Draußen vor der Tür

Drama von Wolfgang Borchert

Beckmann kehrt aus dem Krieg zurück nach Hamburg, doch sein altes Leben gibt es nicht mehr. Verzweifelt will er sich in die Elbe stürzen, doch die gibt ihn zurück und der »Andere« sagt ihm: Du musst leben. Aber Beckmann kann diesen Auftrag nicht annehmen, weil er im Leben keinen Sinn mehr sieht und ihm auch keinen neuen geben kann. Trotz des äußeren kann er keinen inneren Frieden finden.

Wolfgang Borcherts Drama über einen Kriegsheimkehrer wird so lange aktuell bleiben, wie es Kriege gibt: Die seelischen Narben heißen heute „Posttraumatische Belastungsstörung“, für betroffene Soldaten hat man in Berlin kürzlich sogar ein Traumazentrum geschaffen. Doch das Stück zeigt auch eindrücklich auf, wie die Folgen eines Krieges in die gesamte Gesellschaft hineinwirken. »Draußen vor der Tür« ist somit ein immer gültiger Text über die Sinnlosigkeit des Krieges und die Suche nach dem Sinn des Lebens.


Vorstellungsdauer: ca. 1h


Inszenierung Nele Weber
Bühne und Kostüme Jan Steigert
Musik Jan Preißler
Dramaturgie Sabeth Braun

Beckmann Patrick Rupar
Tod / Frau Kramer Illi Oehlmann
Elbe / Der Oberst Gerald Fiedler
Gott / Mädchen Katja Sieder
Einbeiniger / Direktor Patrick Wudtke
Der Andere Illi Oehlmann / Gerald Fiedler / Marie Ulbricht / Patrick Wudtke

»Das ist das Leben! Ein Mensch ist da, und der Mensch kommt nach Deutschland, und der Mensch friert. Der hungert und der humpelt! Ein Mann kommt nach Deutschland! Er kommt nach Hause, und da ist sein Bett besetzt. Eine Tür schlägt zu, und er steht draußen.«


PRESSESTIMMEN

Kai Agthe, Mitteldeutsche Zeitung, 01.05.2014

Beckmanns Kreuzweg
ANHALTISCHES THEATER Die verlorene Generation: Nele Weber inszeniert in Dessau Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür".
Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" ist ein bei jungen Menschen beliebtes Stück: Der Umfang ist überschaubar und die Botschaft eindeutig. So lässt sich Literaturunterricht aushalten. In dem Heimkehrer-Drama irrt Beckmann nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft durch Hamburg auf der Suche nach jemanden, der die Verantwortung und die auf seinem Gewissen lastende Schuld am Tod seiner Kameraden von ihm nimmt. Aber da ist keiner, der ihn entlastet. Das Stück ist ein Klassiker und sein Verfasser ein Kult-Autor - umso mehr, als der Hamburger Dichter jung starb und so zu einem frühen Popstar avancierte.
Seelisch verwüsteter Protagonist
Als Hör- und Bühnenstück traf Borcherts Text den Nerv seiner und der folgenden Generationen. Das Drama wurde immer dann zitiert, wenn es um die literarische Aufarbeitung deutscher Kriegsschuld ging. Das alles am Beispiel eines Landsers, der sein Gewissen im Jahr 1945 nicht an der Garderobe abgegeben hat. Es ist eine Dichtung, die früh die psychischen Folgen des großen Schlachtens hinterfragte, dessen Augenzeuge erst Wolfgang Borchert, dann auch sein seelisch verwüsteter Protagonist und Alter ego Beckmann wurde.
Jetzt hat sich das Anhaltische Theater Dessau des Dramas angenommen. Beckmann ist hier kein klassischer Kriegsheimkehrer, ein Traumatisierter und Verlorener ist er wohl. Er trägt weder eine zerschlissene Uniform noch jene scheußliche Gasmaskenbrille, die Borchert seiner Figur angemessen hatte, sondern einen grauen Allerwelts-Anzug zum himmelblauen Hemd: Patrick Rupar überzeugt in der Rolle des ebenso heimat- wie orientierungslosen Außenseiters.
Dieser Antiheld steht, da mehr als die Hälfte des Textes auf ihn entfällt, im Mittelpunkt des Dramas - und in der schlüssigen, gut 75-minütigen Dessauer Inszenierung von Regisseurin Nele Weber oft auch am Mikrofon und bisweilen vor einer Videokamera. Spielereien, die im Gegenwartstheater beliebt sind, ein Bühnenstück aber nur selten aufwerten. Die Ausstattung (Jan Steigert) ist bescheiden, sie begnügt sich mit Podesten und einer Rückwand, die auch als Projektionsfläche dient. Unverständlicherweise wird das Bühnengeschehen nur dürftig beleuchtet. Etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen, wäre deshalb wünschenswert.
Im Vorspiel beobachten der gut gelaunte Tod (Illi Oehlmann) und der an seiner Hilflosigkeit leidende Gott (Marie Ulbricht) die Menschenkinder, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Diesen Vorsatz hegt auch Beckmann, der sich in der Elbe ertränken will. Doch die weist ihn in Gestalt von Gerald Fiedler zurück: Noch nicht gelebt, aber schon sterben wollen. Das kann der Fluss nicht akzeptieren und schickt ihn wieder ins Leben.
Der Verzweifelte als Lachnummer
Für Beckmann folgt ein Kreuzweg: Kaum hat sich ein Mädchen (Marie Ulbricht) seiner angenommen, da kehrt ihr Ehemann (Patrick Wudtke) aus der Gefangenschaft zurück. Beckmann will dann dem Oberst (Gerald Fiedler) die Verantwortung zurückgeben, die dieser seinem ehemaligen Unteroffizier Beckmann übertragen hatte. Der nennt den Verzweifelten eine Lachnummer und empfiehlt ihm, im Kabarett aufzutreten. Das Vorsprechen dort gerät für Beckmann zum Debakel. Zuletzt muss er von Frau Kramer (Illi Oehlmann) erfahren, dass sich seine Eltern bereits bei Kriegsende das Leben genommen haben.
Die vier Akteure übernehmen ferner chorisch die Rolle des "Anderen", eine Art ewiger Optimist, der Beckmann immer wieder heimsucht, ihm aber auch nicht helfen kann. Mit dessen dreifach wiederholtem Ruf "Gibt denn keiner Antwort?" schlägt Borchert dem Publikum zuletzt die Tür der Hoffnung einfach vor der Nase zu.

Als sei es ein Traum, Mitteldeutsche Zeitung, 22.04.2014

Thomas Altmann im Vorgespräch mit Regisseurin Nele Weber

PREMIERE Nele Weber inszeniert in Dessau Borcherts "Draußen vor der Tür".

Gott ist gebrechlich, der Tod fett. Er rülpst. Die alte Elbe stinkt nach Öl und Fisch. Bei Blankenese spuckt sie ohne Interesse an diesem armseligen Tod Beckmann ans Ufer, als setze auch sie ihn vor die Tür. In Beckmanns Augen leuchtet kein Mond gelb wie ein Honigbrot, wie Eierkuchen. Der Mond leuchtet "wie der Bauch eines schwangeren Mädchens, das sich im Bach ertränkte". Und der fette General spielt Xylophon, musiziert auf Menschenknochen.

Porträt eines Heimkehrers

"Draußen vor der Tür - Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" hat, inszeniert von Nele Weber, am kommenden Sonnabend Premiere im Alten Theater Dessau. Wolfgang Borchert schrieb das Stück in nur acht Tagen nieder. Zuerst als Hörspiel am 13. Februar 1947 ausgestrahlt, folgte die Uraufführung am 21. November 1947 in den Hamburger Kammerspielen. Am Tag zuvor starb Wolfgang Borchert, 26 Jahre alt.

Der Krieg aus Deutschland kehrte heim nach Deutschland. Borchert schuf in seinem einzigen Drama das Porträt eines Heimkehrers, ein schonungsloses, traumatisiertes, sarkastisches und gerade in seinen tragikomischen Momenten auswegloses Porträt im diffusen Licht der Opfer-Täter-Relation. Beckmann kommt aus der Kriegsgefangenschaft. Seine Frau redet ihn nur noch mit dem Nachnamen an. Sein Bett ist besetzt. Nicht einmal die Elbe gibt seinem Freitod einen Raum.

Beckmann kommt in eine Gesellschaft, die keinen Platz für ihn habe, sagt Weber. Er sei jemand, der Fragen stelle, der sich nicht damit abfinden könne, dass es einfach weiter gehe, der Antworten suche auf Fragen nach Sinn, Verantwortung und Schuld, der auch Antworten erhalte, Antworten, die nicht seine Antworten seien. So bleibe er ein Einzelner in der Gesellschaft.

Zwar sei, sagt Weber, das Stück konkret vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges geschrieben, aber es sei universeller, verhandle gültige Fragen vor dem Hintergrund des Krieges. Es gehe weniger um einen bestimmten Krieg, mehr um die Auswirkungen des Krieges: Was ein traumatisches Erlebnis mit einem Menschen mache, wie er damit umgehe, es verarbeite, wie die Gesellschaft mit diesem Menschen umgehe. Entwurzelt sein, keinen Halt haben: Die Fragen nach Sinn, Leben und Tod blieben aktuell.

Bildreich und grotesk

Nun werde versucht, so Weber, einen traumatischen Zustand herzustellen, der im Stück auch als Traum, als Alptraum geschildert werde. Die Stationen seien flüchtig und fragil, eben wie ein Traum, wie ein Alptraum. Die Figuren, die Beckmann träfe, seien auf ihre Art unheimlich, traumatisiert, hätten ihr Schicksal verdrängt. Weber verweist auf den Einbeinigen oder auf Beckmanns Traum, auf den fetten Musiker, der dunkles Blut schwitzt, Blut, das in zwei Streifen an der Hose herunter rinnt, in zwei roten Streifen, die ihn zum General machen. Ein General, der mit Armprothesen, die wie Handgranatenstile aussehen, auf Menschenknochen musiziert: Schädeldecken, Schulterblätter, Beckenknochen, Rippen, Zehen, Finger, ein riesiges Instrument, rasender Rhythmus.

"Wir versuchen, einen Alptraum zu erzählen", sagt Weber, eine "Traumlogik" umzusetzen. "Draußen vor der Tür" sei weniger ein psychologisches, eher ein bildreiches, ausgestelltes, groteskes Stück. Bilder finden, Atmosphären finden. Die Bühne bilde den Versuch, einen Steg darzustellen. Wichtiger, als den konkreten Ort zu zeigen, sei es mittels Musik und Requisiten in neue Situationen einzusteigen. Patrick Rupar vom Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters wird Beckmann spielen. Beckmann sagt: "Und dann auf einmal plumpst es, und die Wellen machen niedliche kleine kreisrunde Kreise, und dann rauscht der Vorhang."

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