Doktor Mabuse

Ein Spiel mit Menschen unserer Zeit
Schauspiel nach Motiven von Norbert Jacques und Fritz Lang

Mit der Romanfigur des Doktor Mabuse schuf Norbert Jacques 1919 den Prototyp des modernen, gewissenlosen und schließlich in den Wahnsinn driftenden Universalverbrechers, der besonders durch die Verfilmungen von Fritz Lang in den 1920er Jahren Kultstatus erlangen sollte. In den 1960er Jahren wurde Doktor Mabuse durch zahlreiche Verfilmungen in Edgar-Wallace-Manier trivialisiert. Doktor Mabuse gilt auch als Vorbild für alle späteren Schurken der James-Bond-Filme. Doktor Mabuse manipuliert durch Massensuggestion die Finanzmärkte, zwingt durch Hypnose seine Kontrahenten beim Kartenspiel in den Ruin und versucht letztlich die Weltherrschaft zu übernehmen. Dabei ist er ein unerlöster Geist, der sich durch unerfüllte Liebe zu immer monströseren Verbrechen treibt. Sein Plan, mit den Früchten seiner Untaten in Brasilien eine Kolonie zu gründen, um seine Vorstellungen einer utopischen Gesellschaft zu verwirklichen, scheitert. Die Befriedigung seiner unendlichen Gier lässt ihn nur noch unglücklicher werden. So ist Doktor Mabuse ein Gleichnis auf unsere moderne Gesellschaft, die in ihrem unaufhörlichen Streben nach immer mehr und immer größerem Gewinn dabei ist, sich selbst zu verlieren und letztlich zu vernichten. Krimi, Liebesgeschichte, ein Versuch über das Böse – Die Dessauer Uraufführung ist ein suggestiver Theaterabend, der auf verschiedensten Ebenen mit den Wahrnehmungen der Zuschauer spielt.

Siehe auch:
- Probenblog »Wer ist Mabuse«
- »Wer ist Mabuse« auf facebook

Wer ist Mabuse?

PRESSESTIMMEN

Nina May, Leipziger Volkszeitung, 18. Oktober 2010

Menschen -Spieler

Uraufführung: „Doktor Mabuse“ kann in Dessau nicht ganz mit Fritz Langs Stummfilmklassiker mithalten

Doktor Mabuse ist ein Psychoanalytiker, der die Menschen durch Hypnose manipuliert - sein Schöpfer und Roman-Autor Norbert Jacques wurde offenkundig inspiriert von Sigmund Freud. Er ist zugleich „immer ein anderer“, wie es im Anhaltinischen Theater auf der Bühne heißt, verbirgt sich ständig hinter neuen Masken, er ist als „Spieler“, wie Fritz Lang ihn in seinem ersten Film über den Universalbrecher nannte, nicht nur der Herr über die Karten, sondern auch über die Sinne der Menschen.

Theater hat seine Wurzeln in genau diesem Spiel mit Masken und Wahrnehmung, und so bietet sich die Wahl des Stoffes für die Bühne an. Am Freitagabend wurde die Uraufführung von „Doktor Mabuse“ im Anhaltinischen Theater gefeiert. Intendant André Bücker gelingt es in seiner Inszenierung, die unheimliche kriminelle Zwischenwelt, in der sich auch der Zuschauer nicht auf seine Sinne verlassen kann, sinnlich erfahrbar zu machen: indem er seinem Ensemble Monitore vors Gesicht spannt, auf denen Augen zu sehen sind. Auch darunter sind nicht die wahren Gesichter, sondern mit UV-Licht gezeichnete Konturen - eine eindrucksvolle Doppelmaske. Das sich stetig wandelnde Bühnenbild mit Spiegeln und Videoprojektionen von Jan Steigert spielt zudem mit der Wahrnehmung der Zuschauer. Die eigens komponierte Musik von Daniel Dohmeier erinnert an die Stummfilm-Atmosphäre.

Allerdings wirkt der Abend - vor allem nach dem Genuss von Langs Film - in großen Teilen sehr krakelig. Uwe Fischer scheint in der Titelrolle mangelnden Esprit mit Hysterie ausgleichen zu wollen. Da war der Filmdarsteller Rudolf Klein-Rogge mit diesem irren Blick schon von anderem Kaliber. Auch die Gräfin, für die Mabuse erfolglos entbrennt, wird in der Besetzung mit Katja Sieder von der gelangweilten Grand Dame, die ein bisschen Nervenkitzel sucht, zur theatralischen Selbstdarstellerin. Nicht schlecht jedoch der Wandel von Mabuses weiblichem Werkzeug von der umjubelten Tänzerin zur Lyrik zitierenden Prostituierten, die ihrem Meister hoffnungslos verfallen ist (viel Applaus für Susanne Hessel).

Als eine Art Ouvertüre philosophiert Mabuses Diener im Dialog mit dem Publikum über das Wesen des Verbrechers und scheut dabei auch Stammtisch-Parolen nicht („Die da oben sind …“). Eine bemerkenswerte Leistung von Thorsten Köhler. Der Prototyp des Verbrechers ist natürlich Doktor Mabuse selbst, der Börsenkurse wie Menschen zur Durchsetzung seines Willens manipuliert - in Dessau werden passenderweise Texte von Nietzsche montiert. Bücker muss keinen Holzhammer bemühen, um die Parallelen zur aktuellen Finanzkrise deutlich zu machen. Die Konsequenzen aus dem Glücksspiel Börse werden in den dekadenten Salons der 20er ebenso verdrängt wie in der Spaßgesellschaft vor dem Platzen der Spekulationsblase.

Bis dahin spielt man eben noch eine Runde - oder wird selbst zum Spielball eines Doktor Mabuse.

Nina May, Die Zeit, 21.10.2010

Kein schöner Land als Dessau

Das Beispiel Anhaltinisches Theater zeigt, dass Protest gegen Kulturkürzung erfolgreich sein kann »Kein schöner Land« – das Spielzeitmotto prangt auf einem riesigen Plakat am Eingang des Anhaltinischen Theaters Dessau. Es wirkt ein wenig selbstironisch, denn Kürzungsszenarios drohen diesen Ort zu einem hässlichen Fleck verkommen zu lassen. Im März hatte die Stadt Dessau-Roßlau angekündigt, die Zuschüsse für das Theater von 2013 an zu halbieren, sodass 3.5 Millionen Euro wegfielen, die weitere 3,5 Millionen an Landesmitteln abzögen. Ein Repertoiretheater wäre damit unmöglich, eine knapp 200-jährige Theatertradition würde ausgelöscht. Intendant Andre Bücker sagte damals: »Dann werden wir eine seelenlose Hülle für fahrende Theatertruppen.«
Die Bürgerinitiative »Land braucht Stadt« kämpft seitdem für das Haus, aber auch für Schwimmbäder, Bibliotheken und Sportvereine, die ebenfalls gefährdet sind. Da solle sich niemand über Abwanderung beschweren, kritisierte Bücker im März und warnte vor einem »Brachland, durch das wohlhabende Touristen fahren, um sich die Weltkulturerbestätten anzusehen.« Davon hat Dessau gleich zwei: die Bauhaus-Meisterhäuser und das Gartenreich Wörlitz. Mit diesem Kulturreichtum sei die Stadt finanziell überfordert, sagt Bücker heute, man versuche jetzt einen Teil der Verantwortung an das Land abzugeben. Er sei zuversichtlich: »Niemand hier will das Theater schließen.«
Man könnte Dessau also vorsichtig als Beispiel dafür anführen, dass die zurzeit allerorten ausgetragenen Kämpfe nicht zwangsläufig böse enden müssen. Als Beispiel dafür, dass die Politik einlenkt, wenn die Bürger ihr kulturelles Erbe verteidigen. Damit schimmert in Dessau auch Hoffnung für die krisengebeutelten Häuser der Region: Gerade wurde ohne Debatte die Schließung des Thalia Theaters Halle beschlossen, das mit mutigen Inszenierungen die Probleme der Region (etwa rechtsradikale Tendenzen in der Fanbewegung »Ultras«) ansprach, und die Insolvenz des Theaters Altenburg-Gera wurde gerade noch abgewendet. In Leipzig könnten durch eine Novelle des sächsischen Kulturraumgesetzes von 2011 an 2,5 Millionen Euro an Landesmitteln wegfallen, mit denen Sachsen die Landesbühnen Radebeul retten will. Das träfe in Leipzig vor allem Oper. Schauspiel und Gewandhaus, jeden Tag werden neue Horrorszenarios verhandelt – von reduzierten Spielplänen bis temporärer Schließung.
Doch in Dessau ein leises Aufatmen. Kein schöner Land – Bücker versteht das Motto schlicht als Liebeserklärung an das Theater als Ort der Arbeit und der Utopie. Und vielleicht ist es diese Leidenschaft, die dem Anhaltinischen Theater die Auszeichnung der Deutschen Bühne für ungewöhnlich überzeugende Theaterarbeit abseits großer Zentren einbrachte. Dabei kennt das Land schönere Orte als diesen schmucklosen Bau aus dem Jahr 1938. zu dessen Geschichte auch der erste Schauprozess der DDR unter Vorsitz von Hilde Benjamin gehört. Jetzt wurde in Dessau die Uraufführung von Doktor Mabuse nach Motiven von Norbert Jacques und Fritz Lang gefeiert. Andre Bückers Inszenierung erreicht zwar nicht ganz den Wahnsinns-Sog von Langs Stummfilm (1922), beweist aber unaufdringlich, dass Doktor Mabuse und seine Opfer Menschen unserer Zeit sind, wie es im Untertitel heißt. Mabuse, das Vorbild aller James-Bond-Schurken, manipuliert Börsenkurse und menschliche Sinne, um seinen Willen durchzusetzen. Das Theater erobert sich in Dessau sein ureigenstes Melier, das Spiel mit Masken und Wahrnehmung, zurück: In einer eindrücklichen Szene erscheint das Ensemble mit Monitoren vor den Gesichtern, und auf den Monitoren zucken menschliche Augenlider. Bückers Regieplan geht auf, und im dekadenten Spielermilieu der 1920er Jahre finden wir die Spaßgesellschaft von heute wieder. Nur als sehnsuchtsvoller Ruf nach »Eitopomar«, einer Inselgesellschaft, geformt nach dem Willen Mabuses, klingt die Utopie des Universalverbrechers an. Für Doktor Mabuse jedoch, dem sich ausgerechnet die begehrte Frau verweigert, kann es kein schönes Land geben.

Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 19.10.2010
Große Fragen der Menschheit

Norbert Jacques im Roman und Fritz Lang im Film vor allem haben sich bisher dem "Dr. Mabuse" genähert. André Bücker bringt die vielschichtige Persönlichkeit auf die Theaterbühne. Mit eigener Textfassung war die Premiere am Anhaltischen Theater zugleich eine Uraufführung. Kein einfacher Abend, dieses, so der Untertitel, "Spiel mit den Menschen unserer Zeit".

Ein Pistolenschuss beendet das unermüdliche "Sein oder Nichtsein" in dem Souffleurskasten. Ein Verbrechen. Ein Verbrechen? Was ist ein Verbrechen? Wer sind die Verbrecher? 

In einer Mischung aus Prolog auf dem Theater und Stand-Up-Comedy wendet sich Thorsten Köhler (später Diener Hans-Georg Preiss) an das Publikum, "verführt" es zunehmend zum Dialog. Es geht um die große Politik, um Banker-Gebaren, um Rauchen oder Nichtrauchen … 

Es geht auch um Manipulation. Auch das, so André Bücker, ist Mabuse und der ist somit ein Gleichnis auf unsere heutige Welt. Darum geht es dem Dessauer Generalintendanten, wenn er für seine Inszenierung das Mabuse-Bild der ab 1921 erschienenen Romane von Norbert Jacques mit der Gegenwart verknüpft. 

Philosophische Texte, unter anderem von Friedrich Nietzsche, Rüdiger Safranski, Charles Baudelaire, Martin Heidegger und Thomas Morus hat er für seine Textfassung verwendet. Geblieben ist dennoch die Kriminalgeschichte, die auch ein Stück Liebesgeschichte ist – um Mabuse, den nicht wirklich greifbaren Universalverbrecher.

Jacques‘ Staatsanwalt von Wenk ist hier der Kommissar von Eyck (Gerald Fiedler). Illegalem Glücksspiel ist er auf der Spur und später auch einem Mord. Und wird selbst hineingezogen werden, zum Spielen verleitet ...

Eine dunkle Bar hat Jan Steigert in einem veränderbaren großräumigen Bühnenbild gestaltet. Zwielichtig sind die Spieler, denen André Bücker per Videokamera zusätzlich direkt in die Gesichter sehen lässt. Skurril auch äußerlich (Kostüme Katja Schöpfer/Jan Steigert). Masken, Verwandlung … Jede(r), so scheint es, so ist es, verkörpert mehrere Personen in einer. Wer sind die? Immer wieder eine Frage an diesem Abend.

Auch dem Publikum wird viel abverlangt

Und wer ist Mabuse? Im Stück am ehesten der unbeherrschte, machtgierige, maßlose Verbrecher, Spieler, Trinker und Utopist (Uwe Fischer als Cornelius von Link/Wolf Ponary), der dennoch immer Unzufriedene, der Tyrann, der sich nach dem Fanatasieland "Eitopomar" in der Südsee sehnt und vergeblich nach der Gräfin (Katja Fiedler). Der Manipulator, der Hypnotiseur. Faszinierend und erschreckend zugleich die Hypnoseszene, in der er versucht, Lolas (Susanne Hessels) Wissen zum Mord herauszubekommen.

Eine Aufklärung der Verbrechen gibt es nicht. In der Spielhölle geht es weiter. Die Erlösung, nach der sich (nicht nur) Mabuse sehnt, bleibt aus. Nicht der Vater und der Sohn (Jan Kersjes, auch als Spieler und Lolas Geliebter) bringen sie. Nicht die völlige Vernichtung alles Vorhandenen. Das Attentat scheitert an nicht funktionierenden Feuerzeugen.

André Bücker möchte mit seinem heutigen Mabuse auch dies hinterfragen. Ist die Katastrophe, die völlige Zerstörung der Systeme die einzige Chance auf einen Neuanfang für eine sich zunehmend selbst abschaffende Menschheit? Mit seiner fast zweieinhalbstündigen pausenlosen Inszenierung fordert er seine Darsteller, zu denen noch Stephan Korves, Matthieu Svetchine und Sebastian Müller-Stahl gehören, auch konditionell mit viel Auf und Ab auf einer großen Treppe. 

Die Akteure werden gefordert, vor allem aber auch das Publikum vor dem philosophischen, auf die großen Fragen der Menschheit zielenden Ansatz, vom tiefsinnigen Text, der höchste Konzentration verlangt.

Beifall im keineswegs vollen Theater gab es für das Ensemble. Insgesamt fiel er eher verhalten aus.
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 18.10.2010
Menschen im Wechselrahmen
Zum Schluss ist es nur ein banaler Zufall, der den Weltuntergang verhindert: Der Selbstmordattentäter hat den Sprengstoffgürtel schon umgeschnallt, der Molotov-Cocktail ist gemixt - doch dann will das Feuerzeug nicht zünden. Und nach all den Bildern und Klängen, mit denen das Publikum zuvor pausenlos bombardiert wurde, ist es dunkel und still. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben ... So endet eine Zumutung, ein "Spiel mit Menschen unserer Zeit", das André Bücker jetzt am Anhaltischen Theater in Szene gesetzt hat. Sein "Doktor Mabuse", der die Romane von Norbert Jacques und die Filme von Fritz Lang zusammendenkt und um Texte u. a. von Elias Canetti und Charles Baudelaire, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche erweitert, funktioniert nach dem Prinzip Überforderung.
Prinzip der Überforderung
In der kühlen, expressionistisch gerahmten Stadtlandschaft von Jan Steigert werden Worte auf Videos auf Musik gestapelt, Nervosität und Konzentrationsverlust sind Programm. Schließlich ist dies ja auch die Methode des großen Manipulators Mabuse, die Verwirrung der Wahrnehmung schafft ihm den Raum, in dem er die Vernichtung der dekadenten westlichen Zivilisation vorbereitet. Dass das erste Opfer dieses Feldzugs auf dem Theater der Souffleur sein muss, ist von einer bezwingenden Logik. Schließlich bietet er den Schauspielern Halt - und wird deshalb von Mabuses Diener Hans-Georg erschossen, noch ehe sich der Vorhang hebt. Nachdem er so das geraunte "Sein oder Nichtsein" zum Schweigen gebracht hat, verwickelt Thorsten Köhler das Publikum in eine aberwitzige Debatte über das Zeitalter des Relativismus, in dem eben auch das Verbrechen eine Frage der Definition ist. Und schon dieser Hinweis lockt auf eine falsche Fährte - denn Mabuse ist ja eben in allen Handlungen und in seinen Ansprüchen absolut. Mit solchen Stolperfallen ist der ganze Abend gespickt: Immer wieder mäandert die eigentlich lineare Geschichte in abseitige Regionen - und an jeder dieser Kurven besteht die Gefahr, dass der Zuschauer aus der Bahn getragen wird. Manche der Texte kann man nur als jenes weiße Rauschen verstehen, das sich wie Schneegestöber gelegentlich auch optisch über die Szene legt - als Träger von Informationen, die nicht zu entschlüsseln sind. Dass in der lasterhaften Welt der Casinos und Boudoirs auch Identitäten und Geschlechtergrenzen verschwimmen, dass jeder ein Anderer sein kann, erschwert die Wahrnehmung zusätzlich. Nur Mabuse bleibt sich in all seinen Verkleidungen gleich. Uwe Fischer zeigt ihn als überwach tänzelnden und hypnotisch begabten Verführer, der sich schließlich an der scheinbar schwächsten Beute die Zähne ausbeißt - an Katja Sieders hinreißend fragiler und doch mit eisernem Willen begabten Gräfin. Mag ja sein, dass der König der Verbrecher die Welt erobern kann - diese Frau bekommt er nicht. Voll von der Rolle
Die andere, Lola, hingegen hat er längst besessen - und sie geht für ihn ins Gefängnis und schließlich sogar in den Tod. Susanne Hessel spielt dieses somnambule Wesen traumverloren lyrisch, aber auch trotzig aggressiv - eine Gratwanderung, die im befohlenen Suizid einen der schönsten Augenblicke des Stückes provoziert. Ein anderer Höhepunkt ist die gezielte Irreführung des Kommissars (Gerald Fiedler), der vom Verfolger unmerklich zum überforderten Opfer wird - und dem Mabuses Handlanger Harald (Matthieu Svetchine) eine wunderlich skurrile Räuberpistole auftischt. Ist der Croupier in diesem Moment aber wirklich ein Inspektor - und ist Paul (Sebastian Müller-Stahl) nun Henker und Arzt in einer Person? Wie kann es sein, dass Viktor (Jan Kersjes) nach seinem Tod als apokalyptischer Heiliger aufersteht? Und was stürzt den kunstsinnigen Grafen (Stephan Korves) plötzlich in so existenzielle Verzweiflung? Jede dieser Figuren trägt Optionen in sich - und wird von fremder Hand geführt. "Doktor Mabuse" funktioniert im Idealfall als pausenloser Trip, als multimediale Druckbetankung der Sinne. Dafür muss man in Kauf nehmen, dass dieses nach dem Motto "Spiel ist Krieg" geführte Gefecht keine Psychologie kennt, sondern die Figuren archetypisch behauptet. Wer das Theater als moralische Anstalt begreift, wird es hier nur in der Negation erleben - als Ort, der an Ängste rührt und am Ende keine Entwarnung gibt. Das treffendste Bild für die permanente Ungewissheit aber liefern jene digitalen Bildschirme, die den Figuren wie Bretter vor den Kopf gebunden sind ... Menschen im Wechselrahmen. Dafür gibt es am Ende Applaus - und viele ratlose Gesichter.
Alexander Hauer, www.musenblätter.de, 19.10.2010
Gleich zu Beginn stellt André Bücker uns die Frage „Wer ist Mabuse“. Und bleibt uns die Antwort schuldig, oder auch nicht. Denn wir alle sind Mabuse, Opfer und Täter zugleich, Kläger, Beschuldigter und Richter im einem.
Der Abend beginnt mit einem Mord. „Sein oder Nichtsein“ tonlos gesprochen klingt aus dem Off, und ein sichtlich genervter Typ (Thorsten Köhler als Mabuses Killer, Diener und Zofe) in Anzugsjacke und Trainingshose vom Aldi (Kostüme Katja Schröpfer und Jan Steigert), richtet ihn mit coolem Schuss in den Souffleurkasten hin und beginnt dann eine Exkursion über das Verbrechen im Allgemeinen. So beginnt das Spiel um den genialen Verbrecher. Uwe Fischer gibt diesen Geistesmenschen, der am Ende dem Wahnsinn anheimfällt, aber die Gesellschaft mit in den Wahn reißt. Sein Doktor M bleibt sympathisch, faszinierend, trotz aller Abgründe.
Gerald Fiedler ist sein Gegenspieler Kommissar von Eyck. Beide versteigen sich in ihren Wahn und auf der Strecke bleiben viele. Das erste Opfer ist die Tänzerin Hannelore Prezzo. Susanne Hessel lebt dieses Punkgirlie in erschreckender Intensität. Die Abhängigkeit, der Verfall ihres Körpers und ihres Geistes, bedingt durch Koks einerseits und die Ergebenheit, die sexuelle Abhängigkeit von Mabuse gerät zu einer schauspielerischen Großtat. Jan Kersjes als Lolas Liebhaber, und dann später als sein eigener Vater wird ebenso zum Opfer, genau wie Sebastian Müller Stahls Paul, Mabuses dienstfertiger Untergebener, von Bücker als Gummisklave angelegt. Die einzige, die am Ende Mabuse widersteht ist Katja Siedler als Gräfin Fabienne. Scheinbar schwach und verletzlich ist sie diejenige, an der Mabuse letztendlich scheitert.
André Bücker schrieb auf der Folie von Norbert Jacques und Fritz Langs Filmen eine Bühnenadaption des surrealen Stoffes. Angereichert mit Zitaten von Nietzsche, Heidegger und Baudelaire, wirft ein Wortgebirge auf, das kaum zu bewältigen ist. Texte, die kaum zu sprechen sind, verlangen sowohl bei Schauspielern und Publikum höchste Konzentration. Das Bühnenbild, eine von Jan Steigert entworfene, stets wandelnde kalt- anonyme Großstadtlandschaft, überlagert mit Projektionen bietet auch keine Rückzugsmöglichkeit zum Entspannen. Aber soll man sich entspannen? Der 20er Jahre Stoff über den genialen Verbrecher bekommt in unserer Zeit plötzliche Aktualität. Die modernen Verführer, die stets coolen Bankmanager, die sich auch fürs Versagen noch saftige Bonis auszahlen, sind sie soweit von Jacques‘ Mabuse entfernt? In Zeiten der Relativität, und wir leben in einer solchen, sind eben auch Verbrechen, wie in allen anderen Zeiten auch, relativ. Einerseits schwimmen die einen Dagobert Duck gleich im Geld, auf der anderen Seite wissen Hartz IV Empfänger, gegen Monatsende oft nicht, wovon sie leben sollen. Einerseits bekommen Pleitebanken eine Staatsgarantie zum Übertünchen des Versagens nach der anderen, andererseits werden im geringsten Haushaltsposten unserer Republik, der Kultur, hemmungslos die Gelder gestrichen. Aber wie gesagt, Verbrechen ist relativ. Es kommt immer auf den Standpunkt an.
 Nach fast zweieinhalb pausenlosen Stunden scheitert Mabuses Zerstörung der Welt an einem kaputten Feuerzeug. Der Selbstmordattentäter steht bereit, der Molli liegt schon wurfbereit in der Hand, und das Zippo funktioniert nicht. Vorerst! Bücker und sein Team erlösen ein verstörtes Publikum. Ein Gesamtkunstwerk , ein Konglomerat von Text, Bildern und der kongenialen Musik von Daniel Dohmeier, wurde von einem durchaus erschöpften Publikum mit mehr als freundlichem Applaus bedacht. Dieser Mabuse hat nichts mit den 60er Jahren Filmchen zu tun, es ist kein Abend, den man nach der Vorstellung abhakt. Großartiges Theater, das zum Diskutieren und zum Nachdenken zwingt. Auch über uns und unsere Situation.
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