Die Feuerrote Blume

Märchen von I. Karnauchowa und L. Braussewitsch

Ich möchte euch, meine kleinen und großen Kinder, ein ganz, ganz altes Märchen erzählen. In dem geht es um Liebe, Freundschaft und Treue. Denn es war einmal ein Kaufmann, der hatte drei Töchter, eine hässliche, eine gemeine und eine jüngste. Allen will er von einer großen Reise etwas Schönes mitbringen. Die hässliche und die gemeine wollen Kleider und Schmuck und die kleine Aljonuschka möchte eine Blume, eine feuerrote.

Idylle in der Schlosserei Foto: Claudia Heysel
Auf dem Rückweg verschlägt es den Kaufmann in einen Zauberwald. Hier treiben die alte Baba-Jaga und andere merkwürdige Gestalten ihr Unwesen. Tief im Wald steht ein wunderschönes Schloss und in einem prächtigen Saal blüht eine feuerrote Blume. Die könnte meiner Aljonuschka gefallen, denkt der Kaufmann, und holt sie sich. Doch schon droht die furchtbar gruselige Stimme eines Ungeheuers: »Mensch, du hast dein Leben verwirkt! Es sei denn, eine deiner Töchter kommt hierher, um mir ein Leben lang zu dienen!« Der Kaufmann scheint noch einmal davongekommen, aber welche seiner Töchter bringt so viel Liebe auf, ihn zu retten? Das ist eine spannende Frage, oder? Doch was noch viel spannender ist, was lässt sich die Hexe Baba-Jaga einfallen, um sich für den Raub ihrer feuerroten Lieblingsblume zu rächen. Oh, oh, wie soll das nur enden? Auf jeden Fall mit viel Zauberei und … und, wenn ich mich recht erinnere, mit einem guten Ende, oder?

Inszenierung Jörg Steinberg
Bühne und Kostüme Tilo Steffens
Musik Jan Kersjes
Dramaturgie Holger Kuhla
Kaufmann Karl Thiele
Kapa Regula Steiner-Tomic / Silke Wallstein
Fissa Christel Ortmann
Aljonuschka Eva Marianne Berger
Njanja Inka Arlt
Knecht, Ungeheuer Patrick Rupar
Baba-Jaga Antje Weber / Yvonne Johna
Waldschrat Boris Malré
Kikimora Hans-Jürgen Müller-Hohensee

PRESSESTIMMEN

Ilka Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 17.11.2010

Im Zauberwald kracht und pufft es reichlich

"Mmh, das riecht nach Silvester", sagt ein Junge. Ein duftender Vorgeschmack auf die Böller und Kracher legt sich über den Zuschauerraum des Anhaltischen Theaters. Es kracht und pufft, qualmt und stinkt. Doch nicht der Jahreswechsel schickt da seine Zeichen voraus: Die Pyrotechniker leben im Zauberwald. Der ist eine wahre Fundgrube für Effekte und ebensolcher bedient sich die neue Märchenproduktion der Dessauer Bühne reichlich. Am Dienstag ließ dort Regisseur Jörg Steinberg "Die feuerrote Blume", ein russisches Märchen, erblühen.

Idyllisch beginnt die Szene am Haus des Kaufmanns (Karl Thiele). Da spielen und zanken die Schwestern Kapa (Silke Wallstein) und Fissa (Christel Ortmann). Und Aljonuschka (Eva-Marianne Berger), die Jüngste im Trio, hält sich als schwärmerisches Heimchen am Spinnrad aus allem raus. Kaum, dass sie ein Ohr hat für Knecht Anton (Patrick Rupar), den Möchtegerndraufgänger und Prahlhans. "Stilles Sternchen" nennt der Vater sein kleines Fräulein Sorge, das den Kaufmann nur ja gesund wieder daheim sehen möchte, wenn seine große Reise endet.
Dass diese nicht ohne Komplikationen verläuft, bietet Stoff für eine aktionsreiche Auslegung, für die Jörg Steinberg zuallererst den Zauberwald auserkoren hat. Dort hofft der Kaufmann jene feuerrote Blume zu finden, die sich Aljonuschka wünscht. Doch die Blume steht nicht allein im Wald. Da haust auch der hinkebeinige Waldschrat des Boris Malré und die schreckhafte Moorhexe von Hans-Jürgen Müller-Hohensee, die beide vor allem die Herrin des Waldes fürchten. Mit knatterndem Motorengeräusch kündigt sie sich an, saust im Kessel vom Himmel herab: Baba-Jaga. Aus ihrer Suppenkelle schießen Funken und ganz von selbst dreht sich das Küchenutensil im Topf. So viel Magie lässt die kleinen Zuschauer vor Lust und Freude kreischen und brüllen.

Im Schloss des Ungeheuers, dem Hüter der Blume, die Vater pflückt und den Aljonuschka auslöst, um seinen Tod abzuwenden, geht es nicht minder magisch zu. Tische rollen herein, Tischdecken entschweben, Türen öffnen und schließen sich von Zauberhand. Dass er die Mittel des Theaters nicht nutzt, kann man dem Regisseur fürwahr nicht vorwerfen. Mit den lautstarken Beifalls- oder Unmutsbekundungen des jungen Publikums müssen indes die Schauspieler umgehen und sie tun dies dank verstärkter Stimmen souverän, wenngleich nach der Pause Schreie auch auf der Bühne die Oberhand gewinnen.

Da fällt es dann schwer, wieder Konzentration für die leiseren Momente der Inszenierung zu gewinnen. Beispielsweise, wenn die in eine wunderschöne Taube verwandelte Pflegemutter Njanja (Inka Arlt) ihrem Schützling Aljonuschka im Schloss des Ungeheuers Gesellschaft leistet und gurrend durch den Saal läuft. Oder wenn das kurze Wiedersehen mit dem Vater im Streit der Schwestern untergeht. Zwar ist es eine Freude zu sehen, wie sich Kapa und Fissa prügeln und die Tontechniker dazu die Geräuschkulisse liefern. Zuweilen aber wäre etwas Ruhe gut gewesen, auch um die atmosphärische Musik wirken zu lassen, die Schauspieler Jan Kersjes für das Stück lieferte.

Den Kindern freilich gefällt die Action im Bühnenbild von Tilo Steffens. Der vermeidet jede Folklore, ohne jedoch den märchenhaften Charakter zu leugnen, er lässt Bäume laufen, Waldgeister schweben und das Kaufmanns-Boot im Sturm segeln. Kaum vorstellbar, dass Kinder ähnlich begeistert vor einer Kinoleinwand sitzen. Aber da riecht es ja auch - noch - nicht nach Silvester und das glückliche Paar - Aljonuschkas Ungeheuer (Patrick Rupar) verwandelt sich natürlich noch in einen jungen Mann und Baba-Jaga unterliegt im Kampf mit Njanja - winkt beim Applaus nicht zurück ins Publikum.

Helmut Rohm, Volksstimme, 17.11.2010

Märchen "Die feuerrote Blume" hatte am Anhaltischen Theater Dessau Premiere

Stürmische Reise in einen geheimnisvollen Zauberwald

Mit dem Schlussgesang "Wenn die rote Blume blüht ..." setzen auch der stürmische Beifall, das Füßetrampeln, Bravo- und Zugaberufe ein. Gestern Vormittag hatte im ausverkauften Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau das Märchen "Die feuerrote Blume" Premiere. Diese spannende Dessauer Inszenierung von Jörg Steinberg erfüllt wahrhaft alle Prämissen, ein wunderbares Märchen genannt zu werden. Es spricht alle Sinne der vor allem jungen Premierengäste an – mit allem Drum und Dran, was Bühnentechnik, was Pyrotechnik, Licht, Ton und Musik leisten können (Ausstattung Tilo Steffens). Jan Kersjes schuf ein auf den Punkt genaues und stimmiges Musik-Geräusch-Szenario. Reales Leben verknüpft sich durch Wunder mit einer Traumwelt.

Die Zuschauer erleben Vaterliebe (Karl Thiele), die beiden streitsüchtigen Schwestern Kapa (Silke Wallstein) und Fissa (Christel Ortmann) sowie deren liebe kleine Schwester Aljonuschka (Eva-Marianne Berger), die gutmütige Amme Njana (Inka Arlt), später zur Taube verzaubert, sowie den fleißigen Knecht (Patrick Rupar). Vater und Knecht nehmen die Zuschauer mit auf eine stürmische Reise durch sehr effektvoll inszenierte Naturgewalten.
Später gelangen sie in einen dunkel-geheimnisvollen Zauberwald. Dort nämlich soll sich die feuerrote Blume befinden, die der Vater der jüngsten Tochter wunschgemäß mitbringen soll und möchte. Dort aber herrschen, in schaurig-schönen Kostümen und faszinierendem Spiel, die Hexe Babajaga (Antje Weber), der Waldschrat (Boris Malré) und der Geist Kikimora (Hans-Jürgen Müller-Hohensee).

Im Schloss bricht der Vater die Blume. Ein zunächst unsichtbares Ungeheurer verlangt als Strafe dessen Tod oder eine seiner Töchter für immer auf das geheimnisumwitterte Schloss. Aus reinem Herzen stimmt Aljonuschka zu. Ein weiterer "Beam"-Flug mit Krach, Nebel und Hexenengestank bringt sie ins Schloss. Sie verliebt sich nach und nach in das "hässliche Ungeheuer" – ohne Wenn und Aber. Da hat auch die böse Hexe ihre Macht verloren. Ein Kuss – wieder viel Aktion: Der einst verwunschene Prinz (Patrick Rupar) ist da. Die Zuschauerschar tobt vor Freude. Ende gut, alles gut.

548