Götterdämmerung

Dritter Tag des Bühnenfestspiels
"Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner

Premiere am 12. Mai 2012

Wiederaufnahme am 18. April 2015

MIT ZUSÄTZLICHEN ÜBERTITELN

Hagen möchte den Macht verheißenden Nibelungenring, den er bei Siegfried glaubt, an sich bringen und bedient sich dafür seiner Halbgeschwister Gutrune und Gunther. Durch die Wirkung eines Zaubertranks vergisst Siegfried seine Liebe zu Brünnhilde und hält – ganz nach Hagens Plan – um Gutrunes Hand an. Siegfried nimmt daraufhin mithilfe eines Tarnhelmes Gunthers Gestalt an, überwältigt Brünnhilde und führt sie Gunther zu, damit dieser sie zu seiner Braut machen kann. Brünnhilde klagt Siegfried des Verrats an: Nicht Gunther, sondern nur Siegfried habe solche Gewalt über sie ausüben können. Siegfried kann zwar Gutrune beruhigen, doch Gunther und Brünnhilde verbünden sich mit Hagen, um sich zu rächen. Während einer Jagd kann Hagen mit seinem Speer Siegfried tödlich verletzen. In einem Kampf um den Ring tötet Hagen Gunther. Brünnhilde übergibt Siegfrieds Leiche den Flammen und folgt ihm ins Feuer. Als der Rhein über die Ufer tritt, verschwindet der Ring in den Fluten.

Das Anhaltische Theater beginnt den neuen »Ring des Nibelungen« mit der »Götterdämmerung«, Wagners zuerst entworfenem Teil des »Rings«. Hier treffen klassische Elemente der romantischen Oper wie Zaubertränke, Blutsbrüderschaften und Verschwörungen auf die differenzierte Tonsprache des entwickelten Musikdramas. Der seit über 50 Jahren erste »Ring « in Dessau, dem »Bayreuth des Nordens«, wird Wagners Zyklus zur Tradition der Klassischen Moderne in Beziehung setzen, die in Dessau vor allem während der Bauhaus-Jahre 1926 bis 1932 Gestalt gewann.

Die Schirmherrschaft für den RING DER BAUHAUSSTADT hat Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt Dr. Reiner Haseloff übernommen. Die erste zyklische Aufführung wird zum „Elbmusikfest“ vom 13. bis 17. Mai 2015 in Dessau stattfinden. Vom 14. bis 17. Mai 2015 ist Dessau Ausrichter des Internationalen Wagner-Kongresses.

Das RING-Projekt „Mythos und Utopie“ unterstützen als Exklusiv Partner die Ostdeutsche Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Stadtsparkasse Dessau, als Hauptförderer die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt und als Förderer die Stadtwerke Dessau und die Mercedes-Benz Vertretung BERESA Autozentrum Anhalt GmbH sowie als Medienpartner Ströer Deutsche Städte Medien GmbH und Radio SAW sowie zahlreiche hier nicht genannte Privatspender.


Aufführungsdauer: ca. 5 1/2 Stunden (inkl. 2 Pausen) Bahnverbindungen nach Berlin nach den Vorstellungen


Die „Ring“-Vorstellungen 13.-17.5.2015 sind ausverkauft, Restkarten evtl. unter 0340 2511-333 erhältlich, für die Vorstellungen 23.-28.6.2015 gibt es noch einige wenige Ring-Tickets
Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung André Bücker
Bühne Jan Steigert
Kostüme Suse Tobisch
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Felix Losert / Sophie Walz
Video Frank Vetter / Michael Ott

Siegfried Jürgen Müller
Gunther Ulf Paulsen
Hagen Stephan Klemm
Alberich Nico Wouterse
Brünnhilde KS Iordanka Derilova
Gutrune Angelina Ruzzafante
Waltraute / 1. Norn / Floßhilde Rita Kapfhammer
2. Norn / Wellgunde Anne Weinkauf
3. Norn / Woglinde Cornelia Marschall

Anhaltische Philharmonie
Opernchor des Anhaltischen Theaters
Coruso - erster freier deutscher Opernchor e.V.
Mitglieder des Extrachores des Anhaltischen Theaters Dessau
Statisterie des Anhaltischen Theaters

PRESSESTIMMEN

Chihoko Nakata, Ongakugendai/Tokyo am 20. Juni 2012; freie Übersetzung aus dem Japanischen

Ein uneingeschränktes Lob für "Götterdämmerung": Anhaltisches Theater Dessau

Nach 58 Jahren hat der „Ring-Zyklus“ am Anhaltischen Theater Dessau, früher „das Bayreuth des Nordens“ genannt, begonnen. Der Premiere "Götterdämmerung" am 12. Mai wurden stehende Ovationen entgegen gebracht.

Vortrefflich war das funktionalistische Bühnenbild von Jan Steigert, das an den Modernismus der 1925 in Dessau gegründeten Bauhausschule anlehnt.
Nach dem Abtritt der Nornen erscheint im Hintergrund der Bühne der riesengroße, schwarz glänzende und kubische Walkürenfelsen. Mit Sonnenaufgang ändert sich der Kubus geräuschlos zu einer fächerförmigen Treppe. Dieser Anblick ist großartig.

Antony Hermus, GMD der Anhaltischen Philharmonie (78 Musiker), dirigiert hervorragend. Diesem Theater ist es gelungen, abgesehen von drei Aushilfen im Orchester (Hörner usw.) und zwei Gastsängern (Siegfried und Hagen), alle Mitwirkenden aus dem eigenen Hause zu besetzen. Arnold Bezuyen, ein gefeierter Loge-Sänger, hat als Siegfried mit abstrakten und roboterhaften Bewegungen in der Inszenierung des Intendanten Andre Bücker, debütiert. Stefan Klemm als Hagen besitzt zwar keine dämonische Stimme, dennoch zeigen er sowie Ulf Paulsen als Gunther, ihre ausgezeichneten gesanglichen und darstellerischen Fähigkeiten. lordanka Derilova als Brünhilde ist als Sängerin und Darstellerin kaum zu übertreffen. Rita Kapfhammer als Waltraute singt ebenfalls glänzend. Die Kostüme von Suse Tobisch sind sehr farbig und abstrakt. Die langen violetten Kostüme der mit leuchtenden Knüppeln bewaffneten Gibichs-Leute waren eindrucksvoll.

S. Barnstorf, Das Opernglas, Heft 7/8 2012

Dessau, die Bauhaus-Stadt und das Bayreuth des Nordens. Einstmals Vorreiter in der klassischen Moderne und Avantgarde der Wagner-Rezeption. Auf diese fast verblichenen großen Zeiten folgten Wende, Strukturreformen und anhaltende Sparzwänge im Kulturbereich. Jetzt bringt das Anhaltische Theater in bewusster Rückbesinnung auf sein Erbe einen neuen „Ring des Nibelungen“ heraus, der nun mit der „Götterdämmerung“ begonnen hat. In souveräner Personalunion ist es André Bücker als Intendant gelungen, durch seine Funktion als Regisseur auch in künstlerischer Hinsicht Anerkennung einzubringen, weil schon nach dieser „Götterdämmerung“ festzuhalten bleibt: Es ist ein Bauhaus-“Ring“, der das doppelte Erbe Dessaus verbindet und dabei zusätzlich noch die Modernität Wagners grandios in Szene setzt!

Diese „Götterdämmerung“ ist locker und leicht mit ihrer luftigen Bilder-, Farb- und Formensprache in Anlehnung an Oskar Schlemmer, Kasimir Malewitsch und Wsewolod Meyerhold gestaltet. Bei Bücker ist der Walkürenfelsen die umgekehrte Bauhaustreppe Oskar Schlemmers. Brünnhilde erwacht auf einem schwarzen, sich drehenden Würfel, der aus seiner Bewegung heraus eine Treppe (Bühne Jan Steigert) entfaltet: Brünnhilde (Iordanka Derilova) ist hier die Figur im Raum, herabschreitend als sphinxhafte Cleopatra und auf wenige symbolische Mechanismen reduzierte Heroine. Das Debüt der gebürtigen Bulgarin geriet hierbei insgesamt zufriedenstellend. Mit glockenhellem Timbre und klarer Intonation musste sie sich merklich in die schwere, hochdramatische Partie erst einfinden, was ihr insbesondere im zweiten Akt gut gelang. Zum Nachteil geriet ihrer nuancierten Stimme dabei der für die Inszenierung hergerichtete weiße Rahmen, welcher zwar eindrucksvoll das schwarze Quadrat auf weißem Grunde von Kasimir Malewitsch rekonstruierte, dabei aber den Stimmen der Sänger viel akustische Entfaltungsmöglichkeit nahm. Bestechend wirkten Farb- und Lichtregie sowie die Projektionen (Frank Vetter, Michael Ott) von geometrischen Figuren, Formeln, Rechtecken sowie der vom Mond verdeckten Sonne.

Insbesondere aber drückt die Schauspielart der sogenannten Biomechanik des russischen Schauspielers und Regisseurs Meyerhold dieser Neuproduktion ihren Stempel auf. Nach Meyerhold sind alle Emotionen Ergebnisse physischer Abläufe, und durch bestimmte Körperpositionen entstehen bestimmte Gefühle. So marschiert Siegfried (Arnold Bezuyen) stets in forschem Schritt mechanisch seinem Ende zu. Er fällt nicht, sondern wird von Hagen ausgeschaltet. Frankenstein lässt grüßen - die Erinnerung an Brünnhilde war von Gutrune mit einer Handbewegung übers Gesicht schlicht weggewischt worden. Von diesem Moment an offenbart sich eine gravierende Fehlprogrammierung des Wotan-Enkels, sichtbar durch nervöse Zuckungen in Gesicht und Bewegungsablauf. Das Rollendebüt des bayreutherprobten Niederländers geriet noch etwas unentschlossen, mit einem leichten Hang zu melancholisch differenzierter Diktion, deren Einsatzmöglichkeiten in der langen Partie allerdings recht spärlich gesät sind. Auch vermochte Bezuyen wenig von Glanz und Strahlkraft aus seinen zu Recht gerühmten Loge-Interpretationen einzubringen.

Gunther zögert und zaudert. In caesarenhafter Stellung und napoleonischer Handhaltung sprechen seine Hände für sein Unverständnis und verdeutlichen so Unsicherheit und Wankelmütigkeit. Zu einer tragenden Säule geriet die Figur, weil sie von Ulf Paulsen als langjährigem Ensemblemitglied des Anhaltischen Theaters neben der schauspielerischen Höchstleistung mit einer stimmlichen Präsenz mit klarem, direkt ansprechendem Bariton interpretiert wurde. Eine Darbietung, die mit kraftvoller Intonation und klugen Schattierungen punkten konnte.
Hagen ist von allen Akteuren derjenige, der offenkundig gegen die Kausalitäten von Gestus und Emotion am meisten gefeit ist. Niemals gerät ihm eine Pose als deutliches Symbol- er ist verhangen in der großen traditionellen, romantischen Geste und damit Teil des überkommenen Historismus. In seiner musikalischen Darbietung überzeugte der dritte Rollendebütant (Stephan Klemm) an diesem Abend mit einem in allen Lagen sicher ansprechenden Bass.

Eine herausragende Leistung bot Rita Kapfhammer als Waltraute, erste Norn und Floßhilde: Besonders in der langen Waltrauten-Szene vermochte sie eine spannungsreiche Interpretation abzuliefern, die einen Glanzpunkt am Premierenabend setzte. Mit ihrem wohltönenden Mezzo empfahl sie sich durchaus für noch größere Partien. Die Gutrune von Angelina Ruzzafante überzeugte mit einer klaren Stimmführung, die Nornen harmonierten in trautem Zusammenspiel ebenso wie die Rheintöchter. Nico Wouterse rundete die mehr als zufriedenstellende Ensembleleistung mit einer klaren und deutlichen Charakterstudie des Alberich ab.

GMD Antony Hermus und die Anhaltische Philharmonie fügten sich wohltuend in die Gesamtkonzeption ein. Pathosfrei, luftig und leicht, großartig in den Zwischenspielen, dabei niemals dem bloßen Effekt geschuldet, sondern dezent zurückhaltend und erzählerisch-lyrisch den Situationen angepasst, präsentierten sie einen erzählerischen, lyrisch zelebrierten Orchesterklang. Aus welchem Grunde der dritte Tag der Tetralogie als Einstieg in diesen neuen „Ring“ gegeben werden musste, erschloss sich bei dieser Premiere (noch) nicht. Am Ende der „Götterdämmerung“ jedenfalls entsteigt ein rotschöpfiger Wälsungenspross einem von oben heruntergelassenen Käfig; mehr wird man erfahren, wenn der „Bauhaus-Ring" 2013 mit „Siegfried“ fortgesetzt wird.

Frederik Hanssen, Opernwelt, Juli 2012

Bauhaus-Ballett

Beim Namen Dessau denkt man heute vor allem an das legendäre Bauhaus. Sieben glorreiche Jahre lang war die Zukunft in der Stadt zu Hause. Schon 1931 aber siegten die Nazis bei den Gemeinderatswahlen und machten sich sofort daran, die Avantgardisten zu vertreiben. Als der „Führer“ 1938 den Dessauern als Ersatz für das 1922 abgebrannte Stadttheater einen wuchtigen Neubau im germanisch-griechischen Stil “schenkte“, waren die wichtigsten Bauhaus-Meister in die USA geflohen. Dennoch verfiel André Bücker, der Intendant des Anhaltischen Theaters, nicht nur auf die Idee, seinen „Ring des Nibelungen“ rückwärts zu inszenieren, also mit der „Götterdämmerung“ zu starten, sondern die Tetralogie auch in strenger Bauhaus-Ästhetik zu präsentieren. Nicht die psychologische Deutung oder eine politische Aktualisierung sind sein Anliegen, sondern „die innere Wahrheit des Menschen als Geometrie erfahrbar zu machen“. Das sieht zunächst sehr gut aus: Da gibt es einen schwarzen Kubus, der sich schichtweise auffächern kann, da flimmern Symbole, rätselhafte Schriftzeichen oder verpixelte Filmbilder auf gerundeten Leinwänden, die über dem Geschehen schweben, da gibt es elegante Stahlkonstruktionen mit lautlosen Fahrstühlen, da tauchen die mit Lichtschwertern ausgerüsteten Gibichsmannen in Kompaniestärke aus tiefer Versenkung auf. Enorm, was die Techniker des Theaters leisten - ganz zu Recht dürfen sie am Ende auf der Bühne ihren eigenen Applaus entgegennehmen.

Suse Tobisch hat sich bei ihren Kostümentwürfen von Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ inspirieren lassen: Expressionistisch proportionsverzerrend wölben sich steife Stoffe um die Sänger, die Herren des Chors tragen bodenlange Röcke zu künstlicher Glatze. Leider hat sich Bücker auch in den Kopf gesetzt, dass die Darsteller ebenso abstrakt agieren sollen, wie sie aussehen. Stilisierte Gesten mit angewinkelten Armen und windschiefen Körperhaltungen aber vertragen sich nicht so gut mit den physischen Anforderungen des Wagner-Gesangs. Tänzer mögen solche Zumutungen durchhalten können, die Dessauer Solisten schaffen das, bei aller sichtbaren Mühe, nur punktuell. Vor allem Arnold Bezuyen, der den Siegfried als eine Art Golem darstellen muss, sortiert immer erst mal seine Gliedmaßen, bevor er sich maschinenmäßig in Gang setzt. Sängerisch schlägt sich Bezuyen mit seinem Trompetentenor sehr achtbar. Ebenso wie die drei Mitglieder des hauseigenen Ensembles: lordanka Derilova mag vielleicht keine sehr durchschlagskräftige Brünnhilde sein, hat sich die Partie aber mit großer Detailgenauigkeit erarbeitet. Angelina Ruzzafante gibt eine lyrische Gutrune, Publikumsliebling Ulf Paulsen reizt seinen angenehmen Bariton für den Gunther rückhaltlos aus. Stephan Klemm hat als Hagen seine besten Momente in den hinterhältig-düsteren Monologen, im zweiten Akt angemessen aasig sekundiert von Nico Wouterses Alberich. Den stärksten Eindruck aber hinterlässt Rita Kapfhammer, deren Waltraute in ihrem schmerzlichen Ringen um den Ring wirklich anrührt - wie schön, dass sie ab der kommenden Saison zum Dessauer Ensemble gehören wird.

Intensiv hat auch Antony Hermus die Anhaltische Philharmonie vorbereitet. Mit nie erlahmendem Engagement sind die Musiker bei der Sache, souverän koordiniert der Dessauer Musikchef die Chorszenen, flüssig sind die Tempi der Rheintöchter. Problematisch aber wird es im Bereich des Atmosphärischen: Für das Mystisch-Raunende fehlt ihm das Gespür, für die verschatteten Gefühle, die Fehlfarben des Bösen. Stattdessen drosselt er an den entsprechenden Stellen das Tempo derart, dass der Spannungsfaden schnell so brüchig wird wie das Seil der Nornen.

Herbert Henning, ORPHEUS, Juli/Aug. 2012

Gesamtkunstwerk

Die Wagner-Enthusiasten haben künftig die Qual der Wahl. Kaum 60 km trennen Halle und Dessau und in beiden Städten wird mit Feuereifer und dem Blick auf das Wagner-Jubiläumsjahr 2013 am Ring geschmiedet. Die bis 2015 geplante Inszenierung des Wagner-Epos beginnt am Anhaltischen Theater mit der GÖTTERDÄMMERUNG und setzt sich rückwärts unter dem Motto Mythos und Utopie in den nächsten drei Jahren bis zum finalen Rheingold fort. ANDRE BÜCKER besinnt sich auf die beispiellose Ästhetik Wieland Wagners, lässt sich in der Abstraktion und (pantomimischen) Überhöhung des Szenischen (vor allem der Bewegungen) von Robert Wilson und Achim Freyer inspirieren. Vor allem aber nutzt er gemeinsam mit JAN STEIGERT (Bühne) und SUSE TOBISCH (Kostüme) die Bauhaus-Tradition Dessaus, insbesondere die Farb- und Formenästhetik der Arbeiten (auch für das Theater) von Feiniger, Kandinsky, Klee und Nagys, die auch schon das Neubayreuth Wieland Wagners wesentlich beeinflussten. Ergebnis ist eine klar durchdachte Inszenierung, in ihren strengen Formen und dem Spiel in einem abstrakten Raum mit Farben und Bildprojektionen in steter Verwandlung (Videotechnik: FRANK VETTER/MICHAEL OTT), die durch eine symbolisierende Körpersprache voller Chiffren und Symbole, kongenial zur Musik, die Aufführung zu einem einzigartigen ästhetischen Erlebnis macht. Dem Team gelang ein Gesamtkunstwerk als eine Raum-Zeit-Maschine, bei der am Ende der Anfang steht.

Wie von Zauberhand bewegt und verändert sich durch bewegliche Teilhorizonte im Wechselspiel der Farben und Projektionen die Szene. Das wird durch die wunderbaren technischen Möglichkeiten des Theaters, die hier sämtlich ausgenutzt werden, ohne Fehl und Tadel realisiert. Beispielhaft für das faszinierende Raumkonzept stehen der in 14 beweglichen Scheiben bestehende schwarze Kubus als Brünnhilde-Felsen und die metallene Turmkonstruktion als Hort der Gibichungen, die immer neue Personenkonstellationen, vor allem zwischen Hagen und Gunter sowie Gutrune und Siegfried möglich machen. Das Szenische in seiner Klarheit (und teilweisen Überhöhung) korrespondiert beispielhaft mit dem Spiel der Anhaltischen Philharmonie. GMD ANTONY HERMUS gelingt mit dem Orchester und den von HELMUT SONNE präzis einstudierten Chören (einschließlich der Statisterie) eine bis in den letzten Ton ausbalancierte, auf die Sänger ausgerichtete musikalische Interpretation der Partitur, fein ausgelotet bis ins kleinste musikalische Detail.

Und das Ensemble wird von ihm beeindruckend sicher geführt. Allen voran die Brünnhilde der IORDANKA DERILOVA, die bis zu ihrem großen Schlussgesang fesselndes Spiel mit dem wunderbaren legato ihrer hochdramatischen Stimme ohne jegliche Trübung und Nachlassen der stimmlichen Kräfte verbindet und neben STEPHAN KLEMM als Hagen und ULF PAULSEN als Gunther das außerordentlich hohe musikalische Niveau der Aufführung bestimmt. ARNOLD BEZUYEN als Siegfried hat bei seinem Rollendebüt gegen Ende doch hörbare Konditionsprobleme, meistert aber insgesamt beachtlich diese wohl schwerste Partie der Opernliteratur. Große musikalische Momente gleich zu Beginn im Klagegesang der Nornen (RITA KAPFHAMMER/ CORNELIA MARSCHALL/ ANNE WEINKAUF) ebenso wie im Klagen der Rheintöchter in einem optisch faszinierendem Neonstablabyrinth. Als Waltraute ist außerdem Rita Kampfhammer in ihrer Erzählung von besonderer Präsenz. NICO WOURTESE gibt in der Zwiesprache mit seinem Sohn Hagen dem Alberich bemerkenswertes sängerisches Profil. Am Ende weist ein Jung-Siegfried auf den Fortgang der Geschichte, so wie die Nornen fragen: Weißt Du wie das war? An dieser „Götterdämmerung“ kommt kein Wagner-Freund vorbei!

Christian Wildhagen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2012

Totaltheaterformen

Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Weil Wagner sein "Nibelungen"-Epos einst mit dem Textentwurf zu "Siegfrieds Tod", also mit dem Schluss, begann, um dann erst etappenweise bis zu den Uranfängen des "Rheingolds" zurückzudichten, zäumt man am Anhaltischen Theater den "Ring" kurzerhand vom Ende her auf. Das ist weniger schräg (oder auch bloß bemüht originell), als es klingt. Denn Generalintendant André Bücker wählt auch für seine Inszenierung eine Perspektive, die den historischen Zeitverlauf reizvoll aufbricht. Dabei liegt es in Dessau nahe, sich auf die revolutionäre Ästhetik des Bauhauses zu berufen, das delikaterweise unweit des 1938 von Hitler eingeweihten Theaterprunkbaus steht. Doch Bücker thematisiert gerade nicht diese für die ganze Stadt so verhängnisvolle Spannung zwischen Fortschritt und politisch-ästhetischer Reaktion, sondern verfolgt lieber die Entwicklung der Bauhaus-Moderne durch die Zeiten. Dazu geht er zurück bis zu dem legendären Bühnenkunstvisionär Adolphe Appia, hangelt sich über László Moholy-Nagys "Licht-Raum-Modulator" und die Formarchitekturen bei Feininger, Klee und Kandinsky bis zu Oskar Schlemmer vor und hört bei Gropius' Idee eines "Totaltheaters" für Piscator noch längst nicht auf. Denn im abstrakten Bühnenbild von Jan Steigert und den kunstvoll stilisierten Kostümen von Suse Tobisch spinnt die Inszenierung den Faden - durchaus kritisch - weiter: bis in eine fiktive Zukunft, wo das Bauhaus-Dogma der unbedingten Funktionalität auch den Menschen erfasst und in starre Verhaltensraster gepresst hat. Im Zusammenspiel mit der von Antony Hermus ungemein idiomatisch dirigierten Musik ergibt das ein ungewöhnliches Totalkunstwerk, über das Wagner fraglos freudig gestaunt hätte.

Roberto Becker, Online Musikmagazin

Bewegte Farbenleere

Wenn sich selbst ambitionierte Bühnen wie in Frankfurt oder München mit ihren Ring-Projekten nicht wirklich an den großen Welterklärungsversuch oder Kommentar zur Gegenwart herantrauen und das eher ausgeflippten Provokateuren wie Barrie Kosky in Hannover oder einem routinierten Altmeister wie Hansgünther Heyme in Halle überlassen, dann hat natürlich auch Dessau die Freiheit, die Ring- einer Weltdiagnose vorzuziehen. Also keinen weiteren halbgaren Regietheater-Aufguss von Kapitalismus- oder Globalisierungskritik beizusteuern, sondern sich (so wie Achim Freyer gerade in Mannheim) einen ästhetischen Kunstkosmos zu basteln und den Rest an die Musik und (notgedrungen auch den Text) Richard Wagners zu delegieren. Hamlets Mutter Gertrud sitzt ja mit Sicherheit nicht im Publikum, um ihr „Mehr Inhalt, weniger Kunst“ der Bühne entgegen zu halten. Gründe hätte sie in Dessau einige.

Dort hat man jetzt den Ring mit der Götterdämmerung angefangen. Man inszeniert also nicht dem benachbarten Halle hinterher, sondern kommt der Konkurrenz vom anderen Ende entgegen. Und das auf Augenhöhe, was die musikalischen Qualitäten betrifft! Es ist nicht nur für die ausgemachten Wagnerianer beglückend, wenn man Wagners Stresstest-Monstrum für jedes Opernhaus auf so dichtem Raum von mittleren Häusern auf einem derartigen musikalischen Niveau geboten bekommt. Der herbei geraunte Kulturinfarkt jedenfalls sieht anders aus. Und die Behauptung, es gäbe in Deutschland bei der Hochkultur von allem zu viel und überall das gleiche, lässt sich kaum besser kontern.
Der Dessauer GMD Anthony Hermus demonstriert mit der Anhaltischen Philharmonie vom ersten Nornenraunen bis zu den paar hellen Nachklängen, die auf den gewaltigen (Götter-)Weltuntergang im Finale folgen, wieso das Dessauer Theater seinen einstigen Beinamen „Bayreuth des Nordens“ immer noch zu recht hervorholen kann, wenn es der Vermarktung dient. Was man erleben kann, ist ein großer Klang im großen Haus. Mit leisen Tönen, wo es sein muss und mit jener Faszination, die die Wucht des Trauermarsches oder das gewaltige Finale entfalten können, in dem Brünnhilde den Scheiterhaufen für Siegfried und sich selbst und die Götterburg gleich noch mit in Brand setzt.

Auch, dass es heute keine Wagnersänger für die großen Partien mehr gäbe, verweist Dessau ins Reich der Fabel. Man muss nur abseits des Kreises der Handvoll von überall herumgereichten Stars suchen. Dann findet man auch einen Siegfried wie Arnold Bezuyen, der seinen Wechsel vom Loge-Sänger zum Siegfried alles in allem mit Bravour meisterte. Oder einen standfest intrigierenden Hagen wie Stephan Klemm. Die restlichen Rollen kann man in Dessau aus dem Ensemble oder mit dem Haus eng verbundenen Sängern besetzten. Iordanka Derilova etwa ist mit Wagner in ihrem eigentlichen Element und liefert, ab dem zweiten Akt, eine erstklassige Brünnhilde mit Kraft und Deutlichkeit. Auch sonst ist dieser Ringauftakt rollendeckend besetzt: von Ulf Paulsen (Gunther) und Angelina Ruzzafante (Gutrune), über Nico Wouterse (Alberich) bis hin zu der aus dem Nornen- und Rheintöchtertrio, aus dem neben Anna Weinkauf und Sonja Freitag, besonders Rita Kapfhammer in ihrer dritten Rolle als Waltraude herausragt. Da auch der Chor, mit bewährten Partnern aufstockt, in Hochform ist, lässt sich aus Anhalt ein musikalischer Glücksfall vermelden.

Bei der Regie ist die Sache nicht so eindeutig. Doch André Bücker ist zumindest konsequent in seinem Versuch, eine Bauhaus-Ästhetik auf die Bühne zu projizieren.Was die Projektionen im wortwörtlichen Sinne betrifft, haben sich Frank Vetter und Michael Ott offenbar nach Herzenslust ausgetobt und manchmal den Sinn des Gesungenen illustrierend getroffen. Oft entschweben sie damit aber auch in ein virtuelles Nirwana, das im besten Falle als Bauhaus-Reminiszenz durchgeht, oft aber auch in eine unverbindliche Bildschirmschoner-Ästhetik abdriftet. Dass das so exzessiv gar nicht nötig ist, wird deutlich, wenn der mit Leuchtspeeren bewaffnete Chor von Hagens Mannen in blauen Röcken als Formation aus der Versenkung hochfährt und mal nichts zusätzlich auf der an sich triftigen weißen Verkleidung des Bühnenportals flackert. Regelrecht falsch wird es, wenn sich zu Siegfrieds Trauermarsch der Vorhang senkt, die Musik gerade ihre Wirkung zu entfalten beginnt und ein Flimmersturm sondergleichen ausbricht. Das könnte man vielleicht sogar noch einmal in Ruhe überdenken und etwas beruhigen. Misstrauen gegenüber der Musik und der sonstigen Bühne ist nämlich unangebracht.

Die Kostüme von Suse Tobisch (die nur etwas gegen Siegfried zu haben scheint) verweisen auf Oskar Schlemmer. Da die Figuren (ähnlich wie bei Robert Wilson) stilisierte Zeichen mit ritualisierten Bewegungen sind, bleibt deren Psychologie außen vor. Wie bei dem Amerikaner aber bricht sie dann doch immer mal durch. Etwa wenn zitternde Handbewegungen innere Unruhe verdeutlichen sollen. Oder wenn selbst der stets ulkig herum staksende Siegfried mit einem Minenspiel aufwarten darf.
Ein heimlicher Star dieser Götterdämmerung ist Jan Steigerts Bühne. Da ist einmal der riesige schwarze Walkürenfelsen-Würfel. Durch seine 14 Schichten kann er wunderbar aus der Quader in die stufige Felsenform gleiten und erinnert entfernt an eine Tony-Cragg-Plastik. Auch die drei Gibichungentürme mit ihren Fahrstühlen und der ebenfalls auf und abgleitenden Plattform spielt mit der funktionalen Ästhetik des Bauhauses wie die halbrunden Horizonte, auf die unentwegt projiziert wird. Technisch funktioniert das alles fabelhaft als eigener Kosmos und als ein Spiel der Figuren, des Raums und der Farben.


FAZIT

Diese Götterdämmerung ist szenisch ein Triumph der Form über den Inhalt. Sie ist aber in sich stimmig und geht auf hohem musikalischem Niveau über die Bühne. So ist doch eine Art von Gesamtkunstwerk herausgekommen, das vom Premierenpublikum mit einhelligem Jubel für alle Beteiligten gefeiert wurde. Bei Orchester begann die stehende Ovation - und das ganz zu Recht.

Andreas Hauff, nmz online, 18.05.2012

Zwischen Bauhaus und Science Fiction: In Dessau startet Wagners „Ring“ mit der „Götterdämmerung“
Übers Land geht eine „Ring“-Welle. Viele Theater wagen sich wieder an Wagners Tetralogie – oft zum wiederholten, manche zum ersten Mal. In Sachsen-Anhalt hat es Halle (in Kooperation mit Ludwigshafen) noch nicht bis zum „Siegfried“ gebracht, da beginnt das Anhaltische Theater im benachbarten Dessau-Roßlau schon seinen eigenen „Ring des Nibelungen“ - mit der „Götterdämmerung“ Doubletten im Spielplan benachbarter Häuser sind dann ein Gewinn, wenn sich der ästhetische Ansatz unterscheidet. Schon insofern hat André Bücker, Regisseur und Intendant in Dessau, die Weichen richtig gestellt, wenn er entgegen üblicher Praxis den Zyklus von hinten aufrollt und damit der Entstehungsgeschichte von Wagners Handlungsgerüst und Libretto folgt. Und während im Regelfall die „Götterdämmerung“ nach Vollendung eines „Rings“ schnell vom Spielplan verschwindet, hat das Publikum in Dessau bis zur geplanten Abrundung der Tetralogie beim internationalen Richard-Wagner-Kongress im Mai 2015 endlich einmal die Chance, das Schlussstück häufiger zu erleben.

Eine zweite Überlegung zur Inszenierung lässt gleichfalls aufhorchen: „Das Werk kann in Dessau nicht ohne Erinnerung an die Klassische Moderne gelesen werden, die vor Ort vor allem während der Bauhaus-Jahre 1926-1932 Gestalt gewann.“ Erinnert wird in Programmheft und Vorankündigung ausdrücklich an die Bauhaus-Meister Walter Gropius, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer und László Moholy-Nagy. Ausdrücklich wollen André Bücker und seine Mitarbeiter Jan Steigert (Bühne), Suse Tobisch (Kostüme), Frank Vetter und Michael Ott (Projektionen) an Wieland Wagners Bayreuther Wagner-Erneuerung anknüpfen. Sie beziehen aber zugleich auch Stellung in der Diskussion um Profil und Identität der von Spardiskussionen geschüttelten Doppelstadt an Mulde und Elbe. Zukunft lässt sich in Dessau-Roßlau nur gewinnen, wenn das Erbe der kurzen, aber fruchtbaren Bauhaus-Jahre nicht nur nach Außen dem Image der Stadt dient, sondern auch intern wieder kreative Energien freisetzt.

Dass Dessau seiner reichen Wagner-Tradition wegen lange Zeit als „Bayreuth des Nordens“ galt, die letzte komplette Neuinszenierung des gesamten „Ring“-Inszenierung aber schon 1953/54 herauskam und in veränderter Ausstattung letztmals 1963 gespielt wurde, ist ein weiteres Argument für das ambitionierte Projekt. Und man ist neugierig, welche Botschaft für die Gegenwart das Anhaltische Theater in der „Götterdämmerung“ entdeckt. Immerhin steht die laufende Spielzeit unter dem beziehungsreichen Motto „Glühende Landschaften“.

Tatsächlich sind Stilwille und Originalität der Inszenierung nicht abzusprechen. Abstrakte Farb- und Lichtwirkungen überziehen in ungewöhnlicher Intensität Vorder-, Seiten- und Hinterbühne. Oft sind es geometrische Figuren in Rot, Gelb oder Blau, in Weiß und in Schwarz, die sich in verschiedene Richtungen bewegen, der Verdichtung oder Verdunkelung unterliegen. Wie auffällige Fremdkörper erscheinen in dieser Umgebung eine goldene Scheibe und ein goldener Ring. Zwischenzeitlich erscheinen im Hintergrund germanische Runen, im 2. Akt auch grotesk wirkende, archaische Figurinen. Manchmal mutet die Bebilderung überladen oder beliebig an, doch allemal bleibt die Bühne als eine zweite Schicht über der Musik in Bewegung, während die eigentliche Inszenierung durch Sparsamkeit und Statuarik geprägt ist. Obwohl in der Regel gut verständlich, ist der Text über die Bühne projiziert, und so entsteht oft eine Art dezent bebildertes Lesetheater, in dem der Zuschauer bewusst den Beziehungen zwischen Musik, Handlung und Bebilderung nachspüren kann.

So bleibt viel Raum für die Wirkung der Musik und die stimmliche, artikulatorische und darstellerische Präsenz der Sänger. Am Ende wird das Premierenpublikum während von den Ensemblemitgliedern besonders Iordanka Derilova als großartige Brünnhilde, Rita Kapfhammer als anrührende Waltraute (und zusätzlich Floßhilde und 1. Norne) und Ulf Paulsen als eindrucksvollen Gunther feiern. Unter den Gästen stach der gebürtige Roßlauer Stephan Klemm in der Schlüsselrolle des ebenso wachen wie finsteren Drahtziehers Hagen hervor. Der von Helmut Sonne einstudierte Opernchor (unterstützt durch den Extrachor und den freien Opernchor „choruso“) fesselte durch Timbre, Artikulation, Nuancierung und szenische Beweglichkeit. Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Anthony Hermus überzeugte im 1. Akt noch nicht in jeder Phrasierung und nicht an jeder exponierten Solostelle, aber diese kleineren Unsicherheiten legten sich immer mehr zugunsten eines wirklich imponierenden, farbigen, souverän atmenden Duktus, der die Musik als organischen Bestandteil eines zunehmend fesselnden Gesamtkunstwerks erscheinen ließ.

Dabei hat die Regie den Akteuren eine durchaus gewöhnungsbedürftige, da mehr oder weniger stark ritualisierte Körpersprache auferlegt. Sie ist wesentlich geprägt von Bewegungen der Arme und Hände geprägt und erinnert stark an das barocke Gestenrepertoire, wie es 2009 in Karlsruhe die belgische Regisseurin Sigrid T’Hooft an Händels „Radamisto“ vorgeführt hat. Die Figuren der Handlung wirken auf diese Weise gefangen in Rollen oder Konventionen, allerdings in unterschiedlicher Intensität. Brünnhilde und Hagen agieren relativ natürlich und strahlen selbstbewusste Autorität aus. Ganz anders – und zunächst gewöhnungsbedürftig - Siegfried: Weiß geschminkt und gekleidet, mit roten Lippen und rotem Haarkranz, wobei ihn das in einem Köcher auf dem Rücken (!) getragene Schwert überragt, ist er alles andere als ein blonder germanischer Held, sondern wirkt wie eine Mischung aus Clown, Teletubbie und Roboter. Die Beine stecken in hohen Stiefelschäften, die ihn zum Stechschritt zwingen, und mit weit ausholenden Armen stakst er unternehmungslustig über die Bühne. Am Ende bleibt sogar die Leiche in den Stiefeln stehen. Wie Arnold Bezuyen daraus eine tragikomische Figur macht, die in ihrer verzweifelten Ernsthaftigkeit schon wieder Würde ausstrahlt, ist eine Leistung für sich. Dass er dabei sängerisch in der Höhe bisweilen etwas angestrengt wirkt, ist dabei durchaus noch im Einklang mit der Rolle.

Sehr geschickt nutzt die Inszenierung die ungewöhnlich tiefe und breite Bühne. Hinten erscheint als Walkürenfelsen ein zunächst monolithischer schwarzer Block, der sich zur Treppe auffächern und zudem in den Vordergrund schieben lässt. Vorne fährt aus dem Boden eine Gestängekonstruktion mit drei Aufzügen, die vor allem als Gibichungenhalle dient. Wenn sie seitlich von Vorhängen umfasst ist, erinnert sie – als Anspielung auf die industrielle Tradition des Standortes Dessau – an ein Gasometer. Viele Auf- und Abgänge finden über eine Plattform im Bühnenboden statt – auch dies ein Ausdruck der Abstraktion. Der armreifgroße Ring und die Speere, Schwere und Schilfrohre symbolisierenden Leuchtstäbe der Darsteller bleiben die einzigen sichtbaren Requisiten. Es gibt weder Horn noch Holz, nicht Boot noch Strom, nicht Vogel noch Ross. Die szenischen Verwandlungen aber gelingen perfekt und ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich – um den Preis aber auch, dass „Siegfrieds Rheinfahrt“ zur Hintergrundmusik des Umbaus schrumpft.

In der irritierten Zuschauer-Bemerkung, die Theaterleute hätten wohl „zuviel Science Fiction gesehen“, spiegeln sich Stärke und Schwächen des Regiekonzepts. Unzweifelhaft ist dieser „Ring“ nicht von Gestern: Er rührt nicht in der germanischen Mythensuppe. Er ist aber auch nicht wirklich von Heute, wirkt bei allem Verzicht auf verkrampfte Aktualität und trotz aller Bauhaus-Farben und -Formen seltsam zeit- und ortlos, vielleicht wirklich futuristisch. Am Ende sieht man Siegfried vor dem kohlrabenschwarzen Kubus im Hintergrund in einem Stuhl – wie aufgebahrt zur Leichenverbrennung. Dass der Tote den Arm mit dem Ring noch einmal drohend erhebt, überrascht zwar, entspricht aber Wagners Regieanweisung. Brünnhilde gibt den Ring zurück und steigt auf den angedeuteten Scheiterhaufen. Hagen verschwindet mit den Rheintöchtern in der Versenkung, und Gutrune (Angelina Ruzzafante), die an Gunthers Leiche trauert, wird im Gestänge eingeschlossen. Siegfried aber steigt aus seinem Sitz, kommt nach vorne - und entpuppt sich als ein durchaus lebendiges Kind.

Bühnentechnisch ist dieser Schluss ein raffiniertes Spiel mit der Perspektive. Inhaltlich ist er eine Wendung, die schon Ferrucio Busoni in seinem antiwagnerischen Gesamtkunstwerk „Doktor Faust“ (UA 1925) vorweggenommen hat. Auch hier inkarniert sich als Ausdruck der Hoffnung der tote Held in der jungen Generation wieder neu. Bischof Wolfgang Huber, ehemals Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, hatte es anderntags bei seiner Theaterpredigt in der Johanniskirche nicht schwer, die inhaltliche Brücke zur biblischen Offenbarung des Johannes zu schließen – mit der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Trotzdem erinnert das Ende dieser Dessauer „Götterdämmerung“ auch an die etwas zwanghafte Beschwörungsformel in Bertolt Brechts „Gutem Menschen von Sezuan“. Dort soll sich das Publikum selbst den Schluss ausdenken: „Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ Aber in der Tat: In den glühenden, aber nicht blühenden Landschaften nordöstlich von Sachsen liegt genau hier die Herausforderung. Mit brennenden Landschaften, Untergangsvisionen und Todesrausch ist hier niemandem gedient.

Friedeon Rosén, Der Neue Merker, 13.05.2012

Diese Götterdämmerung stellt ein wirkliches Faszinosum dar. Sie ist explizit – als 1. Ring-Inszenierung des 21. Jahrhunderts - auf die Bauhausstadt Dessau hin konzipiert, die ja vieles mit dem Neu-Bayreuth von Wieland Wagner verbindet. So ist die Inszenierung auch von einer superben Bühnentechnik inspiriert, die quasi im Dauereinsatz ist und den Ring als “Raum-Zeit-Maschine”, ohne möblierte Räume, zeigen soll.
Das Orchester erreicht dabei eine eine sprechende Intensität und wird so seiner Funktion als Handlungsprotagonist, vorausschauende Instanz und rückgewandte Reflexion unter der souveränen Leitung von Antony Hermus vollauf gerecht. In den instrumentalen Zwischenspielen “Rheinfahrt” und besonders im 3.Akt ‘Siegfrieds Trauermarsch’ und ’Untergang Walhalls’ erreicht die Anhaltische Philharmonie auch eine Schönheit und Plastizität des Spiels, die ihresgleichen sucht. Gern sieht man da von einigen Fehlern der Blechbläser /Horn ab, die aber nichtdestotrotz einen vollen weichen Sound herausspielen. Wie schon eingangs festgestellt, ist die Inszenierung von der Bühne Jan Steigerts her gedacht. Zu Beginn erscheinen die Nornen wie Marionetten, die an vom Schnürboden kommenden Bändern hängen, die sich während ihres Gesangs ineinander verkreuzen, inmitten von stehenden Leuchtstäben, die später weitere Verwendung, so auch beim Mannenchor finden. Der Brünnhildenfels mutet wie ein riesiger aufgetürmter schwarzer Schieferthron an, der fortwährend um sich selbst rotiert. Die Personen bewegen sich zumeist wie roboterhafte Marionetten. Der besondere Clou bei Siegfried dabei ist, vom Regisseur André Bücker gewollt: er hat hat immer noch einen martialisch anmutenden Stechschritt drauf. Die Gibichungenszene beinhaltet ein bühnenfüllendes Eisengestell, in dem die Beteiligten wie in Aufzügen immer auf- und abgefahren werden. Die Rheintöchterszene erscheint wieder als Reprise der Nornenepisode, es entsprechen sich auch die Darstellerinnen: Floßhilde = 1. Norn, Wellgunde= 2.Norn, Floßhilde= 3. Norn. Ihre Gewandungen kommen spanischer Nonnentracht zur Renaissancezeit sehr nahe (Kostüme: Suse Tobisch). Während Brünnhildes Absprache ist im Bühnenhintergrund eine kleine Person in einem Schrein hockend schon gegenwärtig. Sie entpuppt sich später als junger Siegfried in dessen Montur en miniature.
Leitmotiv der Inszenierung ist laut A. Bücker die “Kubatur der Sphäre” als positive Wendung des Paradoxon der ‘Quadratur des Kreises’. Dazu soll auch die multimediale Aufbereitung mittels fast permant die Bühne umzuckende abstrakt-farbiger Video-Projektionen (Frank Vetter, Michael Ott) beitrragen. Ein starkes Stück scheint es auch, dass das Team mit einer Innovation herauskommt, wie sie seinerzeit Klaus Zehelein mit seiner Ring-Inszenierung mit 4 verschiedenen Regisseuren in Stuttgart, den Ring in Dessau von hinten bzw. mit ‘Siegfrieds Tod’ als dem Erzähl-Nukleus der Götterdämmerung zu beginnen. Besonders erwähnenswert sind auch die Kostüme Suse Tobischs: so schräg, aber auch wieder streng kabuki-mäßig, dabei auch farbig kombiniert in ihren Applikationen. So hat man das so noch nicht erlebt.
Sängerisch gelingt auch fast alles an diesem Abend. Rita Kapfhammer, Anne Weinkauf und Cornelia Marschall sind das stimmlich volumenreiche, tatsächlich märchenhafte Nornen- und Rheintöchterterzett. Opernchor und Extrachor (Helmut Sonne) leisten auch Vortreffliches. Gutrune wird von Angelina Ruzzafante mit süßlichem, aber präzise geführtem Sopran gegeben. Nico Wouterse gibt einen fast träumerischen Alberich mit gediegenem Timbre. Der Hagen des Stephan Klemm ist nicht großstimmig, aber filigran singend und sehr präsent in seiner Maske als quasi Außerirdischer. Das trifft auch auf Gunther des Ulf Paulsen zu mit geschmeidigem, nicht zu dunklem Bariton. Arnold Bezuyen hat diesen angenehm timbrierten schönstimmigen Siegfried-Tenor, dem er auch zu seinem martialischen Äußeren große Kraft beimischen kann.
In der Waltrauten-Szene durchschreitet Rita Kapfhammer, die auch als Waltraute auftritt, zunächst unermessliche Räume, umgeben mit bunten Kreisen und Kuben, bis sie mit dem Ebenholz-Thron Brünnhildes ihr Ziel erreicht hat. Der folgende Dialog der beiden hat es in sich. Kapfhammer bringt mit warmem, sich steigerndem, bestphrasiertem Mezzo die schauerliche Göttermetamorphose in Walhall zu Gehör. Das wurde seit Waltaud Meier bei den Bayreuther Festspielen nicht mehr in dieser Intensität und Inbrunst wahrgenommen,. Und die Repliken Iordanka Derilovas lassen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Liebe und deren Pfand zu keinem Zeitpunkt weggeben würde. In diesem blaugrünen, fast an eine Meerfrau gemahnenden Outfit schreitet sie auch zu ihren letzten Handlungen am Rhein so stoisch souverän und dabei noch höchst erotisch. Dabei verfügt sie über eine stupende gesangliche Qualität, eine tolle Diktion und einen makellos schöntimbrierten Sopran, der auch in höchster Höhe sowie in der Tiefe völlig durchgestilt erscheint. Das wäre mal eine Brünnhilde für den Jubiläums-Ring 2013 in Bayreuth!

Oliver Hohlbach, operapoint, 13.05.2012

Kurzinhalt

Für Siegfried besitzt der von Alberich verfluchte Ring des Nibelungen ewige Macht. Auch Hagens Halbbruder Gunther möchte den Ring besitzen. Als es Siegfried an den Rhein zu Gunther verschlägt, verliert er unter dem Einfluß eines Zaubertranks jede Erinnerung an Brünnhilde, begehrt Gutrune und verspricht Gunther Brünnhilde zur Frau. Haßerfüllt wendet sich Brünnhilde gegen Siegfried und berichtet, daß sie quasi vermählt seien. Für seinen Betrug an Gunther tötet Hagen auf der Jagd Siegfried, doch Brünnhilde stürzt sich mit dem Ring in den für den Toten brennenden Scheiterhaufen. Die Flammen erfassen Walhall, die Götterdämmerung bricht an: Der Ring versinkt im Rhein und die Welt ist erlöst vom Fluch.

Aufführung

Der Ring in der Bauhausstadt Dessau, die Götterdämmerung im Bauhaus-Stil, wie ein Architektur-Designstil Bühnenbild und Personenführung beeinflussen kann, zeigt uns André Bücker, der Intendant des Theater Dessau: Die vielfarbigen Designer-Kostüme lassen Assoziationen in alle Richtungen zu. Ebenso ist jeder Figur eine eigene Geste zugeordnet. So zeichnet sich der ganz in weiß gekleidete Siegfried mit rotem Haarschopf und Stechschritt aus. Das Bühnenbild wirkt einfach: Die Spielfläche ist in zwei Ebenen aufgeteilt, die versenkt und gehoben werden können. Die hintere Ebene kann den Brünnhildenfelsen aufnehmen, der aus verschiebbaren Quadern besteht. Die vordere Ebene kann ein Stahlgestell (Niebelheim) aufnehmen, in das eine obere Plattform und drei Aufzüge integriert sind. Um diese Spielfläche hängen zwei gekrümmte Vorhänge, die kreisförmig verfahren werden können. Über dieses Bühnenbild werden Projektionen geworfen, die mit vielen Formen und Farben spielen.

Sänger und Orchester

Dominiert wird das ausgezeichnete Sängerensemble vom Rollendebüt Arnold Bezuyens als Siegfried. Er ist von der lyrischen Rolle des Loge aus dem Rheingold nun ins Heldentenor-Fach vorgestoßen. Nach dem Abend kann man feststellen, daß das Potential für diese Weiterentwicklung zweifellos vorhanden ist. Er versucht zunächst alle Töne – besonders die Heil-Brünnhild-Rufe – mit viel Klangvolumen auszusingen. Jedoch geht ihm spätestens zu Beginn des dritten Aktes die Luft aus, hohe Töne werden nur noch angesungen und am Ende wirkt die Waldvogel-Erzählung wie eine alternative tiefere Notierung. Iordanka Derilova als Brünnhilde ist ein hochdramatischer Sopran, der mit viel Durchschlagskraft der Brünnhilde gerecht wird, wenn ihr auch die warmen einfühlsamen Töne (noch) fehlen. Ulf Paulsen kann mit seinen stimmlichen Mitteln aus dem Vollen schöpfen – bei ihm ist Gunther ein zurückhaltender Mensch. Angelina Ruzzafante wertet mit ihren glockenklaren Tonkaskaden die Gutrune von der jugendlichen Naiven zum Vollweib auf, wird damit zur Gegenspielerin der Brünnhilde. Genau das gleiche gelingt Rita Kampfhammer als Waltraute: Ein schier unerschöpfliches Stimmvolumen und Ton-Umfang ermöglicht ihr mit einem mystisch-rauchigen Ausdruck die Verzweiflung der Waltraute greifbar zu machen. Stephan Klemm verleiht dem Hagen mit seiner soliden Baß-Stimme entsprechendes Auftreten, wenn auch ein wenig Bösartigkeit fehlt. Der Chor besticht durch transparentes Klangbild und exaktes Zusammenspiel, besonders, da er mit einem Extrachor verstärkt wurde. Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen der Götterdämmerung. Die symphonischen Zwischenstücke wie Siegfrieds Rheinfahrt werden monumental breit mit viel Leidenschaft gespielt. Manchmal wirkt das gefühlte Tempo sehr breit, aber das Finale wird zu einem Kumulationspunkt der Hoffnung.

Fazit

Minutenlange Ovationen, ein tobendes Publikum – das ist der Lohn für eine sehr aufwendige, den Zuschauer in der Farben-Formen-Bilderflut fast ertränkende Inszenierung. Die körperstarre gestendominierte Personenführung erinnert an Regisseur Robert Wilson, wodurch im ersten Akt Längen entstehen, denn die teilweise unverständlichen Gesten verundeutlichen manches Mal die Handlung). Auch stören die permanent grellen Projektionen unkonkreter Formen quer über das gesamte Bild. Dennoch überzeugt die Produktion durch eindrucksvolle Bühnenbilder. Musikalisch bestätigt dieser Ring das Anhaltische Theater Dessau als derzeit führendes Haus im Großraum Berlin – und als Wahrer einer Wagner-Tradition in Dessau.

Helmut Rohm, Magdeburger Volksstimme, 14.5.2012

Faszinierende Verknüpfung zweier Mythen zum Gesamtkunstwerk

Dessau-Roßlau l Mehr als 15 Minuten stürmischen Beifall und Standing Ovations zollten die Besucher im Anhaltischen Theater Dessau am Sonnabend nach fünfeinhalbstündiger Aufführung Darstellern, Musikern und Inszenierungsteam. Mit der "Götterdämmerung" hat das vierjährige Projekt von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" einen grandiosen Auftakt erfahren.

Zunächst ist es ganz still, nachdem der letzte Ton verklingt. Die mehr als 1000 Gäste sind noch gefesselt vom überwältigenden Finale. Ganz weit weg in der schier unendlichen Tiefe der in Rot getauchten Bühne wird Brünnhilde ins Feuer reiten. In den videogestützten raumübergreifend tosenden Rhein wird der Ring zurückkehren. Hagen versinkt in den Fluten. Der Untergang der Götter ist besiegelt.

Regisseur André Bücker, der den "Ring" vom Ende her erschließt, ist mit seiner Inszenierung ein "großer Wurf" gelungen. Eine Inszenierung, die so nur in der Bauhausstadt Dessau möglich ist. Wenn man denn Mut und Visionen hat und sich eines engagierten Ensembles sicher ist.

Diese Opernaufführung ohne modernisierende Neudeutung ist getragen von der faszinierenden Verknüpfung zweier Mythen zu einem ganzheitlichen Kunstwerk. Dem der Götterbeziehungen an sich und dem Mythos der klassischen Moderne des Bauhauses. Damit wurde ebenso eine Art Mythos vom "Dessau als Bayreuth des Nordens" neu begründet.

Dass Text in Übertiteln, trotz des gut verständlichen Gesanges, präsentiert wird, hilft dem Zuschauer, die spannende Geschichte über Liebe und Treue, Macht, Intrige sowie Verrat und schließlich auch Tod und Erlösung schnell nachvollziehen zu können. Und sich damit voll dem Geschehen auf der Bühne und der grandiosen Musik hingeben zu können.

Das alles letztendlich so prächtig gelang, war gerade bei dieser Wagner-Oper eine Gesamtleistung aller Mitwirkenden hinter und auf der Bühne. Die die Handlung dem Publikum mit Gesang, Mimik und Gestik unmittelbar nahebringen, sind die Darsteller. Großer Beifall und Bravo-Rufe gab es für alle. Durchweg alle verbanden Gesang und Spiel, natürlich rollenabhängig, sehr überzeugend.

Dennoch gab es mit Iordanka Derilova (Brünnhilde) und Stephan Klemm (Hagen) zwei ausgemachte Publikumslieblinge. In weiteren Rollen brillierten Arnold Bezuyen, Ulf Paulsen, Nico Wouterse, Angelina Ruzzafante, Rita Kapfhammer, Anne Weinkauf und Sonja Freitag. Die Chöre unter Helmut Sonne überzeugten einmal mehr mit Gesang und Spiel gleichermaßen hervorragend.

Die Bühnenbildgestaltung von Jan Steigert verdient eigentlich eine umfangreiche eigene Betrachtung, weil so viel Symbolik darin steckt und sich wundersame Verwandlungen vollziehen. Farbe, Licht und Formen, ganz im Bauhausstil, waren stimmig eingesetzt.

Für eine technische Meisterleistung und gleichsam eine verblüffende dramatische Regieidee steht der schwarze Kubus, aus dem auf freier Bühne der Walkürefelsen "geboren" wird. Die Mystik unterstreichende Kostüme hat Suse Tobisch geschaffen.

Videoeinspielungen vervollständigen die Stimmung, unterstützen Handlungen, hätten aber an manchen Stellen etwas dezenter ausfallen können.

Bei teils stakkatohaften symbolträchtigen "Bewegungsmustern" stutzte der eine oder andere Gast zunächst - Spielraum, für sich selbst eine Deutung zu finden.

Wagners Musik in ihrer Vielschichtigkeit zu beschreiben, erscheint überflüssig. Der Anhaltischen Philharmonie unter GMD Antony Hermus ist in Ehrfurcht zu danken, was das Publikum mit spontanem stehenden Beifall tat, als alle Musiker auf der Bühne erschienen.

Joachim Lange, Mitteldeutsche Zeitung, 14.5.2012

Premierenpublikum feiert Dessauer «Götterdämmerung»
DESSAU-ROSSLAU/MZ. Die Götterdämmerung ist schon von der puren Länge her das gewaltigstes Einzelstück aus Richard Wagners Ring-Vierteiler. Doch in dem Fünfstünder sind viele der Ring-Messen längst gesungen. Es wird nur in ausführlichen Rückblenden daran erinnert, dass es da einen schweren Fall von Goldraub gab. Mit weitreichenden Folgen und etlichen Toten. Denn mit dem Ring, den sich Alberich aus seiner Beute schmiedet, bekam das Unheil in der Welt sein Symbol. Wotan geht fremd Selbst Wotan, der eigentlich für die Ordnung der Welt zuständig ist, wurde als er vom Ring hörte, zum Dieb. Außerdem geht er fremd, was das Zeug hält, versucht, den Inzest seiner außerehelich gezeugten Zwillinge zu decken, und verhilft obendrein noch deren Sprössling Siegfried zu einer Liebschaft mit der eigenen Tochter Brünnhilde. Dass er damit zugleich versucht, die in den Dreck gefahrene Kiste Welt wieder flott zu machen und den eigenen Untergang in Kauf nimmt - das alles gehört zur Vorgeschichte. Da läuft Siegfried "nur" noch bei den Gibichungen in Hagens tödliche Intrigenfalle. Was Wagner auf seine vertrackt großartige Weise seinem 19. Jahrhundert, also auch dem aufkommenden Kapitalismus abgelauscht hat, zu entwickeln und neu zu befragen, macht den Reiz der Ringtetralogie aus. Wenn man, aus welchen guten Gründen auch immer, den Ring vom Ende her beginnt, fehlt natürlich die Vorgeschichte. Und das ist ein Problem. Aber sei's drum. Für die Wagnerfans in Sachsen-Anhalt hat das den Vorzug, dass man dem "Siegfried" in Halle eine gänzlich andere "Götterdämmerung" folgen lassen kann. André Bückers Ring-Ansatz zielt ohnehin nicht auf die offenkundige (vor allem von Joachim Herz in Leipzig und dann von Patrice Chereau in Bayreuth in den siebziger Jahren beispielhaft ausgelotete) Korrespondenz zur Gesellschaft, in der das Werk entstand, oder auch zu der, in der er inszeniert wird. Er nimmt die "Götterdämmerung" für sich, als den ästhetischen Kosmos eigenen Rechts. Dabei macht er aus dem vermarktungscleveren Zusatz zum Titel des Projektes " … in der Bauhausstadt Dessau" ein ästhetisches Prinzip. Und das mit einer erstaunlichen Konsequenz und einem ausgeprägten Formwillen. Dabei nimmt er in Kauf, dass die Form (zu) oft über den Inhalt, ja sogar über die Musik triumphiert. Vor allem die permanent flimmernden Projektionen (von Frank Vetter und Michael Ott) auf dem weiß verkleideten Bühnenportal nerven schnell. Mag sein, dass das die rampennahe Statik der Personenplatzierung ausgleichen sollte. Im Ganzen gelingt freilich eine faszinierende Kunstanstrengung. Denn die von den Farb-, Form- und Theateransätzen der Bauhäusler oder von Robert Wilsons ritualisierter Bewegungsdramaturgie und Lichtmagie inspirierte Ästhetik trägt szenisch vor allem deshalb, weil Jan Steigert eine großartige Raumlösung gelungen ist. Der Walkürenfelsen ist ein schwarz glänzender Riesenquader, dessen 14 Schichten so beweglich sind, dass sie sich mit scheinbarer Leichtigkeit zu einem abstrakt stufigen Felsen auffächern lassen. Meisterwerk der Bühnentechnik Als Gibichungen-Halle fungieren drei riesige Turmkonstrukte, in denen man sich ebenso wie auf dem umgebenden Plateau wie von Fahrstuhl-Zauberhand auf und ab bewegen kann. Zusammen mit den beweglichen Teilhorizonten, die als Projektions-Leinwände im Dauereinsatz sind, ist da ein Meisterwerk der Bühnentechnik zu bestaunen, das obendrein wie geschmiert funktioniert. Suse Tobischs Kostüme fügen sich in ihrer bunten Abstraktion als eigenständige Kunstwerke ein. Mal mehr - wie bei Brünnhilde oder den blau berockten, mit Neon-Leuchtspeeren bewaffneten Mannen. Mal weniger - wie ausgerechnet beim Siegfried. Der sieht schon seltsam antiheldisch, wie ein missglücktes Playmobil-Männchen aus, dem der Regisseur obendrein eine Art Stechschritt verordnet hat, mit dem der Ärmste wie der Storch im Ringsalat herumstapfen muss. Es lacht trotzdem keiner. Die Konsequenz schützt ihn. Und natürlich der fast bis zum Schluss tadellose, exzellent wortverständliche Gesang, mit dem Arnold Bezuyen seinen ersten Siegfried meistert! Wie Halle kann auch Dessau mit dem Superhelden glänzen. Stephan Klemm ist wenn auch kein übermäßig diabolischer, aber doch ein hochsouveräner Hagen. Ulf Paulsen fügt seinem Gunther eine Extraportion Spiel hinzu. Angelina Ruzzafante leidet besonders überzeugend als betrogene Gutrune. Nico Wouterse ist der immer noch ehrgeizig mitspielende, seinen Sohn Hagen manipulierende Alberich. Ein Kabinettstück von Wagnergesang lieferte Rita Kapfhammer mit ihrer Waltrauden-Erzählung (aber auch als erste Norne und Flosshilde). Anne Weinkauf und Sonja Freitag komplettierten das orakelnde Trio der Nornen und der Rheintöchter. Bleibt die hauseigene Brünnhilde: Iordanka Derilova. Die läuft nach kleinen Anlaufproblemen ab dem zweiten Akt zu erstklassiger Form auf. Mit einer unglaublichen, vibratoreichen Durchschlagskraft, doch stets ohne zu brüllen und mit mustergültiger Artikulation! Und während die Musik das Ende der Götter zelebriert, kommt ein kleiner Jung-Siegfried vor den Vorhang. Was wohl "Alles auf Anfang" heißen soll. Seinen Jubel für die Protagonisten und die von Helmut Sonne einstudierten Chöre steigerte das Premierenpublikum noch einmal bei Antony Hermus und der Anhaltischen Philharmonie. Dem Generalmusikdirektor und Ring-Neuling ist es wirklich auf Anhieb gelungen, die Geister der langen Wagner-Tradition im Bayreuth des Nordens für seinen Ring-Auftakt zu erwecken. Dafür gab es am Samstagabend ganz zu Recht stehende Ovationen.

Peter Jungblut, Bayerischer Rundfunk, 13. Mai 2012

Für ihre romantische Ader sind die Bauhaus-Künstler nicht gerade bekannt. Und auch mit Richard Wagners gefühlsgeladenen Werken hatten sie wenig im Sinn, ging es dem Bauhaus doch um einen Aufbruch in die Moderne, um Zweckmäßigkeit, Alltagstauglichkeit, kurz und gut: Um die Beschränkung auf das Wesentliche. Deshalb beschäftigte sich das Bauhaus mit den drei Grundfarben rot, blau und gelb, und mit drei Grundformen Kreis, Dreieck und Viereck. Man könnte auch sagen: Mit Harmonie und Geometrie. Genau diese Gedanken bestimmten auch die "Götterdämmerung", die gestern Abend in der Bauhaus-Stadt Dessau Premiere hatte. Intendant und Regisseur André Bücker.
[André Bücker: Das Bauhaus hat natürlich auch eine ganz wichtige Wirkung hier in der Stadt, als Weltkulturerbestätte, als großer Partner auch für das Theater, und wir haben uns bei der Konzeption, bei den Überlegungen zum Ring natürlich Gedanken gemacht, wo siedeln wir das an, wir behandeln wir diesen Stoff und da sind wir auf die klassische Moderne gekommen, da sind wir auf Wieland Wagner gekommen mit Neubayreuth, die Einflüsse, die es da aus der klassischen Moderne und dem Bauhaus-Bereich gab, auch Paul Klee. Das wichtige bei unserem Ring ist, dass wir nicht eine kalte, analytische, geometrische Veranstaltung machen, sondern dass sich über diese äußere Form auch stark die Emotionen transportieren.]
Bauhaus auf der Opernbühne - das hat also Tradition. In den radikal leer geräumten Bühnenbildern von Wieland Wagner in den fünfziger Jahren ersetzte das Licht beinahe sämtliche Requisiten, Kostüme und Kulissen. Einen ähnlichen Weg beschritt André Bücker. Farbprojektionen dominierten die Götterdämmerung, immer streng entlang der Grundfarben rot, blau und gelb. Selten tauchten germanische Runen in diesen Flächen auf, oder auch Liniengewirre und pulsierende Formen, die mal an Zellkulturen, mal an Blutkreisläufe oder Schattenspiele erinnerten. Natürlich bewegten sich die Sänger in dieser abstrakten Bauhaus-Optik streng geometrisch: Eine Finger-, Hand- oder Armbewegung ist jeweils ein Ereignis - alle Aufmerksamkeit konzentriert sich auf diese kleinen und kleinsten Gesten. Ansonsten sind die Personen wie erstarrt, wie eingenäht in ihre Bauhaus-Kostüme. Auch hier hält sich das Design strikt an die Grundfarben und Grundformen des Bauhaus-Stils - Siegfried stakst in rechteckigen Riesenstiefeln herum, die Rheintöchter tragen kegelförmige Röcke, Brünnhilde zieht mit einem dreieckigen, roten Herz die Blicke auf sich, Hagen schüchtert seine Gegner mit einem Kampfanzug in Brauntönen ein. Das alles hätten den Bauhaus-Künstlern vermutlich sehr gefallen - ist aber nicht immer bühnenwirksam. Die Beschränkung auf wenige Gesten und Blicke steigert zweifellos die Konzentration des Publikums, das streckenweise dem Konzept schier atemlos folgte. Andererseits ist eine derart strenge Orientierung am Bauhaus bisweilen ermüdend - vor allem dann, wenn sich die Personen bei Wagner eigentlich total entäußern, also alle Grenzen und Konventionen hinter sich lassen und ganz ihren Gefühlen folgen. In solchen Momenten wirken sowohl die grellen Lichteffekte, als auch die reduzierte Körpersprache fehl am Platz. Gerade die Lichtregie war so emsig und aufdringlich im Einsatz, dass weniger deutlich mehr gewesen wäre, um mit dem Bauhaus zu argumentieren. Dennoch ein großer Erfolg für Dessau, auch wegen des grandiosen Orchesters unter Leitung von Antony Hermus. Er dirigierte ausgesprochen feinfühlig, was den überwiegend hervorragenden Sängern zugutekam. Soviel Textverständlichkeit ist selten, und auch das darf getrost zu den Bauhaustugenden gerechnet werden.

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