Abrechnung. Es ist ein großer Klassiker, bei dem sich gewisse Parallelen zum Heute, sei es lokal- oder globalpolitisch naturgemäß aufdrängen müssen, das ist klar. Das Stück ist allgemeinpolitisch spannend, wenn es darum geht, wie man in der heutigen Gesellschaft seine individuelle Freiheit behaupten kann. Bei "Götz" passiert das noch aus dem Faustrecht heraus, er ist ein Anhänger einer alten Ordnung. Die neue Ordnung ist alles in Gesetze zu gießen. Heute leben wir auch in einer sehr überreglementierten Welt, aus der viele Leute keinen Ausweg mehr sehen. Outdoor-Sportarten boomen meiner Meinung nach auch so sehr, weil die Leute Freiheit suchen. Man könnte "Götz", was wir nicht tun, auch als absoluten Fundamentalisten lesen. Da wären wir schnell bei Religionskriegen. Es gibt viele Themenkomplexe, die von der Historie durchaus ins Heute hinüberspiegeln. Wir versuchen deshalb nicht in einer völlig aktualisierten Form zu inszenieren, sondern vom historischen Text ausgehend so klar zu erzählen, dass es jeder auf die aktuelle Situation beziehen kann.

MZ: Können Sie mit Ihrem Abschied einen Schlusspunkt unter alle Querelen setzen?
Bücker: Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte. Das Leben geht weiter, aber abgeschlossen ist das Ganze natürlich nur begrenzt. Vielleicht werde ich mich nach meiner aktiven Zeit hier im Haus noch ganz anders einbringen. Wer weiß.

MZ: Wohin müssen die Bücker-Fans in Zukunft reisen?
Bücker: Weiß ich noch nicht. Es ist alles offen. Ende des Jahres habe ich eine Gastinszenierung in Koblenz. Dann gibt es bereits mehrere Gespräche, aber was wirklich wird, das weiß ich noch nicht. Darüber habe ich mir auch noch nicht so viele Gedanken gemacht. Ich war zehn Jahre am Stück Intendant, an zwei schwierigen Häusern, in einem schwierigen Bundesland. Das hat auch ganz schön Kräfte gekostet. Mal schauen.

MZ: Dann genießen Sie jetzt erst einmal Ihre Freiheit?
Bücker: Ja, das werde ich sicherlich tun. Ja.

Von Luther bis Rammstein, Mitteldeutsche Zeitung, 14.03.2015 (Vorbericht)

THEATER André Bückers "Götz von Berlichingen" wird mit Freiheitsliedern erweitert.

von Ute König

"Ich wollte unbedingt Musik mit dabei haben", sagt André Bücker. Und so macht er für seine Abschiedsinszenierung aus Goethes "Götz von Berlichingen" mehr als ein reines Schauspielstück. Der Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau holt den Opernchor unter der Leitung von Chordirektor Helmut Sonne mit ins Boot, der das Stück mit Freiheitsliedern von Luther bis Rammstein ergänzt.

"Unser Metier ist es an sich nicht. Das ist schon Neuland", sagt Helmut Sonne. In seiner 38-jährigen Laufbahn sei der "Götz" etwas, das er in dieser Kombination auch noch nicht erlebt habe, sagt der Chordirektor, der am Ende der Spielzeit das Anhaltische Theater ebenfalls verlassen wird, und zwar für den Ruhestand. Dass die rund 35 Sänger auf der Bühne auch kleine Statistenrollen übernehmen, das ist für einen Opernchor nichts ungewöhnliches. Das Besondere ist der Einsatz in einem Theaterstück - und das, was zu singen sind. Mit Liedern von Martin Luther, von Franz Schubert oder Volksliedern dürften die Sänger noch nahe an ihrem Repertoire sein. Bei Songs von Rammstein oder den Toten Hosen, die der Dramaturg zur musikalischen Ergänzung ausgewählt hat, sieht das schon anders aus.

Abgeschreckt war der Chor trotzdem nicht. "Es ist was anderes, aber auch das machen wir gerne einmal", so Sonne. Schließlich passen die zehn Lieder zur gesamten Inszenierung. Die Hauptsache bei solchen Ergänzungen sei, dass es sich inhaltlich erklären lässt. "Und das tut es", sagt der Chordirektor. Bei allen Liedern handelt es sich um Freiheitslieder, die Goethes Text kommentieren und ergänzen. "Damit wird noch einmal eine andere Ebene betreten", erklärt Sonne.

Damit die Lieder auch technisch passen, wurde der Arrangeur Andres Reukauf, der u. a. bereits für das Scratch-Konzert und das Weihnachtskonzert im vergangenen Jahr für die passenden Noten sorgte, beauftragt, aus ihnen Chorsätze zu machen. Und die werden nun intensiv einstudiert. Eine Chorprobe mit Bücker gab es bereits vor einigen Wochen. In die technische Erarbeitung der Stücke habe der Regisseur nicht direkt eingegriffen. Ihm gehe es um die Interpretation. "Er gibt eher Attribute vor, sagt, wo es beispielsweise zu weich, zu aggressiv ist", so Sonne. Insgesamt verlaufe die Zusammenarbeit bestens. Ihn als Schauspiel-Regisseur zu erleben sei zwar etwas anderes. Von Produktionen wie Richard Wagners "Ring des Nibelungen" kennt man sich aber bereits und konnte sich so gut aufeinander einstellen. Die radikale Kritik sei ausgeblieben. "Ich hatte das Gefühl, er war zufrieden", so Sonne. Wie sich am Ende alles zusammenfindet, davon hat er selbst noch keine Vorstellung. Dafür unterscheide sich diese Produktion zu sehr von allen bisherigen. "Ich lasse es einfach auf mich zukommen", so Sonne.

"Das ist schon Neuland." Helmut Sonne, Chordirektor

SERIE

Hinter den Kulissen

Die Premierevon "Götz von Berlichingen" wird am Freitag, dem 20. März, um 19.30 Uhr im Großen Haus des Anhaltischen Theaters gefeiert. Bis dahin schaut sich die MZ einmal hinter den Theaterkulissen um und berichtet in einer kleinen Serie aus verschiedenen Positionen über die Proben von André Bückers Abschiedsinszenierung. In der nächsten Folge stehen die Schauspieler im Mittelpunkt.UKO

Aus Alt mach ganz viel Neues, Mitteldeutsche Zeitung, 11.03.2015 (Vorbericht)

Für Goethes "Götz von Berlichingen" gilt es, 68 Rollen einzukleiden. Jessica Rohm plündert dafür den Kostümfundus des Anhaltischen Theaters.

von Ute König

DESSAU/MZ- Goethes "Götz von Berlichingen" wird die letzte Schauspielinszenierung von Generalintendant André Bücker in Dessau. Und zum Abschied wird noch einmal Großes aufgefahren im Anhaltischen Theater. Insbesondere was die Kostüme betrifft: 68 Rollen plus Opernchor wollen eingekleidet werden. Eine enorme kreative und organisatorische Aufgabe, die Jessica Rohm für diese Produktion zum ersten Mal als Kostümbildnerin übernommen hat.

Ganz neue Kostüme entstehen für den "Götz" nicht. Vielmehr wird auf das zurückgegriffen, was das Theater bereits besitzt. Unterm Dach des Hauses hängen mittlerweile 80 000 Kostüme, aus denen Jessica Rohm jetzt viele neue zusammenstellt. "Ich bin wochenlang durch den Fundus gelaufen", so Rohm. "Man muss echt lange suchen." Aber sie hatte Erfolg, fand Karohemden, Anzüge, Cowboystiefel und vieles, vieles mehr. Fünf Kleiderständer hatten schwer zu tragen, doch mit ihrer Ausbeute mussten auch 68 Rollen sowie die rund 35 Sänger des Opernchores ausgestattet werden.

Kurz vor der Premiere werden die Berge kleiner. Täglich kommen die Schauspieler zu Jessica Rohm, um die Kostüme anzuprobieren und anzupassen. Bei einer derart großen Produktion ein riesiger Aufwand für beide Seiten. Denn die Schauspieler haben bis auf wenige Ausnahmen gleich mehrere Rollen - zum Teil bis zu acht. Sie bringen sich dennoch bei der Kostümwahl ein. "Die Schauspieler verkleiden sich gerne", so Rohm. Sie achten aber sehr darauf, dass das Kostüm zur Rolle passt. "Das Gefühl, dass die Rolle ausdrücken soll, muss sich im Kostüm manifestieren", erklärt sie.

Freiheit und der Kampf für die Freiheit sind die wichtigsten Schlagworte im "Götz von Berlichingen", dessen Namensgeber von 1480 bis 1562 gelebt hatte. In der Dessauer Inszenierung wird auf den Freiheitskampf aller Epochen bis heute Bezug genommen - selbstverständlich auch anhand der Kostüme. Und so verwandelt Rohm Schauspieler und Sänger beispielsweise in Bauern, Hippies oder Teilnehmer der Montagsdemos.

Dass sie für Entwurf und Zusammenstellung der Kostüme verantwortlich ist, ist Neuland für Rohm. "Es ist eine Herausforderung, aber es macht Spaß", sagt sie. Erfahrung in diesem Bereich hat sie jedoch. Bisher war sie als Damen-Gewandmeisterin am Anhaltischen Theater tätig und war damit für die Kostüme bereits mitverantwortlich.

Welche ihrer Kostüme und Ideen am Ende auch auf der Bühne zu sehen sind, bleibt spannend. Vor der Premiere kann noch viel passieren. Manchmal fällt noch eine Szene weg. Manchmal hatte der Regisseur doch andere Vorstellungen. Jessica Rohm ist auf alles eingestellt. So sei das eben. Sogar, dass kurz vor der Premiere alles über den Haufen geworfen wurde, sei andernorts schon vorgekommen.

Davon geht sie beim Dessauer "Götz" allerdings nicht aus. Die Zusammenarbeit mit André Bücker sei von Anfang an eng gewesen: Noch bevor Rohm die ersten Entwürfe zeichnete, tauschte sie mit Bücker Ideen aus. Inzwischen hat sie sich einige Proben angesehen, um ein noch besseres Gespür für die Szenerie zu bekommen. Mit Fotos wurde der Regisseur stets auf dem Laufenden gehalten und wird es noch. Außerdem sei das Feedback der Schauspieler - und das sei eines der wichtigsten - rundum positiv gewesen. Letztendlich zeigt aber erst die erste Kostümprobe nur wenige Tage vor der Premiere am Freitag, wie alles miteinander harmoniert.

Das größte Lob für eine Kostümbildnerin sei, wenn ihre Arbeit nach der Premiere gar nicht erst große Erwähnung findet. Dann seien die Kostüme präsent, aber unauffällig. "Dann passen sie gut ins Gesamtbild", so Rohm. Und genau darauf komme es an.

SERIE

MZ blickt bis zur Premiere hinter die Kulissen

Die Premiere von "Götz von Berlichingen" wird am Freitag, dem 20. März, um 19.30 Uhr im Großen Haus des Anhaltischen Theaters gefeiert. Bis dahin schaut sich die MZ einmal hinter den Theaterkulissen um und berichtet in einer kleinen Serie aus verschiedenen Positionen über die Proben von André Bückers Abschiedsinszenierung.

Die Soirée bietet allen Neugierigen am heutigen Mittwoch, dem 11. März, um 18.30 Uhr die Möglichkeit, sich vorab selbst ein Bild von der Produktion zu machen. Nach einer Werkeinführung können die Gäste auch die Probe besuchen. Der Eintritt beträgt 3 Euro und kann beim Besuch einer Vorstellung auf den Kartenpreis angerechnet werden. Die Tickets sind am Einlass erhältlich.

Tickets für die Premiere sowie alle weiteren Vorstellungen (27. März, 12. April, 3. Mai, 29. Mai und 20. Juni) gibt es unter Tel.:0340/25 11 333, unter www.anhaltisches-theater.de, an der Theaterkasse oder bei allen bekannten Vorverkaufsstellen.UKO

"Es ist eine Herausforderung, aber es macht Spaß." Jessica Rohm, Kostümbildnerin

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