Die Familie Schroffenstein

Schauspiel von Heinrich von Kleist

„Das Misstrauen ist die schwarze Sucht der Seele, und alles, auch das Schuldlos-Reine, zieht fürs kranke Aug die Tracht der Hölle an.“

Die Familie Schroffenstein ist entzweit in die Häuser Warwand und Rossitz. Ein Erbvertrag, der festlegt, dass nach dem Aussterben des einen Familienzweiges, dem anderen der gesamte Besitz zugesprochen wird, lässt Hass und Misstrauen zwischen den Familien aufkeimen. Als unter ungeklärten Umständen der jüngste Sohn der Rossitzer tot aufgefunden wird, ist der Mordverdacht schnell ausgesprochen. Blinde Rachsucht verstellt den Blick für die Realität, und setzt eine Spirale entfesselter Gewalt in Gang. In Christian Weises Inszenierung leben die verfeindeten Schroffensteine Wand an Wand, mitten in Deutschland, mitten unter uns. Die unheilvolle Mixtur aus Misstrauen, Vorurteilen und unterschiedlichen Machtinteressen als Quell gewalttätiger Auseinandersetzungen, kennt auch die Gegenwart nur allzu gut.

Inszenierung und Bühne Christian Weise
Bühnenbildmitarbeit und Kostüme Ulrike Gutbrod
Musik Jens Dohle
Dramaturgie Maria Linke
Rupert, Graf von Schroffenstein, aus dem Hause Rossitz Uwe Fischer
Eustache, seine Gemahlin Antje Weber
Ottokar, ihr Sohn Jan Kersjes
Johann, Ruperts natürlicher Sohn Matthieu Svetchine
Sylvius, Graf von Schroffenstein, aus dem Hause Warwand Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Sylvester, regierender Graf Stephan Korves
Gertrude, Sylvesters Gemahlin, Stiefschwester der Eustache Verena Unbehaun
Agnes, ihre Tochter Ines Schiller
Jeronimus von Schroffenstein, aus dem Hause Wyk Gerald Fiedler
Aldöbern Mario Janisch
Theistiner Karl Thiele
Santing Sebastian Müller-Stahl
Barnabe Lisa Kudoke
Eine Kammerzofe Christel Ortmann
Ein Diener aus dem Hause Warwand Thorsten Köhler
Ein Diener/ Fintering aus dem Hause Rossitz Boris Malré

PRESSESTIMMEN

Ralph Gambihler, Kunststoff das Kulturmagazin für Mitteldeutschland, April/Mai/Juni 2010
Hass mit Pause
Die Kunst handelt vom Menschen. Der Mensch aber braucht Dinge - und genau darum geht es in der Rubrik „Unser liebstes Requisit“: um das Fundstück aus der Dingwelt des Theaters, um das materielle Detail von menschlichen Verhältnissen, um die wundersame und wunderbare Zutat einer Geschichte. Diesmal beschäftigen wir uns mit zwei Fernsehapparaten, die in Christian Weises Inszenierung von Kleists Rachedrama „Familie Schroffenstein“ am Anhaltischen Theater Dessau auf der Bühne stehen.
Natürlich! Die Regie lässt uns nicht mitschauen. Von den Apparaten bekommen wir nur die Hinterteile zu sehen: dunkelgraue, bucklige Plastikverblendungen, hässlich wie das Industriedesign sie schuf. Was wir aber sehen, sind die Gesichter der Kleinbürger, die in diese - ihre - Apparate schauen oder eigentlich eher starren, und das wiederkehrende Bild des Abends: zwei deutsche Familien vor der Glotze, bläuliches Licht über reglosen Mienen.
In Heinrich von Kleists Bühnenerstling aus dem Jahr 1803 sind die Sippen Rositz und Warwand nicht nur verwandt, sie sind auch im Hass miteinander verbunden. In Christian Weises Dessauer Version wohnen sie Tür an Tür und schauen fern. Sie hassen sich deshalb nicht weniger, aber irgendwie hängen sie dann doch immer wieder vor den Geräten herum, tasten nach der Fernbedienung, stellen den Ton laut und machen es sich in der Sitzgruppe bequem. Der Fernseher als Tragödienbremse. Wer reinschaut, mordet nicht.
An der Geschichte ändert das allerdings nichts. Gnadenlos drängt die Handlung dem schrecklich vorhersehbaren Verhängnis entgegen. Am Schluss sind Kleists Liebende tot: Agnes und Ottokar, von Ines Schiller und Jan Kersjes anrührend dargestellt. Und der Romeo-und-Julia-Tod, den die bei den auf der Hinterbühne des Dessauer Theaters sterben, ist ein splatterhaftes Schauspiel an Grausamkeit. Beide werden regelrecht hingerichtet und mit Kugeln durchsiebt, bis sie völlig blutüberströmt in Sessel sinken und klar wird, dass jeder Vaters sein eigenes Kind getötet hat. Dieser finale Rache-Exzess ist zudem hyperreal überzeichnet. Die Regie lässt ihn in Zeitlupe spielen. Ziemlich drastisch, so eine Slow-Motion-Erschießung nach Kleist.
Aber ist diese Tragödie eigentlich real?
Manchmal hat man den Eindruck, dass wir, die Zuschauer, wie Platons Höhlenmenschen mit dem Rücken zum Feuer sitzen und nur die tanzenden Schatten einer tieferen Wirklichkeit sehen. Und dass all die Frauen und Männer auf der Bühne ziemlich verpeilt wirken. Warum gehen sie nicht einfach über den Flur, klopfen an Nachbars Tür und machen reinen Tisch? Weil das in deutschen Nachbarschaftskriegen nicht vorkommt? Weil sie im Hass gefangen sind? Weil es nicht bei Kleist steht?
Dass es in diesem kleinbürgerlichen Rache-Terrarium einen diffusen, vielleicht auch dialektischen Zusammenhang von Wirklichkeit und Fiktion gibt, ist offensichtlich. Die beiden Fernsehapparate sind gewissermaßen die Membranen, über die zwei Geschichten miteinander kommunizieren. Die eine, „Familie Schroffenstein“, steht im Programmheft und endet mit dem beschriebenen Blutbad. Die andere, „Twin Peaks“, kommt via Mattscheibe in beide Wohnzimmer herein und prägt die Atmosphäre. Die Dialoge von David Lynch und Mark Frost und noch mehr das Gänsehaut-Thema des Soundtracks mit seinen dunklen Syntheziser-Klängen gehen den Kleist-Figuren genauso unter die Haut wie uns. Und während das Parfum des Unheimlichen und Abgründigen, dass die Kultserie aus den 90er Jahren verströmt, wie Reizgas in der Luft liegt, scheinen die verfeindeten Familien aus dem kleinbürgerlichen Rahmen zu fallen. Zwielichtige Gestalten tauchen auf, hinter der Kulisse finden erste Bluttaten statt, unter Bodendielen werden, als sei es das Normalste von der Welt, allerlei Schusswaffen hervorgeholt. Eigentlich geht es bald zu wie in einem Krimi über eine Vendetta unter Deutschen. Das Leben scheint das Filmgeschehen mit Riesenschritten zu überholen.
Die Regie lässt dies alles in der Schwebe. Als schlichte Warnung wider die Gefahren massenkultureller Gewaltfiktionalisierung in Genres wie Mystery und Horror kann man den Abend kaum missverstehen. Eigentlich werden nur Zeiten, Sprachen und Empfindungswelten ineinander geschoben. Die zwei Fernseher machen es möglich.
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau, 31.01.2010
Vor den Vätern sterben die Söhne
Das ist ein starkes Stück: Weil die Familie Rositz ihre Nachbarn und Verwandten - die Warwands - im Verdacht hat, ihren jüngsten Spross erschlagen zu haben, rüstet sie zur Ausrottung der ganzen Sippe. Am Sarg des Sohnes schwört Vater Rupert Rache und zwingt auch seinem verbliebenen Erben Ottokar das Versprechen ab, im "Mörderhaus Sylvesters" einen Blutzoll zu fordern. Am Ende erst werden die Oberhäupter erkennen, dass am Anfang kein Verbrechen, sondern ein Unfall stand. Doch da werden die letzten Kinder beider Häuser schon tot sein - ermordet von ihren eigenen Vätern.
Heinrich von Kleists "Die Familie Schroffenstein" ist seit jeher eine Zumutung für jeden Theaterbesucher und eine Herausforderung für jeden Regisseur. Wie soll man diese Vendetta aus dem Zeitalter der Ritter und Grafen in die Gegenwart übersetzen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben? Wie soll man aus diesem Mystery-Thriller mit abgeschnittenen Fingern und vertauschten Kleidern, mit gemeuchelten Herolden und willfährigen Henkern retten, was zu retten lohnt - nämlich die Geschichte einer jungen Liebe, die à la Romeo und Julia von der zerstörerischen Kraft des Misstrauens in die Katastrophe getrieben wird?
Christian Weise hat am Anhaltischen Theater Dessau einen plausiblen Weg gefunden. Die Burgen derer von Rositz und von Warwand sind hier zwei Plattenbau-Wohnungen, die nur ein schmales Treppenhaus trennt. Man könnte das Missverständnis von Balkon zu Balkon klären, wenn dort nicht bevorzugt gemordet würde, um die Auslegware zu schonen. Denn blutig, sehr blutig geht es zu bei diesen Hinrichtungen - so, wie man es aus den brutalen Fernsehfilmen kennt.
Der Bildschirm ersetzt hier die Schule der Gefühle, er überbrückt das Schweigen und kommentiert das Leben. Und immer läuft "Twin Peaks", die legendäre Serie von David Lynch, deren Dialoge sich zu Kleists hohem Ton wie eine lakonische Übersetzung verhalten. Mit diesem Gegenschnitt hat Weise, der auch für den Bühnenraum mit dem mohndurchwirkten Kornfeld vor der genormten Tristesse verantwortlich zeichnet, tatsächlich eine zeitgemäße Entsprechung für den monströsen Erstling des Dichters gefunden: Solche Formate liefern heute den Horror, der sich einst der schwarzen Romantik verdankte. Und so wie diese sind auch jene nichts für schwache Nerven. Mit psychologischem Kammerspiel allein ist der Pulp Fiction nun mal nicht beizukommen.
Aber neben die schwer erträglichen Momenten, in denen Baseball-Schläger, Äxte und Pistolen zum Einsatz kommen oder der schnelle, harte Sex die fehlenden Worte ersetzt, setzt die Regie immer wieder Passagen, in denen ein Rest von Menschlichkeit aufblitzt. Wenn Stephan Korves etwa seine Gemahlin Gertrude (Verena Unbehaun) beschwört, keinen falschen Verdacht gegen ihre Stiefschwester zu schüren. Wenn diese Eustache (Antje Weber) ihrem Rupert (Uwe Fischer) von der Liebe der Kinder erzählt, um sein Herz zu erweichen. Oder wenn der in seiner Treue zerrissene Jeronimus (Gerald Fiedler) zwischen den Fronten zu vermitteln sucht - bis er selbst in die Hände der Schlächter fällt. Es gibt an diesem Abend, der fast das ganze Ensemble in Höchstform zusammenführt, keine kleinen Rollen - aber zwei ganz große. Ines Schiller und Jan Kersjes zeigen, eifersüchtig beobachtet von Johann (Matthieu Svetchine), eine junge Liebe zwischen ungelenker Körperlichkeit und ernstem Gefühl, sie sind - mit Bierflasche vor dem Fernseher - zwei Menschenkinder von heute. Was aus dieser Verbindung der an übergroßen Ohren und Nasen erkennbaren Stämme hätte werden können, bleibt offen. Denn wenn vor den Vätern die Söhne sterben, erlöschen die Familien.
Helmut Rohm, Zerbster Volksstimme, 28.01.2010
Christian Weise inszeniert Kleist in Dessau / Morgen ist Premiere
Die alte Geschichte und heutige Verhältnisse
Geschichten erzählen ist eigentlich das Urding, warum und wozu überhaupt Theater gemacht wird. Eine wohl fundamentale Aussage, die Christian Weise formuliert. Und: „Wir versuchen unsere Geschichte so spannend wie möglich zu erzählen!“ Christian Weise ist Regisseur (37), zu Hause in Berlin, und inszeniert am Anhaltischen Theater Dessau das Schauspiel „Die Familie Schroffenstein“ von Heinrich von Kleist. Die Premiere findet am Freitag, dem 29. Januar, um 19.30 Uhr im Großen Haus statt.
Der Regisseur bringt den Inhalt auf den Punkt: Zwei Familien, die eigentlich eine sind, machen sich gegenseitig fertig. Die tragisch endende „Romeo-Julia- Geschichte“ und die Rachegeschichte mit Neid und Eifersucht, eigentlich aus einem Missverständnis heraus, sind tragende Säulen des Stückes. Während Kleist dieses Stück als Ritterstück im Mittelalter angesiedelt hat, überträgt es Christian Weise in die Heutezeit, „auf unsere Dessauer Verhältnisse“. Damit „bedient“ diese Inszenierung im Kontext mit dem Dessauer Gesamttheatermotto der Spielzeit 2009/2010, „Offenes Land“, das Schauspielthema „radikal deutsch“ recht trefflich. Aktuell bekannt gewordene Vorgänge wie die von einem ein ganzes Dorf beherrschenden Familienclan oder von einem Rentner, der die Nachbarfamilie terrorisiert, schließlich Vater und Sohn totschlägt oder viele „scheinbar kleine tägliche Verhaltensweisen waren und sind gedankliche Anregungen für Christian Weise. Er schöpft natürlich auch aus seinem gut 20-jährigen vielgestaltigen Leben im und mit dem Theater und aus dem sich ebenso entwickelten gesunden Selbstvertrauen.
Keine Gedanken gemacht, ob es klappen wird
„Das alles ist allmählich gewachsen“ erzählte er. In Eisleben als Pfarrerssohn geboren, schloss er die 10. Klasse ab, machte in Erfurt 1991 auch sein Abitur. Bereits mit 17 Jahren hat sich Christian Weise erfolgreich an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin beworben. Im Fach Puppenspiel, „weil in Erfurt 1986 das Puppenspieltheater eröffnet wurde und ich diese Sache ganz toll fand“. Er hätte sich auch eine Tischler- oder Schneiderlehre - an der Oper vorstellen können. Bereits im zweiten Studienjahr habe sich an der Hochschule „eine Truppe zusammengefunden“ mit vielen eigenen Ideen, die offensichtlich so gut war, dass sie Peter Eschberg komplett an das TAT (Theater am Turm Frankfurt/ Main d. A.) engagiert hat. Zwischenzeitlich hat Christian Weise zahlreiche Rollen als Puppenspieler und Schauspieler an verschiedenen Häusern erfolgreich gespielt. 2002 war in Frankfurt dann Schluss: Kein Geld mehr von der Stadt. Trotz oder gerade wegen des Erfolges haben sich bei den Einzelnen „die künstlerischen Wege extrem verselbstständigt“. Christian Weise wagte einen „Neuanfang“. Da er eigentlich auch keine Lust hatte, sich bei neuen Ensembles zu bewerben, wurde er selbstständiger Regisseur. „Eine Befreiung gewissermaßen“, wie er rückblickend resümiert.
Und fast wie zufällig waren da auch gleich zwei Inszenierungsangebote in Halle („Der Sturm“) und am Nationaltheater Mannheim („Iphigenie in Aulis“). „Doch ob es auch weiterhin immer so klappen würde, darüber habe ich mir damals eigentlich keine Gedanken gemacht“, erzählt Christian Weise. Und er hat sich bis jetzt auch keine machen müssen. Ein auszugsweiser Blick in die Inszenierungsliste und in Rezessionsauszüge bestätigt Vielfalt und Qualität „Maria Stuart“ (Stuttgart, 2003), „Arsen und Spitzenhäubchen“ (Halle, 2005), „Biedermann und die Brandstifter“ (Salzburger Festspiele und Zürich, 2007), „Volpone / Ben Jonson / Soeren Voima“, (Köln 2007), „Alice Under Ground“ (Ballhaus Ost Berlin , 2009)
Es wird zu 100 Prozent Kleist sein
Und nun in Dessau eine Kleist-Inszenierung. In einer Stadt, „in der ich vorher noch nie war und von deren monumentalem Theater ich auch nichts wusste“. In einer Stadt, die ihm den ersten Eindruck vermittelte: Hier ist eigentlich gar keine richtige Stadt. Aber es wohnen Menschen hier, deren Lebensumstände er mehr und mehr kennenlernte, „die für meine Arbeit interessant sind“. Sein künstlerischer „Gang nach Dessau“, den Christian Weise keinesfalls bereut, wurde durch die Dramaturgin Maria Linke, mit der er schon seit Jahren zusammenarbeitet, bereitet. Das Stück „Schroffenstein“ wurde nach Studium mehrerer Werke von Christian Weise vorgeschlagen und in das Programm aufgenommen. Diese Entscheidung wurde etwa Weihnachten 2008 getroffen. Geprobt wird seit Mitte November 2009. „Mit einer Truppe in guter Mischung vom Alter her, die alle sehr viel Lust haben“, freut sich Christian Weise über die gut vorangehende gemeinsame Arbeit.
„Und es wird 100 Prozent Kleist sein, auch wenn es heute spielt, weil zeitlos aktuell“, Christian Weise nimmt den Zuschauern Ängste vor eventuell vermuteter, „aus Prinzip aufgezwungener Aktualisierung“. Die nächsten Aufführungen nach der Premiere sind am 31. Januar und 13. Februar, jeweils um 17 Uhr.
Ute Grundmann, www.nachtkritik.de, 30.01.2010
Familie Schroffenstein – Kleists Schauererstling im Soapformat am Anhaltischen Theater Dessau
Verbotene Liebe
Dessau, 29. Januar 2010. Zwei Wohnzimmer, in denen der Fernseher läuft. Nach den Wortfetzen zu schließen, ist es eine Krimireihe ("Twin Peaks"), die in beiden Räumen geschaut wird. Doch im linken der parallel gebauten Zimmer steht ein Sarg, trauert eine Familie eher mäßig beim Konsum von Fernsehen und Torte.
So beginnt im Anhaltischen Theater Dessau Heinrich von Kleists frühes Drama "Die Familie Schroffenstein". Ein windungs- und verwirrungsreiches Stück um zwei Stränge einer Familie, die sich bekriegen, weil das sohn- und erbenlose Verlöschen der einen Sippe zum Vorteil der anderen wäre. Doch gibt es, à la Romeo und Julia, ein junges Paar, das sich der Dauerfehde der Älteren entgegenzustellen versucht.
Fehde im Plattenbau
Dieses frühe, selten gespielte Trauerspiel von 1803, Kleists Erstling, ist eigentlich im Mittelalter und unter deutschen Rittern angesiedelt. Doch das Regieteam um Christian Weise, der auch das Bühnenbild entwarf, hat dem Drama alles, was Burg, Fahnen, Schwerter, Rüstungen bedeuten könnte, radikal ausgetrieben. Nur zweimal dürfen die Männer den Kriegspfad auf hölzernen Steckenpferdchen entlangtraben, was – wie das Stück selbst in manchen Phasen – eine gewisse Komik hat. Im übrigen ist dem Trauerspiel – mit der ganzen Wucht der Kleistschen Sprache – wenig vom unverständlichen, aber unaufhaltsamen Weg ins Verderben beider Familien abhanden gekommen. Nur dass diese in der Kleinbürgerlichkeit angekommen sind.
Wie ein herausgeschnittener Riegel aus einem Plattenbau sind die beiden Wohnzimmer auf die Hinterbühne gebaut, die "Kriegsparteien" leben fast Wand an Wand, nur durch ein enges Treppenhaus getrennt. Links, bei denen aus dem Haus Rossnitz, wird der kleine Sohn betrauert, der angeblich von denen drüben, dem Haus Warwand, ermordet wurde. Zwischen TV-Gucken und Trauermusik sinnen die Herren der Familie auf Rache, doch zum Rauchen geht man auf den Balkon. Die Zivilisiertheit allerdings findet bald ihre Grenzen: Da wird der Bote der einen Familie auf dem Balkon der anderen blutspritzend erschlagen, was natürlich dem Denken der kleinbürgerlichen Ritter zufolge nicht ungesühnt bleiben darf. Und so klatscht bald weiteres Blut, diesmal an die Flurtür.
Ein Fernseher im Kornfeld
Christian Weise setzt solche Drastik nur sehr knapp, sehr gezielt ein. Genauso wie er Anklänge und Ähnlichkeiten des Kleist-Dramas mit einer heutigen Fernseh-Soap immer wieder nur anspielt, sie aber nie dominieren oder gar das Stück karikieren lässt. Auch haben die Fernseher in den beiden feindlichen Wohnzimmern noch einen anderen Zweck: Per Fernbedienung kann man für Ruhe sorgen oder aber einem unliebsamen Gespräch ausweichen, in dem man sich in den Fernseh-Krimi zurückzappt.
Es gibt auch noch einen dritten Fernseher. Der steht vor dem Haus der verfeindeten Sippen, in einem Getreidefeld, samt Bank und Bierkasten. Hier haben sich Agnes (Ines Schiller) und Ottokar (Jan Kersjes), sie eine Warwand, er ein Rossitz, ihren Rückzugsort geschaffen. Bei Fernsehgucken, Biertrinken und Schmusen möchten sie am liebsten die Familienfehde in ihrem Rücken vergessen.
Die beiden jungen Mimen spielen das sehr anrührend, klar und frisch und, trotz Bierflaschengestemme, ganz und gar nicht cool. Doch weil sie nicht ewig im Kornfeld bleiben können, verkleidet der junge Mann seine Angebetete als Ottokar, während er selbst in ihre Kleider schlüpft. So wollen sie vor denen, die sie jagen, im jeweils "gegnerischen" Wohnzimmer unterschlüpfen, um dort aber bald schon als blutüberströmte Leichen zu enden.
Am Ende eine zaghaft, mit abgewendetem Gesicht ausgestreckte Hand der Väter. Und langer Beifall nach gut zwei pausenlosen Stunden.
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