Die Nibelungen: Siegfriedsaga

Ballett zu Musik von Richard Wagner

Die Nibelungensage, deren Ursprünge bis in das Zeitalter der germa­nischen Völkerwanderung zurückreichen, ist der im deutschen und skan­dinavischen Mittelalter vermutlich am weitesten verbreitete heldenepische Stoff. Über die Jahrhunderte wurde er in zahlreichen voneinander abwei­chenden Fassungen überliefert. Seine bekannteste Dramatisierung erfuhr der Stoff durch Friedrich Hebbel.

VIER HÖRBEISPIELE
„Finale 1. Teil“ aus: „Das Rheingold, 4. Bild“
„Beginn 3. Szene“ aus: „Siegfried, 2. Aufzug“
„Der Trauermarsch“ aus: „Götterdämmerung, 3. Aufzug“
Ausführende: siehe nebenstehende Besetzung
Im Musiktheater setzte sich Richard Wagner in seiner epo­chalen Ring-Tetralogie mit dem »Nibelungenwerk« auseinander. Wagners Intention war eine kritische Auseinandersetzung mit der menschlichen Gesellschaft, für die er – in Anlehnung an griechische Tragödien-Vorbilder – die germanische Götterwelt als Vorlage benutzte und die germanische Edda mit der Nibelungensage kurzschloss, um Heldensage und Göttermythos zu einem Drama bisher nicht gekannten Ausmaßes zu verknüpfen. Tomasz Kajdanski beleuchtet in seinen »NIBELUNGEN« diese verschiedenen Ebenen, stellt Götterwelt und menschliche Konflikte ins Zentrum seiner spannungsreichen Choreografie. Als musikalische Vorlage wählte er die Fassung »Ring ohne Worte«, die der ehemalige Des­sauer GMD Carlos Kalmar für das Anhaltische Theater erstellt hat. »Gerade angesichts der großen Wagner-Tradition Dessaus ist es für mich eine große Her­ausforderung, die archetypischen Situationen dieser germanischen Sage auf eine andere Art zu bewältigen und durch die Ausdrucksmittel des Tanzes darzustellen und zu interpretieren. Dabei war es mir wichtig, diese neuen Gedanken mit einer Fassung von Wagners ›RING‹ zu verbinden, die aus der hiesigen Tradition stammt und in deren Kontinuität wir stehen.« [Tomasz Kajdanski]

Choreografie und Inszenierung Tomasz Kajdanski
Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Bühne und Kostüme Dorin Gal
Dramaturgie Sophie Walz

Siegfried Jonathan Augereau
Mime Joshua Swain / Enea Bakiu
Alberich Sokol Bida / Enea Bakiu
Hagen Juan Pablo Lastras-Sanchez / Sokol Bida
Erda Mélanie Legrand / Annelies Waller
Brunhilde Anna-Maria Tasarz / Annelies Waller
Kriemhild Laura Costa Chaud / Anna Jo
Gunther Joe Monaghan / Sokol Bida

PRESSESTIMMEN

Herbert Henning, Orpheus, Mai/Juni 2011

Liebe über den Tod hinaus

Die Nibelungen, dieser außergewöhnliche Ballett-Abend von Tomasz Kajdanski ist nicht zu verwechseln mit Wagners Ring, obwohl dessen Musik die vier Teile des Abends dominiert. Carlos Kalmar hat aus der Musik der Tetralogie eine Orchesterfassung erarbeitet, die die Qualität einer Sinfonischen Dichtung hat. Für die tänzerische Nacherzählung der Siegfriedsage hat der Choreograf archaische Bilder von außergewöhnlichem ästhetischem Reiz geschaffen und eine bis an die Grenzen der Tänzer gehende Körpersprache gefunden.
Es ist die Geschichte von Menschen, die durch Leidenschaften, Liebe, Hass und Tod miteinander verbunden sind. Die Szenen wechseln in rasantem Tempo. Es gibt wenige tänzerische Ruhepunkte. Die Klangwucht der Musik (Walkürenritt und Trauermarsch) wird archaisch streng und mit atemberaubender tänzerischer Präzision von den solistisch hoch geforderten Tänzern in fast schon rituellen, synchron getanzten Bewegungsfolgen gedeutet. Es sind grandiose Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Großen Anteil daran haben Bühne und Kostüme von Dorin Gal und immer wieder assoziationsreiche Videoprojektionen und wechselnde Lichtstimmungen.
Nach dem Kampf mit Alberich (Johan Plaitano) wird Siegfried als strahlender Held „vergoldet" und es beginnt das langsame Ende im Land der Burgunder. Die dort expressiv getanzten Szenen zwischen Gunter (Joe Monaghan), Hagen (Pablo Lastras-Sanchez) und Kriemhild (Yuliya Gerbyna) mit Siegfried gehören zu den Höhepunkten der spannenden Aufführung. Jonathan Augereau tanzt den Siegfried mit großer Leidenschaft, athletischer Eleganz, emotionaler Kraft und technischer Finesse. Ausdrucksstark die Begegnungen mit Brünhilde (Anna-Maria Tasarz).
Tomasz Kajdanski erfindet immer wieder sich kaum wiederholende Bewegungsstablaus, fordert die Tänzer bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.Daniel Carlberg leitet die Anhaltische Philharmonie umsichtig. Zum Finale der Götterdämmerung versinkt auf der Bühne die Welt im Chaos, und die Göttin Erda (Melanie Legrand) steigt wie ein Engel als Hoffnungsträger für die Zukunft empor.

Boris Michael Gruhl, www.musik-in-dresden.de, 04.04.2011

Noch eine Chance für Mutter Erda

Nein, das ist nicht der Ring in einer Kurzfassung, auch wenn die Musik des neuen Balletts von Tomasz Kajdanski, das jetzt am Anhaltischen Theater Dessau uraufgeführt wurde, von Richard Wagner ist. Carlos Kalmar, vormaliger Generalmusikdirektor, hat Motive aus der Tetralogie und dem Vorspiel zusammengefügt. Entstanden ist ein vierteiliges Stück für großes Orchester, dessen Teile jeweils dem Charakter des zugrunde liegenden Werkes folgen. Kajdanskis Handlung aber folgt nicht der des Wagnerschen Ringes. Im Ballett „Die Nibelungen: Siegfriedsaga“ geht er den Weg mit Siegfried von dessen Eintritt ins tragische Heldenleben bis zu seinem Tod samt tödlicher Trauer, die Rache um Rache gebiert.

Wagners Musik wird nicht „vertanzt“. Weder Rhythmen noch melodische Bögen oder Klangexplosionen wie der Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“ und zuvor die galoppierende Kampfmusik der Walküren werden bewegungsmäßig gedoppelt. Der Klang, mitunter auch wie ein guter Filmsound empfunden, sorgt für die emotionale und assoziative Weite der klar strukturierten Erzählung der Siegfried-Geschichte mit den Mitteln des Tanzes.

Es beginnt mit Erdas (Mélanie Legrand) Erschaffung der Welt aus dem Nichts zu den aufsteigenden Klängen des Vorspiels aus „Rheingold“. Die große Bühne des Dessauer Theaters von Dorin Gal ist schwarz und leer. Über eine steile Schräge gelangt man auf die Erde. Auch Siegfried steigt herab. Mit seinen Heldentaten wird er aufsteigen, aber heraus kommt er nicht mehr aus diesem dunklen Schlund. Man wird ihn am Ende heraus tragen, aufgebahrt, erhöht und stilisiert für Geschichtsbücher, Opern und Filme. Der junge Mann selbst stirbt gänzlich einsam.

Das Dessauer Nibelungen-Ballett vermittelt in direkter Erzählweise die Stationen des jungen Siegfried. Jung wird er bleiben. Zunächst wird die Waffe geschmiedet. Die erste Mutprobe, der Kampf mit dem Lindwurm, ist Blutbad und Feuertaufe zugleich. Allein eine Laune der Natur in Form des herabfallenden Lindenblattes verhindert die totale Unsterblichkeit. Nächstes Objekt der Eroberung ist eine Frau. Aber bald schon ist es dem Helden langweilig an Brunhildes Seite (Anna-Maria Tasarz) im kämpferischen Staat der Walküren. Nach dem Sieg über den heimtückischen Alberich (Johan Plaitano) ist der Held perfekt, vergoldet strahlt Siegfried.

Was folgt, ist das Trauerspiel am Hof der Burgunden in Worms am Rhein. Der junge Held wird vollends zum willfährigen Werkzeug im schmutzigen Ränkespiel einer kriminellen politischen Bande an deren Spitze Widerling wie Gunther und Hagen (Joe Monaghan und Juan Pablo Lastras-Sanchez) das Sagen haben. Unter der Tarnkappe, einer weißen Neutralmaske, verliert der Tänzer Gesicht und Persönlichkeit. Siegfried wird zur Kampfmaschine, die mehrfach eroberte Brunhilde mag ebenso für die Tragik ziviler Opfer stehen wie Kriemhild (Yuliya Gerbyna). Dann rollt die sagenhafte Mordmaschine, kein Einhalt für Hauen und Stechen. Am Ende ist die Bühne wieder schwarz und leer, eine verkohlte Ruine, aus deren Löchern unkenntliche Gestalten kriechen. Eine Gestalt, übergroß, in strahlendem Weiß, Madonna, Mutter, Engel schwebt wie ein Gruß aus frommen Wallfahrtsorten über dem gottlosen Unort. Erda lässt es regnen. Noch eine Chance für die Welt.

Eben weil Tomasz Kajdanski seinen jungen Siegfried mit so viel Sympathie ausstattet, weil er ihn so entsetzlich schuldlos schuldig werden lässt, wirkt diese Apotheose der Hoffnung wie ein verzweifeltes Zeichen wider besseres Wissen.

Getanzt wird in der Dessauer Uraufführung vorzüglich. Das ist ein Abend starker, großer Bilder, so phantastisch mit schwebenden Gestalten und so erdverbunden und der Realität geschuldet durch die überzeugenden Persönlichkeiten aller Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie. Eine phänomenale Leistung bietet der junge Jonathan Augereau als Siegfried. Mit neoklassisch elegantem Anflug hat er jene unbeschwerte Lässigkeit des zunächst naiven Abenteurers. Kommen dazu Mittel der Kunst des zeitgemäßen Ausdruckstanzes fügt sich eine Charakterleistung von emotionaler Kraft. Augereau vermittelt die tragischen Facetten missbräuchlich verführbarer Einsamkeit eines jungen Mannes. Dafür wird er zurecht inmitten des Ensembles vom Publikum gefeiert.

Viel Applaus auch für das Spiel der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von Daniel Carlberg. Ein weitestgehend gelungener Vorgeschmack auf die folgende Ring-Produktion ab nächster Saison. Außergewöhnlich beginnt man mit dem Finale. Zunächst mit „Die Götterdämmerung“, die Katastrophe, dann die Tragödie in der Rückschau, bis zum Beginn des reinen Anfangs im „Rheingold“. 2014 soll sich der Dessauer Ring runden.

Volkmar Draeger, Neues Deutschland, 05.04.2011

Wie Leid leuchtet

Maurice Béjart ließ seine geniale Paraphrase auf den Untergang der Nibelungen und Burgunden 1990 mit grandiosem Bild enden: Ein Riss bringt ihr Reich zum Einsturz. Auch Tomasz Kajdanski hält 21 Jahre später in seinem Zugriff auf den Brachialstoff am Anhaltischen Theater Dessau eine imponierende Schlusslösung bereit. Die Schräge, die ihm Dorin Gal als Einstieg der Helden ins Geschehen gebaut hat, splittert auf und gibt leere Fenster frei, aus denen Gestalten hervorquellen, um im selben Moment zu erstarren. Dem todgeweihten Königtum ist eine Zukunft nicht beschieden. Erst Erda, wie sie im wallend weißen Kleid über der Szene schwebt, lässt Hoffnung auf Neubeginn keimen.
Den hat sie im selben Kostüm schon einmal bewirkt: am Anfang aller Zeit, als die Erdgöttin die Welt erschuf. In Dessau tut sie das bei schwarzer Auskleidung von Szene und Proszenium unter einem Video mit blauweißem Urgewölk, daraus Schnee rieselt – bis die Leinwand von Eisschollen bedeckt ist. Mit künstlich langem Arm streicht Erda in ihrem Solo über den Raum, lässt segenspendend das Gewand flattern.
Zierlich, aber stolz schreitet Siegfried in mattem Schwarz mit sexy Lederschurz die Schräge herab. Schon hat er einen Kampf zu bestehen mit Mime, Herr über die geduckt kriechenden Nibelungen. Dem schlafenden Helden legt Erda dann, auch sie nun im Schwarz der Irdischen, jenes unbezwinglich machende Silberschwert auf den Leib. Das möchte ihm Mime abjagen, Siegfried besiegt ihn, erhält Macht in Nibelheim. Über der geröteten Schräge hängt gestaffelt dessen maskiertes Volk.
So beginnt Kajdanski sein zweieinhalbstündiges Opus magnum »Die Nibelungen: Siegfriedsaga«. Anlass war der 150. Geburtstag von Friedrich Hebbels Trauerspiel »Die Nibelungen«, auch die stete Herausforderung durch Wagners Tetralogie, die in Dessau Einzug halten soll. Musik daraus in einer hauseigenen Orchesterfassung trägt den vierteiligen Abend. Auf »Siegfrieds Jugend« zu Musik aus »Das Rheingold« als Einstieg folgt »Siegfrieds erste Liebe« zu Musik aus »Die Walküre« und meint die Begegnung des Recken mit Brunhilde. Hatte er bislang reichlich Tanz zu bewältigen, versorgt ihn Kajdanski im Duett mit der gepanzerten Amazone nochmals mit klassischem Repertoire, wie man es bei ihm eher selten sieht. Zum Walkürenritt liefern sich die Amazonen rasante Scharmützel. Siegfried befällt Angst, er scheint sein Schicksal zu ahnen. Als er Alberich bezwingt, gewinnt er dessen Tarnkappe und Nibelheims Gold: Ein riesiges Tuch erstickt ihn beinah, Erda aber steht bewahrend vor ihm.
»Siegfried zwischen zwei Frauen« zu Musik aus »Siegfried« führt nach Burgund an Gunthers degenerierten Hof. Den schwachen König dominiert Hagen, Juwel ist Kriemhild in ihrer Schönheit: drei von Einsamkeit Zerfressene in grauem Kerker. Ihr Werkzeug wird Siegfried, der sich in Kriemhild verliebt und mit ihr eines der emotional stärksten, technisch schwersten Duos des Abends hat. Zu Musik aus »Götterdämmerung« dann »Siegfrieds Tod«. Aus einer Tanzsinfonie hohen Anspruchs wird nun packende Dramatik, wenn Hagen Siegfried meuchelt und von Kriemhild gerichtet wird. Brunhilde springt hinterm glutrot lodernden Katafalk des toten Helden in den Rhein. All das taucht Kajdanski in reinen Tanz, verzichtet auf Pantomime und Erzählgestik und fährt auch inszenatorisch seine Tricks auf. Fackeln beleuchten die Szene, bevor eine Regenwand in Bühnenbreite die Schuld zu tilgen sucht und Erda weit hinten auffährt: Lichtblick nicht für diese, wohl aber eine andere Welt.
Was Kajdanski mit nur 15 Tänzern, besonders der Solistenequipe, auf die Bühne wuchtet: ein Meisterstreich. So elegant wie seine Bewegungserfindung ist Gals Ausstattung ganz in Schwarz- und Grautönen. Was Anna-Maria Tasarz als wehrhafte Brunhilde, Yuliya Gerbyna als zarte Kriemhild, Juan Pablo Lastras als schleimiger Hagen leisten, wird nur vom dauertanzenden Siegfried des Jonathan Augereau übertroffen. Zu respektabler Leistung führte Daniel Carlberg die Anhaltische Philharmonie.

Joachim Lange, Leipziger Volkszeitung, 06.04.2011

Fingerübung für den szenischen Ring

Ballettabend .Die Nibelungen: Siegfriedsage" am Dessauer Theater euphorisch gefeiert

Im Dessauer Theater ist Wagners Musik bei sich zu Hause. Fast jedenfalls. Die Dimensionen des Hauses passen, die Tradition ist noch nicht vergessen, das Orchester in Wagnerform. Und Choreograph Tomasz Kajdanski ist beim Publikum angekommen. Das feierte ihn und seine Tänzer für ihre jüngste Produktion "Die Nibelungen: Siegfriedsage" euphorisch.
Mag sein, dass bei manch einem auch eine geheime Freude darüber mitschwang. dass man in knapp zwei Stunden eine musikalische Zusammenfassung von Wagners Ring geboten bekam, für den man sonst vier Mal ins Theater muss. Von Walkürenritt und Trauermarsch bis Rheinwogen, Waldweben, Flammenzüngeln, Walhalleinmarsch oder finalem Weltenbrand ist alles da. Und obendrein ohne Gefahren für hoch dramatische Abstürze oder heldentenorale Einbrüche. Dafür immer mit dem vollen Ringsound der Anhaltischen Philharmonie unter Daniel Carlberg. Für die ist das eine gute Fingerübung für den in Dessau ja immer noch anvisierten szenischen Ring. Für Kajdanskis Siegfriedsage liefert der von Carlos Kalmar in den 90er Jahren locker gestrickte Ring-Durchlauf den bewegungsfreundlichen Soundtrack. Die Geschichte aber folgt im Wesentlichen der Siegfriedbiographie aus dem Nibelungenlied. Dorin Gal hat den Raum dafür mit einer beherrschenden Riesenschräge, mit Videoleinwand im Hintergrund kühn und groß gedacht. Die katastrophischen Videos von Angela Zumpe imaginieren eine existenzielle Grundstimmung. Die nur wenig differenzierenden dunklen Kostüme verweisen dezent auf die Sagenwelt, der die Siegfriedstory entlehnt ist.
Aber Kajdanskis Ästhetik ist in sich stimmig, die Bewegungsabläufe folgen einer eigenen narrativen Logik, die Tänzer füllen sie mit Persönlichkeit. Das gilt vor allem für Siegfried (Jonathan Augereau), auch für Hagen (Juan Pablo Lastras-Sanchez), Gunther (Joe Mongahan) sowie die beiden Frauen Brunhilde (Anna-Maria Tasarz) und Kriemhild (Yuliya Gerbyna).
Weil im Ring die Götter, die hier fehlen, zur Balance des Personals gehören, das Leitmotivgeflecht dominieren und unlösbar mit Bildern verbunden sind, ist es ein Risiko, wenn man dann Siegfrieds Jugend mit einem Rheingoldquerschnitt. seine Begegnung mit Brunhilde mit Walkürenmusik, die Brautwerber-Intrige am Hofe von Burgund mit einem Siegfried-Potpourri und seine Ermordung mit dem Götterdämmerungspathos unterlegt. Wem es als Zuschauer nicht gelingt, die von der Musik evozierten Bilder im Kopf abzuschalten, kommt sich vor, als hätte man in seinem Lieblingsfilm Synchronsprecher und Text ausgetauscht. Das Dessauer Publikum war dazu in der Lage.

Joachim Lange, kultiversum.de, 29.03.2011

Tomasz Kajdanski erzählt die Geschichte von Siegfried zu einem Musikzusammenschnitt des kompletten Nibelungenringes: Ohne Gesang, aber mit Tanz.

Beschreibung: Bei dieser «Siegfriedsaga» musste man zwar auf den Riesenwurm, aber auf keinen der Ohrwürmer aus Wagners «Ring» verzichten. Von Walkürenritt und Trauermarsch bis zu Rheinwogen, Waldweben, Flammenzüngeln, Walhalleinmarsch oder finalem Weltenbrand ist alles da. Und obendrein ohne Gefahren für hochdramatische Abstürze oder heldentenorale Einbrüche, weil dazu nicht gesungen, sondern getanzt wird. Die Anhaltischen Philharmonie unter Daniel Carlberg steuert den von Carlos Kalmar in den 90er Jahren locker gestrickten musikalischen Ring-Durchlauf als bewegungsfreundlichen Soundtrack bei.
Die Geschichte aber folgt nicht Wagner, sondern im Wesentlichen der Siegfriedbiographie aus dem Nibelungenlied. Dorin Gal hat den Raum dafür mit einer beherrschenden Riesenschräge mit Videoleinwand im Hintergrund kühn und groß gedacht. Die verschattet katastrophischen Videos von Angela Zumpe evozieren eine existenzielle Grundstimmung, die (zu) wenig differenzierenden dunklen Kostüme verweisen dezent auf die Sagenwelt, der diese Siegfriedstory entlehnt ist.
Natürlich gelingen Kajdanski auch diesmal einige eindrucksvolle Bilder. Wenn beim Kampf mit dem Drachen eine vernetzte Formation von Tänzern als lebendige Skulptur im Hintergrund schwebt, dann erinnert das zwar deutlich an die Bühnenartistik, mit der La Fura dels Baus in Valencia ihre Ringwelt bebildert haben. Aber seis drum: Die Ästhetik ist in sich stimmig, die Bewegungsabläufe folgen einer eigenen narrativen Logik und die Tänzer füllen sie durchaus mit ihrer Persönlichkeit. Das gilt für Siegfried (Jonathan Augereau) genauso wie für Hagen (Juan Pablo Lastras-Sanchez) und Gunther (Joe Mongahan) oder die beiden Frauen Brunhilde (Anna-Maria Tasarz) und Kriemhild (Yuliya Gerbyna). Das ist mal entfernter, assoziativer, dann wieder, wie bei der Eroberung Brunhildes durch den als Gunther getarnten Siegfried, auch ganz direkt, nachvollziehbar erzählt, wobei ausgerechnet die Nibelheim-Musik und der Walkürenritt etwas allzu dekorativ bebildert ausfallen.
Göttin Erda (Melanie Legrand) nimmt das Leben, Lieben und Sterben des sprichwörtlichen Helden Siegfried durch spektakuläre Auftritte am Anfang und am Ende sozusagen in ihre Arme, die wie riesige Engelsflügel überhöht sind. Das ist für die Binnendramturgie des Abends zwar sinnvoll, verweist aber auch auf dessen grundsätzliches Problem. Weil gerade im Ring die Götter, die hier fehlen, zur Balance des Personals gehören, vor allem aber das Leitmotivgeflecht dominiert und exemplarisch unlösbar mit szenischen Bildern verbunden ist, ist es ein Risiko, wenn man dann Siegfrieds Jugend mit einem Rheingoldquerschnitt, seine Begegnung mit Brunhilde mit Walkürenmusik, die Brautwerber-Intrige am Hofe von Burgund mit einem Siegfried-Potpourri und seine Ermordung mit dem Götterdämmerungspathos unterlegt. Bewertung: Das Dessauer Publikum feierte den Haus Choreographen Tamasz Kajdanksi und seine Tänzer geradezu euphorisch. Wem es allerdings (wie dem Rezensenten) nicht gelingt, die von der Musik evozierten Ring-Bilder im Kopf abzuschalten, der kommt sich vor, als wäre er im falschen Film.

Boris Michael Gruhl, MDR Figaro, 28.03.2011 [AUDIO]

Helmut Rohm, Volksstimme, 28.03.2011

Uraufführung am Anhaltischen Theater Dessau

Außergewöhnliches Ballettereignis in fantasievollen Bildern

Es ist an sich angeraten, mit Superlativen sorgsam und differenziert umzugehen. Für die jüngste Ballettproduktion am Anhaltischen Theater Dessau jedoch sind hohe Lobpreisungen durchaus berechtigt, nahezu unumgänglich. In der Choreografie und Inszenierung von Ballettchef Tomasz Kajdanski kam am Freitag "Die Nibelungen: Siegfriedsaga" auf die Bühne des Großen Hauses.

In dieser Form ist es eine Uraufführung, ein sehr gelungenes Experiment dazu: Der monumentale Wagner in musikalischer Kurzfassung und als Ballett. Dessau hatte einst den Ruf als "Bayreuth des Nordens". In den letzten Jahren wurde mit erfolgreichen Wagner-Opernaufführungen an der "Reinkarnation" gewirkt.

Als musikalische Grundlage wählte Kajdanski die 90-minütige konzertante Fassung "Ring ohne Worte" des früheren Dessauer GMD Carlos Kalmar mit Musik aus "Das Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung". Die Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg präsentiert diese Musik mit viel Hingabe und facettenreicher Differenziertheit. Wagner fürs Ohr mit einem Aha für bisher vielleicht Distanzierte und gleichsam bestätigend für den "eingefleischten" Wagnerianer.

Als sich die Bühne auftut, ist der Zuschauer auch optisch in den Bann gezogen. Es entsteht eine Wirkung, die über das gesamte Stück mit hoher Konzentration und steter Spannung anhält."Alles ist dunkel und aus dem Nichts erschafft Erda, die Erdgöttin, die Welt. Das Leben beginnt", wird im sehr gut aufführungsbegleitenden Programmheft der Weltenanfang, auch der des Balletts, beschrieben. Erda (Melanie Legrand überzeugend) in einem faszinierenden weißen, wehenden, eben göttlichen Kostüm, eröffnet mit einem emotional beeindruckendem Tanz die Erlebniswelt des Ballettabends. In fantasievollen Bildern (Bühne und Kostüme Dorin Gal), einschließlich effektvollem Technikeinsatz, lässt Tomasz Kajdanski seine Zuschauer den jungen, mutigen und mit schier übermenschlichen Kräften ausgestatteten Helden Siegfried auf dessen wesentlichen Lebensstationen begleiten und ihn bei Abenteuern erleben.

Der Choreograf setzt vor allem auf Symbolhaftigkeit. Handlungen werden oft nur angedeutet. Siegfrieds golden glänzendes Schwert ist Handlungsrepräsentant. Die prägnante Darstellung im Programmheft ist hilfreich, um die Figuren schnell zu erkennen. So kann sich der Zuschauer ganz der tänzerischen Umsetzung hingeben und Ballett vom Feinsten genießen. Tomasz Kajdanski schafft eine kongeniale Gesamtwirkung von Musik und Handlung. Er setzt voll auf die Stärke und das Können seiner Kompanie im Team und insbesondere auf die jungen Solistinnen und Solisten. Klassischer Tanz in Perfektion von allen, gepaart mit individuellen Ausdrucksstärken, prägen dieses Ballett.

Jonathan Augerau brilliert als Siegfried. Anna-Maria Tasarz (Brunhilde) und Yuliya Gerbyna (Kriemhild) verkörpern Frauen mit Gefühlen und Leidenschaften. Hagen (Juan Pablo Lastras-Sanchez) und Gunther (Joe Monghan) sind in den Turbulenzen um Siegfrieds Tod in voller Aktion. Rai Kirchner ist als Mime und Johan Plaitano als Alberich zu erleben. Die Inszenierung beeindruckt ebenso durch aktionsreiche Massenszenen. Besonders eindrucksvoll sind die an asiatische Kampfspiele angelehnten Sequenzen. Zum Schluss geht "alles den Berg runter". Doch die Hoffnung auf die Erneuerung der Welt bleibt?!

Tosender langanhaltender Beifall, Bravorufe zuhauf - Dessau ist um ein außergewöhnliches Balletterlebnis reicher.

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 28.03.2011

Mit Schwert und Schleier

Alles beginnt im Eis - und es endet mit Feuer und Regen. Der Krieger, der am Anfang sein Schwert aus der Hand einer Göttin empfangen hat, wird am Ende von der Hand eines Menschen erschlagen. Und aus der Erde, in die man ihn bettet, kriecht ein neues Geschlecht - ein neuer Anfang?

Für seine Deutung der "Nibelungen" konzentriert sich der Dessauer Ballett-Chef Tomasz Kajdanski ganz auf die "Siegfriedsaga" - und bedient sich dabei der Musik aus Richard Wagners "Ring", die der frühere Dessauer Generalmusikdirektor Carlos Kalmar in den 90er Jahren in eine reine Orchesterfassung gebracht hat. Das ist insofern gewagt, als in der Oper ja die Götter eine entscheidende Rolle spielen, deren Sphäre im Ballett nur noch durch Erda, Alberich und Mime vertreten ist. Dass die Konzentration auf die Welt der Menschen dennoch große Attraktivität entfalten kann, zeigte der begeisterte Premieren-Applaus am Freitag.

Den verdient sich die Compagnie mit berückend schönen Bildern: Das Ringen zwischen Brunhilde und Siegfried zeigt den unmittelbaren Umschlag von Gewalt in Erotik, während die Begegnung des Helden mit Kriemhild eher die sanfte Seite der Liebe assoziiert. Die Reaktion von Hagen und Gunther auf den Einbruch des Fremden in ihre enge, höfische Welt schwankt zwischen Faszination und Abwehr, der Schwertschwur der Männer nimmt die kommende Katastrophe vorweg. All dies grundiert Dorin Gal mit Projektionen, die den Horizont hinter einer großen Schräge begrenzen - und stattet es mit Kostümen aus, die an das archaische Futur von "Star Wars" erinnern.

Ein Mann zwischen zwei Frauen

Dass der Kampf mit dem Drachen allzu nah an das "Rheingold"-Finale der legendären Inszenierung von La Fura dels Baus herankommt, an der man heutzutage kaum noch vorbeikommt - geschenkt. Schwieriger scheint die zeitliche Forcierung des Finales nach der epischen Breite des Beginns: Von Brunhildes Ankunft in Worms bis zu Kriemhilds Rache wird das Drama wie im Zeitraffer erzählt, die Geschichte rast auf ihr Ende zu. Doch damit wird wohl zugleich das erzählerische Interesse des Choreografen deutlich: Ihm geht es um einen Mann, der zwischen zwei sehr unterschiedlichen Frauen steht - und am Ende an der Rivalität der beiden zugrunde geht. Was Kajdanski dabei besonders markant herausarbeitet, ist die Einsamkeit aller Figuren: Die Nibelungen ist eine Geschichte der großen Einzelnen, jedes Gefühl und jede Gemeinschaft birgt hier zugleich Gefahr - ein frappierend moderner Blick auf eine untergegangene Welt.

Erda (Melanie Legrand) ist dabei sowohl elegante Spielmacherin als auch mitleidende Augenzeugin, während sich Alberich (Johan Plaitano) und Mime (Rai Kirchner) vergeblich gegen die Kraft des Drachentöters stemmen. Jonathan Augereau tanzt diesen Siegfried mit jugendlicher Vitalität und verführerischer Geschmeidigkeit, der sowohl Brunhilde (Anna-Maria Tasarz) als auch Kriemhild (Yuliya Gerbyna) erliegen. Doch dies bleibt die einzige Gemeinsamkeit zwischen der dunklen, großen Walküre aus dem Norden und der helleren, kleineren Königstochter vom Rhein: Erst über ihre in Athletik und Ausdruck sehr verschiedenen Sprachen definiert sich Siegfried, im Widerstand der Einen wie in der Hingabe der Anderen findet er zu sich selbst. Auf männlicher Seite markieren Gunther (Joe Monaghan) und Hagen (Juan Pablo Lastras-Sanchez) ähnlich unterschiedliche Charaktere, so dass eine Symmetrie der Geschlechter entsteht.

Dass es schwer sein würde, eine Gruppe in dieses Tableau zu integrieren, war abzusehen. Kajdanski gelingt es - beispielsweise im Walkürenritt oder in der von einer Zeugentribüne gekrönten Mordszene - dennoch immer wieder. Und man darf darüber staunen, wie gut diese Compagnie im zweiten Jahr ihres Bestehens inzwischen zusammengewachsen ist. Die Synchronizität und das Ebenmaß der Bewegungen zeigen sich nun auch in einer eher klassizistischen Formensprache.

Blech-Fraktion hat Probleme

Von der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von Daniel Carlberg lässt sich das allerdings nur sehr bedingt sagen. Nach dem grandiosen Eindruck der jüngsten Vergangenheit hört man diesmal doch deutliche Probleme, namentlich die von Wagner besonders geforderte Blech-Fraktion zeigt eher Nerven als Muskeln. So ist der optische Eindruck dieser mit Schwert und Schleier ausgefochtenen Tragödie besser als der akustische. Den Jubel trübt das aber nicht.

Boris Michael Gruhl, tanznetz.de, 27.03.2011

Noch eine Chance für Mutter Erda

Ein Nibelungen-Ballett mit Musik von Wagner in Dessau

Nein, das ist nicht der Ring in einer Kurzfassung, auch wenn die Musik des neuen Balletts von Tomasz Kajdanski, das jetzt am Anhaltischen Theater Dessau uraufgeführt wurde, von Richard Wagner ist. Carlos Kalmar, vormaliger Generalmusikdirektor, hat Motive aus der Tetralogie und dem Vorspiel zusammengefügt. Entstanden ist ein vierteiliges Stück für großes Orchester, dessen Teile jeweils dem Charakter des zugrunde liegenden Werkes folgen.

Kajdanskis Handlung aber folgt nicht der des Wagnerschen Ringes. Im Ballett „Die Nibelungen: Siegfriedsaga“ geht er den Weg mit Siegfried von dessen Eintritt ins tragische Heldenleben bis zu seinem Tod samt tödlicher Trauer, die Rache um Rache gebiert. Wagners Musik wird nicht „vertanzt“. Weder Rhythmen noch melodische Bögen oder Klangexplosionen wie der Trauermarsch aus der „Götterdämmerung“ und zuvor die galoppierende Kampfmusik der Walküren werden bewegungsmäßig gedoppelt. Der Klang, mitunter auch wie ein guter Filmsound empfunden, sorgt für die emotionale und assoziative Weite der klar strukturierten Erzählung der Siegfried-Geschichte mit den Mitteln des Tanzes.

Es beginnt mit Erdas (Mélanie Legrand) Erschaffung der Welt aus dem Nichts zu den aufsteigenden Klängen des Vorspiels aus „Rheingold“. Die große Bühne des Dessauer Theaters von Dorin Gal ist schwarz und leer. Über eine steile Schräge gelangt man auf die Erde. Auch Siegfried steigt herab. Mit seinen Heldentaten wird er aufsteigen, aber heraus kommt er nicht mehr aus diesem dunklen Schlund. Man wird ihn am Ende heraus tragen, aufgebahrt, erhöht und stilisiert für Geschichtsbücher, Opern und Filme. Der junge Mann selbst stirbt gänzlich einsam.

Das Dessauer Nibelungen-Ballett vermittelt in direkter Erzählweise die Stationen des jungen Siegfried. Jung wird er bleiben. Zunächst wird die Waffe geschmiedet. Die erste Mutprobe, der Kampf mit dem Lindwurm, ist Blutbad und Feuertaufe zugleich. Allein eine Laune der Natur in Form des herabfallenden Lindenblattes verhindert die totale Unsterblichkeit. Nächstes Objekt der Eroberung ist eine Frau. Aber bald schon ist es dem Helden langweilig an Brunhildes Seite (Anna-Maria Tasarz) im kämpferischen Staat der Walküren. Nach dem Sieg über den heimtückischen Alberich (Johan Plaitano) ist der Held perfekt, vergoldet strahlt Siegfried. Was folgt ist das Trauerspiel am Hof der Burgunden in Worms am Rhein. Der junge Held wird vollends zum willfährigen Werkzeug im schmutzigen Ränkespiel einer kriminellen politischen Bande, an deren Spitze Widerlinge wie Gunther und Hagen (Joe Monaghan und Juan Pablo Lastras-Sanchez) das Sagen haben. Unter der Tarnkappe, einer weißen Neutralmaske, verliert der Tänzer Gesicht und Persönlichkeit. Siegfried wird zur Kampfmaschine, die mehrfach eroberte Brunhilde mag ebenso für die Tragik ziviler Opfer stehen wie Kriemhild (Yuliya Gerbyna). Dann rollt die sagenhafte Mordmaschine, kein Einhalt für Hauen und Stechen. Am Ende ist die Bühne wieder schwarz und leer, eine verkohlte Ruine, aus deren Löchern unkenntliche Gestalten kriechen. Eine Gestalt, übergroß, in strahlendem Weiß, Madonna, Mutter, Engel schwebt wie ein Gruß aus frommen Wallfahrtsorten über dem gottlosen Unort. Erda lässt es regnen. Noch eine Chance für die Welt.

Eben weil Tomasz Kajdanski seinen jungen Siegfried mit so viel Sympathie ausstattet, weil er ihn so entsetzlich schuldlos schuldig werden lässt, wirkt diese Apotheose der Hoffnung wie ein verzweifeltes Zeichen wider besseres Wissen. Getanzt wird in der Dessauer Uraufführung vorzüglich. Das ist ein Abend starker, großer Bilder, so phantastisch mit schwebenden Gestalten und so erdverbunden und der Realität geschuldet durch die überzeugenden Persönlichkeiten aller Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie. Eine phänomenale Leistung bietet der junge Jonathan Augereau als Siegfried. Mit neoklassisch elegantem Anflug hat er jene unbeschwerte Lässigkeit des zunächst naiven Abenteurers. Kommen dazu Mittel der Kunst des zeitgemäßen Ausdruckstanzes fügt sich eine Charakterleistung von emotionaler Kraft. Augereau vermittelt die tragischen Facetten missbräuchlich verführbarer Einsamkeit eines jungen Mannes. Dafür wird er zurecht inmitten des Ensembles vom Publikum gefeiert.

Viel Applaus auch für das Spiel der Anhaltischen Philharmonie unter der Leitung von Daniel Carlberg. Ein weitestgehend gelungener Vorgeschmack auf die folgende Ring-Produktion ab nächster Saison. Außergewöhnlich beginnt man mit dem Finale. Zunächst mit „Die Götterdämmerung“, die Katastrophe, dann die Tragödie in der Rückschau, bis zum Beginn des reinen Anfangs im „Rheingold“. 2014 soll sich der Dessauer Ring runden.

Volkmar Draeger, tanznetz.de, 27.03.2011

Bildgewaltiger Marathon um Macht und Liebe

Maurice Béjart lässt seine geniale Paraphrase auf den Untergang der Nibelungen und Burgunden 1990 mit grandiosem Bild enden: Ein Riss bringt ihr Reich zum Einsturz. Auch Tomasz Kajdanski hält 21 Jahre später in seinem Zugriff auf den Brachialstoff am Anhaltischen Theater Dessau eine imponierende Schlusslösung bereit. Die Schräge, die ihm Dorin Gal als Einstieg der Helden ins Geschehen gebaut hat, splittert auf und gibt leere Fenster frei, aus denen Gestalten hervorquellen, um im selben Moment zu erstarren. Dem todgeweihten Königtum ist eine Zukunft nicht beschieden. Erst Erda, wie sie im wallend weißen Kleid über der Szene schwebt, lässt Hoffnung auf den Neubeginn keimen. Den hat sie im selben Kostüm schon einmal bewirkt: am Anfang aller Zeit, als die Erdgöttin die Welt erschuf. In Dessau tut sie das bei schwarzer Auskleidung von Szene und Proszenium unter einem Video mit blauweißem Urgewölk, aus dem Schnee rieselt, bis die Leinwand von Eisschollen bedeckt ist. Mit künstlich langem Arm streicht Erda in ihrem Solo über den Raum und lässt im Laufen segenspendend das Gewand flattern. Als die Musik anschwillt, hat sie zumindest ein Werk vollbracht: Zierlich, aber stolz schreitet Siegfried in mattem Schwarz mit sexy Lederschurz die Schräge herab. Schon hat er einen Kampf zu bestehen mit Mime, Herr über die geduckt kriechenden Nibelungen. Dem schlafenden Helden legt Erda dann, auch sie nun im Schwarz der Irdischen, jenes unbezwinglich machende Silberschwert auf den Leib. Das möchte ihm Mime abjagen, Siegfried besiegt ihn, erhält Macht in Nibelheim. Über der geröteten Schräge hängt gestaffelt dessen maskiertes Volk, Erda geleitet ihren Schützling in das neue Abenteuer.

So beginnt Kajdanski sein zweieinhalbstündiges Opus magnum „Die Nibelungen: Siegfriedsaga“. Anlass war der 150. Geburtstag von Friedrich Hebbels Trauerspiel „Die Nibelungen“, auch die stete Herausforderung durch Wagners Tetralogie, die in Dessau Einzug halten soll. Musik daraus in einer hauseigenen Orchesterfassung trägt den vierteiligen Abend. Auf „Siegfrieds Jugend“ zu Musik aus „Das Rheingold“ als Einstieg folgt „Siegfrieds erste Liebe“ zu Musik aus „Die Walküre“ und meint die Begegnung des Recken mit Brunhilde. Hatte er bis dahin reichlich Tanz zu bewältigen, versorgt ihn Kajdanski im Duett mit der gepanzerten, lanzenbewehrten Amazone nochmals mit klassischem Repertoire, wie man es bei ihm eher selten sieht. Zum Walkürenritt liefern sich die Amazonen, alle unisex in Röcken, rasante Scharmützel. Siegfried befällt Angst, scheint sein Schicksal vorauszuahnen. Als er Alberich bezwingt, gewinnt er dessen Tarnkappe und Nibelheims Gold: Ein riesiges Tuch erstickt ihn beinah, Erda aber steht bewahrend vor ihm.

Was Kajdanski mit nur 15 Tänzern, besonders der Solistenequipe, auf die Bühne wuchtet, ist sein Meisterstreich. So elegant wie seine Bewegungserfindung ist Dorin Gals Ausstattung ganz in Schwarz- und Grautönen. Was Anna-Maria Tasarz als wehrhafte Brunhilde, Yuliya Gerbyna als zarte Kriemhild und Juan Pablo Lastras als schleimiger Hagen leisten, wird nur noch vom dauertanzenden Siegfried des Jonathan Augereau übertroffen. Zu respektabler Leistung führte Daniel Carlberg die Anhaltische Philharmonie.

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