Dessau sucht den Superstar

ehemals bekannt als »Profit Neujahr!«

Zu Silvester war im Alten Theater zuletzt mächtig was los – erst kam Gesangsdiva Shirley Bassey zu einem unvergesslichen und einmaligen Konzert nach Anhalt, dann geschah im darauffolgenden Jahr ausgerechnet auf der Party des »Tatort Dessau« ein Mord, dessen Aufklärung die Kommissare bis Mitternacht in Atem hielt…

Zum diesjährigen Jahreswechsel lädt das Alte Theater erneut zu einem aufregenden Silvesterabend! Am 31. Dezember um 20 Uhr feiert das Anhaltische Theater mit „Profit Neujahr“, einer musikalischen Millionenshow, eine Premiere der besonderen Art. Die Zuschauer werden erstmalig Gäste einer Silvester-Casting-Show, in der – vorgestellt durch einen charmanten Moderator – drei sehr verschiedene und siegeswillige Kandidaten gegeneinander antreten und versuchen werden, sich spielend in die Herzen des Publikums zu singen.

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Da aber gerade zum Beginn des neuen Jahres erstens oft alles anders kommt und zweitens als man denkt, findet die Musikshow bald nicht mehr nur auf der Casting-Bühne statt, sondern schwappt hinüber, hinter die Kulissen… Hier enthüllen sich die Abgründe des Showbusiness, die nervösen Kandidaten warten auf ihren Auftritt, die Sponsoren auf ihren Gewinner und der Moderator auf den heißersehnten Jahreswechsel. Und wo die Maskerade kurz abgelegt wird und die wahren Charaktere zum Vorschein kommen, singen die Kandidaten mit noch echterem Gefühl!


Im Ticketpreis ist ein Freigetränk inklusive.

Regie Elsa Vortisch
Musik Dorothee Dietz
Dramaturgie Sabeth Braun

Mit Hanna Eichel / Marie Ulbricht / Patrick Bartsch / Patrick Rupar

PRESSESTIMMEN

"Mühelos verlegtes leben", Mitteldeutsche Zeitung, 07.01.2014

Mühelos verlegtes Leben

von Thomas Altmann

PROFIT NEUJAHR "Millionenshow" schmerzt konzentriert im Alten Theater.

Stehend, steif und ungelenk befingert der Kevin die Keyboard-Klaviatur, um eine dümmlich verminderte Oktave auf Muttis Allerweltträume in die brache Wohnstube zu drücken. Die Melanie formt aus ihrem ersten Kuss eine romantisch verschmierte, betörte belanglose öffentliche Angelegenheit. Und wenn die Stefanie ihren Kleiderschrank öffnet, präsentiert sie den versottenen Stauraum ihres hohlen Herzens.

Es ist langweilig und laut, nervt und schmerzt. Was ist das? Realismus? Richtiger: "DSDS", was diesmal so viel heißt, wie "Dessau sucht den Superstar" oder "Profit Neujahr! - Eine musikalische Millionenshow". Die nachgestellte Casting-Show lief am Silvesterabend im Alten Theater und wurde und wird, warum auch immer, wiederholt. Ist das ein Pilotprojekt: Rentables Musiktheater in spe? Man nehme einer Millionenshow einige Nullen und verhandle den quotensüchtigen Voyeurismus auf Kreisebene? So könnte es kommen. So wird es kommen.

Reality-TV ohne TV

Oder singt hier doch eine Art Kritik an einer äußerst ungeselligen Gesellschaft in beiläufiger Belustigung über bildungsferne Fernsehseher? Wie auch immer, vor allem handelt es sich schlicht um Reality-TV ohne TV. Der Zuhälter profitiert und der arme Amateur, der familiäre Stolz jeder Mutter- und Ehrentagfeier prostituiert sich vor laufender Kamera. Das Original schaffte es immerhin, die Kommission für Jugendmedienschutz zu motivieren. 2007 leitete diese ein Prüfverfahren wegen "möglicher sozialethischer Desorientierung von Kindern und Jugendlichen" ein, eine Episode. Klar, Dummheit ist kein Straftatbestand, offensichtlich auch nicht das ignorant kommerzielle voyeuristische Spiel mit derselben.

Die Inszenierung von Elsa Vortisch schmerzt, als laufe das Leben in Echtzeit, ein ganz gewöhnliches, eigentlich gar kein Leben, welches sich belanglos durch die Zeit suhlt. Der Kühlschrank ist voll, der Lebenskampf kampflos gewonnen, also wird inszeniert, in der großen Fernseh-Show immerhin und wahrlich opulent. Davon bleibt nun ein dünnbrüstiges Abbild konzentrierter Minderwertigkeit, zuweilen nur ein einziges Pickellicht, welchem der Kevin so schön hinterherläuft. Einmal im Licht! Und die Melanie verliert mit dem Text ihre mädchenhaft zupfende, ohnehin minderbemittelte Contenance. Sie läuft gegen Wände, fällt, weint, kreischt. Worauf die Stefanie, ach ja, Heinz Rudolf Kunze anstimmt: "Du wirst immer nur noch kleiner, wenn Du weinst."

"Wunder gibt es immer wieder"

Die drei vorgeführten Kandidaten (Hanna Eichel, Marie Ulbricht und Patrick Bartsch) vergeben sich dennoch immer wieder alles und vor allem sich selbst, kleiden sich auf offener Bühne um, befummeln homoerotische Phrasen und entblößen ihre großen luftleeren Gefühle. Die Nummern heißen "Wunder gibt es immer wieder" oder "Streicheleinheiten, ...a paar Zärtlichkeiten": Bitteschön. Dies paart sich mit einer Choreographie der Verlegenheit, mit einer inbrünstigen Hauruck-Depression sprachgestörter Körpersprache. Alles also, wie im wirklichen Leben, wie im wirklichen Fernsehen, nur ein wenig pointierter, offener blöd. Auch die chorisch gesprochene, plakativ charakteristische Gülle der Juroren spielt mit der Potenz der Nichtigkeit. Die eingangs benannten klischeeseligen Home-Videos beleuchten mühelos verlegtes Leben. Und der Moderator (Patrick Rupar) nervt aufs Feinste, leere Eloquenz, die durchaus leichte Aggressionen anzufachen vermag. Abgespeckt, konzentriert bis zum Erbrechen, bleiben eigentlich nur einige verzagte Lacher und ein wenig Ekel vor der Leere, wenn der Millionenshow mit den Millionen die große Inszenierung genommen wird, wenn dergestalt Dinge vor einem Publikum laufen, welches eher einen Zeigefinger an den oberen Wangenknochen hebt, als den rhythmisch zappelnden Körper aus dem Sessel. Wie heißt es bei Kunze: "Bitte zwing mich nicht zu einem Gnadenschuss."

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