Die Walküre

Erster Tag des Bühnenfestspiels
"Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner

Premiere am 27. September 2014

MIT ZUSÄTZLICHEN ÜBERTITELN

Warum ist »Die Walküre« immer schon der populärste Teil des Zyklus »Der Ring des Nibelungen« gewesen? Natürlich wegen der zahlreichen musikalischen Höhepunkte wie »Winterstürme wichen dem Wonnemond«, dem »Walkürenritt« oder »Wotans Abschied und Feuerzauber«. Daneben sind es auch die beiden großen Liebesgeschichten, von denen die Oper als packendes Familiendrama erzählt: die leidenschaftliche Liebe eines Geschwisterpaares und die große Liebe zwischen einem Vater und seiner Tochter. Die liebenden und leidenden Menschen zeigt Wagner in der Tradition der großen deutschen romantischen Oper, aber ganz konzentriert auf das psychologische Kammerspiel der menschlichen Begegnungen.

Nach Wotans Wunsch soll ein freier Held die Aufgabe übernehmen, die er, der durch Verträge gebunden ist, nicht vollbringen kann: den machtverheißenden Ring des Nibelungen Alberich zu gewinnen. Dazu hat Wotan mit einer Menschenfrau das Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde gezeugt: die Wälsungen, die jedoch als Kinder voneinander getrennt wurden. Waffenlos und verletzt findet ein Mann in einer Sturmnacht Gastfreundschaft in einem einsamen Haus und wird von der Hausfrau versorgt. Der Hausherr reagiert dagegen feindlich und fordert den Fremden zum Zweikampf für den nächsten Morgen heraus. Der nächtliche Gast und die Frau erkennen sich als Liebes- und Zwillingspaar: als Siegmund und Sieglinde finden sie zueinander. Auch das Schwert, das Siegmund von seinem geheimnisvollen Vater für Notzeiten versprochen war, findet sich hier im Hause Sieglindes. Siegmunds Schicksal wird jedoch an anderer Stelle entschieden: Fricka überzeugt ihren Gatten Wotan, dass er Siegmund für den begangenen Ehebruch zu bestrafen habe. Der Gott muss sich von seinem Sohn Siegmund abwenden. Brünnhilde, die Walküre und Lieblingstochter Wotans, versucht den Held dennoch zu schützen, doch an Wotans Speer zerspringt Siegmunds Schwert im Kampf mit Sieglindes Gatten. Für ihren Ungehorsam wird Brünnhilde von Wotan in einen tiefen Schlaf versenkt und von einem Feuerkreis umgeben. Sie soll einst einem Furchtlosen als Frau angehören, der sie findet und weckt. Da Wotan von Brünnhilde weiß, dass Sieglinde von Siegmund ein Kind erwartet, bleibt die Hoffnung in der Welt.

André Bücker knüpft gemeinsam mit seinem Team für »Die Walküre« an das in »Götterdämmerung« und »Siegfried« entwickelte Prinzip einer klaren, auf geometrischen Figuren basierenden Formensprache an, einer Ästhetik in der Tradition der Klassischen Moderne. So bestimmen erneut große Rundhorizonte als Projektionsflächen und der gigantische in sich drehbare Kubus das Erscheinungsbild. Als Heldenepos wird »Die Walküre« im »ring der bauhausstadt« auch eine Geschichte des Bildes von der erzählten Welt entfalten.


Aufführungsdauer: ca. 5 Stunden (inkl. 2 Pausen) Bahnverbindungen nach Berlin nach den Vorstellungen


Die „Ring“-Vorstellungen 13.-17.5.2015 sind ausverkauft, Restkarten evtl. unter 0340 2511-333 erhältlich, für die Vorstellungen 23.-28.6.2015 gibt es noch einige wenige Ring-Tickets

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u.a.m.


Walkürenritt-Klingelton

m4r (für iPhone) mp3 (für Android)

Anmerkung für Android-User
Zunächst laden Sie den Ton direkt auf ihr Handy, er befindet sich unter »Downloads« und lässt sich über »Einstellungen« > »Ton« als Klingelton einstellen.

Anmerkung für iPhone-User
Klingeltöne können nicht direkt vom iPhone heruntergeladen werden, Sie müssen auf Ihrem Computer zunächst im iTunes Menü unter »Bearbeiten« > »Einstellungen« > »Allgemein« Klingeltöne aktivieren. Sie finden dann »Töne« in Ihrer Mediathek. In diesen Ordner müssen Sie nun die m4r Datei »Klingelton_Walkuerenritt.m4r« hineinziehen bzw. kopieren und eine Synchronisation mit ihrem iPhone durchführen. Der Klingelton befindet sich jetzt auf Ihrem Handy unter »Einstellungen« > »Ton«.

Musikalische Leitung Antony Hermus
Inszenierung André Bücker
Bühne Jan Steigert
Kostüme Suse Tobisch
Projektionen Michael Ott / Frank Vetter
Dramaturgie Felix Losert

Siegmund Robert Künzli / Christian Voigt (23.11.14) / Thomas Mohr (24.06.15)
Sieglinde Angelina Ruzzafante
Hunding Stephan Klemm
Wotan Ulf Paulsen
Fricka Rita Kapfhammer
Walküren:
Brünnhilde KS Iordanka Derilova
Helmwige Einat Ziv
Gerhilde Gerit Ada Hammer
Ortlinde Cornelia Marschall
Waltraute Anne Weinkauf
Siegrune Kristina Baran
Roßweiße Jagna Rotkiewicz
Grimgerde Gwendolyn Reid Kuhlmann
Schwertleite Constanze Wilhelm
Kameramann Kruno Vrbat
Statisterie des Anhaltischen Theaters
Anhaltische Philharmonie Dessau

PRESSESTIMMEN

operapoint.com, 17.10.2014

Kurzinhalt
Der verfolgte Wälsunge Siegmund findet bei der verlorengeglaubten Zwillingsschwester Sieglinde Zuflucht und zeugt Siegfried. Fricka verlangt Sühne für Ehebruch und Blutschande. Durch die eigenen Gesetze gebunden, muss Wotan Siegmund opfern. Todgeweiht will Siegmund die Schwester lieber töten, als sie ungeschützt zurückzulassen. Da beschließt Brünnhilde, entgegen Wotans Befehl, die Wälsungen zu retten, doch Wotan bewirkt Siegmunds Tod. Brünnhilde flieht zunächst mit Sieglinde vor Wotan, aber Wotan bestraft Brünnhilde und bettet sie in einen Feuerring, aus dem nur ein Held sie erretten kann.
Aufführung
Die opulenten Bühnenbilder von Jan Steigert übernehmen die Formensprache der bisherigen Ringteile. So finden sich zwei halbkreisförmige Projektionswände, die sich rings um die Bühnenmitte herum anordnen lassen. Auf diesen Flächen lassen sich Personen, Vorgänge oder Landschaften wie die Köpfe am Mount Rushmore abbilden. 
Hundings Hütte ist ein Balkenturm, in dem ein überdimensionales, in allen Regenbogenfarben leuchtendes Glasfaserkabel hängt — aus dem Siegmund das Schwert zieht. Walhall befindet sich hoch über dem Lichtermeer von Los Angeles. Der Walkürenfelsen ist wie im Siegfried ein riesiger Rubik-Würfel (Zauberwürfel), der sich in allen horizontalen Ebenen auffächern läßt. Der Walkürenritt ist eine Cocktailparty für verzogene Töchter der höheren Gesellschaft.
Sänger und Orchester
Die Besetzung in Dessau (ein Haus mit 150 Jahren Wagner-Tradition) ist festspielwürdig: Ulf Paulsen kann mit seiner hellen baritonal gefärbten Stimme als Wotan viele stimmliche Gestaltungsmöglichkeiten erkennen lassen — und verfügt über genügend Reserven, um besonders in den tiefen Lagen vollmundig zu klingen. 
Da wird endlich einmal deutlich, welche inneren Regungen Wotan plagen: fast bekommt man Mitleid. Im großen Finale Wotans Abschied trifft er auf Iordanka Derilova als Brünnhilde. Ihr schwerer dramatischer Sopran gibt der Rolle Gewicht, hohe Töne trifft sie auch im Forte, selbst wenn dies nicht frei von Schärfen gerät. Im Finale klingt sie mild und weise, sie kann mit Stimmnuancen der Rolle Charakter verleihen. 
Angelina Ruzzafante hat als schwerer Koloratursopran keine Probleme mit der Gestaltung der Rolle der Sieglinde: im ersten Akt singt sie mit Verve und Energie die resolute Frau, im zweiten Akt kann sie mit Zurückhaltung nervöse Verzweiflung glaubhaft machen. 
Da muss sich Robert Künzli anstrengen, um vor allem im ersten Akt als Siegmund mithalten zu können. Er hält sich merklich zurück, kann aber in den zentralen Momenten als lyrischer Tenor voll aussingen; Durchschlagskraft entwickelt er nur in wenigen Momenten, wie ein Schwert verhieß mir der Vater. Die Winterstürme gestaltet er mit warmen harmonischen, eher leiseren Tönen. 
Stephan Klemm trägt als bitterböser, mit sehr dunkler Tiefe ausgestatteter Hunding zu einem stimmlich hervorragend besetzten ersten Akt bei. Rita Kapfhammer verfügt über schier unerschöpfliches Stimmvolumen und Tonumfang und verleiht der durchsetzungsstarken Fricka Format. Sie wirkt wie ein Heimchen am Herd, klingt aber niemals keifig, sondern singt mit voller Durchschlagskraft aus. Eine Rollengestaltung von wahrlich göttlicher Macht, die man gerne öfters hören würde. Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen des Rings. Die Orchesterstücke wie der Walkürenritt haben zwar monumentale Breite, jedoch niemals hohles Pathos. Vielmehr gelingt es, die Wagnerschen Klangbögen zu einem großen Ganzen zu verschweißen und die Motive auf dem Silbertablett zu servieren.
Fazit
Zugegeben ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist es schon, dass die einzelnen Ringteile in Dessau von der Götterdämmerung rückwärts (also gemäß ihrer dramaturgischen Entstehung) gezeigt werden. Dafür sind in dieser Walküre Antworten auf Fragen aus den Aufführungen Siegfried und Götterdämmerung möglich, z.B. zur Beziehung Brünnhilde-Siegfried.
Das stellt Andre Bücker mit einer ausgefeilten, sehr ausdrucksstarken Personenregie dar, was von den Sängerdarstellern (selten gehört heutzutage!) auch stimmlich einfühlsam betont umgesetzt wird. Das modernistische Bühnenbild, die Überblendungen und Regieeinfälle sind Wegweiser zu weiterführenden Gedanken, denen der Zuschauer folgen kann, aber nicht muss. Wenn der Zuschauer diese ignoriert, ist es die konservativste, durchdachteste Ring-Inszenierung unserer Tage. Schade, dass überzogene Sparmaßnahmen dazu führen, dass der Ring nur zweimal als Zyklus gezeigt werden kann. Ab der kommenden Spielzeit sind nur noch kleinere Produktionen möglich. Die einhellige Begeisterung des Publikums für die heraus-ragenden Sängerdarsteller, für Dirigent, Orchester und Regie spricht Bände.

O. Hohlbach

(K)ein Würfel zum Einschlafen Richard Wagners „Walküre“ in Dessau nmz online, 28.09.2014

von Joachim Lange

Der erste Akt der „Walküre“ ist bei den Fans populär und spielt sich eigentlich von selbst. Zwischen den Sturmböen des Vorspiels und Siegmunds „Wes Herd dies auch sei“, bis hin zum inzestuösen „So blühe denn Wälsungenblut“ der Wotanssprößlinge Siegmund und Sieglinde fühlt sich noch jeder Wagnerfan wohl. Wenn es gut geht, auf der Stuhlkante. In Dessau war das nicht ganz so. Was nicht an Antony Hermus und der Anhaltischen Philharmonie lag, die sich von Anfang an wiederum als Wagnerorchester von Format erwiesen. Es lag auch nicht an Robert Künzli als wackerem und konditionsstark strahlendem Siegmund oder Angelina Ruzzafante, die eine beeindruckende Sieglinde von der erwachenden Neugier über den emotionalen Ausbruch bis hin zu ihrem traurigen Ende ablieferte. Nicht mal an dem recht eigenwillig intonierenden Stephan Klemm, der als Sieglindes Zwangsehemann Hunding immerhin eine imponierende Gestalt beisteuerte, aber nicht ganz an das nahezu hauseigene Ensemble heranreichte.

Irgendwie fügte sich das Ganze nicht zwischen Jan Siegerts nüchterner Gerüstkonstruktion unter dem frei baumelnden Kabelbaum, zu dem Hundings Wohnzimmer-Stamm (samt der Geheimwaffe, die Wotan für den Sohnemann Siegmund hier für alle Fälle deponiert hat) mutiert ist. Auch die Projektionen, die das Computer-Innere irgendeiner Übermaschine assoziieren sollen, helfen nicht weiter. Man rätselt mehr darüber, Wer hier eigentlich Wo ist und amüsiert oder ärgert sich über kleinteilige Einfälle: die Geschwister sind von Suse Tobisch in sterilem Weiß verpackt. Sieglinde muss wie eine Stewardess Assiettenessen und Büchsendrinks bis an den letzten vermummten Hundingkämpfer verteilen. Sonst aber unbeholfen hin und her und auf Siegmund zu irren. Immerhin: Wenn die Winterstürme vorm Wonnemond weichen, funkelt der Sternenhimmel und man kommt dem Mond gefährlich nahe. Und wenn Siegmund das (ganz klassische) Schwert aus dem Kabelgewirr zieht, tanzen auf dem Bildschirm Horizont die Zahlenkolonnen. In diesem ersten Akt bleiben dennoch als (bedeutendes!) Trostpflaster vor allem Hermus und Co im Graben und die beiden Wälsungen auf der Bühne!

Doch dann startet die Inszenierung durch. Der eigentlich viel schwierigere zweite Akt packt von Anfang an. Wird ein Fest zum Hören, Schauen und Nachdenken! Denn auf hohem Podest mit knallroten Schalenstühlen und einem nächtlich funkelndem Metropolen-Panorama im Hintergrund residiert Wotan. Ein Logenplatz zum Beobachten der Welt. Ulf Paulsen stellt mit seinem beträchtlichen komödiantischen Talent und einer seiner besten stimmlichen Leistungen einen Wotan auf die Bühne, dem man gerne so gebannt zuhört wie zusieht: Wenn er mit seinen Allmachtsphantasien immer mehr ins Rutschen kommt, nicht nur seine Frau Fricka sondern mit ihr gleich noch die bestehende Ordnung austricksen will, sich in Widersprüche verstrickt und daran leidet. Der oberste Gott im Stück als der eigentliche Mensch. Das ist eine Glanzleistung bei der Paulsen sich kein bisschen schont und doch noch genügen Kraft fürs Finale behält. Und er hat die richtigen Partnerinnen dazu. Da ist seine Ehefrau Fricka, die rein gar nichts von der Umgehung des Inzesttabus hält, das Wotan eingefädelt hat. Rita Kapfhammer ist eine der besten Frickas weit und breit. Es ist höchst glaubwürdig wie sie ihren Göttergatten zusammenfaltet. Natürlich war auch die Vorfreude auf Iordanka Derilovas Walküren-Brünnhilde voll auf berechtigt. Die macht schon aus ihrem ersten Hojotoho ein vokales Fanal und ein schauspielerisches Kabinettstück mit Handy und Handtasche macht. Jetzt funktioniert das blendend, weil es mit boulevardesker Ironie gewürzt ist und die Frauen Wotan sozusagen ein wenig zum Gott des Gemetzels machen. Dabei entpuppt sich Wotan zwischen seinen Filmrollen, Drehbüchern und Oscars mit dem Blick auf die berühmten Hollywood-Schriftzüge in Kalifornien schnell als mächtiger Film-Produzent. Brünnhilde ist seine Favoritin, als Tochter und als Regisseurin. Sie inszeniert die Todesverkündigung als Hollywood Drama um die Liebe des Zwillingspaares vor grandioser Landschaft. Wenn Siegmund gegen seinen Filmtod revoltiert schreibt sie das Drehbuch einfach um und putscht so gegen ihren Chef und den Lauf der Dinge.

Was uns einen ebenso gelungenen wie erstaunlich kurzweiligen dritten Akt beschert. Um den mit architektonischem Ehrgeiz stylisch aufgefächerten (Felsen-)Würfel versammeln sich herrlich aufgedonnerte Diven mit Vorliebe für Handtaschen und das smarte männliche Personal im Matrosenlook. Es gibt jede Menge gut gemachte Videoüberblendungen und eine Ahnung davon, dass wir uns im Dessauer Ring wohl durch eine Geschichte der medialen Reflektion oder Verfremdung der Welt bewegen, die in der „Walküre“ bei einer cineastischen Verarbeitung der Wirklichkeit und der Macht der Bilder angekommen ist.

In den letzten beiden Akten wirkt der Umgang mit der Livekamera souverän (oder bewusst improvisiert). Der einmal auftauchende Mount Rushmore aus South Dakota mit den in Stein gehauenen Präsidenten-Porträts ist zwar recht weit weg von Hollywood, hat aber durchaus mehr mit der Macht der Bilder zu tun. Es ist ein bewusster Bezug auf Frank Castorfs Marx-Lenin-Stalin-Mao Adaption des amerikanischen Heiligtums, die im aktuellen Bayreuther Ring die Gemüter ebenso faszinierte wie erregte. Selbstbewusst erinnert Andre Bücker damit daran, dass Dessau und sein Theater ein wichtiger Teil der Wagner- und deutschen Stadttheaterwelt bisher waren. Und es, trotz aller Anstrengungen vereinigter politischer Inkompetenz, noch sind. Stehende Ovationen im und für das Dessauer Theater!

André Bückers Dessauer Nibelungen-Ring ist bei der Walküre angekommen, Leipziger Volkszeitung, 29.09.2014

von Peter Korfmacher

Zu Beginn des zweiten Walküren-Aktes schaut Wotan im Anhaltischen Theater Dessau am Samstagabend mit wohlgefälliger Zuversicht durch den Motivsucher. Noch kann er sich einbilden, sein Nibelungen-Film verlaufe wie geplant. Dann aber kommt die zänkische Fricka und verlangt den Tod des inzestuösen Ehebrechers Siegmund. Wotan reicht sein Drehbuch vertrauensvoll an Lieblingstochter Brünnhilde weiter. Die lässt zu, dass auch Siegmund darin herumfuhrwerkt, und am Schluss sind sie alle wieder gescheitert. Denn: Zu viele Drehbuch-Autoren verderben den Film. Oder so. Wotan, der eingebildete Spielmacher, in Walhall ist also bei André Bückers drittem Ring-Abend (in Dessau begann man mit der Götterdämmerung, um rückwärts durch die Tetralogie zu arbeiten), der eingebildete Film-Regisseur. Dieser ziemlich naheliegende Einfall prägt die Bildwelt der rund fünf Stunden im Anhaltischen.

Der erste Akt zeigt Siegmund und Sieglinde, Hunding und die Seinen in einer Art Rechenzentrum, man speist aus der Bordküche, was gut dazu passt, dass Suse Tobisch Hunding lufthansafarben einkleidete. Die Welt-Esche schraubt sich als Lichtleiter-Vielfach-Helix von der Decke; ein metallenes Gerüst (Bühne: Jan Steigert) erlaubt es den Akteuren, darauf umherzusitzen. Hinten fahren zwei gebogene Leinwände hin und her, worauf Frank Vetter und Michael Ott ihre mannigfachen Projektionen werfen.
Diese Projektionen, im ersten Akt noch wichtigtuerische Deko, bemächtigen sich zunehmend der Inszenierung.

Im zweiten, den wir als Bluebox-Installation erleben, mit Brünnhilde auf dem Regiestuhl, und im dritten, worin die Video-Tapete so wild die Szene überwuchert, dass kaum mehr auffällt, dass der van-der-Rohe-Würfel Brünnhilde verschluckt hat, hat der Firlefanz zwischen Los Angeles und Mount Rushmore, zwischen Matrix und Spielekonsole endgültig die Herrschaft übernommen.

In diesem Umfeld ist es beinahe gleich, was Hausherr André Bücker mit seinen Protagonisten anfängt. Seine Gags sind kaum geeignet, den Umstand auszugleichen, dass sich kaum Beziehungen zwischen den Protagonisten dieser Oper ergeben. Nur Wotan und Brünnhilde entwickeln als Paar so etwas wie psychologisches Relief. Der Rest bleibt bei allem Drehbühnen- und Video-Aktivismus seltsam blutleer. Wohl, weil dem Ganzen die Idee fehlt, die auch viele Einfälle nicht zu ersetzen vermögen.

Das ist im weit herunter gefahrenen Graben anders: Antony Hermus setzt auf drahtige Schlankheit. Verstörend greifen bereits die ersten schwellenden Streicherflächen ans Gemüt. Unruhe, Unheil, Ausweglosigkeit in Tönen von muskulöser Gespanntheit. Und obschon man auch im Blech der Anhaltischen Philharmonie bisweilen hört, wie schwer diese Partitur ist, kommt doch vom Orchester die positive Überraschung des Abends. Hermus leuchtet vor allem die Bläserbehandlung Wagners aus. Zu immer neuen Farben mischen sich die Leitmotive, die Hermus nicht vorführt und abhakt, sondern subtil entwickelt und belebt. Allerdings klingt es hier, im Gegensatz zum gedeckelten Bayreuther Graben, nicht nur leiser, es wird wirklich leiser gespielt. Was nicht ohne Auswirkungen auf die Klangfarben bleibt. Dabei ist die Zurückhaltung, die der Chef von seinen Instrumentalisten einfordert, nicht nur seinen ästhetischen Überzeugungen geschuldet, sondern auch der Rücksicht auf die Sänger. Vor allem für den bei aller Klangschönheit recht kleinen Tenor Robert Künzlis als Siegmund muss Hermus den Klang weit herunterdimmen. Und auch Angelina Ruzzafante beherrscht sich mit ihrem herrlichen Sopran spürbar, um den Zwillingsbruder nicht an die Wand zu singen.

Doch von dieser Unausgewogenheit abgesehen lässt die Besetzung der Hauptpartien wenig Wünsche offen: Rita Kapfhammer singt die Fricka würdevoller und gefährlicher, als Bückers Xanthippen-Abziehbild ahnen lässt. Stephan Klemm ist ein abgründiger Hunding. Die vokalen Glanzlichter setzen Ulf Paulsen und Iordanka Derilova. Gewiss, Wotan kippt bisweilen ins Näseln, und seine Tiefe schärfelt, derweil Brünnhilde zu Beginn oben mit der Intonation ringt. Doch beide machen Wagners herrliche Partitur ebenso wie momentweise Bückers nicht so herrliche Inszenierung zum Vehikel für all die Emotionen, die das ausweglose Verhängnis dieser Geschichte freisetzt. Dafür kassieren sie und das Orchester am Ende den ausführlichsten Jubel. Bei Bücker mischen sich Buhs darunter. Auch die sind in Ordnung, denn wirklich überzeugen kann seine Inszenierung nicht. Aber sie zeigt gleichwohl, dass der Generalintendant in Dessau ein Theater gebaut hat, das auch vor größten Aufgaben nicht zurückscheuen muss. Doch das scheint nicht gewollt im Land der Frühaufsteher, wo die Kulturinstitutionen gezielt ausgetrocknet werden.

Premiere von Wagners "Walküre" - Spielzeitauftakt am Anhaltischen Theater Dessau mdr Figaro, 29.9.2014

Das Eckige im Runden, neues deutschland, 30.09.2014

von Roberto Becker

André Bücker inszenierte Wagners »Walküre« am Anhaltischen Theater Dessau, am Pult: Antony Hermus

Als André Bücker in Dessau sein »Ring«-Projekt von hinten mit der »Götterdämmerung«, also dem größten Brocken des Vierteilers, begann, da war man versucht zu sagen: schlau gemacht. Denn man kann nie wissen, ob die kulturpolitischen Voraussetzungen für so ein Großprojekt in Sachsen-Anhalt über die Jahre erhalten bleiben. Jetzt haben es die Kulturpolitik in Magdeburg und eine bittere Kehrtwende in der Dessauer Kommunalpolitik auf der einen Seite sowie die Beharrlichkeit und der Kampfgeist des Generalintendanten und Regisseurs Bücker auf der anderen Seite tatsächlich geschafft, dass in einer bitteren dialektischen Pointe Hoffnung und Befürchtung gleichzeitig zutreffen: Sie werden den »Ring« in Dessau - das ist jetzt, nach dem dritten großen Teil, klar - mehr als nur achtbar zu Ende bringen.

Aber der durchaus geschickt mit der Dessauer Bauhaus-Ästhetik spielende Vierteiler, der zugleich ein imponierender musikalischer Leistungsnachweis des Hauses ist, wird der Abschluss von André Bückers Intendanz werden. Vielleicht gar die Begleitmusik zu einer leichtsinnig herbeigeführten oder zumindest in Kauf genommenen Theaterdämmerung. Zu den ersten Aktivitäten des neuen Dessauer Bürgermeisters (FDP) gehörte die Neuausschreibung der für eine Kommune so wichtigen Position. Dass Bücker den Hinweis, dass er sich doch auch bewerben könne, als puren Zynismus empfinden muss, wird klar, wenn man sich an das Schicksal des letzten Bauhaus-Direktors erinnert und die Sympathien bzw. unverhohlenen Antipathien des Magdeburger Kultusministers vor Augen führt.

Ein so traditionsreiches und für die ganze Region wichtiges Haus wie das Theater Dessau wird in Kürze ohne Generalintendanten, ohne GMD, mit einem bis unter die Funktionsgrenze eingeschrumpften Landeszuschuss, einem abgemagerten Schauspeil und einem Miniballett dastehen. Auf dieses Rahmenprogramm zur Götterdämmerung hätte man liebend gerne verzichtet.

Wenn unter solchen Bedingungen der Vorhang dennoch für ein so ambitioniertes Projekt wie geplant hochgeht und eine alles in allem beeindruckende »Walküre« ihre Premiere erlebt, dann ist das per se schon ein Riesenerfolg. Er ist es aber auch für sich genommen. Sicher, der erste Akt verläppert sich szenisch seltsam spannungslos. Aber Robert Künzli als Siegmund und vor allem Angelina Ruzzafante als Sieglinde gleichen das vokal aus.

Auf der Bühne von Jan Siegert gibt es wieder eine volle Dröhnung mit Videos von Frank Vetter und Michael Ott. Aber wer die anderen beiden Teile schon kennt, findet sich zurecht. Er erkennt bald den szenischen Weg hin zum bauhausaffinen Walküren-Würfel und in die Welt der Abbilder und Virtualisierung. Mit dem zweiten Aufzug, wenn Ulf Paulsen seinen Wotan als Filmboss in Hollywood mit komödiantischem Furor und imponierender Stimmgewalt ausstattet, wenn Rita Kapfhammer eine super Fricka hinlegt und dann Irodanka Derilova als Brünnhilde der Extraklasse mit Handtasche und Handy aufkreuzt und die Regie im Schmachtfetzen über Siegmunds Tod übernimmt, aber dann doch den vorgesehenen Lauf der Dinge aufzuhalten versucht, ist die szenische »Ring«-Welt in Dessau wieder in Ordnung.

Im Runden formt sich hier das Eckige - am Ende ist das aufgefächerte Konstrukt wieder genau jener Würfel (mit eingeschlossener Brünnhilde), über dessen weitere Verwendung wir schon bescheid wissen. Die gebogenen Riesenleinwände erlauben es, aus dem live gefilmten Lebensende von Siegmund einen Hollywood-Schinken vor imponierender Landschaftskulisse zu fabrizieren - in dem dann auch mal der (echte) Mount Rushmore auftaucht, als augenzwinkernder Gruß an den Roten im aktuellen Bayreuther »Ring« von Frank Castorf.

Dessau als Bayreuth des Nordens - das ist bislang auch deshalb noch kein Märchen aus uralten Zeiten, weil Antony Hermus und die Anhaltische Philharmonie einen fabelhaften Walküren-Sound draufhaben. Er überbrückt mit Grabenspannung auch die szenische Flaute im ersten Akt und schlägt sich in den folgenden beiden voll auf die Seite des Spielwillens und der imponierenden stimmlichen Qualitäten seiner Protagonisten. Jubel für das Ensemble, ein paar Buhs im Beifall fürs Regieteam und stehende Ovationen fürs Orchester!

Brünnhilde mit Mobiltelefon, Junge Freiheit, Oktober 2014

Das Bayreuth des Nordens: „Der Ring des Nibelungen" am Anhaltischen Theater Dessau

von Sebastian Hennig

In Dessau wurde im Jahr 1938 das damals gewaltigste Theater nördlich der Alpen eröffnet. Eine der größten Drehbühnen Deutschlands lässt heute noch die verblüffendsten Wandlungen spielend möglich werden. Kaum einem Werk kommt das so gelegen wie dem „Nibelungen"-Universum von Richard Wagner. Das entsprach auch den Intentionen der Bauherren. Lange bevor das Theater über solche Möglichkeiten verfügte, war die Beziehung zu Wagner hier fest geknüpft. »Ich bezeuge laut, nie eine edlere und vollkommenere Gesamtleistung auf einem Theater erlebt zu haben", äußerte dieser 1872 nach einem Besuch. Im Orchester der ersten Bayreuther Festspiele spielte dann vier Jahre darauf auch ein Dutzend Musiker der Dessauer Hofkapelle. Dessau galt bald als „Bayreuth des Nordens". Das im Krieg schwer zerstörte Gebäude wurde rasch aufgebaut. Zwischen 1953 und 1965 fanden hier Wagner-Festspiele statt. Seit 1963 ist nun erstmals wieder ein kompletter „Ring des Nibelungen" auf der Dessauer Bühne zu erleben. Nachdem 2009 André Bücker als Intendant vom Nordharzer Städtebundtheater nach Dessau wechselte, kam es zu einer kompletten Neuorientierung des Anhaltischen Theaters. Zugleich mit ihm kamen der Generalmusikdirektor Anthony Hermus, die Chefregisseurin und der Ballettdirektor an das Haus. Bei Berücksichtigung der üblichen Planungszeiten ist davon auszugehen, dass die „Ring"-Inszenierung das erste Großunternehmen dieser neuen Ära war. 2012 hatte zuerst „Götterdämmerung" Premiere. Denn die verhängnisvolle Handlung wird in Dessau von ihrem Ende aus im Rückwärtsgang entwickelt. Das ist ein kluges Unterfangen, denn so manche ambitionierte Inszenierung hat sich schon heillos mit ihren Interpretationsbögen vergeigt, oder es kam ihr die Kraft für die große Auflösung abhanden. Wer also die Knoten der Verstrickung gleich festgezurrt hält, der kann in Ruhe die einzelnen Stränge zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Außerdem ist der kostenintensivste Teil gleich bewältigt, und die Ausdauer kann für die künstlerische Umsetzung verwendet werden. Der Dessauer Richard-Wagner-Verband und private Unterstützer sind wichtige Verbündete des Anhaltischen Theaters bei diesem Unternehmen. Mit den Dessauer Wagner-Festspielen werden sich im nächsten Jahr die gemeinsamen Bemühungen fair einen „Ring des Nibelungen" in der Bauhausstadt erfüllen. Die internationale Tagung des Wagner-Verbands wird 2015 zeitgleich zum ersten kompletten „Ring"-Zyklus in Dessau stattfinden. Der Fortbestand des Theaters ist gefährdet doch das Verhältnis zum Land ist nicht ungetrübt. Das Theater steht inzwischen auf der Roten Liste der gefährdeten Kultureinrichtungen. Für den Generalintendanten des Hauses und Regisseur dieses „Rings" wird es wahrscheinlich die letzte Arbeit in Dessau sein. Sein Vertrag wurde ab 2015 nicht mehr verlängert, die Stelle ausgeschrieben. Kritik am Sparverhalten des Landes brachte ihm die Ungnade ein. „Es ist ganz klar, dass man mich hier nicht haben will", sagte Bücker gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung. »Ich werde mich nach fünf erfolgreichen Jahren nicht auf ein Verfahren einlassen, in dem ich keine Chance habe. (...) Ich werde gekippt, weil ich nicht genehm bin." Ein aussagekräftigeres Argument als die gegenwärtige Spielzeit ist in dieser Auseinandersetzung nicht denkbar. Mit der Premiere von „Die Walküre" ist Dessau nach dem Computerspiel-„Siegfried" (JF 9/14) einen großen Schritt weitergerückt und zugleich ein Theaterwunder geschehen. Das Dessauer Haus wirkt nun nicht mehr allein baulich groß. Die Anhaltische Philharmonie unter Anthony Hermus zeigte sich in bester Kondition. Außer Robert Künzli (Siegmund) und Stephan Klemm (Hunding) waren alle weiteren vier Hauptpartien mit Ensemblemitgliedern besetzt, die in keiner Weise hinter den Gästen zurückstanden. Kammersängerin Iordanka Derilova gab eine energische Brünnhilde. Rita Kampfhammer war eine ungewöhnlich sinnlich-leidenschaftliche Fricka und Tom Paulsen ein Wotan voll tragischer Vitalität. Die gestisch-mimische Posse ihrer Auseinandersetzung war durch den dieser Szene innewohnenden Wagnerschen Schalk gerechtfertigt. Die modernistischen Requisiten haben die verhängnisvolle Tragweite der Geschichte nie verjuxt. Die Anklänge an die klassische Moderne sind wirklich mehr klassisch und elegant als bemüht modern. Ein klare und lebendige Beleuchtung der Bühne schärft dem Betrachter die Sinne. Das Programmheft lässt sich darüber aus, wie wichtig die Inszenierung im 19. Jahrhundert für den Erfolg einer Oper war. Das Publikum goutierte damals historistische Kostüme, echte Pferde und dergleichen Schaueffekte. Unzweifelhaft ist heute das Mobiltelefon in der Hand der Brünnhilde das, was dazumal die schwarzen Rabenflügel am Helm Hagens waren: ein dem aktuellen Zeitgeist nächstliegendes Attribut. Doch die Inszenierung verhält sich auch sonst nicht gleichgültig gegen solche Zeichen. So ergibt sich aus solchen Assoziationen etwas mehr Sinn, als man sonst davon gewohnt ist. Wotan ist hier ein Filmregisseur, dem oft gar nicht zusagt, was er durch den Motivsucher erblicken muss. Sein auf der Bühne agierender Kameramann (Kruno Vrbat) lässt mittels Blue-Box-Projektionen die realen Sänger vor mythischen Orten der USA wie Death Valley, Mount Rushmore oder Grand Canyon erscheinen. Die Eigenbewegungen von Sängern, Drehbühne und Kamerafahrt verbinden sich zu einer unheimlich komplexen Vision. Doch zuletzt stellt sich doch die Frage, ob die Medienkritik selbst nicht weiteres ins Feuer unserer Menschheitsdämmerung gießt, anstatt freundlichere Wege offenzuhalten. Zum „Rheingold" im Januar werden wir mehr darüber erfahren können. Dann soll der letzte Wegabschnitt vom Zelluloid-Zeitalter zurück zur Zeichnung und Kalligraphie beschritten werden. Als sich das Orchester am Premierenabend zum Schlussapplaus auf der Bühne aufstellte, erhob sich das jubelnde Publikum von seinen Plätzen. Einzelne Buhrufe für die Regie gingen unter Wellen der Zustimmung unter.

Opernglas, November 2014

DESSAU Die Walküre, 27. September

von Sebastian Barnstorf

Der von hinten aufgezäumte „Bauhaus-»Ring«" in Dessau ist mit der Neuproduktion der »Walküre« nach längerer Zwischenpause in seine entscheidende Phase gegangen, und schon Ende Januar 2015 wird mit der Premiere von »Das Rheingold« der finale Schlusspunkt gesetzt werden. Letzteres auch in anderer Hinsicht, denn die Zukunft des Hauses, das jüngst sogar einen Überschuss von 205.000 Euro erwirtschaftet hatte, steht vor Herausforderungen: Der Vertrag des seit 2009 in finanzieller wie künstlerischer Sicht äußerst erfolgreich arbeitenden Intendanten und »Ring«-Regisseurs André Bücker wurde nicht verlängert, wohl weil er sich gegen die Pläne der Landesregierung, zwei seiner vier Sparten (Schauspiel und Ballett) am Theater zu schließen, gewehrt und an die Spitze der Protestbewegung gegen solche Sparpläne gesetzt hatte. Innerhalb seines Hauses erhielt er viel Unterstützung, seine Mitarbeiter zeigten sich durch freiwilligen Lohnverzicht solidarisch. Dass er aber die verantwortlichen Politiker auch noch in hauseigene Inszenierungen einbezogen hatte („Haseloff, Bullerjahn, kleiner Geist im Größenwahn") schien dann offenkundig des Guten zu viel gewesen zu sein. Auch der ebenfalls seit 2009 am Hause erfolgreich agierende und beim Publikum überaus beliebte GMD Anthony Hermus wird das Haus zum Ende der Saison verlassen.

Die beeindruckenden Vorzüge der vorangegangenen Teile hatten in einer Regie gelegen, die die sich aus dem Kontext heraus entwickelnden Bezüge und Erklärungen vor dem Panoptikum der klassischen Moderne zeigt, dargestellt im eindrucksvollen Bühnenbild von Jan Steigert. »Siegfried«, »Götterdämmerung« und nun auch die »Walküre« sind mit den geometrischen Formen der Symbol- und Formensprache des Bauhaus-Stils bebildert. Der Würfel bildet dabei die Klammer eines einheitlichen »Ringes«, der dennoch vom Ende her inszeniert wird. Aber was bislang phänomenal funktioniert hat, vermochte in der »Walküre« nicht mehr recht zu zünden, obwohl insbesondere im schwierigen zweiten Akt ein Feuerwerk an Effekten und Ideen aufloderte. War der »Siegfried« ein „Computer-Fantasy-Spiel-Spektakel" zwischen „Tetris" und dem „Schwarzen Auge", findet man in der »Walküre« nun ein Sammelsurium an Filmzitaten vor. Hunding und seine Mannen erscheinen im ersten Akt als Ninja-Kung-Fu-Kämpfer ä la Quentin Tarantinos Film-Opus „Kill Bill". Statisch agierend, Cola aus Dosen schlürfend und Sushi verzehrend, müssen sich Siegmund und Sieglinde rätselhafterweise teilnahms- und belanglos durch die Szenerie lavieren. Robert Künzli als Siegmund punktete hier noch mit schön lyrisch geführter, klar strukturierter und teilweise aufblühender Gestaltung seiner Stimme, die in den dramatischen Passagen im zweiten Akt etwas an ihre Grenzen zu gelangen schien. Ihm zur Seite stand mit Angelina Ruzzafante eine Sieglinde, die in Gesang und Spiel seltsam unbeteiligt wirkte. Zwar brachte die gebürtige Niederländerin viel nuanciertes Timbre und lyrisch-textverständlichen Ausdruck mit in die Partie, den geforderten wahnhaft-fiebrigen Ausbrüchen der Verzweiflung im zweiten Akt vermochte sie nicht durchgehend adäquat zu entsprechen. Dagegen überzeugte Stephan Klemm als Hunding mit ausdrucksstarkem, immer fein ausgesungenem, abgestuftem Bass und zeichnete so ein eindringliches Bild als Chef der Ninja-Rächer. Vor dem Hintergrund von Fritz Langs Epos „Die Nibelungen" nachempfundenen Szenen hatte Siegmund seine Vergangenheit geschildert.

Der zweite Akt entwickelte sich mit besonders grellen und teilweise überzeichneten, aber nicht immer unpassenden Einfällen der Personenführung vor dem Panorama von Los Angeles und den geometrisch schwarz-weißen Formen Malewitschs wieder zu einer innovativ-erfrischenden Deutung. Wotan ist der Hollywood-Patriarch und Film-Noir-Wegbereiter John Huston mit Augenklappe. Seine Lieblingstochter Brünnhilde in identisch-bunter Kleidung wie ihr Vater (Kostüme Suse Tobisch) mit Handtäschchen und begleitendem „Filly-Plüschtier" Grane intoniert ihre einleitenden Hojotohos so laut, dass sich der Göttervater seine Finger in die Ohren stecken muss, während die Wotan-Fricka-Auseinandersetzung als lustig skurrile Szene einer Ehe angelegt war. Rita Kapfhammer überragte in der Rolle der Fricka mit warmem Timbre und formschöner, geschmeidiger Intonation. Ihre Darbietung zählte zu den gesanglichen Höhepunkten des Premierenabends. Aber auch Ulf Paulsen als oscarprämierter Filmregisseur Wotan überzeugte mit wunderbarer Deklamation, die im langen, aber zentralen Monolog besonders verfing und die zusammen mit deutlich hinzugewonnener Tiefe differenziert und abwechslungsreich wirkte. Eine eindringliche, plastisch nachvollziehbare Erzählung! Lediglich in den heftigen Wutausbrüchen des dritten Aktes hätte der Interpretation ein wenig mehr an Kraft besser zu Gesicht gestanden. In der Todesverkündigungsszene offenbart sich, dass Siegmund und Sieglinde aus einem Hollywood-Filmplot entsprungen sind: Der freie Held kann Siegmund so gar nicht sein. Je weiter man im von Brünnhilde im Regiestuhl begleiteten Drehbuch voranschreitet, desto mehr beginnt sie mit den verlorenen Filmfiguren zu leiden — darin kulminierend, dass sie Seiten aus dem Regiebuch herausreißt: Sie wird jetzt Siegmund schützen. lordanka Derilova verlieh der Brünnhilde einen dramatisch-großen Ansatz, der sich gelegentlich in nicht ganz klarer Intonation niederschlug, aber dennoch insgesamt der Partie angemessen erschien. Bei ihrem Debüt in der nunmehr dritten Brünnhilden-Partie nach »Siegfried« und »Götterdämmerung« am Hause überzeugte sie insgesamt durch ihr warmes Timbre und eine facettenreiche Darstellung. Vor den ermüdenden weil pausenlos und uninspiriert auf die Bühne projizierten wabernden quadratischen Gitternetzlinien entfaltete sich am Ende allzu viel Leere, die die Anhaltische Philharmonie Dessau unter der Leitung ihres scheidenden GMDs auch durch passioniertes Spiel nicht zu kompensieren vermochte. Über die gesamte Spieldauer hinweg hatte Hermus mit seinem Orchester einen musikalisch soliden Bogen gespannt, der sich über den von anfänglich übel dräuendem Gewittersturm vor einer aus blinkenden Datenkabeln geformten Esche, über die lyrisch-aufblühende Gestaltung der Todesverkündigungsszene bis hin zum pathetisch-erhabenen Abschied mit Feuerzauber erstreckte. Am Ende gab es stehende Ovationen.

Grandiose „Walküre“ in Dessau – der neue merker, 02.10.2014

von Tom Reinhold

Das Anhaltische Theater in Dessau kann auf eine fast 250jährige Geschichte zurück blicken. Zu den Kapellmeistern gehörten bedeutende Musiker wie August Klughardt. Das Haus pflegt eine langjährige Wagner-Tradition und wird manchmal auch als „Bayreuth des Nordens“ gesehen. Nach mehreren Zerstörungen wurde das Theater in der jetzigen Form in den 1930er-Jahren wieder aufgebaut. Die damaligen Ansprüche an Größe und Monumentalität sind kein leichtes Erbe; die über 1.000 Sitze zu füllen, scheint trotz der Nähe zu Berlin in der strukturschwachen Region keine triviale Aufgabe. Auch Diskussionen um die Kürzung öffentlicher Mittel sind eine Belastung; da ist es umso erfreulicher, dass die Kulturschaffenden darauf eine künstlerische Antwort finden und mit einer beeindruckenden Regie und Ensembleleistung nachdrücklich für das Haus werben.

Seit 2012 wird in Dessau an einem neuen „Ring“ geschmiedet, und zwar – wohl aus fördertechnischen Gründen, da parallel in Halle ebenfalls ein „Ring“ entstanden war – rückwärts. Über die „Götterdämmerung“ konnte schon Positives berichtet werden (s. Merker xxx), und nach einem ebenfalls recht gelungenen „Siegfried“ fand nun die Premiere der „Walküre“ statt. Mit dieser ist Regisseur André Bücker sein Meisterstück gelungen, nicht nur, weil sich sein Gesamtkonzept allmählich besser erahnen lässt. Diese „Walküre“ überzeugt auch für sich genommen, mit einem grandiosen Bühnenbild von Jan Steigert (immer wieder von der Bauhaus-Tradition in Dessau inspiriert), intelligenter Personenregie und vielen bewegenden Momenten. Das Sängerensemble bot eine durchgängig homogene Leistung auf hohem Niveau, mit schönen Stimmen und vorzüglicher Textverständlichkeit; Es ist immer wieder beeindruckend, welche Kräfte „in der Provinz“ heranwachsen.

Robert Künzli und Angelina Ruzzafante begeistern als Wälsungen-Paar. Sie passten auch optisch (nicht nur durch die weißen Kostüme) hervorragend zusammen. Beide setzten ihre Stimmen ökonomisch intelligent ein, so dass Siegmund seine „Wälse“-Rufe und das „blühende Wälsungenblut“ sowie Sieglinde ihr „hehrstes Wunder“ mit durchschlagender Kraft in den Saal schleudern konnten. Stephan Klemm war ein stimmgewaltiger Hunding, dessen Stimme auch noch in größeren Häusern tragen würde. Wie im Berliner Götz-Friedrich-„Ring“ hatte er seine Mannen mit dabei, die von Sieglinde mit Cola und Nudeln vom Trolleywagen verköstigt wurden. Die Liebesszene im 1. Aufzug war wunderbar inszeniert – tatsächlich wichen die Winterstürme einem Sternenhimmel, durch den dann ein wunderbarer „Wonnemond“ von rechts nach links über die Bühne glitt und Gänsehautgefühle erzeugte.

Im 2. Aufzug hatte ich das Gefühl, dass sich das Regieteam etwas vom aktuellen Bayreuther „Ring“ hatte inspirieren lassen, aber nach dem Prinzip „Jetzt zeige ich Euch mal, wie man das richtig macht“: Auch hier gab es einen Mount Rushmore und zahlreiche Videoprojektionen, aber im Gegensatz zum umstrittenen Castorf-Ring war hier ein dramaturgisches Konzept erkennbar und die Projektionen sorgten für zusätzliche und zur Geschichte passende Erkenntnisse. (Wobei hinzugefügt sei, dass das Grundkonzept von Bücker sicher schon seit mindestens zwei Jahren steht und er keinen Castorf nötig hat…) Zu Beginn ist die nächtliche Skyline von Los Angeles, passend fotografiert vom Observatorium aus, zu sehen, vor der die großen Wotan-Monologe stattfinden. Wotan wird grandios von Ulf Paulsen verkörpert, der vor allem in den tiefen Lagen eine wunderbar wohlklingende Stimme hat (in der Höhe wirkt er leider etwas dünn) und mit ausdrucksvoller Mimik die Entwicklung des Gottes, der sich in seinen eigenen Stricken gefangen hat, aufzeigt. Sehr schön fand ich den Regieeinfall, dass Wotan einige Erkenntnisse erst während der Handlung gewinnt: So wird ihm, als er sich „das Ende“ wünscht, bewusst, warum er dies tut (durchaus passend zum Text: „Jetzt versteh ich den stummen Sinn des wilden Wortes der Wala“). Und als ihn Brünnhilde später informiert, dass Sieglinde einen Wälsungensohn gebären wird, ist er überrascht und überlegt sofort, was das für den Fortgang der Geschichte heißt und dass er jetzt nicht eingreifen darf (deshalb dann auch „Nie suche bei mir Schutz für die Frau noch für ihres Schoßes Frucht“).

Fricka, genauso attraktiv wie zickig, wird überzeugend von Rita Kampfhammer gespielt und gesungen. Brünnhilde ist, wie schon bei den späteren Teilen der Tetralogie, Kammersängerin Iordanka Derilova, die mit der Rolle weiter gewachsen ist und stimmlich wie emotional überzeugt. Dass sie Wotan nicht konzentriert zuhört, vermag zu erklären, warum sie später in der „Götterdämmerung“ nicht schneller die Zusammenhänge um den Ring begreift. Besonders gelungen sind Siegmunds und Sieglindes Flucht sowie die Todesverkündung. Hier arbeitet Bücker mit den angesprochenen Videoprojektionen (Frank Vetter, Michael Ott), wobei die Flucht als ein Hollywood-Film gezeigt wird – das Ganze nach einem Drehbuch von Wotan, der die Inszenierung an Brünnhilde übergibt. Als diese sich von der Drehbuchvorgabe löst und Siegmund zu retten beschließt, sehen wir im Hintergrund in der Projektion, wie Wotan dies erzürnt mitbekommt und seine Augenklappe abnimmt – das fehlende Auge in perfekter Maske zum Fürchten gut erkennbar.

Dass beim Walkürenritt Musik und Handlung korrekt umgesetzt werden, erwarte ich in keiner Inszenierung mehr. Hier servieren einige Jünglinge Alkohol und Drogen an 8 poppige Mädels, die sich dann aber durchaus als mitfühlend gegenüber Brünnhilde und Sieglinde erweisen – und alle erfreulich gut singen können. Als Bühnenbild dient ein großer Würfel, schon aus den Folge-Opern bekannt, der zunächst aufgefächert ist, und am Ende zum Feuerzauber vollständig zusammen geschoben wird. Wotans Abschied gelingt emotional sehr berührend, und die körperliche Statur der beiden Akteure erlaubt, dass Wotan Brünnhilde auf die Arme nimmt und in ihr Schlafgemach im Würfel trägt. Wünschen wir dem Dessauer „Ring“ nicht nur deshalb, dass beide Sänger den Folgeaufführungen erhalten bleiben!

Gleiches gilt für den hervorragenden jungen Chefdirigenten Antony Hermus, der mit der Anhaltischen Philharmonie Dessau wirklich Großes geleistet hat. Außer wenigen, Tagesform abhängigen Wacklern in den Trompeten, konnte das Orchester durchweg begeistern, spielte durchhörbar und nicht zu laut, mit charmantem Holz, samtigen Streichern und dramatischen Pauken. Damit rundete es eine Ensembleleistung ab, in der es keinerlei Ausfälle und viele erfreuliche Höhepunkte gab.

Für alle Beteiligten gab es Bravo-Stürme, auch für die Regie; für letztere durchsetzt von einigen wenigen Buhrufen von Zuschauern, die sich wohl mit den Videoprojektionen schwer taten. Einziger Verbesserungsvorschlag an die Regie: Auch nach dem 1. und 2. Aufzug kann man durchaus den Vorhang noch mal für die Sänger öffnen, anstelle den Beifall verhallen zu lassen!

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass es – nach der „Rheingold“-Premiere im Januar 2015 – im Mai und Juni 2015 zwei geschlossene „Ring“-Zyklen geben wird, für die noch wenige Karten erhältlich sind. Begeisternden Wagnerianern, und erst recht solchen, die von jüngeren Regiearbeiten enttäuscht sind, kann der Besuch uneingeschränkt ans Herz gelegt werden.

Dessau: Die Walküre 27.9. 2014 Premiere, der neue merker, 02.10.2014

von Friedeon Rosén

In Dessau hatte jetzt Wagners beliebte Oper Die Walküre Premiere, erster Tag des an der Bauhaus-Bewegung inspirierten Dessauer Rings, von dem bisher Götterdämmerung und Siegfried mit großem Erfolg aufgeführt wurden. In Dessau werden die Ringteile also im “Krebsgang” herausgebracht, und den Abschluß bildet im Januar ’15 Das Rheingold. Man will damit in der Regie von André Bücker, Bb.:Jan Steigert, aufzeigen und bewust machen, wie Wagner die Konzeption des Ring des Nibelungen von hinten herein bewerkstelligte, ausgehend von ‘Götterdämmerung’, seinerzeit noch ‘Siegfrieds Tod’ benannt, sich über den ‘Jungen Siegfried’, die ‘Bestrafung der Walküre’ zum ‘Raub des Rheingolds’ vorarbeitete und diese Konzeption in seinen eigenen Texten/Gedichten verarbeitete. Die Komposition begann er dann mit dem ‘Rheingold’ von vorne.

Die Abstraktionskraft auch in der Walküre drückt sich wieder in erster Linie im Bühnenbild aus, die als Klammer für die gesamte Ring-Konzeption erscheint. Dabei wird hier auf einen Filmstil zurückgegriffen, der sich noch in der Stummfilmära und besonders mit dem Monumantalfilm Metropolis von Fritz Lang herausgebildet hat. Die nächtliche riesige Stadt, über der Wotan am Anfang des 2.Aktes thront, ist zwar eine moderne Projektion, aber andrerseits keiner heute real existierenden Stadt einfach zuzuordnen. Dagegen könnte Hundings Behausung gerade aus einem unterirdischen Gemäuer dieser “Metropolis” entstammen. Mit der Todesverkündigung Brünnhildes beginnt dann ein Filmdreh in Hollywood, bei dem Brünnhilde als Regisseurin auftritt, und bei dem Siegmund und Sieglinde als d a s klassische Liebespaar in weiß auftreten. Es wird in den weiten Wildwest-Landschaften gedreht, wobei auch Mount Rushmore nicht fehlen darf. Es fragt sich aber, ob man aus der eher nüchternen Bauhaus-Vorgabe nicht ausbricht, wenn man Anleihen auch beim kitschigen Hollywood nehmen muß. Im 3.Akt findet vielleicht eine Vereinigung der beiden Stile statt, wenn der Brünnhilde-Felsen eine streng in bunten Rechtecken strukturierte Formkonglomeration aufweist, vor dem sich aber Party-Boy lasziv räkeln und die Walküren mit Cocktails bedienen. Somit hat auch die Walküre einige nette die Ideen aufzuweisen, wenn sie auch disparat erscheinen.

Dirigent Antony Hermus bevorzugt wieder von Anbeginn eine flotte Gangart, die von der Anhaltischen Philharmonie gern aufgenommen und ausgestaltet wird. Alles klingt frisch und animiert, wobei die Musik ja am wehesten im 1.Teil bei der tragischen Wälsungenschilderung Siegmunds klingt. Da nehmen sich die die Musiker kammermusikalisch zurück.

Der Kameramann im 2.Akt, der ganz schön nah an das Geschehen rangeht, ist Kruno Vrbat. Die Kostüme von Suse Tobisch sind diesmal nicht ganz so zwingend wie in den vorhergehenden Ringteilen ausgefallen. Aber die Walküren-Truppe ist ganz phantasievoll partymäßig individuell gestilet, und Gerit Ada Hammer, Einat Ziv, Cornelia Marschall, Anne Weinkauf, Kristina Baran, Jagna Rotkiewicz, Gwendolyn Reid Kuhlmann und Constanze Wilhelm singen alle einen super Part. Ganz in schwarzer Montur und Frisur gibt Rita Kapfhammer die Fricka und singt mit tollem Mezzo so auftrumpfend, dass Wotan ganz schnell einknickt. Der Siegmund wird von Robert Künzli eher zurückhaltend und ohne großes Timbre gesungen, ist aber um gutes Spiel bemüht. Seine Sieglinde Angelina Ruzzafante ist mit stinmmlichen Mitteln im Gegensatz zu ihm geradezu gesegnet, kann jederzeit in einen hochdramatischen Modus wechseln und ist daher eine ideale Zwillingsschwester, auch wenn sie mit weißer Haube leicht matronenhaft wirkt. Der Hunding des Stephan Klemm wirkt fast zu hoch “gestimmt” und glatt für die Rolle. Auch Wotan Ulf Paulsen flüchtet sich öfter ins Nasale hat aber besonders in der Tiefe eine gute Diktion (“Als mir die Jugend verglomm…”) In den schwarz-weiß Projektionen (F.Vetter, M.Ott) soll er immer ganz furchteinflößend wirken. Brünnhilde Iordanka Derilova ist in etwas unscheinbarer 70er Jahre-Gewandiung stimmlich bestens aufgelegt und stößt nur bei den hohen Rufen an eine Grenze, was aber nicht sehr ins Gewicht fällt bei ihrer jederzeit anrührenden Gestaltung.

Dessau: Die Walküre 27.9. 2014 Premiere, der neue merker, 28.09.2014

von Andreas Hauff, der-neue-merker.de, 28.09.2014 DESSAU: DIE WALKÜRE. Premiere: 27.09.2014

Es ist ärgerlich, wenn man erst über Politik reden muss, bevor es um Kunst geht. Doch kann man die Leistung des Anhaltischen Theaters nicht würdigen, ohne den eisigen politischen Gegenwind zu erwähnen, der die ganze letzte Spielzeit aus der Landeshauptstadt Magdeburg wehte. Immerhin war der Dessauer Widerstand nicht ganz umsonst. Ich zitiere dazu die Einschätzung von Oliver Thust aus dem Theaterbrief des Theater-Freundeskreises: “Das Minimalziel ist erreicht. Das unermüdliche Streben der Theaterleitung, der Stadt Dessau-Roßlau und der Bürgerschaft hat bewirkt, dass das Kultusministerium den Vorschlag der Stadt zur Erhaltung des 4-Sparten-Theaters angenommen hat. Möglich wurde das nur durch die Solidarität der Mitarbeiter des Anhaltischen Theaters, die mit der Akzeptanz eines Teilzeitvertrags überhaupt eine Finanzierung möglich machten. Auch die Stadt Dessau-Roßlau wird deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stellen müssen. (…) Das Ensemble des Schauspiels und des Balletts werden um die Hälfte reduziert, das weitere Ensemble wird durch Altersabgänge und Fluktuationen abgeschmolzen. Es bleibt dringend zu mahnen, dass sich die Anerkenntnis der Arbeit der Theater und Orchester in Sachsen-Anhalt langfristig ändern muss, wenn es nicht zum Kollaps der Theaterlandschaft kommen soll.”

Zu ergänzen bleibt: Der Vertrag von Intendant André Bücker wird nicht über Sommer 2015 hinaus verlängert. Auch Generalmusikdirektor Antony Hermus wird das Anhaltische Theater verlassen, um in seine niederländische Heimat zurückzukehren. Damit ist klar: Es bleibt ihnen nur noch diese Spielzeit, um mit “Walküre” und “Rheingold” den Dessauer “Ring” fertigzuschmieden. Beim internationalen Richard-Wagner-Kongress im Mai soll er vollständig zu sehen sein.

Besonders spannend an diesem Dessauer Wagner-Projekt sind drei Aspekte: 1. versucht das Anhaltische Theater, an seinen alten Ruf als “Bayreuth des Nordens” mit entsprechender musikalischer Qualität wiederanzuknüpfen, 2. bemüht man sich in Dessau als einem der Geburtsorte der klassischen Moderne (Stichwort “Bauhaus”) um eine moderne Bühnenästhetik, und 3. spielt man den “Ring” so, wie ihn Wagner entwarf, vom Ende her. (Was nebenbei den Vorteil hat, dass endlich einmal die “Götterdämmerung” häufiger zu sehen ist als das “Rheingold”.) Interessant ist, wie sich nun auch die Inszenierung “von hinten erfindet”. War die “Götterdämmerung” geprägt von geometrischen Formen und den Hauptdarstellern als maschinenartigen Figurinen, so tauchte man im “Siegfried” in die Welt der Computerspiele ein. In der “Walküre” schält sich nun die Idee heraus, die zunehmende Inbesitznahme des Menschen durch technische Medien zu zeigen – was ja nun endlich einmal eine wirkliche Idee wäre statt eines Sammelsurium von mehr oder weniger plausiblen Regieeinfällen.

Konkret heißt das: Die Dessauer “Walküre” soll zurückführen ins Zeitalter des Films. Das gelingt allerdings André Bücker als Regisseur, seinem Bühnenbildner Jan Steigert und den für die Projektionen zuständigen Mitarbeitern Frank Vetter und Michael Ott im 1. Aufzug kaum, im 2. grandios und im 3. mittelmäßig. Zu Beginn irrt Siegmund (als Gast: Robert Künzli) in einem groß dimensionierten Computerdatenspeicher mit einem Kabelbaum in der Mitte herum. Sieglinde (Angelina Ruzzafante) arbeitet hier anscheinend als Angestellte. Getrunken wird aus Aluminiumdosen, gespeist aus zugeschweißten Plastikverpackungen. In diesem Szenario erscheint nun Hunding (als Gast: Stephan Klemm) mit seinem Schwert wie ein Zeitreisender aus dem Mittelalter, allerdings begleitet von vier schwarzgekleideten Bodyguards, die die meiste Zeit reglos herumstehen. Manchmal deutet ein altertümlicher Schwarz-weiß-Film die Kindheitserinnerungen Sieglindes und Siegmunds an, aber es ist kaum etwas zu erkennen.

Im 2. Aufzug erblicken wir Wotan (Ulf Paulsen) als Filmregisseur auf einem erhöhten Beobachtungsposten, neben sich Filmrollen und ein Filmdrehbuch, zu Füßen die Lichter von Los Angeles. Die jugendlich beschwingte, schlanke Brünnhilde (Iordanka Derilova) wird instruiert, dass der bevorstehende Zweikampf zugunsten Siegmunds ausgehen solle, doch da erscheint Fricka (Rita Kapfhammer) wie eine beleidigte Filmdiva und nötigt Wotan, sich zugunsten Hundings zu entscheiden. Mit diesem Auftrag nimmt die Walküre am Set Platz. Wir sehen dann Sieglinde und Siegmund, später auch Brünnhilde direkt auf der Bühne abgefilmt. Und während das liebende Geschwisterpaar melodramatisch in Schwarzweiß vor verschiedenen Filmkulissen erscheint, spürt man, wieviel Wagner in Hollywood steckt – oder, umgekehrt, wieviel Hollywood schon in Wagner. Pünktlich wie geplant tritt Brünnhilde in Aktion, doch je mehr Siegmund sich gegen das ihm zugedachte Schicksal wehrt, desto mehr läuft auch der geplante Film aus dem Ruder. Und erstaunlich: Indem die Kamera das Mienenspiel aller Beteiligten einfängt, desto mehr gewinnt die Auseinandersetzung an Intensität und desto mehr zerbricht das Hollywood-Klischee. Siegmund und Brünnhilde wehren sich gegen den gnadenlosen Blick der sie verfolgenden Linse, und die Wotanstochter reißt die entscheidenden Seiten aus dem Drehbuch des Vaters heraus. Doch der erscheint erst drohend auf dem Bildschirm im Hintergrund, dann in Person auf der Bühne, hält mit seinem teleskopartigen Speer Siegfrieds Schwert fest und schaltet die Kamera aus. Zuletzt lässt er sich vom Kameramann die Speicherkarte aushändigen.

Im 3. Akt feiern die einfallsreich aufgetakelten Walküren eine vergnügte Sektparty an dem treppenartig verschiebbaren schwarz-weißen Kubus, den wir schon aus der “Götterdämmerung” kennen. Die eine oder andere führt ein kleines Stoffpferd mit sich, manche auch einen Miniaturhelden. Sie bieten ein Bild fröhlicher Dekadenz, das durch das wiederkehrende “Hahahaha” in Wagners Partitur seine Plausibiltät gewinnt. In ihrer Ernsthaftigkeit und Sensibilität, aber auch in den von Kostümbildnerin Suse Tobisch bewusst gestalteten Kleidungs- und Ausstattungsnuancen hebt sich Brünnhilde deutlich gegen diese Schwestern ab. Zunächst sehen wir die Flüchtige auf dem Bildschirm in einer filmtypischen Verfolgungsjagd: Nervös fangen sich ihre Augen im Rückspiegel eines Autos, parallel zu Wotans Gesicht im Verfolgerwagen.Und während sie den Walkürenfelsen erreicht, staunt man über Ulf Paulsens reichhaltiges Repertoire an grimmiger Mimik. Später, als er nach öffentlich verkündeter Strafe doch noch mit seiner ungehorsamen Tochter ins Gespräch kommt, wird er für Momente sehr viel weicher. Der dann von Fotos der beiden dominierte Bildschirm wirkt leicht surrealistisch. Auch werden geometrische Formen projiziert wie schon in der “Götterdämmerung”. Doch die Bebilderung wirkt mehr wie eine inszenatorische Pflichtübung. Der Aufführung schadet sie nicht.

Denn spannend ist vor allem, was zwischen den Personen auf der Bühne geschieht. Und das ist – mit Ausnahme von Hundings künstlich versteiftem Wachpersonal – in Sprache und Ton, in Mimik und Gestik ganz unaufgesetzt und dermaßen subtil entwickelt, dass die langen Dialoge keinen Augenblick langweilen – mit anderen Worten: ganz dicht an Wagner. Anrührend ist schon Sieglindes und Siegmunds langsame Annäherung, witzig ist Wotans allmähliche Kapitulation vor Fricka, ergreifend das Reifen von Brünnhildes Gewissensentscheidung. Am stärksten aber fesseln die Szenen zwischen Wotan und Brünnhilde, in denen das Ungesagte spürbar wird: Wie sehr steckt in Wotans Wut auf Brünnhilde sein Zorn über die eigene Feigheit! Wie klug und wie aufopfernd ist Brünnhilde, dass sie Wotans ureigenes Projekt des freien Menschen vor dem tobenden Urheber selbst rettet! Und wie bewegend ist der versöhnliche Abschied, nachdem Wotan in der degradierten und verstoßenen Tochter sein eigenes besseres Ich erkennt!

Wagners psychologischem Scharfblick lässt sich gut folgen. Selten überdeckt das Orchester den Gesang, die Artikulation der Sänger ist – bei vorhandener Übertitelung - bemerkenswert deutlich, die Diktion sprechend. Organisch und unangestrengt (!) tragen die Stimmen die Satzmelodie – mit leichter Einschränkung bei einigen der Walküren. Die Pausen, in denen der Dialog stockt und das Orchester Verschwiegenes ausspricht, wirken unter Antony Hermus’ feinfühligem und geschmeidigen Dirigat lebendig und beredt. Immer wieder fallen sorgfältig durchgehörte und gestaltetete Details auf: Hier eine ungewöhnlich schmeichelnde Trompetenfanfare, da ein leise bohrender Orgelpunkt, dort ein ruhig ausschwingendes Solo der Bassklarinette, und all dies eingewoben in einen über drei Akte tragenden Spannungsbogen. Und immer wieder blüht in der Musik die illusorische Hoffnung auf, die üble Geschichte mit dem Ring könne doch noch zu einem guten Ende kommen.

Enthusiastisch feierte das Premierenpublikum Orchester und GMD, enthusiastisch auch die Darsteller, allen voran Paulsen und Derilova. Für das Regieteam gab es viel Beifall, für Regisseur André Bücker auch vernehmliche Buhrufe. Tatsächlich überzeugt diese “Walküre” von der Bühnenästhetik deutlich weniger als die ersten beiden Etappen des “Rings”. Die hatten allerdings bessere Voraussetzungen. Es galt nicht, nebenbei noch einen Spielplan umzustellen und ein Theater zu retten.

Dessau: Die Walküre 27.09.2014, der neue merker, 28.09.2014

von Christoph Suhre

Im Dessauer „Ring“ erzählt Regisseur André Bücker die Mediengeschichte des 20. Jhs. Wagner ging es darum, darzustellen, welchen Einfluss die Macht des Goldes auf die gesellschaftliche Entwicklung hat. Nicht weniger gefährlich ist die Macht der digitalen Welten. Sie manipulieren und verbiegen Menschen. Insofern gibt es vielfältige Parallelen zwischen Richard Wagners Mythos und der unmittelbaren Gegenwart. In der Bauhausstadt Dessau ist es geradezu hehre Pflicht, auch eine auf geometrischen Figuren basierende Formensprache zu entwickeln, die die Ästhetik der Tradition der Klassischen Moderne zum Ausdruck bringt. Große Rundhorizonte als Projektionsflächen und der gigantische, in sich drehbare Kubus bestimmen erneut den von Jan Steigert entworfenen Bühnenraum. Wer gewillt ist, in diese faszinierende Bilderwelt unvoreingenommen einzutauchen, wird vieles entdecken, was möglicherweise neu, aber zumeist logisch ist. Dass dabei Wort und Bild nicht durchweg miteinander korrespondieren, nimmt man in Kauf.

Im 1. Akt darf Siegmund immerhin ein richtiges Schwert aus dem (Kabel-)Baum ziehen. Wo dieser angesiedelt ist, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen. Eine Gerüstkonstruktion, Kabelgewirr, Schaltkästen… Geht man davon aus, dass Hunding Leute befehligt, könnte es eine Art Schaltzentrale im Stile eines Fernamtes sein. Hier verabreicht Sieglinde den Männern das Mahl. Dabei bedient sie sich eines Wagens, wie ihn Stewardessen im Flugzeug benutzen. Das Essen wird in Assietten verabreicht. Irgendwann steht Siegmund mit seinem Plastikbesteck da und grollt „Ein Schwert verhieß mir der Vater.“ Das sind Szenen, die erheiternd, aber nicht lächerlich wirken. Da die Mediengeschichte des 20. Jhs. erzählt werden soll, müssen permanent filmische Sequenzen eingeblendet werden. Frank Vetter und Michael Ott haben diesbezüglich Hervorragendes geleistet. Ich gebe zu, dass mich im 1. Akt die sich ständig bewegenden Bilder etwas gestört haben. Mitunter strahlt die Musik ja auch Ruhe aus, dennoch flackert ständig etwas herum. Im 2. Akt relativiert sich das allerdings. Auf seinem Hochsitz gebietet Wotan seinem Filmimperium. Im Hintergrund erscheint auf dem riesigen Rundhorizont die nächtliche Silhouette einer typischen Weltmetropole. Brünnhilde schmettert ihr „Hojotoho“ ins Handy, das sie griffbereit aus ihrer Handtasche gezogen hat. Das sind Bilder, die wir alle aus dem täglichen Leben kennen. Ein exzellentes psychologisches Kammerspiel entwickelt sich hernach zwischen Fricka und Wotan. „Wann ward es erlebt, das leiblich Geschwister sich liebten?“ Fricka kann es nicht fassen. Wotan wiegelt süffisant ab: „Heut hast du’s erlebt!“ Die Art und Weise seines Kommentars gefällt Fricka überhaupt nicht. Sie greift in die Hausbar, genehmigt sich einen Schluck und setzt zu ihrer bekannten Gardinenpredigt an. Die zeigt Wirkung. Wotan ringt nach Worten, aber Fricka setzt noch einen drauf. Nun ist guter Rat teuer. Wotan bekennt gegenüber Brünnhilde, dass ihm die Hände gebunden sind. Und nun passiert etwas ganz Spannendes. Wotan, der Regisseur, überlässt Brünnhilde den Regiestuhl. Die „Walküre“ muss nun Sieglindes und Siegmunds Not erleben. Brünnhilde zeigt Mitleid. Was jetzt abläuft, steht so nicht im Manuskript. Sie reißt die Seiten heraus, verfasst bestimmte Stellen neu und wird auf diese Weise selbst zur Protagonistin. Wann hat man die Todesverkündigung schon einmal in dieser bezwingenden Dichte erlebt?! Minutiös hält der Kameramann (Kruno Vrbat) jede Gefühlsregung im Bild fest. Konsequenter und überzeugender lassen sich Richard Wagners Regieanweisungen kaum umsetzen. Das Abschalten der laufenden Kamera genügt, um Hunding ins Jenseits zu befördern. Im 3. Bild dominiert der Kubus. Der in sich bewegende Würfel wird wie von unsichtbarer Hand geführt. Es geht glamourös zu. Die Walküren entpuppen sich als Partygirls und lassen es gehörig krachen. Wiederum ist es der Rundhorizont, der visualisiert, was passiert. Wotan verfolgt Brünnhilde. Aber ihre Rösser haben weitaus mehr Pferdestärken. Auf einem Highway liefert man sich eine verbissene Verfolgungsjagd, um schließlich abgekämpft auf der Bühne zu stehen. Was dann folgt, ist bekannt. Aber auch in den letzten Szenen gibt es keinen Spannungsabfall. Wotans Gebaren macht deutlich, wie sehr er Brünnhildes Tat erwünschte.

Während André Bückers Lesart bei Teilen des Publikums auf lautstarke Ablehnung stößt, findet die szenische Realisierung ungeteilten frenetischen Jubel. Die meisten Partien werden mit Solisten aus dem eigenen Ensemble besetzt. Iordanka Derilova ist als Brünnhilde eine Augen- und Ohrenweide. Ihren ersten Auftritt stattet sie mit übermütigem und hochdramatischem Aplomb aus. Aber das, was sie von Wotan hört, stimmt sie nachdenklich. Ruhig, aber dennoch emotional aufgewühlt, verkündet sie Siegmund, dem todgeweihten Helden, das nahe Ende. Der Sängerin, die über eine fulminante und glutvolle Stimme verfügt, ist eitle Selbstdarstellung fremd. Sie agiert im Dienst der Rolle. Leidenschaftlich bittet sie schließlich Wotan darum, sie nicht dem erstbesten Manne auszuliefern. Die Sopranistin passt sich hervorragend sowohl gesanglich als auch darstellerisch der jeweiligen Situation an. Das trifft auch auf Ulf Paulsen als Wotan zu. Man sagt, dass er nicht nur seine eigene Partie gründlich studiere, sondern auch die seiner Partner. Nur so kann er Beziehungen aufbauen. Seine breit und lang angelegte Erzählung im 2. Akt hört sich wie ein spannender Krimi an. Die Textverständlichkeit des Sängers ist mehr als beeindruckend. Mit seiner präsenten Stimme weiß er auch in den Klanggewalten zu Beginn des 3. Aktes zu bestehen. Er forciert nicht, singt kontrolliert und hat auch noch genügend Reserven, um alle Gemütswallungen des Feuerzaubers ausdrucksstark zu Gehör zu bringen. Rita Kapfhammer stellt eine resolute Fricka auf die Bühne. Obwohl sie aufgebracht ist, gibt sie mit fester und satter Stimme ihr Statement ab. Das klingt nach!

Das Zwillingspaar ist mit Angelina Ruzzafante und Robert Künzli besetzt. Frau Ruzzafante gefällt mit wunderbar aufblühenden Tönen, die das zurückgewonnene Selbstwertgefühl Sieglindes untermauern. Wenn sie bekennt, dass sie Siegmunds Schwester sei, nimmt sie endlich die Haube, unter der ihrer Locken Pracht zum Vorschein kommt, vom Kopf. Sie ist wieder Frau! Emotional aufrüttelnd sind die Momente, in denen sie wünscht, gemeinsam mit Siegmund zu sterben. Hier klingt ihre Stimme bewusst matt und fahl. Und dann der jähe Wechsel! „Rette mich, Kühne! Rette mein Kind!“ Von jetzt auf gleich gewinnt die Stimme noch einmal an unglaublicher Leuchtkraft. Souverän gestaltet Robert Künzli die Partie des Siegmund. Die Wälse-Rufe singt er ohne Kraftmeierei. Und sein „So blühe denn Wälsungen-Blut!“ lässt erahnen, dass da tatsächlich ein Held ohne Fehl und Tadel gezeugt wird. Absolut stimmig sein Agieren in der Todesverkündigung. Er kauert auf einer Art Rampe neben Sieglinde, derweil ihm Brünnhildes Gesicht auf dem Rundhorizont projiziert wird. Er kommuniziert mit ihr und hat das Publikum im Rücken. Und dennoch kommt alles über die Rampe, was wichtig ist. Phänomenal! Mit kernigem Bass und unmissverständlicher Körpersprache umreißt Stephan Klemm die Figur des Hunding. Als Walküren erlebte das Publikum Einat Ziv, Gerit Ada Hammer, Cornelia Marschall, Anne Weinkauf, Kristina Baran, Jagna Rotkiewicz, Gwendolyn Reid Kuhlmann und Constanze Wilhelm. In ihrem auffälligen Outfit (Kostüme: Suse Tobisch) ähnelten sie eher durchgeknallten Partygirls als Heldenmädchen. Sie taugen nicht dafür, tote Helden nach Walhall zu beordern. Ihnen sind lebendige Boys im Matrosenanzug lieber. Wie auch immer – die Szene erheiterte, zumal die Solistinnen durch ihren Gesang und ihr Spiel das Publikum für sich gewinnen konnten. Bereits vor Beginn eines jeden neuen Aktes brach das Publikum in Jubel aus, als der Dirigent Antony Hermes ans Pult trat und die Musiker bat, sich zu erheben. Ihr engagiertes Musizieren vermochte durchweg die Gefühlsintensität der Szene in entsprechende Töne zu fassen. Hermes leitete sein Orchester souverän, er war den Sängern ein höchst verlässlicher Partner und kostete die Partitur mit all ihren Facetten intensiv aus. Das überschäumende Temperament des Walkürenrittes, die leuchtende Pracht des Feuerzaubers, aber auch die Momente der beseelten Innigkeit und des schicksalhaften Sinnierens kamen dabei eindrucksvoll zum Tragen.

Man darf auf „Das Rheingold“, das im Januar 2015 Premiere hat, gespannt sein. Schon jetzt ist sicher, dass dieser „Ring“ Dessauer Operngeschichte schreiben wird!

operapoint.com, 07.10.2014

von Oliver Hohlbach

Kurzinhalt Der verfolgte Wälsung Siegmund findet bei der verlorengeglaubten Zwillingsschwester Sieglinde Zuflucht und zeugt Siegfried. Fricka verlangt Sühne für Ehebruch und Blutschande. Durch die eigenen Gesetze gebunden, muß Wotan Siegmund opfern. Todgeweiht will Siegmund die Schwester lieber töten, als ungeschützt zurückzulassen. Da beschließt Brünnhilde, entgegen Wotans Befehl, die Wälsungen zu retten, doch Wotan bewirkt Siegmunds Tod. Brünnhilde flieht zunächst mit Sieglinde vor Wotan, aber Wotan bestraft Brünnhilde und bettet sie in einen Feuerring, aus dem nur ein Held sie erretten kann.

Aufführung Die opulenten Bühnenbilder von Jan Steigert übernehmen die Formensprache der bisherigen Ringteile. So finden sich zwei halbkreisförmige Projektionswände, die sich rings um die Bühnenmitte herum anordnen lassen. Auf diese Flächen lassen sich Personen, Vorgänge oder Landschaften wie die Köpfe am Mount Rushmore abbilden. Hundings Hütte ist ein Balkenturm in dem ein überdimensionales in allen Regenbogenfarben leuchtendes Glasfaserkabel hängt – aus dem Siegmund das Schwert zieht. Walhall befindet sich hoch über dem Lichtermeer von Los Angeles. Der Walkürenfelsen ist wie im Siegfried ein riesiger Rubik-Würfel (Zauberwürfel) der sich in allen horizontalen Ebenen auffächern läßt. Der Walkürenritt ist eine Cocktailparty für verzogene Töchter der höheren Gesellschaft.

Sänger und Orchester Die Besetzung in Dessau (ein Haus mit 150 Jahren Wagner-Tradition) ist festspielwürdig: Ulf Paulsen kann mit seiner hellen baritonal gefärbten Stimme als Wotan viele stimmliche Gestaltungsmöglichkeiten erkennen lassen – und verfügt über genügend Reserven, um besonders in den tiefen Lagen vollmundig zu klingen. Da wird endlich einmal deutlich, welche inneren Regungen Wotan plagen: Fast bekommt man Mitleid. Im großen Finale Wotans Abschied trifft er auf Iordanka Derilova als Brünnhilde. Ihr schwerer dramatischer Sopran gibt der Rolle Gewicht, hohe Töne trifft sie auch im Forte, selbst wenn dies nicht frei von Schärfen gerät. Im Finale klingt sie mild und weise, sie kann mit Stimm-Nuancen der Rolle Charakter verleihen. Angelina Ruzzafante hat als schwerer Koloratursopran keine Probleme mit der Gestaltung der Rolle der Sieglinde: Im ersten Akt singt sie mit Verve und Energie die resolute Frau, im zweiten Akt kann sie mit Zurückhaltung nervöse Verzweiflung glaubhaft machen. Da muß sich Robert Künzli anstrengen, um vor allem im ersten Akt als Siegmund mithalten zu können. Er hält sich merklich zurück, kann aber in den zentralen Momenten als lyrischer Tenor voll aussingen, Durchschlagskraft entwickelt er nur in wenigen Momenten, wie ein Schwert verhieß mir der Vater. Die Winterstürme gestaltet er mit warmen harmonischen, eher leiseren Tönen. Stephan Klemm trägt als bitterböser, mit sehr dunkler Tiefe ausgestatteter Hunding zu einem stimmlich hervorragend besetzten ersten Akt bei. Rita Kapfhammer verfügt über ein schier unerschöpfliches Stimmvolumen und Ton-Umfang und verleiht der durchsetzungsstarken Fricka Format. Sie wirkt wie ein Heimchen am Herd, klingt aber niemals keifig, sondern singt mit voller Durchschlagskraft aus. Eine Rollengestaltung von wahrlich göttlicher Macht, die man gerne öfters hören würde. Antony Hermus führt die Anhaltische Philharmonie ohne Probleme durch die Untiefen des Rings. Die Orchesterstücke wie der Walkürenritt haben zwar monumentale Breite, jedoch niemals hohles Pathos. Vielmehr gelingt es die Wagnerschen Klangbögen zu einem großen Ganzen zu verschweißen und die Motive auf dem Silbertablett zu servieren.

Fazit Zugegeben ein bißchen gewöhnungsbedürftig ist es schon, daß die einzelnen Ringteile in Dessau von der Götterdämmerung rückwärts (also gemäß ihrer dramaturgischen Entstehung) gezeigt werden. Dafür sind in dieser Walküre Antworten auf Fragen aus den Aufführungen Siegfried und Götterdämmerung möglich, z.B. zur Beziehung Brünnhilde-Siegfried. Das stellt Andre Bücker mit einer ausgefeilten, sehr ausdrucksstarken Personenregie dar, was von den Sängerdarstellern (selten gehört heutzutage!) auch stimmlich einfühlsam betont umgesetzt wird. Das modernistische Bühnenbild, die Überblendungen und Regieeinfälle sind Wegweiser zu weiterführenden Gedanken, denen der Zuschauer folgen kann, aber nicht muß. Wenn der Zuschauer diese ignoriert, ist es die konservativste, durchdachteste Ring-Inszenierung unserer Tage. Schade, daß überzogene Sparmaßnahmen dazu führen, daß der Ring nur zweimal als Zyklus gezeigt werden kann. Ab der kommenden Spielzeit sind nur noch kleinere Produktionen möglich. Die einhellige Begeisterung des Publikums für die herausragenden Sänger-Darsteller, Dirigent, Orchester und Regie spricht Bände.

www.nacht-gedanken.de, 29.09.2014

Eineinhalb Jahre nach der Premiere von Siegfried bringt Intendant André Bücker nun die Walküre auf die Bühne, bekanntermaßen inszeniert er den Ring ja rückwärts. Und es gelingt ihm und dem ganzen Anhaltischen Theater damit wieder ein großer Wurf. War mir bei Siegfried das vorhergehende Stück noch sehr präsent im Gedächtnis, so haperte es diesmal leider mit dem erkennen der Entwicklung etwas. Natürlich war da wieder der kubische Brünnhildenfelsen und Siegmund und Sieglindes Kostüme (Suse Tobisch) sind Vorläufer von Siegfrieds in Farbgebung und Schnitt ebenso wie bei Brünnhilde zum Beispiel. trotzdem fehlte mir ein bisschen der Zusammenhang zu den vorhergehenden Teilen, das mag aber ausschließlich an der Zeit, die dazwischen lag, gelegen haben.

Für sich genommen ist auch dieser in der Dessauer Fassung dritte Teil des Rings großartig. Regisseur Bücker inszeniert nicht nur die Ring-Teile rückwärts, sondern dreht auch die Uhr zurück. Nach dem Elektronikzeitalter von Siegfried findet man sich hier in der Hochzeit des Films wieder, als Hollywoodbosse die Welt beherrschten. Der erste Aufzug scheint auf den ersten Blick nicht viel mit dem Grundthema zu tun zu haben bis auf den Kabelstrang, aus dem Siegmund Notung zieht. Sieglinde serviert Coladosen und Fertigfraß im adretten Stewardessenkostüm auch an vermummte Hundingkämpfer (bei deren Anblick mein älterer Sitznachbar sehr scharf den Atem einsog), betäubt den Gatten und gibt sich dem Bruder in ewiger Liebe hin. Das Ganze war ein wenig nichtssagend, wurde aber durch die fabelhaften Angelina Ruzzafante und Robert Künzli als inzestuöses Geschwisterpaar ausgeglichen.

Im zweiten Aufzug geht dann die Post ab: Filmproduzent Wotan sitzt in seinem Büro mit fabelhaftem Ausblick auf eine nächtliche Großstadt und wird von seiner Frau Fricka für seine Unterstützung des ehebrecherischen Siegmund in dessen Zweikampf mit dem gehörnten Hunding zur Sau gemacht. Fabelhaft, wie Rita Kapfhammer ihren Göttergatten Ulf Paulsen einfach niedersingt, obwohl der eigentlich unglaublich stimmgewaltig ist und an diesem Abend eine seiner besten Leistungen zeigt. Er gibt Drehbuchanweisungen an Brünnhilde, Siegmund über die Klinge springen zu lassen, aber die reißt die Regie an sich und erst sein persönliches Eingreifen entscheidet den Zweikampf zugunsten Hundings. Sehr genial hier die direkte Projektion der durch einen Kameramann (Kruno Vrbat) aufgenommenen Bühne an die schon bekannten halbrunden Prospekte in wechselnde Szenen, so finden sich Siegmund und Sieglinde zum Beispiel am Mount Rushmore wieder.

Im dritten Aufzug begegnet dem Zuseher dann zum ersten Mal der kubische Brünnhildenfelsen, momentan allerdings Partylocation der aufgedonnerten Walküren und ein bisschen leckerem Personal. Brünnhilde bringt Sieglinde und das im Zweikampf zerschlagene Schwert Notung in Sicherheit, damit sie den Helden Siegfried auf die Welt bringen kann. Sonst gäbs ja keinen dritten und vierten Teil des Rings. Das war spannend und kurzweilig. Wotan ist durch Brünnhildes eigenmächtiges Handeln so erzürnt, dass er sie zur Strafe in den Felsen verbannt und sie erst wieder rauslassen will, wenn sie ein Heimchen am Herd wird. Immerhin gesteht er ihr zu, zwar keine Dornenhecke wie bei Dornröschen, aber immerhin einen Ring aus Feuer um den Felsen zu legen, damit sie nicht gleich mit dem erstbesten Schwachkopf mitgehen muss. Brünnhilde, gar nicht dumm, denkt dabei natürlich an den noch nicht mal geborenen Siegfried. Mit Altersunterschieden hatten die Nibelungen anscheinend kein Problem. Kammersängerin Iordanka Derilova zeichnete ein stimmstarkes und gleichzeitig berührendes Porträt der Brünnhilde.

Intendant und Regisseur André Bücker erzählte übrigens später, der Felsen wäre mitnichten elektronisch gesteuert, sondern darin säßen zwei Techniker, die den Kubus live drehen. Hut ab, kann man da nur sagen. Überhaupt stellt die ganze Bühne (Jan Steigert) hohe technische Anforderungen, die fantastisch gemeistert werden. Natürlich gibt es auch wieder jede Menge Projektionen (Frank Vetter, Michael Ott), die wieder sehr anstrengend fürs Auge sind. Für den Zyklus werde ich mir wohl Tropfen besorgen.

Die Anhaltische Philharmonie Dessau unter GMD Antony Hermus begeisterte das Publikum mal wieder mit einem Spitzen-Wagner. Am Ende Standing Ovations für alle Beteiligten.

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