Dracula

Eine Menschen-Schatten-Puppengeschichte frei nach Bram Stoker, von Astrid Griesbach

Alles Beginnt mit einem cleveren Immobilienmakler. Der hört von einem kaufwilligen Mann aus Transsilvanien, und schickt seinen Gehilfen umgehend auf eine Reise, die zu einem wahren Horrortrip wird. Der Gehilfe kommt zwar heil zurück, aber bringt auch eine recht eigenwillige Gestalt aus den Bergen Transsilvaniens, mit Sarg, Pest, Kaufabsichten in die Stadt. Doch gibt es hier eine junge Frau, die opferbereit dem ganzen Spuk ein Ende bereiten wird. Schwarz und Weiß mit einem Tropfen Rot sind die beherrschenden Farben, die dieses Spiel um Gier, gewaltige Schneidezähne und Liebe übermalen. Viele Schatten, eigenwillige Figuren und irgendwie doch noch ein Happy End erwarten den geneigten Zuschauer auf der Puppenbühne des Alten Theaters.

Inszenierung Astrid Griesbach
Ausstattung Petra Linsel
Masken und Figuren Lisette Schürer

Spiel Uta Krieg / Sabine Mittelhammer / Christine Müller / Helmut Parthier

PRESSESTIMMEN

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 12.06.2012

Mauseloch in allen Gräbern

Schwarz wie ein Frack, weiß wie eine Badekappe und rot wie der in die Urne geklatschte Mohn: Es war einmal ein von der Pest dahingeraffter Melonenhändler, der quietschend erweckt als Wiedergänger auch nur gierig blieb. Gereicht es zum Happyend, wenn die Geldgier den Blutdurst überdauert, der Mammon ewiger lebt als der Untote, als Graf Dracula, wie ihn Bram Stoker ersann?

Von Nosferatu bis zum Horrorcomic reichen die Bearbeitungen des Romans. Nun hat Astrid Griesbach "Dracula" als eine "Menschen-Schatten-Puppengeschichte frei nach Bram Stoker" im Alten Theater Dessau inszeniert. Wenig Blut, kein Knoblauch im gestopften Mund eines abgetrennten Kopfes: Die Libidodefekte der saugenden Täter und die zwiespältigen Deflorationsgelüste der Opfer üben scheinbar Zurückhaltung.

Dennoch saugt Dracula Blut und Hutter Geld, indem er in der Ferne eine Ruine verschachert. Mehr noch als dieser kritische Reflex, der durch das quasi globalisierte Betrugsgeschäft in Transsilvanien an Bedeutung gewinnt, liefert Griesbach ein wirklich fesselndes Spiel der Grenzüberschreitungen. Sie findet im Grab die Mauselöcher, welche auf das Thema der Vampirgeschichten schlechthin, auf die fließenden Grenzen zwischen Leben und Tod in mehreren Lesarten verweisen.

Untot vor dem Biss

Die Briefe Hutters an seine Braut korrespondieren mit den Ebenen des Spiels zwischen Heimat und Ferne, zwischen Geld- und Blutsaugerei, zwischen Tod und Leben, sollte es heißen. Aber wer lebt hier eigentlich? Die Hauptpuppe des Puppenspiels, die handelsübliche Maklerbraut Ellen, wurde scheinbar für die Zielgruppe der frustrierten kinderfeindlichen Großtante ersonnen. Untot längst vor dem Biss liest sie in den Briefen, deren Inhalt und Hintergründe im Hintergrund spielen, als Schattenspiel oder in projizierten Bildern, bald als köstlich konzentrierte und karikierende Zeichnungen, bald als gestisch anmutende Malerei (Ausstattung Petra Linsel; Masken und Figuren Lisette Schürer).

Wie das Totenschiff in den Hafen läuft, ein Cartoon der Bedrohung. Und das Volk in Transsilvanien! Das sind Vorurteile, sind wirklich Schemen, das ist Volk und doch sind diese Figurinen nicht unvertraut fern, eher possierlich, witzig, unterschwellig orakelnd. Vor allem sind sie komisch, diese Schattenfiguren, was viel ist. Und wenn es blutig wird, dann rauschen die Farben. Neben diesen malerischen Attitüden wird die dreigeteilte Projektionsfläche immer mal wieder für interaktive Präsentationen der Geschichte genutzt, Powerpoint auf transsilvanisch. - Das eigentümliche Quartett der Puppen- und Schauspieler (Uta Krieg, Sabine Mittelhammer, Christine Müller und Helmut Parthier) agiert als Mittler zwischen den Orten, den Aktionsradien des Absenders und des Adressaten. Wispernden Rachegöttinnen und zwiespältigen Gehilfen gleich, liefern sie uniform maskiert und herrlich verwegen auch die personifizierten Gedanken zwischen den Zeilen der Briefe. Leibhaftige Sorge trifft auf leibhaftigen Selbstbetrug. Es wird schon und bleibt clownesk, auch wenn die Mittler ins Bild greifen, um die Handlung zu forcieren.

Unvermittelte Gesellschaftskritik

Die freie Erzählung nach Stoker, die Wechsel der Ebenen hinterlassen nie das Gefühl, Griesbach springe vom Text zur Illustration oder überspringe übersprungene Seiten. Nur der Bus klingt ein wenig offen nach Kasperbude. Dafür erscheint es so gewagt wie auch erstaunlich gelungen, Gesellschaftskritik unvermittelt auf der ästhetischen Ebene, auf der gemeinhin Quietschenten schwimmen, aufzupfrofen. So stirbt die Plastikfamilie des Melonenhändlers grell infiziert, indem sie pars pro toto für die Pestopfer vom Podest fallen. Sie werden auf(er)stehen und sein wie der Makler, der fortan nur noch nächtens agiert. Die Alternative: Mit den Maklern saugen oder mit den Wölfen heulen. Aber wenigstens eines der Kreuze sollte ein wenig schräg stehen. Oder alle?

Helmut Rohm, Volksstimme, 11.06.2012

Premiere von "Dracula" auf der Puppenbühne des Anhaltischen Theaters Dessau

Spannungsreich und komödiantisch

Schwarz und Weiß sind dominant. Hin und wieder setzt Rot einen markanten Kontrast - Blut symbolisierend. Auf der Puppenbühne im Alten Theater des Anhaltischen Theaters Dessau gab es am Freitagabend die Uraufführung von "Dracula".

Nach zahlreichen Vertonungen, internationalen Verfilmungen, einigen Bühnenbearbeitungen, auch Comics, hat die Berliner Regisseurin Astrid Griesbach nach dem 1897 veröffentlichten Vampir-Roman von Bram Stoker die Geschichte als Stück auf die Puppenbühne gebracht.

Die Bühnendekoration ist spartanisch. Seitlich zwei kubische Sockel - universell eingesetzt als Minibühnen. Ein tryptichonähnlicher Wandschirm begrenzt die Bühne nach hinten. Mit Spielraum auch dahinter, wie sich im Verlauf des Spektakels auf wunderliche Weise erleben lässt. Und - im steten Spotlicht seitlich an der Wand verfolgt ein horrorstilgerecht angenagelter Raubvogel das wundersame etwa einstündige Geschehen.

Astrid Griesbach lässt die Story, frei angelehnt an die Romanhandlung, handlungsverständlich gestrichen, von insgesamt vier Akteuren (Uta Krieg, Helmut Parthier sowie als Gäste Sabine Mittelhammer und Christine Müller) schön spannungsvoll zelebrieren. Sie präsentieren keine feste Rollenzuweisung, sind als Menschen dennoch oft geheimnisvoll handlungsrelevant. Sie sind abwechselnd natürlich Puppenspieler, wie bei der Hauptrolle der Ellen oder als Spieler mit Puppen, wie beim farbigen "Peststerben" einer Familie und deren humorvoller Wiederauferstehung. Die darstellerische Vielfalt und das vielfältige komödiantische engagierte Können werden auch beim mit Spontan-Beifall bedachten live instrumental (Violine, Gitarre, Akkordeon) und gesanglich stimmig eingefügten Song "To the Sea" erlebbar deutlich.

Diese Dessauer Inszenierung ist gespickt mit mehr oder minder passenden detailverliebten Spielereien - auf jeden Fall von effektvollen Spannungsmomenten. So wie beim Beginn, als auf der Bühne und im Zuschauerraum eine fast knisternde Neugierde zu spüren ist, was denn wohl in dem geheimnisvollen Würfel auf eben einer der Spielsäulen drin sei. Ein offenbar funkferngesteuerter schnöder Lichtschalter, dessen vorsichtiges Berühren das Stück "in Gang setzte". Beifall.

Zwei alternierende Handlungsstränge

Die Zuschauer erleben als Dramaturgiegerüst zwei alternierende Handlungsebenen - die des zu einem Geschäft mit einem Käufer namens Graf Dracula nach Transsylvanien geschickten Immobilienmaklergehilfen Hutter. Und die der zurückgebliebenen Frau Ellen. Dargestellt wird Ellen mit einer an Käthe Kruse erinnernden "normalen" arm- und kopfaktiven Kinderpuppe, im Komplex mit den reizvollen Mono- und Dialogen. Aktionsreich und im Schattenspiel mit Flachfiguren auf dem zu drei Projektionsflächen umfunktionierten Wandteiler können die Zuschauer die turbulenten Abenteuer der Reise des Hutter verfolgen.

Mit ein wenig Fantasie und sicher auch vorteilhafter Kenntnis der Romanhandlung sind einzelne, teilweise nur angedeutete Szenen über Liebe, Horror, Abenteuer, Beziehungen, Gier um Macht und vor allem um Geld und auch die "Seitenblicke" zur Aktualität nachzuvollziehen.

Ob allerdings Rumänien mit "klauen" charakterisiert werden soll, ist sicher nicht nur eine Geschmacksfrage. Und ob das Stück in dieser Lesart, so wie im Programmheft ausgewiesen, für "Menschen ab vier" angeraten ist, ist, ohne den Verständnisgrad unseres Nachwuchses herabstufen zu wollen, zumindest fragwürdig.

Den fast ausschließlich erwachsenen Gäste der abendlichen Premiere hat, wie der Beifall belegte, es sehr gefallen.

Tobias Prüwer, nachkritik.de, 09.06.2012

Dracula – In Dessau zum fantastischen Kinderstück gemacht von Astrid Griesbach

Immobiliengeschäfte in Transsilvanien

Dessau, 8. Juni 2012. Bram Stokers Blutrausch um bittere Liebe und süßen Tod ist in etlichen Versionen zu haben, auch auf der Bühne. Regisseurin Astrid Griesbach ließ sich von der Vielfalt weder schrecken noch beeindrucken und legte in Dessau-Roßlau einen herrlich unverkitschten "Dracula" hin. Ganz frei nach der Romanvorlage hat die künstlerische Leiterin des Berliner Theaters des Lachens den Schauerstoff als Figuren- und Schattentheater zu einem fantastischen Kinderstück umgemünzt.

Pinguineske Figuren Im schwarzen Bühnenrund steht im Hintergrund eine weißer, überdimensionierter Paravent, vorne reichen zwei Podeste als Kulisse aus. Schwarz-Weiß dominiert die ganze Inszenierung, nur ein paar Details sind in Blutrot getunkt. Wie die Bühne sind die Spieler zweifarbig gehalten. In Abendgarderobe wie aus Ebenholz haftet den drei Spielerinnen und einem Spieler mit weißer Badekappe und dick umrandeten Augen etwas Pinguineskes an. Ein Stahlrohknoten als Kronleuchter und eine zur Mohnstraußvase umfunktionierte Urne bezeugen schon zu Beginn, dass sich hier Skurriles Bahn brechen wird.

In Dessau-Roßlau ersehnt man Dracula als potenten Immobilieninvestor, weshalb sich der Makler Hutter zu ihm nach Transsilvanien aufmacht. Seine Geliebte Ellen lässt er zurück, verspricht aber regelmäßiges Nachrichtenschreiben. Der Vampir zieht dann mit Gefolgschaft ins neue Eigentum, Ellen schwebt in der akuten Gefahr, unter seinen Fängen unsterblich zu werden und Hutter kommt im letzten Moment, um noch eine Art Happy End zu besorgen. Denn der Tod ging schon tüchtig um an der Unteren Mulde: Auf den Raumteiler gesprühte Kreuze hatten die Stadt in einen Friedhof verwandelt.

Alles ist Material zur Narration Mit geringer Ausstattung und wenigen Mitteln gelingt Griesbach eine dichte Inszenierung. Diese ist keine Anbiederung ans junge Publikum und dafür, dass sie für Menschen ab zehn Jahren gedacht ist, wird recht komplex erzählt. Das führt allerdings nicht zur Überforderung, weil über die Regisseurin vorzugsweise über die Banden, über Emotion und Sinnlichkeit spielt. Das Episodische des Briefromans ist beibehalten worden. Als Erzählebene vor Ort dient der Vordergrund. Hier gibt Ellen kund, was ihr Geliebter Hutter so schreibt. Das geschieht ans Objektspiel angelehnt eben nicht mit Figurentheaterpuppen, sondern mit einer Spielzeugpuppe als Ellen und an Gartenzwerge erinnernde Plastikmenschen. Es geht nicht um Handwerk und kunstfertige Figurenführung, alles ist bloß Material zur Narration.

Der weiße Raumteiler wird in Schattenspielereien zur Erzählebene der Transsilvanienepisoden. Plaudert Ellen unbekümmert munter drauf los, so erfährt das Publikum die Geschehnisse im Lichttheater meistens indirekt. Dorfbewohner wundern sich über den Fremden Hutter, der in ihrer Karpaten-Einöde einfindet, kommentieren, was ihn beim Grafen erwartet und hoffen, er hat ausreichend Knoblauch, Hammer und Pfahl sowie Silberkugeln im Gepäck. Diese Art Erzählfilter wird auf andere Weise in der Vampirburg aufgegriffen. Als Nosferatu in Murnau-Optik ragt Dracula immer wieder in die von Schlieren und Unrat, Gestrüpp und Grabfigurine gezeichneten Bildfläche. Rote Lachen bedeuten blutige Orgien, in denen Draculas Gespielinnen den Makler umgarnen. Es passiert viel, Worte werden wenige verloren.

Dracula, der Hütchenspieler Da die zwei Erzählebenen auf die Mittel des Figurentheaters fokussiert sind, auf der die körperliche Ebene liegt, erscheinen die Spieler überirdisch. Aus einer Zwischenwelt heraus agieren sie wie Götter oder Schicksalfüger, geben den Figuren – die ja hier die Menschen darstellen – Einflüsterungen und lassen sie handeln, spielen mit ihnen und treiben Schabernack. Und wenn das Quartett mit einem mitreißenden, live intonierten Chanty – "To the Sea" von Katzenjammer – die Überfahrt der Blutsauger begleitet, trumpft Griesbachs Vorliebe für das Jokermotiv auf.

Auch in anderen Momenten schimmern in dieser schmissigen Symphonie des Grauens an Comedia dell'arte erinnernde Elemente durch, und derberer Humor kommt nicht zu kurz. Auch Gegenwarts- und Lokalkolorit findet sich in Form von Vorurteilsbekundungen – "die klauen doch dort in Rumänien und diese Hütchenspieler" – eingestreut sowie Hinweise auf die strukturschwache Region Dessau, ohne zu bemüht auszufallen. Und ebenso zurückhaltend fällt die Spur Gesellschaftskritik im Schlussbild nur angedeutet aus, wenn dort der Mensch den Mammon anbetet wie der Wolf den Mond anheult.

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