Die Verdammten dieser Erde (UA)

Ein Heimatabend von Nina Gühlstorff

Eigene Mini-Website mit Inszenierungstagebuch, Hintergrundinfos, Gästebuch u.a.: vielfalt-fuer-dessau.de


Morgens um 6:30 Uhr landet ein Flugzeug aus Deutschland in Windhoek auf dem größten Flughafen Namibias. Zwei Stunden später trifft der RE 18705 aus Berlin in Dessau ein. Vor dem Flughafen wartet auf die junge Journalistin aus Deutschland ein Fahrer. Für die Geschichte ist es interessant zu betonen, dass sie weiß ist. Die junge Frau, die in Dessau aus dem Zug steigt, ist schwarz.

Zwei Frauen haben einen Auftrag. Sie wollen das jeweils Andere und Fremde kennen lernen, sie wollen etwas bewirken und glauben an ihre Mission und daran, helfen zu können. Doch bald geraten ihre Vorstellungen und Vorurteile ins Wanken und Bekanntes erscheint fremd und Fremdes wiederum seltsam vertraut. In „Verdammte dieser Erde“ begegnen zwei junge Frauen Menschen aus Rehoboth und Dessau, beladen mit ihrer Geschichte und ihren Geschichten, auf der Suche nach einem Ausweg aus den Vorurteilen hin zu einer globalen Kultur. Und am Ende ist auch etwas Aufregendes erreicht – aber hatte man nicht etwas ganz anderes gewollt?

Afrika – Europa. Namibia – Deutschland. Rehoboth – Dessau.

Dessau und Rehoboth streben seit dem vergangenen Jahr eine Städtepartnerschaft an und werden so gedanklicher Ausgangspunkt und konkreter Spielort des Theaterabends „Verdammte dieser Erde“. Der Titel verweist einerseits auf die „Internationale“, die die Vereinigung aller Unterdrückten im Kampf um ihre Menschenrechte beschwört und andererseits – eine Brücke schlagend zu Frantz Fanon, der seine berühmte Kolonialismuskritik so betitelte – auf die, kaum im deutschen Bewusstsein vorkommende, blutige Kolonialgeschichte Namibias. Als Quelle aller Rassismen entfaltet die Geschichte der Kolonialisierung Afrikas ihre fatale Wirkung bis ins Heute. Wie kann man das ändern, verdammt?

Der Theaterabend wurde ermöglicht durch die
IDT Biologika GmbH

Inszenierung Nina Gühlstorff
Bühne und Kostüme Annette Schemmel
Dramaturgie Sabeth Braun

Mit Jenny Langner / Anne Lebinsky / Thorsten Köhler / Diana Marie Müller
Amadi Indjaj, Jamal Khalif

PRESSESTIMMEN

Helmut Rohm, Volksstimme, 26.03.2013

Uraufführung für "Die Verdammten dieser Erde" am Anhaltischen Theater Dessau

Ein "Heimatabend" ganz fern jeder Idylle

Politik auf der Theaterbühne: In "Die Verdammten dieser Erde" am Anhaltischen Theater geht es um Vorurteile, Freiheit und aktuelle Debatten.
"Machen Sie Ihr Kreuz für Jamal Nujoma!", ruft ein Wahlwerbespot zur Dessauer Oberbürgermeisterwahl auf. Nun gut. Doch - der Kandidat ist ein Schwarzer! Er steht für die Liste "Vielfalt für Dessau" (VfD). Bis jetzt ist es nur eine Vision im Theaterstück "Die Verdammten dieser Erde - ein Heimatabend", das im vollbesetzten Studio im Alten Theater Dessau seine gefeierte Uraufführung hatte.

Der reale Ansatz für das Stück ist die geplante Städtepartnerschaft von Dessau-Roßlau und Rehoboth/Namibia. Ebenso, dass Dessau in jüngster Vergangenheit durch rassistische Übergriffe auf Menschen afrikanischer Herkunft überregional in den Medien präsent war.

Regisseurin Nina Gühlstorff und Ausstatterin Annette Schemmel widmeten sich der Thematik "Zusammenleben von Schwarz und Weiß" auf der Basis von Recherchen in Namibia und in Dessau. Die Zuschauer begleiteten, video-unterstützt, zunächst die junge Journalistin Luisa (Jenny Langner) ins afrikanische Namibia, die einstige deutsche Kolonie. Fast zeitgleich kommt auf dem Dessauer Hauptbahnhof die deutsche Sozialarbeiterin Grace (Diana Marie Müller) aus Berlin an, um mit vor allem farbigen Ausländern in Dessau Projekte zu gestalten. Luisa ist weiß, Grace ist aber schwarz - ist das schon ein Problem?

Dramaturgisch verfolgen die Zuschauer diese beiden Parallelhandlungen nacheinander. Wie sieht es konkret aus mit den Menschenrechten in den beiden Staaten, in denen zur fast gleichen Zeit epochale Veränderungen von statten gingen? Als in Berlin die Mauer fiel und die Wende begann, hatte Namibia, früheres Deutsch-Südwest, die Unabhängigkeit erkämpft. Dieser "Heimatabend" auf der Dessauer Bühne hat wenig mit anheimelnder Idylle zu tun, wenn auch manche Szene durchaus humorvolle Sequenzen beinhaltet. Überwiegend enthalten die Szenen ernsthafte und vor allem sehr nachdenkenswerte Inhalte. Luisa trifft auf Frau von Dechow (Anne Lebinsky), eine einheimische weiße Namibierin, die in voller Überzeugung noch in alten Denkstrukturen lebt, wenn sie auch ihrer schwarzen Dienern Eileen scheinbar liebevoll die Wange tätschelt.

Keine Lösungen aber vieler Anregungen

Der Rehobother Bürgermeister (Thorsten Köhler) wird in seinen euphorischen Reden ungemein deutlich über seine Auffassungen von Schwarz und Weiß. Der Zuschauer erfährt etwas über die Basters, die sich im Laufe der Geschichte zu einer besonderen Ethnie entwickelt haben. Tief beeindruckt hat der emotional vorgetragene Bericht von Diana Marie Müller, die als Herero-Nachfahrin über den von der deutschen Kolonialmacht brutal niedergeschlagenen Aufstand des Herero-Stammes berichtete. Kontrast dazu war ein Abend, bei dem die Deutsch-Namibier mit deutschtümlichen Melodien, hin bis zum insbrünstigen Gesang des rassistisch geprägten Deutsch-Südwest-Liedes, "alten Zeiten" frönten.

Schnitt. Dessau. Grace trifft auf Migranten, spürt deren vorsichtige Zurückhaltung. Zu oft sind sie wohl schon enttäuscht worden. Dass die akzentfrei Deutsch sprechende, in Deutschland geborene Grace, eine Schwarze ist, stört ihre Gruppe nicht. Lediglich Frau Engelhardt (auch Anne Lebinsky), Mitarbeiterin der Dessauer Ausländerbehörde, ist darüber ziemlich verwirrt. Böse ist da, wer Böses denkt.

Diana Marie Müller, Anne Lebinsky und Thorsten Köhler gestalten im Stück jeweils mehrere Rollen. Besonders hervorzuheben sind auch die engagierten Leistungen der Laiendarsteller. Lösungen für die vielen, noch nicht bis zu Ende bewältigten Fragen in Rehoboth und Dessau, doch nicht nur hier, gab das Stück nicht - Anregungen zum Denken und Nachdenken aber massig.

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 25.03.2013

Neue Haut für neue Menschen
URAUFFÜHRUNG "Die Verdammten dieser Erde" von Nina Gühlstorff durchlaufen im Alten Theater in Dessau die endlosen Sackgassen des Kolonialismus.
Die domestizierten Tierhaut-Socken werden von einem rosigen Binder und einem schwarzen Lächeln aus weißen Zähnen überstrahlt. Dessau stellt einen farbigen Kandidaten zur Wahl des Bürgermeisters. Die Plakate sind bereits geklebt. Ach? "Die Verdammten dieser Erde - Ein Heimatabend" von Nina Gühlstorff wurde im Alten Theater Dessau umjubelt uraufgeführt. Im Titel klingt die "Internationale" an, und das Manifest der antikolonialen Befreiungsbewegung von Frantz Fanon, erschienen in dessen Todesjahr 1961, versehen mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre. Kein Wunder, denn Fanon, Psychiater und Sprecher der algerischen Befreiungsbewegung, der auch vor der neuen entfremdeten afrikanischen Bourgeoisie, den "Geschäftsführern des Westens" warnte, wollte "kein Gefangener der Geschichte sein", sondern sich unaufhörlich neu erschaffen, auch mit Gewalt.

"Die Dekolonisation ist immer ein Phänomen der Gewalt": Ein Fanon-Zitat eröffnet den "Heimatabend", ein dokumentarisches Theaterstück mit bearbeiteten Interviews. Zwei Orte (wann kommt die Städtepartnerschaft?), zwei idealistische Figuren: Die weiße Journalistin Luisa reist nach Rehoboth (Namibia), die farbige Sozialarbeiterin Grace nach Dessau. Hier lebt eine einflusslose schwarze, dort eine weiße Minderheit, die noch immer Geltung und deutsche Straßennamen hält.

Grace will ein Projekt anschieben, Luisa einen Text über die Rehobother Baster (Afrikaans für Bastard) schreiben, eine Bevölkerungsgruppe, die nach Landung am Kap der guten Hoffnung als Nachfahren weißer Männer und einheimischer Frauen entstand, sich heller fühlte und zwischen die Fronten geriet. Luisa (Jenny Langner) trifft den mädchenhaften Ach-wie-interessant-Ton und trifft auf in Bühne (Annette Schemmel) und Video (David Ortmann) einfließende Kulturzitate nebst sozialistischer Sammelarchitektur. Schließlich unterstütze die DDR die Befreiungsbewegung Swapo, welche die Macht erlangte, als die Mauer fiel. Luisa trifft auch eine weiße Einheimische, die von "Deutsch-Südwestafrika" (1884-1915) und vom Völkermord an den Herero (1904) nichts mehr wissen möchte, sowie eine Basterin, die gern ein wenig heller wäre. In beiden Frauen trifft Luisa eine herrlich aufgeregte und konstant ignorante Anne Lebinsky.

Die nächste Begegnung, ein Eklat: Der Rehobother Bürgermeister ist kein Baster, sondern richtig schwarz. Nun ist Schauspieler Thorsten Köhler zwar alles andere als blass, aber dennoch weiß, und die rassistische Komik der schwarzen Schminke im Herrengesicht, das Blackfacing, ein Tabu der (formalen?) Offenherzigkeit. Jetzt steigen die Schauspieler aus ihren Rollen. Diana Marie Müller, die Sozialarbeiterin in Teil zwei, beklagt die mangelnden Chancen einer farbigen Schauspielerin auf deutschen Bühnen. Ex-Bürgermeister Köhler: "Nichts, was eine Theatermaske in Deutschland nicht in den Griff kriegen würde." Und zum Szenenwechsel: "Fünf Schwarze spielen mit, und wer muss die Wand schieben, ich." "Ich", das ist wieder Köhler, nun als einheimischer Weißer, der alle rassistischen Klischees auskotzt, die eben nicht latent, eher fatal lebendig erscheinen, während Luise an ihrer weltoffenen Hand verliebt den Liftboy führt, dem sie anfangs die Koffer nicht anvertraute.

Das ist stechend spitz, unverblümt und steigt ohne mitleidige Nabelschau auch in die Trauerarbeit. Vor allem häuten sich konträr des Textes Schauspieler und Laien, Schwarz und Weiß, als sei es möglich, durch die Sackgassen der Geschichte zu tanzen. Diese Sackgassen laufen schnurgerade vor eine graue Wand mit Fastfood-Reklame nach Dessau. Finanziert vom weißen Blick, gegeben als freiwilliger Zwang im Maßnahmenkatalog der Eingliederung, wird dort doch ein geniales Rollenspiel gespielt: Tatsächlich wurden in der Stadt Plakate geklebt, auf denen sich Jamal Nujoma (Jamal Khalif) zur Wahl des Bürgermeisters stellt. Und tatsächlich wurde in der Stadt schon gönnerhaft galant diskutiert. Nur gibt es 2013 keine Bürgermeister-Wahl, nicht einmal eine schwarze Brünnhilde. Fanon forderte "eine neue Haut" - für alle.

Christoph Richter, Deutschlandfunk, 21.3.2013

Interview mit Nina Gühlstorff, mdr Figaro, 21.3.2013

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