Ein Maskenball (Un ballo in maschera)

Oper von G. Verdi

Auch das Libretto von „Ein Maskenball“ basiert auf einem authentischen Fall, dem Attentat, das im Jahre 1792 während eines Maskenballs auf den schwedischen König Gustav III . verübt wurde. Gustav III . war von den Ideen der Aufklärung begeistert, seine reformerischen Pläne trafen auf den erbitterten Widerstand der schwedischen Aristokratie, die um ihre Privilegien fürchtete und sich deshalb gegen ihn verschwor. Für die neapolitanische Zensur war im Jahre 1858 der konkrete historische Bezug zu deutlich: Der König von Neapel war 1854 einem Attentat zum Opfer gefallen. Die Forderungen nach massiven Änderungen verschärften sich noch, als während des Genehmigungsverfahrens ein Attentat auf Napoleon III . verübt wurde. Verdi zog daraufhin sein Werk verärgert zurück und bot seine neue Oper dem Teatro Apollo in Rom an, an dem es 1859 uraufgeführt wurde, auch wenn es dort ebenfalls nicht ohne Zugeständnisse an die Zensur ging. Trotz Warnungen einer gegen ihn gerichteten Verschwörung lädt Gustav zu einem Maskenball ein. Die Wahrsagerin Arvedson sieht sein baldiges Ende voraus: Derjenige, der als erster Gustavs Hand nach ihrer Prophezeiung ergreife, werde ihn ermorden. Dieser Mann ist Anckarström, Gustavs treuster Gefolgsmann und bester Freund, der den Monarchen erneut vor den Verschwörern warnt. Damit ist Arvedson für Gustav als unglaubwürdig bloßgestellt. Doch als Anckarström erfährt, dass Gustav eine ehebrecherische Beziehung mit Amelia, seiner Frau unterhält, wandelt sich seine blinde Gefolgschaft in unversöhnlichen Hass. Er schlägt sich auf die Seite der Verschwörer. Durch eine Indiskretion bringt er Gustavs Kostüm in Erfahrung und erschießt ihn auf dem Maskenball, kurze Zeit nachdem sich Gustav und Amelia die Unmöglichkeit ihrer Liebe eingestanden haben. [In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln]

Musikalische Leitung Antony Hermus / Daniel Carlberg / Wolfgang Kluge
Inszenierung Roland Schwab
Bühne und Kostüme Frank Fellmann nach Entwürfen von Hartmut Schörghofer
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Heribert Germeshausen
König Gustav III. von Schweden Hector Sandoval (18.6.) / Velázquez Díaz (27.6. und 3.7.) / Angus Wood
Graf René Anckarström Ulf Paulsen
Amelia, seine Gattin KS Iordanka Derilova
Ulrika Arvedson, Wahrsagerin Rita Kapfhammer
Oscar, Page Sharleen Joynt / Cornelia Marschall
Christian, ein Seeman Wiard Witholt
Graf Horn Nico Wouterse
Graf Ribbing Rosen Krastev / Pavel Shmulevich
Ein Arzt Filippo Deledda / Leszek Wypchlo
Ein Diener Amelias Alexander Dubnov / Mikolaj Kapala

PRESSESTIMMEN

Opernwelt, August 2010, Claus Ambrosius

DESSAU I Verdi: Un ballo in maschera

Am Schicksalsfaden

Wenn im Dessauer «Maskenball» zum Schlussapplaus der Sänger des Gustav vor den Vorhang tritt, erhebt sich ein Mann im Publikum, zückt eine Pistole, schießt. Der König bricht zum zweiten Mal zusammen. Mörder unter uns? Eher: ein Gag, der spätestens nach der Premiere durch die Kritiken bestens bekannt ist und nur wenige überraschen dürfte. Regisseur Roland Schwab macht aus dem gesamten «Maskenball» einen Maskenball - nicht erst im dritten Akt. Vor der Ouvertüre treten die Sängerinnen und Sänger auf die leere Bühne, ziehen aus der Hand Oscars ihre Figuren-Karten. Wer wird heute wen spielen? Gelächter, Ermunterung der Mitspieler, denn wieder einmal schnappt sich die einzige Frau aus der Runde, die Amelia-Karte, was für ein Glück.

Diesen Einstieg muss man Roland Schwab nicht abkaufen. Das schmälert aber keineswegs die szenische Dichte, für die der Regisseur und sein Bühnenbildner Hartmut Schörghofer auf der Dessauer Riesenbühne mit wenigen prägnanten Zeichen sorgen. Clou ist ein großer, geneigter Spiegel, der den Blick freigibt auf bewaffnete Verräter im Untergrund, auf Leichen am Galgenberg, auf rote Teufelsfiguren, die Ulrika heraufbeschwört. Aus toten Winkeln werden «Todeswinkel»: ein immer wieder überraschender Effekt. Die Hellseherin ist als Totenkopfwesen, das auch außerhalb seiner eigentlichen Auftritte den Schicksalsfaden spinnt, die am eindrücklichsten gezeichnete Figur des Abends.

Dieser «Maskenball» setzt einen markanten Schlusspunkt unter die erste Spielzeit der Intendanz von Andre Bücker, und er kann die Qualität von «Lohengrin» und der «Stummen von Portici» beglaubigen (siehe OW 11/2009 und 6/2010). GMD Antony Hermus garantiert hohe musikalische Spannung: ein Dirigent, der sich offenbar bei Wagner ebenso wohl fühlt wie bei Verdi und dabei die Anhaltische Philharmonie über eine ganze Spielzeit hinweg auf hohem Motivationslevel zu halten versteht. Die Sängerbesetzung ist hingegen eher auf Kompromisse angelegt, wird aber von souveränen Gästen gut komplettiert.

Der junge Tenor Pedro Velázquez Diáz als Einspringer behält auch neben der ensembleeigenen Amelia von lordanka Derilova die Nerven, die sich redlich bemüht, ihre Stimmreserven auch für lyrische Bögen und einige innigere Momente zu zügeln. Ulf Paulsen kämpft als René stellenweise mit seiner Partie, während Rita Kapfhammer als Gast vom Münchner Gärtnerplatz eine rundum ausgeglichene, in allen Lagen durchschlagskräftige und nachhaltig anrührende Ulrika gibt.

Verdi: Un ballo in maschera. Premiere am 18. Juni, besuchte Vorstellung am 3. Juli 2010. Musikalische Leitung: Antony Hermus. Inszenierung: Roland Schwab, Bühne: Helmut Schörghofer, Kostüme: Frank FelImann, Chor: Helmut Sonne. Solisten: Pedro Velázquez Diáz (Gustav III.), UIf Paulsen (René), lordanka Derilova (Amelia), Rita Kapfhammer (Ulrika), Cornelia Marschall (Oscar) u.a.

Theater im Theater Opernnetz.de, Juni 2010

von Axel Göritz

Ursprünglich als Stoff um die reale Ermordung des schwedischen Königs Gustav III. während eines Balles Ende des 18. Jahrhunderts geplant, verlegte Verdi wegen der Zensur in Italien die Handlung seines Maskenballs ins ferne, für die regierenden Herrscherhäuser unproblematische Boston in Neuengland, aus dem gekrönten König wurde ein ziviler Gouverneur . Die Neuproduktion in Dessau greift nun wieder die ursprüngliche Version mit dem Bezugsrahmen in Schweden auf und nähert sich dem historischen Vorbild noch mit einem zusätzlichen Dreh. Gustav III. war ein aufgeklärter Monarch, den Künsten zugetan und sie fördernd. Die Inszenierung von Roland Schwab greift diesen verbürgten Rahmen auf und lässt das Stück als Theater im Theater auf einer Probebühne beginnen. In einer Anfangs-Pantomime ziehen die Laien-Schauspieler per Zufalls-Karten ihre Rollen, legen ihre jeweiligen Kostüme an und das Spiel um das tragische Schicksal des unglücklich verliebten Königs mit dem Pagen Oscar (Cornelia Marschall mit klarer Diktion) als Maître de Plaisir kann beginnen. Das funktioniert in der ersten Hälfte mit ihrer turbulenten Handlung um die Zauberin und Wahrsagerin Ulrika sehr schön, im Stil einer commedia dell'arte wird drastisch und fast überbordend gespielt, man fällt gelegentlich auch aus der Rolle und beobachtet das Spiel quasi als eigener ironischer Kommentator, geht wie im Zirkusrund auch mal sich anbiedernd und um Beifall heischend durch die erste Publikumsreihe, kurzum, man veranstaltet pralles Volkstheater mit einem gewissen Augenzwinkern.
Das gelingt auch wegen der tollen Spiellaune von Hector Sandoval (mit seinem nicht allzu großen, aber sehr stimmschön und ausdrucksvoll geführten Tenor) in der Rolle des Königs. Wie er sich ins Zeug legt und als Theatertier verausgabt sieht man auf der Opernbühne sonst eher recht selten. Seine Mitspieler brauchen dann doch etwas länger, bis sie ebenfalls in Fahrt kommen und einigermaßen mithalten können. Ein starkes Bild dabei die Wahrsage-Szene mit der Warnung an den König, dass er durch die Hand eines Freundes getötet werde, als die Zauberin Ulrika (Rita Kapfhammer mit voll tönendem Alt) aus dem Leib einer ihrer Lemuren einen soeben geborenen erwachsenen Menschen zieht.
Doch dieses doppelbödige Spektakel mit dem Spiel im Spiel (so liest Ulrika die Zukunft nicht aus der realen Hand des Königs, sondern aus einer ihr gereichten Puppen-Hand) verliert sich, je mehr das Drama um König Gustav und seine Geliebte Amelia, die Frau seines besten Freundes und Sekretärs René, in den Mittelpunkt der Handlung rückt. Jetzt wird, in durchaus eindrucksvollen Bildern, auch dank des die Bühne beherrschenden riesigen Spiegels (Bühne: Hartmut Schörghofer), der das Geschehen für den Zuschauer geheimnisvoll verdoppelt, ungebrochen die Leidenschaft um Amelia gezeigt, die schließlich in dem Rache-Mord am König kulminiert. Den stärksten Eindruck hinterlässt dabei die Schluss-Szene auf dem Maskenball, als sich die Verschwörer unter Anführung von René zu einem gespenstischen Todestanz-Ständchen mit Geigen und Bratschen „bewaffnet“ dem König nähern, ihn im Takt des fahlen Orchesterklangs in die Enge treiben und schließlich mit dem Geigenbogen erstechen.
Das stimmliche Niveau aller Protagonisten war hoch. Ulf Paulsen wusste nach verhaltenem Start auch darstellerisch voll zu überzeugen, im Hass und der Rache wegen der vermeintlichen Untreue seiner Gattin lief er mit seinem kraftvollen Bariton zu großer Form auf. Die Amelia von Iordanka Derilova hatte alles, was man von einem dramatischen Verdi-Sopran erwarten kann: die leuchtende, kräftige Höhe ebenso wie die volle Mittellage und ein zartes Piano. Und der Regisseur hatte ihr die sonst Derilova-typischen weit ausholenden Armbewegungen ausgetrieben, so dass sie umso glaubhafter ihr Gewissensdrama um Liebe und Verzicht gestalten konnte. Die Anhaltische Philharmonie unter Leitung ihres Generalmusikdirektors Antony Hermus klang zu Beginn zu verhalten und zu gemächlich. Im Verlauf der Aufführung kam die Spannung dann auch aus dem Orchestergraben, in den großen Ensemble-Szenen fanden die Musiker zu sattem Verdi-Klang, ebenso wie der Chor unter Leitung von Helmut Sonne.
Das Premieren-Publikum feierte alle Beteiligten, einschließlich des Regie-Teams, mit großem Beifall und Fuß-Trampeln. Ein oder zwei einsame Buh-Rufe animierten die übergroße Gegen-Fraktion zu umso kräftigere Bravo-Salven.

Uwe Friedrich MDR Figaro, 19.6.2010

Der Fall eines Schwedenkönigs: Tragisch und auch komisch Volksstimme, 21. Juni 2010

von Helmut Rohm

Premiere von Verdis Oper "Ein Maskenball" in Dessau begeistert aufgenommen

Der Schuss kam aus der vierten Reihe im Parkett. Der Darsteller von Gustav III., Hector Sandoval, sank auf offener Bühne, tödlich getroffen, zu Boden. Nachdem gerade die Premiere von Guiseppe Verdis Oper "Ein Maskenball" am Anhaltischen Theater Dessau bravourös zu Ende gegangen war. Verwirrung im Publikum, zunächst jedenfalls.

Alles nur gespielt. Ein letzter überraschender Einfall des Regisseurs Roland Schwab. Er wob in seine Inszenierung durchgängig eine spürbar komödiantische Note ein. Aufgesetzte Pseudomoderne? Werden Gefühle der Lächerlichkeit preisgegeben, wird Verdi gar verhunzt?

Kaum. Mehr wohl ist es eine Erzählweise, bei der Roland Schwab ganz dicht aus der realen Figur des schwedischen Königs "schöpfte". Mit seiner manischen "Theaterbesessenheit" machte sich der König in seinen Kreisen oft lächerlich. Bis in den Tod - eben auf einem Maskenball.

Gustav III. durchlebte, in der faszinierenden gesanglich und schauspielerisch trefflichen Darstellung von Hector Sandoval, einen wahren Gefühlstaumel. Er gab nichts auf Warnungen seiner Freunde, nahm das Leben, wie es kam. Er wollte die Freundschaft zu seinem Freund der Liebe zu dessen Gattin opfern. Tiefe Reue und Glauben an Treue, Verzicht und Verzeihung - hehre Haltungen, die letztendlich zu spät kamen, für ihn jedenfalls. Der König ist tot. Das Volk huldigt dem Sterbenden.

Mit in diese geheimnisvollen Verwirrungen hat Gustav III. Amelia, die Ehefrau seines Freundes René, gerissen. Leiden und Lieben - hinreißend präsentierte sie Iordanka Derilova, gesanglich mit scheinbarer Mühelosigkeit, Emotionen mit der letzten Faser ihres Körpers ausdrückend. Der Zuschauer litt mit.

Ulf Paulsen ließ den Gast die wechselvollen Gefühle und Tiefschläge des René Anckarström ebenso emotional nachvollziehen.
In ihrer Rolle als Page Oscar trumpfte Cornelia Marschall mächtig und erfrischend auf - ein bisschen Mephisto, die Fäden immer in der Hand und stets durchblickend.

Auch die Szenen der dreiaktigen, fast dreistündigen Oper, die karg an aktionsreicher Handlung, jedoch reich an Gefühlssprache, wie in den Arien und Duetten, waren, wurden durchweg spannend, letztendlich auch kurzweilig unterhaltend inszeniert. Die Dessauer Aufführung wählte das italienische Original mit deutschen Obertiteln.

Diese begeistert aufgenommene Premiere lebte von einer stimmigen Komplexität. Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus verinnerlichte die faszinierende Musik von Verdi. Sie spielte lustvoll beschwingt auf, traf mit genau solcher Präzision und emotionaler Ausstrahlung die dramatisch-tragischen Sequenzen.

Abrupte Handlungs- und Stimmungswechsel, fast von Bild zu Bild, gingen neben der wechselvollen Musikvielfalt oft mit fantasievollen Bühnenbild-Wechseln (Bühne Hartmut Schörghofer) einher. Ausgelebte Details, wie bei der schaurigen Zauberei der Wahrsagerin Ulrika - Rita Kapfhammer in einer Paraderolle - in Symbiose mit angedeuteter Symbolik prägten diese Inszenierung, forderten die Fantasie der Zuschauer. In ähnlicher Betrachtungsvariabilität waren die Kostüme von Frank Fellmann gestaltet.
Markantes Bühnenelement war ein großer geneigter Spiegel, der, dem Reflexionsgesetz folgend, ungewohnte Ansichten und "Einblicke" bot. Ein ebenso dominantes Rondell "spuckte" von Zeit zu Zeit, wie aus dem Nichts kommend, Figuren aller Couleur aus.

Apropos viele Menschen. Der Opernchor (Leitung Helmut Sonne) war nicht nur für den handlungsvorantreibenden Text verantwortlich. Die Damen und Herren waren "integriertes Leben" des Stückes.

In weiteren Rollen waren Wiard Witholt, Nico Wouterse, Rosen Krastev, Filippo Deledda und Alexander Dubnov zu erleben.

Die nächsten Aufführungen stehen am 27. Juni und am 3. Juli auf dem Spielplan.

Maskenspiel im Spiegelbild Mitteldeutsche Zeitung, 21.06.2010

von Andreas Hillger

Der Tod schiebt eine ruhige Kugel: Langsam kreist das Geschoss an der Wand des Trichters abwärts zu dem leuchtenden Kreuz, das den Sitz des Lebens markiert. Und die Musik schweigt dazu - die doppelbödige Trivialität, die falsche Süße und das hysterische Gelächter verstummt in einer Totenstille, die nur vom mahlenden Geräusch des Balles grundiert wird. Alles fällt in diesem Moment zusammen - die unglückliche Liebe des schwedischen Königs Gustav zur Frau seines treuen Freunds Anckarström, der ungewollte Verrat seines Pagen und die Prophezeiung der Hexe Ulrica. Als das Anhaltische Theater Dessau Giuseppes Verdis "Un ballo in maschera" auf den Spielplan setzte, konnte man noch nicht ahnen, dass die Premiere am Vorabend einer Hochzeit im schwedischen Königshaus über die Bühne gehen würde. Von historischen Pomp aber ist Roland Schwabs Inszenierung ohnehin weit entfernt: Sein imaginäres Schweden ist eine Bühnenmaschine, auf dem die royale Rolle am Anfang ebenso per Los bestimmt wird wie die Partien der Verschwörer - und das Mittel zur öffentlichen Wahrnehmung ist ein gigantischer Spiegel, der den Zuschauern Einblicke in tote Winkel gewährt oder die Kehrseite der Pracht zeigt. Die Spielmacher aber sind der Diener und die Wahrsagerin, die sich ihrer Stellung in dieser Theatertruppe bewusst sind.

Fülle an Einfällen

Allein dieser aus der Theaterbegeisterung des realen Vorbilds Gustav. III entwickelte Ansatz hätte für einen spannenden Abend genügt, Schwab aber will mehr - und greift allzu oft in jene Kiste, auf die sein Bühnenbildner Hartmut Schörghöfer das düstere Wort "Pandora" geschrieben hat. Da finden sich Clownsnasen und Blumensträuße, Brautschleier und Zauberkräuter. und als sich der König für seinen Besuch beim Orakel verkleidet, fällt das schon längst nicht mehr auf, weil hier alle Masken tragen. Es ist die Fülle an Einfällen, die der Idee im Wege steht und die zwischen der bösen Ironie und bloßen Illustration keine eindeutige Perspektive auf die Geschichte entwickelt. Bildgewaltig und überraschend aber ist der Abend allemal - und lediglich das dröhnende Gelächter, das der Regisseur seinen Figuren immer wieder in den Mund legt, muss man ihm wirklich übelnehmen. Denn das böse Lachen obliegt in dieser Oper dem Orchester - und die Anhaltische Philharmonie spielt unter ihrem Generalmusikdirektor Antony Hermus auch diesen Verdi auf einem unerhörten Niveau. Der Thrill der düster romantischen Friedhofsszene ist ihnen so geläufig wie der angeheiterte Taumel der Ballszenen, das innige Gebet Amelias ist hier so gut aufgehoben wie die aufgesetzte Fröhlichkeit des Hofstaats. Und wenn Anckarström seinen Nebenbuhler aus einer fratzenhaften Kapelle heraus schließlich mit einem Geigenbogen ersticht, dann ist dies nur konsequent: Im "Maskenball", der in Dessau mittlerweile ganz selbstverständlich in Originalsprache über die Bühne geht, mordet die Musik. Und man genießt den Sog in die Katastrophe in jeder Sekunde. Das ist auch ein Verdienst der Solisten, unter denen sich Iordanka Derilova und Ulf Paulsen im Furor ihrer Liebe und ihrer Verzweiflung den größten Applaus verdienen. Dieses stimmlich wie spielerisch todsichere Paar findet in Hector Sandovals König einen Mit- und Gegenspieler, der eher die leichtsinnige Lust als die drückende Last der Macht betont und dessen Würde in bester Theatermanier von den Anderen behauptet wird.

Meister des Totentanzes

Dafür ist vor allem Cornelia Marschall als bravouröser Zeremonienmeister des Totentanzes zuständig, der jedes Wort in eine Volte und jede Geste in einen Scherz verwandeln kann - und der in der Schicksalsgöttin der Rita Kapfhammer seinen dunkel getönten Widerpart findet. Auch Wiard Witholts Seemann und die Verschwörer von Nico Wouterse und Rosen Krastev balancieren sicher auf dem schmalen Grat zwischen dem raunenden Schicksal der Musik und dem mutwilligen Spiel der Inszenierung. Und Helmut Sonne zeigt mit seinem Opernchor, dass die zuletzt bemühte Verstärkung von außen vor allem quantitativ nötig ist - qualitativ genügt das hauseigene Ensemble höchsten Ansprüchen. Dass dieser Verdi die hauseigene Tradition auf neuer Höhe fortsetzt und zudem einen Spiegel als Mittel der Entlarvung benutzt, wo er zuletzt im "Macbeth" der Denunziation diente, rundet sich zum würdigen Abschluss dieser Musiktheater-Saison - auch wenn der Doppel-Mord in der Applausordnung die Premieren-Begeisterung eine kurze Schrecksekunde beimischte.

Deutschlandradio Kultur, Vorbericht 18.06.2010
von Uwe Friedrich
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