Deutschland. Ein Wintermärchen

von Heinrich Heine

Heinrich Heines Versepos »Deutschland. Ein Wintermärchen« ist ein lyrischer Text, der bis heute nichts von seiner Hellsichtigkeit und seiner satirischen Schärfe eingebüßt hat. Seit jeher dienen die mehr als 2000 Verse, in denen sich der Dichter als glühender Liebhaber seines Heimatlandes und zugleich als scharfzüngiger Kritiker der herrschenden Verhältnisse zeigt, auch als Vorlage für große Schauspiel-Soli. In Dessau wird sich Karl Thiele als vielfach bewährter Rezitator des Stoffes annehmen und ihn 170 Jahre nach dessen Entstehung auf seine Gültigkeit befragen: »Im traurigen Monat November war’s, / Die Tage wurden trüber, / Der Wind riss von den Bäumen das Laub / Da reist’ ich nach Deutschland hinüber.«.


Vorstellungsdauer: 1h 20 Min.

Inszenierung, Ausstattung und Spiel Karl Thiele

In voller Länge! Mitteldeutsche Zeitung, 26.04.2014

von Thomas Altmann

ALTES THEATER Der Schauspieler Karl Thiele hat seine Premiere nachgeholt und begeisternd Heinrich Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen" bereist.

Deutschland, "Mist aus sechsunddreißig Gruben", imperiale Märchenträume und "jauchzende Würste im spritzenden Fett", "Kamaschenrittertum", "gotischer Wahn und modernistischer Lug" und gestovte Kastanien. Kein Wunder, dass es den Deutschen schwer fiel, dem "Französling" Heinrich Heine ein Denkmal zu setzen.

Als enthülle er ein solches, zog Karl Thiele am Mittwoch im Foyer des Alten Theaters in Dessau weihevoll den tiefroten samtenen Vorhang auf, zum zweiten Mal. Nachdem die Premiere aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen wurde, gab es nun Heines Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen" in voller Länge. Thiele, dessen Festengagement mit der Saison endet, der von Abschied nichts wissen will, beginnt mit Pathos, Superlativen und leichtem Augenzwinkern, mit einer resümierenden Vorrede vor dem Vorhang. Mit dem Öffnen desselben erklingt Joseph Haydns Kaiserquartett, Satz Nr. 2, quasi eine Inthronisation. Vom Band kommt ein Ausschnitt aus der Vorrede zum Wintermärchen, ein durchaus taktierendes, ernstes Bekenntnis Heines zum Heimatland aus dem Exil, Patriotismus, der sich auf nicht leicht zu definierende Art mit Kosmopolitismus kreuzt, universal wuchert.

Thiele hat die Jacken gewechselt, steht am Pult, im gedimmten Licht des 19. Jahrhunderts, in einem Zimmer, das die Entstehungszeit zitieren mag und die Requisiten liefert, mit denen er verhalten hantieren wird. "Im traurigen Monat November war's, die Tage wurden trüber..." Nur die ersten Zeilen liest er noch, scheinbar. Dann liegt das Buch auf dem Pult: 500 Strophen, 2 000 Verse, Kreuzreim und reimlos im ewigen Wechsel; pausenlos Empathie und Spott, breiter Hass und versteckte, unerwiderte Liebe. Thiele verliert sich nie an einen monotonen Rhythmus, schafft eine fesselnde dynamische Weite, erzählt in Hoch- und Versform, nein, er erlebt die Reise nach, rochiert verschmitzt und pathetisch, bald fließend, bald abrupt wechselnd zwischen Traum und Wirklichkeit, alte Schule, ganz dem Wort vertrauend.

Und irgendwie weiß er doch, dass er diesen dunklen Gesellen, den vermummten Gast, den Heine in den nächtlichen Kölner Gassen trifft, braucht. Er stellt des Dichters Alter Ego zur Rede, als hätten Gedanken Konsequenzen, als wünsche und fürchte er sich gleichsam vor dem Vollstrecker des poetischen Anspruchs, der die Gedanken in die Tat umsetzt, die Skelette des Aberglaubens zertrümmert. Und wenn vom Glaubenshass die Rede ist, leuchten auf der Leinwand die rauchenden Türme des World Trade Centers auf, Bildzitate aus der Gegenwart, Zeitgenossenschaft, Brücken, die so handgreiflich gar nicht vonnöten sind, weil Thiele die Sprachbilder ohnehin fesselnd koloriert. Bald Ansichts- bald Landkarte wird die Leinwand zueilen, etwa im Gespräch mit dem Rhein, zum Gegenüber, wenn nicht zum Gesprächspartner, dann zur Gesprächsrichtung, in welche Thiele prosten kann.

Ewiger Wechsel und fahles Licht, Thiele am Pult, Rednergeste, Verführer-, Führerrhetorik: So macht Thiele die Rede an die Wölfe zu einem Crescendo des Fanatismus, peitschend, als sei Heine schon in Hamburg angekommen, als habe er schon im "Kackstuhl" (Wolf Biermann) der Göttin Hammonia die deutsche Zukunft gesehen, gebraut aus 36 Gruben, aus 36 deutschen Ländern. Nur wer sind die Wölfe? Die goldenen Äpfel der Atalante jedenfalls sind Mistküchlein, welche die Pferde verloren. - Weltgefühle sprießen, Geistesblitze schießen, die versteinerte Deutschtümelei wird am langen Barbarossa-Bart gepackt. Der rechte Winkel, die Pedanterie, der Dünkel scheinen verinnerlicht: "Als hätten sie verschluckt den Stock, womit man sie einst geprügelt." Thiele grüßt mit Heine den deutschen Duft des Sauerkrauts. Und die gebratenen Engel mit Apfelmus zwitschern ein "Willkommen". Der politische Heine ist schwer zu fassen, Thiele packt ihn, legt sich den Dichter auf die Zunge, durchlebt, durchleidet, durchliebt diesen Marathon in leuchtenden Schattierungen; und pfeift sich am Ende ein Lied: "Ich weiß nicht, was..."


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