Esclarmonde

Oper von Jules Massenet

unter der Schirmherrschaft von Violaine Varin, Kulturattachée der französischen Botschaft und Leiterin des Institut français Sachsen-Anhalt


Deutsche Erstaufführung

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Märchenhaftes Mittelalter, Zeit der Helden und Zauberinnen. Der oströmische Kaiser Phorcas dankt ab und gibt die Krone seines Reiches sowie seine Zauberkräfte an seine Tochter Esclarmonde weiter. Diese betrachtet die Krone als eine Bürde, nicht zuletzt, da ihr auferlegt ist, keusch zu leben. Sie bricht die Regel und geht eine Liaison mit dem Ritter Roland ein. Die Treffen des ruhmreichen Helden Roland und der Kaiserin finden im Geheimen statt. Als Roland dem König von Frankreich erfolgreich im Kampf gegen Eindringlinge hilft, soll er dessen Thronfolger werden und die französische Königstochter heiraten. Er lehnt unerwartet ab. Ein Bischof am französischen Hof beobachtet Roland argwöhnisch und bezichtigt ihn der Zauberei. Bei einem Rendevouz werden die Liebenden schließlich von den Häschern des Bischofs entdeckt. Esclarmonde glaubt sich von Roland verraten und zieht sich enttäuscht zurück. Kaiser Phorcas erfährt von den Vorgängen in Frankreich und zwingt seine Tochter, einen Bräutigam seiner Wahl zu heiraten – in einem Turnier soll dieser gefunden werden. Es gewinnt ein schwarzer Ritter, der vor Esclarmonde zunächst nicht das Visier öffnet und sich als »Die Verzweiflung« vorstellt. Doch Esclarmonde hat ihren Geliebten bereits an der Stimme erkannt, und ihr Vater Phorcas willigt nun großherzig in die Verbindung ein. In großen musikalisch-szenischen Bildern entfaltet Jules Massenet, der Komponist von »Werther« und »Manon«, die bunte Handlung, die einem französischen Ritterroman des Mittelalters entnommen ist. Dass hier und da ein Seitenblick auf Wagner geworfen wird, überrascht angesichts des Sujets nicht. »Esclarmonde« wurde mit beeindruckendem Erfolg zur Weltausstellung in Paris 1889 produziert und richtet sich mit seiner, wie wir heute sagen würden, »Fantasy-Story« an ein breites Publikum. Eine Märchenoper für Erwachsene von dem berühmtesten französischen Opernkomponisten seiner Zeit.


Aufführungsdauer: 3 Stunden, 30 Min. (inkl. 1 Pause)


5 Tonbeispiele
Esclarmonde, Epilog. 'De l'autel vénéré.' 'O dvinie Esclarmonde! Phorcas, Ulf Paulsen. Opernchor
Esclarmonde, I. Akt. 'Esprits de l'air! Esprits de l'onde! Esprits du feu!' Esclarmonde, Angelina Ruzzafante
Esclarmonde, II. Akt, 2. Bild. Arie Roland 'O glaive, a ton aspect' Roland, Sung-Kyu Park
Esclarmonde, III. Akt, 1. Bild. Chor 'O Blois! misérable cité!' Opernchor
Esclarmonde, III. Akt, 2. Bild. Arie Esclarmonde 'Regarde-les, ces yeux' Esclarmonde, Angelina Ruzzafante

Schülerprojektblog zum Inszenierungsprozess:

exclamor.de

Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung Roman Hovenbitzer
Bühne und Kostüme Tilo Steffens
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Felix Losert

Esclarmonde, Kaiserin des Orients Angelina Ruzzafante
Parséïs, ihre Schwester Rita Kapfhammer
Ritter Roland, Graf von Blois Sung Kyu Park
Kaiser Phorcas, Vater von Esclarmonde Ulf Paulsen
Der Bischof von Blois Nico Wouterse
Énéas, byzantinischer Ritter, Verlobter von Parséis David Ameln
Cléomer, König von Frankreich André Eckert
Ein Gesandter der Sarazenen Pawel Tomczak
Ein byzantinischer Herold Alexander Dubnov

„O divine Esclarmonde! O valeureux Héros! L'univers vous acclame en frémissant d'amour!“


PRESSESTIMMEN

"Liebe mit geschlossenen Augen", www.omm.de (Online Musik Magazin), 06.01.2014

von Thomas Molke

Dass Jules Massenets Oper Esclarmonde erst 2013 ihre deutsche Erstaufführung in Dessau erlebte, mag aus mehreren Gründen verwundern. Zum einen hielt Massenet dieses Werk für seine gelungenste Komposition. Zum anderen avancierte dieses Stück, das gewissermaßen zeitgleich mit der Einweihung des Pariser Eiffelturms seine Uraufführung erlebte, zu einem regelrechten Welterfolg, an dem sicherlich einerseits die Besetzung der Titelpartie mit der jungen und bildhübschen Ausnahmesopranistin Sybil Sanderson, die laut Massenets Memoiren über ein Stimmvolumen von drei Oktaven verfügte, und andererseits die technischen Möglichkeiten der Weltausstellung einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet haben dürften. So brachte es diese Produktion bis 1890 auf ca. 100 Vorstellungen an der Pariser Opéra-Comique, die übrigens alle von Sanderson gesungen wurden. Vielleicht war es aber auch gerade der Respekt vor dieser Sängerin und den technischen Möglichkeiten in Paris, die andere Bühnen vor diesem Werk zurückschrecken ließen. Jedenfalls geriet die Oper nach ihrem Sensationserfolg nach 1890 zum Leidwesen des Komponisten sehr schnell in Vergessenheit und hat, anders als Manon und Werther, bis jetzt nicht den Weg ins gängige Repertoire gefunden. Das Anhaltische Theater Dessau hat mit dieser deutschen Erstaufführung nun einen ersten Versuch unternommen, dies zu ändern.

Das Libretto geht zurück auf den zur damaligen Zeit weit verbreiteten Ritterroman Parthenopeus de Blois und entstand als Entwurf bereits in den 1870er Jahren. Massenet musste allerdings erst die Bekanntschaft mit Miss Sanderson machen, bevor er sich 1888 entschied, diesen Stoff zu vertonen. Im Zentrum steht Esclarmonde, die Tochter des Kaisers Phorcas von Byzanz, die nicht nur vom Volk wie eine Heilige verehrt wird, sondern auch mit Hilfe dämonischer Mächte Zauberkräfte besitzt. Bis zu ihrem zwanzigsten Geburtstag soll sie mit einem Schleier verhüllt die Kaiserwürde ausüben. Dann soll bei einem Ritterturnier ein Sieger gekürt werden, der ihr Gemahl und damit auch Kaiser über Byzanz wird. Doch Esclarmonde verliebt sich in der Zwischenzeit in den französischen Ritter Roland und trifft sich mittels ihrer Zauberkräfte heimlich mit ihm auf einer Zauberinsel. Dabei muss Roland ihr schwören, dass er niemals ihren Schleier lüften oder sie nach ihrem Namen fragen werde. Nach der Befreiung der Stadt Blois durch Roland kommt sein Verhältnis mit der geheimnisvollen Unbekannten auf Drängen des Bischofs ans Tageslicht, und Esclarmonde muss dem Geliebten entsagen, um ihn vor dem Tod zu bewahren. In seiner Verzweiflung sucht er diesen allerdings in besagtem Ritterturnier, bei dem der Sieger nicht nur Esclarmondes Gatte sondern auch Herrscher über Byzanz werden soll. Roland gewinnt das Turnier, und so nimmt die Geschichte völlig unerwartet doch noch ein gutes Ende.

Roman Hovenbitzer betont in seiner Inszenierung den Aspekt des "Nicht-Sehen-Dürfens". Wenn Esclarmonde die dämonischen Mächte das erste Mal zur Hilfe ruft, um Roland auf die Zauberinsel zu bringen, treten diese alle mit roten Strumpfmasken vor dem Gesicht auf, bei denen die Augen nicht sichtbar sind. Auch Roland verbindet sich in seinen Zusammentreffen mit der Geliebten stets die Augen mit einem weißen Tuch, so dass er sich gewissermaßen aus Liebe blind macht. Im Gegensatz dazu steht allerdings, dass das Eintauchen in die Zauberwelt durch ein riesiges Auge erfolgt. Wenn die Geister Roland auf einem Boot auf die Zauberinsel führen, wo er zum ersten Mal auf Esclarmonde trifft, tritt er ebenso wie sie durch das große Auge in der Mitte der Bühne auf. Dieses Auge wird auch aus dem Schnürboden herabgelassen, wenn Roland nach seinem Sieg über die Sarazenen in Blois erneut seine Geliebte erwartet. Dass diese Liaison nicht "unsichtbar" bleiben kann, wird auch bereits im Prolog in der Basilika angedeutet, wenn Tilo Steffens in seinem Bühnenbild zwischen den geschwungenen Holzbögen, die in ihrer Form wohl eine Anspielung auf die Füße des Eiffelturms sein sollen, zahlreiche Augen im Hintergrund positioniert. Ob der schräg angelegte Kreisring im vierten Akt, durch den Esclarmonde schuldig vor ihren Vater tritt, nachdem dieser von der Missachtung seines Gebots erfahren hat, und in dem er mit Esclarmonde verschwindet, nachdem sie Roland entsagt hat, ebenfalls eine Anspielung auf das Innere eines Auges sein soll, ist Interpretationssache.

Die magischen Momente der Oper werden nicht nur durch Tilo Steffens' zahlreiche Bühnenelemente, die aus dem Bühnenboden auftauchen und wieder verschwinden, sondern auch durch geschickte Videoprojektionen von Barbara Janotte eingefangen. Wenn Esclarmonde im ersten Akt in einem langen weißen Gewand verschleiert auf einer Empore thront, sieht man auf diesem Gewand bereits Projektionen von Roland, um deutlich zu machen, wie dieser Ritter in ihre Gefühlswelt eindringt. Gelungen ist auch das Knüpfen eines Seils, das auf einen schwarzen Prospekt vor der Bühne projiziert wird, welches sich hinterher als ein Netz entpuppt, in dem Roland auf die Zauberinsel gebracht wird. Auch die erste Liebesnacht auf der Insel wird mit dezenten Bildern passend zur Musik auf diesem Prospekt umgesetzt. Einige Regie-Einfälle werfen allerdings Fragen auf. So wirkt es schon ein wenig übertrieben, dass Hovenbitzer Roland gewissermaßen unter Folter dem Bischof die Beziehung zu der geheimnisvollen Fremden gestehen lässt. Auch ist fraglich, warum Hovenbitzer das glückliche Ende in Frage stellt. Nachdem Roland erkennt, dass er mit seinem Sieg beim Ritterturnier die geliebte Esclarmonde gewonnen hat, zieht der Chor die Treppe zur Seite, die zu der auf einer Empore schwebenden Esclarmonde führt, so dass Roland zwar zum jubelnden Schlussgesang die Treppe emporsteigen kann, um mit Esclarmonde auf Augenhöhe zu gelangen, allerdings zu weit von ihr entfernt ist, um auch nur ihre Hand zu ergreifen.

Dass man über diese kleinen Unstimmigkeiten leicht hinwegsehen kann, ist vor allem der musikalischen Umsetzung zu verdanken, die zum einen die Qualitäten des Anhaltischen Theaters unterstreicht, da bis auf eine Ausnahme alle Partien mit Ensemble-Mitgliedern besetzt werden können. Großen Eindruck hinterlässt Ulf Paulsen, der mit kräftigem Bass-Bariton Esclarmondes Vater gewaltige Autorität verleiht. Erwähnenswert ist hier seine bewegende Arie "Sort mystérieux", in der er Esclarmondes Treuebruch beklagt. Nico Wouterse, ehemaliges Ensemble-Mitglied, stattet den Bischof mit markantem Bass aus und lässt ihn stimmlich bald dämonischer als die eigentlichen dunklen Mächte des Stückes erscheinen. Rita Kapfhammer begeistert als Esclarmondes Schwester Parséïs mit einem voluminösem Mezzo und bewegendem Spiel. Der Opernchor, der nicht nur um den Extra- und Kinderchor sondern auch um den freien Chor "coruso" erweitert wird, trumpft vor allem bei der Belagerung der Stadt Blois im dritten Akt und beim Finale mit großer Homogenität fulminant auf. Auch darstellerisch ist er intensiv ins Spiel einbezogen. David Ameln und Thomas Skambraks gefallen ebenfalls in den Partien des Énéas und Cléomer.

Eine besondere Herausforderung stellen die beiden Hauptpartien Esclarmonde und Roland dar. Doch auch hier lässt die Besetzung keine Wünsche offen. Mit Sung-Kyu Park hat man einen Tenor für den Ritter Roland verpflichtet, der nicht nur das Heldenhafte der Partie großartig auszusingen vermag, sondern auch die lyrischen Momente mit sanfter Stimmführung voll zur Geltung bringen kann. So gelingen ihm die hohen Töne, ohne zu pressen oder zu forcieren. Eine Glanzleistung liefert auch Angelina Ruzzafante in der Titelpartie ab. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit schraubt sie sich bei den Koloraturen in schwindelerregende Höhen und gestaltet die Partie auch in der Mittellage mit gewaltigem Volumen. Hinzu kommt ihr intensives Spiel, so dass man ihr die Leiden der jungen verliebten Frau in jedem Moment abnimmt. Abgerundet wird diese hervorragende sängerische Leistung durch die eindringlich aufspielende Anhaltische Philharmonie, die diese Produktion erstmals unter der Stabführung von Wolfgang Kluge präsentiert. So gibt es am Ende frenetischen Beifall für alle Beteiligten, auch wenn das Haus leider nicht ausverkauft ist.

FAZIT Diese selten gespielte Oper sollte man sich nicht entgehen lassen. Im Rahmen des Elbmusikfestes wird diese Produktion noch einmal am 1. Juni 2014 zu erleben sein.

Massenets-Soufflé (RONDO-Das Klassik & Jazz Magazin, September 2013)

von Robert Fraunholzer

Anhaltisches Theater Dessau, Massenet "Esclarmonde"

Die Belle époque — Sehnsuchts-Epoche jedes Paris-Touristen – erfand nicht nur den Eiffelturm‚ Glanz und Elend der Kokotten und eine Schwäche für Sahne-Baisers. Auch die Vorliebe für Saison-Chic, für Talmi, Strass und falschen Flitter kam damals in die Welt. Perfekter musikalischer Ausdruck dieser Lust am Neuen war der heute als „Modekomponist“ bespöttelte Jules Massenet.

Dass sein Hauptwerk „Esclarmonde“ (1889) so lange auf eine deutsche Erstaufführung warten musste, sagt etwas über die Verschmälerung unseres Repertoires. Auch Werke wie „Le Cid“, „Herodiade“, „Cleopatre“ oder „Cherubin“ haben in Wirklichkeit ihr Verfallsdatum nicht erreicht — und könnten einmal wieder zum dernier cri einer Hauptstadt-Saison erklärt werden. Nun ist es das Anhaltische Theater Dessau, das sich einer Aufgabe annimmt, die eigentlich Berlin anstünde.

Die Dessauer Ensemble-Diva Angelina Ruzzafante — ein Name, den man nicht erfinden kann — betört als unkeusche Zauberin im Fantasy-Mittelalter Massenets. Nicht nur der schwarze Ritter Roland (mit großartigen Reserven: Sung Kyu Park) zieht für sie in den Kampf. Auch das Publikum verfällt den byzantinischen Beschwörungskünsten. Immerhin: ln der Schallplattengeschichte zeigte sich der Titelrolle bislang nur Joan Sutherland gewachsen. Daniel Carlberg am Pult der Anhaltischen Philharmonie bäckt, belüftet und beduftet Massenets Kirsch-Soufflé. Eine Aufführung, die scharenweise Publikum aus Berlin und Wien anlockte.

Sie platziert eine preiswürdige Ohrfeige im Gesicht jener Sparpolitiker in Sachsen-Anhalt, die soeben dem 1100 Plätze-Haus die Beine weghauen wollen. Durch eine geplante Kahlschlag-Aktion sollen dem Theater die Subventionen zusammengestrichen werden. Wodurch das Haus handlungsunfähig würde, während nicht einmal 3 Millionen Euro gespart würden. Ausgrabungen wie diese‚ welche Theatertraditionen neu beleben, wären ein für alle Mal perdu. Sagen wir es deutlich: Dessau gelingt mit „Esclarmonde“ der Fund des Jahres. Bitte weiter so!

Französische Opernrarität in Dessau (Der Neue Merker, 30.06.2013)

von Udo Pacolt

DESSAU: ESCLARMONDE von Jules Massenet
Französische Opernrarität in Dessau: „Esclarmonde“ von Jules Massenet (Vorstellung: 29. 6. 2013)

Im Anhaltisches Theater Dessau fand die Deutsche Erstaufführung der nur selten gespielten Oper „Esclarmonde“ von Jules Massenet statt, die im Jahr 1889 in Paris uraufgeführt wurde. Die Titelfigur dieser „opéra romanesque“ in vier Akten, deren Libretto Edouard Blau und Louis de Gramont verfassten, war einst eine Paraderolle von Joan Sutherland, die sie 1974 in San Francisco, 1976 in New York und 1983 in London verkörperte.

Jules Massenet komponierte diese romantische Oper, deren Handlung einem französischen Ritterroman des Mittelalters entnommen wurde, für die Weltausstellung in Paris, wo sie einen beeindruckenden Erfolg feierte. Nicht zuletzt deshalb, weil Jules Massenet „den außergewöhnlichen stimmlichen Möglichkeiten von Sybil Sanderson Rechnung trug“, wie man dem Reclam-Opernführer entnehmen kann. Die Handlung der Oper, die in Dessau in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln gezeigt wird, in Kurzfassung: Als der oströmische Kaiser Phorcas abdankt, gibt er die Krone seines Reiches und seine Zauberkräfte an seine Tochter Esclarmonde weiter. Doch sie betrachtet die Krone als Bürde, da ihr auferlegt ist, keusch zu bleiben. Dennoch geht sie eine Liaison mit dem Ritter Roland ein, wobei die Treffen des ruhmreichen Helden und der Kaiserin im Geheimen stattfinden. Als Roland dem König von Frankreich erfolgreich im Kampf gegen die eigedrungenen Sarazenen hilft, soll er dessen Thronfolger werden und die französische Königstochter heiraten, doch er lehnt ab. Der Bischof von Blois beobachtet Roland argwöhnisch und bezichtigt ihn der Zauberei. Bei einem Rendezvous werden die Liebenden von den Häschern des Bischofs entdeckt. Esclarmonde glaubt sich verraten und zieht sich enttäuscht zurück. Als Kaiser Phorcas von den Vorgängen in Frankreich erfährt, zwingt er seine Tochter, einen Bräutigam seiner Wahl zu heiraten, wobei dieser in einem Turnier gefunden werden soll. Es gewinnt ein schwarzer Ritter, der vor Esclarmonde zunächst nicht das Visier öffnet und sich als „Die Verzweiflung“ vorstellt. Doch sie hat ihren Geliebten bereits an der Stimme erkannt – und ihr Vater willigt nun großzügig in die Verlobung ein.

Roman Hovenbitzer, der sich bereits am Stadttheater Gießen und am Theater Erfurt durch gut durchdachte Regiearbeit einen Namen machte, inszenierte das romantische Werk sehr dramatisch und mit guter Personenführung, wobei er mit Tilo Steffens, der für Bühne (mit magischem Riesenauge und mehrere Meter hohem Podest für den König) und Kostüme (in mittelalterlichem Stil gehalten) verantwortlich zeichnete, einen kongenialen Partner hatte. Mit einfachen Mitteln und dennoch gut gelöst der Kampf um die Stadt Blois, die von den Sarazenen belagert wird. Eine optisch gelungene Idee waren die Filmeinspielungen bei den Liebesszenen zwischen Esclarmonde und Roland (Video: Barbara Janotte). Spektakulär auch die Idee, das Ritterturnier um die Hand Esclarmondes vom Rang aus durch den Herold und durch Posaunen ankündigen zu lassen.

Nicht unbedingt schlüssig das Ende der Oper, als Ritter Roland auf den Treppen zu seiner großen Liebe aus Erschöpfung zusammenbricht – stirbt er oder wird er als heldenhafter Ritter auch seinen körperlichen Schwächeanfall besiegen können? Der schnell heruntergelassene Vorhang lässt das Publikum im Unklaren. In mir keimt der Verdacht, dass deutsche Regisseure für Romantik in Opern nur wenig übrig haben. Immer wieder ändern sie den Schluss, um ein tragisches Ende zeigen zu können.

In der Titelrolle der orientalischen Kaiserin Esclarmonde brillierte die niederländische Sopranistin Angelina Ruzzafante mit höhensicheren Koloraturen. Sie bewältigte ihre schwere Rolle, die ihr stimmlich enorm viel abverlangte, auf virtuose Art und Weise. Ebenso eindrucksvoll der koreanische Tenor Sung-Kyu Park als Ritter Roland. Mit seiner stämmigen Figur stellte er auch ohne Brustpanzer einen heldenhaften Ritter glaubhaft auf die Bühne, wobei er seine helle Tenorstimme mit unglaublicher Kraft einsetzte. Ein Mienenspiel darf man von einem asiatischen Sänger kaum erwarten. Er allerdings zeigte dem Publikum am Schluss, als er für seine Leistung bejubelt wurde, ein glückstrahlendes Lachen.

Als Bischof von Blois beeindruckte der niederländische Bassbariton Nico Wouterse mit kraftvoller, dunkel gefärbter Stimme und starker Bühnenpräsenz. Eine Idealbesetzung für diese zwiespältige Rolle. Mit ausdrucksstarkem Spiel glänzte auch der Bassbariton Ulf Paulsen als Kaiser Phorcas, der seine Vaterrolle mit brutaler Härte durchzusetzen versuchte, und die Mezzosopranistin Rita Kapfhammer als seine zweite Tochter Perséïs, die mit breitgefächerter Stimme aufwartete. Als Cléomer, König von Frankreich, konnte der koreanische Bass Kyung-Il Ko stimmlich wie auch darstellerisch gefallen.

Für die gute Ensembleleistung des Anhaltischen Theaters Dessau sorgten in kleineren Rollen noch der polnische Bass Pawel Tomczak als Gesandter der Sarazenen, der Tenor David Ameln als byzantinischer Ritter Énéas, der seiner Verlobten Perséïs im Streit mit ihrem Vater helfend beisprang und der russische Tenor Alexander Dubnow als byzantinischer Herold. Mit außergewöhnlicher Stimmpracht wartete der stark besetzte Chor auf, der sich aus dem Opernchor, dem Extrachor und dem Kinderchor des Anhaltischen Theaters sowie dem Freien Opernchor „coruso“ zusammensetzte.

Das Publikum, das seine Begeisterung auch durch oftmaligen Zwischenapplaus mit Bravorufen bekundete, zollte am Schluss allen Mitwirkenden mit besonderer Ausdauer frenetischen Beifall, wobei Angelina Ruzzafante und Sung-Kyu Park mit vielen Bravorufen bedacht wurden. Ein Kompliment dem Generalintendanten André Bücker für die Deutsche Erstaufführung dieses musikalischen Meisterwerks von Jules Massenet, das in der kommenden Spielsaison ab Dezember 2013 wieder aufgenommen wird.

Nur nicht schon wieder Werther: Massenet-Opern auf hohem Niveau (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2013)

von Gerhard Rohde

Nur nicht schon wieder Werther

Massenet-Opern auf hohem Niveau: „Thaïs“ in Lübeck, „Esclarmonde“ in Dessau

[…] in Dessau gelingt es Regisseur Roman Hovenbitzer und Tilo Steffens als Bühnen- und Kostümbildner, aus dem Märchen eine spannende Theatergeschichte hervorzuzaubern. Angelina Ruzzafante als Esclarmonde und Sung-Kyu Park als Ritter Roland spielen wunderbar, sie singen fulminant. Auch das weitere Ensemble beweist, auf welchem bemerkenswerten Niveau heute in der sogenannten Provinz Oper und Theater gemacht wird. Und die Anhaltische Philharmonie Dessau unter Daniel Carlberg spielt Massenets Musik so klangsensualistisch und farbig in den instrumentalen Details, dass man denken könnte, sie wären das Hausorchester in St. Etienne.
Vor der Aufführung trat der Intendant des Dessauer Theaters vor den Vorhang und teilte dem Publikum die Sparpläne der Landespolitik für sein Theater mit. In Sachsen-Anhalt gibt es einen Kulturkahlschlag, ein neuer Skandal ist da: Aus den blühenden Landschaften werden allmählich kulturelle Sahelzonen. Darüber muss diskutiert werden. So, wie von der Politik gedacht, so einfach geht es nicht.

Elfenerotik und Rittergerassel Spektakel: Massenets „Esclarmonde“ in Dessau (Der Tagesspiegel, 01.06.2013)

von Frederik Hansen

Elfenerotik und Rittergerassel Spektakel: Massenets „Esclarmonde“ in Dessau
Neben dem Eiffelturm war sie die große Attraktion auf der Pariser Weltausstellung 1889: Jules Massenets Oper „Esclarmonde“. Die Opéra Comique präsentierte das neueste Werk des damals beliebtesten französischen Komponisten mit dem denkbar größten Aufwand, mit kostbarer Ausstattung und modernster Bühnentechnik einschließlich frappierender Diaprojektionen – und das internationale Publikum staunte. Jubel und Fußgetrampel, wie man es sonst nur aus dem Bayreuther Festspielhaus kennt, brandete jetzt auch im Anhaltischen Theater Dessau auf bei der deutschen Erstaufführung dieser opéra à très grand spectacle.

Regisseur Roman Hovenbitzer erzählt die im mittelalterlichen Byzanz angesiedelte Geschichte als eine Mischung aus „Zauberflöte“ und „Mittsommernachtstraum“, mit tanzenden Elfen, viel Bühnennebel und rätselhaften rituellen Handlungen.
Den Zeitgenossen muss dieses Märchen für Erwachsene eher wie eine erotische Fantasie in vier Akten erschienen sein. Die mit magischen Kräften ausgestattete Kaisertochter Esclarmonde hext sich zwecks Liebesspiel den Ritter Roland auf eine einsame Insel, vermählt sich dort mit ihm – allerdings ohne ihren Schleier zu lüften. Als der Bischof von Blois Roland nach allen Regeln inquisitorischer Kunst sein Geheimnis entreißt, bekommt auch Esclarmonde Ärger mit ihrem Vater: Der setzt sie prompt als Preis eines Turniers aus. Das wiederum gewinnt natürlich der verzweifelte Roland, der in dem Wettstreit eigentlich nur den Tod gesucht hatte. Und so endet die forsche Femme fatale doch noch als folgsame Gattin.

Massenets Ruhm gründete einst auf seiner Meisterschaft, weibliche Sehnsucht und wollüstiges Begehren in Musik übersetzen zu können. Seine Melodien haben die Verführungskraft einer Mata Hari. Aber erst eingehüllt in exquisite, harmonisch vieldeutig schillernde Orchesterklangwolken entfalten sie ihre volle rauschhafte Süße. Daniel Carlberg und die Anhaltische Philharmonie haben sich hörbar intensiv in die Gefühlswelt Massanets eingearbeitet und geben sich nun rückhaltlos dem perfide-raffinierten Talmiglanz der Partitur hin, mit dem berüchtigten Zwischenspiel des 2. Akts als Höhepunkt, wenn die Ekstase einer Liebesnacht zum tönenden Ereignis wird.

Die Besetzung der Titelrolle mit der 24-jährigen schönen Amerikanerin Sybil Sanderson trug 1889 zum Erfolg der Uraufführung bei. In Dessau wagt sich Angelina Ruzzafante an die hochvirtuose Koloratursopranpartie und liefert nicht nur die spektakulären Spitzentöne ab, sondern vermag auf die Figur auch noch den Schatten junger Mädchenblüte fallen zu lassen. Sung-Kyu Park steht ihr als Roland mit hellem, heldischen Tenor zur Seite, die Chöre (Einstudierung: Helmut Sonne) entfalten edle Klangpracht.

Gemessen an der Einwohnerzahl der Stadt ist die Dessauer Bühne ein Riesenkasten: Kaum 77 000 Menschen wohnen hier, im Theater aber wollen 1072 Sitzplätze gefüllt werden. Zudem zwingt die extrabreite Bühne dazu, die ganz großen Stücke zu spielen – bei einem minimal bemessenen Etat. Wenn unter diesen Bedingungen Wagnisse möglich sind wie jetzt mit Massenets „Esclarmonde“, dann wird wieder klar, warum die ganze Welt Deutschland um seine Kulturlandschaft beneidet.

Theater Dessau: Zauberkünste aus der französischen Romantik (Thüringer Landeszeitung, 30.05.2013)

von Joachim Lange

Theater Dessau: Zauberkünste aus der französischen Romantik

Das Dessauer Theater glänzt mit Massenets "Esclarmonde".

Diese "Esclarmonde" ist so ein typischer Fall von spät, aber nicht zu spät. Uraufgeführt wurde diese vieraktige Opéra romanesque von Jules Massenet (1842-1912) an der Opéra-Comique in Paris 1889 im Umfeld jener Weltausstellung, von der immer noch der Eiffelturm kündet: großformatig, typisch französisch, spektakulär. Es war ein Erfolg, doch um sich durchzusetzen, reichten die Zauberkräfte von Esclarmonde nicht. Erst jetzt hat sie es auf eine deutsche Bühne geschafft: in Dessau.

Zugegeben, die Story ist einigermaßen abstrus und hat obendrein was von Collage: von "Lohengrin" (Frageverbot) und "Tristan" (Liebesnacht im XL-Format), über ein Zauberschwert wie bei "Siegfried" und einen finsteren Kirchenfürsten wie im "Don Carlo" bis hin zu einer "Alcina"-Zauberinsel. All das bei opulenter Orchester-Prachtentfaltung im Graben und reichlicher Gurgelartistik besonders für die Titelheldin und ihren Ritter Roland, mit königlichem Bläserpomp und großen Choraufmärschen.

Esclarmonde ist byzantinische Kaisertochter mit Leidenschaft fürs Zaubern. Und für Roland, den Ritter. Als der Papa (Ulf Paulsen) sie auf den Thron setzt, zaubert sie sich zuerst ihren Traummann auf ihre magische Liebesinsel. Sie muss anonym bleiben, kommt dafür jede Nacht! Dieses Dauer-Blind-Date geht so lange gut, bis Roland die einfallenden Sarazenen daran hindert, daheim in Blois 100 Jungfrauen zu rauben und seine Heimatstadt zu unterwerfen.

Schwarzer Ritter im Turnier

Der inquisitorische Bischof (Nico Woustres) zwingt Roland zum Verrat an der Geliebten. Als Zauberin angeklagt, kann sie sich nur durch Geisterhilfstruppen retten. Erst zum Happyend kriegt Esclarmonde ihren Roland. Als Schwarzer Ritter siegt der nämlich in dem Turnier, das der Kaiser um die Hand seiner Tochter austragen lässt. Roland tritt an, um zu sterben, und landet an der Seite seiner Geliebten auf dem Thron von Byzanz. Wie das Leben in der Oper ebenso spielt.

So ein Finale war Roman Hovenbitzer dann doch unheimlich. So lässt er den abgekämpften Ritter auf den Stufen zum Thron verrecken. Der Regisseur und sein Ausstatter Tilo Steffens hätten ruhig etwas hemmungsloser und tiefer in die Opernmärchen-Trickkiste greifen dürfen. So machen die schönen Liebesnacht-Videos von Barbara Janotte den stärksten Eindruck. Ebenso das Anfangsbild mit der angedeuteten Kuppel, samt einem viele Meter hohen Sockel für den Kaiser, sowie die aus der Tiefe bis zu ihm auffahrende Esclarmonde. Die Zauberinsel, die Belagerung von Blois und das Verhör Rolands sind eher optische Magerkost.

Seis drum. Die Einwände verblassen angesichts einer exzellenten Ensembleleistung. Die bestechend höhensichere Angelina Ruzzafante als Esclarmonde und Sung-Kyu Park als kraftvoller und völlig müheloser Tenorstrahlemann Roland würden jedem größeren Haus zur Ehre gereichen! Auch sonst wird Erstklassiges geboten bis hin zum deutlich verstärkten Chor. Sie alle folgten mit Entdeckerfreude und Spiellust Daniel Carlberg und der farbenreich aufblühenden Anhaltischen Philharmonie bei diesem überfälligen Abstecher nach Opern-Frankreich: ein Leckerbissen!

SING OUT, SIBYL!, or Esclarmonde comes to Germany (www.operamagazine.nl, 29.05.2013)

von Kurt Gänzl

SING OUT, SIBYL!, or Esclarmonde comes to Germany

I first visited the Anhaltisches Theater in Dessau three years ago, when their enterprising company was ambitious enough to stage Auber’s La Muette de Portici. This year, they have been even more splendidly ambitious, and have come up with a production of Massenet’s spectacular Byzantine Zauberoper, Esclarmonde (1889).

It must be said, right away, that Esclarmonde is not an opera of the stature or fame of La Muette, which was played tens of thousands of times round the world in its time. It is a curious piece: a Zauberposse or féerie in character, which seems to belong at the Porte-Saint-Martin rather than at the Opéra-Comique where it had its initial, not unsuccessful, performances, starring the ill-fated Miss Sibyl Sanderson, a pretty, high society-amateur soprano from California who had enraptured (among many other men) composer Massenet. Thereafter, it sank into the minor repertoire, until hoisted back into the limelight by Richard Bonynge, with Joan Sutherland’s famous voice giving a whole different dimension to the frills and trills written for Miss Sanderson’s high, light soprano. And, thus, Esclarmonde came at last to its Deutsche Erstauffuhrung at Dessau tonight. Dessau has come on a huge amount since La Muette days. The standard of production tonight was kilometres ahead of that of three years ago. The staging and direction of Roman Hovenbitzer, in particular, were much superior and did a great deal – with the help of an enormous stage and some fine imagination – to fulfil the spectacular requirements of the ‘magical’ opera. Splendid pictures ... the first entrance of the heroine rising like a white-veiled Frumah Sarah from the bowels of the earth, and the excellent realisation of the ‘ring of fire’ into which the sorceress vanishes, stick impressively in the mind ... in a tidy and truthful staging. And not a plastic shopping bag in sight ... although I did recognise one truck from La Muette. The orchestra has always been an outstanding feature of the Anhaltisches Theater. They were the stars of La Muette, and they were stars again tonight. Oh! that all theatre orchestras (conductor: Daniel Carlberg) played so beautifully. And, oh, that all theatres had the accoustics of this marvellously constructed house. Of course, any production of Esclarmonde relies largely for its success on its leading lady. Tonight, it was Angelina Ruzzafante, whom I had already seen as Elvira in La Muette. From Elvira to Esclarmonde is quite a way! Would she be a Joan or a Sibyl? Vocally, Ms Ruzzafante was impeccable. Not Joan, but, I’m sure, much superior to Sibyl. She negotiated the often irrelevant vocal fireworks written for Massenet’s lady friend, clearly, firmly and accurately. A little more volume and a lot more sorceress-style fire would have been nice, but she sang finely, and acted earnestly, without dominating the stage, as I would have liked. Alas, she was handicapped in any effort to look the part of the sex-seeking Queen Sorceress by a truly appalling blonde wig, and a dress that made her resemble a stout little hausfrau. I am sure hemlines weren’t so midi in Byazantium. The other mega-role of the piece is Esclarmonde’s ‘parfait knight’, le sieur Roland. Here, we hit pure gold. Sung-Kyu Park didn’t look too much like the hero of French legend either, a broad-shouldered, stocky Korean, but oh! could he sing the music! His firm, clear, deliciously smooth tenor was just made to sing Massenet, or probably any French music, and it was a joy to listen to him sing it ... in almost comprehensible French. His big solo (the equivalent of Manon’s ‘Ah! fuyez, douce image’) was the hit of the night. Mezzo Rita Kapfhammer sang lushly (and not enough) in the role of the heroine’s sister, Ulf Paulsen produced some glorious middle and lower notes as the basso King, and Alexander Dubnow excited the audience with his stentorian herald, sung from the balcony.

So, all in all, Dessau gave Esclarmonde pretty good service for its first sighting in Germany. Staging, singing, playing … all were good to splendid. I’m not quite sure that Esclarmonde is truly worth it. I still think it belongs to the fairy spectacular genre. Except you’ve got the trills for Sybil tacked in. So, will it get a second German production? Maybe. But I’m extremely glad to have had the chance to see this very capable first one.

I wonder with what treasure from the past the Anhaltisches Theater will come up next year! I’ll certainly be back to find out!

Postscript: In a country where production photos are noticeably poor, another prize to Dessau for some fabulous theatre photography (Claudia Heysel).

Erstaufführung für "Esclarmonde" gefeiert (Volksstimme, 30.05.2013)

von Helmut Rohm

Erstaufführung für "Esclarmonde" gefeiert
Die am 15. Mai 1889 in Paris anlässlich der Weltausstellung uraufgeführte Oper "Esclarmonde" von Jules Massenet hat jetzt - 124 Jahre später - im Anhaltischen Theater Dessau ihre deutsche Erstaufführung erlebt. Anlass ist auch der 50. Jahrestag des Élysée-Vertrages.
Doch dieser Dessauer Premiere in der Inszenierung von Roman Hovenbitzer gebührt hohe Ehrerbietung. In der Summe ist es großes märchenhaftes Theater. Fabelhafte Stimmen sind vereint mit gefühlvollem und spannungsgeladenem Spiel. Große Bilder mit wirkungsvoller Symbolik (Bühne und Kostüme Tilo Steffens) befördern die Fantasie.
Der dieser Oper anhaftende Nimbus der Unaufführbarkeit ist nun ad absurdum geführt worden. Die "Hauptaktie" daran hat Angelina Ruzzafante, deren Titelrollen-Interpretation durch scheinbar mühelosen, strahlenden Gesang bis in die höchsten Lagen und erlebnisträchtiges Gefühlsleben einer liebenden Frau geprägt war. Gleichsam bewundernswert brillant agierte in der nicht minder anspruchsvollen Partie des Ritters Roland der Tenor Sund-Kyu Park. Ihr wunderschönes Liebesduett auf der geheimnisvollen Insel rührte die Zuschauer sehr.

Romantische Duette und Kinderchor-Gesang
Alles ist eingebettet in eine facettenreiche romantische und ebenso dramatische Musik für ein üppig besetztes Orchester. Die Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg hat diese sehr melodische und auch sinnliche Musik mit Leidenschaft und Gespür für die Handlung präsentiert. Diese alte Geschichte mit effektvoll eingesetzter Bühnen-, Licht- und Videotechnik zu erzählen, passt.
Erzählt wird eine Rittergeschichte, eine Liebesgeschichte, in einer mittelalterlichen Zeit, in der Treue und Schwüre noch etwas gelten. Der alte Kaiser Phorcas (majestätisch souverän Ulf Paulsen) dankt ab. Die Macht und die Zauberkräfte gehen auf die junge erstgeborene Tochter Esclarmonde über. Doch die darf sich bis zum 20. Geburtstag keinem Mann unverschleiert zeigen. Danach muss sie einen Mann heiraten, der in einem Turnier gesiegt hat. Esclarmonde jedoch vergeht vor Liebe zum Ritter Roland.
Mit Geistermächten inszeniert sie auf einer Insel ein Treffen, eine heimliche Hochzeit und eine faszinierende Liebesnacht, der noch weitere Nächte folgen - immer mit Schleier und dem Schwur, das Geheimnis nicht zu verraten. Zwischendurch wird Roland in seiner französischen Heimat zum gefeierten Helden, der allerdings die Tochter des Königs als Lohn ausschlägt.
Ein Bischof erpresst gewissermaßen das Geheimnis. Esclarmonde wittert Verrat. Ewige Trennung oder Tod!?
Diese Oper lebt neben lyrischen Arien und romantischen Duetten von menschenreichen Aktionen. Opernchor, Extrachor und Kinderchor des Anhaltischen Theaters, verstärkt durch den freien Opernchor "coruso", stemmen diese Szenen neben ihrem hervorragenden Gesang mit ausdrucksstarkem Spiel. Nach der gut dreistündigen Aufführung gibt es stehenden Beifall.

Haupt- und Staatsaktion (www.die-deutsche-buehne.de, 29.05.2013)

von Ute Grundmann

Haupt- und Staatsaktion

Der Kaiser von Byzanz steht auf einem hohen, goldenen Sockel und verkündet dem Volk, das sich in die Nischen des Saales drückt, seinen Abschied von der Macht. Die soll seine Tochter Esclarmonde übernehmen, die, ganz in Weiß und verschleiert wie eine Braut, aus der Versenkung auf die Höhe des Sockels gefahren wird. Wie eine gravitätische Haupt- und Staatsaktion beginnt so im Anhaltischen Theater Jules Massenets Oper „Esclarmonde“, und diesen Gestus des Majestätischen und des tragisch Umflorten können Werk und Inszenierung in den folgenden drei Stunden nie ganz ablegen.

Vor 124 Jahren wurde die Oper in vier Akten, einem Prolog und einem Epilog in Paris uraufgeführt. Und erst jetzt kam sie zum ersten Mal auf eine deutsche Bühne, in Dessau. Ausgegraben hat man das Werk auch mit Blick aufs Wagner-Jahr: Es ist ein Märchen (wie „Die Feen“) und hier ist es der Mann, der die angebetete Kaiser-Tochter nicht befragen, nicht einmal ihr Gesicht sehen darf. Eingebettet ist diese Geschichte von Liebessehnsucht und Verzicht in eine verwickelte, verzweigte Geschichte von Krieg und viel bangendem Volk, von einem siegreichen Ritter – eben jener Roland, den Esclamonde nicht lieben soll – der die als Siegestrophäe angebotene Königstochter ausschlägt, weil er ja heimlich gebunden ist. Dann gibt es da noch den Bischof, der für das Volk betet, Roland aber der Hexerei beschuldigt, nachdem er ihn in seinem Liebesschmerz belauscht hat.

Regisseur Roman Hovenbitzer bringt das alles ziemlich ungebrochen auf die Bühne, mit viel Aufwand an Darstellern, Chören und Kostümen (Ausstattung: Tilo Steffens). Der zweite Akt schrammt dabei szenisch wie musikalisch ziemlich knapp am Kitsch vorbei: Es ist die heimliche, Traum- oder nur geträumte Hochzeit der Liebenden auf einer verzauberten Insel. Da schweben weißgekleidete Frauen über die Bühne, befreien den auf einem Schiff gefesselten Roland, schwingen Palmwedel zum „Göttlichen Moment“ der Hochzeit, von der Roland per Brief weg in den Krieg gerufen wird. Musikalisch ist das elegisch bis süßlich, viel Emotion in weitschwingenden Tönen. Großer Kontrast dann mit dem dritten Akt, mit aufgewühlten, kriegerischen Klängen und viel bewaffnetem Volk auf zwei Etagen und Auftritt des Bischofs mit einem Kindlein-Chor.

Dieser Gottesmann wird kurz darauf Roland an einer Folterwand die Beichte und damit sein Geheimnis abnehmen. In solchen Szenen des Verzweifelns, der Sehnsucht nach der scheinbar unerreichbaren Geliebten ist Sung-Kyu Park als Roland noch am überzeugendsten. Angelina Ruzzafante als Esclarmonde dagegen bietet alle Facetten ihrer Rolle – Herrscherin, Zauberin, Verliebte, Verzweifelte, Verzichtende – wunderbar, sie brilliert in einem guten Ensemble. Und erst ganz am Ende, in der gleichen Staats-Szene des Prologs, erlaubt sich der Regisseur eine winzige Brechung: Da erklimmt Roland die Stufen des Thron-Sockels, erreicht aber Esclarmondes ausgestreckte Hand nicht.

MDR Figaro-Frühkritik (Audio), von Bernhard Doppler, 27.05.2013

Reif für die Insel (Mitteldeutsche Zeitung, 28.05.2013)

von Joachim Lange

Reif für die Insel
Musikalische Märchenstunde: Die Dessauer Bühne glänzt mit der deutschen Erstaufführung von Jules Massenets Oper „Esclarmonde“. Bei der exzellenten Ensembleleistung profiliert sich die bestechend höhensichere Angelina Ruzzafante als Esclarmonde. Diese „Esclarmonde“ ist so ein typischer Fall von spät, aber nicht zu spät. Uraufgeführt wurde diese vieraktige Opéra romanesque von Jule Massenet (1842-1912) an der Opéra-Comique in Paris 1889. Im Umfeld jener Weltausstellung, von der immer noch der Eiffelturm kündet, verstand sich ein Auftrag an den berühmtesten Tonsetzer des Landes quasi von selbst. Und der „Werther“- und „Manon“-Komponist lieferte: großformatig, typisch französisch, spektakulär. Mit einem Mix aus allem, was man der Oper und ihren Fans so zumuten konnte. Romantisch mit viel Futter für die Augen, die Ohren und die Fantasie. Als Ereignis von nationalem Rang fürs internationale Publikum wurde diese Weltausstellungs-Produktion (mit ihren 87 Proben in einem halben Jahr!) zu einem Erfolg. Trotzdem reichten die Zauberkräfte von „Esclarmonde“ nicht, um sich im französischen oder deutschen Repertoire durchzusetzen.

Alles drin, alles dran

Jetzt hat sie es doch auf eine deutsche Bühne geschafft. Dank der gelegentlichen Entdeckerfreude, die auch so ein Merkmal des deutschen Stadttheatersystems ist, auf das man keinesfalls verzichten sollte, kann sich das Anhaltische Theater in Dessau eines grandiosen und heftig bejubelten Erfolges rühmen! Wie es sich gehört, auf Französisch gesungen und Deutsch übertitelt.
Zugegeben, die Story ist einigermaßen abstrus. Und hat obendrein etwas von Collage. Von Lohengrin (hier mit einem Frageverbot für den Geliebten) und Tristan (mit einer Liebesnacht im XL-Format samt ziemlich deutlich illustrierendem Orchesterpart), über ein Zauberschwert wie bei Siegfried und einen finsteren Kirchenfürsten wie im Don Carlo bis hin zu einer Alcina-Zauberinsel. Alles drin, und alles bei opulenter Orchester-Prachtentfaltung im Graben und reichlicher Gurgelartistik besonders für die Titelheldin und ihren Ritter Roland, mit königlichem Bläserpomp und großen Choraufmärschen.
Esclarmonde ist eine byzantinische Kaisertochter mit Leidenschaft fürs Zaubern. Und für Roland, den Ritter. Als der Papa sie auf den Thron setzt (er hat auch mehr für Magie als Politik übrig), zaubert sie sich zuerst ihren Traummann auf ihre magische Liebesinsel. Sie will und muss anonym bleiben, erscheint dafür jede Nacht! Dieses Dauer-Blinde-Date geht so lange gut, bis Roland, der im Hauptberuf Streiter für das Gute ist, die einfallenden Sarazenen daran hindert, daheim, im französischen Blois, hundert Jungfrauen zu rauben und seine Heimatstadt zu unterwerfen. In die Bredouille kommt er, als er die zur Belohnung gereichte Hand der Königstochter ausschlägt. Da der Bischof von Blois über Inquisitoren-Fähigkeiten (und Folterknechte) verfügt, zwingt er Roland zum Verrat an der Geliebten.
Die wird prompt (Kaiserin hin, Kaiserin her) als Zauberin verfolgt und kann sich nur durch ihre Geisterhilfstruppen retten. Am Ende gibt es ein Happyend und Esclarmonde kriegt ganz offiziell ihren Roland. Als geheimnisvoller Schwarzer Ritter siegt der nämlich in jenem Turnier, das der zurückgekehrte Kaiser um die Hand seiner eigensinnigen Tochter austragen lässt. Roland tritt an, um zu sterben und landet an der Seite seiner Geliebten auf dem Thron von Byzanz. Wie das Leben in der Oper eben so spielt.
So ein Finale im Siegerkranz war Regisseur Roman Hovenbitzer dann doch unheimlich. Und so lässt er, mit spät erwachtem Interpretationsehrgeiz, den abgekämpften Ritter im wahrsten Wortsinne auf den Stufen zum Thron verrecken. War also doch nix mit der byzantinischen Vorkämpferin für die Emanzipation. Hovenbitzer und sein Ausstatter Tilo Steffens hätten in dem Falle ruhig etwas hemmungsloser und tiefer in die Opernmärchen-Trickkiste greifen dürfen. Aber die hat Johannes Felsenstein vielleicht zu weit hinten im Keller versteckt.

Magisches Auge

So machen die schönen Liebesnacht-Videos von Barbara Janotte (mit gedoubelten Akteuren, in einer optischen Tristanparaphrase auf das „Ertrinken-versinken-unbewußt-höchste Lust“ des Liebestodes) den stärksten Eindruck. Ebenso das Anfangsbild mit der angedeuteten Kuppel, samt einem viele Meter hohen Sockel für den Kaiser, sowie die aus der Tiefe bis zu ihm auffahrende Esclarmonde. Die Zauberinsel vor einer Art magischem Riesenauge, die Belagerung von Blois oder das inquisitorische Verhör Rolands sind eher optische Magerkost, die Geistertruppe eher brav, die Kostüme opulent, aber nicht immer vorteilhaft.
Sei’s drum. Diese Einwände verblassen angesichts einer exzellenten Ensembleleistung. Dabei profiliert sich die bestechend höhensichere Angelina Ruzzafante als Esclarmonde ebenso überzeugend wie der Koreaner Sung-Kyu Park als kraftvoller und völlig müheloser Tenorstrahlemann Roland. Neben diesen beiden, die jedes größere Haus schmücken würden, wurde auch sonst Erstklassiges geboten. Von Ulf Paulsens kaiserlichem Vater der Titelheldin, über Rita Kapfhammers Schwester bis hin zu David Ameln als deren Verlobtem oder Nico Woustres Bischof, allen übrigen und dem deutlich verstärkten Chor. Sie alle folgten mit Entdeckerfreude und Spiellust Daniel Carlberg und der farbenreich aufblühenden Anhaltischen Philharmonie bei diesem überfälligen Abstecher nach Opern-Frankreich! Langer und einhelliger Jubel in Dessau für diesen Leckerbissen!

Rundfunk Berlin-Brandenburg - Inforadio, von Harald Asel, 27.05.2013

Vergangene Woche demonstrierten in Sachsen-Anhalt viele kulturelle Einrichtungen gegen den geplanten Kahlschlag ihrer Finanzen. Am Anhaltischen Theater Dessau demonstrierte das Ensemble gestern Abend auf andere Art: mit einer fulminanten Premiere der Oper "Esclarmonde" von Jules Massenet. Harald Asel war dort:

Ganze 124 Jahre hat es gedauert, ehe jene Oper, die Massenet für seine bedeutendste hielt, auch in Deutschland aufgeführt werden konnte: eine Kulturoffensive aus Anlass von 50 Jahren Elysee-Vertrag macht es möglich. Die Rezeption des französischen Komponisten war im 19. und frühen 20. Jahrhundert durch die Politik im deutsch-französischen Verhältnis getrübt. Und die Entdeckung lohnt sich. Wir reisen von Byzanz über eine Zauberinsel nach Südfrankreich - in Wirklichkeit aber in den durch eine Recamiere angedeuteten Salon des gehobenen Bürgertums um 1889. Es geht um den Helden Roland und um die oströmische Kaiserin Esclarmonde, aber genau genommen geht es um den Platz der Geschlechter zwischen Sehnsucht und Konvention. Wenn die Kaiserin aus der Versenkung erscheint, wirkt sie wie eine überdimensionierte Statue, aus der sich erst allmählich Angelina Ruzzafante schält. Sie singt die Esclarmonde mit einer Grandezza, als würde sie über das Wasser schreiten. Zugleich aber schildert sie eine erwachsene Frau, die die Härten des Lebens kennt. Und dazu gleißt die Musik aus dem Orchestergraben und klirren die Waffen. Ritter Roland ist in Dessau ein stahlharter Tenor mit Durchsetzungskraft, der dann allmählich durch die Liebe verwirrt und verunsichert wird - und dem schließlich auch der Durchbruch zum Tragischen gelingt. Um beide herum ein gut aufgelegtes Ensemble, eine muntere Bühnenmaschinerie und eine Regie, die auch die Ungereimtheiten dieser Zauberoper ernst nimmt.

Das Dessauer Theater zeigt, was es nicht nur beim gerade wachsenden "Ring des Nibelungen" zu leisten in der Lage ist. Die kontinuierliche Beschäftigung mit französischer Oper täte auch anderen Häusern gut. Demnächst erscheint übrigens auf CD die Dessauer Produktion von 2010 der "Stummen von Portici", jener Oper von Auber, nach deren Aufführung in Brüssel 1830 die Zuschauer mit der Revolution begannen.

Esclarmonde am Anhaltischen Theater Dessau, wieder kommenden Sonntag. Aus Berlin-Brandenburger Sicht angenehm: die Vorstellungen finden alle am Wochenende um 17 Uhr statt

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