Des Teufels General

Schauspiel von Carl Zuckmayer

Wer auf Erden des Teufels General wurde und ihm die Bahn gebombt hat – der muss ihm auch Quartier in der Hölle machen! [Carl Zuckmayer] Das sind die klaren Abschiedsworte eines Flieger-Generals der deutschen Wehrmacht. Doch Harras ist kein Mann des Widerstandes, viel eher eine so schillernde, wie ambivalente Figur mitten im Getriebe des nationalsozialistischen Systems. Harras lässt schnell alle geschichtslosen Posen vergessen, welche die Frauen und Männer des Widerstandes zu „reinen“ Heldenfiguren stilisieren wollen. Des Teufels General ist vielmehr ein Lebemann, hat Macht und Einfluss, ist volkstümlich, genießt lieber den Champagner und schöne Frauen als die Politik. Er ist verstrickt in das System, schuldlos und schuldig zugleich. Kein Freund der Nazis, gilt er auch nicht als ihr offener Feind. Als Harras im Dezember 1941 den Krieg für bereits verloren hält, er einen jüdischen Arzt zu retten versucht, wird das Regime misstrauisch, man überwacht und bespitzelt ihn. Da er jedoch für die technische Leitung der Luftwaffe verantwortlich ist, gilt er als unantastbar. Doch Pannen und Abstürze häufen sich in seinem Verantwortungsbereich, die SS sieht endlich ihre Stunde gekommen und Harras wird zum Hauptverantwortlichen erklärt. Als sein bester Freund mit einer manipulierten Maschine abstürzt, wird er in Erfahrung bringen, wer wirklich für die Sabotage verantwortlich ist. Er muss sich entscheiden, einen seiner engsten Mitarbeiter an die Gestapo auszuliefern, oder selbst in den Tod zu gehen. Deutschland hat sich lange schwer getan mit dem organisierten, wie individuellen Widerstand innerhalb der Wehrmacht. Als der Film „Des Teufels General“ 1955 in die bundesdeutschen Kinos kommt, löst dies politische Debatten aus. Zuckmayers Kernfrage nach der Verstrickung in Schuld, der Macht und Ohnmacht gegenüber einem politischen System, stellt sich noch immer als eine aktuelle. Besonders in der Stadt, in der Hugo Junkers für die zivile Luftfahrt arbeitete, von den Nazis enteignet und ausgebürgert wurde und dessen Firmen dennoch unter seinem Namen für Rüstungszwecke weitergeführt wurden.

Inszenierung Wolf Bunge
Bühne und Kostüme Toto
Musikalische Einrichtung Jan Kersjes
Dramaturgie Holger Kuhla
Harras, General der Flieger Werner Eng
Lüttjohann, sein Adjutant Matthieu Svetchine
Korrianke, sein Chauffeur Hans-Jürgen Müller-Hohensee
Friedrich Eilers, Oberst einer Kampfstaffel Patrick Rupar
Hartmann, Fliegeroffizier Jan Kersjes
Writzky, Fliegeroffizier David Ortmann
Hastenteuffel, Fliegeroffizier Boris Malré
Pfundtmayer, Fliegeroffizier Thorsten Köhler
Sigbert von Mohrungen Karl Thiele
Baron Pflungk, Attaché im Außenministerium Sebastian Müller-Stahl
Dr. Schmidt-Lausitz, Kulturleiter Uwe Fischer
Oderbruch, Ingenieur im Luftfahrtministerium Gerald Fiedler
Anne Eilers Eva Marianne Berger
Waltraut Mohrungen, Genannt Pützchen Katja Sieder
Olivia Geiss, Diva Antje Weber
Diddo Geiss, ihre Nichte Susanne Hessel
Lyra Schoeppke, genannt die Tankstelle Christel Ortmann
Ottilie, Restaurateurin Regula Steiner-Tomic

PRESSESTIMMEN

Studie eines rasanten Absturzes Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 30.03.2010
Wie ein Absturz aus großer Höhe aussieht, hat Harras schon oft gesehen: ein Treffer, ein Taumeln, dann reißt die Strömung ab und die Maschine fällt vom Himmel. Diesmal aber ist er nicht der siegreiche Beobachter, sondern der getroffene Verlierer: Er ist den falschen Feinden einmal zu oft auf die Füße getreten, hat den richtigen Freunden einmal zu oft geholfen - und nun wird er zum Opfer eines Spiels, das er nicht durchschaut.
Carl Zuckmayers Stück "Des Teufels General" hatte lange in den Schubladen gelegen, ehe es Frank Castorf an der Berliner Volksbühne wieder entdeckte - mit Corinna Harfouch in der Titelrolle. Tatsächlich braucht man wohl eine solche Ausnahme-Besetzung, um das Stück einem heutigen Publikum schmackhaft machen zu können. Ob sie am Anhaltischen Theater gefunden ist, konnte man am Ende der langen Premiere nur vermuten, weil Werner Eng nach einem furiosen Start gegen Ende dann doch die Kräfte verließen - krankheitsbedingt, wie der Ausfall der zweiten Vorstellung bestätigte. Dass der Gast mit seiner nervösen Körpersprache und seiner virtuosen Sprachbehandlung im Idealzustand freilich in der Lage sein dürfte, mehr als nur einen Hauch von Volksbühne nach Dessau zu bringen, scheint gewiss. Zumal er hier auf ein Ensemble trifft, das sich mit großer Verve in seine Rollen stürzt. Dabei sind es zunächst die langjährigen Ensemble-Mitglieder, deren spielerische Disziplin und Genauigkeit überzeugt: Hans-Jürgen Müller-Hohensee als traurig-treuer Chauffeur Korrianke, der seinen Herrn wie ein Hund um Zuneigung bettelt und in diesem ausgebrannten Kerl tatsächlich noch ein Fünkchen Wärme findet. Karl Thiele gibt den Industriellen Mohrungen aalglatt und opportunistisch, Gerald Fiedler seinen Verschwörer Oderbruch zugleich verschlossen und integer - und Christel Ortmann als alternde Diva sowie Regula Steiner-Tomic als dienstbeflissene Spionin füllen ihre Figuren plausibel aus. Die Jungen hat Regisseur Wolf Bunge in der Ausstattung seines langjährigen Mitstreiters Toto greller, grotesker gezeichnet - mit Ausnahme des Adjutanten Lüttjohann, den Matthieu Svetchine als Diener seines Herrn zwischen öffentlichem Gehorsam und privater Vertrautheit changieren lässt. Ganz anders Thorsten Köhlers obszöner Emporkömmling Pfundtmayer, Mario Janischs überforderter Held Eilers oder der sensible Hartmann des Jan Kersjes - lauter Leichen auf Abruf, denen im friedlichen Hinterland die Kriegsgewinnler wie der aalglatte Schmidt-Lausitz (Uwe Fischer) und der diplomatisch temperierte Pflungk (Sebastian Müller-Stahl) gegenübertreten.
Unter den Frauen fällt vor allem Susanne Hessel als Diddo auf, die Harras mit ihrer ebenso selbstbewussten wie bedingungslosen Hingabe noch einmal die Hoffnung auf Zukunft schenkt, ehe er in den Abgrund stürzt. Die beiden Schwestern Anne (Eva-Marianne Berger) und Pützchen (Ines Schiller) sind hingegen zwei Seiten einer BDM-Medaille: die Eine die fanatische Gläubige, die ihren Mann für sein tödliches Geschäft bewundert. Und die Andere die kühle Karriere-Kalkulatorin, die unter ihrer Uniform eine dünne Haut verbirgt. Antje Webers lebensklug-resignierte Olivia und Lisa Kudokes tapfere Bonnie liefern hier den Gegenbeweis der menschlichen Möglichkeit in unmenschlicher Zeit. Insgesamt eine Ensemble-Leistung, die darauf hoffen lässt, dass der Abend im Laufe der Zeit noch dichter wird.
Des Teufels General: Fragen nach Treue, Verrat und Zivilcourage Volksstimme Magdeburg, 29.3.2010
Die Fliegerei, Fragen von persönlicher Schuld und Unschuld, von Verantwortungsbewusstsein in der Zeit des Nationalsozialismus stehen im Focus von Carl Zuckmayers Schauspiel „Des Teufels General“. Das Stück hatte jetzt in der Stadt von Hugo Junkers am Anhaltischen Theater Dessau-Roßlau Premiere. Regie führte Wolf Bunge.
Von Helmut Rohm
Dessau-Roßlau. Im Mittelpunkt der Geschichte im Kriegsjahr 1941 steht General Harras, der für die technische Abteilung der deutschen Luftwaffe verantwortlich ist. Die Dessauer Inszenierung hält sich ganz konsequent, mit notwendigen, die Handlungslinie nicht verändernden Streichungen an Zuckmayers Vorlage. Ein Verdienst ist es, die in sich total widersprüchliche, sicher mit sich auch unzufriedene Persönlichkeit des Harras facettenreich zu zeichnen. Dennoch gestalten sich einige Passagen des Abends zählebig, spannungshemmend, wurden aus zwei Stunden Aufführungsdauer fast ganze drei.
Werner Eng, als Gast bejubelter Star des Abends, verleiht dieser Harras-Figur, die Zuckmayer auf die wahre Geschichte des Fliegergenerals Ernst Udet bezieht, pulsierendes Leben in faszinierender Bandbreite. Harras ist von der Fliegerei gefesselt, die bei ihm „über alles“ steht. Er ist selbst kein Mitglied der Nazipartei, für sie jedoch ein unverzichtbarer Fachmann. Er kann sich so einige scheinbare „Narrheiten“ erlauben.
Die Gäste erleben ihn bei einer Feier mit einer Fliegerstaffel. Alkohol fließt in Strömen. Er liebt Frauen, ist ständig in Aktion, ein im Mittelpunkt stehender Strahlemann. Und er riskiert gern eine „freche Lippe“ gegen die Nationalsozialisten. Auch oder gerade weil er weiß, dass Zuträger anwesend sind und abgehört wird. Auch Erinnerung an jüngste Geschichte. Dennoch ist es ein Leben nach dem Motto: Mir kann keiner. Hier wird im Stück die Tragik des Harras und von „Mitläufern“ an sich deutlich. Auch hier unausgesprochene Aktualität. Ob Harras will oder nicht, das Regime vereinnahmt ihn, letztendlich von ihm gebilligt. Daran ändert nicht, dass er seinen Kraftfahrer einst aus dem KZ herausgeholte oder einer konkreten Familie zur Flucht verhelfen will. Um Harras herum lässt Zuckmayer Figuren agieren, die Regisseur Wolf Bunge mit deren ganz unterschiedlichen individuellen Befindlichkeiten im Kontext zur gesellschaftlichen Wirklichkeit meist trefflich charakterisiert, vom Dessauer Schauspielensemble engagiert dargestellt.
Da werden Gefühle, Zweifel und auch Ängste emotional deutlich – hinter der Maske des Lauten, der Männlichkeit, der gelobten „sauberen“ Wehrmacht“, für die das Töten eben „zum Handwerk“ gehört ... Der Zuschauer wird vordergründig unaufdringlich, doch gewollt zur Auseinandersetzung mit Fragen von Verantwortung, Schuld und/ oder Unschuld, Treue, Verrat und Zivilcourage, Held sein oder einen anderen Ausweg suchen, Verbrechensrechtfertigung angeregt. Kritisch wird es für Harras, als er, auch mit gewalttätigem Nachdruck, auftretende Sabotageakte an den Flugzeugen aufklären muss.
Harras selbst kann sich nicht eindeutig entscheiden. Er sucht mit einem offensichtlich sabotierten Flugzeug den Freitod – und wird mit allen militärischen Ehren „als Held“ beigesetzt. In Dessau gestaltete Wolf Bunge dieses Ende mit Originalfilmen. Ansonsten lässt der Regisseur auf der übergroßen Bühne (Ausstattung: Toto), die hin und wieder das Textverständnis behinderte, Symbolik wirken. Über dem ausgelassenen triebhaften Feiern kreisen drohend und gefahrverheißend große Hakenkreuzfahnen, während das Büro des Fliegergenerals mehr einer einengenden Gefängniszelle ähnelt – beides stimmig situationskennzeichnend. Die Premiere wurde mit viel Beifall aufgenommen. Die nächste Aufführungen am Anhaltischen Theater steht in Dessau- Roßlau am Freitag, dem 9. April, auf dem Spielplan.
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 29.03.2010
Halle und Dessau
Das Grauen und das Lachen Anhaltisches Theater zeigt «Des Teufels General» - «Sein oder Nichtsein» am Neuen Theater in Halle

Man trägt wieder Uniform auf Sachsen-Anhalts Bühnen - und zeigt zum Zwecke der Aufklärung Hakenkreuz-Flagge. Selbst wenn es ein bloßer Zufall war, dass am Freitag Carl Zuckmayers "Des Teufels General" am Anhaltischen Theater Dessau und am Samstag Nick Whitbys "Sein oder Nichtsein" am Neuen Theater Halle Premiere feierte, scheint das gleichzeitige dramaturgische Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus doch bemerkenswert - zumal es sich an beiden Orten aus lokalen Traditionen begründen lässt.
Überfälliger Exorzismus
Denn während das Drama des Fliegergenerals Harras in der einstigen Junkers-Stadt und in dem 1938 durch Hitler eingeweihten Bühnenhaus wie ein längst überfälliger Exorzismus erscheint, wirkt die Komödie auf der Kulturinsel wie ein Gegenentwurf zu den Dokumentarstücken der Ära Sodann.
Beide Inszenierungen sind sich dieser Verantwortung bewusst, kommen aber zu sehr unterschiedlichen Schlüssen. Da ist zunächst in Dessau-Roßlau der unaufhaltsame Fall des Karriere-Soldaten, den Wolf Bunge mit seinem Ausstatter Toto aus gigantischer Leere allmählich in die Enge und an die Rampe treibt. Der Protagonist ist hier kein Zyniker, sondern ein greller Clown, der die Würde seines Amtes vorsätzlich von sich schleudert. Werner Eng, der die Hauptrolle kurzfristig übernommen und trotz hörbarer Erkrankung als gewaltigen Kraftakt durchgestanden hat - was zur Absage der gestrigen, zweiten Vorstellung führte - tänzelt und schlittert über das spiegelglatte Parkett der Macht.
Er ätzt offen gegen seine Feinde und schützt heimlich seine Freunde - und er geht schließlich an einem Gewissen zugrunde, das er allzu lange in Alkohol ertränkt hat. Wenn ihn dabei am Ende mit der Hoffnung auch die Energie verlässt, während er sich durch das didaktische Finale dieses einst zum Zwecke der Umerziehung geschriebenen Stückes quält, hat dies fatale innere Logik.
Um den schlechten Kerl mit dem guten Kern gruppiert sich ein Panorama der Nazi-Elite - die bis zur Selbstverleugnung abgehärteten Piloten und die intriganten Funktionäre, die fanatischen und die verzweifelten Frauen, die Antreiber und die Mitläufer. Die trotz aller Etüden zielbewusste Inszenierung zeigt die hysterische Heiterkeit in der Nacht vor dem Fronteinsatz, die solidarische Treue und den eiskalten Verrat - und sie findet ihre Höhepunkte in zwei musikalischen Momenten.
Dafür sorgt einerseits Jan Kersjes, der als junger Soldat am Flügel sitzt und einer Führerbüste sein "Back in the USSR" ins Gesicht schreit - und andererseits Eng selbst, der zu den Bildern eines Staatsbegräbnisses die deutsche Hymne mit der E-Gitarre zersägt wie weiland Jimmi Hendrix das "Star Spangled Banner". Dass diese Augenblicke auch akustisch das leisten, was der lange Abend nicht immer halten kann, ist bezeichnend: Die Dessauer Bühne hat eigene Gesetze, ihr überdimensionierter Raum ist ohne eingrenzende Kulissen kaum anders als frontal zu bewältigen. Aber "Des Teufels General" ist ja auch ein Stück, das man nicht beiseite sprechen darf.
Mit solchen Problemen hat man in Halle kaum zu kämpfen, obwohl Christoph Werner den Spielraum von Angela Baumgart permanent dreht und wendet. Im abgewetzt plüschigen Interieur des polnischen Theaters begegnet dem Zuschauer jene eifersüchtig eitle und unbedingt liebenswerte Schauspieler-Schar um das Ehepaar Tura, die seit den Filmen von Ernst Lubitsch und Mel Brooks ein Millionenpublikum kennt. Auf der Bühne aber wird das Ensemble-Spiel zum selbstreferenziellen Spaß: Natürlich sprechen sie alle auch von sich selbst, wenn sie in ihren Rollen über ihre Rollen reden. Und natürlich ist es ein großes Vergnügen, guten Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie schlechte Schauspieler spielen - und mit ihrer Rasierseifenoper am Ende einem grausam effizienten System entkommen.
Todernster Hintergrund
Der todernste Hintergrund, vor dem sich dieser übermütige Spaß ereignet, wird dabei nie vergessen: Wenn Hilmar Eichhorn als Gestapo-Oberst in täglicher Routine die Listen mit den Gesuchten unterzeichnet, dann ist die Gefahr so greifbar wie in dem Vabanque-Spiel von Wolf Gerlach und Lena Zipp. Doch immer wieder darf man den Kloß im Hals durch befreiendes Lachen lösen, weil alle Darsteller mit großer Spiellust und -kunst bei der Sache sind. Es ist eine Hommage auf das flüchtige Glück des Theaters, auf all die Komödianten, die sich um Kopf und Kragen spielen, um ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen - eine Verneigung der Künstler vor ihrem Schminkspiegel, der hier auch als Fenster für ein Liebespaar taugt.
So ist an beiden Häusern das gelungen, was wohl auch intendiert war: In Dessau die schwere, gelegentlich quälende Durcharbeitung einer real grundierten Geschichte, die leichter nicht zu erzählen ist. Und in Halle die heitere Utopie, die den Schrecken mit Humor austreibt. Man sollte sich beide Arbeiten ansehen und die eigene Wahrheit in der Mitte suchen.
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