Der zerbrochne Krug

Schau- und Puppenspiel nach Heinrich von Kleist

Kleists „Der zerbrochne Krug“ zählt neben Lessings „Minna von Barnhelm“ zu den gelungensten und erfolgreichsten Lustspielen der deutschsprachigen Literatur. Zahlreich die Verfilmungen des Stoffes und zahllos die Aufführungen auf deutschen Bühnen, groß die Namen der Darsteller! Das Stück ist nicht nur Lustspiel sondern auch Kriminalfall. Ein spannender? Ja! Warum? Es ist Winter. Der alte Adam, der Dorfrichter, ein machtvoller Mann auf dreißig Kilometer Umkreis, im Lande Niederlande, will eine Frau. Die ist jung und heißt Eve und gehört ihm nicht. Die liebt den Ruprecht! Den jungen. Ihr gutes Recht. Doch Richter Adam erpresst Eve. Und heißt doch Adam. Ein Krug geht zu Bruch. In der Nacht. Die Mutter wacht auf. Der Kriminalfall, ein spannender, erwacht. Ein von vornherein gelöster! Scheinbar. Denn was ist ein Fakt? Wie stark wirkt die Lüge, wie stark die Manipulation der Beteiligten. Doch so fein das Netz auch gesponnen sein mag, die Wahrheit findet einen Weg ans Licht. Letztlich finden sich Eve und Ruprecht als Paar, der Verlust des Kruges bleibt unersetzt und Dorfrichter Adam sucht geschunden sein Heil in der Flucht.

Die Produktion „Der zerbrochne Krug“ wird unterstützt durch den Freundeskreis des Dessauer Theaters

Regie Nino Sandow
Bühne Eberhard Keienburg
Puppen Christian Werdin
Musik Jens Karsten Stoll
Spielerinnen Susanne Hessel / Uta Krieg
Spieler Pascal Martinoli / Helmut Parthier / Ivana Sajevic / Nino Sandow

PRESSESTIMMEN

Menschen erklären, was die Puppen sagen wollten Mitteldeutsche Zeitung, 27.10.2009

von Andreas Hillger

Der Regisseur Nino Sandow bringt auf der Puppenbühne «Der zerbrochne Krug» zur Premiere   Das ist so ein Tag, an dem man am liebsten im Bett bliebe: Verschrammt und verkatert quält sich der klumpfüßige Dorfrichter aus den Federn, nur langsam gewinnt die Erinnerung an seine nächtliche Niederlage Gestalt. Dass der Schreiber Licht ausgerechnet heute so verdächtig fröhlich ist, obwohl - oder gerade weil? - er eine spontane Visite des Gerichtsrats Walter anzukündigen hat, verschlimmbessert Adams Laune zusätzlich. Und vor der Tür sammeln sich schon Kläger und Beklagte, die seinen Richterspruch über einen zerbrochenen Krug erwarten .

Heinrich von Kleists Geschichte eines Sündenfalls lebt als Lustspiel ganz in und aus der Sprache: Wie sich hier alle Beteiligten um Kopf und Kragen reden, wie Lügen wuchern und Missverständnisse ins Kraut schießen - das ist Weltliteratur. Wenn man sich diesem funkelnden Text nun aber nicht allein mit Darstellern aus Fleisch und Blut, sondern auch mit Puppen nähert, dann muss man dafür gute Gründe haben - zumal der Dichter mit seinem Aufsatz "Über das Marionettentheater" einen der grundlegenden Essays über die Kunst-Figuren hinterlassen hat. Dass Nino Sandow diesen Text vor seiner Inszenierung "Der zerbrochne Krug" am Dessauer Puppentheater kannte, ahnt man am Schluss des Abends. Denn dort will er seinem Publikum den braven Ruprecht als Bären aufbinden - also als jenes Tier, das den Fechter Kleist durch seine instinktiven Paraden zum Wahnsinn treibt.

Aber dies bleibt dem unvorbereiteten Besucher so rätselhaft wie viele der Einfälle, mit denen der Regisseur seine ästhetisch ambitionierte Arbeit garniert. Zwar ist der Bühnenraum nach Entwürfen von Eberhard Keienburg mit seiner optischen Verzerrung und seinem Fensterkreuz-Schatten ein Geniestreich, weil er die Figuren zu Überlebensgröße steigert. Zwar wirkt der Tiger-Lillies-Look der Darsteller als geglückter Verweis auf große Vorbilder - die Geschichte aber wird bestenfalls in Ansätzen erzählt. Und daran ist nicht allein die knappe Spieldauer von 80 Minuten Schuld, die zudem noch mit stummen Momenten von fragwürdiger Bedeutsamkeit gestreckt wird.

Dass sich die Mägde Liese und Marthe in einen obszönen Knecht namens Hanfried verwandelt haben, dient der Wahrheitsfindung so wenig wie der überdrehte Auftritt des Gerichtsrats, auch der seltsame Beobachter hinter dem Fenster oder der Aufmarsch eines gackernden Federviehs stiftet keine Erkenntnis. Dass diese Regie-Attitüden zudem jene Passagen überstrahlen, in denen sich Adam seine Notlügen zurechtlegt und den Prozess mit Drohungen und Schmeicheleien beeinflusst, bleibt ein Problem. Man muss sich schon sehr konzentrieren, um dem Kriminalfall folgen zu können. Und das scheint auch dem Ensemble so zu gehen.

Helmut Parthier ist hinter der Puppe des Dorfrichters sichtlich sicherer als in seiner demaskierten Erscheinung als Gerichtsrat, den er paradoxerweise von Ivana Sajevic übernehmen muss, weil diese zum Finale in ihre Zweitrolle als Eve schlüpft. Pascal Martinoli macht als Licht wie als Ruprecht eine gute, wenngleich ein wenig harmlose Figur, während er als Bärenhäuter mit der Tücke des Kostüms zu kämpfen hat. Und nachdem Uta Krieg als Marthe Rull zu Höchstform aufgelaufen ist, als sie die absurde Geschichte des Kruges in aller Ausführlichkeit dargeboten hat, wird Susanne Hessel als Frau Brigitte zur Überraschung des Abends: Denn dass der Deus ex Machina im Reich der Puppen von Christian Werdin als ein Mensch erscheint, der wiederum auf kuriose Weise verpuppt ist, scheint die klügste Pointe der Inszenierung. Am Ende aber müssen die Menschen erklären, was die Figuren eigentlich sagen wollten. So war das von Kleist gewiss nicht gedacht.

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